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SWR2 AULA - Prof. Wilhelm Schmid: Mehr als ein Neuronengewitter . Liebe, ein unordentliches Gefühl
Autor und Sprecher: Professor Wilhelm Schmid *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 11. April 2010, 8.30 Uhr, SWR 2

Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

Autor
Von Prof. Wilhelm Schmid
als Gastdozent in Riga/Lettland und Tiflis/Georgien, sowie als „philosophischer
Seelsorger“ an einem Krankenhaus in der Nähe von Zürich/Schweiz.
Homepage: www.lebenskunstphilosophie.de
Jüngste Buchpublikationen:
Glück – Alles, was Sie darüber wissen müssen und warum es nicht das Wichtigste im
Leben ist, Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2007, 8. Auflage 2009.
Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst,
Suhrkamp Verlag, Reihe Bibliothek der Lebenskunst, Frankfurt a. M. 2004,
Taschenbuch 2007.
Im September 2010 erscheint ein neues Buch im Suhrkamp Verlag:
Die Liebe neu erfinden. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen.


INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Mehr als Neuronengewitter – das Phänomen der Liebe“.
Liebe hat mit Biochemie zu tun, mit Hormonen und Neurotransmittern, klar, aber sie
ist viel mehr: Sie gibt unserem Leben Sinn, sie öffnet uns neue Erfahrungsräume, sie
kann enttäuschend, aber auch äußerst befruchtend und befreiend sein, sie lässt uns
die Welt und die Menschen im neuen Licht erscheinen, kurz: Die Liebe ist ein
Universalprinzip.
Darum geht es heute in der SWR2 Aula. Wilhelm Schmid, Deutschlands wohl
bekanntester Philosoph in Sachen Lebenskunst, nähert sich dem Phänomen Liebe.
Er beginnt mit dem Prinzip des Zufalls, das ist ganz wichtig für die Liebe. Zwei
Menschen begegnen sich zufällig, und dann verlieben sie sich ineinander.
Wilhelm Schmid:
Nicht zu allen Zeiten haben Menschen mit der Beziehung der Liebe einen Anspruch
auf Glück verbunden. Die Befreiung von überkommenen religiösen, traditionellen und
konventionellen Auffassungen, die Liebe diene der Fortpflanzung und dem
Überleben der Sippe, machte jedoch eine neue Sinngebung erforderlich, und das
Glück konnte die Leerstelle besetzen. Es ist keine zwingende, aber eine mögliche
Sinngebung. Wer sich in moderner Zeit nach Liebe sehnt, wünscht sich daher oft
nichts sehnlicher als „einfach nur glücklich zu sein“. Glücklicherweise muss am Glück
niemand Mangel leiden, der Singular lässt jedoch nicht auf Anhieb erkennen, dass es
in Wahrheit um mehrere Glücke geht: Jede Liebe ist zunächst angewiesen auf das
Zufallsglück, das zufälligerweise in diesem Moment jemanden an diesem Ort sein
lässt, zufälligerweise einen Anderen auch, so dass zwischen beiden ein Funke
überspringen kann. Aufgrund günstiger Zufälle finden sich „die Richtigen“, aufgrund
ungünstiger können sie sich auch verfehlen, ohne jemals voneinander zu wissen,
oder es finden sich „die Falschen“, wobei meist nur einer, meist der Andere, der
Falsche ist. Tückischerweise steht nicht von vornherein fest, wer falsch, wer richtig
ist: Erst die Erfahrung ermöglicht die Bewertung, die sich im Laufe der Zeit noch
mehrmals ändern kann, so dass der Richtige irgendwann als der Falsche, der
Falsche dann wieder als der Richtige erscheint.
Zufälle, erst recht günstige, können nicht produziert, nur provoziert werden.
Ausschlaggebend dafür ist die Haltung gegenüber Zufällen überhaupt: Sich ihnen zu
öffnen oder vor ihnen zu verschließen. Sich zu verschließen erfordert, sich in die
eigenen vier Wände zurückzuziehen, um überraschende Begegnungen zu
verhindern, ferner den attraktiven Möglichkeiten, die sich bei unvermeidlichen
Aufenthalten draußen auftun, nicht zu folgen, und auch das Fenster zur Welt, das
das Internet darstellt, verschlossen zu halten, um jede Provokation des Zufalls zu
unterlassen, insbesondere dann, wenn die eigene Wirklichkeit schon von einer
Beziehung besetzt sein sollte, denn entgegen einer verbreiteten Auffassung ist
niemand dazu verpflichtet, Zusatzbeziehungen einzugehen, nur weil die Gelegenheit
dafür günstig erscheint. Sich zu öffnen aber geht mit der Bereitschaft einher, Zufälle
willkommen zu heißen, sich von ihnen in Versuchung führen zu lassen und sie selbst
in Versuchung zu führen. Versuchung heißt, einen Versuch zu machen oder mit sich
machen zu lassen, um auszuprobieren, was möglich ist und was nicht, in der
Hoffnung auf einen günstigen Ausgang. Die Wahrscheinlichkeit, dass von
irgendwoher etwas zufällt, wird deutlich größer, wenn ein Mensch Anderen in
irgendeiner Form mitteilt, dass er zu Begegnungen und Erfahrungen bereit ist; das
Internet verdankt seinen Erfolg zu einem nicht geringen Teil den vielfältigen
Möglichkeiten hierzu. Sollte aber das Zufallsglück tatsächlich günstig ausfallen, heißt
das keineswegs, dass dies auch so bleibt: Der günstige Zufall verbessert nur die
Bedingungen für eine Beziehung, verschlechtert aber allzu häufig die Bereitschaft zur
Arbeit an ihr, da das Glück doch „schon da ist“. Wenn es kein Bewusstsein dafür gibt,
dass ein gemeinsames Leben nicht von selbst schon gut gekonnt wird, geht es allzu
rasch wieder verloren.
Ein Zufallsglück steht wohl am Anfang jeder Liebe. Aber kann es wirklich Zufall
gewesen sein? War es nicht zwingende Notwendigkeit, schicksalhafte Fügung, weise
Vorsehung einer unbekannten Macht? Gibt es überhaupt Zufälle? Die Beteiligten
neigen dazu, mit religiösem Glauben, säkularer Wissenschaft, naiver oder
professioneller Astrologie eine Antwort darauf zu finden, um die Zwangsläufigkeit der
Begegnung sicherzustellen, der sie nicht entkommen konnten und die ihrer
Beziehung Sinn verleiht, denn Notwendigkeit und Zielgerichtetheit verbürgen in den
Augen vieler einen stärkeren Zusammenhang als der blanke Zufall. Im Nachhinein
werden Gründe konstruiert, aus subjektiver Sicht rekonstruiert, die den kausalen,
unaufhaltsamen Hergang der Begegnung verdeutlichen, damit keine Grundlosigkeit
die Gemeinsamkeit untergraben kann. Entscheidend dafür ist nicht die Wahrheit,
sondern die Beziehungswahrheit, die gemeinsame Überzeugung, mit der sich gut
leben lässt. Sie beruht auf einer Deutung, die sich im Laufe der Beziehung noch
mehrmals verändern kann, bis die unwiderrufliche Notwendigkeit des Anfangs
eventuell noch von der Deutung einer anfänglichen, verhängnisvollen Täuschung
abgelöst wird, die letztlich das Ende der Beziehung besiegelt. Im Grunde aber bleibt
es geheimnisvoll, was den Kern der Begegnung zwischen zweien ausmacht: Warum
sie aufeinander trafen und warum gerade sie zusammenkamen, ob es ein glücklicher
Zufall oder ein dummes Missverständnis war. Die Gegensätze, die sich vielleicht von
Anfang an zwischen ihnen abzeichneten, verdeckt am besten der Schleier einer
bindenden, verbindenden Erotik; das darunter liegende Geheimnis unbedingt lüften
zu wollen, macht alles zunichte; alte Mythen und jüngere Nacherzählungen wie „Das
verschleierte Bild zu Saïs“ (1795) von Friedrich Schiller erzählen davon.
Haben zwei sich aber glücklich gefunden, ist mit dem Glück in der Liebe zweifellos
auch das Wohlfühlglück gemeint. Die guten Gefühle, die die Beziehung mit sich
bringt, der Spaß, den die Liebenden miteinander haben können, die Sinnlichkeit, die
sie gemeinsam genießen, das Verständnis und die Geborgenheit, die sie beieinander
finden: All dies vorsätzlich zu suchen, gehört zur Arbeit am Glück in der Liebe, denn
anders als das Zufallsglück kann das Wohlfühlglück nicht nur provoziert, sondern
auch produziert werden. Mit immer neuen Experimenten und wachsender Erfahrung
können die Liebenden wissen, wie und womit sie sich wechselseitig gut tun können:
ein köstliches Mahl, ein wundervoller Abend, ein langes Gespräch, eine
hingebungsvolle Zärtlichkeit, eine leidenschaftliche Nacht, denn vor allem guter Sex
macht Menschen glücklich. Ein glückliches Leben zu zweit ist ein Leben im Vollbesitz
der Kräfte und Säfte, die dem Menschsein gut tun. Hier ist sie am ehesten zu finden,
die Liebe à la folie, mit euphorischen Zuständen und körpereigener Chemie, die
„Glückshormone“ wie Serotonin und Dopamin, „Bindungshormone“ wie Prolaktin und
Oxytocin, auch „Endorphine“ ausschüttet, körpereigene Drogen, die allerdings
ähnliche Konsequenzen nach sich ziehen können wie körperfremde: Zu häufiger
Gebrauch mindert die Wirkung, so dass die Dosis gesteigert werden muss; zu große
Regelmäßigkeit befördert die Abhängigkeit, die ungute Folgen für die Beziehung
haben kann.
Das Bewusstsein, dass es sich jeweils um Glücksmomente handelt, flüchtig oder
auch länger anhaltend, macht jeden einzelnen kostbar und intensiviert seine
Erfahrung, und ergiebiger noch als der Moment selbst ist die Vorfreude darauf und
die Erinnerung daran. Schöne Erlebnisse jedoch ständig weiter „toppen“ zu wollen,
läuft auf Ermüdung und Erschöpfung hinaus; sie stets in gleicher Weise wieder
haben zu wollen, ist vergeblich, denn identische Wiederholungen gibt es nicht; und
auf allzu hohe Erwartungen an das Wohlgefühl in einer Beziehung folgen eher tiefe
Enttäuschungen. Gemeinsame Erlebnisse, gemeinsam bewältigte
Herausforderungen, gemeinsam genossene Lüste sind schöne Augenblicke, selige
Erfahrungen, und es kommt darauf an, sich ihrer zu erfreuen, wo immer es nur
möglich ist, aber nicht böse zu sein darüber, dass sie selbst dann, wenn sie länger
vorhalten, auch wieder vergehen müssen, bevor sie auf andere Weise wiederkehren
können: Logik der Liebe.
Kann die Liebe nicht immer voller Lust und Wohlgefühl sein? Nichts liegt näher als
dieser Wunsch, aber das Leben kann ihn nicht erfüllen. Der gottgleiche Status der
Allgegenwart und Unsterblichkeit, der den Lüsten und guten Gefühlen in moderner
Zeit zugeschrieben worden ist, kommt ihnen nicht zu. „Alle Lust will Ewigkeit“, meinte
Nietzsche (Also sprach Zarathustra, IV, „Das Nachtwandler-Lied“), aber genau die
bekommt sie nie. Daher wäre Sorge dafür zu tragen, keine reine Wohlfühlliebe
realisieren zu wollen: Auch Wohlgefühl und Lüste müssen atmen können und
bedürfen der Pausen, in denen sie die Kräfte regenerieren, die sie verschwenden.
Vor allem die Zeiten des Verliebtseins und der Leidenschaft erweisen sich als
Amaretto-Glück, herrlich süß, aber bald schon allzu süßlich. Lüste zu genießen ist
unverzichtbar, um negative Erfahrungen mit positiven auszugleichen, aber das Glück
der Liebe in süßen Lüsten allein zu suchen, ist der sicherste Weg, unglücklich zu
werden. Statt in die Wohlfühlfalle zu tappen und in Wellnessstress zu geraten,
erscheint es sinnvoller, darauf vorbereitet zu sein, dass nicht jederzeit alles wohlig
ist, dass es immer noch andere Zeiten gibt und auch Liebe nicht stets in gleicher
Intensität zur Verfügung stehen kann: Sie schwillt an und zieht sich wieder zurück,
erklimmt eine Höhe und muss wieder durch die Mühen der Ebene hindurch. Anders
als viele glauben wollen, kommt es für das Wohlfühlglück nicht auf die Maximierung,
sondern die Optimierung der Lüste an, und das fragliche Optimum bewegt sich
immer zwischen Minimum und Maximum, Zuwenig und Zuviel; es ist kein Maß, das
feststünde und immer dasselbe bliebe, sondern ein atmendes Maß, selten bei
zweien dasselbe und auch beim Einzelnen selbst je nach Tagesform immer ein
anderes. Das jeweils richtige Maß zu treffen bedarf des Gespürs, das mit Erfahrung
und Besinnung wächst.
Soll die Liebe eine Nacht und eine Weile des Verliebtseins überstehen, kommt ein
drittes Glück in Betracht, das anders als das Wohlfühlglück von Dauer sein kann:
Das Glück der Fülle umfasst die gesamte Fülle der Erfahrungen, positive wie
negative; abhängig ist es allein von der geistigen Haltung, die der Einzelne selbst im
Denken gewinnt und einübt, ausgehend von der Frage: Was ist charakteristisch für
das Leben und die Liebe? Ist es nicht die Polarität, die sich in allem zeigt? Ist es mir
möglich, sie grundsätzlich zu akzeptieren, wenn auch nicht in jeder ihrer
Erscheinungsformen? Erscheint mir das Leben, die Beziehung in aller Polarität
dennoch schön und bejahenswert? Kann ich außer mit dem Positiven auch mit dem
Negativen in mir selbst und im Anderen, in meinem und seinem Leben sowie in der
Beziehung zu ihm leben? Dann ist ein atmendes Glück möglich, bei dem ich nicht
mehr verkrampft an tollen Momenten festhalten muss, die nicht vergehen dürfen,
sondern auch die anderen Seiten des Lebens akzeptieren kann. Negativ ist der
Ärger, die Enttäuschung, die Verletzung, das Unglücklichsein, das die Beziehung
nicht dominieren soll, aber auch nicht eliminiert werden kann. Die Fixierung auf das
Positive kann es nicht zum Verschwinden bringen, ganz im Gegenteil: Die
Gewöhnung an die Lust steigert im Gegenzug die Schmerzempfindlichkeit. Inmitten
der Verliebtheit verweist die erste Erfahrung von Gegensätzen schon auf die
gesamte Fülle, die charakteristisch für die Liebe ist, und gerade dann handelt es sich
wohl um wahre Liebe, wenn die gegensätzlichen Seiten in ihr akzeptiert werden
können, die Höhen der Euphorie ebenso wie die Tiefen der Enttäuschung, die
angenehme Wohligkeit ebenso wie die schmerzlichen Verletzungen, die nicht zu
vermeiden sind und deren Hinnahme ein Element der liebenden Hingabe sein kann.
Viele suchen angesichts der Schwierigkeiten das Weite, um bei nächster
Gelegenheit doch wieder damit konfrontiert zu sein. Die atmende Liebe aber bemüht
sich um Toleranz für die gegensätzlichen Phasen und für die Phasenverschiebungen
zwischen den Liebenden. Der Sinn des Negativen kann darin liegen, im Kontrast
dazu das Positive stärker hervortreten zu lassen: Ausgerechnet der Ärger kann die
Freude, der Schmerz die Lust intensivieren. Hilfreich wäre, die Abfolge der Phasen in
einer Beziehung als ähnlich sinnvoll wahrzunehmen wie die Abfolge von
Saunagängen: Durch schweißtreibende Hitzen müssen die Liebenden hindurch und
immer wieder ins kalte Wasser springen, bevor sich ein nachhaltiges Wohlgefühl
einstellt. Und selbst die Zufriedenheit, die darauf folgt, kann nicht von Dauer sein,
und auch das hat Sinn, denn die Gefahr wäre groß, im ewigen Frieden, den zwei
miteinander machen, die Beziehung einzuschläfern. Eine Liebesbeziehung lebt nicht
nur von der Zufriedenheit, sondern auch von der gelegentlichen Unzufriedenheit, die
Anlass gibt, die Beziehung neu zu überdenken und fällige Veränderungen
anzugehen. Letztlich ist eine Beziehung keine Wellnessveranstaltung, sondern eine
immer neue Herausforderung; gefährdet ist sie gerade dann, wenn sie Wohlgefühl
und Zufriedenheit auf Dauer stellen will.
Eine unerfüllte Liebe bleibt angesichts dessen nicht nur die einseitige Liebe, sondern
auch die Liebe, die einseitig nur „das Positive“ zu realisieren versucht und an
anderen Seiten und Zeiten scheitert. Aber auf den Exzess des Wohlgefühls, auf die
Euphorie des Glücks folgen nun mal unweigerlich die Momente „danach“, die Zeiten
„dazwischen“, die „Auszeiten“ des Alltags, der Indifferenz, der schlechten Laune, aus
deren Sicht die Lust nur als Ausnahmeerfahrung erscheint; Zeiten auch der
Enttäuschung, in denen klar wird, dass der Andere (wie das Selbst) noch andere
Seiten in sich birgt als diejenigen, die das Wohlgefühl befeuern. Je heftiger die
Verausgabung zu zweit war, desto intensiver fällt das Bedürfnis des Einzelnen aus,
sich wieder auf sich zu besinnen, auch wenn das bange Fragen des Anderen
hervorruft: „Was ist los mit dir?“ Die Liebenden leben sich auseinander in diesen
Zeiten, und wenn sie die Erfahrung nicht schon verschiedene Male hinter sich
gebracht haben und gelassen darauf antworten können, bleibt es auch dabei.
Ungern werden die gegensätzlichen Erfahrungen dem Liebesglück zugerechnet,
eher stellen sie die Liebe in Frage; ein Problem insbesondere der romantischen
Liebe.
Eine erfüllte Liebe hingegen wird möglich, wenn mit dem Anderen die Fülle des
Lebens in aller Polarität und auf allen Ebenen des Menschseins gelebt werden kann:
Mit Sinnlichkeit und ihrem gelegentlichen Ausbleiben, mit guten und weniger guten
Gefühlen, mit reichem Gedankenaustausch und Auseinandersetzungen mit Worten,
die einem hinterher leid tun. Erfüllend ist die Fülle der gemeinsamen Geschichte
durch die verschiedensten Erfahrungen hindurch, die gemeinsame Entwicklung und
Reifung in der Bewältigung von Schwierigkeiten. Erfüllend wirkt das Bewusstsein
epochaler Verbundenheit über den Genuss des episodischen Wohlfühlglücks hinaus,
und je länger zwei gemeinsam durchs Lebens gehen, desto intensiver erfahren sie
dieses Glück und durchbrechen das scheinbare Naturgesetz, dass die Liebe mit den
Jahren schwinden muss: In Wahrheit kann sie mit den Jahren wachsen. Die Fülle
wird größer, wenn in schwierigen Zeiten neue Aspekte im eigenen Selbst und im
Anderen zum Vorschein kommen, willentlich oder notgedrungen die
unterschiedlichsten Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten sind, aber auch die
missliche Tatsache integriert werden kann, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung
gehen können. Fülle ergibt sich, wenn es möglich ist, den Anderen zu bejahen, wenn
auch nicht an jedem Tag, und sich von ihm grundsätzlich bejaht zu fühlen, durch alle
Irritationen hindurch. Erfüllt fühlen sich die Liebenden, wenn keine Lücke, keine
Leere in ihnen bleibt, vielmehr sehr viel, wenn nicht alles an ihnen in der Beziehung
ausgelebt und ausgeschöpft werden kann. Das Glück der Fülle resultiert letztlich
daraus, zum Erfülltsein des Anderen beizutragen: „Ich bin glücklich, wenn du
glücklich bist.“
Der umfassenden Erfahrung von Fülle entspricht jedoch das Ausmaß an
empfundener Leere, wenn die Liebe entbehrt werden muss. Das Unglücklichsein in
der Liebe kann Bestandteil des Glücks der Fülle sein, wenn es zeitweilig vorkommt,
und vielleicht sogar dann, wenn der Zustand anhält, vorausgesetzt, dass er nicht
dazu führt, „todunglücklich“ zu sein. Gründe fürs Unglücklichsein sind nicht nur
Verletzungen und Enttäuschungen, sondern auch Grenzen des Glücks, der Liebe
und des Lebens, die zu Bewusstsein kommen. Das kann auch ohne Anlass, „einfach
nur so“ geschehen, ein scheinbar grundloses Traurigsein, vielleicht weil nach einer
Zeit positiver Erfahrungen der Gegenpol wieder einmal touchiert werden muss. Das
Menschsein geht nicht auf im Glücklichsein, ein Mensch kann daher in der
glücklichsten Beziehung ein Bedürfnis nach dem Unglücklichsein verspüren, aus
Gründen des Kontrastes oder um die Bodenhaftung nicht zu verlieren, die jedenfalls
beim Wohlfühlglück irgendwann schwindet: Je länger das Gefühl schwebender
Leichtigkeit anhält, desto mehr macht sich eine Sehnsucht nach der Wiederkehr der
Schwerkraft bemerkbar und Melancholie stellt sich ein, eine Möglichkeit, die zum
Menschsein gehört und mit einem Niedergedrücktsein die Schwere wieder erfahrbar
macht. Nicht jede Melancholie ist das Anzeichen einer Krankheit namens
Depression, bei der ein Mensch kaum noch die Kraft zu einem Gefühl oder
Gedanken aufbringt und medizinischer und therapeutischer Betreuung bedarf. In der
Melancholie hingegen sind die Gefühle und Gedanken eines Menschen überaus
bewegt, in Gesprächen mit ihm kommt eine abgründige Tiefe des Denkens und
Fühlens zum Vorschein, die das an der Oberfläche gelebte alltägliche Leben
konterkariert. Erst dann, wenn unklar ist, ob und wann die Melancholie endet, stellt
sich die Frage: Kann ich ein Leben mit ihr einrichten, mit welcher Anstrengung? Ist
auch der Andere dazu bereit? Und was, wenn nicht?
Alle Glücke der Liebe kennt Giacomo Casanova, sie begleiten seine amouröse
Existenz, die endlose Serie seiner Amouren, die er der singulären Liebe vorzieht.
Blickt er zurück auf die extremen Gegensätze des Lebens und der Liebe, die er
durchlebt hat, wird ihm das Glück der Fülle zuteil, das alle positiven und negativen
Erfahrungen umschließt (Lydia Flem, Casanova oder Die Einübung ins Glück, 1995).
Dieses Glück wird, bei aller Wehmut über die Vergänglichkeit, grundiert von einer
Heiterkeit, die keine bloße Fröhlichkeit ist, sondern ein basso continuo der
Verbundenheit mit dem gesamten Leben. Eine Gelassenheit geht daraus hervor, die
vom Lassen ihren Namen hat: Etwas lassen zu können statt es haben zu müssen;
vieles geschehen, wachsen und vergehen zu lassen statt darüber bestimmen zu
wollen, manches Anderen zu überlassen und sich von ihnen prägen zu lassen.
Die heitere Gelassenheit ist ein stilles Glück, das nicht vieler Worte bedarf; im Humor
der wahrhaft Liebenden kommt es am besten zum Ausdruck: Kann es eine
Beziehung ohne Humor, eine humorlose Liebe überhaupt geben? Im Humor scheint
eine dauerhafte Freude auf, die von leidvollen Erfahrungen nicht in Frage gestellt
wird; anders als der Spaß, der zwar gesucht und gefunden werden kann, aber auch
grundlos ausbleibt, ist die Freude von Launen weniger abhängig. Aber niemand
sollte von der Heiterkeit des Humors auf die Abwesenheit von Gegensätzen und
Widersprüchen in humorvollen Menschen und ihrem Leben schließen: Der Humor
überbrückt sie vielmehr, und je heiterer der Humor, desto tiefer die Gegensätze und
Widersprüche, mit denen er zu tun hat. Auf dem Humus des Humors kann vieles
gedeihen, und von diesem Boden aus wird auch der distanzierte Blick möglich, der
das Gemeinsame bei aller Gegensätzlichkeit wieder sieht. Humor ist human,
humorvollen Menschen liegt die Nachsicht nahe, sie werfen sich und Anderen, dem
Leben, der Welt und Gott nicht unentwegt die allgegenwärtigen Gegensätze und
Widersprüche vor. Und doch kann auch Humor die Polarität des Lebens für sich
selbst nicht aufheben: Humorlose, freudlose Zeiten gilt es weiterhin zu bewältigen.
Anhaltende Humorlosigkeit scheint im Gegensatz dazu die extremen Formen der
Liebe zu befallen, die Übersteigerung zur todernsten Leidenschaft ebenso wie die
Entleerung zur bloßen Parallelexistenz zweier Menschen.
Das mehrfache Glück der Liebe mündet schließlich in die Erfahrung der Fülle des
Sinns. Das Leben mag angefüllt und zugemüllt sein mit sinnlosen Dingen, erfüllt und
ausgefüllt aber kann es nur mit Sinn sein, mit all dem, was der jeweilige Mensch als
sinnvoll erfährt, und wo Sinn ist, da ist auch Glück. Indem die Liebe
Zusammenhänge findet und erfindet, wird sie in der Epoche der Frage nach Sinn zur
großen Sinnstifterin, die das bedrohliche Schwinden von Zusammenhängen im
Leben überwinden kann. Liebe ist nicht die einzig mögliche Methode der
Sinngebung, aber eine der wirkungsvollsten; aufgrund der vielfältigen
Zusammenhänge, die sie ermöglicht und bekräftigt, verdichtet sie sich für viele zum
Sinn des Lebens, bei ihrem Scheitern allerdings zu einer Sinnlosigkeit, die das ganze
Leben in Frage stellt. Auf mehreren Ebenen können die Liebenden dieses Potenzial
an Sinn füreinander erschließen, und es sind dieselben Ebenen, die bereits Diotima
in Platons Symposion anspricht, verbunden mit einer Abwertung oder
Hochschätzung einzelner Ebenen, die hier nicht mitvollzogen werden muss.
Die körperliche Ebene der Liebe hat wesentlich mit Sexualität zu tun, also mit allem,
was sich rund ums Geschlecht (sexus im Lateinischen) abspielt, davon ausgeht und
darauf zuläuft. Eine eigenartige Spannung gewinnen Gedanken, Gefühle,
Handlungen, allein oder mit Anderen, sobald sie in irgendeiner Weise das
Geschlecht tangieren. Auf dem Weg der Erfahrung sind die eigenen sexuellen
Wünsche und Bedürfnisse und die des Anderen, die möglichen und wirklichen
Probleme, die damit einhergehen können, kennen zu lernen und mit immer neuer
Besinnung zu überdenken, um eine sexuelle Lebenskunst, eine bewusste
Lebensführung in geschlechtlichen Dingen zu entwickeln. Nach der sexuellen
Aufklärung und Befreiung geht es auch in diesem Lebensbereich darum, der
erlangten Freiheit lebbare Formen zu geben. Die Lebenskunst trägt jedoch Sorge
dafür, nicht nur die sexuelle Seite des Menschseins zu entfalten, sondern auch an
einem Können für das gesamte Leben zu arbeiten, das nicht nur mit Sex, sondern
auch mit Alltagsbewältigung, nicht nur mit Lust, auch mit Schmerz, nicht nur mit
Freude, auch mit Leid, nicht nur mit Leben, auch mit Tod zu tun hat. Vor dem
erweiterten Horizont kann es eher gelingen, eine individuelle Antwort auf die Frage
zu finden, welche Bedeutung Sex fürs Leben haben soll, und an einer eigenen
sexuellen Kunst zu arbeiten, die es ermöglicht, buchstäblich Liebe zu machen, wie
dies auch in anderen Kulturen zum Begriff geworden ist: to make love, faire l’amour,
fare l’amore. Zweifellos gehört die Fähigkeit zur sexuellen Lust zu den natürlichen
Anlagen des Menschen, aber sie bedarf der kulturellen und individuellen Ausbildung,
um ihr in den verschiedensten Lebensphasen möglichst gekonnt nachgehen zu
können. Angebote der Sexualpädagogik, der sexuellen Bildung und Weiterbildung
stehen zur Verfügung, um sich Wissen darüber anzueignen und Anregungen
aufzugreifen, bezogen auf das jeweilige Lebensalter.
Wo dann Gefühle ins Spiel kommen, geht es um mehr als eine Nacht, und sie
können, unabhängig von der körperlichen Ebene der Liebe, auch eine Welt für sich
bilden. Fühlen ist eine Möglichkeit, den unfassbaren Reichtum der Seele
wahrzunehmen, und in der Beziehung der Liebe wird dieser Reichtum in noch ganz
anderem Maße fühlbar als in jeder anderen Beziehung. Geht es körperlich darum,
Liebe zu machen, so auf der seelischen Ebene darum, Liebe zu fühlen, deren
Energie in anregenden, aufregenden, erregenden Gefühlen zum Ausdruck kommt.
Gefühle befeuern die Liebe, aus ihrer Spannweite beziehen Leben und Liebe einen
Gutteil ihrer Spannung; aufgrund des hellen Aufloderns der Energie, welcher Art
auch immer, sind gefühlsintensive Zeiten die roten Stunden der Beziehung. Wer eine
reichhaltige Bewegung im Seelenraum wünscht, ist mit einer Beziehung der Liebe
auf der sicheren Seite. Auch Sinn kann nun aus gefühlten Zusammenhängen
erschlossen werden, und endlich wird deutlich, warum Menschen überhaupt nach Sinn
suchen: Weil in Zusammenhängen Energie fließt, und in Nicht-Zusammenhängen nicht.
Mit Gefühlen der Zuwendung und Zuneigung stellt einer dem Anderen Energie zur
Verfügung und will umgekehrt an der Energie des Anderen teilhaben, um in den
Gefühlen, die ihm entgegengebracht werden, selbst neu aufzuleben. Menschen
können gesunden in Beziehungen, in denen Energie fließt, und sie können
erkranken, wenn die Energie blockiert wird. Freudige Gefühle, Fröhlichkeit und
Unbekümmertheit setzen Energien frei, verletzende und verletzliche Gefühle,
Traurigkeit und Bitterkeit setzen sie wieder fest. Aber Gefühle können nie nur
romantische sein, die als „positiv“ bewertet werden, immer sind da auch
unromantische, die als „negativ“ gelten.
Eine dritte Ebene der Liebe ist die geistige: So wie es im Körperlichen darum geht,
Liebe zu machen, im Seelischen, sie zu fühlen, so im Geistigen darum, Liebe zu
denken und zu deuten, abhängig von der natürlichen Veranlagung, der kulturellen
Prägung und den eigenen Ideen des Einzelnen. Diese Ebene ist kein Muss, sondern
eine Möglichkeit, von der die Liebenden Gebrauch machen können, sofern sie ihr
Bedeutung zuerkennen; wenn sie sich den Aufwand an Zeit und Kraft dafür sparen
wollen, ist diese Ebene auch verzichtbar. Sollte das nur einer so sehen, der Andere
aber anders, ist eine grundlegende Wahl für oder gegen die Beziehung zu treffen.
Die Ebene der geistigen Zuwendung und Zuneigung kann besonders betont werden
und sich selbst genügen, oder sie kann mit den anderen Ebenen vermengt werden.
An den Anderen zu denken, ihn in Gedanken zu umfangen und bei sich zu wissen:
Der intensive Austausch zwischen den Liebenden auf gedanklicher Ebene bietet die
Möglichkeit, gemeinsam zu denken, für den Anderen mitzudenken, auch gegen ihn
anzudenken und ihn auf jede Weise gedanklich zu berühren. Wird dieser Ebene
Bedeutung zuerkannt, kann die Beziehung selbst reflektiert, interpretiert und immer
wieder neu orientiert werden, vor allem dann, wenn Ratlosigkeit, Enttäuschung und
Verzweiflung überhand nehmen und sich die Frage von selbst stellt: Gibt es noch
etwas Anderes als die Forderungen des Körpers und seiner Sinnlichkeit, als das
Durcheinander der Seele und ihrer Gefühle? Die geistige Ebene wird zur Meta-
Ebene der Liebe, die mit der Distanz zur unmittelbaren Erfahrung im Körperlichen
und Seelischen den Fragen Raum gibt: Was geschieht mit uns? Wollen wir wirklich
dorthin, wohin äußere Notwendigkeit und innere Bedürfnisse uns treiben?
Und in seltenen Momenten wird zwischen zweien eine Dimension „darüberhinaus“
spürbar. Es handelt sich um ein Überschreiten (transcendere im Lateinischen) des
Gewöhnlichen, das hat der ungewöhnlichen Erfahrung der Transzendenz den
Namen gegeben, bei der alle begrenzte, endliche Wirklichkeit zurückbleibt. Wie diese
andere Ebene genau beschrieben werden könnte, ist nicht klar, denn jede Festigkeit,
die begrifflich zu fassen wäre, zerfließt bei der Empfindung reinen Seins in einem
Meer von Energie, in dem die Ichs sich aufzulösen scheinen. Auf der transzendenten
Ebene besteht die Liebe darin, nur noch Liebe zu sein, und sie geht mit dem
Gedanken und dem Gefühl einher, Höhen und Tiefen des Menschseins jetzt erst
wirklich auszuschöpfen. Diese Erfahrung ist unverfügbar, sie kann nicht „gemacht“
werden, sondern ergibt sich von selbst oder bleibt aus; nur die Bedingungen ihrer
Möglichkeit lassen sich wieder und wieder bereitstellen. Es ist unerheblich, ob die
Erfahrung der Transzendenz nur eine Einbildung ist, erheblich ist allein, welche
Auswirkung sie auf die Liebenden und ihre Beziehung hat: Sich nicht mehr in das
individuelle Dasein, an das die Einzelselbste gebunden sind, eingeschlossen zu
fühlen, sondern ein umfassendes Sein wahrzunehmen, in das die Selbste
eingebettet sind. Das Denken und Fühlen einer großen Geborgenheit entsteht auf
diese Weise: Das ist wohl die Vollendung des Glücks in der Liebe.
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