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Online-Publikation: August 2008 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Museum Winterthur: Giorgio de Chirico in Schweizer Sammlungen: Werke 1909–1971 . Ausstellung 23.8.-23.11.08>>
Einführung in das Werk des Künstlers und Aufsätze zu bisher noch nicht erforschten Aspekten von Paolo Baldacci, Sandra Gianfreda, Gerd Roos, Wieland Schmied und Dieter Schwarz, ergänzt durch Beiträge von Richard Artschwager und Giulio Paolini.
Katalogbuch:176 Seiten, 90 Farbabbildungen, Fadenheftung, broschiert, CHF 50.00
Für die Ausstellung verantwortlich zeichnen Gerd Roos, der sich durch seine Forschungsarbeit zu de Chiricos Werk einen Namen gemacht hat, und Dieter Schwarz.
Kunstmuseum Winterthur (CH) 2008; http://www.kmw.ch



                  Archäologe 1927   *             Mysteriöse Bäder-Matinee 1973  *  Metaphorisches Selbstportrait 1938

                             
Inhalt
75 Jahre nach der Ausstellung von Giorgio de Chirico im Kunsthaus Zürich von 1933 wird dem grossen Künstler erstmals wieder in der Schweiz eine museale Schau gewidmet. Gezeigt wird eine konzentrierte Retrospektive mit rund 60 Gemälden und 20 Zeichnungen aus Schweizer Museen und Privatsammlungen. Dazu kommt eine Auswahl der wichtigsten druckgraphischen Werke aus den zwanziger und dreissiger Jahren, die de Chiricos Nähe zu den Dichtern Guillaume Apollinaire und Jean Cocteau widerspiegeln. Manche der in Winterthur gezeigten Werke waren bis heute nur selten öffentlich zu sehen, und so bringt die Ausstellung manche Überraschung. Dazu zählt das seit 1923 nicht mehr gezeigte erste metaphysische Bild, L’énigme d’un après-midi d’automne, das de Chirico 1909 malte, nachdem er vor der Kirche Santa Croce in Florenz die verstörende Erfahrung der Fremdheit der Dinge gemacht hatte.
Kein anderer italienischer Künstler hat die Kunst des 20. Jahrhunderts derart nachhaltig beeinflusst wie Giorgio de Chirico (1888–1978). Wenn de Chirico während seines langen Lebens die äussere Form seines Werks – Stil und Ikonographie – auch immer von Neuem änderte, so blieb er seiner Auffassung treu, die Realität als ein imaginäres Theater zu malen. Bereits gegen Ende der zehner Jahre trat die Wirkung seines Werks bei Malern wie Carlo Carrà und Giorgio Morandi zutage, danach in der Malerei und Architektur des sogenannten Novecento Italiano. In Deutschland und der Schweiz bildete sein metaphysisches Werk den Bezugspunkt für den Magischen Realismus und die Neue Sachlichkeit. Schliesslich beriefen sich die surrealistischen Maler – Max Ernst, René Magritte, Yves Tanguy – auf de Chirico als ihren Vorläufer. De Chiricos Praxis des Zitats und des Selbstzitats wurde in den letzten Jahrzehnten durch die Vertreter der internationalen Postmoderne in Malerei und Architektur aufgenommen.
Das Kunstmuseum Winterthur besitzt das wichtige Selbstbildnis als Maler von 1924, das de Chirico in seinem Kleinen Traktat über die Maltechnik als beispielhaft hervorhob. Es ist der Ausgangspunkt für die Ausstellung und wird durch verschiedene frühe und späte Selbstbildnisse ergänzt, denn Selbstbespiegelung und Selbstdarstellung sind zentrale Themen des Künstlers.
Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den Gemälden der metaphysischen Periode der zehner Jahre, in denen de Chirico die stille Poesie der leeren Plätze entdeckte. Ihre eigentümlich gesteigerte Perspektive mündet auf die in den Himmel ragenden Türme, Architekturen des Unendlichen. Alltägliche Gegenstände werden in bühnenartigen Räumen miteinander konfrontiert; die überwältigende Klarsicht schlägt sich in der Nüchternheit der Darstellungsweise nieder. Nach dem Ersten Weltkrieg wandte sich de Chirico älteren Formen der Malerei zu, der italienischen Renaissance und der Neo-Romantik eines Arnold Böcklin. Diese Periode ist repräsentiert mit Beispielen der grossen allegorischen Gemälde, die als «Ville romane» bekannt sind, der Stilleben und symbolisch aufgeladenen Selbstbildnisse. In Paris wurde deChirico ab 1925 von den führenden Pariser Kunsthändlern seiner Zeit, Léonce Rosenberg und Paul Guillaume, vertreten. Diese Werkphase, während der er äusserst erfolgreich war, ist durch zahlreiche Werke präsent, die seine bekanntesten Motive versammeln – Möbel in Landschaften, Gliederpuppen im Gewand von Archäologen, Pferde, Gladiatoren, Trophäen. Die dreissiger Jahre sind eine Zeit der Krise, die mit ernsten wirtschaflichen Problemen de Chiricos nach dem Börsenkrach von 1929 zu tun hat. Sein Werk schwankte zwischen einem eigenwilligen Naturalismus und neuen Bilderfindungen in der Art metaphysischer Phantasien wie in der Folge der Bagni misteriosi. In diese Zeit fallen auch die ersten Repliken nach Themen, die de Chirico in den frühen metaphysischen Gemälden entwickelt hatte. Die von Nietzsche hergeleitete Konzeption der «ewigen Wiederkehr» begann das Werk zu bestimmen. Für die späte Zeit stehen einige wenige Beispiele seiner «barocken» Malerei, die de Chirico als grossen, polemischen Kontrahenten der Moderne erweisen. Neo-metaphysische Werke aus der Zeit um 1970, worin der inzwischen über achtzig Jahre alte Künstler von Neuem und in überraschender Frische Figuren und Themen seiner Vergangenheit aufleben liess und ihr neue poetische Bilderfindungen anfügte, beschliessen die Ausstellung.

Fazit
Welch eine klassik-getränkte 2000 Jahre tradierte zugleich grossartig-gestische Akademie-Parodie über das Bildungsbürgertum mit seinem Schein- und Trödeldenken ( Doxa*) bietet das Kunstmuseum Winterthur (CH) 2008 . Diese bildlich-narrative Satire widerspiegelt sich da IN und RUND-UM Figuren in zentralperspektivischen und agora-phobischen Schaubühnen-Plätzen von De Chirico's Werken!
Treten wir näher, entdecken wir fast durchgehend einen theatralischen Raum und erleben die Verstörtheit der Beziehungen von Bildelementen und vorrangig von Personen zueinander - genial komponiert (der POPart in seinem Männer-Bad - unserer Zeit vorausgeeilt, in Zürich noch im Schanzengraben-Bad homophil erlebbar). So hat das mit dem Werkzeug des Metaphysischen, Surrealen vorzüglich und auch humorvoll-dekorativ entrückt und verzückt Dargebotene, in unserer global-urbanen Raum-Zeit dank diesem stetigen Frage-Bildnerischen etwas von Zen-Verborgenheit, jedenfalls bezieht De Chirico auch Platon's Frage-Sprache (politea)* mit ein. De Chirico? Ein Schau- und Denkerlebnis ohnegleichen.  w.p.
*) http://archiv.kultur-punkt.ch/akademie4/


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