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SWR2 AULA – Stefan Sell : Privat und/oder öffentlich? Die Zukunft der Kitalandschaft
(Abschrift eines frei gehaltenen Vortrags)
(Privat und/oder öffentlich? Die Zukunft der Kitalandschaft)
Alternativtitel: Ist Kinderland ein Chaosland? Die Zukunft der Kitas in Deutschland
Autor und Sprecher: Professor Stefan Sell *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 1. Dezember 2013, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

* Zum Autor:
Stefan Sell ist seit März 1999 Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der FH Koblenz, Standort Remagen, und Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der FH Koblenz.
Sell absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Krankenpfleger, ab 1983 besuchte er dann die gymnasiale Oberstufe der Städtischen Gesamtschule in Essen; nach dem Abitur und dem Zivildienst studierte er Sozialwissenschaft in Bochum; Abschluss: Dipl.-Sozialwissenschaftler. 1994 war Sell Leiter des Arbeitsamtes Tübingen, 1995 Promotion zum Dr. rer. soc., 1996 bis 1999 war Sell Professor für Wirtschaftswissenschaft und Arbeitsmarktpolitik an der FH des Bundes für Öffentliche Verwaltung in Mannheim.

ÜBERBLICK
Die Lage bezüglich Kitaplätzen hat sich entspanntDer 1. August 2013 ist entgegen vieler Erwartungen undramatisch verlaufen, es gab keine Klagewelle von Eltern, die ihren Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für ihr Kind gerichtlich durchsetzen wollten. Auch sonst scheint sich die Lage entspannt zu haben. Wie geht es nun weiter mit der Betreuung der Kinder, gibt es genug Personal, genug Stellen, genug Qualität? Antworten gibt Prof. Stefan Sell, Sozialwissenschaftler an der Hochschule Koblenz/Remagen.

INHALT
Ansage:
Wir haben den Titel der heutigen Sendung etwas verändert, er heißt nicht mehr „Privat oder öffentlich“, sondern: „Ist Kinderland ein Chaosland? Die Zukunft der Kitas in Deutschland“. Die Titeländerung ist der Tatsache geschuldet, dass es derzeit keine erhitzte Diskussion mehr über private und öffentliche Träger gibt, sondern über die grundsätzliche Frage: Wie geht es nun weiter mit der Betreuung der Kinder, gibt es genug Personal, genug Stellen, genug Qualität? Antworten gibt Professor Stefan Sell, Sozialwissenschaftler an der Hochschule Koblenz-Remagen.
Stefan Sell:
Seien wir ehrlich: Wenn man an die vergangenen Monate vor den Bundestagswahlen denkt, dann ging es beim Thema Kinderbetreuung so richtig hoch her. Zeitweise musste man den Eindruck bekommen, dass hier so ein richtiger Kulturkampf ausgebrochen ist, bei dem sich zwei Lager kategorisch gegenüberstehen: auf der einen Seite die Vertreter derjenigen, die einen unbedingten Ausbau der Kindertagesbetreuung in unserem Land vorantreiben wollen, die immer wieder darauf hinweisen, wie groß doch der noch ungedeckte Bedarf an Kita-Betreuung in unserem Land ist. In der anderen Ecke die Vertreter vor allem derjenigen, die die Krippenbetreuung von sehr jungen Kindern kategorisch ablehnen. Nach den Meinungen dieser Ecke kann man zum Teil den Eindruck bekommen, dass die heile Welt der Familie durch eine stundenweise Betreuung in einer Kita fundamental erschüttert, wenn nicht sogar schwerwiegend geschädigt werden würde, wobei an dieser Stelle oft der Eindruck entsteht, dass Familie reduziert wird auf eine enge, manchmal sogar ausschließliche Mutter-Kind-Beziehung und die Väter gar nicht vorkommen.
Diese Debatte rutschte ganz schnell ab in die Niederungen einer in dieser Form wohl nur bei uns in Deutschland möglichen, zugleich aber auch – seien wir ehrlich – für unser Land so typischen Art und Weise des Entweder-Oder. Exemplarisch kann man das zeigen an dem Aufreger-Thema „Betreuungsgeld“, also diese ominöse Geldleistung bei Nichtinanspruchnahme einer öffentlich geförderten Kindertagesbetreuung. Da kann man ja 100 Euro pro Monat bekommen, mittlerweile ist diese Leistung tatsächlich Realität geworden. Die Befürworter der Betreuungsgeldes haben immer mit der angeblichen Wahlfreiheit der Familien argumentiert, die man über dieses Geld herstellen könne, also die Freiheit der Entscheidung, entweder einen öffentlich subventionierten Kita-Platz in Anspruch zu nehmen oder stattdessen die Geldleistung.
Wenn wir uns an dieser Stelle zurückerinnern: Da ging es richtig hoch her, das Thema erreichte sogar die Talkshows. Dabei zeigt ein nüchterner Blick auf diese neue Geldleistung den mindestens dreifachen Unsinn des Betreuungsgeldes, denn zum einen wird hier eine staatliche Geldleistung eingeführt, deren Bezugsvoraussetzung der ausdrückliche Nicht-Bezug einer anderen staatlichen Leistung ist. Das hat den gleichen logischen Charme, als wenn Sie als bekennender Nicht-Opern-Fan eine Kompensationszahlung für Ihren Nicht-Besuch der übrigens hoch subventionierten Opernhäuser beanspruchen und auch noch bekommen. Zum anderen ist natürlich ein Betrag von 100 Euro pro Monat, der mal auf 150 Euro
ansteigen soll, gelinde gesagt nun wirklich keine Grundlage, um für Familien im monetären Sinne eine wirkliche Wahlfreiheit zwischen Zuhausebleiben-Können und Arbeitengehen-Müssen herzustellen, gerade bei den Familien, die auf zwei Erwerbseinkommen angewiesen sind, um überhaupt über die Runden kommen zu können. Letztendlich und konsequent zu Ende gedacht müsste ein viel höhere Kompensationszahlung an die Familien gezahlt werden, wenn einer bzw. im Regelfall eine sich ausschließlich um das Kind kümmert und deswegen keine Einnahmen auf dem Arbeitsmarkt realisieren kann.
Das wäre in der Konsequenz ein Eltern- oder Mütter-Gehalt, was man zahlen müsste. Schlussendlich ist es schlicht eine verteilungspolitische Sauerei in Zeiten knapper Mittel, dass jeder diese Leistungen in Anspruch nehmen kann, unabhängig von seinem konkreten Einkommenshintergrund, also auch sehr gut verdienende Paare, die auf dieses Geld nicht angewiesen sind, es aber mitnehmen werden. Gleichzeitig wissen wir aus der Forschung, dass auch 100 bzw. 150 Euro für Familien mit sehr niedrigem Einkommen durchaus ein monetärer Anreiz sind, ihre Kinder nicht in eine Kita zu schicken, um die Geldleistung zu bekommen. Dabei handelt es sich aber oft um Familien, deren Kinder nach allem, was wir aus mittlerweile vielen Studien wissen, deutlich profitieren würden von einem frühzeitigen und vor allem langanhaltenden ergänzenden Besuch einer örtlichen Kita.
Damit sind wir angekommen beim Thema Kita im engeren Sinne, denn ein Großteil der Aufregung in den vergangenen Monaten rührte aus der Tatsache, dass es seit dem 1. August dieses Jahres einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem vollendeten 1. Lebensjahr Und je näher dieser Termin vor ein paar Monaten rückte, umso schriller wurde die öffentliche Debatte. Berichte in vielen Medien kreisten um verzweifelt einen Betreuungsplatz für Kleinkinder suchende Eltern und um die Angst vieler Kommunen, dass mit dem Inkrafttreten des Rechtsanspruchs am 1. August eine große Klagewelle von leer ausgehenden Eltern auf sie zukommen würde mit erheblichen auch finanziellen Folgen, beispielsweise durch Schadensersatzansprüche der Klagenden.
Um das alles verstehen zu können, müssen wir uns gedanklich zurückbeamen in das Frühjahr 2007. Denn damals wurde der Rechtsanspruch des Jahres 2013 geboren. Auf dem sogenannten „Krippen-Gipfel“ zwischen Bund, Bundesländern – am Katzentisch dabei auch die Kommunen – im Berliner Hotel Radisson unter der damaligen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen kam es zu der Vereinbarung, im fernen Jahr 2013 einen gesetzlich fixierten individuellen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem vollendeten 1. Lebensjahr der Kinder scharfzustellen. Man sollte sich an dieser Stelle einmal klar machen, von welchem Ausgangspunkt diese Vereinbarung getroffen worden ist. Es gab damals in Deutschland lediglich 250.000 für unter 3-jährige Kinder. Die Übereinkunft sah vor, dass diese Zahl um 500.000 Plätze auf dann 750.000 gesteigert werden sollte. Da fragt man sich natürlich, wie ist man damals auf diese Zahl gekommen. Man stand bei den Verhandlungen vor dem Problem, dass man abschätzen musste, wieviele Plätze notwendig wären, um den Bedarf der Eltern an einer Kinderbetreuung abdecken zu können. Wohlwissend, dass natürlich nicht alle Eltern beispielsweise ihre 2-jährigen Kinder in eine Kita oder bei einer Tagesmutter betreuen lassen wollen oder müssen. Auf der Basis einer Elternbefragung des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2005 ging man damals davon aus, dass es schon ausreichend sein für
die Bedienung des Rechtsanspruchs, wenn für 35 Prozent der Eltern für Kinder unter 3 Jahren ein Betreuungsangebot in einer Kita oder in der Tagespflege vorgehalten würde. Auf dieser Grundlage kam man auf die bereits 750.000 Plätze insgesamt.
Eine halbe Million neue Betreuungsplätze für Kleinkinder? Das war schon eine richtig große Nummer. Dass das eine Menge Geld kosten würde, war allen Beteiligten klar. Der Bund erklärte sich deswegen auch bereit, zusätzliches Geld für den Ausbau der Kindertagesbetreuung an die Bundesländer zu geben, damit die das zusammen mit den Kommunen, die am Ende ja verantwortlich sind für die Umsetzung des Ganzen, überhaupt schaffen können. Insgesamt 4 Milliarden Euro hat der Bund locker gemacht. Aber um die Beträge überschaubar zu halten, wurde – wie so oft im politischen Geschäft – an den Annahmen herumgefummelt. Denn bereits damals gab es warnende Stimmen von Fachleuten, die die Frage aufgeworfen haben, was denn passiert, wenn die tatsächliche Nachfrage der Eltern höher ausfällt als die mit den 35 Prozent kalkulierte, also schlichtweg mehr Betreuungsangebot notwendig werden. Denn – nochmal zur Erinnerung – eingeführt wurde ein individueller Rechtsanspruch, d. h. im Extremfall könnten 100 Prozent der Eltern sagen, wir wollen einen Platz haben. Außerdem hat man eine zweite wackelige Annahme gemacht, um die notwendigen Finanzmittel nach unten zu drücken.
Man hat nämlich angenommen, dass 30 Prozent der neu zu schaffenden Plätze für die ganz Kleinen nicht in Kitas, sondern in der für den Staat deutlich günstigeren Tagespflege geschaffen werden. Günstiger ist die Tagespflege für den Staat aber nur, weil die Tagesmütter und die wenigen Tagesväter miserabel vergütet werden und sich bislang vor allem über Zuzahlungen seitens der Eltern über Wasser haben halten können. Nun kann man also rückblickend sagen, dass die Beteiligten von 2007 bis 2013 doch nun genügend Zeit hatten, um die vereinbarten Ziele zu erreichen. Allerdings passierte das, was zu befürchten war: Während dieser mehrjährigen Übergangszeit wurde zu wenig in den Ausbau der notwendigen Plätze investiert. Neben der Tatsache, dass es nicht wenige Kommunen gab, die das Thema Ausbau auf die lange Bank geschoben haben, bestand und besteht ein zentrales Grunddilemma in diesem Bereich darin, dass die Kommunen die Hauptlast des Ausbaus von Kitas und Tagespflege zu tragen haben, aber viele Kommunen liegen finanziell am Boden und sie fürchten vor allem die Folgekosten eines Ausbaus, nämlich die Personalausgaben für den Betrieb der Kitas. Das ist das Problem: Es reicht nicht aus, Geld zur Verfügung zu stellen, um Kitas zu bauen oder zu vergrößern, sondern richtig teuer wird es ja, wenn sie die betreiben aufgrund des zu finanzierenden Personals.
Nun wird der eine oder andere an dieser Stelle einwenden, dass sich dieses Problem mittlerweile doch in Luft aufgelöst habe, denn konnte nicht kurz vor der Bundestagswahl in diesem Jahr stolz verkündet werden, dass es eigentlich sogar mehr Betreuungsplätze für unter 3-jährige Kinder bei uns in Deutschland gibt als man eigentlich braucht, um den Rechtsanspruch zu bedienen. Und wo ist denn außerdem die viel diskutierte und befürchtete Klagewelle von Eltern, die angeblich keinen Betreuungsplatz finden können? Bundesweit gibt es lediglich ein paar hundert Klageverfahren wegen der Nichterfüllung des Rechtsanspruchs. In diesem Zusammenhang passierte das, was zu befürchten war: Gerade die Medien waren völlig fixiert auf den Stichtag 1. August dieses Jahres, also dem Inkrafttreten des Rechtsanspruchs und erwarteten nun nach der Diskussion chaotische Zustände vor
Ort. Als diese scheinbar ausblieben, ebbte das Interesse der Medien abrupt ab und man wandte sich anderen Themen zu. Wenn man heute in die Zeitungen schaut, dann könnte sich der Eindruck verfestigen, als hätten es die deutschen Akteure geschafft, ein deutsches Betreuungsplatzwunder zu realisieren. Deshalb muss an dieser Stelle ein kurzer, kritischer und deswegen notwendiger Blick auf einige wenige Zahlen geworfen werden:
Im August dieses Jahres verkündete die Bundesfamilienministerin Schröder auf der Basis von Meldungen der Bundesländer voller Zufriedenheit, dass mittlerweile konkret Ende Juli dieses Jahres angeblich bereits über 710.000 Betreuungsplätze für unter 3-jährige Kinder zur Verfügung stehen und weitere 90.000 Plätze seien bereits am Entstehen und kommen demnächst dazu. Das wären ja über 800.000 Betreuungsplätze und damit sogar mehr, als man nach den Planungen hinsichtlich des angeblichen Bedarfs eigentlich bräuchte.
Nun ist das mit den Statistiken ja immer so eine Sache. In diesem Fall besonders irritierend war, dass parallel zu der frohen Botschaft unserer Bundesfamilienministerin das seriöse statistische Bundesamt sogar am gleichen Tag die Zahl der in Kitas und in der Tagespflege betreuten unter 3-jährigen Kinder in Deutschland zum Stichtag 1. März dieses Jahres veröffentlicht hat. Und – welche Überraschung – da gab es eine große Differenz, denn die Statistiker hatten im März dieses Jahres lediglich 597.000 Kinder unter 3 Jahren gezählt. Folglich müssten in den wenigen Wochen zwischen dem 1. März und dem 31. Juli mehr als 100.000 neue Betreuungsangebote geschaffen worden sein. Der aufmerksame Beobachter reibt sich erstaunt die Augen, denn schaut man sich einmal die jahresdurchschnittliche Zunahme der Kinderbetreuungsplätze in der Abgrenzung des statistischen Bundesamtes in den Jahren von 2009 bis 2013 an, dann erkennt man, dass in den zurückliegenden vier Jahren deutschlandweit pro Jahr etwa 46.000 neue Betreuungsplätze entstanden sind. Und jetzt sollen es in wenigen Wochen über 100.000 gewesen sein plus den angeblichen 90.000, die schon im Entstehen sind? Da kann doch etwas nicht stimmen.
Die Ursache für dieses Missverhältnis ist schnell gefunden. Während die Statistiker tatsächlich betreute Kinder gezählt haben, basieren die anderen Zahlen auf Meldungen aus den Bundesländern über reale oder angebliche Plätze. Ein Beispiel: Wenn eine Kommune eine Tagesmutter hat, die fünf Kinder betreuen könnte, dann meldet sie fünf Betreuungsplätze nach oben weiter, auch wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, zum Beispiel nur drei Kinder betreut. Eine andere mögliche Erklärung: Ein Kind, das im letzten Jahr noch unter 3 Jahre alt war, ist bei der neuen Zählung über 3, ist aber weiterhin auf dem gleichen Platz, der jetzt nicht mehr mitgezählt wird, obwohl das Kind weiter da ist. Wie dem auch sei, die scheinbare Jubelmeldung schmilzt bei genauerer Betrachtung dahin wie die Butter in der Sonne. Und jetzt sind wir bei einem Hauptproblem hinter diesem ganzen Zahlensalat: Auch weiterhin fehlen in vielen vor allem Großstädten vorne und hinten ausreichende Betreuungsplätze für unter 3-jährige Kinder, während in anderen Kommunen durch einen beherzten Ausbau oder einen niedrigeren Bedarf seitens der Eltern tatsächlich alle Eltern, die wollen, zum Zuge kommen können. Unter dem Druck des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz wurden außerdem nicht immer wirklich neue Plätze geschaffen, sondern manchmal auch einfach bestehende Plätze für Kinder über 3 Jahre umgewandelt in Plätze für jüngere Kinder: Aus zwei Plätzen für
über 3-Jährige wurde so wegen des unterschiedlichen Personalbedarfs ein Platz für Kinder unter 3. Eine hochproblematische Entwicklung übrigens mit Blick auf die Zukunft. Denn einmal besetzt sind viele Plätze meist auf Jahre hinaus blockiert. Und teilweise haben Eltern mit älteren Kindern jetzt erhebliche Schwierigkeiten, einen Platz zu finden, weil die Plätze über Jahre besetzt sind.
Eine geradezu logische Konsequenz aus dem schnellen Betreuungsplatzausbau der zurückliegenden Monate ist, dass nicht immer qualitativ hochwertige Plätze geschaffen wurden und auch nicht geschaffen werden konnten. Es wurde genommen, was zu kriegen war. Die Folge sind oft räumlich völlig unpassende Gegebenheiten und katastrophale Personalschlüssel. Gerade in Städten findet man gar keine geeigneten Räume mehr mit einer adäquaten Größe oder gar einen Außengelände zum Spielen. Noch schlimmer ist, dass die Personaldecke oft extrem eng ist. Das war sie schon immer, aber dieses Problem hat angesichts der höheren Betreuungsintensität der Kleinkinder erheblich an Gewicht gewonnen. Ausfälle durch Krankheit oder Urlaub führen dann dazu, dass manchmal nur eine Person eine ganze Gruppe betreut, was eigentlich rechtlich überhaupt nicht zulässig ist, aber trotzdem aus vielen Einrichtungen berichtet wird. Im Grunde müssten die Kinder nach Hause geschickt werden, was man aber den Eltern nicht zumuten möchte.
Vor allem im Osten Deutschlands ist die Personalsituation dramatisch schlecht. Schauen wir uns einmal nur die Gruppen mit Kindern unter 3 Jahren an, also die klassischen Krippengruppen: Nach einer Studie des Statistischen Bundesamtes verfügt mit einem Personalschlüssel von 1 zu 2,3 Kindern rein rechnerisch Bremen über das günstigste Betreuungsverhältnis. Den bundesweit schlechtesten Personalschlüssel gab es mit 1 zu 6,9 Kindern in Sachsen-Anhalt. Rechnerisch betreute dort eine ganztags tätige pädagogische Fachkraft in einer Kita fast 7 Ganztagskinder. Das ist ein doppelt so schlechter Personalschlüssel wie in Bremen.
Dazu muss man wissen, dass der Personalschlüssel die wirkliche Betreuungsrealität für die Kinder sogar noch überzeichnet, denn natürlich sind die Erzieherinnen auch mal krank oder im Urlaub oder müssen Vor- und Nachbereitungen durchführen, wo sie nicht direkt mit den Kindern arbeiten können. Um es an dieser Stelle in aller Deutlichkeit zu sagen: Hinsichtlich der Personalsituation in den meisten Kitas bewegen wir uns vor dem Hintergrund dessen, was in der frühpädagogischen Forschung als kritische Schwellenwerte für die Personalausstattung ermittelt worden ist, oftmals im Bereich der Kindeswohlgefährdung! Denn nach den von der Forschung ermittelten Werten sollte die Fachkraft-Kind-Relation bei den unter 3-jährigen Kindern einen Wert von 1 zu 4 auf gar keinen Fall unterschreiten, was aber bedeuten würde, dass der Personalschlüssel noch höher liegen müsste, denn die Fachkraft-Kind-Relation sagt, wieviel Zeit verbringt eine Fachkraft tatsächlich mit dem Kind. Und der Personalschlüssel muss ja auch berücksichtigen, dass die Leute nun mal Urlaub haben, dass sie krank sind, dass sie Fortbildung sind, dass sie ausfallen, und diese Zeit muss dazu addiert werden. Bei solch dürftiger Personalausstattung ist es kaum möglich, individuellen Bedürfnissen einzelner Kinder gerecht zu werden, gar nicht zu reden davon, hier auch noch einen besonderen Bildungsauftrag erfüllen zu können.
Dem aufmerksamen Zuhörer wird an dieser Stelle auffallen, dass erst jetzt der Bildungsbegriff auftaucht. Bislang wurde ausschließlich von Betreuung und
Betreuungsplätzen gesprochen. Und damit sind wir bei einem weiteren zentralen Problem angekommen, das man für die aktuelle Diskussion diagnostizieren muss. Es hat eine fatale Engführung der Diskussion in den letzten Monaten auf die reine Betreuungsfunktionalität von Kindertageseinrichtungen und von der Kindertagespflege gegeben. Und das ist diskussionsbedürftig. Ich darf an dieser Stelle daran erinnern, dass wir in den Jahren nach 2001, als die PISA-Ergebnisse in Deutschland veröffentlicht worden sind, eine intensive Diskussion hatten über die Bedeutung der frühkindlichen Bildung. Nach diesem Jahr 2001 hat man unglaublich viel Kraft und Energie darauf verwendet, einen Aufbruch hinzubekommen, die Kitas zu frühkindlichen Bildungseinrichtungen aufzuwerten. Alle Bundesländer haben Bildungspläne diskutiert, geschrieben und verabschiedet. Es wurden im Jahr 2004 ff. die ersten Studiengänge für Kindheitspädagogen, so nennt man das heute, an den Hochschulen eingerichtet. Es war eine Zeit des Aufbruchs und man hat damals sehr viel Hoffnung in diese Investition gelegt. Immer drehte sich alles um Bildung und die Bedeutung der Bildung in den ersten Lebensjahren, und Sie können ganze Schrankwände füllen mit Studien über die Bedeutung der frühkindlichen Bildung in den ersten sechs Lebensjahren.
Was wir in den letzten zwei, drei Jahren erlebt haben, ich will es so deutlich sagen, ist eine gewaltige Reduktion, ein Abschneiden von dieser Bildungsdiskussion, wir reduzieren die Wahrnehmung von Kitas und von Tagespflege nur noch auf ihre Aufbewahrungsfunktion, wir machen Kitas teilweise zu Stundenhotels, um das mal provozierend zu sagen, auch Finanzierungssysteme bezahlen sozusagen die in Anspruch genommenen Betreuungsstunden, wir fallen zurück hinter eine wichtige Debatte über die Bedeutung der frühkindlichen Bildung und Betreuung. Das Fatale an der jetzigen Situation ist, um es mit Blick auf die Betroffenen zu sagen, dass zum einen die realen Zustände, die uns aus den Kindertageseinrichtungen berichtet werden, so schlecht sind, dass zwar nicht alle Kinder, aber ganz bestimmte Kinder ganz besonders leiden. Und das sind gerade die, für die der Ausbau gedacht war, das sind nämlich die jüngsten, kleinsten unter den Kindern.
Das kann man sich an einem Beispiel deutlich machen: Wenn Sie 5- oder 6-jährige Kinder haben, dann kommen die im Regelfall in einer Gruppe mit 20, auch 25 irgendwie ganz gut zurecht. Sie organisieren sich selber, sie beschäftigen sich, sie werden klarkommen. Das ist aber bei 2-jährigen Kindern völlig anders. Wenn Sie 2-jährige Kinder haben und die werden in Gruppen gesteckt mit 15 anderen Kindern, von denen 10 über 3 sind, und sie haben da vielleicht maximal 2 Erzieherinnen, manchmal auch nur 1 wegen Krankheit, dann kann man sich vorstellen, was mit den Kleinen passiert – sie rutschen schlichtweg durch und auch die Erzieherinnen gehen auf dem Zahnfleisch, weil sie im Prinzip außer einer Satt-, Sauber- und Sicher-Pflege – das sind die drei S – hier im Bereich der Kitas gar nichts anderes machen können als sich zu reduzieren auf diese pflegerische Betreuung. Gleichzeitig haben wir die Situation, dass uns vorne und hinten Fachkräfte fehlen, wir haben einen großen Fachkräftebedarf. Gleichzeitig werden die Erzieherinnen, um es mal vorsichtig zu sagen, nicht üppig bezahlt und finanziert.
Was müssten wir eigentlich tun? Wie so oft – und damit möchte ich auch enden – hängt es am Geld. Natürlich ist der ganze Bereich der Kindertagesbetreuung wirklich grottenmäßig unterfinanziert. Sie können sich das an einer Zahl deutlich machen: Wir geben in Deutschland zur Zeit etwa 16 bis 17 Milliarden Euro für alle
Kindertageseinrichtungen aus. Das hört sich viel an. Aber nach den Empfehlungen der Wirtschaftsorganisation OECD – das ist die, die auch die PISA-Studie macht – müsste ein Land 1 Prozent seines Bruttoinlandproduktes für die frühkindliche Betreuung ausgeben. Das würde bedeuten, wir müssten den genannten Betrag von 16 bis 17 Milliarden verdoppeln, um nach diesen Vorgaben ausreichend Mittel zur Verfügung zu stellen.
Jetzt wird der eine oder andere sagen, das ist wieder so eine Wünsch-dir-was-Zahl, wie wir sie oft in diesen Tagen hören. Aber es gibt Länder wie beispielsweise die gesamten skandinavischen Länder, aber auch unser Nachbarland Frankreich, die diesen Wert – 1 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes – erreichen. Das heißt, wir müssten – da beißt die Maus keinen Faden ab – wesentlich mehr Geld in das System geben. Der zweite Punkt aber ist nicht nur mehr Geld, sondern wir haben ein Problem, das heißt: Die Finanzierung ist völlig schräg. Denn die Hauptlast der Kosten tragen, wie bereits erwähnt, die Kommunen. Über 60 Prozent der Kosten müssen von den Kommunen aufgebracht werden. Und den größten Nutzen, den wir sogar in Euro ausdrücken können, heimsen aber die Bundesebene und die Ebene der Sozialversicherung ein.
Denn überlegen Sie einmal, wie viele Mütter überhaupt nur deswegen arbeiten gehen können, weil es Betreuungsangebote gibt. Auch wenn wir Erzieherinnen beschäftigen, dürfen Sie eines nicht vergessen: Fast 48 Prozent der Personalausgaben fließen sofort wieder zurück an den Staat und an die Sozialversicherungen, nämlich über Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. D. h. netto gibt der Staat nicht nur deutlich weniger aus als diese genannten 16 bis 17 Milliarden Euro, sondern wenn man berücksichtigt, was passieren würde, würden die Kitas ihren Betrieb einstellen, wie viele Mütter dann nicht mehr arbeiten gehen können. Und ich spreche hier von Müttern, weil tatsächlich der Einfluss der Kindertagesbetreuung auf die Erwerbstätigkeit der Männer gleich null ist, während er bei den Frauen extrem hoch ist. Das ist die Geschlechterungleichverteilung in unserem Land. Wenn man sich also vorstellt, die Kitas würden alle dicht machen, dann würden Hunderttausende von Frauen nicht mehr arbeiten gehen können. D. h. würde man so rechnen, und so müssten wir rechnen, dann würde es sich sogar lohnen, den Bereich der Kindertagesbetreuung auszubauen, mehr Geld dort hineinzustecken, wenn man es rein kaufmännisch, buchhalterisch betrachtet.
Tun wir das aber nicht, bleiben wir auf halbem Wege stehen, wenn wir uns jetzt sogar neuen Baustellen zu. Der eine oder andere wird gehört haben, man überlegt jetzt, einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz einzuführen. Das wäre die nächste Sau, die durch unser Dorf getrieben wird. Dann wird das bedeuten, dass die Bedingungen in den Kitas und vor allen Dingen auch in der Tagespflege, die eine wichtige Aufgabe bei den ganz kleinen Kindern und die immer zu kurz kommt, dass die so schlecht bleibt, wie sie ist, sogar schlechter wird, weil sich viele Fachkräfte verabschieden aus diesem Feld. Und die ganz kleinen Kinder werden erheblichen Schaden nehmen, teilweise durch die miserable Betreuungssituation. Dass es gar keinen Aufschrei gibt über diese Situation, keinen Widerstand, liegt auch mit darin begründet, dass nicht nur die Medien kaum noch darüber berichten, sondern dass die Familien sich so verhalten, wie sie sich immer verhalten: Sie versuchen, alleine mit ungünstigen Bedingungen fertig zu werden, und es gibt keine kollektive Interessensvertretung sie. Das ist schade und kann sich bitter rächen, wenn es auf oberer Ebene keinen gibt, der sich diesem Thema annimmt.
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