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 Schmid-Schatten-Glueck

SWR2 Wissen Aula - Wilhelm Schmid: Wenn Menschen unglücklich sind . Über die Schattenseiten des Glücks
Autor und Sprecher: Professor Wilhelm Schmid *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 4. November 2012, 8.30 Uhr, SWR 2
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Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

Autor und Sprecher
* Wilhelm Schmid:
geb. 1953, lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt.
Buchpublikationen (Auswahl):
•Unglücklich sein - Eine Ermutigung, Insel Verlag, Berlin 2012.
•Liebe – Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt, Insel Verlag, Berlin 2011.
•Die Liebe neu erfinden. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.
•Glück – Alles, was Sie darüber wissen müssen und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist, Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007.
•Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, Taschenbuch 2007.

ÜBERBLICK
Schattenseiten des GlücksAm Glück, so scheint es, führt kein Weg mehr vorbei. Buch um Buch erscheint zu diesem Thema, jedes mit einer eigenen "Glücksformel" ausgestattet. Aber brauchen wir wirklich so viel Glück fürs Leben? Könnte es sein, dass Menschen sich unglücklich fühlen, nur weil sie glauben, immer glücklich sein zu müssen? Und dass die Unglücklichen sich jetzt erst recht ausgeschlossen fühlen, wo sich doch alle Welt nur noch ums Glück dreht? Worin besteht denn das Glück, das ihnen entgeht? Antworten gibt der Lebenskunstphilosoph Professor Wilhelm Schmid aus Berlin.

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INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Wenn Menschen unglücklich sind – Über den Mut zur Negativität“.
Waren Sie heute schon unglücklich? Wenn ja, haben Sie dann auch ein schlechtes Gewissen bekommen, weil Unglück ja soviel heißt wie: Man fühlt sich ausgeschlossen, gehört nicht mehr zu einer Welt, die sich ausschließlich ums Glück dreht, die von Glücksformeln und Dopamin redet, die angeblich weiß, dass nur bei positiven Gefühlen unser Gehirn am besten funktioniert und so weiter.
Wilhelm Schmid, Philosoph aus Berlin, ist genervt vom Imperativ: Sei glücklich! Denn dadurch entgeht einem etwas Wichtiges, die Erfahrung der Negativität, der Leere, der Melancholie. Warum auch das zu einem sinnvollen Leben gehört, erklärt Schmid in der SWR2 Aula.
Wilhelm Schmid:
Am Glück, so scheint es, führt kein Weg mehr vorbei. Buch um Buch erscheint zu diesem Thema, jedes mit einer eigenen „Glücksformel“ ausgestattet. Aber brauchen wir wirklich so viel Glück fürs Leben? Könnte es sein, dass Menschen sich unglücklich fühlen, nur weil sie glauben, immer glücklich sein zu müssen? Und dass die Unglücklichen sich jetzt erst recht ausgeschlossen fühlen, wo sich doch alle Welt nur noch ums Glück dreht? Worin besteht denn das Glück, das ihnen entgeht?
Wenn Menschen in moderner Zeit nach Glück suchen, so verstehen sie darunter meist, dass es ihnen gut geht, dass sie gesund sind, sich wohl fühlen, Spaß haben, angenehme Erfahrungen machen, Lüste empfinden, Erfolg haben, kurz: all das erleben, was als „positiv“ gilt. Glück ist der Zustand, der am Maßstab der Annehmlichkeit gemessen wird. Nicht dass dies in irgendeiner Weise verwerflich wäre. Das Problem ist nur: Diese Art von Glück hält nie lange vor. Es hat seine Zeit, es hält glückliche Augenblicke bereit, für die der Einzelne sich offen halten und für die er selbst auch viel tun kann. Diese Augenblicke lassen sich suchen und finden und sie sind so schön, dass sie „verweilen“ sollen. Aber was bleibt, wenn das Glück geht? Es ist die philosophische Lebenskunst, die einen Menschen davor bewahren kann, das gesamte Leben mit einem einzigen Wohlfühlglück zu verwechseln. Beizeiten stellt sie ihn darauf ein, dass es noch andere Zeiten geben wird, dass nicht alles jederzeit lustvoll sein kann.
Die antiken Philosophen, Sokrates, Platon, Aristoteles, Seneca, die alle schon vom Glück sprachen und ihm Dauerhaftigkeit zuschrieben, kannten auch die Schattenseiten. Gerade bei Epikur, dem angeblichen Lustmolch unter den Philosophen, sind interessante Aussagen über Lust und Schmerz zu finden (im Brief an Menoikeus, Abschnitt 129): „Nicht jede Lust wählen wir.“ „Nicht jeden Schmerz meiden wir.“ Glück, so ist damit gemeint, geht nicht darin auf, nur eine Seite des Lebens, nämlich die des Angenehmen, Lustvollen und „Positiven“ anzuerkennen und allein zu betonen. Das größere Glück, das Glück der Fülle, umfasst immer auch die andere Seite, das Unangenehme, Schmerzliche und „Negative“, mit dem zurechtzukommen ist. In anderen Kulturen ist das den Menschen klarer als in einer westlichen Wohlstandsgesellschaft: „Wir haben nicht diese Idee von einem perfekten
Leben, das nicht zerstört werden kann“, sagte die indische Schriftstellerein Arundhati Roy 2011 in einem ZEIT-Interview. Niemand sucht dieses Andere, aber auszuschließen ist es nicht. Im besten Fall lässt es sich mäßigen, und die beste Voraussetzung dafür ist, das Andere des Lebens in seinem Recht auf Existenz grundsätzlich anzuerkennen.
Abhängig ist das umfassendere Glück allein von der geistigen Haltung zum Leben, die ein Mensch im Denken gewinnt und allmählich einübt, ausgehend von der Überlegung. Was ist eigentlich Leben? Was es definitiv ist, lässt sich wohl nicht sagen. Aber eine mögliche Deutung ist, dass Leben sich grundsätzlich in Polarität abspielt, zwischen Gegensätzen und Widersprüchen. Das ist nicht die Behauptung einer objektiven Wahrheit, sondern die Beobachtung einer Regelmäßigkeit, die sich im Lebensvollzug zeigt. Das moderne Welt- und Menschenbild ging davon aus, dass immer alles nur positiv sein kann, aber es ist nun mal so, dass es negative Dinge gibt, die nicht verschwinden, unabhängig davon, wie viele Schönheitsoperationen unternommen, Medikamente erfunden, politische Maßnahmen ergriffen werden. Hartnäckig fordert das Leben seine Polarität ein.
Entscheidend ist die Frage: Ist es mir möglich, die Polarität des Lebens grundsätzlich zu akzeptieren? Kann ich einverstanden sein mit dem gesamten Leben? Erscheint mir das Leben in aller Gegensätzlichkeit dennoch von Grund auf schön und bejahenswert? Dann kann ich mich eingebettet wissen in einen größeren Zusammenhang, in dem das Eine wie das Andere Platz hat. Mit einer Dankbarkeit gegenüber dem Leben und einer Freude, die nicht darauf beruht, nur die positiven Seiten des Lebens wahrhaben zu wollen. Das erfüllte Leben ist dann gleichsam ein Atmen zwischen den Polen des Positiven und Negativen: Mit dem, was gut tut, neuen Atem zu schöpfen, gerade in einer problematischen Zeit, in der das Leben eng wird – und auf einer Höhe des Lebens darauf vorbereitet zu sein, dass es noch andere Zeiten geben wird. Die gesamte Weite der Erfahrungen zwischen Gegensätzen vermittelt erst den Eindruck, wirklich zu leben und das Leben voll und ganz zu spüren.
Das ist eine andere Art von Glück: Es wird bestärkt von allem, was zur Fülle des Lebens beiträgt, geschwächt wird es durch die Einseitigkeit, meist zur Seite des Angenehmen hin, die festzuhalten versucht wird. Dieses Glück ist umfassender und dauerhafter als alles Zufallsglück und Wohlfühlglück, es ist das eigentlich philosophische Glück, nicht abhängig von günstigen oder ungünstigen Zufällen, von den momentanen Schwankungen zwischen Wohlgefühl und Unwohlsein, vielmehr die immer aufs Neue zu findende Balance des Lebens, nicht unbedingt im jeweiligen Augenblick, sondern durch das gesamte Leben hindurch: Nicht nur Gelingen, auch Misslingen; nicht nur Erfolg, auch Misserfolg; nicht nur Lust, auch Schmerz; nicht nur Gesundheit, auch Krankheit; nicht nur Fröhlichsein, auch Traurigsein; nicht nur Zufriedensein, auch Unzufriedensein. Es ist nicht die Bestimmung des Menschen, immer nur zufrieden zu sein, sonst säßen wir noch immer zufrieden auf den Bäumen.
Es ist nicht schlimm, auch mal zufrieden zu sein, aber die Kunst besteht darin, es nicht zu übertreiben, denn der Versuch, in der Entspanntheit zu verharren, wird zum Problem: Zu Veränderungen und Verbesserungen hat dieser Zustand noch nie geführt, ganz im Gegenteil: Zufriedenheit und Selbstzufriedenheit legen alle Entwicklung lahm. Daher ist es problematisch, Menschen auf das Glück der
Zufriedenheit einzuschwören und eine Ideologie, eine Contentologie daraus zu machen. Die Geschichte der Künste und der Wissenschaften zeigt, zu welchen bemerkenswerten Entwicklungen Menschen in der Lage sind, aber viele von denen, die dazu beitrugen, haben nicht aus Zufriedenheit ihre Werke geschaffen und ihre Entdeckungen gemacht. Was wäre gewesen, wenn Entdecker wie Galilei und Einstein nicht immer wieder tief ins Grübeln verfallen wären, Forscherinnen wie Madame Curie nicht ihr Leben aufs Spiel gesetzt hätten? Wäre das Werk Heinrich von Kleists entstanden, wenn ihm auf Erden zu helfen gewesen wäre? Hätte Vincent van Gogh den Pinsel so heftig über die Leinwände geschwungen, wenn er sich und seine Kunst entspannt betrachtet hätte?
Das andere Glück umfasst sogar das Unglücklichsein. Das ist die Paradoxie des Glücks der Fülle: Dass ein Glücklichsein möglich ist, bei dem das Unglücklichsein nicht ausgeschlossen werden muss, sondern mit einbezogen werden kann. Die am meisten verbreitete Form des Unglücklichseins ist das Traurigsein, bedrückt und niedergedrückt, depressiv zu sein. Aber das ist kein pathologischer Zustand, sondern eine Art und Weise des menschlichen Seins, die wesentlich zur Existenz des Menschen gehört. Es gibt das wohlbegründete Traurigsein, wenn Menschen angesichts dessen, was sich jetzt und künftig nicht mehr ändern lässt, traurig werden: Was vergangen ist, lässt sich nicht mehr zurückholen. Dass überhaupt alles vergeht, lässt sich nicht ändern. Diese Vergegenwärtigung der Vergänglichkeit, sei es allgemein oder bezogen auf eine bestimmte Situation, bewirkt eine Erschütterung des Lebens bis in seine Grundbestandteile hinein: Nichts hat Bestand, alles ist vergänglich, brüchig ist der Boden, auf dem wir leben, auf Schritt und Tritt tun sich Abgründe auf.
Und es gibt das scheinbar grundlose Traurigsein, das mit Aussagen verbunden ist wie: „Eigentlich stimmt bei mir alles, ich weiß gar nicht, was mit mir los ist“. Vielleicht geht dieses Traurigsein gerade daraus hervor, dass alles stimmt: Das Leben, das nur noch die Stimmigkeit kennt, verlangt nach dem Gegenpol der Unstimmigkeit. Auch die unentwegte Lebensfreude kann erschöpfend sein und bedarf einer Erholung, wie das Traurigsein sie ermöglicht. Moderne Menschen suchen das Glück vorzugsweise in der „guten Stimmung“ – bei einer „traurigen Verstimmung“ müssen sie sich von dieser lästigen Störung alsbald wieder befreien. Was aber, wenn das Traurigsein nicht mehr vorübergeht, nicht mehr einfach nur eine Reaktion auf Belastungssituationen ist, wie die Wörterbücher des Positivdenkens uns glauben machen wollen? Dass das Leben Höhen und Tiefen kennt, weiß auch der moderne Mensch, aber Geltung haben für ihn eigentlich nur die Höhen, die Tiefen sind des Teufels. Man muss, so der allgemeine Glaube, alles tun, um „aus dem Tief wieder herauszukommen“, wenn nötig, mit Hilfe von Medikamenten, die aber wiederum ungute Folgen haben können.
Ein treffendes Wort für das Traurigsein und Deprimiertsein ist Melancholie, ein Zustand, in dem das Glücklichsein vielleicht wünschbar, aber nicht wirklich möglich erscheint. Melancholie ist die Seinsweise einer Seele, die immerzu schmerzt und sich ängstigt, ohne dass dies in irgendeiner Weise als „pathologisch“ gelten könnte. Sie wird begleitet und möglicherweise auch angeleitet von einem höchst reflektierten Bewusstsein, das um die Ungewissheit all dessen weiß, was den Eindruck von Gewissheit macht, und die Fragwürdigkeit aller Dinge kennt, deren mögliche Grundlosigkeit von Grund auf wohl kaum bestritten werden kann. Melancholie
bewahrt in sich eine Ahnung davon, wie nichtig die menschliche Existenz selbst sein kann, und dass ihr der Boden jederzeit unter den Füßen weggezogen werden kann. Ur-Trauer empfindet der melancholische Mensch über die Entfremdung von einem zeitlosen Ursprung, über die unaufhebbare Kluft zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, über das unmögliche, allenfalls zeitweilige Einssein mit Anderen. Er ist sich der Zweifelhaftigkeit der Zeit, der möglichen Sinnlosigkeit allen Tuns, der potenziellen Bedeutungslosigkeit menschlicher Existenz bewusst. Ein Teil des Glücks ist für den Melancholiker das Bewusstsein der Abgründigkeit, ansonsten sieht er sich in der Gefahr bloßer Oberflächlichkeit. Gerade dieses tragische Bewusstsein entspricht dem Leben womöglich mehr als jede törichte Leugnung von Tragik.
Handelt es sich dabei um eine Depression? Vielleicht um eine „reaktive Depression“ als Folge akuter oder chronischer Belastungssituationen, oder um eine „endogene Depression“, die schicksalhaft aus dem Biologischen herrührt, oder gar um eine „noogene Depression“, die aus einem vermeintlich falschen, negativen Denken hervorgeht und gleichsam als „Sinnlosigkeitsleiden“ zu betrachten ist? Eine Krankheit der „Niedergedrücktheit“, der Depression, gibt es sehr wohl, gekennzeichnet von erstarrten Gefühlen, vom Unwillen und von wirklicher Unfähigkeit zur Reflexion. In einem Gespräch wird das rasch spürbar: Der Betroffene findet aus dem engen Zirkel seiner Gedankenbewegungen nicht mehr heraus und kann sich selbst nicht mehr helfen, oft auch einfachste Tätigkeiten nicht mehr verrichten. Er braucht Menschen, die mit seinem Einverständnis Verantwortung für ihn übernehmen, Angehörige und Freunde, die ihn jetzt nicht verlassen, Therapeuten, die ihn verhaltenstherapeutisch oder tiefenpsychologisch betreuen, und Ärzte, die sich nach den aktuellen Regeln der Kunst um ihn bemühen.
Depressiv zu sein, traurig und melancholisch zu sein, ist demgegenüber von bewegten Gefühlen und Gedanken geprägt, von übergroßer Sensibilität und nicht mehr endender Besinnung und Selbstbesinnung. Es gibt daran nichts zu heilen, eher ist diese Seite des Menschseins zu pflegen. Die Melancholie kann geradezu als eine Lebensphilosophie erscheinen, die das Traurigsein nicht ausschließt, sondern hervorhebt, und es müsste möglich sein, gerade dies zur Grundlage eines schönen und bejahenswerten Lebens zu machen. Melancholiker denken über alles nach, daher sind seit jeher so viele Philosophen und Künstler unter ihnen zu finden. Dass vorzugsweise denkende und kreative Menschen von Melancholie erfasst werden, bemerkte bereits der antike Autor des berühmten Textes Problem XXX,1. In moderner Zeit bestätigen psychologische Untersuchungen (etwa an der Universität Basel, 2011), dass Menschen mit depressiver Verstimmung Denkaufgaben gründlicher angehen und klügere Entscheidungen treffen. Sie sehen länger und genauer hin und lassen sich den Blick nicht von einer rosaroten Brille trüben. Die Gefahr, der sie ausgesetzt sind, ist allerdings, aus den tiefen Abgründen nicht mehr herauszufinden, die sie erleben, und womöglich den Zusammenbruch der eigenen „Identität“ zu erleben und sich selbst fremd zu werden.
In Zeiten der Melancholie kann es dazu kommen, nicht mehr leben zu wollen, Suizidgedanken machen sich breit. Ja, grundsätzlich ist dies eine mögliche Wahl, das Leben zu verlassen, und es handelt sich um eine Selbsttötung, nicht um „Selbstmord“. Zu bedenken wäre allenfalls: Die Freiheit der möglichen Befreiung vom Leben könnte eingeschränkt sein, etwa aufgrund einer perspektivischen Täuschung, die den Blick auf das Leben verzerrt, es mal schwarz färbt, als sei es völlig sinnlos,
wie bei Liebeskummer, und mal rosa, voller Sinn, wie bei Liebeseuphorie. So perspektivisch wie die Erfahrung von Sinn erscheint auch die der Sinnlosigkeit: Darauf eine ultimative Wahl zu gründen, ist möglich, aber nicht ratsam; es birgt den Charakter einer Willkür in sich, über die eine angebliche Ausweglosigkeit nicht hinwegtäuschen kann. Sinnvoll erscheint ein Freitod letztlich nur als Antwort auf eine Unausweichlichkeit, bei unheilbarer Krankheit, bei unerträglichem Terror. Nie nur spontan, nur nach reiflicher Überlegung: Dazu rät die Erfahrung derer, die durch Situationen hindurch gegangen sind, in denen sie den Tod für die einzige Lösung hielten, dies jedoch rückblickend als kurzschlüssig bewerten, froh, die letzte Konsequenz nicht gezogen zu haben. Die Rücksicht auf sich selbst, im selben Maße die Rücksicht auf Andere, die durch den Tod des Selbst in eine üble Lage geraten können, sei es seelisch oder materiell, erscheint als sinnvolles Kriterium für die zu treffende Wahl. Es sei denn, dass gerade dies die Absicht ist, Andere zu verletzen, sie für lange Zeit zu zeichnen, sie zur endlosen Deutung des vollzogenen Todes zu nötigen, denn vor allem dieser Tod treibt eine nicht enden wollende Unruhe hervor. Lag es an mir? Was habe ich falsch gemacht? Habe ich etwas übersehen? Was hätte ich tun können?
Es lässt sich mit guten Argumenten bezweifeln, ob in der äußersten Situation eine wirkliche Wahl getroffen werden kann. Aber entscheidende Fragen lassen sich ebenso gut den Lebenden stellen: Wissen sie wirklich, was sie tun? Haben sie es sich gut überlegt? Haben sie, frei von allen Zwängen, eine bewusste Wahl getroffen, ihr Leben wirklich zu leben? Der Mensch ist nun mal das Lebewesen, das das Leben auch verweigern kann. Ein Zwang zum Leben, eine Verpflichtung, leben zu müssen, ist nicht erkennbar; es handelt sich beim Leben nicht von selbst schon um einen „Wert an sich“. Die Wahl, ihm dennoch einen solchen Wert zuzumessen, ist eine Formgebung der Freiheit vor dem Hintergrund einer möglichen Abwahl des Lebens. Wird diese Wertsetzung nicht vorgenommen, bleibt das Leben unbestimmt, äußerlich, gleichgültig, und wird nicht wirklich angeeignet. Erst in der Auseinandersetzung mit dem Tod gewinnt das Leben Sinn und Wert, sodass es gerade die Frage des Todes ist, die entschieden zum Leben führt. Ist dieses Denken gefährlich? Ist diese Sichtweise selbst nur eine Frage der jeweiligen Perspektive? Aber alle Erfahrung spricht dafür, dass das Leben nie nur das ist, was es aktuell zu sein scheint; dass vielmehr immer noch eine andere Perspektive möglich ist und keine Perspektive die Fülle der Möglichkeiten erschöpfen kann, die nur durch Deutung und Erfahrung immer wieder neu auszuloten sind.
Glück ist, in entscheidenden Momenten Menschen zu kennen, die einem beistehen können, am besten Freunde, aber auch professionelle Helfer, mit denen solche Fragen besprochen werden können. Reden hilft, Schweigen nicht. Es gibt da bemerkenswerte geschlechtliche Unterschiede. Anders als viele Männer sind Frauen am Reden und an anderen Sichtweisen und Möglichkeiten der Deutung interessiert, die sie sich frühzeitig mithilfe von Bildung und Weiterbildung, Kunst und Literatur erarbeiten. Der Büchermarkt und viele kulturelle Veranstaltungen zeigen immer wieder das gleiche Bild: Der deutlich größere Teil des Publikums ist weiblich. Eigenartig, wie die Anteile sich verkehren, wenn Menschen ihr Leben selbst beenden: Die weitaus meisten Selbsttötungen werden von Männern vollzogen. Das legt den Schluss nahe, dass Frauen in schwierigen Lebenssituationen eher aus dem rechtzeitig erworbenen hermeneutischen Potenzial schöpfen können, das ihnen
ermöglicht, Dinge noch anders zu sehen und anders zu deuten, andere Wege zu gehen und so auch aus Sackgassen des Lebens wieder herauszufinden. Männer hingegen neigen eher dazu, auf ihrer Sichtweise und ihren Wahrheiten zu beharren, nicht nur gewagte Behauptungen über die Wirklichkeit aufzustellen, „wie sie ist“, sondern sich auch darin einzuschließen.
Die entscheidende Frage ist die nach der Lebbarkeit des Unglücklichseins, vorausgesetzt, die Lebbarkeit erscheint wünschbar. Sie hängt ab von der Möglichkeit einer Befreundung mit der Melancholie, die sowohl den praktischen Bedürfnissen des Menschen als auch seiner unpraktischen Melancholie Rechnung trägt. Das Quälende, Selbstzerstörerische der Melancholie lässt sich mildern, wenn ein Mensch sich um ein pragmatisches Arrangement für seine Melancholie bemüht. Zeiten des Selbst und Zeiten der Melancholie wären festzulegen: Zeiten des Selbst, in denen die Pragmatik und Gewöhnlichkeit des Alltags Vorrang hat, schon um dem endlosen Grübeln auch mal Pausen zu gewähren. Ansonsten besteht die Gefahr, in der Verzweiflung unterzugehen, sofern ein Mensch sich nicht eben gerade hierfür entschieden hat. Und Zeiten der Melancholie, die nur diesem Zustand gehören, mit Gewohnheiten, in deren Umfeld das Traurigsein eingebettet und gepflegt werden kann. Wenn es möglich ist, das Leben zeitweilig den Gewohnheiten anzuvertrauen, gewinnt ein Mensch den Rahmen, innerhalb dessen es sich besser traurig sein lässt, da er gleichsam mit äußerem Halt seinem inneren Zustand zusehen kann. Er kann sich nun – in der Gewissheit, nicht gänzlich zu fallen – ganz dem Traurigsein überlassen.
Kann man auch vorsätzlich traurig sein? Zweifellos, indem man sich etwa an schmerzliche Erfahrungen wieder erinnert. Schmerzen verlieren sich im Grunde nie, etwa der Schmerz der Trennung von einem geliebten Menschen. Und „Weltschmerz“ kann zu jeder Zeit empfunden werden, Schmerz über die Vergänglichkeit des Lebens und aller Dinge, wenn auch nicht wirklich „der Welt“ selbst. Um das Positive auszubalancieren und das Glück im Maß zu halten, lässt sich das Traurigsein auch vorsätzlich aufrufen, wie es in einem von Marlene Dietrich gesungenen Lied von Friedrich Holländer zum Ausdruck kommt:
Wenn ich mir was wünschen dürfte
möcht‘ ich etwas glücklich sein
denn wenn ich gar zu glücklich wäre
hätt‘ ich Heimweh nach dem Traurigsein.
Um aber ein Übermaß des Traurigseins wieder zu mäßigen, kann ein Mensch sich bemühen, sich und seiner Seele im alltäglich gelebten Leben, wo immer es nur möglich ist, gut zu tun. Bei regelmäßigen Spaziergängen kann er seinen melancholischen Gedanken nachhängen. Beim Hören von Musik können melancholische Gefühle geradezu zelebriert werden. Die Musik hält so viele Stücke kunstvoll komponierten Traurigseins bereit: Ein deutsches Requiem von Johannes Brahms mit seinen unendlich elegischen Chören, die seit den ersten Aufführungen 1868/69 Menschen zu ergreifen vermögen, insbesondere mit dem ersten Satz, der der Trauer über die Vergänglichkeit des Lebens eine einzige, unendlich lange Melodie gibt, und dem erst zuletzt eingefügten fünften, langsamen Satz: „Ihr habt nun Traurigkeit“ nach dem Wort des Johannes-Evangeliums (16, 22). Bestens geeignet ist das romantische Lied, etwa das Lied In stiller Nacht, ebenfalls von Brahms, mit
den Zeilen, „von herbem Leid und Traurigkeit / ist mir das Herz zerflossen“. Oder die Vier letzten Lieder von Richard Strauss, nach Gedichten von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff 1947 entstanden, mit der einsamen und in ihrer lyrischen Traurigkeit doch triumphierenden menschlichen Stimme. Überhaupt die gesamte Musik der Romantik, die sich von Anfang an und vorsätzlich dieser „dunklen“ Seite der Existenz in besonderer Weise angenommen hat.
Verschiedene Künste stehen dem melancholischen Empfinden zu Gebote: Im Tanz kann es Ausdruck finden und eine Beschäftigung mit Werken der Malerei und Dichtung zeigt, wie häufig es in der Geschichte bereits Ausdruck gefunden hat. Sinnvoll ist eine Pflege der Erotik, die mit sinnlichen Reizen (hormonell gesehen: kleinen Schüben an Dopamin und Beta-Endorphin) dafür sorgt, dass die Melancholie ein wenig austariert wird und den Faden des Lebens nicht verliert. Es ist wohl kein Zufall, dass Darstellungen der Melancholie auffällig häufig mit erotischen Attributen ausgestattet sind. Ausgerechnet dann, wenn die Traurigkeit am größten wird, wird der erotische Gedanke, das erotische Empfinden am stärksten; auch das hat schon der antike Autor des Problems XXX,1 beobachtet, der die meisten Melancholiker für „wollüstig“ hielt. Auch auf diese Weise wird die Polarität des Lebens wiederhergestellt: Indem der positive Pol gestärkt wird. Und hilfreich ist die Pflege eines Gartens oder auch nur eines Balkons oder einer Fensterbank, wo etwas wächst, denn das zyklische Werden und Vergehen der Natur repräsentiert eine Form von Zeit, in der ein Melancholiker sich eher beheimatet fühlt als in der rasch vergehenden, linearen Zeit ohne Wiederkehr der modernen Kultur.
Auch das Unglücklichsein wird somit zu einem Bestandteil des Glücks und bestärkt dessen Nachhaltigkeit. Wenn es unter diesen Vorzeichen sogar um so etwas wie Heiterkeit gehen kann, dann in einem durch Melancholie geläuterten Sinne, um zu einer heiteren Gelassenheit zu kommen. Die Gelassenheit kommt vom Lassen, vom Gewährenlassen auch des Abgründigen und Widersprüchlichen, der Angst im Kontrast zum Freisein von ihr, des Schmerzes im Kontrast zur Lust, des Leids im Kontrast zur Freude, des Todes im Kontrast zum Leben. Die Gelassenheit ermöglicht, sich der grundlegenden Tragik von Leben und Welt nicht zu entziehen, darin jedoch auch nicht unterzugehen. Die Heiterkeit ist eine geistige Haltung, die der Fröhlichkeit ebenso viel Bedeutung zumisst wie der Traurigkeit. Sie ermöglicht ein Leben in der Balance, ein „symmetrisches Leben“, wie Demokrit, der Begründer der philosophischen Heiterkeit (euthymía im Griechischen) im 5./4. Jahrhundert v. Chr. dies nannte.
Die Symmetrie, die Ausgeglichenheit und Ausgewogenheit der Gegensätze, lässt sich in aller Regel jedoch nicht synchron, nicht im Moment, sondern eher diachron, durch die Zeit hindurch erreichen. Die Ausschläge der Waage nach der einen oder anderen Seite hin werden mit der Zeit gegeneinander aufgewogen, sodass die Polarität des Lebens zu ihrem Recht kommt. Heitere Gelassenheit ist das Bewusstsein davon, dass in allem, was ist, auch noch etwas anderes möglich ist; dass Höhen und Tiefen sich abwechseln wie Tag und Nacht, wie Ein- und Ausatmen; dass dies der Takt des Lebens ist, das aus der Polarität in allen Dingen seine Spannung bezieht. So kann es zum symmetrischen Leben kommen, dessen Ausdruck Harmonie sein kann, jedoch eine, die voller Spannung ist, bis hin zu einem Glück, das unvereinbare Gegensätze in sich zusammenspannt. Es schließt auch die Kontrasterfahrung der Verzweiflung nicht aus, durch die das Leben immer wieder
hindurch muss. Aber es verhindert die verzweifelte Verzweiflung, die auf Dauer jeden Halt im Leben unterminiert.
Die Bedeutung, die der Melancholie in einer kommenden Zeit zuwächst, kann wie schon in früheren Zeiten darin liegen, reflexive Distanz zu gewinnen und die gefährlichen Selbstverständlichkeiten zu verlieren, in denen Menschen leben, ohne es recht zu bemerken. Die Stärke der Melancholiker ist ihre Sensibilität, ihr Gespür für Sinn und dessen Fehlen; darin besteht ihr Geschenk an die Gesellschaft. Sensibilität ist das einzige menschliche Vermögen, das noch Rettung verspricht. Die Schattenseiten des Glücks sind schon aus diesem Grund nicht sinnlos: Erheblich früher als die Glücklichen bemerken die Unglücklichen eine Gefahr, eine Fehlentwicklung, ein Unrecht und eine Ungerechtigkeit. Eher als bei den Optimisten, von denen nicht wenige den Anblick eines problembeladenen Menschen bereits als Behinderung ihrer positiven Weltsicht empfinden, findet sich Mitgefühl bei den Melancholikern. Schon aus diesem Grund ist es nicht akzeptabel, dass bei all dem Gerede über Glück die Unglücklichen immer mehr ins Abseits gestellt werden. Eher gibt es gute Gründe für eine Ermutigung zum Unglücklichsein.
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