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Rothko oder das Ent-Setzen vor Wirklichkeit
W+B Agentur-Presseaussendung vom März 2001
Ereignis-Besprechung der Malerei von
<< Mark Rothko (1903*Dwinsk, Russland – 1970 Houston, USA>> 18.Februar – 29.April 2001
Ausstellung in der Fondation Beyeler <www.beyeler.com>, Baselstrasse 77, CH-4150 Riehen /Basel

"Die Würdigung der Kunst ist eine Heirat der Sinne. Und wie in der Ehe ist auch in der Kunst fehlende Vollziehung Grund zur Annullierung", stellt er selbst einmal ahnungsvoll fest. Dabei wird auch gleichzeitig die unzertrennliche Bindung zu seinem Schaffen, wie zu seinem eigenen Leben erkennbar:
Rothko’s Familie wandert 1912 nach New York aus.
Er selbst nimmt Schauspielunterricht und studiert Malerei bei Max Weber. Er heiratet zweimal (1932 Edith Sachar, 1945 Mell Beistle, von der er sich 1969 trennt und sich ein Jahr später das Leben nimmt.
Was sehen wir Betrachter, wenn wir eine "vertiefte Beziehung zwischen Bild" und uns aufnehmen:
Ab 1935 begegnen wir ihm bereits in Bildern "Warteraum", "U-Bahnstation" Eine statuarische Menschengruppe ist förmlich in trapezförmigen Platten, Pfeilern und Balken gleichsam eingestanzt, noch sind sie gesetzt, und in einer düsteren Farbskala gefangengenommen. Bis 1940 suchen seine Figuren sich aus dieser düsteren Wirklichkeit in marionettenhafte Wesen zu verwandeln, als wollten sie fliehen. Wohin und durch wen zur Flucht getrieben, bleibt vorerst verborgen (ähnlich Dali, Chiricco, Schlemmer und Dufy, mehr Bonnard als Matisse, den er selbst sehr verehrt).
Ab 1945 wird die Wirklichkeit unscharf, die Aussendinge werden ent-setzt. Die weichgemalten Randkonturen der rechtwinkeligen Farbpartikel bestätigen das karmin, neapelgelb und mittel-helle grau, überstülpen die Dingwelt (Malevitsch, später Rainer, Prachensky..). Dabei spüren wir die zunehmend innewohnende Ordnung, so den Goldenen Schnitt, das Quadrat, die Zweier- und Dreier-Teilung der Rechtecke, meist im gegebenen Hochbild. Bis Anfang der 50er Jahre besteht die Palette vorwiegend aus neapel- indischgelb(tan), krapplack hell und Tannen-/Phthalogrünblau.
Ab 1954-57 nehmen maroni, ocker, kadmiumrot-orange-gelb (safran), coelinblau Oberhand.
1958 und danach sehen wir eine zunehmende Verdunkelung mit kadmimum, karmin, dunkel-rosa und -grau bis schwarz.
Wenn bei dieser zunehmenden Ver-Dunkelung der Farbpalette von einer "logischen Konse-quenz" (lt. Medienmitteilung) gesprochen wird, macht es das ungefilterte "Von oben herab", wie es der gegenwärtige Umgang mit dem Anderen, dem Unerklärbaren und dem Ent-Setzen danach, deutlich. Es zeigt jenen Gefühls-Abstand, der für die herrschende Kunst-Elite, hier und heute, gilt. Die analoge und virtuelle Kommunikation übernimmt die Vorherrschaft und entlässt die direkte Begegnung aussen vor.
Diese Erkenntnis hat Rothko nicht "logisch" sondern instinktiv-bildhaft vorangetrieben und ist in die stille Bild-Höhle/Hölle von Platon bis Sartre abgestiegen, Stück für Stück, hat alles verloren, und angesichts dieses erschreckenden Entsetztseins, das er bereits 1935 als etwas Vorsehendes und Ahnendes erfahren hat, ist ihm schliesslich diese Totalität der Nicht/s-Beziehungen (Weltkrieg + Massmedia-Waste) zur tödlichen Gewissheit geworden: Wenn überhaupt hier Logik am Werk ist, dann Metalogik, abseits der Demokritianer mit ihrer entsetzlichen Angst vor der Leere des Universums, der Konfusion in direkten Begegnungen und der arroganten, selbstischen Unfähigkeit zu einer diskursiven Streitkultur: "Anwesend-Sein das nicht verstanden werden kann, ist Nicht-Sprache = Bild-sprache. Da entsteht Ent-Setzen, woraus Aus-Setzen, Aus-Grenzen folgt (Richard Rorty, Walter Prankl, 2000)". Rothko hat dies durchlebt.
Heribert Heere, Maler, München, Statement 3/01 dazu:
Rothko ist ein Romantiker des Nichts im Gegensatz zu Reinhardt, der ein Analytiker des Nichts ist. Dies ist auch den amerikanischen Kritikern aufgefallen, wie etwa Robert Rosenblum, der Rothkos Bilder in eine Wahlverwandtschaft zu C-D-Friedrich brachte, z.B. angesichts dessen fast abstrakt wirkender "Landschaft mit Mönch am Meer". Kleist hat von diesem Bild geschrieben, der Betrachter fühle sich davor, "als wären einem die Augenlider abgeschnitten". Ich interpretiere das so, dass der Betrachter virtuell mitten "im Bild" ist und nicht davor.


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