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<< Stéphane Hessel: "Empört euch" / "Indignez-vous!" Frankreichs Pamphlet / Manifest zum Volkszorn! Foto: verlag + ddp + gradation w.p.>>


taz + SZ
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04.01.2011 | 12 Kommentare Pamphlet wird in Frankreich zum Bestseller
"Indignez-vous!"
"Empört euch", werdet engagiert und militant – ruft der 93 Jahre alte ehemalige Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel seinen Mitbürgern zu. Sein Pamphlet wurde zum Bestseller. VON RUDOLF BALMER
Foto: verlag + ddp + gradation w.p.


"Empört Euch" – das kleine Heftchen ist in Frankreich zum Bestseller geworden.
Das knapp 30-seitige Opusculum liegt gleich neben der Kasse auf, wo es laut Zeitungshändler auch noch am Jahresbeginn weggeht wie frische Brötchen. Seit Wochen hält diese Nachfrage an. Mehr als 500.000 Exemplare von Stéphane Hessels Entrüstungsfibel "Indignez-vous!" ("Empört euch!") sind in Frankreich verkauft worden. Schon zehn Mal musste das kleine Pamphlet nachgedruckt werden.

Der Autor ist am meisten überrascht darüber, mit seinen mittlerweile 93 Jahren noch zum Bestsellerautor zu werden. Er darf darin eine Würdigung seines langjährigen Engagements für die Menschenrechte und humanitäre Anliegen sehen. Ganz offensichtlich hat er mit seinem Appell gegen die fatalistische Resignation und den Defätismus den Nerv vieler seiner jüngeren Zeitgenossen getroffen.

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Fast wie ein Neujahrswunsch mit guten Vorsätzen für 2011 klingt es, wenn Hessel seine LeserInnen auffordert: "Ich wünsche allen, jedem und jeder unter euch, dass ihr ein Motiv zur Empörung habt. Das ist wertvoll. Denn wenn man sich über etwas empören kann, wie das bei mir mit dem Nationalsozialismus der Fall war, dann wird man militant, stark und engagiert." Sein Leben sei eine "lange Folge von Gründen zu Empörung" gewesen. Stéphane Hessel kam 1917 in Berlin in einer zum Protestantismus konvertierten jüdischen Familie auf die Welt, die wenige Jahre später nach Frankreich emigrierte. Sein Vater, Franz Hessel, war mit Walter Benjamin befreundet und arbeitete mit diesem an der Übersetzung von Proust. Er selbst war noch vor dem Krieg Student von Jean-Paul Sartre, der ihm beibrachte, dass jedes Individuum in seiner Entscheidung frei und verantwortlich sei und sich im Namen dieser Verantwortung engagieren müsse. Während des Kriegs schloss er sich in London General de Gaulles "France libre" an.

Bei einer Mission für die Résistance wurde Hessel 1944 in Frankreich von der Gestapo verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Nach dem Krieg machte er Karriere als Diplomat zuerst bei der UNO und als Botschafter Frankreichs in mehreren Kapitalen. Seine Erfahrung aus der Widerstandsbewegung hat ihn geprägt: "Für uns bedeutete Widerstand, die deutsche Besetzung und die Niederlage nicht hinzunehmen." Das politische Programm, auf das sich die verschiedenen Widerstandsorganisationen für die Nachkriegszeit einigten, ist für Hessel noch heute mit seinen Grundwerten einer sozialen und solidarischen Demokratie ein Fundament mit Errungenschaften, die er gegen die "internationale Diktatur der Finanzmärkte" verteidigen will, welche die Gegensätze und Unterschiede ständig vergrößere.

Allzu komplex

An Unerträglichem und Unakzeptablem mangelt es ihm zufolge wirklich nicht in dieser zugegebenermaßen "allzu komplexen Welt" von heute. Den Begriffsstutzigen hilft er mit ein paar aktuellen Stichworten auf die Sprünge: die Behandlungen der Immigranten, der Sans-Papiers oder kürzlich in Frankreich noch der Roma-Familien zum Beispiel.

Natürlich fehlt es nicht an Kritikern, die Hessels Appell herablassend als naiven Sturm auf Windmühlen bezeichnen. Der Politologe Stéphane Rozès beispielsweise kritisiert in Libération eine allzu folgenlose Form der Auflehnung: "Die Empörung ist notwendig, aber nicht ausreichend. Die Gefahr ist die, dass sich die Individuen zwar entrüsten, dann aber sich abkapseln."

Andere werfen Hessel seinen Aufruf zum Boykott israelischer Produkte wegen des Angriffs auf die Schiffe mit Hilfsgütern für Gaza vor. Zu diesem Engagement für die Palästinenser aber steht er. Er betont dabei aber immer wieder, dass er kategorisch für die Gewaltlosigkeit sei. Im Unterschied zu seinem einstigen Lehrmeister Sartre meint er: "Die Gewalt ist ineffizient." Diese Erkenntnis sei wichtiger, als darüber zu diskutieren, ob man jene verurteilen müsse, die zur Gewalt greifen. Auch wenn man den Terrorismus eine Form der Verzweiflung begreifen könne, sei dieser nicht zu entschuldigen.

Wer in der Broschüre mehr als eine ethische Handlungsanleitung oder gar ein Regierungsprogramm sucht, wird enttäuscht sein. Mit seinen 93 Jahren beansprucht Hessel die Rolle des alten Weisen, der den Nachgeborenen rät, sich "gegen den Massenkonsum, die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Schwächeren und der Kultur, den allgemeinen Gedächtnisschwund und den ungebremsten Wettbewerb von jedem gegen jeden" zu empören. Widerstand ist für ihn der Kern der Kreativität des 21. Jahrhunderts.

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Süddeutsche Zeitung
Frankreichs Manifest zum Volkszorn
Empört euch!
11.01.2011, 18:25 2011-01-11 18:25:53
Von Alex Rühle
Das meistverkaufte Buch des Jahres im unzufriedensten Land der Welt: Widerstandskämpfer Stéphane Hessel bewegt seine Landsleute mit dem Aufruf, sich gegen die Verhältnisse aufzulehnen.

Das Buch ist in etwa so dick wie eine Broschüre der Zeugen Jehovas, dreißig Seiten, wobei der eigentliche Text gerade mal neunzehn Seiten davon in Anspruch nimmt. Es kostet drei Euro und ist bei dem winzigen Verlag Indigène erschienen, der betrieben wird von ehemaligen Maoisten der "Gauche prolétarienne". Bis zum Jahreswechsel wurden 900.000 Exemplare gedruckt, wodurch Indignez-vous in Frankreich das mit Abstand meistverkaufte Buch des Jahres ist. Es liest sich wie eine Mischung aus mahnendem Leitartikel, protestantischer Predigt eines politisch bewegten Agnostikers und Brief an die Nachfahren.
Stéphane Hessel, 93-jährig und Mitverfasser der UN-Menschenrechtscharta, umgibt ein unerhörter Nimbus. In seinem Buch Indignez-vouz ruft er seine Landsleute zur Empörung über den Zustand der Welt auf. (© ddp)
Stéphane Hessel ruft seine Landsleute darin auf, sich zu empören über den Zustand der Welt. Darüber, dass die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter aufgeht; dass der Sozialstaat ausgehöhlt wird; dass Ausländer in Frankreich stigmatisiert und die Palästinenser von den Israelis kujoniert werden. Darüber, dass in der Mitte unserer Konsumgesellschaft ein schwarzes Loch des Nihilismus klafft, dass die Gier der Banker eine einzige Schande sei. Und dass wir unseren Planeten zerstören. Wobei: "Es wurden seit 1948 auch wichtige Verbesserungen erreicht: die Dekolonisierung, das Ende der Apartheid, der Fall der Mauer. Leider war das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts dann wieder ein Rückschritt."
Noch befremdlicher als dieses kursorische Abschreiten der Weltgeschichte wirkt auf den deutschen Leser zunächst, dass Hessel die Empörung über all diese Missstände kurzschließt mit seinem eigenen Wirken in der Résistance im Zweiten Weltkrieg. Vielleicht liegt aber genau darin der Schlüssel des erstaunlichen Erfolgs dieses winzigen Büchleins. In dieser Zeit rasender Umbrüche und großer Ratlosigkeit wirft da einer seinen Anker weit, weit nach hinten aus, in die ruhmreichen Jahre 1941 bis 1944.

Autor
Stéphane Hessel, 93-jährig und Mitverfasser der UN-Menschenrechtscharta
Man muss dazu sagen, dass den Autor dieses Pamphlets ein unerhörter Nimbus umgibt: Der 93-jährige, stets eine souverän-soignierte Noblesse ausstrahlende Stéphane Hessel kommt aus einer jüdisch-protestantischen Familie. Seine Eltern sind der Schriftsteller Franz Hessel und die Journalistin Helen Grund, deren Ménage-à-trois mit dem Schriftsteller Henri-Pierre Roché von François Truffaut in Jules et Jim verewigt wurde. Stéphane Hessel war vor dem Krieg Sartre-Schüler, trat der Résistance bei und arbeitete mit am Programm des Nationalen Widerstandsrates. Er wurde von der Gestapo gefoltert und kam ins KZ. Eugen Kogon verhalf ihm in Buchenwald zu Papieren eines Toten, der dann als Stéphane Hessel verbrannt wurde; die Geschichte wird in Jorge Sempruns Der Tote in meinem Namen erzählt. So leben sowohl Hessel selbst als auch seine Eltern ohnehin schon im Pantheon der Nachkriegskultur fort.
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