Onlinejournal    Kultur . >        < Suchen  > > >   Finden  >

 


SWR2 Wissen Aula - Christoph Türcke: Achtung ADHS! Wie unsere Kinder unsere Gesellschaft spiegeln
Autor und Sprecher: Professor Christoph Türcke *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 8. Juli 2012, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

* Zum Autor:
Christoph Türcke, geb. 1948, studierte Evangelische Theologie in Göttingen, Tübingen und Zürich. Seine Ordination zum Pfarrer folgte 1972, ein Jahr später begann er das Studium der Philosophie an der Universität Frankfurt. 1985 habilitierte er sich, hatte eine Gastprofessur in Brasilien und ist seit 1993 Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Christoph Türcke ist Erster Träger des Sigmund-Freud-Kulturpreises 2009.
Bücher (Auswahl):
– Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur. Beck-Verlag. 2012.
– Philosophie des Traums. Beck-Verlag. 2012.

ÜBERBLICK
ADHS - Symptom einer GesellschaftADHS wird mit dem Zappelphilipp-Syndrom gleichgesetzt, es geht meistens um Kinder, die sich nicht mehr konzentrieren können, die deshalb große Lernschwierigkeiten haben und im Extremfall medikamentös behandelt werden. Dabei sind sie nicht die eigentlichen Patienten, sondern sie zeigen lediglich die Defizite und Pathologien auf, die die Erwachsenen verursacht haben. Sie haben sich eine Welt erschaffen, die sich wegen der Taktgeber Computer und Fernsehen in einem dauerhaften Alarmzustand befindet. Christoph Türcke, Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, beschreibt die neue Aufmerksamkeitsdefizitkultur.

Quintessenz, m+w.p:
Menschen sind Wiederholungstäter - Maschinen sind Bildschocker.
"Nachsitzen zum Respekt vor Ritualen zu ihrer Vermittung und ihrer kritischen Durchdringung als Schlüssel zur multikulturellen und multireligiösen Gemengelage der Gegenwart .."


INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Achtung ADHS – Warum unsere Kinder die Gesellschaft, in der sie leben, widerspiegeln“.
ADHS steht auf dem neuen Stempel, mit dem wir Kinder etikettieren, die in der Schule nicht mehr ruhig sitzen, die sich nicht mehr auf eine Sache konzentrieren können und infolgedessen Lernschwierigkeiten haben. Oftmals werden sie dann auch medikamentös behandelt. Selten sind wir uns darüber bewusst, dass ADHS vor allem die Welt der Erwachsenen spiegelt, es geht um eine Kultur, die sich im permanenten Alarmzustand befindet.
Das sagt Christoph Türcke, Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Türcke stellt ADHS in einen kulturhistorischen und auch kultursoziologischen Kontext, er fragt, warum werden wir auf magische Weise gerade von dem angezogen, was uns bedrängt, was uns nervös und unruhig macht, warum hängen wir und unsere Kinder wie Süchtige an der Computermaus?
Antworten gibt er in der SWR2 Aula mit einer Theorie des Wiederholungszwangs.
Christoph Türcke:
Menschen sind Wiederholungstäter. Mehr noch: Erst dadurch, dass sie zu Wiederholungstätern wurden, wurden sie zu Menschen. Zur Menschwerdung gehört die Ausbildung von Sitten und Gebräuchen, und die haben ihren Ursprung in sakralen Riten. Die wiederum haben eine gemeinsame Wurzel: das Opferritual. Und Opfern ist Wiederholen. Immer wieder menschliche Stammesgenossen und kostbare Tiere schlachten, um so den Schrecken und das Grauen der Naturgewalten zu mildern, oder, theologisch gesprochen, die höheren Mächte zu besänftigen. Die Logik des Opfers ist die physiologische des Wiederholungszwangs. Durch ständige Wiederholung soll das Unerträgliche allmählich erträglich, das Unfassliche fasslich, das Ungewöhnliche gewöhnlich werden. Das Opfer vollzieht Grauenhaftes, um von Grauenhaftem loszukommen. Es ist ein erster, unbeholfener Selbstheilungsversuch. Auf die Länge eines individuellen steinzeitlichen Menschenlebens wird dieser Versuch nicht viel gefruchtet haben. Auf 20 oder 30 Jahrtausende gerechnet aber hat die Wiederholung genügend Zeit gehabt, ihre beruhigende, deeskalierende Wirkung zu entfalten und sich als Kulturstifter par excellence zu erweisen.
Rituale, Sitten, Grammatiken, Gesetze, Institutionen sind Niederschläge des traumatischen Wiederholungszwangs. Und zwar ebenso Niederschläge seines Wirkens wie seines tendenziellen Aufhörens. Er ist in ihnen verebbt; er hat sich darin beruhigt. Er ist buchstäblich in der Kultur untergegangen. Er lebt darin fort als ein unberuhigter Rest, als ein sporadischer Störenfried, ein pathologisches Überbleibsel der Vorzeit – in einer Umgebung, die aus seinen Niederschlägen besteht. Er selbst ist furchtbar, seine Niederschläge sind kostbar. Jede Kultur braucht erhebende Rituale, vertraute Gewohnheiten, routinemäßige Abläufe. Sie sind die Basis jeder freien individuellen Entfaltung.
Bis zum Beginn der Neuzeit war Wiederholung gleichbedeutend mit tendenzieller Deeskalierung und Beruhigung. Dann wurde eine bahnbrechende Erfindung gemacht: der Automat. Werkzeuge gibt es, seit es Menschen gibt. „Automobile“ Werkzeuge hingegen, die sich, gleichsam von selbst, immer wieder in gleicher Weise bewegen, gibt es erst seit der Neuzeit. Sie übernehmen menschliche Bewegungsabläufe. Aber sie sind dabei weit schneller, genauer und ausdauernder als Menschen. Allerdings nie ohne dass Menschen sich an ihnen zu schaffen machen, sich ihrem standardisierten Bewegungsablauf angleichen, sich mit ihm identifizieren. Identifizierung aber gilt stets einer überlegenen Instanz, die etwas hat oder kann, was einem selbst fehlt.
Die Dampfmaschine übernahm Bewegungsabläufe. Die Bildmaschine übernahm Wahrnehmungsabläufe. Ähnlich wie das Auge auf seiner Netzhaut Bilder entstehen lässt, so tut das die Kamera auf chemisch präparierten Flächen. Dort fängt sie Licht auf. Die Bilder, die dabei entstehen, hält sie genau so fest, wie sie sich abzeichnen. Sie werden der Fläche buchstäblich eingebildet – und dann auch noch beliebig vielen menschlichen Augen zugänglich gemacht. Welch ein Fortschritt in der Geschichte der Einbildung! Während Menschen auf ihrem Weg vom Kleinkind zum Erwachsenen mühsam von diffusen Eindrücken zu distinkter Wahrnehmung gelangen müssen, dann von der Wahrnehmung zur Einbildung, dann lernen müssen, das Eingebildete als innere Vorstellung zu konservieren und modifizieren und ihre Vorstellungen zudem nur indirekt durch Gesten und Worte mitteilen können, schafft die Kamera das alles simultan und direkt – dank eines grundstürzenden neuen Vermögens: der technischen Einbildungskraft. Verständlich, dass die Identifizierung mit diesem Wunderwerk ungleich intensiver ausfiel als die mit der Dampfmaschine.
Vor allem die Phantasie der Filmpioniere und ihres Publikums bekam durch die Errungenschaft einer technischen Einbildungskraft einen Schub nach dem andern. Neue Ausdrucks- und Wahrnehmungsweisen eröffneten sich. Bildern schien ungeahnte Kraft zuzuwachsen. Eines entging den Hoffnungsträgern des neuen Mediums allerdings, nämlich wie sehr ihre eigene Einbildungskraft noch von traditionellen, vergleichsweise beschaulichen Medien und Spektakeln geformt war: Brief, Zeitung, Buch; Volksfest, Konzert, Theater. Daran hatte sich die Einbildungskraft gebildet, die sie mit ins Kino brachten. Und die Filmvorführungen waren zunächst Raritäten: festliche Abend- oder Wochenendereignisse. Zwischen den einzelnen Filmen war viel Zeit, um das Erlebte sacken zu lassen. Es drängte nicht sogleich der nächste Streifen, die nächste Talkshow oder Nachrichtensendung nach.
Die idealen Rezipienten des Films sind anachronistische Rezipienten: Menschen, die noch in der Lage sind, anderen einen gerade gesehenen Film zusammenhängend zu erzählen, über ihn nachzudenken, ihn zu diskutieren, womöglich zu rezensieren, kurzum Menschen, die ihn mit einer Ausdauer verfolgen und mit Verhaltensweisen umgeben, die sie bei kindlichen Bastelarbeiten und Geschicklichkeitsspielen, beim Betrachten und Malen von Bildern, beim Lesen und Schreiben von Texten gelernt haben, aber nicht am Film selbst. Ist dessen Prinzip doch gerade, wie schon von Walter Benjamin klar gesehen, der unablässige „Wechsel der Schauplätze und Einstellungen“, „welche stoßweise auf den Beschauer eindringen“. „In der Tat“, sagt Benjamin, „wird der Assoziationsablauf dessen, der diese Bilder betrachtet, sofort durch ihre Veränderung unterbrochen. Darauf beruht die Schockwirkung des Films“.
Nun lässt zwar die Schockwirkung nach, wenn Bildschirme zur alltäglichen Kulisse werden, aber der besagte ruckartige „Wechsel der Schauplätze und Einstellungen“ hört damit keineswegs auf. Er wird vielmehr allgegenwärtig. Nach wie vor wirkt jeder Bildschnitt als optischer Ruck, der ein „Achtung“, „Aufgemerkt“, „Hierhergesehen“ auf den Betrachter ausstrahlt, ihm eine neue kleine Aufmerksamkeitsinjektion verabreicht, einen winzigen Adrenalinstoß – und seine Aufmerksamkeit gerade dadurch zermürbt, dass er sie ständig stimuliert. Der Bildschock zieht durch seinen abrupten Lichtwechsel das Auge magnetisch an; er verspricht ständig neue, noch ungesehene Bilder; er übt in die Allgegenwart des Marktes ein; sein „Hierhergesehen“ preist die nächste Szene an wie ein Marktschreier seine Ware. Und seit der Bildschirm ebenso dem Computer wie dem Fernseher angehört, nicht mehr nur die Freizeit füllt, sondern das gesamte Arbeitsleben durchdringt, fallen auch Bildschock und Arbeitsauftrag ineinander. Die Daten, die ich mir ruckartig aufrufe, rufen mich ebenso ruckartig auf, sie zu bearbeiten – oder mit Kündigung zu rechnen.
Mit alledem ist der Bildschock zum Brennpunkt eines globalen Aufmerksamkeitsregimes geworden, das durch Dauererregung von Aufsehen abstumpft. Die Gestalter von Fernsehprogrammen setzen längst nicht mehr darauf, dass ein durchschnittlicher Zuschauer längere Sendungen von Anfang bis Ende verfolgt. Sie kalkulieren von vornherein ein, dass er beim geringsten Spannungsabfall auf andere Sender umschaltet, und sind froh, wenn sie ihn wenigstens an die Highlights ihres Programms, die sie durch spektakuläre Vorschau ankündigen, temporär binden können. Dieser Zuschauer ist dem Aufmerksamkeitsregime des Bildschocks kongenial. Und nach seinem Bilde formt sich zunehmend der Leser, auch der intellektuelle. Jedes Printprodukt, das noch beachtet sein will, muss sich ähnlich ruckartig wie ein Filmbild ans Auge herandrängen. Innerhalb von zwei Jahrzehnten haben sich alle großen Tageszeitungen dem Erscheinungsbild der Illustrierten angeglichen. Ohne große Farbfotos kann es sich kaum mehr blicken lassen. Das gesamte Printdesign unterstellt einfach, dass niemand mehr die Konzentration und Ausdauer hat, um einen Text von der ersten bis zur letzten Seite Zeile für Zeile zu studieren.
Dies alles sind manifeste Aufmerksamkeitsdefizitsymptome. Das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) ist nur ein krasser Sonderfall davon. Da geht es um Kinder, denen es nicht gelingt, sich auf irgendetwas zu konzentrieren, bei etwas zu verweilen, eine Freundschaft aufzubauen, ein gemeinsames Spiel durchzuhalten, Kinder, die alles Mögliche anfangen und nichts zu Ende bringen. „Wenn man Kinder, die keine Sekunde stillsitzen können und ihre Augen nach rechts und links bewegen, suchend und ausweichend, vor einen Computer setzt, wird ihr Blick klar und fixierend“, schreibt der Kindertherapeut Wolfgang Bergmann. Sie bewegen sich „in den Spielen und online-Kontakten“, die der Computer bietet, „mit einer Sicherheit“, über die sie in der so genannten ‚ersten Realität‘, im Alltag ihres Lebens, nicht verfügen“. Am Computer, so Bergmann, „reichen wenige Handbewegungen aus, um ein gewünschtes Objekt in den Bereich der Verfügbarkeit zu holen, oder einen Kommunikationspartner für den Austausch dieser oder jener Phantasie, dieser oder jener Kontakte aufzurufen“. Jedoch: „Alles ist auf die jeweils eigene Jetzt- Befriedigung gerichtet. Sobald sie sich eingestellt hat,“ interessieren die Objekte und Partner nicht mehr; „mit einer Handbewegung, einem Klick auf der Tastatur, werden sie entfernt, als hätte es sie nie gegeben“.
In diesem Bezugsfeld – ich nenne es den ADHS-Herd – hat man es in der Regel mit Kindern und Jugendlichen zu tun, deren Aufmerksamkeitsdefizit zunächst einmal dasjenige ist, das sie selbst erlebt haben. Die Aufmerksamkeit, die sie nicht zu geben vermögen, ist ihnen zuvor selbst vorenthalten worden. Kleinkinder wissen zwar nicht, was ein Aufmerksamkeitsregime ist, aber sie haben überfeine Antennen für Aufmerksamkeitsverhältnisse. Und wenn sie ihr ganzes Säuglingsleben bereits von einer Fernsehkulisse umgeben verbringen, haben sie alle Chancen, früh und traumatisch zu erleben, wie die Aufmerksamkeit ihrer nächsten Bezugspersonen sich zwischen ihnen und dieser Kulisse verteilt, wie zwischenmenschliche Zuwendung unter den Aufmerksamkeitsansprüchen, die diese Kulisse permanent erhebt, flach und unwirklich wird.
An traumatischen frühkindlichen Aufmerksamkeitsentzug, der auf derart unspektakuläre Weise entsteht, kommt man mit empirischer Forschung schwer heran, wie man ja auch noch nicht weiß, was Mütter, die beim Stillen telefonieren, oder Eltern, die beim Spielen ständig Mails checken, ihren Kindern antun. Sie misshandeln sie ja nicht, empfinden sich selbst womöglich nicht einmal als lieblos. Vielfach sind bei ADHS-Kindern weder manifeste Verletzungen feststellbar noch unterlassene Fürsorge oder überlange Abwesenheitsphasen der Eltern – und doch: Irgendeine Art vitalen Entzugs muss stattgefunden haben, sonst gäbe es nicht die motorische Dauerunruhe, die unablässige Suche nach etwas, was die Gestalt eines verlorenen Objekts noch gar nicht angenommen hat.
Erst nachträglich, wenn die Betroffenen geradezu kollektiv auf Bildmaschinen fliegen wie die Motten zum Licht, wird erkennbar, woher ihre Unruhe kommt. Längst ehe sie nämlich Bildmaschinen als Objekte, den Bildschirm als Ding wahrnehmen konnten, haben sie die aufmerksamkeitsabsorbierende Kraft ihres Flimmerns erlebt: als Entzug. Dieser Entzug verlangt nach Wiederholung, um bewältigt zu werden. Er sucht sein Verlangen dort zu stillen, wo es entstand. Und so suchen diese Kinder gerade bei den Maschinen Ruhe, die sie schon in frühester Säuglingszeit als flimmernde Unruhestifter erlebt haben. Das ist die Logik des traumatischen Wiederholungszwang: „Vor dem mir graut, zu dem mich‘s drängt“, wie Rudolf Otto gesagt hat. Nach dieser Logik hat die werdende Menschheit einst den Naturschrecken zu bewältigen gesucht. Sie suchte Schutz beim Schrecklichen, sie drängte sich danach, es durch Wiederholung in eine rettende Kraft umzuwenden. Bei ADHS-Kindern feiert dieses Verhaltensmuster seine hochtechnologische Wiederauferstehung. „Was mir die Zuwendung raubt, dem wende ich mich zu. Was mich haltlos macht, daran suche ich Halt.“
Es liegt auf der Hand, dass jenes diffuse Phänomen, für das „ADHS“ mehr eine Verlegenheitsbezeichnung als eine trennscharfe pathologische Diagnose ist, ohne umfassende kulturtheoretische Perspektive gar nicht angemessen begriffen werden kann. ADHS ist ja nicht einfach eine Krankheit in gesunder Umgebung. Umgekehrt: Nur wo schon eine Aufmerksamkeitsdefizitkultur besteht, gibt es ADHS. Durch Milliarden winziger audiovisueller Schocks wird die menschliche Aufmerksamkeit unablässig stimuliert, bis zur Zermürbung.
Als Wiederholungstäter hat der Homo sapiens es vermocht, ein singuläres Reizverarbeitungssystem auszubilden. In unzähligen Wiederholungsschüben, die
den größten Teil seiner Frühzeit beanspruchten, hat er nie gekannte Verdichtungs-, Verschiebungs- und Umkehrungskräfte mobilisiert, um sich den traumatischen Schrecken einzubilden, dessen diffuses Bild durch viele weitere Bilder zu dämpfen, zu begrenzen, zu konturieren, zu synthetisieren und so schließlich zur inneren Vorstellungswelt zu entfalten. Und dann kam das Wunderwerk einer technischen Einbildungskraft und leistete dies alles auf verblüffend einfache Weise im Handstreich: durch das Auffangen von Licht auf chemisch präparierten Flächen.
Damit ist aber eine neue Art von Wiederholungszwang über die Menschheit gekommen. Eine technisch perfektionierte audiovisuelle Maschinerie läuft rund um die Uhr, wiederholt unablässig die Ausstrahlung ihrer aufmerksamkeitsheischenden Impulse, aber sie wiederholt nicht mehr jene Art von Bewegungsabläufen, die sich zu Ritualen und Gewohnheiten sedimentieren. Im Gegenteil: Sie desedimentiert sie. Die traumatische Erregung, die einst zur Bildung und Wiederholung von Ritualen trieb, der Wunsch, diese Erregung loszuwerden und Ruhe zu finden – dies alles ist dem technischen Wiederholungszwang fremd. Er läuft einfach bloß mechanisch ab; ohne Schmerz, ohne Müdigkeit, ohne Wunsch, ohne Ziel. Und die ungeheure Kraft seiner Bedürfnislosigkeit und Selbstgenügsamkeit setzt nichts Geringeres in Gang als die Umkehrung der menschlichen Wiederholungslogik. Bis zur Neuzeit lief sie auf Deeskalierung, Sedimentierung, Beruhigung hinaus. Nun wendet sich die technische Einbildungskraft gegen die menschliche und geht deren Weg rückwärts.
Die technische Einbildungskraft besticht dadurch, dass ihre Bilder echt, sinnlich, vorzeigbar sind, Direktabdrücke der äußeren Realität, die sich ebenso direkt auch wieder nach außen kehren lassen. Damit beschämt sie die menschliche Einbildungskraft, die an der Blässe und Nicht-Vorzeigbarkeit ihrer Bilder krankt. Sie tut aber noch mehr: Sie nimmt eine der größten Errungenschaften der menschlichen Einbildungskraft zurück: die Differenz von Halluzination und Vorstellung. So richtig blass und abstrakt sind mentale Bilder ja erst geworden, als sie sich von der Halluzination abhoben, sich zur Sphäre der Vorstellung lichteten und ihren eigenen halluzinatorischen Herd zu ihrem Untergrund degradierten. Und dann diese paradoxe Umkehrung: Nur Menschen mit hochentwickeltem Vorstellungs- und Abstraktionsvermögen haben eine technische Einbildungskraft aushecken können, die diesen Vorstellungen nun ihre eigene Blässe vorführt und ihnen durch eine Flut satter, praller, zudringlicher Bilder ständig die Frage stellt: Wer seid ihr schon, ihr Blässlinge? Wollt ihr euch nicht ergeben?
Filmbilder, gleichgültig, ob dokumentarisch oder fiktional, dringen mit halluzinatorischer Intensität auf den Betrachter ein. Er sieht sie, ob er will oder nicht, durch das mechanische Auge einer Kamera, die die Differenz von Halluzination und Vorstellung nicht kennt. Sie funktioniert gewissermaßen auf psychotischem Niveau. Wer seinen Blick in den der Kamera einlässt, tritt in ein nach außen gekehrtes, technisch präzisiertes Traumszenario ein – ein Szenario, das andere schon für ihn geträumt haben. Er muss es nicht selbst erst durch Verdichtung, Verschiebung und Umkehrung latenter Motive zustande bringen und kann es deshalb so mühelos mitträumen, weil es vom Traum nur die Außenseite übrig gelassen hat: den manifesten Trauminhalt. Auch in ihren größten Werken macht die technische Einbildungskraft keinen Unterschied zwischen Halluzination und Vorstellung – und arbeitet unweigerlich daran mit, auch der menschlichen Einbildungskraft diese Unterscheidung abzugewöhnen. Sie hat eine repsychotisierende Tendenz.
Ließe sich der Rückfall in die Indifferenz doch auf ein paar erholsame Kinostunden beschränken. Phasen der Regression, des entspannten, zerstreuten Absinkens in einen Zustand, wo Vorstellung und Halluzination spielerisch ineinander verschwimmen, braucht jeder, gerade um sich seine Realitätstüchtigkeit zu erhalten; genauso wie jeder den Traum braucht, den Freud einmal als harmlose Psychose bezeichnet hat. Das Problem ist die konzentrierte Zerstreuung: das Regime. In großen Filmen feiert es seine Sternstunden. In den Niederungen des Alltags nimmt die Rückannäherung der Vorstellung an die Halluzination die Gestalt von Jammer und Elend an. Davon zeugen die ADHS-Kinder. Ihre Vorstellungen sind kaum mehr als Wurmfortsätze dessen, was sie gerade erleben und wünschen, und indem sie sich diesem Hier-Jetzt überlassen und darin um so besser versinken können, je unruhiger es flimmert und zuckt, nähern sie sich einer neuen Art des Tagträumens an. Das ist freilich nicht jenes beschauliche Tagträumen, in dem Vorstellungen gleichsam gedankenverloren zu Bildern absinken und für Momente halluzinatorische Plastizität gewinnen, sondern ein hektisches Ineinanderflimmern von Traum- und Wachzustand, das die Betroffenen weder mehr intensiv träumen noch zur Strukturiertheit wachen Verhaltens gelangen lässt. Wo der mentale Vorstellungsraum, also der innere Wachraum, kein nennenswertes Volumen mehr gewinnt, gewinnt auch der Traumraum keines mehr. Er vertieft sich nicht mehr zum mentalen back office, wo die Tagesreste, die das Wachbewusstsein unverarbeitet gelassen hat, nachbearbeitet werden, so dass etwas stattfinden kann, was das menschliche Nervensystem nicht minder braucht als den Schlaf: das mentale Nachsitzen.
Ja, es ist keine Übertreibung, zu sagen: Alle Kultur ist Nachsitzen der Natur. Nicht anders nämlich als durch wiederholende Nachbearbeitung von Naturkatastrophen ist der Homo sapiens einst zur Kultur gelangt. Eine Kultur, die nicht mehr nachzusitzen vermag, gibt sich selbst auf.
Nachsitzen lernen und Muße dazu haben ist das Element aller Bildung. Kindergärtnerinnen und Grundschullehrerinnen, die erst einmal mit viel Geduld und Ruhe gemeinsame Rhythmen und Rituale einüben, in deren Bahnen die gemeinsame Zeit mit den ihnen anvertrauten Kindern verlaufen soll; die sich weigern, durch ständigen Methodenwechsel den Unterricht den Unterhaltungsstandards des Fernsehens anzupassen, die den Gebrauch des Computers aufs Allernötigste reduzieren, die mit den Kindern kleine Theateraufführungen einstudieren, ihnen ein Repertoire von Versen, Reimen, Sprichwörtern, Gedichten beibringen, das auswendig, aber mit Bedacht und Verstand aufgesagt wird, die ihnen nicht dauernd Arbeitsblätter servieren, sondern sie das Wesentliche hübsch ins Heft eintragen lassen – sie gehören zu den Widerstandskämpfern von heute. In Worten von Nicolas Malebranche: „Aufmerksamkeit ist ein natürliches Gebet.“ Kinder in diesem übertragenen Sinne gebetsfähig zu machen, fähig, sich derart in eine Sache zu versenken, dass sie sich selbst dabei vergessen, aber gerade so eine Ahnung davon bekommen, was erfüllte Zeit wäre: Das ist vielleicht die vordringlichste Bildungsaufgabe unserer Epoche.
Schon lange schwebt mir ein Schulfach namens Ritualkunde vor. Bei den Kleinen würde es erst einmal ganz praktisch einer geduldigen Einübung von einsichtigen Verhaltensregeln dienen. Bei den Größeren würde es, bis hinauf zum Abitur, die gesamte Materie von Sozial- und Religionskunde umfassen und sowohl soziale Strukturen als auch religiöse Inhalte von ihren rituellen Erscheinungsformen her aufschließen, also von jener lebendigen Praxis aus, von der Glaubensartikel, Werte, Verfassungen und Institutionen nur Abzüge sind. Ein Schulfach, das auf breitester Basis Respekt vor Ritualen vermittelt und gleichzeitig ihre kritische Durchdringung nicht vernachlässigt, könnte als ein Schlüssel zur multikulturellen und multireligiösen Gemengelage der Gegenwart fungieren; es könnte die abstrakte Trennung von profaner und sakraler Sphäre überwinden – und eine der Säulen des Unterrichts ausmachen.
Nachsitzen hat einen miserablen Ruf, aber im Zeitalter seines Bedrohtseins auch die Chance, in nie gekannter Weise zur Tugend zu werden. Es muss nur vernünftig genutzt werden. Dann ist es geradezu revolutionär. Wie schrieb doch Benjamin: „Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“
*****

 


Um diesen Artikel zu drucken markieren Sie ihn bitte mit gedrückter Maustaste und kopieren ihn in Ihr
Textverarbeitungsprogramm z.B. Word. !

Copyright © 1999 - 2014[kultur-punkt.ch]. Alle Rechte vorbehalten.

.