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<< Imaginäres Gespräch zur künstlerischen Zeitgefährtenschaft zwischen Dr. Dieter Schwarz, Leiter des Kunstmuseums Winterthur, Simona Ciuccio, Kuratorin der Arbeiten auf Papier und den Publizisten Marga + Walter Prankl zur Ausstellung: " Die ersten Jahre . Kunst der Nachkriegszeit " >>
www.kmw.ch;  dieter.schwarz@kmw.ch;   simona.ciuccio@kmw.ch;  info@kmw.ch;

     

Gesprächsteilnehmer
Dr. Dieter Schwarz = Dr.S:
Simona Ciuccio = S.C:
Marga+Walter Prankl = M+W.P:

Inhalt
Dr.S:
Die ersten Jahre der Kunst der Nachkriegszeit nach dem zweiten Weltkrieg waren für Europa nicht nur eine menschliche und
soziale Katastrophe, er griff auch tief in das künstlerische Geschehen ein ...
M+W.P:
Sie sprachen gerade vom "fordernden Umgang mit der eigenen Existenz"
dazu M: 1944, als die Rote Armee an die Ostgrenze der "Ostmark" immer näher rückte, bin ich als österreichisch-schweizerisches Kind von den Schulkinder beim Abschied, signiert mit ihren Unterschriften mit einem Führerbild beschenkt worden. Am Grenzübergang mussten alle Gepäcksstücke geöffnet werden. Ich hatte, gegen alle Anweisungen, dieses Bild zuletzt zuoberst reingeschmuggelt. In dem Moment, als der deutsche Grenzsoldat den Kofferdeckel hob, liess er ihn sofort wieder fallen und salutierte mit erhobenem Hitlergruss... liess uns ungefilzt ziehen... dazu
W: Diese Szene markiert für Marga die entscheidende Initiation für Ihre später gestalterische Design- und Fotokunst, sie erlebte dabei den Macht- und Fetischcharakter der Propaganda-Bildkunst und zugleich die ihr gewidmeten Signaturen von sie liebenden Zeitgefährten...
Dr.S: (ergänzend dazu)
Europa hatte einen unermesslichen kulturellen Verlust erlitten, war durch Raub und Zwangsverkäufe zerstört worden . Die Kunst war nach 1945 gezwungen, sich neu zu orientieren...
M+W.P:
Simpel gesagt, grüssten wir im ersten Schuljahr 1945 den Lehrer beim Eintritt, statt - wie bisher mit dem Hitlergruss - mit "Grüss Gott" ...
Dr.S:
Umso mehr erstaunt, dass sich nach Kriegsende ein äusserst vielfältiges Bild darbot ....
M+W.P:
Das zeigte sich auch in den Alltags-Begegnungen mit kulturschaffenden Persönlichkeiten:
Mein Jugendfreund und erster Initiator Guy, durch Burn out gefährdet - in der beginnenden IT- Branche, die damals mit  
Kathodenlampen und Lochkarten arbeiteten - während eines Wohnungsbrandes umgekommen: Wir trafen uns bei Siemens & Halske stets in den Arbeitspausen und darüber hinaus um die frisch auf den Markt kommenden Kunstkarten zu analysieren ...
Dr.S:
Es gab noch lebende, prägende Meister der Vorkriegszeit, von denen einige mit ihrem
Spätwerk neue Massstäbe setzten, etwa Arp, Bonnard, Matisse, Miró ....
und Picasso ...
M+W.P:
Genau diese Protagonisten besprachen wir und...
Dr.S:
Diesen Meistern gegenüber behauptete sich Alberto Giacometti mit seinem Werk ...
M+W.P:
Durchaus
Dr.S:
Diesen Vorbildern nahe betrachtete sich die Ecole de Paris, mit Bazaine, de Staël und Poliakoff.
M+W.P:
Hinzuzufügen ist die radikal-hintergründige Strömung des Existenzialismus, mit Sarautte, Sartre, Robe-Grillet, Camus .. Renais "Letztes Jahr in Marienbad"..
Dr.S:
Sie verstehen, nicht alles können wir in unserer Präsentation integrieren, so gern wir wollten ...Nun - gegen die Formkunst der Ecole de Paris meldeten jedoch bald neue Künstler ihre Ansprüche an – Appel, Chaissac, Dubuffet, Jorn, Kemeny mit ihrer neoprimitivistischen Figuration oder Einzelgänger wie Michaux, die sich ausserhalb der Konventionen positionierten.
M+W.P:
Ganz besonders Micaux , Kemeny und Chaissac, dessen Masken*, gebührt bis heute unsere persönliche Aufmerksamkeit und fotografische Schwerpunktbildung mit unseren Gradierungen*...
Dr.S:
Auf die reine Malerei antworteten die lyrischen Materialbilder von Tàpies. Mit den Décollagen von Hains und Villeglé kündigte sich bereits der Nouveau Réalisme an.
M+W.P:
In gleicher Zeit formte ich für meine Grafiken den Begriff Sub-Realismus, im Sinn des filmischen Neoverismo in Italien von DeSicca und der Zeitschrift SCEMA...

Dr.S:
In London griff Richard Hamilton auf die Bildwelt der Pop-Kultur zurück.
M+W.P:
Auch hier bei Hamilton wird das Kinemategrafische im Klappbildsystem sichtbar und zugleich die Auflösung /Reduktion von einem panoramaweiten Massensstrand bis zu Punkt und Linie bei Kandinski und Malewitsch ...

Dr.S:
Als eigentliche Nachfolger der abstrakten Moderne sahen sich die Zürcher Konkreten – Bill, Graeser, Lohse und Verena Loewensberg –, die über die Schweiz hinaus grosse Wirkung entfalteten. In der Schweiz fanden sich aber auch eigenständige Vertreter anderer Richtungen, Spätsurrealisten wie von Moos und Tschumi, auf die Thomkins folgte, informelle Maler wie Iseli und Spescha oder der Bildhauer Robert Müller.
M+W.P:
Unsere persönlichen Begegnungen mit
- Bill : er unterzeichnete meine Unterschriftensammlung mitte der 70er Jahre für die Erhaltung hundertjährigen Kastanienallee vor
  
dem Stuttgarter Schloss, rund 40 Jahre vor Stuttgart 21...
- Lhose: Stets sprach er von seinen Schwierigkeiten seine Kunst in der Öffentlichkeit deutlicher zu machen. Seine soziale
 
demokratische Vision, die wir als eine apollinisch mathe-geometrische gelungene Flucht in Farbe und Sonderform sehen, seinem
  Vorgänger Malewitsch ähnelnd, der genial aus der ikonischen Tradition in die beginnende Revolte eine empirisch geformte  
 
geometrisch-politische Land- und Menschenschaft formte, z.B. Die Bäurin mit Kind im vieleckigem Rot ...
Dr.S:
Gegensätzliche Positionen wurden ebenfalls in Italien sichtbar, wo Morandi jahrzehntelang im Vordergrund stand, während mit Fontana, dann Castellani und Manzoni,
eine Generation auftrat, die sich radikal von der malerischen Tradition abwandte.
abwandte.
W.P:
Erlauben Sie Herr Dr. Schwarz und Sie Frau Ciuccio, Kuratorin der Arbeiten auf Papier dass ich dazu noch retrospektiv aushole und ihnen meine lebenstiftende und -begleitende Prägung hierzu darstelle?
Meinen Freund Guy habe ich bereits erwähnt, hinzu kommen die Begegnungen in den 50-60er Jahren mit
den Kultur-und Kunstpersönlichkeiten:
- von Wilhelm Mrazek +, dem ehemaligen Direktor des heutigen MAK habe ich Ihnen bereits erzählt, weil er Ihrer lebendigen und
  assoziierender Ausdruckskraft während der Präsentation ähnelte. dabei prägend war die Einführung in die ostasiatische Kunst
  auf Papier, Japan - dem Senfkorngarten, den Farbholzschnitten, China, dem Shan Shui und der Zen-Malerei. Meine
  Tuschemalerei / Subrealismus* und -grafik ist bis heute auch in der digitalen Fotografik (Gradierung) kennzeichnend
- Dr. Preiss, Leiterin des ÖBG Kultur und Dr. Schmeller + Direktor des Museums 20.Jhdts+: habe ich die erste grosse öffentliche
  Anerkennung durch die Preisverleihung für "Schöpferische Freizeit" erhalten und der damals noch existierenden sozialen
  demokratischen Kulturpolitik zu verdanken...
- Prof. Franz Herberth +, Druckgrafik an der Akademie für angewandte Kunst und seinem Kreis mit Moldovan, Escher, Donin...:
- Ab den 70er und 80er Jahren wurden Kunst- und Kulturschaffenden ,aus A, D, CH, persönlich aufgezeichnet und haben bei der
   
Begegnung mitsigniert:: (Auswahl)
- - den liebenswerten aufgezeichneten Zeitgefährten:allen voran: Beuys, Heere, Schellander, Vedova, Vostell ... sowie
    Auböck, Adzak, Bandau, Biolek, Bode, Böll, Buttini, Butjatha, Dahinden, Demiter, Denk, Dürrenmatt, Haschult-Koska,
   
Herzogenrath, Hieronimus/Peichl, Höfer,
    Holleschi, Karavan, Kolakovsky, Herzog, Jungk, Kroeber-Riel, Kodishman, Kovacs, Kroeber-Riel, Medek,Mlynar, Nedomanski,
    Lhose, Oppenheim, Rinke, Rinser, Rosenlaue, Schmela, Sonderhoff, Sotriffer, Staeck, Schnekenburger, Tübke, Wallraff,
    Wasserburger, Wewerka, Zechyr....
- - den agressiv-egomanischen Zeitgenossen: Rainer hat - wie Ihnen bekannt - mir bei einer solchen Begegnung in Venedig die
   
Tuschefeder aus den Händen gerissen und in den Canl Grande geworfen; Brus hat in einer Ausstellung in der Gästeliste
    Kraftwörter hineingefetzt und mich an der Documenta in Kassel ebenfalls attackiert, als ich ihn aufzeichnen wollte....
- - Nun besteht inzwischen eine 50jährige Sammlung von Arbeiten auf Papier: Originale, Drucke, Dias, digitale Fotos und
    Gradierungen (zur Thematik Masken, Torsi, Figurationen..) zum Auftragen auf Papier bereit, diese der Öffentlichkeit oder
    einer Sammlung zu widmen....
S.C:
Ja, Arbeiten auf Papier sind faszinierend, bilden eine wunderbare Ergänzung zur Malerei und Skulptur dieser Zeitperiode ...
Dr.S:
Die Aufzählung und Präsentaion ist keineswegs vollständig, sie deutet nur an, welches weite Spektrum sich nach 1945 für die Kunst eröffnete.
M+W.P:
Wir danken Ihnen aus innerster Überzeugung und Dankbarkeit diese überaus gelungene Präsentation hier in Winterthur retrospektiv zu erleben
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