Onlinejournal    Kultur . >        < Suchen  > > >   Finden  >

 

 
swr2wissen-aula09w16hauschild-rituale

SWR2 Wissen-Aula: Prof. Thomas Hauschild : Zwischen Archaik, Folklore und Gewalt . Über die Funktion von Ritualen ( I-II )
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
I Sendung: Sonntag, 19.04.2009, 8.30 Uhr
II Sendung: Sonntag, 26.04.2009, 8.30 Uhr
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichenGenehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

ÜBERBLICK I - II
Noch bis in die 80er-Jahre hinein galten vor allem religiöse Rituale als archaische Reste, die in der modernen säkularisierten Welt nichts mehr zu suchen haben. Doch dann merkte man, dass sie hartnäckig überleben, dass sie nach wie vor Denken und Handeln gesellschaftlicher Gruppen bestimmen. Gewaltexzesse, etwa von islamischen Fundamentalisten, erweisen sich als rituell grundiert, ebenso wie Ehrenmorde türkischer Migranten. Thomas Hauschild, Professor für Ethnologie an der Luther-Universität Halle-Wittenberg, beleuchtet in zwei Teilen die gesellschaftliche Funktion von Ritualen.

* Zum Autor:
Prof. Thomas Hauschild promovierte in den Fächern Ethnologie, deutsche Altertumsund
Volkskunde sowie Religionswissenschaft. 1990 folgte die Habilitation, 1992 eine
Berufung als Professor für Ethnologie an der Universität Tübingen. Hauschild arbeitet
heute als Ethnologe an der Luther-Universität in Halle/Wittenberg.
Forschungsschwerpunkte:
Soziale Anthropologie des Mittelmeerraums, Religiöse Bewegungen als kulturelle
Reserven, Geschichte der Ethnologie, Bedeutung religiöser Rituale
Buchauswahl:
- Ritual und Gewalt. Suhrkamp-Verlag
- Die alten und Die neuen Hexen. Wilhelm Heyne Verlag.
- Magie und Macht in Italien. Merlin-Verlag.

INHALT I
--------------------------------------
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Zwischen Archaik, Folklore und Gewalt- über die Funktion
von Ritualen, Teil 1“.
Noch bis in die 80er Jahre hinein galten vor allem religiöse Rituale als archaische
Reste, die in der modernen Welt nichts zu suchen haben. Doch dann merkte man,
dass sie hartnäckig überleben, dass sie nach wie vor Denken und Handeln
gesellschaftlicher Gruppen bestimmen. Rituale schaffen Identität, sie schweißen eine
Gemeinschaft zusammen, strukturieren Handeln, ermöglichen so etwas wie
Übersichtlichkeit und Ordnung. Aber: Rituale sind auch mit Gewalt verbunden, was
sich vor allem am ritualisierten Handeln islamistischer Attentäter deutlich zeigt.
Thomas Hauschild, Professor für Ethnologie an der Luther-Universität Halle-
Wittenberg, zeigt in zwei Teilen diese sozialen und politischen Funktionen von
Ritualen auf. Heute, im ersten Teil, geht es vor allem um den Zusammenhang von
religiösen Ritualen und Gewalt.
Thomas Hauschild:
„Straffe deine Kleidung sehr gut. Denn dies ist die Vorgehensweise der
rechtschaffenen Muslime aus der Frühzeit. Gott möge sein Wohlgefallen an ihnen
haben. Diese strafften ihre Kleidung vor dem Kampf. Danach schnüre deine Schuhe
gut und trage Socken, damit du im Schuh Halt hast und nicht herausrutschst. All
diese Dinge sind Vorkehrungen, die uns befohlen wurden." (Koran 3:173.)"
Dies ist ein Zitat aus der „Geistlichen Anleitung", die als arabischer handschriftlicher
Text von mehreren Attentätern des 11. September 2001 hinterlassen worden ist.
Kopien des Textes wurden anscheinend von Mohammed Atta und einem weiteren
Attentäter, Nawaf al-Hamsi, in einer nicht mit umgeladenen Reisetasche bzw. in
einem abgestellten Auto hinterlassen. Auch in dem in Pennsylvania von den
Entführern zum Absturz gebrachten Flugzeug sollen Fragmente desselben Textes
gefunden worden sein.
Und hier noch ein Zitat aus der „Geistlichen Anleitung“ der Attentäter: „Reinige dein
Herz und säubere es von Makeln und vergiss oder ignoriere etwas, dessen Name
Welt ist". Ich nehme an, dass nur sehr wenige Hörer dieser Sendung glauben, man
könne sein Herz reinigen, indem man Menschen umbringt. Wir, die wir nicht an
solche Dinge glauben, haben uns aber schon lange angewöhnt, religiöse Aussagen,
an die wir nicht selbst glauben, einfach als solche zu zitieren – fast so, als ob sie
stimmen würden, obwohl wir sie nicht für stimmig halten. Man sagt dann „die Geister
der Ahnen sprechen durch die Trommeln“, wenn es um afrikanische
Stammesgesellschaften geht, oder „die Wiedergeburt kann durch viele Lebewesen
führen“, wenn es um tibetischen Buddhismus geht. Das ist vielleicht schon seltsam
genug.
Hier, im Falle der al-Qaida, sind wir aber mit einer Aussage konfrontiert, die den
Körper berührt, diesen zur Wissensdomäne der westlichen aufgeklärten Kulturen
gewordenen Körper. Wir kennen uns auf unsere letztlich naturwissenschaftliche Art
und Weise gut aus mit der Wirkung, die Kleidung bis hin zum Schnürsenkel für das
Körpergefühl hat, und mit Herzen und mit Reinigungsaktionen im Körper. Dass
„Religion“ oder gar „religiöser Fanatismus“ so körperlich und einfach daherkommen
können wie in der „geistlichen Anleitung“ der Attentäter des 11. September 2001, ist
überraschend. Auf der Spur dieser Überraschung können wir vielleicht besser
verstehen, was bewirkt hat, dass diese Attentäter ihren Körper durch
Selbstvernichtung mit einer ideellen Realität verschmelzen wollten oder mussten,
und warum sie darüber zu Massenmördern geworden sind.
Eine reine und eindeutige, heilige Seele sollte dabei übrig bleiben, pure Identität.
Darum heißt es schon zu Beginn des Textes, dass die Attentäter das „überflüssige
Körperhaar abrasieren und sich parfümieren" sollen. Die „große rituelle Waschung"
bereitet den Körper auf die Durchdringung mit der Segenskraft des religiösen Ideals
vor. Und später, nach vielen spirituellen und dogmatischen Hinweisen und Übungen,
mündet der Text der „Geistlichen Anleitung“ in die Anleitung zur Glättung des
Körpers durch Kleidung, die ich eingangs zitiert habe.
Bei all dem Waschen und Schnürsenkel-Festziehen geht es um die Herstellung einer
vollkommenen, gefestigten, glatten Oberfläche. Der Attentäter wird zur idealen
Person, zum Heiligen, in dessen Lichtgestalt alle Martyrien, Wunden und
Unstimmigkeiten aufgehoben sind. Jede praktische Handlung wird rituell aufgeladen.
Was nun sehr wahrscheinlich folgte, war ein mörderisches Ritual, zu dem die
„Geistliche Anleitung“ detaillierte körperliche und rhythmisierende Vorgaben gemacht
hat. Jeder Schritt, von der Wohnungstür zum Taxi, zum Flughafengebäude, ins
Flugzeug, zum Cockpit, zum mörderischen Nahkampf, der wiederum in einer Art
Schächtung des Personals im Aufschlitzen der Kehlen von Piloten und
Stewardessen münden soll oder wahrscheinlich auch gemündet hat, wird von
speziellen Gebetsrezitationen, Unterbrechungen, Wiederaufnahmen strukturiert.
„Und vergesst nicht, dass ihr ein wenig Beute machen müsst, und selbst wenn es nur
eine Tasse oder ein Glas Wasser ist, das du mit deinen Brüdern trinkst, wenn das
möglich ist. Wenn sich dann die wahre Verheißung nähert und die Stunde Null
erreicht ist, zerreiße dein Gewand und lege deine Brust frei, um den Tod auf dem
Wege Gottes willkommen zu heißen, und sei ständig Gottes eingedenk. Entweder
schließt du mit dem Ritualgebet, wenn das möglich sein sollte, dass du einige
Sekunden vor dem Ziel beginnst, oder deine letzten Worte sollen (...) sein: ,Es gibt
keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist sein Prophet.’“
Es geht also um ein Ritual. Rituale sind geplante, deutlich aufgeteilte, als bedeutsam
markierte – oder nachträglich als geordnet betrachtete – Formen menschlichen
Handelns. Rhythmisch schlagen die Rituale, oft unter Bezug auf übernatürliche
Größen und abstrakte Ordnungen, eine Parallele zur gelebten Zeit des Lebens, sei
es nun als chaotische Grenzerfahrung, als innere Einstimmung oder als
gesellschaftliches Handeln, das wiederum mit biologischen oder erdgeschichtlichen
Rhythmen und Einzelereignissen kommuniziert. Rituale sind Verkörperungen von
Traditionen, und damit bilden sie stets aufs Neue gesellschaftliche
Erinnerungsbestände, Traditionen, Wissen – also „Kultur".
Berühmte Rituale sind z. B. die Einweihungen, welche die australischen Ureinwohner
bis heute noch manchmal an ihren Kindern vornehmen, vor allem an den kleinen
Jungen. Sie werden eines Tages ohne Vorwarnung von ihren männlichen
Verwandten aus der Gesellschaft der Schwestern und Mütter, mit denen sie die
meiste Zeit bis dahin verbracht haben, fortgenommen in den Busch. Dort begegnen
sie seltsamen Wesen, aus Büschen erklingt eine Musik, die sie nie zuvor gehört
haben. Das Leben im Camp dauert Wochen und erinnert an das Leben von Geiseln.
Die Jungen werden einheitlich angemalt – quasi uniformiert –, sie müssen
stundenlang nebeneinander auf dem Boden liegen, seltsame Tänze aufführen oder
ansehen, und sie werden sogar „begraben“ wie Leichen oder körperlich gequält.
Obwohl sie an Schlafentzug leiden, müssen sie jeden Tag nach den nächtlichen
Initiationen die Nahrung für sich selbst und für die Älteren erjagen. Sie lernen
körperlich, dass sie sich als Einzelne nicht so wichtig nehmen sollen, dass sie
kooperieren und den Alten gehorchen sollen, und im Gegenzug enttarnen sich die
seltsamen Wesen und Musiker als ihnen bekannte Männer, die sich Masken
übergezogen haben oder die im Verborgenen musiziert haben. Manche
schmerzhafte Karriere beim Militär, in den Schwesterschulen und in anderen
Anstalten der westlichen Welt hatte und hat durchaus denselben Charakter, wie wir
aus Robert Musils literarischer Studie über die Jugend des „Zöglings Törless“ wissen.
Auf einer bestimmten Ebene scheint Gewalt dem Ritual entgegengesetzt zu sein,
wenn wir Gewalt als spontanen Ablauf betrachten und das Ritual als künstliches,
ventilhaftes Probehandeln. Doch spontanes Handeln ist stets von einem Moment des
Künstlichen, Symbolischen, Stellvertreterischen durchzogen, das heißt von der
Künstlichkeit des Rituals. In einer Art Umkehrfunktion wurden Gewaltanwendungen,
also die Verletzung und Beschädigung von Menschen, Tieren und Sachen zum
Bestandteil vieler Rituale gemacht. Und auch bei friedlicheren Formen sind Ernst und
Spiel oft nicht auseinander zu halten, die Folgen also potenziell prägend oder
traumatisch. Die Frage nach Handlungsspielräumen, nach mehr oder weniger sinnlos
überlieferten und in die Körper eingeschriebenen Haltungen, nach Gefühlsbeteiligung
und politischer Berechnung sind in der Ritualtheorie unauflöslich miteinander zu
verbunden. Was geht wirklich in den Menschen vor, die nach allen Regeln an einem
Ritual teilnehmen? Wir werden es nie erfahren, wenn wir nicht selbst teilgenommen
haben. Denn selbst bei Hirnstrommessungen und Lügendetektoren gibt es eine
Ebene der Gewöhnung und Täuschung und die individuelle Variation scheint,
zumindest bei komplexerem menschlichem Handeln, sehr groß zu sein.
Sozialer und seelischer Rhythmus, Takt oder „flow“, der Rausch des Mitmachens
einerseits und die makrosoziale Passform sowie gesellschaftliche oder politische
Lehrinhalte der Rituale andererseits werden in der wissenschaftlichen Debatte
periodisch so hart gegeneinander gestellt, dass jedem einigermaßen distanzierten
Beobachter klar sein dürfte: Beide Perspektiven sind sinnvoll, auch wenn es schwer
fällt, sie miteinander zu verbinden. Es wäre unsinnig, hier zu einer klaren Lösung
kommen zu wollen: Immer wieder werden die erfahrungsorientierten Theoretiker und
die abstrakten Denker, die Analytiker von Emotionen und Situationen und die reinen
Performanztheoretiker miteinander um die richtigen Antworten streiten müssen. Eins
steht aber fest: Überlieferte, wiederholte und variierte Aufführungen von Bedeutung
werden von Dritten, von Zuschauern mehr oder weniger passiv beobachtet und
konsumiert, bis sie doch wieder Gewalt auslösen, Gewalt in sich aufnehmen, auf
Gewalt mit Gewalt reagieren oder zumindest beschuldigt werden, in einem
Gewaltzusammenhang zu stehen. Sie müssen nicht in einem direkten
Gewaltzusammenhang stehen, aber Gewalt kann ihre Wirkung verstärken und
Rituale selbst mit ihrem Zwang zum Mitmachen haben bereits gewaltförmige Züge.
Trotzdem können Gesellschaften nicht auf Takt, Rituale und andere zwanghafte
Umgangsformen verzichten und für die einzelnen Menschen wäre es auch gar nicht
leicht, ein Leben zu führen, das gar nicht mehr durch Zwänge strukturiert ist. Darum
zieht sich durch die gesamte Mythologie der griechischen Antike schon die Frage,
wie viel Gewalt ein Ritual enthalten darf, wie viele Opfer an Menschen, an
Menschlichkeit. Immer wieder kommen die Sagen von Antigone, Theseus und selbst
noch die Odysee darauf zurück.
Rituale sind eine Herausforderung für die postmoderne, literaturwissenschaftlich
geprägte Herangehensweise an Kultur und ihre textfixierten konservativen
Sympathisanten im Planungsbereich der Wissenschafts- und Kulturbetriebe haben
die Rituale deswegen lange Zeit vernachlässigt. Rituale scheinen leicht in Texte
umsetzbar zu sein, weil sie gewissen Schemata folgen oder zu folgen scheinen und
sich doch vordergründig der hochkulturellen Ratio entziehen. Als Kunstformen und
künstlerische Performance verstanden, sind sie unentbehrlich auch für die
kosmopolitische Hochkultur des 21. Jahrhunderts. Als Alltagsrituale sind sie jedem
Menschen vertraut. Zugleich sind Rituale offensichtlich ein herausragender
Bestandteil dessen, was seit den 1970er Jahren in westlichen Ländern vermehrt als
„fremde Kulturen" idealisiert, romantisiert oder auch dämonisiert wurde. Über den
Ritualbegriff soll kulturelles Unbewusstes erschließbar gemacht werden und dabei
vor allem das, was sich kulturell im „Draußen", beim „Anderen" abspielt.
Noch in den 1980er Jahren war man unter Gebildeten der Ansicht, dass Rituale eine
von Konsumzwang und Folklorisierung, Säkularisierung und Rationalisierung
bedrohte Existenz führen. Heute werden wir (übrigens ein „Wir", das kulturell bereits
aus vielen früheren „Wirs" und „Anderen" zusammengesetzt ist) von „Draußen", vom
„Orient" her durch eine spezielle Formation ritualistischer Fundamentalisten bedroht,
und schon schnappt die Falle der westlichen Überlegenheitshaltung und der
Abschließung gegen das Fremde wieder zu: Nun sind es die Anhänger eines
mangelhaft konstruierten Islams oder andere primitive Elemente substaatlicher
vorderasiatischer Machtausübung, die ein fein konstruiertes Netzwerk von politischer,
westlicher, zivilgesellschaftlicher Textualitiät und taktvoller politischer Korrektheit
bedrohen.
Stand man gerade noch direkt vor dem wichtigen Schritt, jeder Kultur ein
zivilgesellschaftliches Potenzial zuzutrauen, wird die Moderne, die westliche
Moderne nun wieder rein westlich datiert und in einer einheitlichen Chronologie und
Genealogie zu lesen versucht. Dass den allgegenwärtigen Kulturen der Rituale und
der mündlichen Traditionen auch eine Form der Aufklärung, der Subjektivität und der
Zivilgesellschaftlichkeit innewohnen könnte, ist aus dieser Perspektive nahezu
ausgeschlossen. Auf diese Weise wird aber auch aus gut gemeinter postkolonial
gefärbter Diskursanalyse eine Spielart sehr primitiver westlicher Fantasien von
geistiger Überlegenheit. Dabei übersehen wir, dass Rituale gar nicht fern von den
heute so gerne gesehenen Künsten und Medien stehen – auch diese haben einen
Zwangscharakter, auch Rituale haben einen aufklärerischen Aspekt, wenn wir zum
Beispiel daran denken, dass die „geistliche Anleitung“ immerhin für die Täter eine Art
Erklärung für den Irrsinn des Anschlages von al-Qaida liefern musste. Heute
beobachten wir, wie eine zunehmende Politik der Kommuniqués und der medialen
Präsenz al-Qaida zwingt, ihre Aktivitäten immer genauer zu begründen – eine
rudimentäre Form von Aufklärung, welche die Terroristen letztlich auch in logische
Zugzwänge versetzt, die bei nachlassender Finanzierung und kluger Politik auf der
Gegenseite, auf „unserer“ Seite, zu Verhandlungen und zur Befriedung führen könnte
... könnte!
Und bei den Ritualen der australischen Ureinwohner spielt die Enthüllung der
heimlichen Musiker und der Maskenträger eine große Rolle. Es ist wie mit dem
Glauben an den Weihnachtsmann in der westlichen Gesellschaft: indem man nicht
mehr an ihn glaubt, reift man zum erwachsenen, der dann den Glauben an die
Kinder weiter gibt. Mythos und Aufklärung sind hier ineinander verwunden, wie der
Philosoph Martin Heidegger es einst formuliert hat. Es gibt nicht nur eine „Dialektik
der Aufklärung“, die zur Verschleierung und zum Herrschaftsinstrument verkommen
kann, es gibt auch eine „Dialektik des Rituals“, das zum Instrument einer körperlichen
Erkenntnis werden kann.
Die deutsche und zum Teil auch nordamerikanische Sonderentwicklung einer
politisch korrekten, postkolonialen, kritischen, diskursanalytisch oder dekonstruktiv
orientierten Wissenschaft von den menschlichen Aussagen und Verhaltensweisen
bietet gegenüber der „angewandten Sozialforschung" der 1950er bis 1970er Jahre
den unschätzbaren Vorteil, dass sie die „Dritte Welt" nicht mit Entwicklungsmodellen
überzieht und schon gar nicht kriegsbezogene Forschungen oder wissenschaftlich
fundierte soziale Kontrolle praktiziert. Die Verbindung zu den
Verhaltenswissenschaften des Zweiten Weltkrieges wurde gekappt, Stimmen aus
fremden Kulturen fanden Gehör, und in einer überraschenden hermeneutischen
Wende hin zum „Fremden" wurde ein kultureller Dialog in Gang gesetzt oder
„inszeniert"?
Doch dieses Paradigma hat sich meiner Ansicht nach erschöpft. Die Politik der
Dekonstruktion hilft uns nicht weiter, wenn Gruppen wie al-Qaida die spielerische
Politisierung aller menschlichen Machtverhältnisse mit ihren Gewalttaten
unterminieren oder Grenzerfahrungen aus Gebieten wie Afghanistan, Kosovo, Iran
oder Irak in die Zentren der postmodernen Kompromisse zwischen Konservierung
und Auflösung der Identität tragen. Der Fortschritt hin zu einer radikalen
vergleichenden und materialistischen Kulturforschung wird heute gerade dadurch
verhindert, dass ein „primitiver" Gegenspieler des Westens die Bühne betreten hat,
wie ihn sich der Westen nicht besser hätte zurechtfantasieren können. Und in der Tat
trägt der islamistische Terrorismus Züge der westlichen Moderne, an die man sich
allerdings im Westen nur ungern erinnert: vom tragischen Leiden an einer
zerrissenen Existenz bis hin zum gnadenlosen Einsatz aller verfügbaren technischen
Mittel, immer mit dem von uns angeblich bereits als „archaisch" musealisierten Ziel
der rituellen Wiederherstellung von Identität.
All das lässt sich an den Praktiken von al-Qaida direkt nachweisen, wenn man sie mit
dem ethnografischen Blick betrachtet. Die großen Anschläge zum Beispiel werden
immer in der Doppelform durchgeführt: Zwei Towers und zwei große Anschläge
sogar, an denen insgesamt drei Flugzeuge beteiligt waren. Ohne Dialog, ohne
weitere Performanz, aus dem Nichts schlagen die Mittel der Industriegesellschaft
gegen sie selbst zu. Ähnlich sprachlos sind auch die wenigen Vorgänge, die wir aus
dem Inneren dieser politischen Sekte kennen. Da ist zum Beispiel das bekannte
Video aus den Trümmern von Kandahar, das Osama bin Laden in einem vertrauten
familiären Gespräch samt Entourage mit einem saudi-arabischen Scheich zeigt.
Hier lernen wir eine Kultur der Traumdeutung kennen, wie sie jeder Ethnologe, jede
Ethnologin im Mittleren Osten, im Nahen Osten, im gesamten Mittelmeerraum
kennen gelernt hat: Man trifft sich zum Kaffee oder Tee und erzählt sich gegenseitig
seine Träume. In der Situation der beiden islamistischen Anführer verwandelt sich
das Ganze jedoch in eine Art Wettbewerb: Wer hat zuerst vom Anschlag geträumt
und zwar vor dem Anschlag? Wer hat soviel Wissen über die Träume der anderen
gehabt, dass er ihnen verbieten musste, sie weiter zu erzählen? In diesem Fall ist
natürlich Osama bin Laden der Traumvater, der die Träume seiner Anhänger
kontrolliert, der ihre Fantasien über Karate-Kämpfe gegen Hochhäuser und
Fußballspiele, bei denen sich Amerikaner und islamistische Terroristen in Piloten
verwandeln, unterdrückt, damit der Anschlag nicht vor der Durchführung ans Licht
kommt.
Hier ist ein Stück von traditionaler Kultur sichtbar, das gelegentlich dann auch in dem
ganzen Habitus der islamistischen Anführer aufblinkt, zum Beispiel das Tragen
schwerer Roben, Übergänge zwischen Militärkleidung und der Kleidung
selbsternannte Heiliger, die die Zeiten Mohammeds wiederleben wollen. In
bestimmten Situationen wird hier die Herkunft des Islamismus aus hippieartigen
Siedlungen im Ägypten der 1940er und 1950er Jahre sichtbar, wo sich Menschen in
großen Gruppen traditionale muslimische Kleidung angezogen hatten, um an den
Hängen des Nils in Höhlen zu leben – wie zur Zeit des Propheten.
Die Rolle der Rituale, der Kleidungen, der exotischen Schrift ist nicht zu
unterschätzen, wenn es darum geht, das Verhalten der Neu-Ulmer Zelle des
islamistischen Terrorismus zu deuten, die sich ganz spontan aus Enkeln von
Vertriebenen, aus vielleicht mehr oder weniger isolierten deutschen Familien
stammenden jungen Männern gebildet hat. Den Hintergrund, den Zeitgeist, der diese
Menschen trägt, können wir uns nicht erklären, indem wir im Koran blättern oder
indem wir literaturwissenschaftliche Spezialisten des Islams um Rat fragen. Den
können wir viel besser verstehen, wenn wir zum Beispiel die besten Erzeugnisse, die
höchsten Blüten der Literatur uns anschauen, die von jungen Männern mit einem
ähnlichen Hintergrund stammen, zum Beispiel Menschen, die im Kulturbetrieb
arbeiten und die sich aus verschiedensten Gründen immer wieder als isoliert und
zwiespältig erfahren, wie viele ihrer eingeborenen deutschen Zeitgenossen auch,
und versuchen, das in Texten umzusetzen. Ich habe bewusst zwei Beispiele
ausgesucht, die noch einen orientalischen Hintergrund haben, aber man könnte
beliebig auch weitere Beispiele aus der deutschen Popliteratur hier anführen, zum
Beispiel den finnischen Amokläufer „Sturmgeist 89“, der sich im Netz als
existenzialistischer Nihilist präsentiert hat, der sein Leben nicht mehr aushält.
Ich spreche jetzt aber lieber von näherliegenden Beispielen: Navid Kermanis Buch
„Kurzmitteilungen“ und Tirdad Zolghadrs „Softcore“, zwei Romane, die in den letzten
Jahren erschienen sind von Iranern mit einem deutschen und britischen Hintergrund,
in denen geschildert wird, wie in einem als multikulturell und beliebig empfundenen
globalisierten Universum ein junger Akteur langsam verzweifelt, die Orientierung
verliert und schließlich am Ende im Fall Kermanis zu einer amerikanischen Sekte
konvertiert und seine ganze frühere Existenz wegwirft oder im Falle von Tirdad
Zolgardr im Teheran von heute vollkommen passiv der Ermordung durch den
Geheimdienst entgegensieht und bis zum letzten Moment seine eigene Existenz
ironisiert. Kermanis Held konvertiert zu einer globalen Sekte, Zolgardrs Held
verheddert sich mehr und mehr in den lokalen Machtbeziehungen, die er zu
manipulieren glaubte. Er verliert jeden Kredit und geht am Ende willig der
Erschießung durch Geheimdienstler entgegen.
Die Krise, die diese beiden Romane schildern, ist unsere Krise, unser aller Krise.
Vielleicht ist postmoderne Theorie jetzt nicht mehr so wichtig, aber postmoderne
Realitäten sind einfach da. Wir sollten das in diesen jungen Menschen erkennen und
den Dialog aufnehmen oder aber, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt und der
Prozess der Eindeutigmachung schon an den Endpunkt gekommen ist, den Kampf
entschlossen und bewusst führen. Zum Dialog wird es rituelle Wirksamkeit brauchen,
die unsere offizielle abstrakte Kultur anscheinend nicht in ausreichendem Maße
produziert. Ein Dialog mit vernünftigen Argumenten ist aufgrund der körperlichen
Struktur dieser Kritik, auf Grund ihrer Sprachlosigkeit, nicht ausreichend. Und wir
sollten weiter nachdenken darüber, welche Institutionen in Deutschland heute auf der
rituellen Ebene integrierend wirken könnten – denn die Kirchen haben offensichtlich
hier jeden Zugang verloren. Pfadfinder? Militär? Therapeutische Bewegungen? Man
kann diese Dinge auch bewusst einsetzen und zentrieren, man muss es nicht immer
einfach so laufen lassen im Rahmen einer allgemeinen Spaßgesellschaft, die
bestimmte junge Menschen dann ebenso körperlich „ankotzt“, dass sie sich in
Anorexie, Sektiererei, religiöse Schwärmerei und alle möglichen Maskierungen
flüchten.
Letztlich wird man extreme individuelle Pathologien (wie kürzlich erst der Amokläufer
ausgerechnet in Winnenden, dem Zentrum der südwestdeutschen psychiatrischen
Versorgung) auf diesem Gebiet auch nicht aufhalten können. Aber wenigstens gegen
die Entwicklung zur Bewegung kann man etwas tun oder bestimmten Bewegungen
die Spitze nehmen. Und es gibt eine Bewegung der Trittbrettfahrer des Amoklaufs
unter deutschen jungen Männern, es gibt eine anorektische Bewegung unter
Mädchen, es gibt Sympathisanten von al-Qaida unter eingeborenen Jugendlichen
und solchen mit Migrationshintergrund.
Mit seinem Stück „Atta, Atta“ (Volksbühne Berlin 2004) bot Christoph Schlingensief
eine ganz faszinierende Parallelität von Lebensläufen an, nämlich sein eigener
langweiliger und verkramter als Sohn eines Bochumer Zahnarztes, wenn ich recht
erinnere, und andererseits die Biografie von Mohammed Atta, dem Hauptattentäter
des 11. September. Diese Biografien werden parallel erzählt, münden in grotesker
Weise in eine Art Prozession der Moderne, die zwischen zwei Lagern stattfindet:
einerseits dem Campingplatz, auf dem Schlingensief als Kind seine Ferien mit den
Eltern verbracht hat, und andererseits dem Ausbildungslager von Atta. Hier wird in
sehr elementarer Weise angeboten, diese Biografien parallel zu sehen und nicht als
Gegensatz zu betrachten, sondern als Ausdruck, als Reaktion ein und derselben
postmodernen Lebensbedingungen, nämlich dass sich Zeiten, Bilder, Kulturen heute
in unendlicher Weise miteinander zu verschränken scheinen und vor allem in diesen
luftigen Gebilden des Medienapparats ineinander fließen und keine Orientierung
mehr bilden können.

Für mich als Ritualforscher bedeutet das, dass eine rein mediale und auf den Fluss
der Bilder ausgerichtete Biografie überhaupt nicht tragfähig ist und Körperlichkeit,
Gemeinschaft und jede Form von direktem Zugang zum Leben nur noch als Verlust
erleben wird. Man gerät dann in eine Situation, wo man aus dieser Verwirrung zu
einer neuen Eindeutigkeit finden möchte. Das kann sich auf ganz harmlose Weise
entladen in plötzlichen Hochzeiten, im Kinderkriegen, in eigenwilligen
Berufswünschen, die dann auf einmal entstehen, dass zum Beispiel ein junger
Hiphop-Discjockey auf einmal sich entscheidet, Öko-Bauer oder Entwicklungshelfer
zu werden oder ähnliches.
Das kann sich aber auch radikaler entladen, das kann sich rituell entladen in einer
Situation, in der fünf, sechs Hamburg-Harburger Studenten der Bautechnik und
ähnlicher Technik sich auf einmal entschließen, ihr Leben gemeinsam zu beenden
und dabei möglichst viele Amerikaner mit in den Tod zu nehmen – in ihrer
pathologischen Verstimmung, die sie unfähig macht, zu verstehen, wie wunderbar es
ist, in einem einigermaßen friedlichen Zeitalter, in einem einigermaßen friedlichen
Winkel der Welt leben zu dürfen, in ihrem Traum von der völligen Eindeutigkeit und
von der Erlösung aus einer postmodernen Massenexistenz, in ihrem jugendlichen
Größenwahn, der andere Menschen nur als Attrappen wahrzunehmen erlaubt,
wurden sie von bösartigen, geschickt agierenden und reichen „global players“ beim
Wort genommen, brutal initiiert, geprägt und verführt.

*****

INHALT II
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Zwischen Archaik, Folklore und Gewalt- über die Funktion
von Ritualen, Teil 2“.
Thomas Hauschild ist Professor für Ethnologie an der Luther-Universität Hallen
Wittenberg , und er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Funktion von Ritualen
in modernen und auch vormodernen Gesellschaften. Im ersten Teil analysierte er
diese sozialen, religiösen und politischen Funktionen, und heute geht es um einen
bestimmten Bereich, in dem Rituale auch eine Rolle spielen könnten. Es geht um die
Finanzkrise, um die Frage, wie die Gesellschaft darauf reagiert, mit welchen
Ritualen, mit Ritualen der Verharmlosung, mit Ritualen der Skandalisierung oder mit
Beschwichtigungsritualen. Letztere thematisiert Hauschild im zweiten Teil seines
Vortrags:
Thomas Hauschild:
Als Ethnologe bin ich in der letzten Zeit oft gefragt worden, ob ich nicht einmal einen
Artikel über Beschwichtigungs- oder Bußrituale schreiben wollte, etwa im Feuilleton
einer der großen Tageszeitungen. Es ging um die Ereignisse auf dem Finanzmarkt,
die in den letzten Monaten die ganze Welt beunruhigt haben. Es ist schon
erstaunlich, wie selbstsicher die Sprache daherkommt, in der die Protagonisten der
Krise ihre Bitte um Angliederung an den Staat vortragen. Begriffe wie „Anspruch auf
Staatshilfe“, Schlagzeilen wie die, dass der Autobauer Opel die Kanzlerin „um Hilfe
bittet“, machen Jahrzehnte neoliberaler Rhetorik rückgängig, im Nu! Als
Gegenleistung werden lediglich „business as usual“ und die Einhaltung bestehender
Verträge angeboten und damit geht dann allenfalls noch eine Art Erklärung der
Vorgänge einher, eine Erklärung oder Verklärung als Naturereignis nämlich, man
redet von der zyklischen Wiederkehr des Krisenhaften, das eben den Einsatz des
Staates nötig machen würde, der ja auch nach Naturkatastrophen tätig werden muss.
Bitten um Entschuldigung? – Fehlanzeige. Profundes Nachdenken über das
Abheben der Derivatewirtschaft vom Boden der Tatsachen? Nichts davon.
Reflexionen über eine Gier, die den Abstand zwischen den Ärmsten und Reichsten in
den USA in den letzten Jahrzehnten verhundertfacht, ich sage es noch einmal:
verhundertfacht hat? Nichts von alledem!
Aber dieses Drama um Schuld und sogenannte „Naturereignisse“ findet ja sowieso in
einer Gesellschaft statt, in der man gar nicht mehr um Entschuldigung bitten kann,
wo man höchstens noch laut ausruft: „Tschuldigung“ und wo man hinterher darauf
besteht: „Aber ich habe mich doch entschuldigt“. Entschuldigen können einen immer
nur die Anderen, das haben wir vergessen, und das richtige Entschuldigen und
Bereinigen ist der Gegenstand jener Buß- und Beschwichtigungsrituale, die
reichhaltig aus der Geschichte der Menschheit überliefert sind und über die ich hier
sprechen möchte.
Beschwichtigungsrituale müssen eine klare Schilderung dessen enthalten, was man
beschwichtigen möchte. Sie führen nämlich immer tiefer in die Krise, um aus der
Krise heraus führen zu können. In ihren Initiationsritualen haben die älteren Männer
bei den Aborigines, den Ureinwohnern Australiens, noch bis Mitte des letzten
Jahrhunderts Jugendliche hingehalten und vertröstet, auf die Probe gestellt und
gequält – bis die Wut der Jungen so groß war, dass die Alten ihnen einige ihrer
Geheimnisse verraten mussten, um sie zu beschwichtigen – indem sie ihnen zum
Beispiel beibrachten, wie man, hinter Büschen versteckt, mit stets sorgfältig versteckt
gehaltenen Instrumenten diese „Geistermusik“ veranstaltet, welche die Initianden
vorher so in Angst und Schrecken versetzt hat.
Das, was ich in Europa und in den USA mit dem Blick des Ethnologen heute
beobachte, ist das Etikett Beschwichtigungsritual nicht wert. Es sind vielleicht hohle
Beschwichtigungsreden, wie die irre Aussage des italienischen Ministerpräsidenen
Enrico Berlusconi, dass das die Finanzkrise „nicht so tragisch sei“. Was wir
beobachten, was wir hier erleben, ist der Ruin einer ganzen ober- und
mittelschichtlichen Kultur, die u. a. durch amerikanische Filme bestimmt war, durch
ganz bestimmte Trachten und Kleiderordnungen, durch spezielle Prestigeobjekte,
durch Rituale der Evaluation, der Bewertung, die einstmals aus den Universitäten in
die Wirtschaft übergesprungen sind und die nun wieder exzessiv auf Universitäten
und Schulen angewendet werden. Alle Finanzoperationen der Banken in einem
Markt der Immobilienüberschuldung, der keine reale Basis mehr hatte, waren
gutachterlich abgesichert und wurden selbstbewusst, manchmal rüde von Herren in
dunkeln Anzügen verteidigt, die danach wieder in ihre panzerartig gebauten
glänzenden Wagen stiegen, um weiter zu ziehen. Politiker, Banker, Professoren
haben sich in dieser Kultur mit Schauspielern und Gangstern vermischt und man
geizte nie, von keiner beteiligten Gruppe her, mit guten Ratschlägen an den Rest der
gesamten Gesellschaft – an die, mit deren Geld und Zustimmung man nun weiter
machen möchte.
Beschwichtigungsrituale müssten, insofern ist die Verklärung zum Naturereignis auf
den zweiten Blick nicht so dumm, in irgendeiner Weise begründen, was zyklisch ist
an dem, was hier gerade passiert, irgendeine Natur dieser Dinge schildern können,
dieser Prozesse des Zerfalls, der Ableitung des Derivats, das plötzlich keinen Wert
mehr hat. Wir werden aber nicht beschwichtigt, sondern nur mit Begriffen wie „crash“
und „grounding“ abgespeist, die der Krise den Charakter eines Unfalls geben sollen.
„Bodenhaftung der Netzwerkgesellschaft“ hat der junge Soziologe Jörg Potthast die
Krisenanfälligkeit der globalisierten Moderne genannt, in einer Studie über Pannen
auf Flughäfen. Ich halte diesen Begriff für wichtig, weil er schildert, wie dieses Oben,
dieses Derivierte, dieses Abgeleitete, wie dieses Luftschloss einbricht und mit ihm
seltsamerweise eine seiner technischen Grundlagen, der Flugverkehr, ebenfalls
einzubrechen beginnt.
Der Begriff „Schweinezyklen" sollte lange Zeit das Geheimwissen der Börsianer über
die Aufs und Abs der Kurse zusammenfassen und suggerieren, dass es hier
jemanden gäbe, der die Vorgänge durchschaut und ihnen beruhigende
Gleichförmigkeit abgewinnen kann. Höhenflug, Krise und Bodenhaftung wurden zum
Naturereignis verklärt. Kenner der Schweinezyklen wissen, welche Aktie sich zu sehr
vermehrt hat und keine realen Ressourcen mehr finden und erfinden kann –
verkaufen! Sie verfügen über Geheimwissen, das die verborgenen
Entwicklungspotentiale einer Aktie betrifft – kaufen!
Unter Wirtschaftswissenschaftlern herrscht heute die irrige Meinung, dieser Begriff
aus der Erkenntnis von Wechselverhältnissen zwischen der Entwicklung von
Eichelbäumen einerseits und Wildschweinpopulationen andererseits in irgend „einem
gegebenen Wald", wie es dann gerne heißt. Ein im Internet werbender Professor der
Wirtschaftsinformatik verspricht künftigen Studenten seines Bachelor-Studiengangs,
dass sie bei ihm lernen werden, Schweinezyklen zu errechnen. Der Professor kommt
dabei allerdings, zerstreut wie es sich gehört, auf ganz andere Tierarten zu sprechen.
Er schreibt: „Gibt es viele Hasen, dann finden die Füchse reiche Nahrung. Sie
vermehren sich rapide und brauchen nun natürlich viele Hasen, um alle satt zu
werden. Also wird die Zahl der Hasen abnehmen und irgendwann zu klein sein, um
weiter alle Füchse zu ernähren. Dann sinkt die Menge der Füchse wieder ab, die
Hasen haben weniger Feinde und vermehren sich ihrerseits wieder. So wogt das hin
und her."
Müssen wir uns wirklich mit solchem Unsinn abspeisen lassen? Der Begriff
„Schweinzyklen" wurde 1928 in Anlehnung an die Dissertation des Diplomlandwirtes
Alfred Hanau über Zyklen der Schweineproduktion in der deutschen Landwirtschaft
geprägt und nicht nach den Beobachtungen, die Jäger und Naturschützer an
Wildtieren machen. Dieser Begriff betrifft menschliche Zucht und Kultur in einem
elementaren Sinne, und nicht die Natur.
Im englischen Sprachraum wurden Schweinezyklen, pig cycles, vor allem in den
1960er Jahren populär, nachdem der Anthropologe Roy Rappaport seine
bahnbrechenden Analysen von Ritual und Krieg bei den Tsembaga auf Neu-Guinea
veröffentlicht hatte. Nicht natürliche Rhythmen, sondern eine von den Tsembaga
zyklisch in Gang gesetzte rituelle Konkurrenz zwischen Menschen und Schweinen
steht im Mittelpunkt dieses ethnographischen Klassikers: Wenn die Schweine
überhand nehmen, werden die Allesfresser zu Nahrungskonkurrenten des
Menschen. Man muss sie in großer Zahl schlachten. Diese Schlachtfeste sind der
Dreh - und Angelpunkt des zeremoniellen Lebens der Tsembaga. Die Riten der vom
Genuss des Schweinefleischs körperlich aufgeputschten Männer münden in
Aggressionen gegen die Nachbargruppen. Die Kampfkraft der Gruppen, ihre
Reserven werden zusammengeballt in Fett und Blut, was zur Begradigung der
aneinander grenzenden Territorien führt. Das Kampfspiel endet nach einer Phase
kurzer Gewalttätigkeit mit relativ wenigen Opfern, und ein neuer Schweinzyklus
beginnt. Nun herrscht Friede, bis wieder einige Generationen von Schweinen sich so
vermehrt haben, dass sie zu Konkurrenten des Menschen werden und die politischrituelle
Entscheidung getroffen wird, in Zustände der Krise, der Begradigung und
schließlich der Beschwichtigung einzutreten.
Anders als die rhetorischen Rituale, die Beschwichtigungsreden unserer Politiker und
Banker entwickelt das Zeremonialwesen der Tsembaga ein klares Abbild von im
Kern unauflöslichen Widersprüchen und bietet temporäre, pragmatische Lösungen
an. Eine kurze mörderische Klimax leitet materielle, körperliche und soziale Energien
ab, dann herrscht wieder Ruhe. Das Ritual enthält eine Art Theorie, eine Abstraktion
komplexer und widersprüchlicher Verhältnisse, die von allen Tsembaga getragen
wird und in feindlicher Symbiose von den Nachbargruppen ertragen werden muss.
Gute erfolgreiche Beschwichtigungsrituale, das können wir Globalisierer von den viel
älteren und erfahreneren Gesellschaften niedriger Naturbeherrschung lernen,
enthalten immer das, was sie beschwichtigen sollen. Es muss sich im Exorzismus, i
einer Art karnevalesker Gegenkultur, in Riten der „verkehrten Welt" und in einer
kurzfristigen Freude an der Zerstörung, am Teilen und Schenken, am Rausch
entladen. Dabei gibt es, im Kulturvergleich betrachtet, neben fröhlichen und lässigen
Ordnungen dieses Aufs und Abs von Regel und Regellosigkeit oder Krise auch
Formen der Austreibung und rituellen Aufwallung, die einem durch Friedenszeiten
verwöhnten Betrachter das Blut in den Adern gefrieren lassen. Sie sind hier nicht
gemeint, sollen hier nicht verherrlicht werden. Aber wir können auch aus diesen
leidvollen Experimenten vielleicht noch etwas lernen. Es wäre gut, wenn wir unseren
historischen Horizont endlich in dieser Weise auch auf die sogenannten „Völker ohne
Geschichte“ ausweiten würden, die sogenannten Primitiven.
Die Baruya, eine weitere neuguineische traditionale Kultur Neu Guineas, wurden in
den 1960er Jahren von dem Wirtschaftsanthropologen Maurice Godelier untersucht.
Er fand dort noch ein höchst anregendes, manchmal auch erbittertes Gegeneinander
von Wirtschaftsmännern, Big Men“, und Klanmännern, „Great Men“, vor,
Staatsmännern sozusagen, welche die Rechte der alteingesessenen
Geschlechterverbände und ihren Kollektivbesitz gegen die Gier der „Big Men"
verteidigen, während diese wiederum alles mit allem tauschten, Besitz anhäuften,
investierten und so die erforderliche Dynamik in das Gesellschaftssystem brachten.
Die meist asketischen „Great men" unterschieden sich dabei im Habitus von den
meist dicklichen und wohllebenden „Big men" wie die Kriegerkönige der Feudal- und
Kastengesellschaften von deren Händlern und Großproduzenten. Auch bei unseren
Ritualen der Integration und Beschwichtigung sollte künftig nicht mehr ein Typus
allein so mächtig werden, wie es die „Wirtschaftsmänner" in den letzten Jahren
waren. Typen sollten sich mischen, Askese und Konsum sollten gegeneinander
bestehen können.
Das europäische Land Italien ist ein gutes Beispiel für diese Zusammenhänge, wenn
es auch im Moment nicht viele mutmachende Lösungen zu bieten scheint. Dieses
Land besteht im Grunde genommen aus einem mitteleuropäischen und einem
mediterranen Teil. Der mediterrane Teil bringt das Problem mit sich, dass durch
Erdbeben, durch Erdrutsche, Überschwemmungen, Dürren, durch Probleme, die
letztlich von der Sahara her verursacht werden, der italienische Staat zu 20 oder 30
Prozent seines Bruttosozialproduktes damit beschäftigt ist, Reparaturen an
Infrastrukturen vorzunehmen anstatt neue Infrastrukturen aufzubauen. Italien ist ein
Land, das in einem ständigen Krieg lebt: im Krieg gegen die Natur. Das katholische
Ritual verklammert hier die gegenstrebigen Kräfte des Nordens und des Südens
miteinander, es ist ein System der individuellen Bereicherung, in dem der Staat
gelegentlich mit Brachialgewalt Umverteilungsaktionen durchführt. Reparatur statt
Aufbau beherrscht die Szenerie, die Duldung des Kompromisshaften, des „Kaputten“.
„Warum wählen die den Berlusconi immer wieder?“, fragen wir uns und vergessen,
dass man in Italien mit dem – angesichts der Staatsfinanzen verrückten –
Versprechen Erfolg haben kann, erstmals eine durchgängige Infrastruktur für das
ganze Land zu schaffen, durch Aufbau einer Brücke, die das Festland mit Sizilien
verbindet. Man weiß heute schon, dass viele Italiener dieser Traum nicht nur im
wahrsten Sinne des Wortes verbindet, sondern auch, dass die Mafia sich schon auf
die großartigen Aktionsspielräume freut, die sie bei der Vergabe zehntausender
Arbeitsplätze für den geplanten Brückenbau mit ihren Systemen von Abhängigkeit
und Kontrolle haben würde.

Mit Kultur hat das wenig zu tun, oder genauer: Die rituelle Kultur kann sich unter dem
Druck materieller Verhältnisse ganz schnell zu neuen Gestalten konfigurieren,
formgebend bleibt dabei immer die vatikanische Religion. „Der Cosa Nostra tritt man
mit seinem Blut bei und man verlässt sie auch nur mit seinem Blut“, schreibt ein
Kronzeuge gegen die sizilianische Mafia. Diese Exklusivität einer Organisation, die
wörtlich „unsere Sache“ heißt, wurde durch ein Ritual garantiert und formuliert,
dessen Existenz die Mafia-Forschung lange Zeit negiert hat, obwohl schon aus dem
19. Jahrhundert erste Zeugnisse von genau dieser Form der Initiation zum „uomo
d’honore“ (zum Ehrenmann) überliefert sind. Es geht um ein katholisches Ritual.
Der bereits zitierte Kronzeuge gegen Mafia, Antonio Claderone aus Catania, erzählt,
wie sein Onkel junge Männer versammelte, die in diesem Falle ausschließlich aus
mafios vernetzten Familien Catanias kamen. Der Onkel belehrte sie und unterzog sie
dann einer initiatorischen Praxis: „Da stach er mich in meinen Finger, ließ etwas Blut
heraustropfen und auf ein Heiligenbild laufen. Ich warf einen Blick darauf. Es war das
Bild der Jungfrau Maria, der Schutzpatronin der Cosa Nostra, deren Fest am 25.
März stattfindet. Onkel Peppino zündete ein Streichholz an und legte die Flamme an
eine Ecke des Bildchens, dann forderte er mich auf, es in die Hand zu nehmen, bis
es vollkommen verbrannt war. Währenddessen forderte mich Onkel Peppino auf,
gemeinsam mit ihm den Schwur zu sprechen. Nach dieser Formel muss ein Mitglied,
das die Gebote der Cosa Nostra verrät, verbrennen wie das Heiligenbildchen der
Jungfrau Maria."
Bei dem Heiligenbild handelt es sich um die Madonna dell' Annunziata, die man am
Tage von Mariä Verkündigung verehrt. Es ist wohlgemerkt keine lokale
Schutzpatronin, denn Catania ist St. Agata geweiht und es gibt dort kein Heiligtum
der Madonna dell 'Annunziata. Man kann also vermuten, dass, anders als bei vielen
anderen Formen der populären Heiligenverehrung in Süditalien, im Ritual der Mafia
die Legende angesprochen wird, die inhaltliche Botschaft des Bildes. Das
kunstgeschichtlich in zahlreichen stilistisch brillanten Darstellungen überlieferte Bild
der Mutter Gottes mit dem verkündenden Engel schildert die Eingangsformel des
„Ave Maria", des meist benutzten katholischen Gebets. Das Ave Maria betet die
Botschaft des Engels an die Mutter Gottes nach: „Gegrüßet seist Du, Maria,
gebenedeit unter den Frauen...". Dieser Gruß signalisiert Auserwähltheit.
Am Beginn stehen auch für die Calderone-Brüder, von deren Initiation wir eben
gehört haben, eine heimliche Unterweisung, ein stiller Gruß und der absolute
Gehorsam bei der Ausbeutung lokaler Ressourcen – am Ende stehen die weltweiten
Geschäfte der cupola, der Kuppel der Mafia, die gewaltigen Anschläge, die
bürgerkriegsähnlichen Zustände der 1980er und 1990er Jahre in Italien. Das Ritual
des Blutvergießens suggeriert eine Blutsverwandtschaft derjenigen, die gemeinsam
töten werden, das Verbrennen des Bildes macht die Schwurgemeinschaft
unauflöslich, denn die Instanz, der man das Versprechen zurückgeben könnte,
existiert nicht mehr. All das wird von der Kuppel gehalten, welche die Derivate der
Mafia-Geldwäsche errichtet hat.
Diese Elite der Selbstzucht und des Gehorsams, dieser Männerbund, in dem Frauen
wechselnd als Werkzeuge, Heiligtümer und Opfer von Vergewaltigungen fungieren,
hat über Freimaurerlogen Einfluss auf die gesamte italienische Politik zu nehmen
versucht. Sie hat im Bündnis mit der Democrazia Cristiana den Aufstieg der
Kommunisten in Italien verhindert und war Anfang der 1970er Jahre an dem
dubiosen Putschversuch des Fürsten Borghese beteiligt, dessen geheimdienstliche
Organisatoren anscheinend sogar vorschlugen, während des Umsturzes die Mafiosi
mit Armbinden erkennbar zu machen und zur Regulierung der öffentlichen Ordnung
einzusetzen – was diese nur mit Häme und einer höchst zurückhaltenden Beteiligung
quittierten. Im Gefolge dieser Himmelskuppel des Verbrechens befanden sich
rechtsradikale Terroristen und auch jene römische Verbrecherbande, die allem
Anschein nach Pier Paolo Pasolini umgebracht hat. Diese Organisation reichte schon
in ihren Frühformen im 19. Jahrhundert bis nach Tunis, um dann im 20. Jahrhundert
in Marseille, in den USA und schließlich auch in Deutschland Fuß zu fassen.
Ihre Rituale umfassen und verbinden stets die beiden Arme, welche die Mafia besitzt
– Unternehmer, Diplomaten sozusagen, die durch ihre Verbindungen zu Banken und
Politik Schmuggelwege frei halten und dem Staat Geld und personelle Energie
absaugen – auf der anderen Seite junge „Soldaten", Schutzgelderpresser, die aus
der Hefe der Alltagskriminalität als kriminelle Begabungen herauswachsen und dann
durch das Blutritual der Cosa Nostra ein Leben lang gebunden werden. Oft haben
die vermeintlichen Werkzeuge die Diplomaten und Anführer überspielt und in blutigen
Kriegen die Macht in der Organisation übernommen. Aus Bauern und Hirten, aus
Mördern und Schutzgelderpressern mussten dann wieder Diplomaten werden, die
dem Gesamt der sizilianischen Organisation soviel internationalen Spielraum wie
möglich geschaffen haben. Wie bei den Tsembaga binden sich lokale Ressourcen
und menschliche Energien zusammen in einem kontrollierten Krieg.
Wie erfolgreich dieser Prozess verläuft, konnte man sehr gut sehen, als vor drei
Jahren Bernardo Provenzano verhaftet wurde. Der Kopf der „cupola“, des Gipfels der
Mafia, lebte in seinem „Büro“ in einem Schafstall. Der Ort war der Polizei
wahrscheinlich schon seit sehr langer Zeit bekannt, aber der Druck, den seine
Organisation – aus dem Schafstall heraus bis hin nach Rom – auf die Polizisten, die
das Ganze mit ihren Ferngläsern und Nachtsichtgeräten beobachteten, ausüben
konnte, war so groß, dass sie lange Zeit nicht zugeschlagen haben. Sie trauten sich
erst, Provenzano festzunehmen, als ein Patt in der Wahlnacht und in den Nächten
danach eine Unsicherheit, eine Situation der Unklarheit geschaffen hatte und
niemand für die Verhaftung verantwortlich gemacht werden konnte, jedenfalls
niemand in den höheren Rängen der Politik.
In seinem Büro im Schafstall hat Bernardo Provenzano mit Hilfe von vier Bibeln und
mit den auch in Deutschland bei der Büroarbeit sehr beliebten Haftis, von
Klebezetteln, eine Organisation geleitet, deren Umsatz wahrscheinlich bei ungefähr 1
Billion Dollar lag. Es lassen sich auch bei Autorverkäufern wie bei Mafiosi zwei Typen
ausmachen, Erpresserisch-Aggressive und Vornehme, Händler en gros und
Strohmänner. Insgesamt arbeiten die Mafiabürokraten besser vernetzt und effektiver,
das muss man wohl leider sagen. Die Schmugglermafia von Catania, ganz am
Ostrand der Insel gelegen, gab sich international aufgeschlossen und populär. Sie
war zum Untergang verurteilt durch die Corleonesen – erst wenn sie eines Tages mit
ihrem Schreckensregiment am italienischen Staat zerbrochen sein werden, schlägt
vielleicht wieder die Stunde dieses gemäßigten Armes der Krake, zu dem auch der
bereits erwähnte nachdenkliche Kornzeuge Antonio Calderone gehört hat.

Auch die Mafia hat Chancen, zivilgesellschaftlich zu werden. Ein erfolgreicher
Handelsherr im 13. oder 14. Jahrhundert, jene ersten Kapitalisten, auf die wir uns
heute stolz berufen, waren nichts anderes als Mafiosi. Gemeinsam ist diesen
Netzwerken von bewaffneten Unternehmern unterschiedlichster Herkunft und
Orientierung die Einbindung in Rituale der Taufgevatterschaft und Blutsbruderschaft,
in Genossenschaften aller Art und ihre Berechnung, ihre Vitalität und
Anpassungsfähigkeit als Kollektiv. Bisher, so scheint es, haben sie sich aus ihrer
lokalen Basis heraus noch mit jeder neuen staatlichen und internationalen Form des
Wirtschaftens arrangiert und kontinuierlich globalisiert.
Vielleicht können die Gesellschaften, die den Kapitalismus hervorgebracht und dazu
viele alte Ritualismen abgestreift haben, gar nicht so gut mit dem Kapitalismus
umgehen, wenn er einmal voll erblüht ist, wie Bewohner von Landstrichen, welche
die Einführung des Kapitalismus nicht als jahrhundertealten Prozess, sondern als
„großen Sprung" erleben mussten. Wir sollten daher aus dem Kulturvergleich lernen
– schon allein um unsere Reserven gegen die Gefahren zu schützen, die uns von
Mafia und Terroristen drohen, aber auch, viel weiter gehend, um selbst ein Stück
dieser Vitalität und Zukunftsfähigkeit zu gewinnen, welche die Ritual- und
Bodenbesitzgemeinschaften anderer Gebiete nun einmal haben. Wir brauchen mehr
Theater, mehr Filme, mehr künstlerische Produktionen und eine wirklich evolutionäre
Wissenschaft vom Menschen, mehr wissenschaftliches Wissen, damit wir für die
Gesamtgesellschaft oder auch für die Gesamtmenschheit in
Beschwichtigungsritualen Verantwortung, gegenseitige Beschuldigungen und
Rekompensation, Wiedergutmachung im Fall der wirtschaftlichen Krise erreichen
können.
Die Wirtschaftsmänner sollten den Anfang machen. In Sack und Asche gehen, das
wäre schon mal ein wunderbarer ritueller Gestus. Geld für die Armen sammeln, pleite
gegangene Thai-Börsianer oder meinetwegen auch Abtrünnige der al-Qaida oder der
Mafia zu Gastvorträgen einladen und vor allem sollten sie endlich mal die
Universitäten und den Kunstmarkt in Ruhe lassen. Ohne einen schmalen Staat von
aufgeklärten zeremoniellen Sachwaltern der immobilen und mobilen Besitzgüter der
Menschheit wird das nicht gut gehen und vor allem nicht ohne funktionierende
Familien, ohne Netzwerke von Freunden und Gesinnungsgenossen und -
genossinnen, ohne gemeinnützige Vereine, ohne Brauchtumspflege, ohne sportliche
Rituale, ohne Ehrenamt und ohne kulturelle Reserven.
Als Alternative zu dieser zivilen Bürgergesellschaft der Rituale und der Aufklärung,
die den eigentlichen Stoff der Gesellschaft bildet, sind eigentlich nur die wahre
Barbarei der Exorzismen im Stile des Dritten Reichs denkbar oder aber
Enteignungen und Beseitigung der wirtschaftlich Aktiven, der Besitzenden, wie wir
sie bis 1986 in der Sowjetunion beobachten konnten und bis 1989 in der DDR. Als
Alternative ist sonst nur noch ein totaler asymmetrischer Krieg denkbar, der ganze
Kontinente in eine fürchterliche Phase der Regeneration zwingen könnte – an deren
Ende nur wiederum neue Rituale von Sühne und Beschwichtigung stehen würden.
Dass Gruppen wie die al-Qaida oder die Mafia auf den rituellen Zement
zurückgreifen können, auf Rituale als Mittel, Menschen zu verschweißen, zu einer
Korporationen zusammen zu binden, die gemeinschaftlich agiert, zeigt uns, was uns
in den Zentren der Industriegesellschaften vielleicht zum Teil verloren gegangen ist.

Damit meine ich natürlich nicht, dass wir alle Mafiosi oder fundamentalistische
Terroristen werden sollten. Aber wir sollten erkennen, dass wir bald gezwungen sein
werden, aus ähnlichen Erkenntnissen heraus zu handeln wie sie – aber dann auf
zivilgesellschaftliche Weise, sonst ist das Potential wieder verschenkt. Die Kunst wir
darin bestehen, mit friedlichen, wirkungsvollen, auf Austausch und auf materiellen
Ausgleich ausgerichteten Ritualen eine neue Balance zwischen Arm und Reich,
zwischen Krise und Wohlstand zu erarbeiten. Der Gesellschaftsvertrag, der ein Land
schlussendlich trägt, kann nicht nur aus Gesetzen und Kontrakten bestehen, er muss
auch in Zeremonien und bildhaftem Handeln Wirkung erlangen. Auf keinen Fall wird
er lange halten, wenn er lediglich auf der Prämisse beruht, das alle so viel Geld wie
möglich machen sollen, nicht einmal in den USA.
Wir sollten hier aus dem Kulturvergleich lernen, und wir sollten unsere Restrituale,
die Brauchtumspflege, die sportlichen Zeremonien, das Ehrenamt und viele andere
kulturelle Reserven ernster nehmen. Das könnte uns vor den blutigen Ritualen der
revolutionären Umverteilung des Besitzes oder vor dem Massenrausch des
kriegerischen Faschismus schützen. Ohne Dialog, ohne Hoffnung und zugleich
Nüchternheit im Umgang mit Krisenhaftigkeit, ohne den „erzwungenen Frieden“ des
Teilzwangs und der Rituale, von dem schon der große Anthropologe Marcel Mauss
gesprochen hat, werden wir vielleicht diese Krise oder eben die nächste Krise nicht
mehr so leicht überstehen können, wie wir uns das im Moment noch vorstellen.
*****
*****
 


Um diesen Artikel zu drucken markieren Sie ihn bitte mit gedrückter Maustaste und kopieren ihn in Ihr
Textverarbeitungsprogramm z.B. Word. !

Copyright © 1999 - 2014[kultur-punkt.ch]. Alle Rechte vorbehalten.

.