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W+B Agentur-Presseaussendung Oktober 2002
254<<Kunst als Brücke zum Volk? Nein. Kunst ist stets auf dem Weg zur Vision>>
Buchbesprechung
<<Lothar Lang: Malerei und Graphik in Ostdeutschland>>
278 S.; gebunden; EUR 29,70
Faber & Faber Verlag
, Leipzig; 2001 / www.faberundfaber.de

Lothar Lang, 74, ein herausragender Kunstpublizist, bekannt durch sein vierbändiges Werk der Illustrationskunst im 20.Jhdt. und über das Bauhaus, Grosz. Guttuso und Klee, hat hier eine einmaligen, tiefgreifende und gelungene Retrospektive zur ostdeutschen Bewegtheit der malerischen und grafischen Gestalter in einem halben Jahrhundert vorgelegt.
Parallel zum offiziellen Kurs des Soz(ialistischen)-Realismus (von Stalin-Gorki, 1934 definiert), reflektieren die künstlerischen Arbeiten, trotz Mauer/eisernem Vorhang/kaltem Krieg/Parteidisziplin, die aktuellen Kunstströmungen Europas. Wenn auch in grösstenteils versteckter, verkannter oder offiziell unterdrückter Form.
Inhaltlich beginnt die umfassende Beschreibung der Kunst ab der Stunde Null bis Ende der Fünfziger Jahre.
Neben der Trauerarbeit kristallisert sich bereits eine neue Wirklichkeit heraus: die des imperativ-parteiischen Sozialistischen Realismus (Brecht-Porträt: Bert Heller...) Parallel dazu wirkt der Italienische Realismus Guttuso‘s inspirierend (Aufblickendes Mädchen: Hans Theo Richter).
In den sechziger Jahren kristallisiert sich die Berliner Schule heraus, mit ihrem malerisch-verschliffenen Stil, dessen Art gleichzeitig auch in der Malerei der Südösterreicher (Doppelbildnis: Hans Vent...) gepflegt wird. In den Variationen zu Kohlhaas von Hans Brosch und sozial-realistisch-expressiv im Familienbild von Sighard Gille wird neben Guttusos Einfluss auch die österreichische wie holländische Spät-Expressionismus-Bewegung deutlich.
In den siebziger Jahren weißt insbesondere die Leipziger Schule u.a. durch einen Magisch-Mythischen Realismus von Erich Kissing, Leipziger am Meer, auf die fortgesetzte Tradition dieser Stadtkultur in Richtung Jugendstil wie Max Klinger hin.
Insbesondere darf das Bild von Uwe Pfeiffer, Poetischer Moment, nicht ausser acht gelassen werden: Es zeigt ein Mädchen, das nachts aus seinem Fenster einer Plattenbausiedlung, am rechten Bildrand, träumend hinaushorcht. Auf Zweidritteln des Bildes sehen wir die fahl beleuchtete Fassade und den nachtdunklen Platz der Menschen-Massenverwahranstalt, wie wir sie von Irkutsk bis Paris kennen, "dank" Corbusier und den Präfabrikation- Brüdern Camus. Dem Maler jedoch, ist damit ein Magisch-Poetischer Realismus gelungen, der diese totalitäre Funktionsmaschinerie vollkommen zum Verschwinden bringt und mit einem weissen Wolkengebirge metaphysisch überhöht.
Mit Hans Vent, Strandfigur, wird in den achtziger Jahren ein alternativer Realismus geprägt, der sich an die malerische Befreiung aus der figuralen Begrenzheit heranwagt, wie wir sie bei Bacon finden. Es kommt "Unruhe in den neuen Bildwelten" auf, formuliert es Lothar Lang präzise und fügt schmunzelnd hinzu, dass sich die Malerei auf dem Weg zu "absoluter Freiheit"
bewege.
Wenn uns Lothar Lang in seinem grossartigen und zugleich bewegten Blick zurück von 50 Jahren schliesslich die Frage stellt: DDR. Aufstieg und Absturz. Ikarus als Scheitern. Wo ist da Alternative, wo Utopie? Darauf gibt Lothar Lang durch sein Werk ein klare Antwort. Die Alternative zur Utopie ist die Vision. Denn, sowohl der Künstler in der DDR , als auch der im übrigen deutschsprachigen Raum hat mit "Reibungen an Widrigkeiten der gesellschaftlichen Realität" gleichermassen zu leiden. Wo immer die Künstler auch sind, in allen Lebensräumen leiden sie an der Ignoranz der Machthabenden in Politik und Wirtschaft, bedingt durch ihren visionären Auftrag, mit dem sie über den Alltag hinausweisen.


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