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SWR2 Wissen: Aula - Michael Hartmann : Arm und Reich in Deutschland . Chronik eines Skandals
(Abschrift eines öffentlich gehaltenen Vortrags im Rahmen der Juniorakademie am 14.03.2012 am Gymnasium Achern)
Autor: Professor Michael Hartmann *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 25. März 2012, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

* Zum Autor:
Michael Hartmann wurde 1952 geboren, ab 1971 Studium der Politikwissenschaften, Germanistik, Soziologie, Philosophie, Psychologie und Geschichte, 1979 Promotion zum Dr. phil.; 1983 Habilitation. Seit 1999 ist Hartmann Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Eliteforschung, Industrie- und Organisationssoziologie, Managementsoziologie, Globalisierung und nationale Wirtschaftsstrukturen.
Bücher (Auswahl):
- Eliten und Macht in Europa. Campus. 2007.
- Elitesoziologie. Eine Einführung. Campus. 2004.
- Der Mythos von den Leistungseliten. Campus. 2002.

ÜBERBLICK
Kinderarmut nimmt zuLaut mehrerer OECD-Studien driften in Deutschland Arm und Reich immer mehr auseinander. Besonders die Kinderarmut hat sehr stark zugenommen, hinzu kommen Alleinerziehende, die überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen sind. Gleichzeitig sind die Vermögen ungleich verteilt: Die obersten zehn Prozent besitzen über die Hälfte des Gesamtvermögens. Das alles sind Tatsachen, die in Zukunft den sozialen Frieden bedrohen könnten.
Professor Michael Hartmann, Soziologe an der TU-Darmstadt, beleuchtet im Rahmen der Juniorakademie die Ursachen und Folgen dieses Ungleichgewichts.

INHALT__________________________________________________________________

Ansage:
Mit dem Thema: „Arm und Reich in Deutschland – Analyse eines Skandals“.
Laut mehrerer OECD-Studien driften in Deutschland Arm und Reich immer weiter auseinander, das bedeutet: Die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher. Und wer jetzt an Vorstandsvorsitzende mit sechsstelligen Jahresgehältern denkt, liegt richtig, ebenso wie derjenige, der an die Friseurin denkt, die im Niedriglohnsektor arbeiten muss und von ihrem Job kaum leben kann.
Diese Kluft zwischen Arm und Reich birgt zukünftigen Sprengstoff, sie bedroht den Zusammenhalt und den sozialen Frieden unserer Gesellschaft, das sagt der Soziologe Professor Michael Hartmann von der TU Darmstadt. In der SWR2 Aula beschreibt er den Missstand und macht auf gefährliche Folgen aufmerksam. Sie lesen den Mitschnitt eines im Rahmen der Juniorakademie öffentlich gehaltenen Vortrags im Gymnasium in Achern:

Michael Hartmann:
Wenn man internationale Vergleichsstudien anschaut, fällt auf, dass Deutschland in der internationalen Rangskala seinen Platz vollkommen verändert hat. Deutschland galt bis in die 90er Jahre als ein Land der sozialen Marktwirtschaft, des sozialen Ausgleichs. Das waren die Stichpunkte, die immer genannt wurden. Das heißt, wir hatten vergleichsweise geringe Einkommensunterschiede – verglichen mit den USA, Großbritannien oder auch Spanien und Irland; wir lagen vergleichsweise nah an den skandinavischen Ländern, die in internationalen Vergleichsstudien in dieser Hinsicht immer am besten dastehen.
Wir haben in den zehn Jahren von 2000 bis 2010 (weiter reichen die statistischen Erhebungen nicht) in ganz Europa, und zwar sowohl nach den statistischen Erhebungen der Europäischen Union als auch nach den statistischen Erhebungen der OECD, ganze zwei Länder, in denen die Kluft zwischen hohen und niedrigen Einkommen noch schneller auseinander gegangen ist als in Deutschland, und diese zwei Länder sind Bulgarien und Rumänien. Dass Deutschland sich in dieser Gesellschaft befindet, sollte einen schon stutzig machen.
Das heißt, auch da sieht man auf einer relativ groben Ebene, wie stark sich etwas verändert hat in einer für Deutschland völlig untypischen Geschwindigkeit. In den USA gibt es schon lange große Unterschiede, in Großbritannien hat diese Entwicklung seit den 80ern rund 30 Jahre gedauert. In den traditionellen westeuropäischen Ländern gibt es kein Land, das mit annähernd dieser Geschwindigkeit diese sozialen Unterschiede hervorgebracht hat wie Deutschland in den letzten zehn Jahren.
Nur das obere und untere Fünftel der Einkommen zu berücksichtigen, wie das die OECD und die EU tun, ist allerdings recht grob. Das Deutsche Wirtschaftsinstitut in Berlin macht relativ regelmäßig Erhebungen für Deutschland, und die teilen die Einkommensbezieher in zehn Zehntel auf, und auch sie beobachten, was sich in der Struktur ändert. Und da gibt es ganz bemerkenswerte Veränderungen, die einen
noch viel deutlicheren Blick auf die generelle Entwicklung werfen. Wir haben ein deutliches Schrumpfen der mittleren Einkommensschichten. Das sind die Einkommensgruppen, die zwischen 70 und 130 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen. Die mittleren Einkommensschichten haben von 2000 bis 2010 von 63,8 auf 58,2 Prozent abgenommen. Das sind über 5 Prozent, und hinter denen verbergen sich cirka 4,5 Millionen Menschen. Binnen zehn Jahren sind also 4,5 Millionen Menschen aus den mittleren Einkommenslagen verschwunden. Das bedeutet pro Jahr knapp eine halbe Million, das entspricht in etwa der Einwohnerzahl einer mittleren Großstadt.
Jetzt stellt sich die Frage: Wo sind die hin? Ein kleiner Teil ist nach oben gegangen, nämlich ungefähr 10 Prozent von diesen 4,5 Millionen. Die restlichen 90 Prozent sind nach unten gegangen. Wir haben einen Zuwachs bei der obersten Einkommensgruppe, bei den obersten 10 Prozent, von 6,5 auf 7 Prozent. Wir haben einen drastischen Zuwachs bei den untersten Einkommensgruppen mit 50 bis 70 Prozent des Durchschnittseinkommens und von all denen mit maximal der Hälfte des Durchschnittseinkommens. Diejenigen, die maximal die Hälfte des Durchschnittseinkommens verdienten, waren im Jahr 2000 5,5 Prozent, im Jahr 2010 waren es knapp 9 Prozent. Das heißt, von diesen 4,5 Millionen, die aus den mittleren Einkommen verschwunden sind, sind ungefähr 3,5 Millionen in die unterste Einkommensgruppe abgestiegen. Das ist eine so dramatische Entwicklung, dass man sich aus politischen Gründen, aus gesundheitlichen Gründen, aus Bildungsgründen, aus ganz vielen Gründen fragen muss, wie konnte so etwas passieren?
Das sind aber alles zunächst einmal Zahlen. Die Zahlen signalisieren schon, dass das Gefüge der Gesellschaft sich verändert hat. Also wenn man feststellt, 4,5 Millionen in der Mitte verschwinden im wesentlichen nach unten, dann kann man sich vorstellen, das hat Konsequenzen für den Wohnungsmarkt, für den Bildungssektor, für die Gesundheit der Bevölkerung. Wir haben in den unteren vier Zehnteln Reallohnsenkungen binnen zehn Jahren zwischen 13 und 23 Prozent. Das heißt, das unterste Zehntel ist nicht nur größer geworden, das unterste Zehntel ist, was die Einkommen angeht, binnen eines Jahrzehnts um fast ein Viertel ärmer geworden. Wir haben binnen zehn Jahren nicht nur etwas mehr Reiche und sehr viel mehr Arme, sondern die Reichen sind erheblich reicher und die Armen deutlich ärmer geworden. Was die Dramatik der Entwicklung nochmal verdeutlicht: Wenn diese Entwicklung noch weitere zehn Jahre so weitergeht – und im Augenblick sieht vieles danach aus –, dann werden wir in Deutschland von massenhafter wirklicher Armut sprechen müssen.
Ich komme jetzt zu den Konsequenzen: Wie wirkt sich das auf die Gesundheit der Bevölkerung aus? Ich nehme zwei Gruppen: Die eine Gruppe ist die, die man in der Statistik als arm bezeichnet, das sind die, die weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens haben. Die anderen sind die Wohlhabenden, das sind die mit mindestens 150 Prozent des Durchschnittseinkommens. Die Armen sind mehr als doppelt so häufig in keinem so guten Gesundheitszustand wie die Wohlhabenden. Dazu kommt, dass dieser Unterschied sich in den letzten zehn Jahren verstärkt hat. Beim Ausgangspunkt sah es so aus: 20 Prozent der Armen waren in keinem guten Gesundheitszustand und 11 Prozent der Wohlhabenden. Das sind jetzt keine riesigen Unterschiede. Bei den Wohlhabenden hat sich der Gesundheitszustand
verbessert, weniger als 10 Prozent haben keinen guten Gesundheitszustand, bei den Armen sind es über 22 Prozent. Das heißt, die materielle Entwicklung schlägt sich langsam aber sich auch im Gesundheitszustand nieder. Es schlägt sich auch in der Lebenserwartung nieder. Wenn Sie zu den armen Bevölkerungsschichten gehören, haben Sie als Mann eine Lebenserwartung von 70 Jahren. Gehören Sie zu den Wohlhabenden, haben Sie eine Lebenserwartung von 81.
Auch Bildung hat mit Armut zu tun. Statistische Untersuchungen zeigen eindeutig, dass auch bei gleichen intellektuellen Voraussetzungen Armut sich negativ auf Bildungskarrieren auswirkt. Sie wirkt sich auf Berufskarrieren aus. In den großen Städten im Ruhrgebiet oder auch in Frankfurt spielt das jetzt schon eine große Rolle. Wenn Sie sich für einen Ausbildungsplatz bewerben, ist schon wichtig, welche Adresse Sie angeben. Es gibt Adressen, bei denen bei den Firmen gleich die Alarmglocken klingeln, ob zu Recht oder Unrecht, und das mindert Ihre Chancen als Bewerber enorm. Wir haben in Mainz zum Beispiel auf dem Lerchenberg nicht nur das ZDF, sondern auch das Papageienviertel. Wie der Name schon sagt, ist das Papageienviertel schön bunt, dort gibt es mehr als 30 Nationalitäten. Das ist ein sozialer Brennpunkt. Und wenn Sie sich bewerben und Sie kommen aus diesem Papageienviertel, dann minimiert das Ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz deutlich.
Jetzt stellt sich die Frage, warum ist das alles so. Warum haben wir in Deutschland in einem so kurzen Zeitraum so drastische Veränderungen erlebt? Und was bedeutet das eventuell für die Zukunft?
Man kann das bei der Armut sehr gut erkennen. Alle diese Entwicklungen, die ich eben skizziert habe, haben sich abgespielt zwischen 2000 und 2006. Der Niedriglohnsektor ist seit 2006 weitgehend stabil mit Schwankungen durch die Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Armutsquote lag 2006 schon bei 14,2 Prozent, das heißt, vier Fünftel der Steigerung im letzten Jahrzehnt sind in den ersten sechs Jahren erfolgt. Was charakterisiert diese sechs Jahre politisch? Das sind die Hartz-Reformen zwischen 2003 und 2006. 2003 kam es zur Einführung der Mini-Jobs und verschiedener anderer untypischer Arbeitsverhältnisse, vor allem gab es die Möglichkeit, Befristungen relativ unbegrenzt zu verlängern. Es wurde dann Hartz IV eingeführt, es kam zur Veränderung der Sozialgesetzgebung, was Arbeitslose und vor allem Langzeitarbeitslose angeht. Das hat zu massiven Veränderungen in der unteren Hälfte der Bevölkerung geführt. Da hat sich seit 2006 nicht mehr viel getan, es ist ein bisschen besser geworden, als die Wirtschaft bis 2007 an Dynamik gewonnen hatte, dann wurde es wieder schlechter. Die wesentliche Ursache für die Zunahme von Armut in Deutschland, vor allem für die schnelle Zunahme von Armut, ist also nicht zu suchen in dem, was man allgemein als Erklärung bekommt, nämlich in der Globalisierung, die Arbeitsplätze vernichtet. Das spielt sicherlich eine Rolle, aber eben auch für andere Länder. Die Niederlande, die skandinavischen Länder oder Österreich sind ebenfalls in den Weltmarkt integriert, aber sie haben diese Entwicklung in Bezug auf Armut nicht mit vollzogen. In Deutschland war das Spezifische, und das hat die Geschwindigkeit verursacht, wie man den deutschen Sozialstaat verändert hat.
Was die oberen Einkommensgruppen angeht, durchziehen die Veränderungen das gesamte Jahrzehnt. Das hat angefangen mit der Senkung des Spitzensteuersatzes, der von 53 auf 42 Prozent gesenkt worden ist. Damit man sich vorstellen kann, was das real bedeutet: Es gibt wenige statistische Erhebungen, weil man an Zahlen über den Reichtum in Deutschland nur sehr schwer drankommt. Und wenn es welche gibt, beziehen die sich häufig auf den Zeitraum 1998 bis 2002 – da gab es die erste rot-grüne Regierung. In diesem Zeitraum ist die steuerliche Belastung der sehr reichen und der superreichen Deutschen dramatisch gesunken. Bei den Superreichen, also den Milliardären, ist die steuerliche Belastung – und eigentlich muss man sagen, nur zwischen den beiden Jahren 2000 und 2002 – binnen zwei Jahren von real 45 auf nur noch 31,8 Prozent gesunken. Das heißt, bei einem Minimal-Jahreseinkommen von über 20 Millionen schlägt sich ein Rückgang der Steuer um ein Drittel massiv nieder, da bleibt richtig Geld übrig. Wenn man die etwas größere Gruppe der 450 Reichsten nimmt, da sind dann auch Multimillionäre dabei, ist festzustellen: bei dieser Gruppe ist die reale Steuerlast von 42 auf 34 Prozent gesunken. Durch eine einzige steuerliche Maßnahme haben diejenigen, die wirklich viel Geld haben, richtig viel Geld gespart.
Als nächste Maßnahme kam die Möglichkeit für die großen deutschen Unternehmen, ihre Unternehmensbeteiligungen steuerfrei zu veräußern. Diese politische Maßnahme hat auch die Vorstandsmitglieder dieser großen Unternehmen erstaunt. Dass das völlig frei war, hat Finanzminister Eichel so in die Wege geleitet. Für all diejenigen, die Anteile an diesen Unternehmen haben in Form von Aktien oder direkten Unternehmensbesitzformen, hat das bedeutet, dass die viel Geld bekommen haben, vor allem in Form von Sonderdividenden, die damals ja üppig ausgeschüttet wurden. Es ging um Milliardenbeträge, als zum Beispiel die Deutsche Bank ihre Beteiligung an Daimler reduziert hat oder als die Münchener Rück und die Allianz ihre Überkreuzbeteiligung von jeweils 25 Prozent weitgehend aufgelöst haben. Das waren zum Teil zweistellige Milliardenbeträge. Dann kam als drittes die Umstellung der Zins- und Dividendenbesteuerung auf Quellensteuer. Sie zahlen heute nur noch 25 Prozent, wo sie früher mit ihrem persönlichen Steuersatz gezahlt haben. Ich gehöre auch zu denen, die davon profitieren, das sage ich auch immer, weil ich ein relativ großes Depot habe und auch relativ gut verdiene als Professor.
Durch alle Regierungen hindurch, von rot-grün bis jetzt zu schwarz-gelb, hat es permanente Erleichterungen für die Reichen gegeben und unter der jetzigen schwarz-gelben Regierung war die letzte maßgebliche Veränderung die deutliche Senkung und zum Teil Abschaffung der Erbschaftssteuer. Was da passiert ist, finde ich von allen Maßnahmen die skandalöseste. Denn wenn es etwas gibt, wo man nicht mit Leistung argumentieren kann, dann sind es Erbschaften. Wenn jemand erbt, hat er Glück gehabt. Vielleicht haben die Eltern gut gewirtschaftet, waren clever oder was auch immer, jedenfalls hat man selbst nichts dazu beigetragen. Es werden enorme Summen vererbt. Alleine zwischen 2010 und 2020 in der Bundesrepublik 2,6 Billionen Euro. Die große Masse davon entfällt auf die oberen zehn Prozent. Es gibt auch Erbschaften im unteren Bereich. Es gibt pro Jahr ganze 0,2 Prozent der Erbfälle, die oberhalb einer Grenze von 250.000 Euro liegen. Das heißt, die Senkung der Erbschaftssteuer begünstigt nicht die unteren 90 Prozent der Bevölkerung, die sind meistens schon durch Freibeträge von dieser Steuer gar nicht betroffen. Die Senkung der Erbschaftssteuer betrifft die oberen zehn Prozent, ganz massiv das obere Prozent und vor allem Erben von Firmenvermögen. Und da geht es eben nicht um den kleinen mittelständischen Unternehmer mit 30 Beschäftigten, der den Betrieb dicht machen müsste, wenn er sein Eigentum an seine Kinder vererbt, sondern es
geht zum Teil um Milliardenvermögen. Angefangen hat das während der großen Koalition, schwarz-gelb hat es fortgesetzt. Die haben – im wesentlichen still und heimlich – die Erbschaftssteuer in vielen Bereichen abgeschafft.
Wenn ich bei Vorträgen, die ich häufig zum Thema Bildung halte, gefragt werde, was wir machen können, um das Bildungssystem zu verbessern, dann sage ich, man kann vieles ändern, aber das meiste von dem, was wirklich wichtig ist, kostet auch Geld. Das heißt, die Infrastruktur bei Schulen und Universitäten, die Relationen Lehrer-Schüler, Hochschullehrer-Studierende müssen sich einfach noch ändern, und das kann in vielen Fällen nur passieren, wenn mehr Geld investiert wird. Das wird jetzt bei den starken Studierendenjahrgängen ein ganz massives Problem werden. Da stellt sich die Frage, wo das Geld herkommen könnte. Ich sage, die Erbschaftssteuer bietet sich geradezu an. Denn diejenigen, die erben, haben ja schon immateriell geerbt. Die haben nämlich Bildung quasi „geerbt“ und die Möglichkeit, sich Bildung anzueignen. Es gibt wenige Ausnahmen, aber die meisten Menschen, die viel geerbt haben und noch viel erben werden, hatten auch in diesem Kontext zuhause mehr Möglichkeiten, sie haben entsprechend bessere Bildungschancen, bessere Karrieren gemacht, und sie haben auch beruflich die besseren Positionen. Und dann kommt die Erbschaft noch oben drauf. Ich weiß auch da wieder, wovon ich rede. Ich habe auch geerbt. Das war eigentlich ein Zufall, weil das eigentlich für meine schwerkranke Schwester vorgesehen war, die ist aber so früh gestorben, dass mein Bruder und ich doch noch etwas erben konnten. Das wäre nicht nötig gewesen. Ich verdiene gut, ich habe gespart, die Erbschaft kam oben drauf. Ich habe das jetzt zurück gelegt für meine Kinder, das wird dann weiter gegeben, auch die brauchen es nicht, sie sind beide Ärzte. Das heißt, die Personen, die erben, sind in der Regel sowieso schon die Begünstigten in der Gesellschaft. Es erben ja nicht die Armen.
Was werden wir in den nächsten zehn Jahren erleben? Im Westen der Republik werden die Wohlhabenden und Reichen diejenigen sein, die erben, und zwar jedes Jahr zwischen 150 und 200 Milliarden Euro, und im Osten der Republik werden vor allem die Armen überhaupt nichts erben. Das heißt, die Kluft, was die Vermögen angeht, wird enorm wachsen, und diese Kluft ist heutzutage schon viel größer, als man glaubt. Wenn man Medienberichte liest, wird man gemeinhin damit konfrontiert, dass dort auf der einen Seite die USA dargestellt werden und auf der anderen die Bundesrepublik. Und dann heißt es – und jeder deutsche Durchschnittsleser erschauert bei dem Gedanken –, in den USA besitzt das oberste Prozent der Bevölkerung 40 Prozent des Gesamtvermögens. Und dann liest man den Satz: In Deutschland hat das oberste Prozent nur 22 Prozent des Gesamtvermögens. Dieses „nur“ ist zwar auch etwas fragwürdig, aber verglichen mit den 40 Prozent atmet man dann tief durch und sagt, naja gut, so schlimm wie in den USA ist es dann bei und doch nicht.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat erstmals im letzten Sommer – leider haben die Medien das nicht zur Kenntnis genommen – eine Studie durchgeführt, die sich nicht auf eine Paneluntersuchung bezieht. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat jetzt mal andere Daten mit einbezogen. Und wenn man das macht, kommt man in Deutschland auf einen Prozentsatz, der nicht allzu weit von den USA entfernt ist. Wir haben in Deutschland auf das obere Prozent der Bevölkerung konzentriert 35,8 Prozent des Gesamtvermögens. Und wenn man sich die Erbschaftssteuer anguckt, die inzwischen so zahnlos ist, dass sie überhaupt nicht mehr vergleichbar ist mit der doch relativ kräftigen Nachlasssteuer in den USA, so kann man jetzt schon sagen, es dauert noch ein paar Jahre, dann haben wir die USA eingeholt. Dann haben wir das Land, das immer das Synonym für soziale Ungerechtigkeit war, eingeholt, vielleicht überholen wir es sogar. Das ist nicht auszuschließen.
Am Schluss lassen Sie mich noch kurz etwas zu den Konsequenzen sagen: Die Konsequenzen, wenn das so weitergeht wie in den letzten zehn Jahren, hat man in Großbritannien beobachten können. Damals habe ich viele Interviews gegeben zu den sogenannten Riots. Sie haben das im Fernsehen gesehen: die Viertel in Liverpool oder London, die sozialen Brennpunkte, wo die Läden geplündert worden sind, wo Häuser brannten usw. Damals bin ich gefragt worden: Haben wir in Deutschland auch so etwas zu erwarten? Ich habe geantwortet, im Augenblick nicht, was wir im Augenblick nämlich nicht haben, ist eine Getto-Bildung wie in Großbritannien und eine lang andauernde Perspektivlosigkeit der Jugendlichen. In Großbritannien begann dieser Prozess unter Thatcher Mitte der 80er Jahre. In Deutschland läuft er seit zehn Jahren, aber wenn er noch weitere zehn Jahre läuft, wird man dasselbe auch hier beobachten können. Es gibt eine zunehmende Auseinanderentwicklung der Wohnsituation, es gibt Wohnquartiere, möchte ich sagen, in bestimmten Stadtvierteln, die man per se als arm bis sehr arm bezeichnen kann, und es gibt halt die Wohnquartiere der Reichen und Wohlhabenden, und die haben immer weniger miteinander zu tun. Die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen wird sich von Jahr zu Jahr vergrößern, weil die beruflichen Chancen immer geringer werden und das trotz der demografischen Entwicklung. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass das Problem demografisch geregelt wird. Und irgendwann wird Perspektivlosigkeit wie in Großbritannien oder wie ein paar Jahre früher in den Banlieues rings um Paris in Gewalt münden.
Das bedeutet für die Gesellschaft, sie hat enorme Kosten an einem Ende, wo sie früher nicht existiert haben, und sie wird Kosten umverlagern müssen. Und das ist dann der letzte Punkt, weil er besonders dramatisch ist, das kann man in den USA sehen: Wir erleben in den USA eine Entwicklung, wo an der Bildung gespart wird, damit man die Gefängnisse bezahlen kann. Drastisch ist das in Kalifornien: in Kalifornien hat sich binnen zehn Jahren das Verhältnis zwischen Kosten für Gefängnisse und für Hochschulen umgedreht. In Kalifornien wird inzwischen 1,5 Mal soviel für Gefängnisse wie für Hochschulen ausgegeben. Seit 1980 sind für die gesamten USA die Kosten für Gefängnisse um das Sechsfache gestiegen. Bei der Bildung hat man es beim 1,2-Fachen belassen. Das ist Wahnsinn, weil jeder weiß, dass Bildung der beste Schutz vor Kriminalität ist. Aber wenn man den Staatshaushalt systematisch runterfährt durch immer geringere Steuereinnahmen und das, was ich eben geschildert habe, dann wird völlig unsinnigerweise an der Bildung gespart. Denn für Gefängnisse muss das Geld da sein, bei Kriminalität kann man immer gut argumentieren. Wir haben inzwischen in den USA jährliche Kosten für Gefängnisse von über 70 Milliarden Dollar. Auch in den USA hat diese Entwicklung in den 80er Jahren begonnen. Sie droht uns auch in Deutschland, wenn es bei uns die nächsten zehn Jahre so weitergeht wie die letzten zehn Jahre. Das hört sich sehr dramatisch an.
Ich habe Kollegen in den USA und in Großbritannien, die haben Ende der 80er gewarnt, das wird irgendwann kommen. Damals war das auch noch relativ weit weg. Doch auf einmal hat man festgestellt, von Jahr zu Jahr wurde es schlechter. Das hat solange niemanden interessiert, solange sich die armen Leute in der Bronx oder in Croxteth, einem Stadtteil von Liverpool, gegenseitig auf die Rübe gehauen haben. Wenn die Armen oder Junkies sich untereinander umbringen, ist das für den Rest der Bevölkerung nicht so schlimm. Wenn sie anfangen, durch die Straßen zu ziehen und eventuell auch andere davon betroffen sind, wird das zum gesellschaftlichen Problem.
Ich sage das am Schluss so dramatisch – man möge mir das verzeihen. Im Augenblick sind wir davon noch ein Stück entfernt, aber die Entwicklung geht auch in Deutschland in die gleiche Richtung.
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