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Gerhard Wallner (Text), Dieter Braeg (Bild) "Urbanität mit Baukunst: Erhaltung und Erneuerung am Beispiel Europas urbaner Zentren: Berlin, Dresden, Konstantinopel, Moskau, München, Nürnberg, Salzburg, Sevilla, Vicenza, Wien... "  
dieter.braeg@gmx.de; www.kossawa.de; schuler-wallner@aon.at
Ein Kultur-Brief an prankl@kultur-punkt.ch
----- Original Message -----
Sent: Monday, October 08, 2007 7:02 PM
Subject: Fw: Artikel
Liebe Freunde,
unser "Kommunisten-Nachbar" Dieter Braeg, der Stadtrat Matejka kennt und schätzt, hat mich zu einem Artikel über Baukunst animiert. Anlass war meine Kritik am Abbruch des Ostberliner Volkspalastes ("Honeckers Lampenladen"). Ich will ihn Euch nicht vorenthalten.....
Liebe und herbstliche Grüße
Gerhard und Gisela

INHALT
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Das erinnert mich stark an den Löwenrivalen... " Wallner zu Braeg

Es liegt ein archaischer Trieb im Menschen, der sich in der Baukunst oft fatal auswirkt: die Tendenz nämlich, alles abzureißen und zu ersetzen, was die jüngst vergangene Epoche an Bauten vollbracht hat. Das erinnert mich stark an den Löwenrivalen, der den älteren oder schwächeren überwältigt hat und nun die Jungen des Besiegten tötet während die Mutter der Jungen zusehen muss.

Der Autor Gerhard Wallner

Der Autor Gerhard Wallner, Foto: © Dieter Braeg
 
Ähnliches spielt sich oft in der Baukunst ab und so gingen in der Vergangenheit unzählige unwiederbringliche Kunstschätze verloren. Bereits in der Antike wurden früher verlassene Städte als Materiallager benutzt. Zahlreiche frühchristliche  Kirchen wurden demoliert, mit Ausnahme der Hagia Sophia in Konstantinopel, die 532 – 537 unter Kaiser Konstantin erbaut wurde und dann, nach der Eroberung durch die Mauren 1453, nicht abgerissen, sondern mit  vier Minaretten ergänzt  und umgewandelt als Moschee verwendet wurde.
Sie war das Vorbild für alle weiteren Moscheen. Auch in Sevilla ließen dann die Christen, nach der Rückeroberung der Stadt 1568, das Minarett bestehen und gestalteten dieses zum Glockenturm um. Ein schönes nahe liegendes Beispiel aus der Gotik ist die Franziskanerkirche in Salzburg. Hier wurde in der Gotik dem dunklen romanischen Bauteil ein heller gotischer angefügt und in der Barockzeit sogar mit einem prächtigen Portal ergänzt.

Flakturm im Augarten Wien
Flakturm im Augarten Wien, Foto: © Dieter Braeg
 
Eine andere Besonderheit sind die noch vorhandenen Flaktürme im Wiener Stadtgebiet. Sie wurden vom Düsseldorfer Bauingenieur Friedrich Tamms im 2. Weltkrieg 1943/44 zur Verteidigung Wiens gegen die alliierten Bomber errichtet. Sie hatten auf ihren auskragenden Plattformen die Fliegerabwehrkanonen etabliert. Objektiv gesehen sind sie klar und funktionell konzipiert, sie ragen aber mächtig und grau aus dem Stadtkörper. Eine Entfernung der drei bis fünf Meter dicken Betonmauern ist mitten im Stadtgebiet kaum möglich und deswegen sind sie noch erhalten. Sie sollten auch als eine Art Mahnmal erhalten bleiben.
Aber auch Bauten, die nur die Geisteshaltung der Nazis zeigen, sollten erhalten bleiben, weil sie auch einen Teil unserer Geschichte dokumentieren. Bauten mit breiten Außentreppen, hohen, überdimensionalen Türen und Fenstern, starken Symetrieachsen und teuersten Materialien. Sie sollten die Macht der Machthaber demonstrieren und den Normalbürger einschüchtern. Auch in der Demokratie merkt man solche Ansätze! 
 
In Italien würde man noch viele Beispiele finden, wo Altes mit Neuem ergänzt wurde. Eines, ein ganz besonderes, sei hier erwähnt: die Basilika in Vicenza von A. Palladio, 1546 – 49 erbaut, beziehungsweise von einer gotischen Halle in eine vorbildliche Renaissance-Halle umgebaut. Vorbildliche deshalb, weil hier das Motiv der Säulenarkaden mit den Rundöffnungen (Palladiomotiv)das erste Mal angewendet wurde.
In der Barockzeit, nach der Belagerung Wiens durch die Türken, 1683, begann in Wien eine intensive Bautätigkeit. Unzählige Häuser der früheren Epochen wurden abgerissen und durch prächtige Palais, Kirchen und Schlösser ersetzt. Die Qualität dieser Bauten ist so groß, dass kaum jemand nach dem Wert der früheren Bauten fragt.

Die Demolierung der Wiener Stadtbefestigungsanlagen auf Wunsch und Beschluss des jungen Kaiser Franz Josef I. ab 1858, wird von Kunsthistorikern gelegentlich bedauert. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass Kaiser Franz Josef zugleich einen großzügigen Wettbewerb ausschreiben ließ, der die Grundlage für das weltweit bewunderte städtebauliche Konzept der Wiener Ringstraße bildete. Eher zu bedauern ist die Art wie die viel verzweigte Donau 1868 bis 1875 reguliert wurde. Die interessante Donaulandschaft wurde aus Gründen des Hochwasserschutzes auf ein breites fast geradliniges Band mit Überschwemmungsgebiet reduziert. Erhalten blieb aber doch ein breiter Seitenarm, die Alte Donau und der sogenannte Donaukanal, der einst auch ein Hauptarm der Donau war. Mit der Schaffung der Donauinsel in der Zeit von 1973 bis 1980 hat man Vieles wieder gutgemacht: der Erholungswert gegenüber dem früheren Überschwemmungsgebiet ist stark gestiegen, insbesondere durch die Gliederung der ca. 20 km langen Insel und die vielen Möglichkeiten der Erholung vom Radfahren, Spazieren, Baden bis zum Wassersport.
Aber zurück zur Zeit um 1900 als die Gründerzeit durch den Jugendstil abgelöst wurde. Wien, das 1910 auf  fast 2,1 Millionen Einwohner angewachsen war, benötigte auch ein neues Verkehrssystem, das bereits ab 1894 von Otto Wagner konzipiert wurde. Die Stadtbahn wurde zugleich mit der Regulierung der Wien (Fluß) und entlang des Donaukanalufers und in der Mitte des Gürtels gebaut. Es war ein kräftiger Eingriff in das Stadtbild, aber ohne viel Bausubstanz zu beseitigen. 70 Jahre später hat man aus diesem großartigen Gesamtkonzept unnötigerweise wichtige Teile herausgerissen (Station Meidlinger Hautstraße, Station Karlsplatz) und damit entwertet.
 

Franziskanerkirche Salzburg Portal
Franziskanerkirche Salzburg Portal, Foto: © Dieter Braeg

Im Falle der Nazibauten ist die Beurteilung nicht einfach. Sicherlich wird niemand die Autobahnen, die Brücken, die Sportbauten, die Nutzbauten demolieren wollen. Zu akzeptieren ist aber sicherlich die Sprengung des Nazisymbols (Adlerflügel mit Hakenkreuz) auf der Tribüne des Nürnberger Parteitaggeländes durch die Sieger von 1945. Die Sprengung der Katharinenkirche in Moskau unter Stalin 1950 war dagegen ein barbarischer Akt. Die Moskauer haben diese Kirche in liebevoller Kleinarbeit wieder aufgebaut.
 

Franziskanerkirche Salzburg Turm
Franziskanerkirche Salzburg Turm, Foto: © Dieter Braeg

Nach dem 2. Weltkrieg wurden in Wien bedeutende Bauten wiederhergestellt oder behutsam  erneuert, wie zum Beispiel das Burgtheater oder die Staatsoper, aber kaum zeitgemäße Architektur geschaffen. Später, in den 60er und frühen 70er Jahren wurden eher aus Missachtung als aus Notwendigkeit zahlreiche Palais und Jugendstilbauten (Stadtbahnstationen z.Bsp.) und selbst eine Barockkirche (1965 die Rauchfangkehrerkirche) demoliert. Ein Ausdruck kunstloser Zeit mit Betonung auf Funktion und Wirtschaftlichkeit.

Zur selben Zeit wurden in Deutschland einige hervorragende Beispiele von Erneuerung mit Rücksicht auf die Geschichte geschaffen – z. Bsp. Die Gedächtniskirche in Berlin. Sie wurde im Krieg teilweise zerstört und 1958 vom Arch. Egon Eiermann als Ruine belassen und mit zwei neuen modernen Baukörpern von hoher Qualität ergänzt.
Das andere Beispiel existiert in München. Die Alte Pinakothek wurde durch eine Bombe im Krieg zum Teil zerstört. Beim Wiederaufbau ergänzte der Architekt Hans Döllgast die zerstörten Mauern, jedoch so, dass genau abzulesen ist, welcher Teil alt und welcher neu ist. 

 
 

Alte Pinakothek München
Alte Pinakothek München, Foto: © Dieter Braeg

Beide Beispiele zeigen, wie Funktion, Ästhetik und Geschichte in einem Gebäude in Übereinstimmung gebracht werden können.
Zur Zeit begeht die sonst so vorbildliche Stadt  Berlin einen riesigen Fehler mit der Demolierung des „Palastes der Republik“, dem ehemaligen Vorzeigebau der Deutschen Demokratischen Republik. Der Asbest wurde entfernt und es  gab danach keine Notwendigkeit das Gebäude abzureißen. Selbst der Rohbau ließ sich für Tanz und Theater nutzen.
Hier kommt meiner Meinung nach das noch immer vorhandene Ressentiment des Westens gegenüber dem Osten zu Tage, ähnlich der tierischen Rivalität der Löwenmänner.
Absurd ist der Gedanke an Stelle des „Palastes der Republik“ das Schloß der Hohenzollern wieder aufzubauen. Die Hohenzollernzeit ist lange vorbei, ihre Feudalherrschaft auch. Es gibt genug Bauwerke die diese Zeit der Geschichte dokumentieren.. Warum muss dann noch ein „Bauwerk“ wieder entstehen, das einer Vergangenheit huldigt, die nichts in unserer freiheitlich modernen Zeit etwas zu tun hat ?

 

Alte Pinakothek

Alte Pinakothek, München, Foto: © Dieter Braeg
 
Im Gegensatz dazu ist der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden  eine  eindeutige Sache,  wie auch der Wiederaufbau des Warschauer Königsschlosses. Beide Gebäude waren vollkommen zerstört und mussten von Grund auf neu errichtet werden. In Warschau war es ein nationales Symbol für ein Volk, dass immer wieder von Ost und West, von Nord und Süd überfallen und bekriegt wurde. Die Frauenkirche zeigt, dass selbst die unbarmherzigste Kriegsführung Geschichte nicht auslöschen kann. Und die Geste der britischen Königin ein goldenes Kreuz aus ihrer eigenen Tasche zu spenden, finde ich großartig.

Quelle: Gerhard Wallner
Foto: © Dieter Braeg
 

 


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