Onlinejournal    Kultur . >        < Suchen  > > >   Finden  >

 


SWR2 Wissen: Aula - Marco Wehr : Unübersichtlich und unvorhersehbar . Wie viel Komplexität verkraftet unser Gehirn?
Autor und Sprecher: Dr. Marco Wehr *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 7. April 2013 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

Autor
Dr. Marco Wehr ist Physiker, Philosoph, Wissenschaftstheoretiker. Seine Arbeitsschwerpunkte als Autor und Redner sind Voraussagbarkeit, Komplexität sowie die Beziehung von Denken und Körper. Seine bisher erschienenen Bücher wurden hoch gelobt und auf die Liste der Wissenschaftsbücher des Jahres gewählt. Seine Essays für die FAZ, die sich kritisch mit der Mathematisierung der Welt befassen, wurden für den Henri-Nannen-Preis 2013 nominiert.

Bücher (Auswahl):
- Welche Farbe hat die Zeit? Wie Kinder uns zum Denken bringen. Eichborn-Verlag. 2007.
- Der Schmetterlingsdefekt. Turbulenzen in der Chaos-Theorie. Eichborn-Verlag. 2007.

ÜBERBLICK
Wir durchschauen immer weniger . Unsere Gesellschaft beruht auf der ständigen Zunahme von Komplexität: Wir wissen immer mehr, durchschauen aber immer weniger, und viele Systeme sind uns mittlerweile über den Kopf gewachsen. Was an der Börse wie funktioniert, ist für uns undurchschaubar, ebenso wie die europäische Wirtschaftskrise; und wenn wir von den neuen Erkenntnissen und Experimenten der Astrophysik hören, streiken unsere geistigen Kapazitäten. Wie sollen wir mit der Komplexität umgehen, sollen wir kapitulieren oder können wir uns damit arrangieren? Antworten gibt der Philosoph und Physiker Dr. Marco Wehr.


INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Unübersichtlich und unvorhersehbar - wie gehen wir eigentlich mit Komplexität um?“
Wir wissen immer mehr, durchschauen aber immer weniger, und in manchen Bereichen sind uns die Dinge schlichtweg über den Kopf gewachsen: Oder können Sie die Finanzkrise erklären oder die Funktionsweise eines Rettungsschirms? Oder kennen Sie sich aus im Bereich der Astrophysik und wissen, was schwarze Materie ist? Oder blicken Sie bei den mathematischen Modellen durch, auf die sich Klimaforscher und auch Börsenmakler stützen?
Die Erhöhung der Komplexität ist ein Problem, denn der Otto-Normal-Verbraucher bleibt quasi als Blödmann auf der Strecke, er blickt nicht mehr durch und kann manipuliert werden. Wie sollen wir mit dem Problem umgehen, wie kommen wir wieder raus aus der Komplexitätsfalle?
Antworten gibt der promovierte Physiker und Philosoph Marco Wehr aus Tübingen:
Marco Wehr:
Ist das Leben planbar? Und was bedeutet die Beantwortung dieser Frage für unser persönliches Lebensgefühl? Zu dieser Frage gibt es zwei extreme Standpunkte, die ich mittels meiner verstorbenen Großväter erläutern möchte:
Ging ich als junger Bursche auf Reisen, so gab es ein Ritual: Ich war gerade dabei in meinem Zimmer den Rucksack zu packen und hörte, wie die Tür der großelterlichen Wohnung aufging. Es folgte das Klacken des Lichtschalters, ein kurzes Räuspern. Dann näherte sich mein Wuppertaler Opa mit schlurfendem Schritt. Er blieb in der Tür meines Zimmers stehen und sah mir mit großem Ernst prüfend in die Augen. Jetzt griff er in die Hosentasche und holte einen Geldschein hervor, den “Obolus“ wie er ihn nannte. Mit feierlicher Geste gab er mir die Banknote und sprach die immer gleichen Worte: „Junge, wenn Du eine Reise machst, vergiss nie, genug Geld einzustecken! Und außerdem, Du kennst ja meine Philosophie: Erst denken, dann handeln!“ Er gab mir die Hand, drehte sich um und verschwand. Wenn ich schließlich das Haus verließ, stand er am Fenster und winkte noch einmal kurz zum Abschied.
Mein Wuppertaler Opa war, ungeachtet seiner Großzügigkeit, kein wirklicher Menschenfreund. “Wer die Menschen kennt, liebt die Tiere“ pflegte er zu sagen. Er konnte stundenlang auf einer Bank im Wald sitzen und dem Gezwitscher der Vögel zuhören. Vogelgesang war Balsam für seine Seele, ganz im Gegenteil zum unerträglichen “Gesabbel“ der Menschen.
Im völligen Gegensatz dazu war mein Berliner Opa ein bekennender Lebemann und Freund der Frauen. Tiere liebte er ebenfalls, aber nur, wenn sie knusprig gebraten vor ihm auf dem Teller lagen, am besten erjagt von eigener Hand. Wuchsen ihm in Berlin seine Frauengeschichten über den Kopf, flüchtete er nach Polen, um sich beim Angeln an der Oder zu entspannen. Opa Kurt lebte genügsam im Zelt und fischte Welse, während daheim die eifersüchtigen Gespielinnen mit dem Stöckelschuh in der Hand aufeinander losgingen. Hatte er das Gefühl, dass der
Pulverdampf verflogen war, kehrte er in die Großstadt zurück. Auch er hat der Nachwelt einige Spruchweisheiten hinterlassen.
In unserem Zusammenhang ist nur eine wichtig. Mit dröhnendem Lachen berlinerte er: “Erstens kommt det anders und zweetens als de denkst.“
Dieser Satz steht in vollkommenen Gegensatz zu “Erst denken, dann handeln.“
Hier stellt sich die Schlüsselfrage: Wer hat Recht? Wir müssen an dieser Stelle kurz innezuhalten und uns der Tragweite dieser Frage bewusst werden. Ihre Beantwortung hat nämlich nicht nur Konsequenzen für die persönliche Lebensführung. Sie verbindet auch abstrakte Fragestellungen der Quantenmechanik, Chaostheorie, Komplexitätstheorie mit unserem Alltag und berührt damit ein altes philosophisches Problem, dass einst von den Stoikern in aller Deutlichkeit formuliert wurde. Was können wir eigentlich wissen? Doch bleiben wir zuerst bei den Konsequenzen für die Lebensführung und kehren noch einmal zu den Großvätern zurück:
Die beiden hatten ganz eigene Strategien den Alltag zu meistern.
Der Wuppertaler Opa plante sorgsam und verlegte den möglichen Genuss im Hier und Jetzt gerne in die Zukunft. Immer zu Weihnachten deponierte er zwischen seinen gebügelten Hemden im Kleiderschrank ein Marzipanbrot, von dem er immer am Wochenende nach der Sportschau mit einem Perlmuttmesser zwei dünne, opak durchscheinende Scheibchen abschnitt. So konnten wir uns zusammen mehrere Monate an einem Marzipanbrot laben.
Im Gegensatz dazu liebte es mein Berliner Opa, aus dem Vollen zu leben, den Augenblick innig zu umschlingen, da er ja nicht wusste, was die Zukunft bringen würde. Das allerdings bescherte ihm spätes Leid. Opulentes Essen, Frauen aller Art und exzessiver Tabakgenuss sind weder dem Geldbeutel noch der Gesundheit auf die Dauer zuträglich. Es wundert nicht, dass er arm starb, ohne sich jedoch auf die für ihn typische Art und Weise aus dem Leben zu verabschieden. Als Kettenraucher war er schon vom Krebs gezeichnet, als ich ihn in Berlin besuchte. Uns war klar, dass wir uns das letzte Mal sehen würden. Wir saßen uns eine Weile schweigsam gegenüber, dann kramte er in einer Pappschachtel und fingerte zwei abgegriffene Hundertmarkscheine heraus. Das war sein letztes Geld.
“Junge, fahre zum KaDeWe und kaufe uns Lachs!“ Er machte eine bedeutungsschwere Pause: “Aber ich bitte Dich, nichts von dem gewöhnlichen Zeug. Ich will Gotland-Lachs.“ So verzehrten wir genüsslich die Delikatesse auf lauwarmem Toast und köpften noch eine erlesene Flasche aus seinem gut bestückten Weinkeller. Wenige Tage später war er tot. “Das letzte Hemd hat keine Taschen“, sagte er noch.
Würden wir jetzt einen antiken Stoiker fragen, welcher Opa richtig handelte, so hätte der Gelehrte wohl in beiden Fällen etwas zu bemängeln, da die zwei einer wesentlichen Maxime stoischer Lebenskunst nicht genügten. Zweifellos stellt sich die Frage nach der Planbarkeit des Lebens nicht in solchen Extremen dar.
Natürlich gibt es Bereiche des Lebens, in denen der Vernunftgebrauch gute Dienste leistet. In anderen aber, und das sind nicht wenige, ist es ausgesprochen unvernünftig auf die Vernunft zu bauen, weil sie der Komplexität des Lebens nicht gerecht wird und eine Sicherheit vorgaukelt, die nicht vorhanden ist.
Die entscheidende Frage ist, wie man die Bereiche, wo es vernünftig ist vernünftig zu sein von denen abgrenzt, wo diese Strategie keinen Sinn macht. Um zu einer Antwort zu kommen waren gerade die späteren Stoiker wie Seneca oder Marc Aurel stark an der Wissenschaft ihrer Zeit interessiert. Diesen Stoikern war ihr umfassendes Weltwissen kein Selbstzweck, sondern unverzichtbare Grundlage persönlicher, ganz alltäglicher Lebenskunst. Es ging eben darum, sorgsam zwischen dem zu unterscheiden, was man wissen kann und dem, was sich diesem Wissen entzieht. Aber warum ist diese Unterscheidung überhaupt wichtig? Diese Unterscheidung ist für die stoische Lebenskunst von großer Bedeutung, da sie den Kreis der Probleme, über die man sich Gedanken machen sollte, erheblich eingrenzt. Sie ist die Grundlage der sprichwörtlichen “stoischen Ruhe“. Die Stoiker vertraten die Auffassung, dass man sich nur um das sorgen solle, was man wissen und auf der Grundlage dieses Wissens auch beeinflussen könne. Nur in diesem Bereich ließe sich mit einiger Wahrscheinlichkeit abschätzen, ob bestimmte Handlungen etwas Erwünschtes herbeiführen oder etwas Unerwünschtes vermeiden helfen. Wie aber sieht es mit dem anderen Bereich aus, dem großen Feld des Nichtwissens? Nach der stoischen Lehre soll man dieses Feld nicht verdrängen oder gar verneinen, sondern seine Existenz einfach zur Kenntnis nehmen. Da man auf der Grundlage des Nichtwissens die Welt nicht gezielt steuern kann, muss man dieser terra incognita mit völliger Gelassenheit begegnen. Das Ungestaltbare gestalten zu wollen, ist ihrer Meinung nach nur Ausdruck mangelnder Lebenskunst.
Jetzt kommt die für uns entscheidende Frage: Wie müsste ein Seneca unserer Tage vorgehen, um das Wissbare vom Nicht-Wissbaren zu unterscheiden? In welchen Bereichen können wir etwas von der Zukunft wissen, und wo ist das ein aussichtsloses Unterfangen? Die Beantwortung der Frage ist lohnend auch wenn sie in letzter Konsequenz von abgründiger Tiefe ist. Am Anfang ist alles ganz einfach: Für einen modernen Stoiker würden viele lieb gewordenen Probleme mit einem Schlag von der Bildfläche verschwinden: Betrachten wir einen feinnervigen Zeitgenossen wie den Moderator Harald Schmid, der sich öffentlich zu seiner ins Neurotische gesteigerten Angst vor Krankheit und Tod bekennt. Was würde unser Stoiker einem solchen Menschen raten?
Vermutlich etwa das Folgende: Wenn Sie in heiterer Gemütsverfassung lange leben wollen, dann tun Sie, was man sicher weiß, allem anderen begegnen Sie mit Gleichmut. Nach diesem Rat, hören Sie auf zu rauchen und trinken Alkohol nur in Maßen. Sie specken ein wenig ab, ersetzen Butter durch Olivenöl, Eisbein durch Fisch. Sie essen viel vitaminreiches Obst und Gemüse. Von Zeit zu Zeit bewegen Sie sich an der frischen Luft, arbeiten nicht zu viel und nicht zu wenig. Sie bemühen sich um eine harmonische Beziehung, da Singles signifikant früher den Herztod sterben. Außerdem turnen Sie nicht achtlos auf hohen Leitern herum und verwechseln eine normale Straße nicht mit dem Nürburgring. Wenn Sie diese einfachen Regeln beherzigen, schießt Ihre Lebenserwartung in die Höhe. Fragwürdige Spekulationen überlassen Sie heiteren Gemüts den Leuten, denen das Züchten von Neurosen zum Selbstzweck geworden ist: Ob Handystrahlen
Wucherungen des Hörnervs bedingen oder das chronische Müdigkeitssyndrom auslösen, konnte nie gemessen werden - also kümmern Sie sich nicht darum.
Eine solche Vorgehensweise klingt verlockend. Allerdings sind wir hier auch auf sicherem Boden. Es gibt starke statistische Korrelationen, die die Richtigkeit der Ratschläge nahelegen. Wir möchten aber mehr. Wir möchten zur Orientierung eine Art geistiger Landkarte, auf der alle Gebiete verzeichnet sind, wo das vernunftgeleitete Denken seine Berechtigung hat und andere, wo es unsinnig ist. Eine solche Karte ist für jeden Menschen von großer Bedeutung, denn es ist ja ein Gebot der Sorgsamkeit, seinen Intellekt dort zu gebrauchen, wo es sinnvoll ist (Wuppertaler Opa). Es ist aber auch ein Gebot der Klugheit, nicht dort Ordnung zu suchen, wo keine zu finden ist (Berliner Opa). Wie sollen wir vorgehen? Wäre es nicht naheliegend, sich einfach an die Wissenschaften zu halten und zu tun, was Experten empfehlen? Das wäre sicher eine gute Idee, wenn auf die Experten Verlass wäre. Aber man muss kein Wissenschaftstheoretiker sein, um diesem Vorschlag mit Vorsicht zu begegnen!
Machen Sie sich Gedanken darüber, wie Sie sich gesund ernähren sollen? Dann schlagen sie bitte einmal nach, was Ihnen Ernährungswissenschaftler in den letzten 10 Jahren so alles empfohlen haben. Ich meine noch nicht einmal die jährlich wechselnden Diätempfehlungen. Erinnern Sie sich noch an den Rat, Vitamine wie A, C und E möglichst hochdosig zu nehmen? Das kann ernste Konsequenzen für Ihre Gesundheit haben, wie man heute weiß! Jetzt muss man die Ernährungswissenschaften nicht für repräsentativ halten. Richten wir unseren Blick deshalb auf das Leitgestirn der Wissenschaften: die Physik!
Die Vorhersage von Sonnen- und Mondfinsternissen, Ebbe und Flut, Flüge zum Mond, Satelliten, funktionierende Technik. Ohne Zweifel besitzt die Physik einen Vorbildcharakter für andere Wissenschaften. Trotzdem knackt es im Gebälk. Es gibt Bereiche, die dabei sind, zu einer esoterischen Geheimwissenschaft zu verkommen, da vergessen wird, dass physikalische Theorien genau dann sinnvoll sind, wenn auf ihrer Grundlage Fragestellungen entwickelt werden können, die experimentell überprüfbar sind. Schaut man sich die Arbeiten der Schleifen-Quantengravitation oder Superstring-Theorie an, dann scheint diese fundamentale Erkenntnis aus dem Blickfeld geraten zu sein.
Die Nebelkerzen der modernen Physik heißen dunkle Materie und dunkle Energie. Dunkel ist auch das Verständnis dessen, was mit diesen Begriffen gemeint sein soll. Irgendwie muss man sie aus dem Hut zaubern, um die bestehenden Theorien an das merkwürdige Expansionsverhalten des Universums anzupassen. Dieses Gebaren erinnert an den physikalischen Äther des 19. Jahrhunderts, eine nichtsichtbare Substanz angeblich unendlicher Härte. Man hielt sie für notwendig, damit sich die Lichtwellen fortbewegen können.
Wie die Scholastiker, die darüber stritten, wie viele Engel auf einer Nadelspitze sitzen können, stritten die Experten allen Ernstes, ob der Äther von der Erde mitgerissen wird oder die Erde den kristallartigen Stoff durcheilt. Es bedurfte des Genies von Albert Einstein, um dieses begriffliche Monstrum, dass sich in den Köpfen der Wissenschaftler verbissen hatte, für immer in der Mottenkiste der Physik verschwinden zu lassen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der dunklen Energie ein vergleichbares Schicksal droht. Damit müssen wir feststellen, dass zumindest Teile
der Physik in einer Krise sind. Und was für die Physik gilt, gilt in extremerer Form für die Wissenschaftsbereiche, die sich an der Physik orientieren.
Es ist wie mit einem Medikament, das wegen seines großen Erfolgs plötzlich gegen Krankheiten verschrieben wird, für die es wirkungslos ist. Aspirin hilft gegen Kopfschmerzen. Macht es dann auch Sinn es gegen Warzen, Flugangst und ADHS zu nehmen? Vergleichbar in den Wissenschaften. Kaum eine Disziplin, die sich heute nicht auch ein mathematisches Mäntelchen umhängt und mittels dieses Tricks suggeriert, dieselbe methodische Strenge wie die Physik zu erreichen. Eine mathematische Formel besagt erst einmal gar nichts. Vor allen Dingen, wenn von den Wissenschaftlern die Gretchenfrage der angewandten Mathematik systematisch ausgeblendet wird! Diese Frage lautet: Ist der Teil der Wirklichkeit, den ich mittels meiner Formel berechnen möchte, überhaupt berechenbar? Macht es irgendeinen Sinn ihn mathematisch zu fassen? Interessanterweise wird diese Frage meist als beantwortet vorausgesetzt.
Diese Form der Mathematikgläubigkeit nennt sich Kalkulationismus. Stammvater ist der alte Pythagoras von dem der Satz “Die Welt ist Zahl“ stammt. Doch trotz der Prominenz dieser Auffassung bleibt offen, ob sie richtig ist. Wahrscheinlich nicht. Das hat uns die Chaostheorie gelehrt. Selbst einfache physikalische Systeme wie ein Doppelpendel können - um einen Fachterminus zu gebrauchen - irreduzibel sein. Das bedeutet, dass sich ihre Dynamik in keine verkürzte mathematische Form bringen lässt, die benutzt werden kann, um das zukünftige Verhalten des Systems exakt vorauszusagen. Und was für ein Doppelpendel gilt, gilt für viele Bereiche unserer Wirklichkeit, die sich beharrlich weigern, in ein symbolisches Korsett gezwungen zu werden, da sie eine überbordende Vielfalt offenbaren, die sich einer wissenschaftlichen Formalisierung entzieht.
Vor diesem Hintergrund steht es in den Sternen, ob so komplexe Szenarien wie eine Volkswirtschaft oder das Klima sich in kompakten, reduzierten mathematischen Beschreibungen einfangen lassen, die auf dem Computer implementiert, dazu benutzt werden können, valide Zukunftsvorhersagen zu machen. Deshalb ist nicht auszuschließen, dass sich tausende Volkswirtschaftler und Klimatheoretiker einem akademischen Glasperlenspiel hingeben, dessen Erfolglosigkeit schon in der Natur der Sache begründet ist. Die Erfolglosigkeit volkswirtschaftlicher Prognosen ist ja offensichtlich. Schon bei der Vorhersage des jährlichen Wirtschaftswachstums können die Einschätzungen der Experten um 100 % divergieren. Das ist so, als wenn Sie aus 5 Meter Entfernung mit einem Tennisball auf einen Möbelwagen werfen und diesen verfehlen. Und über das völlige Versagen der Volkswirtschaftler bei der Vorhersage der momentanen Wirtschaftskrise, brauchen wir kein weiteres Wort zu verlieren. Diese “Wissenschaft“ ist in ihren Grundfesten erschüttert.
Nicht ganz so offensichtlich muss man auch die Klimamodellierung mit einem Fragezeichen versehen. Das ist nicht als Freibrief für die rücksichtslose Zerstörung unserer Umwelt misszuverstehen. Betrachtet man aber die Arbeitsweise der Klimatheoretiker genauer, dann hat diese etwas Alchemistisches. Die Alchemisten machten chemische Experimente ohne eigentlich genau zu wissen, was sie taten. Keine Theorie von Atomen und Molekülen half ihnen bei der Interpretation ihrer Versuche. In vergleichbarer Weise sammeln Klimamodellierer ein Rezeptewissen im virtuellen Raum. Was man wie genau modellieren soll, ist im Detail nicht wirklich bekannt.
Weder weiß man, wie Wolkenbildung exakt funktioniert noch in welcher Weise Wälder oder große Wasserflächen CO2 binden. Deshalb ist man sich auch nicht sicher, wie man solche Größen korrekt skaliert und parametrisiert. Das ist keine Kleinigkeit. Bei den Modellen handelt es sich um hochgradig nicht-lineare Differentialgleichungssysteme, die zum Beispiel auf kleinste Änderungen im Parameterraum sehr empfindlich reagieren können. Aus diesem Grund lässt man viele verschiedene Simulationen parallel laufen und schaut, welche sich den tatsächlichen Messwertverteilungen am besten anschmiegt. Das ist, wie gerade gesagt, eine rezeptartige Strategie. Ein fundiertes wissenschaftliches Verständnis sieht anders aus. Trotzdem, das muss betont werden, ist es natürlich legitim, einen solchen Zugang zu wagen. Man muss sich aber der Vorläufigkeit der Ergebnisse bewusst sein und das auch offen kommunizieren. Fragwürdig ist das Gebaren einiger wissenschaftlicher Hohepriester, die bei der Allgemeinheit und den Politikern das Gefühl hervorrufen, es gäbe Propheten - nämlich sie - die die Zukunft genau vorherzusagen wüssten. Das ist nicht seriös und hier fehlt die nötige Bescheidenheit.
Da die Wissenschaftler nicht im Elfenbeinturm agieren, sind die Folgen für die Allgemeinheit gravierend. Auf fragwürdigen Prognosen können politische Entscheidungen basieren, deren Volumen Hunderte von Milliarden Euro beträgt. Darüber hinaus sind wir als Menschen mit einem Phänomen konfrontiert, das ich als “Komplexitätsfalle“ bezeichnet habe. Diese ist ein junges aber trotzdem bedrohliches Phänomen.
Das Mantra meines Berliner Opas “Erstens kommt det anders und zweetens als de denkst“ und der damit verbundene hedonistische Gegenwartsbezug ist natürlich eine philosophische Extremposition. Anders als mein Opa lieben die meisten Menschen nämlich Planungssicherheit. Das ist schon in der Funktion unseres Gehirns angelegt, dass in großen Teilen als “Welterklärungsorgan“ aufgefasst werden kann. Und Welterklärungen haben sich in der Kulturgeschichte der Menschen lange Zeit stetig gebessert. Bis vor einigen hundert Jahren galt es im Allgäu noch als vernünftig, bei einem Gewitter den nackten Hintern aus dem Fenster zu halten. Im Unterschied zu den Tieren besitzt der Mensch wegen seines aufrechten Ganges ein wohlproportioniertes, ein rundes Gesäß. Der Teufel hat wegen seiner Tierhaftigkeit aber ein flaches. Und wenn wie bei einem Gewitter teuflische Kräfte walten, dann vertreibt man den Teufel, indem man ihm den runden, den guten Hintern unter die Nase hält. Der Geist der Aufklärung hat solche “Erklärungen“ als Humbug enttarnt und an ihre Stelle die wissenschaftliche Methode gesetzt. Und diese war bis vor kurzem eine Erfolgsgeschichte, da sie es in nicht bekannter Weise ermöglichte, die als erratisch empfundene Außenwelt zu interpretieren und zumindest in Maßen vorhersehbar zu machen.
Doch leider führt sich dieses Prinzip heute ad absurdum, da auch Spezialisten nicht mehr in der Lage sind, gültige von ungültigen “wissenschaftlichen“ Beschreibungen zu unterscheiden. Das, was Klarheit bringen soll, führt zur Konfusion. Es konkurrieren tausende mathematisch verbrämte Weltentwürfe miteinander, wobei nur vergleichsweise wenige Menschen das methodische Werkzeug besitzen, um die wissenschaftlichen von den unwissenschaftlichen zu scheiden. Doch das ist leider nicht alles. Viele der fragwürdigen mathematischen Modelle werden auch noch auf Computern implementiert. Die Ergebnisse bezeichnet man euphemistisch als Simulationen. Das Wort “Simulation“ leitet sich vom lateinischen Wort “simulare“ ab,
was so viel bedeutet wie “ähnlich machen“ oder “nachahmen“. Wie aber prüft man, ob die Simulation die Wirklichkeit nachahmt?
Im wissenschaftlichen Labor ist die Vorgehensweise klar: Unter kontrollierbaren Versuchsbedingungen werden wiederholbare Experimente gemacht. Es wird gemessen und die Werte werden mit den Berechnungen verglichen. Aber wie geht man vor, wenn der Gegenstand der Simulation interagierende Volkswirtschaften sind oder in Streit geratene Völker? Da lassen sich die Versuchsbedingungen nicht wie im Labor kontrollieren und entsprechend problematisch oder unmöglich ist es, zu prüfen, ob die Simulationen auf dem Computer zu irgendetwas ähnlich sind. Wenn diese Prüfung aber nicht stattfindet, dann bleibt der Wert der Simulation im Dunklen.
Und leider ist die Situation noch komplizierter! Es gibt weitere Bereiche, in denen uns vom Computer generierte Komplexität das Leben schwer macht. Erinnern Sie sich an den Flash-Crash an der Wallstreet? Binnen Sekunden rauschte der Dow Jones aus unerfindlichen Gründen in den Keller. Es dauerte Monate (!), bevor man begründete Mutmaßungen darüber anstellen konnte, in welcher Weise die Trading-Algorithmen auf den Computern großer Broker für dieses Versagen verantwortlich waren.
Bisher waren die geschilderten Probleme systemimanent. Sie sind die Folge einer zunehmenden Mathematisierung und Computerisierung der Welt und wir können den Akteuren eine gewisse Arglosigkeit unterstellen.
Doch im Wechselspiel von Wirtschaft und Politik gibt es auch Menschen und Institutionen, die von Komplexität und Unübersichtlichkeit profitieren. Die Komplexitätsgewinner. Man denke in diesem Zusammenhang an eine entfesselte Finanzwirtschaft, die das Prinzip der Unübersichtlichkeit zur Blüte entwickelt hat. Die bewusste Komplizierung von Anlageprodukten und deren Handel ist ein Geschäftsmodell, von dem Insider maximal profitieren. Banken entwickeln kryptische Limits für Wertpapiertransaktionen, damit die von ihnen verwendeten Computer im Handel mit solchen Werten einen geldwerten Zeitvorsprung gewinnen. Große Geldhäuser beschäftigen Physiker, die sogenannten Quants, deren Aufgabe darin besteht, extrem komplizierte Derivatkonstruktionen zu erschaffen, die außer ihren Erschaffern niemand versteht. Genau dieser Punkt ist ihre Existenzberechtigung, eine raffiniert ausgedachte Komplexitätsfalle, die keine andere Funktion hat, als das Unwissen der Kunden zum eigenen Vorteil auszunutzen. Bankintern werden diese Konstrukte als „Black Boxes“ bezeichnet. Sinn und Zweck ist es, die sogenannten “Muppets“ - gutgläubige Kunden - zu schröpfen.
Vom Standpunkt der Allgemeinheit gesehen, ist ein solches Verhalten nicht nur verantwortungslos - es ist gemeingefährlich. Eine Demokratie lebt davon, dass Bürger und Politiker zumindest prinzipiell in der Lage sind zu verstehen, worüber sie entscheiden. Und welchen Schaden die Quants anrichten, haben wir in den letzten Jahren zu spüren bekommen. Leider sind Kompetenz und Wahrnehmung der Superhirne auf die “Black Boxes“ beschränkt und die Zukunft ist nicht zwangsläufig die harmonische Verlängerung der Vergangenheit. Der Missachtung dieser Tatsache verdanken wir die Weltfinanzkrise, da die realen Szenarien mit ihrer unvorhersehbaren Dynamik in den naiv simulierten Wirklichkeits(t)räumen der “Superhirne“ nicht vorkamen.
Was bedeutet das alles für unser Lebensgefühl? Ich glaube, wir spüren nicht mehr den Optimismus des von der Sonne der Vernunft beschienenen Aufklärers. Im Gegenteil. Viele Menschen werden von diffusen Ängsten beherrscht, die von denen eines Steinzeitmenschen, der sich einer unberechenbaren und unbarmherzigen Natur ausgesetzt fühlte, nicht sehr verschieden sein dürften.
Wie würde unser moderner Stoiker mit dieser Situation umgehen? “Wisse, was zu wissen ist“ lautet das stoische Dogma. Wer aber ist heute in der Lage, eine Landkarte des Wissens zu erstellen, auf der die Gebiete wo man planen kann, sauber von denen geschieden sind, wo Planung sinnlos ist. Diese Aufgabe kann kein einzelner Mensch mehr leisten. Damit wird sie zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe von großer Dringlichkeit!
Im Augenblick irren wir alle ohne Kompass durch ein Informationsuniversum, das mit seiner chaotischen Dynamik beträchtliche Konsequenzen für uns haben kann. Deshalb müssen Einfachheit und Klarheit dort, wo sie möglich sind, angestrebt werden.“Das große Ziel der Wissenschaft“ so Albert Einstein, “ist es, die größtmögliche Zahl von empirischen Tatsachen durch logische Ableitung aus der kleinsten Zahl von Hypothesen oder Deduktionen zu erfassen.“ Gute Gedanken verdichten viele zusammenhangslose Fakten zu einem sinnvollen Ganzen. Doch das Erarbeiten wertiger Prinzipien benötigt nicht nur in den Wissenschaften Zeit und Anstrengung. Es ist die schwierigst denkbare Aufgabe!
“Erstens kommt det anders, zweetens als de denkst“ - das ist also die momentane Situation, in die wir uns wie Goethes Zauberlehrling hineinmanövriert haben. Jetzt müssen wir Gedankenarbeit leisten, um da Klarheit zu schaffen, wo es möglich ist: “Erst denken und dann handeln“.
In diesem Lichte bekommen die Philosophien meiner Großväter einen übergeordneten Sinn und ergänzen sich. Und die notwendige Gedanken- und Aufklärungsarbeit in Angriff zu nehmen ist kein intellektueller Luxus - das ist eine Überlebensnotwendigkeit.
*****
 


Um diesen Artikel zu drucken markieren Sie ihn bitte mit gedrückter Maustaste und kopieren ihn in Ihr
Textverarbeitungsprogramm z.B. Word. !

Copyright © 1999 - 2014[kultur-punkt.ch]. Alle Rechte vorbehalten.

.