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SWR2 Aula für Kinder
Mojib Latif: Ich bin der Wetter-Man - Der Beruf des Klimaforschers
Autor und Sprecher: Professor Mojib Latif *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch;
Sendung: Sonntag, 28. Mai, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.


ÜBERBLICK

Professor Mojib Latif, einer der angesehensten Klimaforscher, erzählt, womit er sich den ganzen Tag am Institut für Meereswissenschaften in Kiel beschäftigt: mit der Entwicklung von komplizierten Klimamodellen, bei der ihm natürlich der Computer hilft, mit dem gefährlichen Klimawandel, den man vielleicht gerade noch aufhalten kann, mit der Frage, warum der Golfstrom eine gigantische Heizung für Westeuropa ist. Und weil ein Klimaforscher auch mal seinen Schreibtisch verlassen muss, geht es in dem Vortrag ebenfalls um Forschungsexpeditionen auf dem Ozean.
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Ansage:

Heute mit dem Thema: Ich bin der Klima- und Wetter-Man - der Beruf des Klimaforschers.

Heute beginnt wieder die Kinder-AULA, das heißt: Wenn Ihr 12 oder 13 oder 14 Jahre jung seid, bleibt jetzt bitte dran, egal ob Junge oder Mädchen, der folgende Vortrag ist nämlich extra für Euch, und nicht nur das: Auch für die nächsten vier AULA-Sendungen gilt das. Also bitte notieren: Alle Sonn- und Feiertage während der Pfingstferien bitte um 8 Uhr 30 aufstehen, und SWR 2 einschalten, das Radio-Kulturprogramm des Südwestrundfunks.

Worum geht es? Es geht dieses Mal in der Kinder-AULA um Forscher, die Euch erklären, was sie den ganzen Tag so machen, ob sie lesen, ob sie am Computer sitzen oder im Büro, ob sie rechnen, ob sie sich mit chemischen Formeln beschäftigen und was sie eigentlich ganz genau erforschen. Mit was beschäftigt sich zum Beispiel ein Sprachwissenschaftler, was beschäftigt eine Entwicklungspsychologin, einen Hirnforscher, wie schreibt ein Schriftsteller einen Roman - das sind die Themen und Fragen.

Heute geht es um einen Wissenschaftler, der den ganzen Tag aus dem Fenster guckt, also ich meine das jetzt natürlich im übertragenen Sinne, der macht das nicht wirklich, aber der interessiert sich eben für die Wolken, die Sonne, den Regen, die Temperaturen, und der fragt, ist der Frühling dieses Jahr genauso warm wie der Frühling vor 10 Jahren oder, wie hat der schwere Vulkanausbruch vor 3 Jahren das Klima verändert?

So, Ihr ahnt jetzt schon, um welchen Beruf es sich handelt, ich jedenfalls bin jetzt endlich ruhig und überlasse das Mikrofon einem Professor aus dem hohen Norden Deutschlands:


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Mojib Latif:

Mein Name ist Mojib Latif, ich bin Klimaforscher an der Universität Kiel. Mein Name wird Euch vielleicht erstaunen, er klingt ja nicht gerade deutsch. Meine Eltern stammen aus Pakistan, sie sind Ende der 40er Jahre nach Europa gekommen. Ich selbst bin in Hamburg geboren. Der eine oder die andere von Euch mag das vielleicht an meinem Hamburger Akzent hören.

Ich bin in Hamburg zur Schule gegangen, habe dort studiert und zwar Meteorologie. Als Meteorologe studiert man aber nicht nur das Wetter und guckt sich Wolken an oder misst die Temperatur, den Luftdruck oder die Luftfeuchtigkeit. Es gibt viele Einsatzmöglichkeiten für einen Meteorologen, und eine davon ist z. B. die Klimaforschung.

Was ist denn überhaupt der Unterschied zwischen Wetter und Klima? Wetter ist das, was wir tagtäglich erleben: den Durchzug eines Tiefdruckgebiets, eines Hochdruckgebiets, das ist das, worüber wir uns freuen oder ärgern, wenn die Sonne scheint und wir ins Schwimmbad gehen können, wenn es regnet. Wetter ist eben das, was wir alltäglich erleben. Das Klima dagegen umfasst viel längere Zeiträume, z. B. das Wetter eines ganzen Monats, eines Jahres, eines Jahrhunderts oder gar eines Jahrtausends. D. h., ich interessiere mich nicht mehr für einzelne Wetterphänomene, für eine einzelne Wolke oder einen einzigen Hurrikan, für einen einzelnen Tag, sondern ich möchte wissen, was all die Wetterphänomene über einen langen Zeitraum gemittelt bewirken.

Wenn ich von gemittelt spreche, meine ich, dass wir jeden Tag unsere Aufzeichnungen hernehmen und sie zusammenfügen zu einem Gesamtbild, das uns dann z. B. das Wetter für einen ganzen Monat oder für ein ganzes Jahr oder ein ganzes Jahrhundert liefert. Man könnte dieses Gesamtbild auch als Kunstprodukt bezeichnen. Denn die Durchschnittstemperatur eines ganzen Monats, die wir Klimaforscher ausrechnen, spiegelt ja nicht die wirkliche Temperatur eines Tages in diesem Monat wider.

Als Klimaforscher habe ich ganz verschiedene Aufgaben. Zunächst muss man sagen, dass sowohl die Meteorologie, also die Wetterkunde, als auch die Klimaforschung sogenannte physikalische Disziplinen sind. Wir versuchen, mit Hilfe der physikalischen Gesetze die Abläufe in der Luft, wir sagen auch: in der Atmosphäre, zu verstehen.

Manche von Euch werden vielleicht wissen, dass die Sprache der Physik die Mathematik ist. Das heißt, physikalische Gesetze kann man ausdrücken anhand von mathematischen Gleichungen. Jeder von Euch, der sich mit Wetterkunde oder dem Klima beschäftigen möchte, sollte ganz gut in Naturwissenschaften sein, in Physik und Mathematik, aber auch in den benachbarten Fächern Biologie, Chemie.

Das Klima läuft nicht nur in der Luft ab, auch wenn wir es über die Luft spüren, über die Temperatur, über Regen oder Schnee. Das Klima wird noch von anderen Faktoren bestimmt. Die Weltmeere gehören dazu. Ihr habt wahrscheinlich alle schon mal etwas von dem Golf-Strom gehört. Der Golf-Strom ist eine Meeresströmung im Atlantischen Ozean, also praktisch vor unserer Haustür. Dieser Golf-Strom transportiert recht warmes Wasser aus den Tropen nach Norden und zu uns nach Mitteleuropa, und er sorgt dafür, dass wir bei uns relativ milde Temperaturen haben, vor allem auch im Winter. Deutschland liegt sehr weit nördlich, zwischen 50 und 60 Grad nördlicher Breite, das heißt auf der anderen Seite des Atlantik entspricht das etwa der Lage von Kanada. In Kanada herrschen extrem strenge Winter, das wisst Ihr wahrscheinlich auch, mit Temperaturen von unter minus 20 Grad, mit sehr viel Schnee und Eis. Im Vergleich dazu haben wir doch sehr sehr milde Winter. Und das haben wir dem Golf-Strom zu verdanken, weil er enorme Wärmemengen zu uns bringt und dafür sorgt, dass unsere Häfen eisfrei bleiben während des Winters. Er ist unsere Heizung.

Die Weltmeere sind also ein ganz wichtiger Bestandteil des Klimasystems, wie wir sagen, denn das Klimasystem besteht nicht nur aus der Luft, der Atmosphäre, sondern aus den ganzen Erdsystemen. Die Erdsysteme sind die Weltmeere, die Vegetation, die feste Erde. Und natürlich spielen auch Prozesse eine Rolle, die von außen wirken, z. B. durch die Sonne.

Die Sonne treibt unser ganzes Wettergeschehen bzw. unser ganzes Klimageschehen an. Und die Sonne ist eigentlich ungerecht. Die Sonne bevorzugt die Tropen, die bekommen viel mehr Sonne ab, und deswegen werden die Tropen sehr stark erwärmt, während die Pole sehr wenig Sonne abbekommen. Im Winter herrscht dort eine permanente Nacht, die sog. Polarnacht. Die Pole bekommen im Winter überhaupt keine Sonnenstrahlung ab, das führt dazu, dass wir einen starken Temperaturgegensatz haben.

Dieser Temperaturgegensatz „schreit“ nach Ausgleich und dadurch werden Ausgleichsbewegungen ausgelöst u. a. in der Luft als Winde. Die Winde versuchen Wärme zu transportieren, und zwar von den Tropen in Richtung der hohen Breiten. Ein Tiefdruckgebiet z. B. hat keine andere Aufgabe, als kalte Luft nach Süden und warme Luft nach Norden zu transportieren, und es sorgt dafür, dass es zu einem gewissen Wärmeausgleich zwischen den Tropen und den hohen Breiten kommt. Das gleiche gilt für den Golf-Strom.

Der Golf-Strom transportiert Wärme aus den Tropen Richtung Norden zu uns.

Die Sonne ist also ein Motor des ganzen Wetter- bzw. Klimageschehens. Und deswegen verwundert es nicht, dass, wenn sich die einfallende Sonnenstrahlung verändert, sich auch unsere Wetterabläufe bzw. unser Klima verändert. Wie passiert das: Z. B. scheint die Sonne nicht immer gleich. Die Sonne ist mal „heller“ oder mal „dunkler“, einmal kommt mehr Sonnenlicht auf die Erde, dann wieder weniger.

Ihr habt vielleicht schon mal etwas über die kleine Eiszeit gehört. Vor 200, 300 Jahren war es empfindlich kalt bei uns in Europa. Die Seen und Flüsse in Holland waren pausenlos zugefroren. Es gab große Hungersnöte, weil es so kalt in Europa gewesen ist. Und diese kleine Eiszeit ist darauf zurückzuführen, dass die Sonne eben nicht so stark geschienen hat. Das bedeutet also, der Motor unseres Klimas läuft unterschiedlich stark, und je nachdem wie stark er läuft, ist es hier mal wärmer, mal kälter.

Aber das ist nicht der einzige Grund, warum sich unser Klima verändert. Unsere Erde - das wisst Ihr wahrscheinlich auch - bewegt sich ganz allmählich um die Sonne. Ein Umlauf dauert ein Jahr. Aber dieser Umlauf um die Sonne ist auch nicht immer gleich. Mal ist dieser Umlauf kreisförmig, dann ist er wieder elliptisch, also ein etwas auseinandergezogener Kreis. Dies führt auch dazu, dass die Sonnenstrahlung, die auf die Erde trifft, unterschiedlich stark ist, und dadurch werden z. B. die Eiszeitzyklen oder die Warmzeitzyklen ausgelöst.

Ein anderer Punkt ist der, dass die Erdachse geneigt ist. Die Erde steht nicht gerade im Raum, sondern sie steht schräg. Und deswegen gibt es die Jahreszeiten. Weil während einer Jahreszeit die eine Halbkugel mehr Sonnenlicht bekommt als die andere und umgekehrt. Das Klima der Erde, die Temperaturen werden über längere Zeiträume eben unter anderem auch von Faktoren beeinflusst, die gar nicht im System Erde selbst produziert werden, sondern außerhalb der Erde, in diesem Fall von der Sonne. Nun gibt es aber auch Prozesse innerhalb des Erdsystems, die das Klima beeinflussen, z. B. Vulkane.

Vulkane - das wisst Ihr wahrscheinlich alle - brechen hin und wieder aus. Und wenn sie ausbrechen, dann stoßen sie gewaltige Mengen von Gestein, von Schwebstoffen, von Gasen in die Atmosphäre aus, und die beeinflussen natürlich auch die Temperatur und damit das Klima der Erde. Und Vulkane führen dazu, dass sich die Erde kurzfristig abkühlt, weil sich so viel vulkanisches Material in der Atmosphäre nach einem Vulkanausbruch befindet. Das führt dazu, dass das Sonnenlicht reflektiert wird, es kann den Erdboden nicht mehr erreichen, und dadurch kommt es zu einer geringfügigen Abkühlung nach einem Vulkanausbruch.

Nun gibt es aber - ab und zu - extrem starke Vulkanausbrüche. Es gab im Jahr 1815 einen sehr starken Vulkanausbruch, als fast eine halbe Insel in Indonesien in die Luft geflogen ist. Und das Jahr danach - das Jahr 1816 - ging als das Jahr ohne Sommer bei uns ein. Nicht nur bei uns in Europa, auch in den USA. Durch den Ausbruch wurde das Sonnenlicht so stark reflektiert von diesem vulkanischen Material, dass die Temperaturen im Sommer nahe dem Gefrierpunkt gewesen sind. Es gab zum Teil sogar Schnee im Sommer in Regionen, in denen das normalerweise nicht vorkommt. Das sind Prozesse im Innern unserer Erde, die hier eine Rolle spielen. Aber es gibt noch andere Mechanismen, noch andere Prozesse, die das Klima verändern können; z. B. können sich die Meeresströmungen verändern. Wenn sich der Golf-Strom abschwächen sollte, was er hin und wieder auch tut, dann wird es bei uns tendenziell kälter, wenn er besonders stark ist, wärmer.

Nun: Klima ist offensichtlich sehr vielfältig, Klima schwankt, Klima ist nicht immer gleich. Ein Jahr ist nicht wie das vorherige, ein Jahrzehnt ist nicht wie das andere, ein Jahrhundert ist nicht wie das andere und ein Jahrtausend ist nicht wie das andere. Wir haben gesehen, was die Mechanismen sind, die dazu führen können, dass sich das Klima verändert, aber wir Menschen fangen auch so langsam an, das Klima zu beeinflussen. Das machen wir dadurch, dass wir durch unsere vielfältigen Aktivitäten bestimmte Gase in die Atmosphäre entlassen, die auch klimawirksam sind.

Nun, worum handelt es sich bei diesen Aktivitäten? Wenn wir z. B. Auto fahren, dann verbrennen wir Benzin. Und wenn wir Benzin verbrennen, dann entsteht als Abfallprodukt ein Gas, das nennen wir Kohlendioxid, CO2. Dieses CO2 führt zu einer Aufheizung der Erdatmosphäre, weil es verhindert, dass die Wärme der Erdoberfläche in den Weltraum entweichen kann. Autofahren ist nicht das einzige Beispiel. Wenn wir heizen, verbrennen wir Öl oder Gas! Wann immer wir Öl oder Gas verbrennen, entsteht wiederum Kohlendioxid, auch das sorgt dann für die Aufheizung der Erdatmosphäre und der Erdoberfläche. Wir sprechen deswegen von globaler Erwärmung, egal was wir tun, fast immer verbrennen wir diese Stoffe, entweder Erdöl, Erdgas oder Kohle. Und auch wenn wir unseren CD-Player anmachen, dann verbrauchen wir Energie.

Wir denken immer die Energie - der Strom - kommt einfach aus der Steckdose. Aber was steckt denn dahinter? Wenn wir Energie verbrauchen, wenn wir unseren CD-Player anstellen, dann wird irgendwo in irgendeinem Kraftwerk Strom erzeugt. Und dieser Strom wird meistens dadurch erzeugt, dass wir Öl oder Gas verbrennen, möglicherweise auch Kohle. Wenn wir also unseren CD-Player anmachen, dann wird auch irgendwo ein Kraftwerk angemacht, und dann produziert dieses Kraftwerk auch CO2. Wir Menschen nehmen eine immer wichtigere Rolle ein, weil wir auch immer mehr werden.

Die Bevölkerung - vielleicht habt Ihr davon schon gehört - wächst enorm, und je mehr Menschen es gibt, desto mehr Energie brauchen wir, und desto mehr dieser sog. Treibhausgase, wie Kohlendioxid, gelangen in die Atmosphäre, desto dichter wird sie letzten Endes und desto stärker ist die Aufheizung der unteren Luftschichten bzw. der Erdatmosphäre. Das ist eben der Grund für die globale Erwärmung. Ein Begriff, den Ihr wahrscheinlich ebenfalls schon öfter gehört habt.
Nun: Woher wissen wir das eigentlich alles? Ein Klimaforscher, der ist auf der einen Seite ein Wissenschaftler, der beobachtet, aber er ist auch auf der anderen Seite ein Wissenschafter, der theoretisch arbeitet. Schauen wir uns zunächst einmal den Beobachtungsaspekt an. Ich habe Euch ja erzählt, dass das Klima im Verlaufe der Jahrtausende, der Jahrmillionen immer geschwankt hat, dass zum Teil die Sonne dafür verantwortlich ist, zum Teil auch die Unregelmäßigkeit der Erdbahn um die Sonne. Aber woher wissen wir, dass das Klima überhaupt geschwankt hat? Und da muss man so eine Art Detektivarbeit leisten. Das machen meine Kollegen von der Paläo-Klimatologie, also die Kollegen, die sich mit der Vergangenheit, mit dem vergangenen Klima beschäftigen. Die haben ganz verschiedene Archive, in denen sie nachschauen können. Die bohren z. B. im Meeresboden. Sie holen Sedimentbohrkerne raus, die enthalten Schlammschichten aus dem Meeresboden, und dann schauen die Forscher, was sie in diesem Schlamm finden.

Nun muss man wissen, dass diese Schlammschichten im Laufe der Jahrtausende, im Laufe der Jahrmillionen dadurch entstanden sind, dass bestimmtes Material von der Oberfläche, aus den oberen Meeresregionen, so langsam abgesunken ist und sich dann auf dem Meeresboden angelagert hat. Und wenn wir uns jetzt anschauen, was wir in diesen Meeressedimenten - also im Meeresboden - finden, dann können wir ganz verschiedene Lebewesen finden: Kleinstlebewesen, Pflanzen, größere Tiere. Und anhand der Sedimente, die wir finden, können wir dann ableiten, welche Umweltbedingungen, welche Temperaturen damals geherrscht haben müssen, damit genau diese Lebewesen damals existiert haben können. Je tiefer eine Schicht ist, desto älter ist sie. Wir wissen also genau, wenn wir - sagen wir mal - in fünf Metern Tiefe im Meeresboden bohren, dann entspricht das so und so viel Tausend Jahren vor unserer Zeit. Aber wir wissen anhand der Funde in den Schichten auch, welche klimatischen Bedingungen damals geherrscht haben.

Das ist eine Möglichkeit, um das Klima vergangener Zeiten zu untersuchen. Eine andere Möglichkeit ist z. B. im Eis zu bohren. Es gibt ja in Grönland, aber auch in der Antarktis, am Südpol, kilometerdicke Eispanzer. Und diese kilometerdicken Eispanzer haben eben auch die Klimageschichte gespeichert. Sie sind wie ein Archiv für uns. Was man da machen kann ist, dass man die winzigen Luftbläschen analysiert, die im Eis enthalten sind. Auch hier gilt wieder, je tiefer wir bohren, desto älter die Schichten. Und wenn wir die Luftbläschen analysieren, dann wissen wir eben, wie die Zusammensetzung der Atmosphäre vor x-Tausend, vor x-Millionen Jahren gewesen ist. Insofern wissen wir dann auch, wie viel Kohlendioxid in der Atmosphäre gewesen ist. Und weil wir diese indirekten Informationen haben, die meine Kollegen von der Paläo-Klimatologie liefern, wissen wir eben heute auch, dass der Gehalt an Kohlendioxid so hoch ist, wie seit mindestens einer Million Jahren nicht mehr. Wir sehen hier also schon ganz deutlich, dass wir Menschen einen immer stärkeren Einfluss auf das Klima ausüben.

Nun, das ist also die Paläo-Klimatologie. Es gibt noch andere Möglichkeiten, das Klima zu untersuchen, das Klima der vergangenen Jahrtausende, der vergangenen Jahrmillionen. Man kann Korallen untersuchen, abgestorbene Korallen. Oder man kann Sedimente in Seen untersuchen. Wie gesagt, da gibt es vielfältige Möglichkeiten, das Klima vergangener Zeiten zu rekonstruieren. Und die Paläo-Klimatologie ist ein ganz wichtiger Bereich in der Klimaforschung.
Ein zweiter wichtiger Punkt, der meine Arbeit bestimmt, ist die sog. Klimamodellierung. Da geht es darum zu verstehen, wie eigentlich Klimaveränderungen zustande kommen und warum unser Klima ist, wie es ist. Warum haben wir so lebensfreundliche Bedingungen auf unserem Planeten Erde im Gegensatz zu allen anderen Planeten in unserem Sonnensystem, die sehr lebensfeindliche Bedingungen haben. Wir haben eine Temperatur auf der Erde von ungefähr 15 Grad Celsius, und das garantiert eben die optimalen Lebensbedingungen. Und nur weil wir diese milden Temperaturen auf der Erde haben, hat sich das Leben hier auf der Erde entwickeln können, nur deswegen gibt es uns Menschen eben auch auf diesem Planeten. Und nach allem, was wir wissen, sind wir der einzige Planet in unserem Sonnensystem, der hochentwickeltes Leben hervorgebracht hat.

Nun, was sind Klimamodelle. Klimamodelle sind nichts anderes als die physikalischen Gleichungen, die physikalischen Gesetze, die für das Klima gelten. Mit diesen physikalischen Gesetzen können wir die Luftdruckverteilung, die Winde, die Meeresströmung, die Eisbedeckung berechnen. Wir können die Temperaturverteilung nicht nur an der Oberfläche, sondern auch in der Tiefe des Meeres oder hoch oben in der Atmosphäre analysieren. Das sind alles Dinge, die können wir mit Hilfe dieser Klimamodelle herausfinden, weil die Physik uns eben die nötigen grundlegenden Gleichungen an die Hand gegeben hat. Nun können wir mit diesen Klimamodellen auch experimentieren. So ähnlich wie man das mit einem Flugsimulator macht. Der eine oder die andere von Euch hat wahrscheinlich schon mal in so einem Flugsimulator gesessen; am Flughafen gibt es solche Apparate, manchmal auch in Vergnügungsparks. Da kann man dann bestimmte Fälle durchspielen. Wenn ein Triebwerk ausfällt, was passiert dann? Kann man dann immer noch sicher landen? So ähnlich muss man sich unsere Arbeit auch vorstellen. Diese Klimamodelle sind so eine Art Flugsimulator, mit denen wir bestimmte Fälle durchspielen können. Wir können fragen: Was passiert eigentlich, wenn die Sonne nicht mehr so stark scheint, wie sie heute scheint? Wenn z. B. die Sonnenstrahlung um etwa 1 Prozent - also um ein Hundertstel - zurückgeht. Dann sieht man anhand der Modelle, dass es eben kälter wird bei uns. Dann kann man sich auch noch ansehen, was bedeutet das für die Meeresströmung, was bedeutet das für das Eis? Wächst das Eis, geht das Eis zurück? Und man kann sich auch ansehen, was passiert eigentlich, wenn wir Menschen in die Natur eingreifen? Was passiert, wenn wir immer mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen? Wie sieht dann unser Klima aus? Wie entwickelt sich die Temperatur? Wie lange dauert es, bis wir überhaupt einen Effekt in bezug auf die Temperatur sehen können? Und anhand solcher Klimamodelle haben wir herausgefunden, dass das Klima nicht sofort reagiert: Wenn wir heute etwas machen, also wenn wir heute Auto fahren, wenn wir heute Energie erzeugen, in dem wir Kohle verbrennen, wenn wir heute in den Urlaub fliegen, dann ändert das die Temperatur erst in einigen Jahrzehnten. Es dauert ungefähr 30 bis 40 Jahre, bis das Klima reagiert. Was wir heute schon an Veränderungen sehen - und die Temperatur der Erde ist ja schon angestiegen, weil wir jede Menge von diesen Gasen in die Atmosphäre entlassen haben -, dann haben das unsere Eltern bzw. unsere Großeltern verursacht.

Was wir heute an Kohlendioxid und anderen Gasen produzieren, das wird sich erst in der Zukunft aufs Klima auswirken. Wie das Klima in der Zukunft aussehen wird, das zeigen uns die Klimamodelle, sie zeigen auch, dass wir in den nächsten Jahrzehnten eine weitere Erderwärmung bekommen werden. Und dann können wir die Modelle natürlich auch befragen, was bedeutet das eigentlich, wenn es wärmer wird. Im Prinzip würde man ja denken: Wunderschön, dann können wir immer in der Eisdiele sitzen, unsere Eltern können im Cafe oder draußen im Biergarten sitzen! Aber ist es denn wirklich so? Es ist leider nicht so! Es wird zwar wärmer, und einige von uns mögen das vielleicht, aber das Wetter wird auch extremer, das zeigen unsere Modelle. Es wird mehr Stürme geben, mehr heftige Regenfälle, mehr Überschwemmungen, das Eis wird sich zurückziehen, deswegen werden die Eisbären keinen Lebensraum mehr haben. Die Eisbären - deswegen heißen sie ja Eisbären - brauchen Eis. Die Arktis, also der Nordpol, der kann bis zum Jahr 2100, innerhalb der nächsten 100 Jahre, im Sommer eisfrei sein, und wenn der Nordpol eisfrei ist, wenn die Nordhalbkugel eisfrei ist, dann kann es dort keine Eisbären mehr geben, weil die einfach nicht mehr jagen können, weil sie nicht mehr an die Robben kommen, von denen sie leben. Mit Hilfe dieser Klimamodelle können wir also auch einen Blick in die Zukunft werfen, und dieser Blick der eröffnet uns natürlich auch die Möglichkeit, in der Gegenwart Entscheidungen zu treffen. Denn wir wissen mit Hilfe dieser Klimamodelle, wie sich unser Klima entwickeln wird, wenn wir bestimmte Verhaltensweisen nicht ändern. Wenn wir also weiterhin immer mehr dieser Gase, vor allen Dingen Kohlendioxid, in die Atmosphäre entlassen, wissen wir, dann wird es deutlich wärmer, dann wird es mehr Wetterextreme geben, dann wird es bei uns letzten Endes sehr ungemütlich werden. Aber das Gute ist natürlich, dass die Klimamodelle uns auch zeigen: wenn wir es wirklich ernst meinen mit dem Klimaschutz, wenn wir intelligente Techniken nutzen, um Energie zu erzeugen, wenn wir die Sonne anzapfen im großen Maßstab, dann können wir diese Veränderungen noch weitestgehend vermeiden, dann behalten wir unser gemäßigtes lebensfreundliches Klima.

Also ein Klimaforscher guckt in die Vergangenheit, der guckt sich natürlich die Gegenwart an, er versucht zu verstehen, warum ist das Klima heute so, wie wir es beobachten. Aber der guckt eben auch in die Zukunft. Und der Klimaforscher, der gibt auch Ratschläge. Das ist auch seine Aufgabe. Er sollte die Gesellschaft und die Politiker beraten, er sollte sagen, wie man sich am besten in der Zukunft verhalten sollte. Klimaforscher sind aber auch noch in anderen Bereichen tätig, sie beraten auch Versicherungen. Denn auch Versicherungen wollen wissen, wie sich das Klima in der Zukunft entwickelt, weil sie wissen wollen, mit wie viel Schäden, mit wie viel wetterbedingten Schäden, sie rechnen müssen.

Klimaforscher sind auch tätig bei Energieversorgern. Denn auch die großen Energieversorgungsunternehmen müssen wissen, wie wird sich langfristig, etwa innerhalb der nächsten Jahrzehnte, der Energiebedarf bei uns entwickeln. Brauchen wir mehr Energie, brauchen wir weniger Energie? Und das hängt natürlich auch von unserem Wetter, von unserem Klima ab.

Klimaforscher sind natürlich in erster Linie Naturwissenschaftler. Sie sind sehr stark physikalisch orientiert. Ein Klimaforscher oder eine Klimaforscherin - den Beruf können natürlich auch Frauen ergreifen - muss gut in Physik und Mathematik sein, und ein Klimaforscher beschäftigt sich mit der Natur. Das ist natürlich eine ganz spannende Aufgabe, denn es gibt nichts Schöneres als zu versuchen, der Natur ihre Geheimnisse zu entlocken. Mit Hilfe der Methoden, die uns die Klimaforschung zur Verfügung stellt, kann man eben der Natur auch einige Geheimnisse entlocken. Insofern kann ich nur jedem und jeder empfehlen, Klimaforschung ernsthaft als Alternative für einen Beruf zu erwägen. Mir macht die Arbeit jedenfalls sehr sehr viel Spaß!


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Absage:

Das war die Kinder-AULA vom Klimaforscher Mojib Latif, der Euch erklärt hat, was so spannend und wichtig an seinem Beruf ist.

Wenn Ihr einen eigenen Computer habt oder den der Eltern benutzen dürft, könnt Ihr das alles noch einmal nachhören, dazu müsst Ihr nur auf unsere Homepage gehen: www.swr2.de/wissen, unter dem Stichwort AULA findet Ihr da alles Wichtige zu der heutigen und den folgenden Sendungen; Ihr könnt Euch dort auch die Manuskripte zum Nachlesen besorgen, das nennt man herunterladen und die Computerfreaks unter Euch können den Vortrag auch „podcasten“. Und noch eins: Ihr könnt auch einen CD-Mitschnitt bestellen, ruft einfach an unter der Nummer:07221-929-6030. Ab Montag könnt Ihr dort die CD’s bestellen. Allerdings gibt es ab Herbst 2006 auch eine CD-Box mit allen Sendungen der Kinder-AULA.


So, ich hoffe, es hat Euch gefallen, nächsten Sonntag geht es weiter, dann ist ein Sprachwissenschaftler an der Reihe, der erzählt, warum er wie ein Detektiv arbeitet, Tschüss also dann bis zum nächsten Mal.


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* Zum Autor:
Prof. Mojib Latif, geb. 1954, studierte Meteorologie und Betriebswissenschaft in Hamburg; 1987 Promotion im Fach Ozeanografie, 1989 Habilitation; Latif war zuerst wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Max-Planck-Institut in Hamburg, seit 2003 ist er Professor am Institut für Meereskunde in Kiel, dem heutigen IFM-GEOMAR. Arbeitsschwerpunkte: Entwicklung des Klimas, Entwicklung von Klimamodellen.


Auswahl der Bücher:
- „Hitzerekorde und Jahrhundertflut“. Heyne
- „Klima“. Fischer kompakt
 


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