Onlinejournal    Kultur . >        < Suchen  > > >   Finden  >

 

 
<<Gerhard Wallner, Urbanist: Nur eine ausführliche Berichterstattung ermöglicht die aktive Mitarbeit der Bevölkerung>>
Zwieselweg 3 D, A-5020 Salzburg, (0662 – 831954)  schuler-wallner@utanet.at
Brief an die
Redaktion der SALZBURGER NACHRICHTEN Karolingerstraße 40 A-5021 Salzburg
Salzburg, den 3. Dezember 2000

Sehr geehrte Damen und Herren,

nahezu 20 Jahre studieren und arbeiten in Wien, nahezu 30 Jahre leben und arbeiten in Deutschland vergingen, ehe ich mich vor vier Jahren hier in Salzburg niederließ. Als engagierter Planer, der ich auch „im Ruhestand“ noch bin, habe ich das Stadtgebiet und die Umgebung aus Fußgänger-, Radfahrer-, Busbenutzer- und manchmal auch aus Autofahrersicht gründlich kennen gelernt. Ich nehme auch an den meisten Veranstaltungen zum Thema Stadtentwicklung teil und verfasse gelegentlich kritische, aber möglichst auch konstruktive Stellungnahmen. Ich frage mich allerdings, warum sich so wenig Salzburger zum Thema Stadtentwicklung äußern.

Ein Grund scheint mir in der diesbezüglich äußerst dürftigen und meist nur auf Einzelprojekte in der Architektur bezogenen Berichterstattung in den Medien zu liegen. Der lokale Rundfunk bringt überwiegend sensationelle oder spaßige Berichte, die lokale Presse vor allem farbige Doppelseiten mit immer wieder denselben prominenten Gesichtern. Die Kulturseiten der „Salzburger Nachrichten“ bringen – wenn sie nicht zur Hälfte aus Werbung bestehen – ganzseitig Theater- und Filmkritik, über Architektur wenig und über Stadtentwicklung fast nichts. Von den in letzter Zeit für die Stadtentwicklung wichtigen Veranstaltungen wurde dürftig oder gar nicht berichtet (zum Beispiel am 16. November im Stadtkinosaal zum Gestaltungsbeirat und zur Salzburger Altstadtsanierungskommission (SVK), am 17. November im Heffterhof zu den Einkaufszentren und Handelsgroßbetrieben und am 23. November zum Symposium in der Salzburg AG zu verdichteten Baugebieten).

Ich glaube, dass in Salzburg ein breiter Konsens darüber besteht, dass Stadtteilzentren gestärkt werden müssen, um den Trend zur Peripherie und dem wachsenden Autoverkehr entgegenzuwirken. Vor kurzem wurden in Gneis und in Moos (Maria Hilf-Platz) kleine Stadtteilplätze fertig gestellt. Weder der Rundfunk noch die Presse hat diese wichtigen lokalen Ansätze besonders hervorgehoben.

Im Jahre 2001 wurde im Rahmen der Internationalen Sommerakademie gemeinsam mit den „Salzburger Nachrichten“ auf die hohe Bedeutung von Regional- und Gesamtplanungen und dabei auf die Problematik der kleinen, aber übermächtigen Umlandgemeinden, die sinnvolle Gesamtentwicklungen verhindern, hingewiesen (siehe „AFTER SHOPPING“, Pustet Verlag, 2003). Seither wurde dieses Thema kaum mehr behandelt. Es bringt wenig, punktuelle Veranstaltungen mit großem Aufwand durchzuführen, ohne weiterführende Diskussion und ohne politisch verbindliche Schlussfolgerungen daraus.

Eine gute Berichterstattung muss außerdem bildhaft sein, d. h. sie muss Pläne präsentieren, die auch ein „Normalbürger“ lesen kann. Wie sollen denn die Bewohner und Bewohnerinnen über die sie direkt und indirekt betreffende Stadt- und Regionalentwicklungen informiert werden, wenn die einzige renommierte Tageszeitung in Salzburg ihre Verantwortung nicht wahrnimmt, auch auf diesem Gebiet bewusstseinsbildend zu wirken? Kultur besteht doch nicht nur aus Kunst, Theater und Events! Kultur ist auch Baukultur. Aus ihrer Geschichte lebt ganz Salzburg.

Als Beispiel für das positive Zusammenwirken von Stadtplanung, Berichterstattung und öffentlicher Diskussion einschließlich Bürgerbeteiligung stand in den 70er Jahren die Universitätsstadt Tübingen in Baden-Württemberg.
Als ich 1972 als Stadtplaner in die 70.000-Einwohnerstadt kam, waren bereits alle sieben Umlandgemeinden eingemeindet, eine entscheidende Voraussetzung für eine umfassende und effektive Stadtentwicklungsplanung. Es wurden dabei nicht nur die städtischen Ämter, sondern neben allen übergeordneten Planungen auch die einzelnen Ortsteile miteinbezogen. Eine ausführliche Berichterstattung ermöglichte eine aktive Mitarbeit der Bevölkerung, deren Ergebnisse in die abschließende Beschlussfassung im Gemeinderat mit eingeflossen sind. Diese bildete wiederum die Grundlage für die Ausarbeitung eines Flächenwidmungsplanes. Die Auswirkungen dieses demokratischen Planungsprozesses sind heute, 25 Jahre danach,  klar erkennbar: vor allem in der erfolgreichen Standortplanung für den Wohnungsbau, beim Ausbau der Infrastruktur (Schulen, Mehrzweckhallen, Kindergärten etc.) sowie im Bau von Rad- und Fußwegen. Leider war es schwierig, der in den 70er Jahren vorherrschenden Straßenbaueuphorie nachhaltiger entgegenzuwirken, und gerade dieses Faktum zeigt heute deutliche Nachteile.

In Salzburg konnte erfreulicherweise auf dem Gebiet des Straßenausbaues bislang größerer Schaden und die „Zerschneidung“ des Stadtgebietes verhindert werden, wie es in so vielen deutschen Städten leider zu beobachten ist.
Hinsichtlich der Zersiedelung ist man hier aber sicher schon zu weit gegangen: Himmelreich und Urstein-Au sind verloren.
Die „Verplanung“ von Guggenthal und der Kaserne in Wals-Siezenheim droht noch. Ich wünschte ich hätte in diesen Punkten Unrecht.

 Mit freundlichen Grüßen

 Gerhard Wallner


Um diesen Artikel zu drucken markieren Sie ihn bitte mit gedrückter Maustaste und kopieren ihn in Ihr
Textverarbeitungsprogramm z.B. Word. !

Copyright © 1999 - 2014[kultur-punkt.ch]. Alle Rechte vorbehalten.

.