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<<A Ornament will i sehen>> Metaphysische Gestaltung + Überleben im 21. Jahrhundert>>
Ruth Dieckmann-Spiethoff im Gespräch mit Walter Prankl, Wien-Göttingen, 3/2000>>

Begegnung
ist, wie in unserem Fall, sinn-entscheidend, dauert ein Leben. Auch dann, wenn man sich räumlich und im Tätigkeitsfeld weit entfernt. Du hast bei Josef Hoffman studiert. was ist Deine wichtigste Erinnerung an ihn, wann und wie?

Es wurde erzählt, dass er beispielsweise bei einer Beurteilungssitzung in der Akademie, immer seinen von ihm entworfenen, quadratisch-gelochten Blechkubus-Papierkorb neben sich stehen hatte. Und dass er stillschweigend die Entwürfe durchgesehen hat, wobei er die für nicht geeigneten nach links (nahe seines von ihm entworfenen kubischen Papierkorbs) gelegt hat und die in seiner Sicht geeigneten nach rechts getan hat?
Ruth Spiethoff-Dieckmann:

Ich war ganz jung, 17 Jahre, heute ist der 27. Februar 2000, mein jüngster Sohn Peter hat bereits seinen 54. Geburtstag. Draussen scheint die Sonne und ich hoffe Dir entsprechende Antworten  auf Deine Fragen geben zu können. Wie Du weißt, lebe ich in meinem so genannten Affenzirkus. Das sind meine Studentenmieter/innen, die ich seit Jahrzehnten habe, über die Miete hinaus auch manchmal berate, sei es in physischer oder seelischer Hinsicht.

Nun ich bestand die Prüfung für die Meisterklasse Hoffmann. Es war Oktober 1928.

Die Prüfung dauerte fast eine Woche und ich war sehr aufgeregt. So zeichnete ich tapfer drauf los. Übrigens den Anstoss zum Hoffmann zu gehen, bekam ich von meiner angeheirateten Cousine Elsa Engel-Brück. Sie hat mich ein Jahr lang geschult. Denn sie war zeitweise Dozentin an dieser Akademie für angewandte Kunst in Wien.

Sie war sehr begabt. Während wir nun fleissig im Saal arbeiteten, kamen und gingen immer irgendwelche Professoren und Dozenten durch den Raum. Also auch der JOSEF. Irgendwie war er auf mich aufmerksam geworden. Er hat während dieser Zeit auch meine Arbeit still angeschaut. Er trat heran und schaute einfach nur. Für mich war er in seiner Art einfach toll. Ruhig, gelassen, elegant, nicht nur in seinem Äusseren, sondern im ganzen Wesen.

Nach der Aufnahme in seiner Meisterklasse kam er wöchentlich zu uns. Wir hingen mit Nasen, Ohren und Augen an seinen Worten und Gesten. Wortreich war er nicht.  Aber wenn er was sagte, war es hinreichend um selbst weiterzukommen, ja besser und emsiger zu werden. Denn Trägheit verabscheute er. Sehr viele Talente versickern oft durch Faulheit und diese Gefahr war immer latent da. Jedenfalls war er ein wunderbarer Mensch und wir bewunderten ihn. Seine Werke waren damals schon weltbekannt. Wir hatten Schüler/innen aus Kanada, New York, England, Deutschland, Schweden,  Tschechei, Ungarn und Rumänien. Aus Österreich kamen sie aus allen Bundesländern. Aktuell für Hoffmann war die Reformzeit Kemal Pascha, der die Türkei reformierte und Ankara als Hauptstadt kreierte. Hoffmann beauftragte seine Schüler Pläne dafür Bauten und Inneneinrichtungen zu machen.
Kennst Du auch seinen Assistenten Oswald Haerdtl?
Natürlich kannte ich den damaligen Assistenten Haerdtl.
Zurück noch zu Hoffmann: Es ist stimmig was Du als Beispiel erzählt hast. Es war zwar kein Papierkorb neben ihm aber er hat ohne viel Worte die guten Arbeiten nach rechts und die weniger ansehnlichen nach links gelegt. So war er. Dann hat er manchmal irgend was von Maria Theresia erzählt, mit dem Resümee wir sollten uns in der Hofburg oder im Museum dies oder das einmal genauer anschaun. So hat er uns den Blick geweitet.

Ja, der Haerdtl. Er war eine Persönlichkeit in seiner Art und hochbegabt. Er war ganz anders als Hoffmann. Nach aussen war er poltrig, laut, machte keinerlei Konzessionen. Vor allem befand er, dass wir, die Schülerschaft,  alles Nichtskönner und ausserdem blöd und faul seien. Ich persönlich hatte Angst vor ihm. Aber ich akzeptierte ihn. Denn er hatte oft recht. Einmal tobte er wieder mal und stapfte durch die Räume und belferte: A Ornament will i sehn. Kana von Eich bringt a Ornament zam. Hirsche, olle! Und verschwand. Na, was glaubst Du, was da los war.

Der Haerdtl war aber ein herzensguter Mensch und hat wohl seine Sensibilität hinter seiner äusseren, rauhen Schale verborgen. Über ihn eine Monografie erschienen. Er stammt aus dem Kahlenbergerdorf, das gleich hinter der Endstation D-Wagen Nussdorf, alles Heurigenviertel, in Richtung Klosterneuburg liegt.

Du hast nach Deinem Studium in Wien, zusammen mit Deinem Mann einen Laden für Innenraum-Gestaltung in Göttingen geführt?

Nach  einigen Jahren Reisen und Arbeiten in Wien, Prag, Budapest, Dresden.. haben Günther Dieckmann und ich geheiratet. Wir haben zusammen ein Einrichtungs- und Möbelgeschäft vierzig Jahre lang geleitet. Das Geschäft hatte er 1931 von seinem Vater geerbt, weiter ausgebaut und umgewandelt.

Wie haben die Kriegsereignisse auf Deine Gestaltungserziehung im Alltag gewirkt? Wie bist Du da äußerlich/innerlich davongekommen?

Von 1935 an haben wir das Geschäft gemeinsam geführt. Wir haben drei Söhne. Zwei davon sind vor dem Krieg geboren und der dritte nach dem Krieg. Mein Mann wurde 1939 als Soldat eingezogen. Das Geschäft ruhte. Viel Zeit für Zeichnen hatte ich da nicht. Zwei Kinder und meine sehr liebe Schwiegermama beanspruchten meine Kreativität voll und ganz, wie Du ja selbst als Kind dieser Unzeit weißt.

Als mein Mann relativ gesund wieder zuhause war, haben wir wieder mit dem Aufbau des Geschäfts begonnen.

Nach dem Krieg haben zwei Deiner Söhne direkt mit Gestaltung zu tun, der eine führt das Geschäft und der andere hat renommierte Bauten geplant Hat das mit einem Muster, das man vorlebt, zu tun, wie bei einer Stafette, die man weitergibt? Der jüngste Sohn ist fachpädagogisch tätig, auch das kommt einer Mustervorgabe nahe. Hier ist auch mein fachliches Leben angesiedelt, dass Du durch manche Begegnungen  mitbestimmt hast, auch wenn es Dir und mir bisweilen nicht klar war?

Du fragst mich, ob es geplant war, meinen Söhnen eine künstlerische Ausbildung zu geben. Nein geplant war gar nichts. Es sich halt ergeben. Sicherlich sind sie, alle drei, durch unser Wirken und Machen und Reden in gewisser Weise inspiriert worden. Sie hätten hundert andere Dinge lernen können. Ebenso haben wir Dich nicht beeinflussen wollen. Weißt Du, wenn ich auf meinen langen Lebensweg zurückblicke komme ich zum Schluss, dass Vieles schicksalsbedingt (offenes System, Anm. d. Verf.) ist. Wieso bleibe ich in Wien? Wieso kommt mein zukünftiger Mann zu Hoffmann? Warum verlieben wir uns überhaupt? Planen muss man schon irgendwie. Aber meisten verschiebt sich diese Planung durch Einflüsse verschiedenster Art. Man muss auch flexibel sein, aber nicht käuflich.

Bist Du auch, mit Entwürfen in der Hand und vielen Fragen im Kopf aufgebrochen, um Deine Vision von menschenwürdiger und demokratischer Gestaltung, mit der Routine, dem Überleben im Alltag, zu verknüpfen?

Inzwischen ist das Jahrhundert wo Josef Hoffmann und Du als seine Schülerin Euch aufgemacht habt, zu Ende gegangen, eine Bilanz erscheint mir wichtig, auch für andere Jüngere Enkelkinder der Gestaltung, auch wenn die Routine viele Ideen unverwirklicht macht, doch in Ansätzen, kann sie dennoch von  vielen anderen mitverwirklicht werden, durch unser Musterverhalten, Du als Gestalterin Deines Lebens und ich als publizierender Essayist?

Nun nähern wir uns wieder im Diskurs, direkt und virtuell, als Zeitgefährten unser werdenden globalen Erdenstätte, mit allen Fragen und einigen Antworten, mit im Gepäck, siehst Du das auch so, oder wie?

Wahrheit/en

"Ein wirklich menschen-gerechtes Weltbild wird frühestens nach gründlicher Erforschung unseres Gehirns möglich sein" schreibt mein Studienfreund Höfer und ich füge hinzu, wenn unsere Erkenntnisbereitschaft gegenüber Selbstüberschätzung, monomaner, pathologisch - entfesselter Fantasien, obsiegt
Wahr ist schliesslich, was dem Schönen und Guten dient, stellen wir fest: es braucht ethische Regeln für unser globales Vorhaben gegen Kasinokapitalisten und deren wohlfeile, karrieresüchtigen Wahngestalter
Kannst Du dem zustimmen oder wie siehst Du das?
Farbe
können Gefühle auslösen und sind daher wesentliche Gestaltungsmittel in der bildenden Kunst, heisst es bei Höfer und mir abschliessend, wodurch er sich unmerklich wieder den Künsten nähert, die einmal
die Architektur beheimatete, wie Malerei und Skulptur.
Es bleibt da viel Ungesagtes, das wieder zum Diskurs auffordert: Wie wiedervereinen wir unsere Künste?
Symbole
verlieren nach dem Mittelalter ihre religiösen Vordergründigkeit und den folgenden Jahrhunderten in ihrer profanen Präsentation des Herrschaftsprinzips immer mehr an Bedeutung, Irrwitzige Statussymbole, Egomanien, statt demokratischer Ornamente, traten ihren verheerenden Siegeszug an und zertrümmerten die gemeinsame ästhetische Heimat der Künste. Kannst Du da zustimmen?.
Material
Der Verlust des Geistigen ist durch den Erbsenzähler-Material/ismus., ja Fetischismus allerortens sichtbar. real-lokal wie virtuell im Internet, global. Siehst du das so?
Durch die voranschreitende Ökologisierung, andererseits wird seltsamerweise der steigende Verzicht auf Naturstoffe ein wichtiges Thema dieses Jahrhunderts werden, wenn wir schonend und sparsam um gehen wollen, was nehmen wir dann?
Der Raubbau an natürlichen Roh- und Baustoffen wird die stets wachsende Erdbevölkerung dazu zwingen, Abschied zu nehmen von der Natur durch den Naturschutz widersprüchlicherweise?
Zum Guten im Schönen
Was für eine Freude Deiner universellen Sichtweise zu begegnen, wie der von Werner Höfer, dem Architekten und Zeichner und Dieter Berdel dem Visuellen Poeten in Wien, mit ihrer ästhetischer Vorstellungskraft, bisweilen Durchsetzungsvermögen, schliesslich einem Wiener Charme, der auch in der Stille bestehen kann., ist es so?
Ja, ich stimme dem zu und meine es ist genug gesagt. Es ist ein langes Gespräch geworden. Besser noch Du besuchst mich noch. Lass mich nicht allzu lange warten. Es wäre sehr schön. Für diesmal grüsse ich Dich und Deine Allerliebste.
Viele liebe Grüsse. Ruth.


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