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Online-Publikation: Juni 2011 im Internet-Journal <<kultur-punkt>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Neo Rauch : Hrsg. Stiftung Frieder Burda, Werner Spies, Texte von Werner Spies, Eduard Beaucamp, Philippe Dagen, Rose-Maria Gropp, Andreas Platthaus, Peter-Klaus Schuster, Durs Grünbein, Gestaltung von Andreas Platzgummer >>
Katalogbuch: 184 Seiten, 110 Abb., 102 farbig, 20,00 x 28,50 cm, gebunden mit Schutzumschlag; ISBN 978-3-7757-2830-0 ; € 29,80 | CHF 41,90
Kunst zum Hören: Neo Rauch . Hrsg. Stiftung Frieder Burda, Text von Elke Linda Buchholz, Gestaltung von KOMA AMOK
44 Seiten, 27 farbige Abb. 22,50 x 22,50 cm, gebunden, mit CD; ISBN 978-3-7757-2996-3 ; € 16,80 | CHF 24,90
Ausstellung: Museum Frieder Burda, Baden-Baden 28.5.– 18.9.2011 . Einzelausstellung mit vielen bisher nicht gezeigten Gemälden und erstmals auch Skulpturen; office@museum-frieder-burda.de;  www.museum-frieder-burda.de  
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern; www.hatjecantz.de;  m.gatermann@hatjecantz.de;
 

Der Protagonist
http://www.kunstwissen.de/fach/f-kuns/b_postm/rauch00.htm

Inhalt
Von Werner Spies zusammengestellt: Die ultimative Auswahl an Hauptwerken.
Neo Rauch (*1960 in Leipzig) zählt sicherlich zu den bekanntesten Künstlern unserer Zeit. Werner Spies hat sich mit neuen Fragestellungen zum Werk von Neo Rauch auseinandergesetzt und eine Schau zusammengestellt, die konzentrierte Einblicke gewährt. In der vorliegenden Publikation präsentiert er Hauptwerke der letzten 20 Jahre aus dem Œuvre des Malerstars. Die Bilder stammen aus bedeutenden deutschen und europäischen, öffentlichen wie privaten Sammlungen.
Rauchs Bilder sind rätselhaft, apokalyptisch. Die düsteren Traumwelten, die während des Malprozesses, ohne Vorzeichnungen und Entwürfe »zu ihm kommen«, wie der Künstler sagt, üben gewaltige Sogkraft aus. Der Betrachter sucht jedoch vergeblich, hinter das wahre Geheimnis der Kompositionen zu kommen. Die häufig an Selbstbildnisse des Künstlers gemahnenden Figuren scheinen aus der Tiefe der Zeit aufzusteigen und bieten Projektionsfläche für eine Vielzahl von Interpretationen. (Französische Ausgabe ISBN 978-3-7757-2831-7)

Das Museum Frieder Burda
zeigt eine große Neo Rauch Ausstellung mit rund 40 großformatigen Kunstwerken des Leipziger Künstlers.
Nach der erfolgreichen Doppelausstellung „Begleiter“ in München und Leipzig im vergangenen Jahr ist Baden-Baden die nächste Station.
Neben großen Gemälden der letzten 20 Jahre von Neo Rauch, sind auch 10 Zeichnungen des Künstlers zu sehen. Seine Arbeiten, eine Mischung aus Pop-Art - Realismus - Surrealismus und Mystik begeisterten nicht nur Ausstellungsbesucher auf der ganzen Welt, sondern auch Sammler seiner Werke.
Neo Rauch gilt auch auf dem Kunstmarkt als einer der erfolgreichsten Künstler aus Deutschland.
Frieder Burda über Neo Rauch:
„Neo Rauch ist für mich ein sehr wichtiger Künstler, der seinen eigenen Weg beschreitet mit einer unverwechselbaren Malerei. Er zählt sicherlich zu den bedeutendsten Malern der Gegenwart. Als ich Rauch mit Blick auf diese Ausstellung in seinem Atelier in Leipzig besuchte, sah ich ein großes Ölgemälde, das kurz vor der Vollendung stand. Der Titel: „Die Ausschüttung“. Ich war fasziniert vom Mythos, dem Geheimnisvollen, von den Farben, von der Ausstrahlung dieses Bildes.“

Art-Magazin
www.art-magazin.de/kunst/42739/neo_rauch_baden_baden
EIN TROMMLER OHNE TON
Das Museum Frieder Burda Baden-Baden zeigt eine Retrospektive von Neo Rauch. Der Maler hat sich in den vergangenen Jahren malerisch entwickelt und ist selbstbewusster geworden. Und trotzdem verrät die Chronologie, dass Rauchs Methode, alles und jedes wie im Traum zu collagieren, in der Summe beliebig wirkt.
// ADRIENNE BRAUN
Sie fliegen und hüpfen, gleiten und schweben. Bloß: Wie macht man das als Mensch, drei Meter über dem Fußboden zu verharren, leicht wie ein Vöglein im Wind? Für Neo Rauch ein Kinderspiel. Er öffnet Hausfassaden und schrumpft Männer auf Puppengröße. Flüsse fließen den Berg hinauf, und Treppen verlieren sich im Nirgendwo.
Neo Rauch ist ein Magier, der in seiner Malerei versiert die Logik überlistet. Er verschränkt Innen- und Außenraum, verschmilzt Architektur und Natur oder setzt Männern zwei Köpfe auf die Schultern. Er ist ein Routinier und weiß, wie man Objekte auf der Fläche so collagiert, dass die Brüche und Kanten geschmeidig werden, aber doch sichtbar bleiben. Neo Rauch hat schließlich nie etwas anderes getan.
Im Museum Frieder Burda ist dem Leipziger Maler nun eine Retrospektive gewidmet, die zwar leider nicht seine frühen Werke und die Studienzeit dokumentiert, aber doch die Entwicklungslinien des Werkes nachzeichnet, das heute als Blue Chip gehandelt wird. So überschaubar die Ausstellung mit nur 40 Werken ist, sie genügen, um in den traumartigen Kosmos einzutauchen, in dem die Figuren marionettenhaft von fremden Mächten bewegt werden. Auf dem Bild "Vorführer" von 1997 ist der Filmvorführer eine Art Anziehpuppe, wie aus dem Bastelbuch ausgeschnitten. Doch so geheimnisvoll und verstörend Rauchs Bildwelten sind, beim Rundgang tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Man ahnt die Abgründe hinter diesen extrem konstruierten, surrealen Arrangements, aber in der Summe verlieren sie an Schlagkraft, zumal das Gros der Leihgaben sowie die Werke aus der Sammlung von Frieder Burda schon andernorts ausgestellt waren. Rauchs Methode, erzählerische Fährten zu legen, aber auf jeden Bedeutungszusammenhang zu verzichten, führt zu Beliebigkeit. Rauch schöpft aus dem kollektiven Bildgedächtnis von BRD und DDR, greift auf Techniken der sozialistischen Propagandakunst, der Werbe- und Comic-Ästhetik und der Pop-Art zurück. Und sagt damit doch nichts.
In der "Waldmann" (2003) kontrastiert er eine romantische Stimmungslandschaft mit fensterloser Architektur – eine unheimliche und abgründige Vision, die das Gefühl evoziert, haltlos und verloren zu sein. Aber gerade wenn er konkret historische Versatzstücke verwendet – Kleidung, Möbel, Gebrauchsgegenstände, Container, wenn er Typen wählt wie Mönch, Bauer, Revolutionär, Arbeiter, Jäger, so scheint es, als trommle hier einer energisch, dem der Ton abgestellt wurde. Nichts zu dechiffrieren, es bleibt das Spiel mit Erinnerungsfetzen, die konsequent der Malerei unterordnet werden.
Interessanter ist es, Neo Rauchs Entwicklung in der von Werner Spiess chronologisch präsentierten Ausstellung zu verfolgen. Zögerlich und behutsam nutzt Rauch Anfang der neunziger Jahre noch die malerischen Mittel, es ist ein vorsichtiges Herantasten an seine Neuauflage des Surrealismus. "Hotel" von 1995 trennt noch klar drei Bildzonen, die separiert wie Zimmer in einem Gebäude wirken. Hier ist einer noch auf der Suche, er arbeitet seine kühnen Visionen noch nicht mit dem Selbstbewusstsein und der Routine durch, die heute in den Bildern regieren.
Mit der Jahrtausendwende kommt Farbe in die zunächst brauntonige Palette. Starke, kräftige Töne bringen die Bilder förmlich zum Erblühen, während die Arbeiten jüngerer Zeit wieder düster werden, ein bräunlicher Atelierton lässt sie altmeisterlich wirken. So belegt die Chronologie, dass Rauch sich entwickelt, dass er immer versierter schichtet und schachtelt und Figuren und Objekte raffiniert verzahnt. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass Rauch eine Methode gefunden hat, die malerisch dankbar ist und, wie er sagt "vitale Kräfte birgt". Er werde mit dieser Methode wohl kaum an ein Ende kommen, in der Rezeption der Bilder kommt man dagegen immer schneller ans Ende, und es drängt sich zunehmend der Eindruck auf, dass hinter dieser versierten, spannungsreichen Malerei inhaltlich doch immer nur das Nichts gähnt.

Fazit
Vom Soz-Realismus ausgehend, hat gleich der Zeitläufte, Neo Rauch zu seinem ganz persönlichen, "durchtönenden" Neo-Realismus gefunden. Das bedeutet eine doppelte Metamorphose, erstens stilistisch figurative Wandelfiguren mit ihre Requistiten, auf- und umgeklappten, verschachtelten Raum-Bühnen. Und zweitens in gewagten Situationen, Gestellte Figuren in Gestellen - Geworfenheit* - hör ich Heidegger imaginär ausrufen, nun vom real-asozialen Realismus durchwirkt, scheinen sich die Bild-Protagonisten in ein puritanes kapitalistisches Kulissengeschiebe zwischen Innen und Aussen, Architektur und Landschaft verirrt zu haben, Jedenfalls haben sie ihr Gleichgewicht veräussert bis verloren. Das gibt zu denken. Und so ist Neo Rauch ein bildgestaltender Sokratiker, ein Fragender wie wir - gut so. m+w*.p11-6
Vertiefende Hinweise:
*) www.dalank.de/notabene/sz_35_38.html
www.kultur-punkt.ch/av-media/zweitausendeins10-7rauch-bergmann.htm

 


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