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W+B Agentur-Presseaussendung November 2006
Ereignis- und Buchbesprechung
<<Joseph Beuys : Die Materialien und ihre Botschaft, Museum Schloss Moyland , bis 04.03.2007>>
Leiterin Medien- und Öffentlichkeitsarbeit Stiftung Museum Schloss Moyland: Sofia Becker
Kuratorin: Dr. Barbara Strieder
Museumspädagogik: Annette Theyhsen
Computerprogramm: verb, Agentur für Kommunikationsdesign GmbH, Essen (visuelles Konzept und Gestaltung in Kooperation
mit Nils Kemmerling, Düsseldorf
Buchung Führungen: lueb@moyland.de  
Publikation:
Joseph Beuys – Die Materialien und ihre Botschaft
Buch mit 260 Seiten, 121 ganzseitigen Farbabbildungen und Aufsätzen von Peter Bürger, Franz Joseph van der Grinten,
Barbara Strieder und Monika Wagner sowie einführenden Texten zu den 14 Materialien von U We Claus, Antje von Graevenitz,
Sebastian Hackenschmidt, Eva Huber, Tanja Maka, Adam C. Oellers, Klaus-D. Pohl, Dietmar Rübel, Andreas Schalhorn, Heribert
Schulz, Barbara Strieder, Kirsten Claudia Voigt und Wouter Weijers.
Preis im Museumsshop: 29,80 €. Kombipreis Katalog und Eintrittskarte: 27 €
Es wird außerdem eine Vorzugsausgabe im Filzschuber angeboten.
Museum Schloss MoylandAm Schloss 4, D-47551 Bedburg-Hau;
 www.moyland.de ; becker@moyland.de

Fazit: Mehr als Fett und Filz ...(Besprechung folgt)


Zum Inhalt:
Das Konzept der Ausstellung
Materalien und Botschaft
Materialeigenschaften
Beuys´ Plastische Theorie
Texte zu Materialien: Wachs, Gips, Farbe, Honig, Filz, Fett, Gold, Erde, Schokolade, Kupfer, Schwefel, Knochen oder Blut..

Joseph Beuys wählte ganz bestimmte, häufig dem Alltag entlehnte Materialien, allen voran Fett und Filz, aber auch Erde,
Wachs, Honig, Schokolade, Kupfer, Schwefel, Knochen oder Blut. Er lud das Material an sich mit Bedeutung auf, unabhängig
von seiner Form. Diese Bedeutung gründet meist auf den jeweiligen Materialeigenschaften. Eine Annäherung an die Bedeutung
der einzelnen Materialien
bei Beuys kann von daher über eigene Alltagserfahrungen des Betrachters erfolgen.
Die Werke und mit ihnen auch die Materialien waren für Beuys gleichsam Transportmittel, die seine Ideen verbreiten sollten:
Eine der Kernthesen von Beuys ist sein Begriff der Plastik. Plastik ist für ihn nichts Statisches. Sie besteht seiner Vorstellung
nach vielmehr aus zwei Polen, einem warmen, chaotischen Pol und einem kalten, geformten Pol. Zwischen beiden vermittelt ein
Formprozess, der ständig in Bewegung ist.
Für Beuys erschöpfte sich das Bedeutungsgeflecht, mit dem er die Materialien und ihren Einsatz in seinem Werk überzog, nicht
im Materiellen. Vielmehr sah er die Materialien als Substanzen an, denen sowohl materielle als auch geistige Kräfte innewohnen.
Diese Kräfte, wie Energie oder spirituelle Wärme, wollte er spürbar machen.
Die Werke von Joseph Beuys sind Teil seiner Bestrebungen, heilend auf den Menschen und die Gesellschaft einzuwirken. Die
von ihm gewählten Materialien sollen dazu effektiv beitragen.

Das Konzept der Ausstellung
Die Ausstellung gliedert sich in einzelne ‚Materialkapitel’. Es wurde dabei eine bewusst offene Präsentationsform gewählt, die
das Unabgeschlossene, Wandelbare des beuysschen Material- und Werkbegriffs zur Anschauung bringen soll.
In den gezeigten plastischen Arbeiten – vorwiegend plastische Bilder, kleine Objekte, aber auch Multiples – sind die Materialien
gleichsam in Realpräsenz vorhanden und können so ihre die Sinne aktivierende Wirkung auf den Betrachter ausüben. Es wurden
in erster Linie solche Werke ausgewählt, bei denen insbesondere die Materialien an sich zum Tragen kommen und weniger eine
bestimmte (figürliche) Form im Vordergrund steht.
Zu den plastischen Werken gesellen sich Arbeiten auf Papier, Zeichnungen, Öl- und Wasserfarbenblätter sowie Druckgrafiken.
Bereits deren Titel verdeutlichen, dass Beuys auch in Papierarbeiten auf vielfältige Weise Materialien thematisiert. Besonderes
Augenmerk richtet er dabei zumeist auf die Darstellung des jeweiligen Materials und seines besonderen Charakters: So wird
beispielsweise Filz durch graue, körnige Ölfarbe verkörpert, Fett hingegen durch glatte gelbliche Ölfarbe oder amorphes Wachs.


Joseph Beuys - Seine Materialien und ihre Botschaft
Die Ausstellung untersucht erstmalig die Materialien von Joseph Beuys und verschafft durch die Möglichkeit einer
vergleichenden Betrachtung der Werke neue Einblicke in die zentrale Rolle, welche diese im Oeuvre des Künstlers spielen.
Die Ausstellung, die Publikation und das wissenschaftliche Symposium, das am 2. und 3. März 2007 während der Laufzeit der
Ausstellung stattfindet, bilden den Auftakt zum Jubiläumsjahr 2007, in dem das Museum Schloss Moyland unter anderem sein
zehnjähriges Bestehen feiert. Damit will das Museum nicht nur einen eigenen wichtigen Beitrag zur Beuysforschung liefern,
sondern auch den Zugang zum Werk dieses Künstlers für den nichtwissenschaftlichen Museumsbesucher mit neuen
Gesichtspunkten bereichern.
In der Ausstellung werden 14 der für Joseph Beuys wichtigsten Materialien präsentiert: Neben den ‚legendären’ Materialien Filz
und Fett sind dies Schokolade, Blut, Kupfer, Stein, Farbe, Honig, Wachs, Schwefel, Gips, Gold, Erde (Ton) und organische
Materialien wie Knochen, Haare und Fell. Beuys lud diese häufig dem Alltag entlehnten Materialien - unabhängig von ihrer Form
- mit Bedeutung auf. Er ist damit der erste Künstler, der eine derartige Materialauffassung mit solcher Konsequenz vertritt.

Materialeigenschaften
Bestimmte Materialeigenschaften waren Beuys besonders wichtig, allen voran die Umformbarkeit der Stoffe. Um veränderbare
Formprozesse zur Anschauung zu bringen, setzte Beuys insbesondere Fett, Wachs, Schokolade, Honig, Gold oder Erde (Ton)
ein. Bedeutsam ist aber auch die Flexibilität von Materialien wie z. B. Filz, der zudem Wärme dämmende und isolierende
Eigenschaften besitzt. Dem steht Kupfer mit seiner guten Leitfähigkeit von elektrischem Strom und Wärme gegenüber. Blut
transportiert Wärme, Sauerstoff und Nährstoffe; Fett, Schokolade oder Honig liefern Energie.

Beuys´ Plastische Theorie
Die Werke und mit ihnen auch die Materialien waren für Beuys gleichsam Transportmittel, die seine Ideen verbreiten sollten:
Eine der Kernthesen von Beuys ist sein Begriff der Plastik. Plastik ist für ihn nichts Statisches. Sie besteht seiner Vorstellung
nach vielmehr aus zwei Polen, einem warmen, chaotischen Pol und einem kalten, geformten Pol. Zwischen beiden vermittelt ein
Formprozess, der ständig in Bewegung ist.
Wenn man Eigenschaften, Einsatz und Bedeutung der Materialien im Einzelnen nachgeht, wird deutlich, dass die Plastische
Theorie auch für die Materialien letztendlich der Dreh- und Angelpunkt ist, und dass sie es sind, die die künstlerische Tragweite
dieser Theorie visualisieren.


Texte zu Materialien

Wachs
Wachs als Naturprodukt wird u. a. von Bienen erzeugt. Sie stellen es mit Hilfe ihrer Wachsdrüsen in Form von kristallinen
Waben her. In den Waben werden Honig und
Pollen gespeichert, die Brut wird darin vom Ei bis zur Puppe aufgezogen.
Beuys verwendete Wachs aufgrund von Materialeigenschaften, die denen von Fett vergleichbar sind. Sie vermögen es, seine
Plastische Theorie zu veranschaulichen: In warmem Zustand ist Wachs flüssig, in kaltem nimmt es eine feste Form an. Als
Produkt der Bienen verweist es zudem auf komplexe natürliche und soziale Prozesse: Wachs entsteht durch arbeitsteiliges
Zusammenwirken, das Beuys als vorbildhaft auch für die Menschen ansah.
Er setzte Wachs als plastisch formbares Material ein, sogar als ‚Malmittel’ und als ‚Tauchbad’ zur Versiegelung beispielsweise
von Büchern und Architekturplänen, aber auch von Holz. Wachs bildet dabei in erstarrtem Zustand einen schützenden
Überzug, der in einem reversiblen Prozess mit Hilfe von Wärme wieder verflüssigt werden kann. Wachs verweist so, in Analogie
zur Plastischen Theorie, auf bewegte Transformationsprozesse, die sich unter Einwirkung von Wärme bzw. Kälte vollziehen.

Gips
Gips ist ein fast farbloses, nach seiner chemischen Zusammensetzung Calciumsulfat genanntes Mineral. Er entstand als
geologische Formation überwiegend aus Meereswasser. Im vorgefundenen Zustand hat er eine geringe Härte und eine geringe
Wasserlöslichkeit. Gips ist eines der klassischen Bildhauermaterialien, das für Entwürfe und Abgüsse, aber auch für Modelle und
Formen z.B. für den Bronzeguss eingesetzt wurde und wird.
Beuys verwendete Gips vor allem in engem zeitlichem Zusammenhang mit seinem Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie.
Er arbeitete damit in plastisch modellierbarem oder auch in ausgehärtetem Zustand. Darüber hinaus setzte er es in
angerührter, flüssiger Form als Malmittel ein.
Zumeist tritt Gips in seinen Werken nicht mit einer eindeutigen eigenen Materialbedeutung auf: Er ist, als modelliertes oder
skulptiertes Material, Träger von Zeichen. In einigen Arbeiten freilich verweist Gips, der zermahlen und mit Wasser vermischt
werden kann, danach aber durch Trocknung erstarrt, auf den Tod. Sein Erstarrungsprozess kann nämlich, anders als bei
Wachs oder Fett, nicht rückgängig gemacht werden.

Farbe
Das Wort Farbe bedeutet zweierlei: eine Eigenschaft, die einen Sinneseindruck vermittelt, und ein Material. Bei Beuys gehen
diese beiden Bedeutungen oft ineinander über. Den Sinneseindruck betrachtete er vielfach als Substanz. Eine farbige
Erscheinung sollte Vorstellungen, Assoziationen auslösen. So lässt etwa die goldgelbe Farbe von Beize an Honig denken.
Gleichzeitig ist Farbe für Beuys sehr materiell. Auf Wasserfarbenblättern verwendete Pflanzensäfte erzeugen nicht nur
Sinneseindrücke, sie verweisen in ihrer Materialität auch auf die Welt des Organischen.
Die von ihm ‚Braunkreuzfarbe’ genannte rotbraune Fußbodenfarbe, die er seit der 2. Hälfte der 1950er Jahre häufig einsetzte,
hat durch ihre Dickflüssigkeit einen sehr stofflichen, plastischen Charakter. Sie erinnert unter anderem an Blut und an Erde.
Gleichzeitig soll diese eigentlich anspruchslose Farbe im Menschen reiche Gegenbilder hervorrufen.
Beuys setzte Farbe auch als Material des Übergangs von Fläche über Relief zu Plastik ein. Zugleich soll sie als Substanz über
das Auslösen von Sinneseindrücken auf Geistiges verweisen.


Honig
Honig ist ein Produkt der Bienen, gewonnen aus Nektar und Honigtau, die im Bienenstock eingedickt und durch
Speichelfermente chemisch verändert werden. Er enthält viele Vitamine und Spurenelemente und wird nicht nur als Nahrungs-
sondern auch als Heilmittel verwendet. Das Sammeln und Aufbewahren von Honig gehört zu den sehr frühen Tätigkeiten in der
Menschheitsgeschichte.
Beuys verwendete Honig als durchweg positiv belegtes Material, welches aber nur bedingt plastische Qualitäten besitzt. Er ist
ein Material des ständigen Übergangs zwischen flüssig und fest, geformt und ungeformt. Von daher eignet sich Honig eher für
Gedankenexperimente als für konkrete Plastiken.
In dem berühmten Werk Honigpumpe am Arbeitsplatz (1977) auf der documenta 6 in Kassel zirkulierte mit Wasser verdünnter
Honig in Schläuchen durch das Ausstellungsgebäude. Gleich einem lebendigen Kreislaufsystem strömten die positiven Energien
des Materials und die Beuysschen Ideen durch die Räume: In Honig vereinen sich Beuys’ Vorstellung nach Kräfte des Pflanzen-
und Tierreichs mit der Wärme und Strahlung des Kosmos.
Das arbeitsteilige Zusammenwirken der Bienen sah Beuys zudem als vorbildhaft für einen funktionierenden sozialen Organismus
an.

Filz
Filz besteht aus Wolle und sonstigen Tierhaaren, die mit Hilfe von Wasser und Wärme gewalkt werden: Sie werden
zusammengepresst und gerieben, bis sie ‚verfilzt’ sind. Anders als gewebte Textilien hat Filz keine geordnete, sondern eine
chaotische Struktur. Sowohl diese innere Beschaffenheit als auch die besonderen, Wärme isolierenden und Geräusche
dämmenden Eigenschaften machen Filz zu einem für Beuys sehr bedeutungsvollen Material.
Filz verkörpert für Beuys die beiden im plastischen Schaffensprozess wie in den ausgeführten Werken entscheidenden Pole von
Chaos und Ordnung: innere chaotische Struktur und äußere feste Form. Diese beiden Pole, die durch Bewegung verbunden
werden, stehen im Denken von Beuys auch für Wärme (Chaos) und Kälte (Ordnung).
Filz erscheint folglich in seinen Werken oft als Material, das vor Kälte schützen kann. In anderen Arbeiten tritt es in seiner
akustisch isolierenden Eigenschaft auf: Ein in Filz verpackter Flügel produziert nur ‚innere Klänge’. Ein mit Filz ausgekleideter
Raum erzeugt eine Atmosphäre der Stille und der Konzentration, aber auch der Isolation von äußeren Einflüssen. Als
plastisches Material bewahrt Filz auch in geformtem Zustand Beweglichkeit und Elastizität. Seine graue Farbe soll in der
Phantasie des Menschen die Farben des Regenbogens hervorrufen.

Fett
Fett besteht aus Fettsäuren. Es kann aus Tier- oder Pflanzenzellen gewonnen werden, aber auch eine synthetische
Herstellung ist möglich.
Bereits Ende der 1950er Jahre begann Beuys, sich zeichnerisch mit Fett und seinen Materialeigenschaften zu befassen. Auf
dieser Grundlage entstanden ab etwa 1962/63 Fettecken und andere Fettplastiken, plastische Bilder und Objekte mit Fett.
Fett beschäftigte ihn vor allem wegen seiner plastischen Qualitäten und seiner leichten Veränderbarkeit. Die
Temperaturempfindlichkeit, die Fähigkeit, schon bei geringen Temperaturschwankungen den Aggregatzustand zu verändern,
machten Fett für Beuys zum Gegenpol für Stein und Kristall mit ihrer Unveränderlichkeit.
Erwärmt ist Fett amorph, sogar flüssig, in erkaltetem Zustand nimmt es eine feste Form an. Auf diese Weise vermag Fett sehr
gut die sogenannte Plastische Theorie von Beuys zu veranschaulichen: Seiner Vorstellung nach besteht Plastik aus den beiden
Polen Chaos (Wärme) und Ordnung (Kälte), zwischen denen ein bewegter Formprozess vermittelt.
Als Lebens- und Überlebensmittel hängt Fett zudem eng mit dem menschlichen Körper zusammen: Es liefert Energie, bewirkt
innerkörperliche Transformationsprozesse. Fett steht bei Beuys nicht zuletzt für die Fähigkeit des Menschen, mit seiner
eigenen, geistigen Wärme Veränderungsprozesse in Gang zu setzen.

Gold
Seit Menschengedenken gilt Gold als das kostbarste und edelste aller Metalle. Der Grund dafür ist sicherlich nicht nur sein
spärliches Vorkommen und seine mühsame Gewinnung. Vor allem sind es sein besonderer Glanz und seine dem Sonnenlicht nahe
Farbe. Aus Gold waren schon früh die Götzenbilder, die durch ihn einen überirdischen Charakter bekamen. Später waren es die
kostbaren Reliquien, die in mit Gold beschlagenen Schreinen aufbewahrt wurden. Gold lässt sich schon bei geringer Erhitzung
zum Schmelzen bringen. Dies führte, in Kombination mit seiner erhabenen Erscheinungsform, zu einer besonderen Rolle dieses
Edelmetalls in der Alchemie, deren Bestreben es war, aus anderen Metallen Gold herzustellen.
Berühmt wurde eine Aktion, bei der Beuys auf der documenta 7 in Kassel 1982 eine goldene Krone zu einem goldenen Hasen
umschmolz. In Beuys’ Werken kommen Blattgold, goldenes Stanniolpapier, aber auch – als Malmittel – Goldbronze vor.
Immer geht es Beuys bei der Verwendung von Gold darum, Geistiges hinter dem Materiellen hervorzuheben.

Blut
Blut transportiert im Körper die notwendigen, lebenserhaltenden Stoffe. Es ist Quelle von Energie und Wärme. Es nährt den
Körper. Zirkulierendes Blut deutet auf Leben hin. Wenn bei Verwundeten der Puls spüren lässt, dass das Blut zirkuliert, gibt es
zumeist noch Hoffnung. Blut hat im Körper eine heilende Funktion. Aber es erinnert uns auch an Verletzungen, Schmerz und
Tod. Die rote Farbe des Blutes hängt wesentlich mit dem in ihm enthaltenen Eisen zusammen. Geronnenes Blut wird durch
Oxidierung des Eisens bräunlich.
Für Beuys bildet das Metall Eisen eine wichtige Verbindung zwischen der Erde und dem im Organismus kreisenden Blut.
In seinen Werken verwendete Beuys Blut als Material. Es erscheint als Malmittel, aber zum Beispiel auch in Form von
Verwundungsspuren oder Flecken, in Schläuchen oder Beuteln. Auch setzte er Blut von Hasen ein, Tieren, denen er besondere
Kräfte beimaß. Vielfach befasste sich Beuys mit dem Blutkreislauf, der für ihn auch ein Bild für das Funktionieren sozialer
Organismen und der gesamten Natur ist.

Erde
Das Wort Erde bezeichnet sowohl unseren Planeten als auch unterschiedliche Materialien an seiner Oberfläche: Humus, Ton,
Löss, Lehm.
Von Letzteren erscheinen in den Werken von Beuys sowohl die organische Erde – aus Pflanzlichem entstanden und zum
Wachstumsboden für Pflanzen geworden – als auch der Lehm, der sich aus Flussablagerungen gebildet hat. In einigen von
Beuys’ Arbeiten stehen Erdklumpen oder Tonkugeln in Verbindung mit technischen Geräten, um den Zusammenhang von Natur
und Technik zu veranschaulichen und etwas über das Wesen der Elektrizität auszusagen. Das plastische Urmaterial Ton
verweist auf ganz elementare Gestaltungsprozesse, aber auch auf den für Beuys wichtigen Zusammenhang von Klang und
Plastik.
Humus, Ton, Löss und Lehm tragen nach Beuys’ Auffassung die Kräfte der Natur und der Erde in sich. Sie nähren den
Menschen. Die Erde ist Empfänger der kosmischen Strahlung und verfügt selbst über Gravitationskräfte, Magnetismus,
Erdstrahlung und Wärme. Das Anliegen, die Verbindung zu diesen Kräften aufrechtzuerhalten, kommt z. B. in dem Werk Die
Erdhorcher (1957) zum Ausdruck: Der Planet Erde soll – Beuys’ Vorstellungen nach – als Organismus betrachtet und das Leben
auf ihm von den Menschen respektvoll gestaltet werden.

Schwefel
Schwefel ist meist gelb und kristallin. Gasförmig oder in heißen Quellen tritt er oft im Zusammenhang mit Vulkanismus auf. Er
verbrennt mit blauer Flamme.
In der Alchemie spielte Schwefel eine wichtige Rolle. Er gehört zu den drei Prinzipien, aus denen nach Paracelsus (1493-1541)
die Welt besteht: ‚sulphur’ (Schwefel), ,mercurius’ (Quecksilber) und ‚sal’ (Salz). Sie wurden von ihm als das ‚Brennende’, das
‚Flüchtige’ und das ‚Greifliche’ charakterisiert. Im Menschen finden sie ihre Entsprechungen in ‚spiritus’ (Geist), ‚anima’ (Seele)
und ‚corpus’ (Leib).
Bei dieser alchemistischen Bedeutung des Schwefels setzte Beuys mit einer Verwendung dieses Materials an, die wiederum auf
der Plastischen Theorie gründet: ‚sulphur’, das Brennende, für Beuys die Verkörperung des Wärmeprinzips, des Chaos, wird mit
‚sal’, dem Formprinzip, in Verbindung gebracht durch ‚mercurius’, dem Bewegungsprinzip.
Beuys verwendete Schwefel meist als Pulver, das er, mit Bindemittel versetzt, auf Metall oder Papier auftrug, oder auch, in
Glasfläschchen oder Schüsseln gefüllt, in Vitrinen integrierte.
Auf der Schwefelpostkarte (1984) wird durch die Materialeigenschaft von Schwefel (Brennbarkeit) und den beigefügten Gruß
„frohe, schweflige weihnachten“ auf Wärme und Licht im konkreten wie übertragenen Sinn angespielt.

Schokolade
Schokolade ist ein Genussmittel aus Kakao, das in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen und Qualitätsstufen produziert
wird. Im Laufe ihrer langen Geschichte galt Schokolade als ‚Götterspeise’, als Zahlungsmittel bei den Azteken, als Symbol für
Wohlstand, als Heilmittel, Kraftnahrung und auch als Aphrodisiakum. Heute nehmen wir Schokolade hauptsächlich als
Genussmittel zu uns.
Bei Beuys kommt Schokolade als künstlerisches Material seit den 1960er Jahren vor, insbesondere in Form von
Schokoladetafeln oder -stückchen in plastischen Bildern und Multiples. Die Aussagekraft der Schokolade liegt für Beuys vor
allem in ihrer nährenden, verwöhnenden, Energie spendenden Qualität. Sie verweist für ihn aber auch auf geistige Nahrung.

Kupfer
Das Schwermetall Kupfer wird meistens aus Erz gewonnen. Es lässt sich mit einem geringen Zinnanteil zu Bronze legieren und
gewinnt so an Härte. In dieser Form wurde es schon in vorgeschichtlicher Zeit für die Herstellung von unterschiedlichen
Gegenständen verwendet. Durch seine elektrische und thermische Leitfähigkeit ist Kupfer in der modernen Technik vielseitig
einsetzbar.
Für Beuys waren beide Aspekte von Bedeutung: auf der einen Seite die Herkunft des Kupfers aus der Erde wie auch seine
Gewinnung mittels Wärme (Schmelzverfahren) und auf der anderen Seite seine Leitfähigkeit.
Kupfer wurde von Beuys unter anderem in Kombination mit Filz eingesetzt, um Wärmedämmung und Wärmeleitung miteinander
zu konfrontieren. Ein kupferner Stab, wie Beuys ihn etwa in der Aktion EURASIENSTAB 1967 und 1968 einsetzte, symbolisiert
die Möglichkeit, Kraftströme aus Kosmos und Erde aufzufangen und als Lebenssubstanz in sich aufzunehmen.

Stein
Das Material Stein tritt bei Joseph Beuys nicht im traditionellen bildhauerischen Sinn auf.
Für seine Materialwahl spielten immer auch erdgeschichtliche Formprozesse eine Rolle, wie etwa bei dem vulkanischen Basalt,
der durch relativ rasche Abkühlung glühendflüssiger Gesteinsschmelzen entstand. Er wurde in der natürlichen Form
prismatischer Säulen von Beuys verwendet. Am bekanntesten wurden die 7000 Basaltsteine, die er 1982 in Kombination mit je
einer jungen Eiche für die ‚Verwaldung’ der Stadt Kassel beschaffte. Bei diesem großen Kunstwerk erinnert der Stein an
Erstarrung und Unvergänglichkeit, im Kontrast zum Prozess des Wachstums und Sterbens in der organischen Natur. Gleichzeitig
verweist Stein durch sein Vorkommen in unterschiedlichster Form und Beschaffenheit auch auf den Kosmos und auf kosmische
Prozesse.
Stein erscheint im Frühwerk von Beuys in Form von Schiefer, aus dem er durch figurative Ritzungen Reliefs machte. Es war wie
ein Einzeichnen seiner bildlichen Gedanken in ein Material, das vor mehr als 350 Millionen Jahren unter großem
Auflagerungsdruck aus feinkörnigen Tonschlamm-Massen entstand und somit Teil der geologischen Erdgeschichte ist.

Organisches
In zahlreichen Werken verwendete Beuys Stoffe pflanzlichen oder tierischen, ja sogar menschlichen Ursprungs: Teesatz,
Knochen, Vogelschädel, Fell, Hasenpfoten, Haare, Zähne, Hörner, Blut, selbst Kadaver von Hasen oder Ratten. Mit diesen
Materialien flossen Zeugnisse gelebten Lebens, des Geschichtlichen und des Wandels in die Werke ein.
Knochen beispielsweise galten in vielen Kulturen einerseits als Symbole des Todes, andererseits aufgrund ihrer Dauerhaftigkeit
auch als Zeichen des Fortlebens. In der germanischen Mythologie und in prähistorischen Jagdkulturen war der Glaube weit
verbreitet, dass Tierknochen unversehrt der Erde zurückgegeben werden müssten, um eine Auferstehung des Tieres zu
ermöglichen. In der katholischen Kirche werden die Gebeine von Heiligen in Reliquienschreinen verehrt. Sie tragen nach
christlicher Vorstellung noch die heilende und heiligende Kraft in sich, die auf die Gläubigen einzuwirken vermag.
Materialien wie Knochen, Haare oder Zähne verweisen in Beuys’ Werken nicht nur auf Vergänglichkeit und auf den Tod als
Endpunkt des Lebens. Über den Gedanken einer Reanimierung deuten sie den Tod im Sinne eines notwendigen
Durchgangsstadiums hin zu einem neuen, höheren, geistigen Leben. Sie bergen also die Transformation, den Neubeginn bereits
keimhaft in sich.
 


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