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W+B Agentur-Presseaussendung Februar 2007
Ereignis- und Buchbesprechung
<<Kunstmuseum Basel, Ausstellung: Klassizismus bis frühe Moderne - Zeichnerische Positionen des 19. Jhdts. von
3. 2. bis 24.6. 2007>>

Kunstmuseum Basel; Christian Selz; St. Alban-Graben 8, CH–4010 Basel; Telefax +41 61 206 62 52
pressoffice@kunstmuseumbasel.ch;  www.kunstmuseumbasel.ch
Katalog
Vorwort, Einleitung und Essay zu Odilon Redons Zeichnungen von Anita Haldemann, erschienen im Kerber Verlag,
23 x 21 cm, 144 Seiten, 59 ganzseitige Farbabbildungen, komplettes Verzeichnis der ausgestellten Werke,
Bibliographie. Preis CHF 44.–; Kerber Verlag, 2007; www.kerberverlag.com

Zur Ausstellung
Die Zeichnung des 19. Jahrhunderts umfasst eine Vielfalt von Formen und Funktionen. Sie war nicht nur Grundlage
der künstlerischen Ausbildung, sondern stand im Zentrum der Vermittlung akademischer Werte. Deshalb war die
Zeichnung auch der privilegierte Ort, wo ein Künstler seine kritische Haltung gegenüber der akademischen Tradition
zum Ausdruck bringen und Stellung beziehen konnte. Bereits mit Overbeck und anderen Nazarenern am Anfang des
Jahrhunderts begannen Künstler auf selbst gewählte Vorbilder zurückzugreifen. Um eigene Positionen entwickeln zu
können, mussten sie sich einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Mediums Zeichnung stellen.
Anhand von Skizzen, Studien und bildmässig ausgearbeiteten Zeichnungen zeigt die Ausstellung, wie Traditionen
aufgenommen und für neue Ziele umdefiniert wurden. Das Kopieren nach alten Meistern, das zur akademischen
Ausbildung gehörte, wurde von Künstlern wie Cézanne zum Beispiel als „kreatives Kopieren“ praktiziert, um eigene
künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten zu entwickeln.
Die Geschichte der Zeichnung im 19. Jahrhundert ist so vielfältig, dass sie sich auch nicht innerhalb eines Landes
auf eine allgemein gültige Entwicklung festlegen lässt. Während am Anfang des Jahrhunderts mit Klassizismus,
Romantik und den Nazarenern noch grössere Entwicklungsstränge auszumachen sind, entfalten sich im Verlaufe der
Jahrzehnte immer stärker individuelle Positionen mit Menzel, Marées, Böcklin und Hodler, über Redon, Seurat und
Cézanne bis Picasso. Dennoch gibt es auffällige Tendenzen: Neben Studien von Friedrich, Böcklin, Leibl oder
Feuerbach, die der Vorbereitung von Gemälden dienten, gibt es vermehrt die autonome und sogar bildmässig
durchgearbeitete Zeichnung, so bei Calame, Menzel, Redon und Seurat. Andererseits finden sich die eher
persönlichen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmten zeichnerischen Recherchen von Delacroix, Marées oder
Cézanne. Die Zeichnung wird im 19. Jahrhundert auch immer wieder hinterfragt. Das Skizzenhafte, das seit dem
18. Jahrhundert in Zeichnungen besondere Wertschätzung erfuhr, wurde durch die Maler im Rahmen der Ästhetik
des Non-finito in Anspruch genommen. Die exakte Naturstudie fand eine neue Konkurrenz in der Fotografie, die in
den 1830er Jahren erfunden wurde. Dies sind nur zwei der wichtigsten Aspekte, die zeichnende Künstler zwangen,
zwischen diesen neuen Herausforderungen ihre persönliche, den eigenen künstlerischen Bedürfnissen
entsprechende Form zu finden.
Der Bogen der Ausstellung wird absichtlich grosszügig vom Klassizismus um 1800 bis zum jungen Picasso 1907
gespannt, denn ihm gelang es dank seiner Auseinandersetzung mit dem klassizistischen Werk von Ingres, sein
spätsymbolistisches Frühwerk abzuschliessen und den Kubismus einzuleiten. Die Ausstellung vernachlässigt
geographische Grenzen, indem sie französische, deutsche und schweizerische Künstler nebeneinander zeigt, auch
wenn sich die Künstler zum Teil gar nie begegnet sind oder ihre Werke gegenseitig nicht kannten. Die
Nachbarschaft ermöglicht aber spannende Vergleiche, kann unerwartete motivische Gemeinsamkeiten, stilistische
Parallelen oder auch Unterschiede deutlich werden lassen, so zum Beispiel zwischen Fohr und Ingres, Böcklin und
Redon, Marées und Cézanne, Cézanne und Böcklin.
Die 109 Zeichnungen von 50 Künstlern und einer Künstlerin stammen ausschliesslich aus der Sammlung des Basler
Kupferstichkabinetts, deren bemerkenswerte Vielfalt und hervorragende Qualität in der Auswahl zum Ausdruck
kommt. Die Sammlung der Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert wuchs nicht in allen Bereichen gleichmässig, und
so ergeben sich auch in der Ausstellung Schwerpunkte (Koch, Böcklin, Redon, Cézanne, Marées, Hodler). Im
Vordergrund steht aber die Vielfalt von Möglichkeiten des zeichnerischen Ausdruckes zwischen Tradition und
Moderne.

Weitere Ereignisse
Wiedereröffnung des Kupferstichkabinetts und neuer Studienraum
Wegen Umbau- und Sanierungsarbeiten im Kupferstichkabinett waren unsere Ausstellungsräume während etwa
zweieinhalb Jahren geschlossen. Die letzte graphische Ausstellung, die im Zwischengeschoss stattfand, war Nach
der Natur im Winter 2002/03. Während der Schliessung organisierte das Kupferstichkabinett die Ausstellungen
Michaël Borremans – Zeichnungen im Museum für Gegenwartskunst (2004/05), Rudy Burckhardt – New York
Moments (2005/06), Rembrandt. Radierungen aus der Sammlung E. W. Kornfeld (2005/06) und die grosse
Holbein-Ausstellung Hans Holbein d. J. – Die Jahre in Basel 1515–1532 (2006) in verschiedenen Räumen des
Kunstmuseums. Ohne Unterbrechung wurden die kleinen Ausstellungen in den Kabinetten des ersten Stockes
weitergeführt (Marquard Wocher, Minimal Art, In stetem Wandel I–III, Hans Bock d.Ä. – Zeichnungen).
Mit dem Umzug der Bibliothek in den Laurenz-Bau 2004 wurde der Studiensaal des Kupferstichkabinetts aufgelöst.
Am 24. Oktober 2006 konnte der neue Studienraum im Zwischengeschoss des Kunstmuseums eröffnet werden, wo
sich Studierende, Forscher und andere Museumsbesucher gegen Voranmeldung Originale vorlegen lassen können.

Fazit
Klassisch und geradezu liebevoll kommen diese Zeichnungen von 1793 bis ca. 1915 den aufmerksamen Betrachtern
entgegen. Es wurde dabei keine wissenschaftlich objektive Auswahl oder Tendenz angestrebt, vielmehr strahlt aus
der Begegnung eine künstlerische Bewegtheit und Faszination aus, die zeitlos wirkt. Bemerkbar ist auch die in der
Synopse auffallende, stetige Verflüchtigung des linear-zentralperspektivischen Figurativen hin zu einem beinahe
heraldisch-symbolischen Stil der sich bis zum Pointilistischen aufzulösen beginnt.
So können die interessierten BesucherInnen in dieser grafisch-synoptischen Retrospektive von 120 Jahren die
Entfaltung der visuellen Zeichenkunst zur punktuell-bewegten Darstellung mitverfolgen und geniessen. Gut so.


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