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 << Bassam Tibi : Klasse statt Masse – Wie funktioniert die Elite-Universität?>>

SWR2 AULA
Autor und Sprecher: Prof. Bassam Tibi *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 12. März 2006, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

Überblick:

Alle reden von ihr, doch nur wenige wissen, wie man sie in der Realität umsetzen kann: die Idee von der
Elite-Universität. Die alte Bundesregierung hatte das Konzept noch auf den Weg gebracht, die damalige
Bundesbildungsministerin sprach vollmundig von Innovationsschub, Kreativitätspotenzialen und
Standortvorteilen.

Kritiker sagten, man könne Elite-Unis nicht einfach von oben verordnen, sie könnten sich nur auf dem
Boden einer bestimmten Mentalität und Kultur entwickeln. Bassam Tibi, Professor für internationale Politik
an der Universität Göttingen, weiß aus eigener Erfahrung, wie Elite-Hochschulen strukturiert sind: Er lehrt
an Top-Einrichtungen in den USA, Singapur und der Türkei, und er zeigt, warum wir in Deutschland noch
viel aufzuholen haben.
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Ansage:

Heute mit dem Thema: „Klasse statt Masse- wie funktioniert eine Elite-Universität?“

Alle reden von ihr, alle schwärmen von ihr, alle träumen davon, dass es auch in Deutschland bald ganz viele
von ihrer Art geben wird; doch immer dann, wenn es um die konkrete politische Umsetzung geht, um die
Realität, dann gehen die Meinungen weit auseinander. Einig sind sich Bildungspolitiker und
Hochschulexperten nur in einem Punkt: Deutschland braucht endlich Elite-Universitäten, die Frage ist nur:
Wie funktioniert so eine Elite-Uni, auf welchen Strukturen basiert sie.

Bassam Tibi, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen, Begründer der
Islamologie in Deutschland, ist ein Kenner der Materie. Er lehrt nicht nur in Deutschland, sondern an
mehreren Top-Unis im Ausland, in Singapur, in den USA, auch in der Türkei. In der SWR2 AULA skizziert Tibi,
wie eine Elite-Universität funktioniert. Und wenn er dabei immer wieder Kritik an der Universität Göttingen
äußert, hat das seinen guten Grund. In Göttingen wird radikal umstrukturiert: Die renommierte
Politikwissenschaft muss Federn lassen, betroffen sind die Professoren Lösche, Walter und eben Bassam
Tibi. Der Präsident der Uni nannte die Politologie eine Schwachstelle im System mit schlecht vernetzten
Einzelforschern, die nur Feuilletonpolitologie betreiben würden, die profillos seien und keine Drittmittel
einwerben könnten.

Das waren harte Worte, und es ist verständlich, dass Bassam Tibi und seine Kollegen sauer sind. In seinem
Vortrag zeigt Tibi auch, dass sich hinter solchen verbalen Diffamierungen und strukturellen Neuordnungen
eine rigide Sparpolitik verbirgt, die mit der Idee der Elite-Universität kaum vereinbar sein dürfte.


Bassam Tibi:

Ich lebe seit 43 Jahren in Deutschland und bin ein Befürworter der Elite-Hochschule. Noch vor 10 Jahren
war es mir nicht möglich, mich öffentlich zu dieser Überzeugung zu bekennen, denn jeder Versuch endete
damit, dass ich in eine „rechte Ecke“ gestellt wurde, obwohl ich eigentlich linksorientiert bin.

Ich möchte zunächst darlegen, was ich unter dem Begriff Elite-Hochschule verstehe. Meine Gedankengänge
sind nicht nur am Schreibtisch entstanden, sondern basieren auf Praxis. Ich reise viel in der Welt herum,
arbeite nicht nur in Deutschland und sammle Erfahrungen an anderen Universitäten. Diese Erfahrungen, die
ich seit 1982 in fünf Kontinenten gemacht habe, von Melbourne/Australien, wo ich gelehrt habe, bis über
Harvard und Berkeley in USA, sind die Basis für meine Ausführungen.

Die Idee einer Elite-Hochschule bedeutet prinzipiell, dass es einen Wettbewerb gibt, der in fachlicher
Hinsicht sowohl die Studenten als auch die Professoren mit einbezieht, und es gibt einen Wettbewerb, der
sich zwischen den Universitäten untereinander abspielt.

Ich möchte das näher ausführen: In Deutschland herrscht zunächst einmal der Vorbehalt, dass Wettbewerb
eine Ellenbogen-Mentalität nach sich ziehe, dass damit eine antidemokratische Haltung verbunden sei. Ich
möchte in diesem Zusammenhang betonen, dass ich mich quasi als radikalen Demokraten bezeichnen
würde. Ich nehme die Demokratie sehr ernst, nach meiner Überzeugung hat jeder Mensch die gleichen
Rechte. Aber ich möchte auch zu bedenken geben: Die Menschen sind unterschiedlich. Sie sind zum Beispiel
unterschiedlich intelligent, das gilt sowohl für Studenten, aber genauso auch für Professoren. Es gibt also
Unterschiede hinsichtlich der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft. Es gibt Menschen, die nach 3 Stunden
Arbeit wirklich geschafft sind, andere können 15 Stunden arbeiten ohne Ermüdungserscheinungen. So ist
das auch im Wissenschaftsbetrieb und an Universitäten. Es gibt fleißige Studenten, fleißige Professoren,
genauso aber gibt es auch weniger strebsame Studenten und Lehrende.

Universitäten sind sehr wichtige Einrichtungen in einer Gesellschaft, denn dort werden in der Regel die
zukünftigen politischen Entscheidungsträger und akademischen Führungskräfte ausgebildet. Nun gibt es
nirgendwo in Deutschland Elite-Hochschulen. Im 19. Jahrhundert waren deutsche Universitäten noch
führend in der Welt, Deutsch war die wichtigste Wissenschaftssprache. Bis 1933 dauerte das an, bis in die
Nazi-Zeit. Von den Schäden, die die Nazis der deutschen Hochschullandschaft zugefügt hatten, konnten
die Universitäten sich bis heute nicht erholen.

Elite-Universitäten finden wir heute vorwiegend in den USA, es sind staatliche und nicht-staatliche
Einrichtungen. Die wichtigsten sieben, die sogenannten „Ivy Leagues“, befinden sich an der Ostküste:
Harvard, Princeton, Cornell u. a. Weiterhin gibt es die staatlichen Universitäten in Kalifornien: die University
of California und Berkeley, die auch als Elite-Universität gilt.

In Europa gibt es nur einige wenige Elite-Universitäten. Zu nennen ist die Schweiz mit der Eidgenössischen
Technischen Hochschule Zürich, der ETH, und die Universität St. Gallen, und außerdem natürlich Oxford und
Cambridge in Großbritannien. Die Sorbonne in Frankreich zählte früher auch zu den Elite-Universitäten. Das
hat sich aber geändert, sie ist heute eine Massen-Universität ohne Profil.

Asien hat auch einige Elite-Universitäten, z. B. die National University of Singapore, NUS, selbst in der
Türkei finden wir drei Elite-Hochschulen, das sind Privatschulen, gegründet von drei türkischen Milliardären.
Sie sind vergleichbar mit den Elite-Unis in den USA.

Warum gibt es das in Deutschland nicht? Und was unterscheidet die deutsche Universität von
Elite-Einrichtungen im Ausland?

Elite-Universitäten haben Professoren, die mediale Präsenz haben. Es ist wichtig, dass Forschung betrieben
wird, die in Büchern dokumentiert wird, die also nach außen hin präsentierbar ist. Das Buch ist ganz
wichtig, im Gegensatz anscheinend zu Deutschland. Hier sagte etwa der Präsident der Universität Göttingen
bei seiner Antrittsvorlesung, er wolle die Universität Göttingen zu einem niedersächsischen Harvard machen.
Bei allem Respekt für diese Idee: Dieser Mann hatte gleichzeitig abschätzig davon erzählt, dass die
Göttinger Politikwissenschafter ihm in Briefen mitgeteilt hätten, dass sie Bücher schreiben und keine
Drittmittel einwerben würden. Er sagte weiterhin sinngemäß, wer keine Drittmittel einwerbe, betreibe keine
Forschung. Ich selber habe über 30 Bücher geschrieben, die wurden in 16 Sprachen übersetzt, der
Präsident meinte aber, das gehöre nicht zur Forschung.

Professoren, die viel publizieren, die in den Medien präsent sind, gehören zum Inventar einer richtigen
Elite-Universität. Die Vorzeige-Institution der Harvard-University ist die Kennedy School of Government, die
politikwissenschaftliche Fakultät. Die dortigen Professoren gelten als Vorzeige-Figuren, darauf legt Harvard
großen Wert. Dasselbe gilt für Princeton mit der Woodrow Wilson School of Public and International Affairs
und für die Cornell University, an der ich zur Zeit lehre, mit dem Department of Government. An diesen
Elite-Universitäten muss Forschung transparent und in die Medien transportierbar sein, die Ergebnisse sollen
nicht nur in einer kleinen Fachgemeinde, sondern in der gesamten Öffentlichkeit diskutiert werden.

Ich komme zu einem zweiten Aspekt: Bei uns ist der Begriff „Strukturierung der Lehre“ verpönt, weil man
damit immer eine Verschulung der Lehre verbindet. Verschulung hat aber positive Seiten. In Harvard sind
die Seminare für die Studenten verbindlich. Es dominiert die Idee, dass ein Student, der regelmäßig die
Seminare besucht, eine intensive Beziehung zum Lehrenden entwickelt. Studierende in den USA können
nicht einfach kommen und gehen, wann sie wollen. Anders in Deutschland: Hier kann es passieren, dass
Studenten die Lehrveranstaltungen mittendrin verlassen oder einfach später kommen. Das ist in der ganzen
Bundesrepublik so, das erzählen mir auch meine Kollegen. Ich kann leider an diesem Zustand nichts ändern,
muss aber auch sagen, solche Zustände zeugen nicht von einer Elite-Universität. Denn dazu gehört eine
politische, eine akademische Kultur, die es hierzulande nicht gibt.

Natürlich gehört zu einer Elite-Hochschule auch Geld. Letztes Jahr konnte ich ein halbes Jahr in Harvard
lehren. Allein in diesem halben Jahr hat Harvard Spenden von ehemaligen Studenten in Höhe von 420
Millionen Dollar gesammelt! Die Elite-Universitäten verfügen über ein hohes Grundkapital – Harvard 22
Milliarden, Cornell 13 Milliarden -, hinzu kommen Zinserträge und regelmäßige Spenden in Millionenhöhe.
Dadurch können sich diese Universitäten natürlich auch viel leisten, etwa Forschungseinrichtungen.

Ich möchte hier einen kleinen Vergleich mit Göttingen anbringen. An der Göttinger Universität herrscht die
Meinung, um zu einer Elite-Universität zu werden, brauche man internationale Kontakte, man müsse
ausländische Wissenschaftler einladen, Kontakte zu ihnen knüpfen und pflegen, das ist auch richtig. Mein
Etat für solche Einladungen beträgt in Göttingen aber nur 40 Euro. Das reicht noch nicht mal für eine
Bahnfahrt von Göttingen nach Frankfurt. So kann man keine Elite-Universität etablieren.

Im Zusammenhang mit dem Begriff der Elite-Universität möchte ich nun den Begriff „Cluster“ verwenden,
den die ehemalige Bundesbildungsministerin in die Debatte eingeführt hatte. Cluster heißt z. B., zynisch
gesagt, die Politikwissenschaft wird in Göttingen nach und nach abgeschafft und an einer anderen
Universität angesiedelt. Also eigentlich ist das nichts anderes als Sparpolitik. Zumindest bei uns in
Deutschland ist das der Fall.

Cluster im Ausland bedeutet etwas anderes. Ich war am Aufbau von zwei Clustern beteiligt, eines in
Singapur und eines in Berkeley. In Singapur hieß es „Religion und Globalisierung“, das bedeutet, wir
erforschten, wie bekommt Religion eine zentrale Bedeutung in der Weltpolitik. Clusterbildung an einer
Elite-Universität bedeutet zuerst die Bündelung der Ressourcen in einer Art interdisziplinären
Vorgehensweise, so dass alle Forscher aus verschiedenen Fachrichtungen, aus verschiedenen Fakultäten,
die an einem bestimmten Thema arbeiten, zusammengefasst werden unter dem Dach eines Projekts. Ziel ist
eine größere Leistungsfähigkeit und effizienteres Arbeiten. So können z. B. Wissenschaftler aus der
Geschichte, der Anthropologie, den Europastudien, den Nahoststudien und den Islamstudien zusammen
kommen und zusammen arbeiten. So funktioniert Clusterbildung.

In Deutschland dagegen wird Clusterbildung fälschlicherweise gleichgesetzt mit Sparpolitik. An mehreren
Universitäten wird ein bestimmtes Fach abgeschafft und auf eine einzige Hochschule konzentriert. Das ist
aber keine Clusterbildung, sondern für mich zeugt eine solches Vorgehen von Inkompetenz und Ignoranz.

Ich möchte kontrastierend das Beispiel der University of California und der Universität Berkeley heranziehen:
Die UCLA verteilt sich über sieben verschiedene Städte. In Los Angeles gibt es eine große Fakultät für
Politikwissenschaft, es gibt Nahoststudien, Islamstudien und Europastudien. Diese Fachbereiche findet man
auch in Berkeley. Beide Standorte befinden sich im Wettbewerb miteinander. Beide behaupten von sich, sie
seien jeweils die besten. Aber tatsächlich zählen natürlich nur die Leistungen, die sich in Zahl und Qualität
veröffentlichter Bücher ausdrücken. Die Publikation von Büchern und die Diskussion über sie in der
Öffentlichkeit ist von zentraler Bedeutung für diesen Wettbewerb der Hochschulen. Nur die Öffentlichkeit –
die akademische wie die nicht-akademische – kann entscheiden, wer besser ist: UC Berkeley oder UC Los
Angeles. An keiner dieser Universitäten werden wie bei uns in Deutschland Lehrstühle gestrichen unter dem
Deckmantel der scheinbaren Clusterbildung.

Es ist für uns in Deutschland wirklich wichtig, unsere Vorstellung von Clusterbildung und Wettbewerb zu
korrigieren. Denn über diese Begriffe herrscht hierzulande meiner Meinung nach eine Unklarheit und
Verworrenheit, die nicht zuletzt auch daher rührt, dass einige Politiker über sie permanent reden, ohne sie
richtig zu verstehen.

Zu einer Elite-Universität gehören auch Zahlen. Und ich rede jetzt nicht von Geld, sondern von der noch
viel wichtigeren Zahl, nämlich dem Zahlenverhältnis Professor – Student. Während meiner Tätigkeit in den
USA, sei es in Harvard, Ann Arbor (Michigan) oder in Princeton, war die Höchstzahl der Studenten, die ich
zu betreuen hatte, 15. Meistens waren es sogar nur etwa 10. In Singapur waren es nur 6. Oxford in
Großbritannien hat sogar ein noch besseres System, das sogenannte Tutoren-System, das bedeutet, jeder
Student hat das Recht, „seinen“ Professor durchschnittlich einmal pro Woche zu treffen, von ihm beraten
und betreut zu werden. Ich habe dagegen in Göttingen 500 Studenten, von denen ich meistens noch nicht
einmal die Namen kenne. Da lässt sich keine persönliche Bindung aufbauen. Dieses Missverhältnis bedarf
dringend einer Korrektur. Genauso auch der Zustand, dass während einer Vorlesung in den ersten 15
Minuten noch 50 Studenten reinhuschen, und in den letzten 15 Minuten 50 schon wieder verschwinden.
Mich stört dieses Kommen und Gehen, denn eine Universität ist kein Supermarkt.

Ich halte fest: An einer Elite-Universität nach Vorbild der USA arbeiten Professor und Studenten sehr eng
zusammen. Das ist möglich, weil jedem Professor nur eine begrenzte Anzahl von Studenten zugeteilt wird,
die er dann auch vernünftig betreuen kann. Das heißt, er kennt seine Studenten, er hat eine persönliche
Beziehung zu ihnen. Es ist z. B. auch die Regel, dass Studenten die Vorlesungen schon 5 Minuten vor
Beginn aufsuchen und an deren Ende noch mit ihrem Professor weiter diskutieren. Man könnte fast von
einem familiären Verhältnis sprechen. Wenn diese Studenten die Universität verlassen, haben sie auch
wirklich etwas gelernt.

Im Gegensatz dazu werden in Deutschland in den Geisteswissenschaften Massenvorlesungen gehalten, es
finden Massenveranstaltungen statt, dabei können unsere Studenten einfach nicht ausreichend lernen. Das
ist den Studenten gar nicht vorzuwerfen oder den Professoren, das ist ein Fehler in unserem System, in der
Struktur unserer Hochschullandschaft, die so sicherlich keine Elite-Universität hervorbringen wird.

Ich sagte schon, ich bin ein Vollblut-Demokrat. Ich komme aus einem diktatorischen Land und liebe
Deutschland insbesondere deshalb, weil es mir die Möglichkeit gibt, frei zu reden. In Damaskus, meiner
Geburtsstadt, hätte ich kein Wort über den Staatspräsidenten kritisch äußern können; in meinen
Vorlesungen in Göttingen konnte ich die Außenpolitik von Gerhard Schröder, als er noch Bundeskanzler war,
offen kritisieren, und ich konnte meine Vorlesung verlassen, ohne dass Polizei draußen auf mich wartete und
mich verhaftet hätte. Sie können sicherlich nachvollziehen, dass ich für die Demokratie bin ohne Wenn und
ohne Aber.

Deswegen kann ich auch mit Überzeugung behaupten, Demokratie steht nicht im Widerspruch zur
Elite-Universität. Demokratie bedeutet nach meinem Verständnis nicht Massenbildung bzw. Massenzugang
zum Hochschulstudium, wie es in Deutschland der Fall ist. Mit Demokratie hat das nichts zu tun, das ist
Standardisierung auf Kosten des Niveaus. Es muss doch möglich sein, den Zugang zur Universität durch
Prüfungen zu begrenzen, um so ein hohes Lern- und Leistungsniveau zu garantieren. Ich halte das nicht für
eine Diskriminierung.

Es wird z. B. immer wieder der Einwand erhoben, Harvard sei eine Universität nur für die reichen Leute. Dem
möchte ich widersprechen. Wenn Sie mal nach Harvard kommen und sich umschauen, werden Sie sehr viele
Studenten treffen, die ganz sicher nicht aus der Oberschicht kommen. Harvard ist zwar tatsächlich eine
reiche Universität, die jährlichen Studiengebühren betragen 30.000 Dollar. Aber zwei Drittel der jungen
Leute dort studieren mit Stipendien. Das hat eine Studie gezeigt. Es gibt spezielle Programm in Harvard, um
sozial Schwache zu fördern. Das heißt, eine fachlich begrenzte Auswahl steht nicht im Widerspruch zur
Demokratisierung. Im Gegenteil, Harvard ist eine demokratische Universität, denn sozial Schwache werden
durch Stipendien unterstützt, auf dem Campus trifft man so Asiaten aus der Ober- und Unterschicht.

Auch die Art zu arbeiten unterscheidet sich an den guten Universitäten in den USA von der in Deutschland.
Ein Beispiel: Mein Kollege Professor Franz Walter, einer der hoch angesehen Parteienforscher Deutschlands,
arbeitet im Team, wenn es um seine Forschung geht, seine Bücher aber schreibt er alleine. Das tue ich
auch. Unser Präsident der Uni Göttingen ist, denke ich, allerdings der Meinung, mein Kollege und ich hätten
aufgrund dieser Arbeitsweise kein Profil. Franz Walter entgegnete daraufhin ganz richtig: Nach dieser
Aussage könnte man selbst Nietzsche, Kant und Hegel abschreiben, denn auch sie haben alleine gearbeitet.

Man muss hier unterscheiden zwischen den Fächern der Geisteswissenschaft und denen der
Naturwissenschaft. Naturwissenschaftler arbeiten im Labor und sie brauchen das Team. Ein
Geisteswissenschaftler dagegen arbeitet und denkt alleine an seinem Schreibtisch und schreibt infolge
dessen seine Abhandlungen und Bücher auch alleine. Das ist in Deutschland so und in den USA. Aber es
gibt einen großen Unterschied: In Harvard gibt es ab 16.00 Uhr bis ungefähr 18.00 Uhr öffentliche
Vorlesungen, public lectures genannt. Die werden entweder von einem Harvard-Professor oder auch von
einem Gast gehalten, der nicht unbedingt ein Akademiker sein muss, er kann Außenminister oder
Staatspräsident sein oder auch Vorstandsvorsitzender eines großen Unternehmens. Elite-Universitäten in
Amerika sind nicht puristisch-akademisch. Diese public lectures finden - wie gesagt - täglich statt. Und
anschließend finden Diskussionen statt im sogenannten Harvard-Faculty- Club. Das bedeutet, dass
Wissenschaftler sowohl in den Natur- wie auch den Geisteswissenschaften tagsüber alleine arbeiten, sich
gleichzeitig natürlich auch mit Kollegen austauschen und abends noch mit einem größeren Publikum
diskutieren. Vorteil für den Wissenschaftler ist natürlich, dass er durch den Gedankenaustausch mit anderen
Personen seine Ideen und Überlegungen noch mal neu überdenken kann.

Natürlich gibt es auch große wissenschaftliche Projekte. Ich nehme das Beispiel des
Fundamentalismus-Projekts der American Academy of Art and Sciences, an dem ich mitgearbeitet habe.
Das war für mich sicherlich eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich in Amerika gemacht habe. Wir
arbeiteten in einem Kollegenkreis , der aus 40 Wissenschaftlern bestand, und verfügten über einen Etat von
8 Millionen Dollar über einen Zeitraum von 5 Jahren. Im Abstand von einigen Monaten trafen wir uns, mal in
London, mal in Chicago, um dort über unsere Thesen zu diskutieren, die wir ausgearbeitet hatten. Dadurch
wurde jeder von uns „gezwungen“, das eigene Papier neu zu durchdenken und neu zu schreiben. Zu guter
Letzt haben wir ein fünfbändiges Werk über den Fundamentalismus zusammengestellt. Es ist das Ergebnis
unserer jahrelangen Diskussionen.

Solche Projekte gibt es in Deutschland eher nicht. Meine Erfahrung hier ist, dass jeder Professor ein
Einzelkämpfer ist, seinen Text selbst schreibt, ihn bis zur Veröffentlichung verheimlicht, aus Angst, dass er
ihm geklaut wird. So kann man über den Text natürlich erst debattieren, wenn er erschienen ist. In Amerika
gehört es zur politischen Kultur einer Elite-Universität gemeinsam zu diskutieren, natürlich respektvoll, aber
in der Sache durchaus sehr scharf. Von diesem Vorbild könnten wir in Deutschland lernen, denn eine solche
Diskussionskultur, wie es sie in Harvard, in Princeton oder Oxford gibt, suchen wir an deutschen
Universitäten vergeblich. Leider lässt sich das staatlich nicht verordnen, sondern eine solche Kultur muss
wachsen. Wie das geschehen könnte, weiß ich nicht, aber ich plädiere dafür, einen Anfang zu wagen.

Fairerweise möchte ich hinzufügen: Wenn unsere Politiker Elite-Unversitäten haben wollen, so ist das von
Heute auf Morgen nicht zu bewerkstelligen. Wir befinden uns mit der deutschen Hochschullandschaft in
einem hundertprozentigen Kontrast zu den Elite-Hochschulen in der Welt. Das betrifft sowohl die Bereiche
Lehre und Forschung als auch die politische Kultur.

Wir können und müssen bessere Studienbedingungen schaffen. Einige erste Schritte wären m. E. die
Isolation einzelner Fakultäten aufzuheben, und hinsichtlich der Lehre und der Forschung müssen wir unsere
Studenten studierfähiger und ebenso die Professoren lehrfähiger machen. Viele Professoren können nicht so
gut lehren, das muss man erkennen. Ein großes Problem ist auch das fehlende Geld. Die Politik streicht
Gelder, die Universität streicht Gelder und die Professoren sollen die fehlenden Euros wieder eintreiben.
Aber woher?

Amerika, die Türkei und alle Elite-Universitäten, die ich weltweit kenne, haben dafür eine gute Lösung
gefunden, nämlich die sogenannten Fundraiser. Fundraiser sind Menschen, die hauptamtlich an der
Hochschule beschäftigt sind und für genau diese Aufgabe des Geldeintreibens eingestellt werden. So
werden die Professoren entlastet und sie können sich auf ihre Forschung und Lehre konzentrieren und
darauf, ihre Studenten ordentlich zu betreuen.

Ein weiterer Punkt betrifft die Verwaltung. In Harvard z. B. gibt es einen Akademischen Direktor, der sich
um das wissenschaftliche Profil kümmert, und es gibt einen Executive Director, dessen Aufgaben sind die
Verwaltung und Finanzen. Diese Aufteilung mag man als undemokratisch beurteilen, aber wie ein Institut
finanzpolitisch aufgestellt ist, darüber können Studenten oder Professoren eben nicht entscheiden, weil sie
in dieser Hinsicht keine Erfahrung haben.

Natürlich findet auch Kommunikation statt zwischen den Leuten aus den Bereichen Finanzen, Verwaltung
und denen der Wissenschaft, funktional sind diese Bereiche aber getrennt.

Kommen wir abschließend zum Thema Leistung. Leistung ist sehr wichtig. An Elite-Hochschulen werden die
Leistungen eines Professors regelmäßig gemessen hinsichtlich der Lehre und hinsichtlich der Forschung. Die
Studenten evaluieren den Professor am Ende einer Lehrveranstaltung. Sie beurteilen also die Qualität der
Lehre, wie gut der Professor vorbereitet ist, wie gut seine Betreuung ist. Außerdem wird auch die Tätigkeit
außerhalb der Universität bewertet. Wenn z. B. ein Professor einen Leitartikel in der New York Times
schreiben darf, zählt das durchaus als Pluspunkt.

Es ist allgemeiner Konsens unter Politikern und Trägern der Universitäten, dass sich die deutschen
Hochschulen zur Zeit in einer Krise befinden, dass es so nicht weitergehen kann und etwas getan werden
muss. Es wird auch tatsächlich etwas getan, aber leider scheitert das, obwohl es gut gemeint ist, an
bestehenden Strukturen und an der politischen akademischen Kultur an den Universitäten Deutschlands. Ein
Beispiel ist der Umgang mit Evaluationen: An der Göttinger Universität ist die sozialwissenschaftliche
Fakultät evaluiert worden. Zwölf hochkarätige Professor aus dem ganzen Bundesgebiet haben die ganze
Fakultät beleuchtet. Seit 1973 bin ich dort beschäftigt, man könnte sagen, ich habe mein halbes Leben der
Universität Göttingen gewidmet. Ich habe dort den ersten Lehrstuhl im Land Niedersachsen für
Internationale Beziehungen gegründet, ich habe mehrere Generationen von niedersächsischen Kindern in
globalem unter interkulturellem Denken erzogen. Ich habe die Islamologie begründet, das ist die
Beschäftigung mit dem Islam, wie er tatsächlich gelebt wird, es geht also nicht um den Koran und die
Heiligen Schriften. Die zwölf Professoren, die meine Arbeit bewertet haben, sind zum Schluss gekommen,
diese Abteilung habe Göttingen zum Weltruhm verholfen, weil die Leistungen bis in alle Welt bekannt
geworden seien. In der Evaluation steht ausdrücklich: Die Abteilung für Internationale Beziehungen der
Universität Göttingen soll gefördert und weiterentwickelt werden.

Der neue Präsident jedoch sieht das ganz anders, die Politikwissenschaft in Göttingen steht wahrscheinlich
bald vor dem Aus. Meine Beschwerde beim Ministerpräsidenten wurde folgendermaßen beantwortet:
Natürlich brauche Deutschland Islamforschung, aber das müsse nicht unbedingt in Göttingen sein.

Ich brauche Göttingen nicht, ich gehe in die USA. Dort wird meine Forschung besser gewürdigt. Die Leute in
Deutschland, die das Instrument der Evaluation eingeführt haben, ziehen nicht die richtigen Konsequenzen.
In Deutschland hat ein Universitätspräsident viel zuviel Macht. Der Präsident in Harvard dagegen trifft keine
Entscheidung, bevor er nicht mehrere Dutzend Experten gehört hat. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung
hatte die Göttinger Universitätsleitung einmal als ein „Präsidialregime“ bezeichnet. Der gute Wille, die
deutsche Universität aus der Krise herauszuholen, wird keine positiven Ergebnisse bringen, solange Macht
mit Evaluation und die politische Kultur einer Elite-Universität mit dem Präsidialregime verwechselt wird.

Zum Abschluss möchte ich Sie nochmals bitten, meine Worte sehr ernst zu nehmen. Ich bin Moslem, aber
ich liebe Deutschland, ich liebe die deutsche Sprache, ich bin sehr stolz darauf, dass ich in Frankfurt
studieren konnte bei Adorno, Horkheimer oder Habermas. Mein Leben in Deutschland hat mir viel gegeben.
Meine Kritik an der deutschen Universität hat nichts mit Ablehnung oder Hass zu tun, sondern mit Liebe.
Mein Wunsch ist es, dass die deutsche Universität besser wird, und ich glaube, Deutschland verdient ein
Harvard, Deutschland verdient ein Princeton oder Cornell. Deutschland braucht eine neue
Wettbewerbskultur.


*****


* Zum Autor:
Bassam Tibi wurde 1944 in Damaskus geboren, wo er bis zum Abitur die Schule besuchte. Er kam 1962 nach
Frankfurt am Main und studierte bei Horkheimer und Adorno Sozialwissenschaften, Geschichte und
Philosophie. Es folgten die Promotion in Frankfurt und die Habilitation in Hamburg. Seit 1973 ist Tibi
Professor für Internationale Beziehung an der Universität Göttingen, seit 1988 leitet er diesen Fachbereich.
Tibi gilt als Begründer der „Islamologie“ und ist einer der Exponenten des islamisch-jüdisch-christlichen
Trialogs.

Bücher:
- Die Krise des modernen Islams. Suhrkamp-Verlag.
- Mit dem Kopftuch nach Europa. Die Türkei auf dem Weg in die Europ. Union. Primus-Verlag.
- Kreuzzug und Djihad. Goldmann-Verlag.
- Der neue Totalitarismus. Primus-Verlag.
- Im Schatten Allahs. Der Islam und die Menschenrechte. Ullstein-Verlag.
- Krieg der Zivilisationen. Verlag Hoffman & Campe.
- Europa ohne Identität? Bertelsmann-Verlag.
 


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