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<<Dr. Reinhard K. Sprenger: Der dressierte Bürger – Warum weniger Staat mehr ist>>
SWR2 AULA - Schwerpunkt: Standort Deutschland
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch; Sendung: Sonntag, 13. März 2005, 8.30 Uhr, SWR 2. Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

Überblick

Überall wird eifrig an den Reformschrauben gedreht, hier Hartz IV, dort die Ich-AG, doch das hilft den Deutschen wenig, wenn sie den Stillstand überwinden wollen. Solange der Staat nicht zu einem völlig neuen Selbstverständnis findet und seine Bürger in eine neue Selbstverantwortung entlässt, wird sich nichts ändern. Alles von oben regeln zu wollen, ist ein veraltetes Modell. Reinhard K. Sprenger, Philosoph und Unternehmensberater, zeigt den Weg aus der Krise.

Ein privater Radiosender installierte vor einigen Jahren eine Ampel auf einer völlig geraden und freien Landstrasse. Es gab an dieser Stelle weder Kreuzung noch Abzweigung, weder Kurve noch Fußgängerüberweg – nur Wiesen und Felder ringsum. Die Ampel zeigte Rot. Dauerrot. Nach einer halben Stunde hatte sich vor der Ampel eine lange Autoschlange gebildet. Die Reporter interviewten die Wartenden. Wütend waren sie, aufgebracht, verwünschten die Ampel, die Polizei, das Straßenbauamt, den Regierungspräsidenten. Aber es passierte nichts. Alle saßen, warteten, fluchten und hofften mit ergebenem Kälberblick, dass die Ampel umsprang. Viele spielten mit der Idee, einfach loszufahren – aber niemand tat es.

Was hat das mit Deutschland zu tun? Nun, in Deutschland gibt es viele rote Ampeln. Aufgestellt von sogenannten „Staats-Dienern“, die in Wirklichkeit die Herrschaft übernommen haben. Sie tun nicht mehr, was die Bürger wollen; sie bestimmen, was die Bürger sollen. Ihr Motto: „Wir wissen, was für euch gut ist“. Sie wollen eine bessere Gesellschaft schaffen. Deshalb drängt sich der Staat in das Leben der Bürger hinein, will sie lenken, leiten, an einem staatlich entworfenen Ideal ausrichten. Und er hat aus den Deutschen – die ein geniales Volk sind, jedenfalls der Anlage nach – ein larmoyantes Volk gemacht, ein Volk, das sich nur noch bewegt, wenn obrigkeitsstaatliche Ampeln auf grün springen.

Dass der Staat sein Tun vor allem als Erziehungs-Aufgabe begreift, das wird vor allem in der Sprache sichtbar, Da soll die Sparneigung der Deutschen „gebrochen“ werden, die Kauflust „stimuliert“. Der Bürger, das ungezogene Kind! Es tut einfach nicht, was gut für ihn ist. Beliebt ist auch das „Aktivieren“ oder das „Gestalten“, natürlich „sozialverträglich“. Oder aber die „Reform“, die ja – wie das Wort schon sagt – „formen“ will. Beliebte Schmuckvokabeln sind „Wohlstand sichern“ oder „Kulturauftrag wahrnehmen“. Andere Wieselworte sind „Generationenvertrag“ oder „Kollektivgüter“.

Beihilfen werden begründet mit einem „öffentlichen Interesse“ oder „horizontalen Zwecken“, die wohl irgendwie die gesamte Gesellschaft angehen. „Sozialer Frieden“ heißt die Formel für Besitzstandswahrung, „Konsens“ das Vetorecht gegen Entschiedenheit; „Berechenbarkeit“ die rote Karte für Veränderungswillen. Immer wieder gerne genommen wird auch das „Gemeinwohl“ als Herrschaftskonsens der Politik, die die eigenen Interessen schlicht zum allgemeinen Interesse erhebt. Besonders leicht fließt den Politikern auch die „Gerechtigkeit“ von den Lippen, vor allem in der wunderbaren Ergänzung mit „sozial“ – eben als „soziale Gerechtigkeit“. Das macht sofort unangreifbar, das Gehirn schaltet ab.

Die Spitze der Sprachzerstörung aber bildet der „Solidaritätszuschlag“ - jene beschönigende Formel für die Zwangssteuer, die dem deutschen Osten auf die Beine helfen soll. Dies in Zusammenhang mit dem sprachlichen Kreuz-Ass des Lenkungswillens: dem „Fördern“. Wenn man Deutschland schlaglichtartig kennzeichnen wollte, dann als „Land der Förderprogramme“. Es wird gefördert, dass sich die Balken biegen. Die Innenstädte, die Außenbezirke, die angehenden Azubis, die abgehenden Azubis, die Hochbegabten, die Minderbegabten, die jungen Wissenschaftler, die älteren Arbeitslosen, die Literatur, die Wirtschaft, die Kunst, der Sport, der Osten, der Westen .... wer wollte sich dem Zauberwort „fördern“ verweigern?

Die staatliche Lenkungsseligkeit ist hingegen am seligsten, wenn sie sich über etwas Schutzartiges verbreiten darf. Wo man „Schutz“ im Sinn hat, wird man zum edlen Retter, hat man das Gute auf seiner Seite hat. Kaum fällt z.B. das Wort „Umweltschutz“, sofort schlagen alle die Hacken zusammen. Auch der „Jugendschutz“ – das klingt schon so unwidersprechlich, dass man sich gewissermaßen aus der Solidargemeinschaft der Sittsamen verabschiedet, hebt man dagegen die Stimme. Egal, ob Alte, Junge, Frauen, Kinder, Tiere, Behinderte, Kranke, die deutsche Popmusik, Minderheiten aller Art,  - wir Deutschen haben eine tiefe Zuneigung zu allem und jedem, dem es gelingt, sich als schützenswert oder benachteiligt auszuweisen.

Auch deutsche Arbeitsplätze müsse man schützen, das sei ein moralisches Gebot. Ist ein Arbeitsplatz in Deutschland moralischer als einer in Tschechien? Im Gesetz gegen Alkohol- und Tabakwerbung bis hin zum öffentlichen Rauchverbot, in der Anschnall- und Helmtragepflicht – überall erscheint der Bürger als ein Kind, das vor allem vor sich selbst geschützt werden muss. Überall wird der Bürger fürsorglich belagert, überall wird er gewarnt, aufgeklärt, werden Millionen-Programme für „Prävention“ aufgesetzt, werden Kampagnen gestartet für Eltern-Kurse und gegen Fettleibigkeit, wird mir im Frühherbst ministeriell zur Grippeimpfung geraten und im Frühsommer zur Sonnencreme. Noch fehlt der staatlich verordnete Aufdruck des Bundes-Arbeitsministers auf die Lohntüte: „Arbeit gefährdet Ihre Gesundheit!“?

Um seinen Lenkungswillen durchzusetzen, hat der Staat im Kern zwei Strategien: Zwang oder Verführung.

Zunächst der Zwang: Es gibt nichts in Deutschland, was nicht geregelt ist. Dürfte sich ein Politiker ein Volk wählen - er nähme die Deutschen. Denn der Staat ist hier ganz in seinem Element: In einem fort erlässt er Gesetze und Regeln, verfeinert die Rechts- und Verwaltungsordnung und zementiert seine zwangsstaatlichen Versorgungswerke, die alle nur einen Refrain kennen: „Pass dich an!“ Kinderkriegen ist kein Problem, aber über die Altersvorsorge können wir nicht selbst entscheiden. Der Arbeitsmarkt ist schon lange kein „Markt“ mehr, sondern ein dirigistischer Exzess. Die Fahrschulen oder die Schornsteinfeger mit ihren staatlich geschützten Monopolen - wir werden gezwungen, ihre Dienstleistungen zu kaufen. Der Student zahlt Zwangsbeiträge für oktroyierte „Vertreter“. Unternehmen werden in die IHK gezwungen oder in die Handwerkskammer oder in den Flächentarif.

Im Straßenverkehr erlässt ein anonymer Behörden-Absolutismus unsinnige Ge- und Verbote in Permanenz: Deutschland, das Land der Radarfallen; da kann die Zahl der Verkehrstoten noch so sehr auf einem historischen Tiefstand sein und die Zahl der Haushaltsunfälle mehrfach höher. Arbeitgeber werden gezwungen, rauchfreie Arbeitsplätze zu stellen. Machen die zwar auch freiwillig, aber „zwingen“ lässt den edelmütig kämpfenden Staat beherzter erscheinen. Arbeitnehmer werden gezwungen, einen Teil ihrer Einkünfte nicht in Form von Geld zu empfangen, sondern in Form von Sozialversicherungen – und man gaukelt ihnen vor, der sogenannte „Arbeitgeber-Beitrag“ sei ein Bonus zusätzlich zum Lohn. Wir zwingen Kinder in Schulen und Betreuungseinrichtungen. Wir zwingen Menschen, zu einem bestimmten Zeitpunkt in Rente zu gehen, obwohl einige von ihnen noch gerne viel länger arbeiten würden. Sicherheitsvorschriften gibt es für nahezu alle Lebenslagen und juristische Formatierung auch noch der persönlichsten Bereiche. Sogar Sterben dürfen wir in Deutschland nicht nach eigenem Willen, auch da mischen sich die Ideologen des guten Lebens ein. Zwang, wohin man blickt.

Wer hier zu Lande durchstarten will, kommt deshalb erst mal kaum aus den Startlöchern. Versuchen Sie mal, in Deutschland eine Firma aufzumachen! Es dauert 45 Tage. In Frankreich 8, in Dänemark 4, in Australien sogar nur 2. Vor kurzem wurden zwei Gründer von Kindergärten für ihre unternehmerische Initiative ausgezeichnet. Es stellte sich heraus, dass ihr Hauptproblem weder die Kinder noch die Kosten waren, sondern die staatliche Regelungsdichte.

Aber der Zwang ist nur eine, die grobe Steuerungsmöglichkeit, die ultima ratio. Die Verführung des Bürgers ist die mildere Forme der Volkspädagogik. Sie verspricht dem Bürger Geld, wenn er sich nach den Idealen der Staatslenker richtet.

Politische Dressur beginnt daher in der Regel mit Geschenken – zumeist Subventionen genannt. Eine Form ist die konkrete Geldleistung – vom Exportzuschuss für Airbus-Flugzeuge bis zu Vorzugsdarlehen für die Kutterfischerei. Die andere ist der Verzicht auf Steuereinnahmen – von der Steuerfreiheit für Flugbenzin bis zur verringerten Umsatzsteuer für Zahntechniker. Kaum ein Unternehmen, das auf der Suche nach einem neuen Standort nicht zig Vergünstigungen aushandelt – von Infrastrukturmaßnahmen bis hin zu kostenlosen Grundstücken und Steuerbefreiungen.

In den Genuss von Subventionen kommt jedoch nicht nur die ehemals „freie“ Wirtschaft, ein endlos fließender Geldregen mitsamt seinen Bewilligungsbürokratien ergießt sich auch über Kultur und Bildung: Deutschland ist das Land der beheizten Schwimmbäder, der Seniorenfreizeitstätten, der Volkshochschulen, der Beratungsstellen für Schuldner, Käufer von Waschmaschinen und Ehekriselnde. Für jede Misslichkeit, mit der sich ein Mensch im Laufe seines Lebens konfrontiert sehen könnte, findet sich eine Unzahl öffentlicher sozialer Dienste. Es gibt kaum ein Problem, das noch als ein rein privates begriffen wird und der öffentlichen Betreuung entgeht und kaum einen Wunsch, der nicht an den Staat adressiert auf seine Erfüllung pocht.

Nun sind Subventionen seit Jahren in die Kritik geraten, von vielen Seiten wird ihr Abbau gefordert. Warum das nicht gelingt? Es gibt ein klammheimliches Einverständnis der Politik, sich ihre Lenkungsinstrumente nicht aus der Hand nehmen zu lassen. Das hieße nämlich Macht abgeben. Es könnte nicht mehr so gut verteilt und umverteilt werden. Zehntausende von Bürokraten wären arbeitslos. Das will die Politik nicht. Deshalb gibt sie weiter ihre Machtansprüche als „Gemeinwohl“ aus. Zudem traut sie sich nicht, die Wähler zu vergraulen. Denn das sind Subventionen eigentlich: Kauf von Wählerstimmen. Subventions-Politik ist Bestechung mit dem Geld anderer Leute.

Und – so mag mancher fragen – was ist denn mit „Hilfe“, was ist mit „Solidarität“? Nehmen wir als aktuelles Beispiel die Spenden anlässlich der Flutkatastrophe in Südostasien. Ja, private Spenden sind ein Zeichen von Mitgefühl und Großzügigkeit. Aber staatliche Hilfe ist immer verlogen. Auch wenn es politisch inkorrekt erscheint: Öffentliche Gelder sind Enteignung. Was Politiker so üppig aus dem staatlichen Füllhorn strömen lassen, ist das mit Zwangsabgaben (sprich: Steuern) ungefragt eingesammelte Geld anderer Leute. Weder hat man mich gefragt, noch meine Kinder, die die Spätwirkungen dieser staatlich-karitativen Geste ausbaden dürfen. Nur Individuen können großzügig sein, Kollektive nicht.

Solidarität ist unverzichtbar, wenn sie freiwillig ist. Aber sie wird zerstörerisch, wenn sie erzwungen wird, wenn sie als kollektiver moralischer Imperativ, gar als politisches Programm zur Erziehung eingesetzt wird. Für mich persönlich ist die Verhunzung der „Solidarität“ eines der größten Verbrechen, das der Staat in den letzten Jahren begangen hat.

Wenn der Staat also normative Ansprüche beim Bürger durchsetzen will – dann ist es aus Sicht des Staates auch nicht in Ordnung, wenn der Bürger sein Geld selbst ausgeben will, statt es vom Staat ausgeben zu lassen. Dann fragt er danach, wie viel er dem Bürger abnehmen muss, um seinen Lehrplan umzusetzen. Das Lieblingsinstrument des Staates ist daher die Steuer – wie der Name schon sagt. Durch sie wird der Bürger in seiner Entscheidung, wie er sein Einkommen verwendet, 1. teilweise enthoben und 2. beeinflusst.

An der Staatsquote kann man das Maß des Beeinflussungswunsches ablesen. In ihr drückt sich aus, welchen Anteil des Bruttoinlandproduktes der Staat kontrolliert, für seine Zwecke beansprucht und zentral verteilt. Wenn er z. B. eine Staatsquote von 50 Prozent verordnet, dann sagt er dem Bürger: „Zur Hälfte muss ich dir die Entscheidung abnehmen, wie du dein Einkommen verwenden willst.“

Doch selbst eine Staatsquote von 50 Prozent lässt den vormundschaftssüchtigen Staat nicht ruhen. Er sagt: „Auch bei dem verbleibenden Rest deines Einkommens sollst du nicht frei entscheiden. Weil es dir an der richtigen Gesinnung mangelt, gebe ich dir gute Gründe, dich so zu verhalten, wie ich es für richtig halte.“ So nimmt der Staat die Steuerpolitik beim Wort und steuert, was das Zeug hält. Überall sucht er nach „Stellschrauben“, mit denen er das naturhaft eigensinnige Verhalten der Bürger nachjustieren kann. Er belohnt dies und bestraft das, er begünstigt dieses Verhalten und erschwert jenes. Er kettet Ehepaare über den finanziellen Vorteil formal zusammen, bestraft aber das ungestempelte Zusammenleben. Er belohnt das Kinderkriegen, bestraft die Kinderlosigkeit - selbst wenn sie ungewollt ist. Er unterwirft Erträge aus Festverzinslichem einer hohen Abgabelast, lässt aber Lebensversicherungen zur Hälfte ungeschoren. Autofahrern schenkt er Geld, wenn sie Diesel fahren, den Bauern Geld, wenn sie die Milchwirtschaft aufgeben, Wohlhabenden schenkt er Geld, wenn sie in den asiatischen Schiffsbau investieren. Oder in Flugzeuge. Oder in Hollywood-Filme. Auch die Spende an eine politische Partei ist steuerlich voll abzugsfähig. Ein Realist, der Böses dabei denkt.

Steuerrecht als moralische Anstalt: Das Kosten-Nutzen-Kalkül des Bürgers wird so verändert, dass sich das „umgeleitete“ Handeln wieder lohnt. Denn wer sein Verhalten an staatlichen Interessen ausrichtet, hat Steuervorteile. Wer das nicht tut, Nachteile. Das Motto: „Tue dies, dann bekommst du das.“ Nach diesem Muster funktioniert das System der Fremdsteuerung, das unser gesamtes gesellschaftliches Zusammenleben überwuchert. Diese Gleichung ist das Denk- und Lenkmodell unserer Gesellschaft überhaupt. Das ist auch genau jene Formel, mit der der Staat die Allmacht über alle Lebenszusammenhänge an sich gerissen hat. Das Ziel: Diffamierung des Eigensinns, Gesinnungsnötigung, „Im Gleichschritt, marsch!“ Und es hat Konsequenzen.

Die wichtigste Konsequenz ist der sogenannte Verdrängungs-Effekt. Ein Begriff aus der Verhaltensbiologie. Diese Forschungsrichtung erklärt menschliches Handeln durch die beiden Einflussgrößen „Trieb“ und „Reiz“. Der „Trieb“ ist die innere Selbst-Steuerung des Menschen. Er antwortet auf die Frage „Warum handelt jemand?“ Hingegen wird der „Reiz“ als äußere Fremd-Steuerung beschrieben. Er antwortet auf die Frage: „Wie kann man jemanden zum Handeln bewegen?“ Der „Reiz“ umfasst daher Lenkungen durch Macht, Geld, Kontrolle, Belohnung und Bestrafung jeder Art.

Beide Einflussgrößen sind nicht unabhängig voneinander, sondern wechselwirksam. Geht man von einer Normalverteilung beider Einflussgrößen aus, dann gilt: Wird der Außenreiz erhöht, dann sinkt der Eigenantrieb. Der Eigenantrieb wird verdrängt und durch den Außenreiz ersetzt. Schnell gewöhnt sich der Mensch an das Reizniveau, entwickelt immer neue Ansprüche, bis er bald ohne „Zusatz“-Reiz in der Tat eine geringere Leistungsbereitschaft zeigt. Er hat sich daran gewöhnt, verwöhnt zu werden. Er ist nur noch unter Stimulation durch ständig höhere Botenstoffe beeinflussbar. Er bewegt sich nicht mehr; er wartet darauf, bewegt zu werden.

Das kennen viele Eltern, die ihre Kinder mit Geld zu Schulaufgaben motivieren wollen. Kurzfristig funktioniert das. Langfristig aber wollen die Kinder nur noch gegen Geld Schulaufgaben machen. Und man hat ihnen beigebracht, dass Schulaufgaben etwas sehr Sinnloses sind.

Der staatliche Eingriff läuft genau in diese Falle. Steuerpolitisch wird ein ökonomisches Interesse begründet, das dazu verführt, den Weg selbstverantwortlicher Lebensgestaltung zu verlassen. Bald hängt der Bürger am Staat wie der Junkie an der Nadel. Denn staatliche Lenkung nährt die Illusion, man brauche für vieles nicht mehr selbst zu sorgen, man brauche nicht mehr selbst zu entscheiden, ja man brauche nicht einmal mehr selbst nachzudenken. Langfristig führt das dazu, dass sich die Menschen nicht mehr auf sich selbst verlassen, sondern auf den Staat verlassen. Entsprechend laden Belohnungen wie Subventionen, Steuervorteile oder andere Beihilfen den Menschen nicht dazu ein, an sich selbst zu glauben, sondern an den Staat zu glauben. Die Menschen verlernen die Fähigkeiten, unabhängig vom Staat zu handeln. Sie gewöhnen sich an öffentliche Leistungen, werden abhängig von der täglichen Infusion therapeutischer Anreger. Die Gängelung zerstört systematisch das Vertrauen der Menschen in die eigene Kraft; sie höhlt ihre Überzeugung aus, selbst wirksam sein zu können. In einem Wort: Das staatliche Lenkungsverhalten ist die planvolle Herbeiführung von Antriebslosigkeit.

Was aber bei Fremdsteuerung zuerst stirbt, ist das Gefühl, in gewisser Hinsicht sein eigener Herr zu sein. Jeder Form von Fremdsteuerung schwächt das Gefühl der Menschen, ihr Leben im Griff zu haben. Deshalb die verbreitete parasitäre Lebenseinstellung. Denn es liegt in der Logik der Fremdsteuerung, dass unser natürliches Gefühl für Selbstverantwortung als Motor unseres Handelns abstirbt. Wir erleben dadurch die uns drängenden Probleme nicht mehr primär als von uns selbst zu lösende, sondern als von anderen zu bereinigende. Es gilt als selbstverständlich oder sogar „gerecht“, die Folgen des eigenen Tuns und Lassens „solidarisch“ auf das Kollektiv abzuwälzen, die Verantwortung für das eigene Leben allen anderen aufzubürden. Aus dem Staat als Ausgleichsstelle für schwere Schicksalsschläge ist der große Versorger breiter Bevölkerungsteile geworden. Der Ruf nach dem Staat erfolgt dabei reflexhaft - noch bevor der Einzelne sich überlegt, wie er sich selbst helfen kann.

Das also ist meine zentrale These: Das grassierende Opfer-Bewusstsein in Deutschland ist staatlich verursacht. Es lässt sich aus einer Überbetonung staatlicher Fremdsteuerung herleiten. Unsere Gesellschaft wird durch die Symbiose von Steuer-Planwirtschaft und Ingenieurspädagogik nach und nach zur Drogenszene, in der der Staat der Dealer und die Bürger die Junkies sind. Oder seriöser: Wir sind nur noch Nehmer, keine Geber mehr. Und wenn dann jemand sagt, etwas sei nicht finanzierbar, sprechen wir von „sozialer Kälte“. Das Leben wird bestimmt von „Oben“, den Umständen, der Konjunktur, den Verhältnissen, Systemen und Strukturen. Der Bürger lässt sich steuern, macht sich zum Reiz-Reaktions-Apparat besserwissender Bürokraten, zur Marionette eines misstrauischen Steuerstaates. Das ist die Wurzelsünde. Die mentale Konsequenz: Gehirnverseuchung. Der staatliche Eingriff kommt oft als Vorteil, Wohltat oder Ordnung daher und jeder freut sich. Doch der Dolch im Gewande heißt Entmündigung und Gängelung. Das Selbstvertrauen stirbt, das Opfer-Bewusstsein wächst, das Warten auf den großen Beweger. Und irgendwann weigern wir uns, unser Leben selbst zu führen. Selbstwirksamkeit gedeiht nicht, wo der Staat wirkt.

Was können wir dagegen tun?

Die Reformen der letzten Zeit bringen keinen grundlegenden Wandel zum Besseren, weil ihr Tenor nur lautet: Änderungen innerhalb der bestehenden Strukturen. Aber staatliche Willkürakte funktionieren nicht bei Mentalitäten: nicht bei Ehrgeiz, nicht bei Beweglichkeit, nicht bei Selbstvertrauen. Gerade auf den Feldern, die Deutschland wieder nach vorne bringen können, kann der Staat nichts erzwingen, nichts herbei-motivieren oder herbei-belohnen. Es kann es nur ermöglichen.

Es steht also ein tief greifender Umbau des deutschen Systems an. Wenn wir uns an der Grundbedeutung von Freiheit orientieren,

1. die Abwesenheit von Zwang und

2. die Ermutigung zur Eigentätigkeit,

dann brauchen wir einen reduzierten Staat. Reduziert auf das Erlassen allgemeiner Regeln, des äußeren Schutzes und des Rechts. Wir brauchen, und das mag manchen überraschen, die Autorität des Staates nicht als Hilfe, sondern als Macht. Als Gewaltmonopolist, nicht als Fürsorger; als Macht, die die Entwicklung freiwilliger und geordneter Formen des Zusammenlebens ermöglicht. Der insofern „gleich-gültig“ ist gegenüber den verschiedenen Wegen zum gelungenen Leben, so es nicht die Rechte eines anderen verletzt. Er muss gegenüber der frei gewählten Lebensführung seiner Bürger peinlich neutral sein.

Dieser Staat ist Methode, nicht Inhalt. Er darf verwalten, nicht regieren. Er lehnt „politische Führung“ ab. Er hat kein eigenes „Interesse“. Er will weder erziehen, noch geistig lenken. Er will den Bürger nicht anreizen, nicht manipulieren, nicht verführen. Das Gemeinwohl wird nicht durch staatliche Lenkung hergestellt, sondern durch das lebenspraktische Wirken der Bürger selbst. Wir Bürger sind in ihm Individuen, die von niemandem als Mittel zum Zweck benutzt werden dürfen. Dieser Staat behandelt uns mit Gelassenheit, er hält Distanz, ist zurückhaltend, mischt sich nicht ein. Er orientiert sich an dem Kriterium: Respekt! Er lässt uns unser Leben selbst entscheiden, wie und mit wem wir auf welche Weise zusammen leben wollen, welche Idee vom guten Leben wir dabei verfolgen und welche Menschen uns dabei freiwillig helfen wollen. Er vertraut unseren Fähigkeiten zur Problemlösung. Es geht ihm vor allem darum, möglichst jeden Menschen so leben zu lassen, wie es ihm oder ihr gefällt. Dieser Staat hat im Privatleben der Bürger nichts verloren. Manchmal schaffen es ja Politiker, dass die Bürger ihnen vertrauen; weise Politiker schaffen es, dass die Bürger sich selbst vertrauen.

Was heißt das konkret?

Natürlich müssen wir den Staat zurück drängen, die Bürokratie abbauen, die Lenkungsnormen aus dem Steuerrecht entfernen und die Subventionen abschaffen. Wir müssen die kleinen Einheiten wieder beleben, das Lokale, die Nachbarschaft. Wir müssen die Selbständigkeit, die Unternehmertätigkeit erleichtern und ermutigen. Wir müssen den Abschluss von Arbeitsverträgen frei geben. Aber alle diese Reform-Vorschläge sagen im Grunde: andere sollen etwas tun, andere sollen aktiv werden.

Was aber vor allem ansteht: Erst einmal selbst wach und wachsam werden! Die Sensoren schärfen! Wir müssen wieder empfindsam werden für die versteckten Entmündigungen und Zwangsbeglückungen. In den Nachrichten, in den Talkshows, in den vielfältigen Angeboten zur Selbst-Verkindlichung. Wir müssen wieder ein Gefühl für die Respektlosigkeit entwickeln, die in dem staatlichen Zurichtungswillen steckt. Wir müssen uns gegen das „Sei anders!“ empören, das sich verbirgt hinter wohlanständig klingenden „Förderprogrammen“ und „Schutzmaßnahmen“. Provozierbar müssen wir sein! Was geht es den Staat an, ob ich rauche, dick bin, wofür ich mein Geld ausgebe oder auch nicht ausgebe?

Wir Bürger müssen mit geschärften Sinnen durch die Welt der „großen Verführung“ wandern, einer staatlich dominierten Welt, die mit der Freiheit, der Würde, der Autonomie des Einzelnen kaum noch etwas anzufangen weiß. Wir müssen wachsam sein gegenüber jeder Form von Distanzlosigkeit, Bevormundung und Infantilisierung. Bevor wir das Erstgeburtsrecht unserer Bürgerwürde gegen das Linsengericht des Anpassung verkaufen, sollten wir erkennen, dass damit unser Stolz, unser Wohlstand und unsere Lebensqualität ihr Ende fände. Kein finsterer Leviathan wäre daran schuld. Nur wir selbst – weil wir unaufmerksam waren.

Und wir müssen selbst handeln. Wir müssen uns die Gesellschaft wieder aneignen. Das heißt: dem Staat entreißen. Wir müssen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, uns einmischen. Wir müssen uns bürgerschaftlich engagieren, das Prinzip der Gegenseitigkeit wiederentdecken, die Verantwortung für den Nahbereich. Denn das Recht auf ein individuelles Leben bedingt die Pflicht zur Beteiligung am Allgemeinen. Eine geschenkte Freiheit ist nichts wert; wir müssen sie täglich neu erobern.

Und wehren können wir uns. Mit zwei einfachen Mitteln. Das eine besteht darin, all jene zu unterstützen, die sich gegen die Volksmoralisten stemmen. Es gibt sie, allerdings muss man manchmal nach ihnen suchen. Dort kann man sich beteiligen. Jeder Bürger muss seinem lokalen Politiker permanent auf die Zehen treten. Wir müssen für mehr „Nichtbeamte“ im Parlament sorgen – unabhängig von der politischen Farbe.

Das andere Mittel steht wirklich jedem zur Verfügung. Es besteht darin, der Pädagogisierung der Politik nicht mehr zuzuschauen und dem staatlichen Oberlehrer keinen Beifall mehr zu zollen. Wer schlechte Witze erzählt und keine Lacher mehr erntet, wird irgendwann damit aufhören. Wir können die Einladung des Staates zur Selbst-Entmündigung ausschlagen: auf „Förderung“ verzichten, Zuschüsse ablehnen - auch wenn uns der höhnische Alltagsverstand „Masochismus!“ zuruft. In der Tat, kostenlos ist das nicht zu haben. Aber niemand kann uns zwingen, in die Möhre hineinzubeißen, die uns vor der Nase baumelt. Wir müssen uns nicht lenken lassen. Wir müssen unser Leben nicht nach dem Prinzip des größtmöglichen Steuervorteils ausrichten. Wir müssen uns nicht vom Staat vorschreiben lassen, wie wir unsere Lebenszeit verbringen. Mehr noch: Wir können Einfluss nehmen. Wir können Produkte meiden, an denen Subventionen kleben. Wir können subventionierten Unternehmen die eigene Kaufkraft zeigen: einfach dort nicht einkaufen. Wir können quasselige Politsendungen durch niedrige Einschaltquoten abstrafen. Wir können das Kleine dem Großen vorziehen, das Lokale begünstigen, das Besondere, den Laden an der Ecke. Wir müssen uns nicht von Rabatten, Meilen oder Bonus-Punkten zu Pudeln abrichten lassen, die nach Leckereien japsen. Wir müssen uns auch nicht verbeamten lassen. Wir können uns sogar selbstständig machen. Das alles können wir tun. Wenn wir wollen. Wenn jeder an seinem Ort ein kleines Stück mehr Selbstverantwortung und Eigensinn lebt, dann werden sich die Effekte addieren. Was das heißt, weiß jeder in dem Moment, in dem er gefordert ist.

* Zum Autor:

Reinhard K. Sprenger, geboren 1953, Studium der Philosophie, Psychologie, Betriebswirtschaft und Geschichte in Bochum. 1985 Promotion zum Doktor der Philosophie. Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten. Wissenschaftlicher Referent beim Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen. Trainer und Berater für Personalentwicklung.

Bücher:

- Der dressierte Bürger. Warum wir weniger Staat und mehr Selbstvertrauen brauchen.

- Mythos Motivation.

- Das Prinzip Selbstverantwortung.

- Die Entscheidung liegt bei Dir!

- Aufstand des Individuums

- Vertrauen führt.

Alle erschienen bei Campus.

 


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