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<< SWR2 Aula Professor Wilhelm Schmid: Gehe über Los und ziehe 4000 Euro ein! Die Liebe zum Geld >>


SWR2 AULA – Manuskriptdienst
Gehe über Los und ziehe 4000 Euro ein!
Die Liebe zum Geld
Autor: Professor Wilhelm Schmid *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 4. März 2012, 8.30 Uhr, SWR 2
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Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.


* Zum Autor:
Wilhelm Schmid, geb. 1953, lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie
als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Homepage:
www.lebenskunstphilosophie.de
Jüngste Buchpublikation:
Liebe – Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt, Insel Verlag, Berlin
2011.
Die Liebe neu erfinden. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen, Suhrkamp
Verlag, Berlin 2010.
Glück – Alles, was Sie darüber wissen müssen und warum es nicht das Wichtigste im
Leben ist, Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007.
Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst,
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, Taschenbuch 2007.

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INHALT

Ansage:
„Gehe über Los und ziehe 4000 Euro ein!“, unter diesem Titel geht es heute um das
Thema: „Die Liebe zum Geld“.
Geld regiert die Welt, Geld bestimmt das Miteinander, die Ökonomie, Geld ist überall
und mächtig. Manche Kulturkritiker vergleichen Geld mit einer verweltlichten Religion,
die sich bestens mit dem Kapitalismus verträgt. Doch was hat Geld mit Geist und
Kultur zu tun? Was macht es mit uns? Macht es uns friedfertiger oder aggressiver,
macht es uns zu Egoisten, die nur auf Gewinnmaximierung aus sind? Antworten gibt
Professor Wilhelm Schmid, Lebensphilosoph aus Berlin.
Wilhelm Schmid:
Das Geld ist ins Gerede gekommen. Dass diejenigen Leute mit Geld nicht umgehen
können, die das von Berufs wegen gelernt haben sollten, ist offenkundig. Aber
können wir Laien es wenigstens lernen? Kann der Umgang mit Geld zu einem
Bestandteil der Lebenskunst, also der bewussten Lebensführung werden? Es wird
wohl nichts Anderes übrig bleiben, wenn wir nicht der Inkompetenz professioneller
Geldhändler ausgeliefert bleiben wollen. Fragen wir erst einmal, was Geld eigentlich
ist. Es wird oft mit magischer Bedeutung aufgeladen. Dabei handelt es sich nur um
eine Sonderform von Dingen. Die aber gibt es grundsätzlich in zweifacher
Ausfertigung: Ideelle und materielle.
Materielle Dinge sind Dinge, die man anfassen kann. Sie sind oft die Träger für
ideelle Dinge, die nicht so gut zu fassen sind und daher nach Materialisierung
verlangen: Ideen, Gedanken, Erinnerungen, Phantasien, Visionen, Träume, Begriffe,
Bedeutungen, Werte, Sinn, kurz all das, was unter dem Stichwort „Geist“
zusammengefasst werden kann. Dafür, nicht um ihrer selbst willen, werden
materielle Dinge geliebt. Oder gehasst, wenn sie unzureichend erscheinen. Beide
Arten von Dingen brauchen sich wechselseitig: Materielle Dinge bedeuten nichts
ohne Idee, ohne Sinn, ohne Geist; ideelle Dinge sind unbefriedigend ohne materielle
Erfahrbarkeit. Daher verlangt etwa die Idee der Schönheit nach Materialisierung in
schönen Dingen, in Schmuckstücken, in Kleidern, bis hin zu „Fetischen“, jenen
Dingen, die einem Menschen so viel bedeuten, dass er eine bedingungslose Liebe
dazu pflegt.
Auch die Idee der Liebe selbst ist ein ideelles Ding, aber mit der bloßen Idee will sich
kaum jemand begnügen, daher das Streben nach Materialisierung in der Beziehung
zu einem wirklichen Menschen, und nach Symbolisierung in konkreten Dingen. Ein
Symbol ist das Zusammenstimmen eines materiellen Dings mit seinem ideellen
Gegenstück. Das kann ein Ring sein, der die Idee der Liebe repräsentiert, ebenso
ein Blumenstrauß, wenngleich nicht zu häufig, sonst bedeutet das Symbol nichts
mehr, und nicht zu groß, denn: „Je größer der Blumenstrauß, desto schlechter das
Gewissen!“ Auch zu teuer dürfen die symbolischen Dinge nicht sein, damit beim
Beschenkten nicht der Verdacht aufkommt, seine Liebe solle gekauft werden; zu
billig auch nicht, damit nicht der Eindruck entsteht, nichts wert zu sein. Der ideelle
Wert eines Dings kann von seinem materiellen Wert sehr weit entfernt sein, nach
beiden Seiten hin: Der Ring kann teuer gewesen sein und ideell dennoch nichts
bedeuten. Weder ihm noch dem Schenkenden wird dann irgendwelche Liebe zuteil.
Der Blumenstrauß wiederum kann leicht erschwinglich sein und die ideelle
Bedeutung einer Aufmerksamkeit, die schwer wiegt, dennoch gut vermitteln. Ihm und
dem Schenkenden wird eine innige Liebe zuteil, jedenfalls jetzt. Kommt es nie zu
einer Materialisierung in Dingen, nur zu wohlfeilen ideellen Verlautbarungen („Du
weißt doch, dass ich dich liebe!“), ist das Urteil bald gefällt: „Du liebst mich nicht
mehr!“
Materielle Dinge stellen dar, was Menschen sich ideell ersehnen. Das gilt auch für
die Idee der Gerechtigkeit. Zwar kann sie, wie jedes ideelle Ding, immateriell nur für
sich existieren und Gegenstand einer Zuwendung und Zuneigung sein: Ein Mensch
findet Gerechtigkeit gut und will etwas dafür tun. Mit der bloßen Idee ist jedoch noch
niemandem geholfen. Die Idee der Gerechtigkeit umfasst beispielsweise gleiche
Chancen auf Bildung für alle, aber in Wirklichkeit bedarf es dafür materieller Mittel,
sonst bleiben die Chancen rein theoretisch; ideelle und materielle Chancengleichheit
sind zwei verschiedene Dinge. Und ein ideelles Ding ist schließlich auch die Idee der
Freiheit, die Menschen zu unglaublichen Dingen antreibt, als bloße Idee jedoch im
Raum der Möglichkeiten verbleibt. Also wird sie materialisiert, verwirklicht, unter
Bedingungen modernen Wohlstands etwa in Form eines Autos, das die Freiheit der
Mobilität erfahrbar macht. Die materielle Wirklichkeit wird allerdings bald zur
Selbstverständlichkeit, sodass erneut etwas Ideelles hinzukommen muss: Das Auto
muss „schön“ sein. Die Dinge werden idealisiert im Zustand ihrer Möglichkeit, also
bei der Sehnsucht danach, sie zu besitzen, die zur Sucht werden kann. Es muss
unbedingt dieses Auto sein, das einem Menschen viel bedeutet. Seine Bedeutung ist
die ideelle Farbe, mit der es lackiert wird; dass der Lack Menschenwerk ist, gerät
rasch in Vergessenheit. Geht die Sehnsucht in Erfüllung, kühlt die Beziehung oft ab,
denn das Auto an sich ist nur eine Blechkiste. Im Zustand der Wirklichkeit,
materialisiert, verliert es wie viele Dinge an Glanz, „der Lack ist ab“.
Dass in moderner Zeit weit mehr Sehnsüchte als in vormoderner Zeit in Erfüllung
gehen können, hat auch weit häufiger die Erfahrung zur Folge, dass sich die
erlangten Dinge kalt und leer anfühlen, sie bedeuten nichts mehr. Wärme und Fülle
sind nur in Dingen erfahrbar, zu denen eine Beziehung eingegangen wird und die
etwas bedeuten. Bedeutung kommt durch Beziehung zustande. Was geliebt wird, ist
bedeutungsvoll. In der modernen Welt aber gibt es zu viele Dinge und unentwegt
andere, als dass noch eine solche Beziehung zu ihnen entstehen könnte; es ist eine
Welt, in der kaum noch jemand mit Liebe auf Dinge blickt. Die fehlende Beziehung zu
Dingen produziert die Langeweile, die für moderne Menschen epidemisch wird.
Natürlich ist es unmöglich, alle Dinge unentwegt zu lieben, denn wer könnte das
leisten? Die Liebe ist eine Verausgabung, die immer wieder der Erholung bedarf.
Aber entscheidend ist die Frage, ob es überhaupt noch Dinge gibt, die geliebt
werden können, und das gilt eben auch in Bezug auf die sonderbaren Dinge namens
„Geld“.
In der Moderne haben diese Dinge ungeheuer an Bedeutung gewonnen: Materiell in
Form von Geldstücken, Papierscheinen, Plastikkarten, Zahlen auf Kontoauszügen,
die für sich genommen bedeutungslos sind. Von Bedeutung ist das Ideelle, sind die
Ideen, Vorstellungen, Zwecke, Ziele, Phantasien, die damit verknüpft werden, etwa
die Hoffnung auf Freiheit, Unabhängigkeit, schöne Erlebnisse, Glück und die
unterschiedlichsten Lebensmöglichkeiten, womöglich auch Werte wie Gerechtigkeit,
die sich mit Geld verwirklichen lassen. Aufgrund von Ideen, etwa Geschäftsideen,
kommen Menschen überhaupt erst zu Geld, das sie dann für ihre Ideen ausgeben
können: „Geld ist ein Abfallprodukt von Ideen“, verlautbarte per Interview ein
Investor, der es wissen muss. Zum Problem wird im Gegenzug das Fehlen von
Ideen, denn dann kommt entweder kein Besitz zustande oder es fehlt ihm, wenn er
zustande kommt, an Ideen, wie ihm Sinn zu geben wäre. Gute Ideen sind nicht
immer auf der Seite derer, die sonst schon alles haben. Materiell reich ist nicht
gleichbedeutend mit ideell reich, materiell arm nicht mit ideell arm, auch eine Form
von Gerechtigkeit. Durch Tauschhandel lässt sich die Situation gut bewältigen.
Geld ist nicht von selbst schon durchdrungen von Sinn. Die Klärung ideeller Fragen
ist die Voraussetzung dafür, ihm Sinn geben zu können. Erst durch das
Hinzukommen von ideellen Dingen, von Geist in diesem Sinne gewinnt es an
Bedeutung. Ihm Sinn zu geben, ist eine Sache des Geistes, der gedanklichen Arbeit,
geleitet von Fragen wie: Womit verdiene ich Geld? Wofür gebe ich es aus? Welche
Zusammenhänge entstehen durch das Verdienen und Ausgeben für mich und für
Andere? Wozu überhaupt Geld? Geld als Selbstzweck macht keinen Sinn, und wenn
es nicht sinnvoll eingesetzt werden kann, schlägt dies irgendwann auf das gesamte
Leben des Besitzenden durch, das als sinnlos empfunden wird. Das scheint das
Grundleiden des modernen Menschen zu sein: Kaum hat er die drückende materielle
Not überwunden, die seine Geschichte lange geprägt hat, gerät er in die ideelle Not,
nach dem Sinn fragen zu müssen, auf den der bloße Besitz materieller Mittel noch
keine Antwort gibt.
Ein einfacher Sinn des Geldes kann in seiner Stellvertreterfunktion gesehen werden:
Es erleichtert Tauschgeschäfte, eine Komplexitätsreduktion, sonst müssten
Menschen wieder mit einem Rucksack voller Kartoffeln zum Arzt gehen und ständig
neu verhandeln und streiten. Immer dann, wenn das Geld „abgeschafft“ wird, werden
daher Ersatzwährungen eingeführt, denn sonst bleibt wieder nur der Tauschhandel
der Güter übrig, der mühsamer vonstatten geht als dessen durch Geld vermittelte
abstrakte Form. Man kann es auch zugespitzter sagen: „Das Geld wurde erfunden,
damit die Menschen einander nicht in die Augen blicken müssen“, heißt es in Jean-
Luc Godards Film „Socialisme“ von 2011. Aber niemand ist verpflichtet, das für einen
Nachteil zu halten. Geld hat dennoch eine soziale Funktion, es ist eine eigene Art
von Sprache: Einer teilt dem Anderen etwas mit, sowohl mit dem Preis für ein
Produkt als auch mit dessen Kauf (daher die Liebe zu Markenprodukten), mit einer
sichtbaren Verschwendung, der Buchung eines bestimmten Hotels, dem
erkennbaren Aufwand für die Lebensführung. Geld verbindet und trennt Menschen,
unterscheidet sie, schafft Ansehen und zerstört es wieder, und das funktioniert so
lange, wie der Wert des Geldes von allen anerkannt wird. Ein weitergehender Sinn
ist die Speicherfunktion, die Vorratshaltung, die durch Geld möglich wird, um
gesicherte Lebensbedingungen für sich und die Familie zu schaffen, das Leben im
Alter abzusichern, nicht in unerwünschte Abhängigkeiten zu geraten oder sich
daraus wieder zu befreien, abhängig jedoch davon, dass der Wert des Geldes
erhalten bleibt. Geld kann eine Art von Lebensmittel für schlechtere Zeiten sein,
wenngleich die Bevorratung, wie jede andere, unsinnige Ausmaße annehmen kann:
Ein Kühlschrank mit mehr als einem Stück Butter kann noch sinnvoll sein, eine
Wohnung voller Butter ist es nicht mehr.
Vor allem aber dient Geld dazu, Potenz zu speichern, es ist ein Verfügen über
Möglichkeiten, über Einfluss, Wirksamkeit, Macht, potentia im Wortsinne. Das macht
einen guten Teil der Erotik des Geldes aus, dafür wird es heftig geliebt und viele
unternehmen vieles, um in seinen Besitz zu kommen. Sein ontologischer Drall weist
immer in Richtung Möglichkeiten: Es repräsentiert sie, und es wird vorzugsweise dort
investiert, wo Möglichkeiten vermutet werden. Aktualisiert wird diese Potenz aber
nicht nur in der Ökonomie der großen Zahlen, sondern auch im kleinen Alltag
moderner Menschen, etwa beim Akt des Shoppens, bei dem mit der Möglichkeit
gespielt wird, Dinge kaufen zu können, und auf dieses Spiel kommt es an. Wird mit
dem Kauf selbst dann der ontologische Übergang zur Wirklichkeit vollzogen, stellen
sich nicht selten die üblichen Folgen einer Ernüchterung ein, der Zauber der
Möglichkeiten verfliegt, die Wirklichkeit ist langweilig, Mängel kommen zum
Vorschein, das Gekaufte passt nicht so recht und eigentlich braucht man es gar
nicht.
Viele träumen davon, viel Geld zu haben, aber das Viel und Zuviel kann unerwartete
Probleme mit sich bringen: Es kann Orientierung rauben und Haltlosigkeit nach sich
ziehen. Besitzende sind von der Angst besessen, alles wieder zu verlieren. Den
festen Rahmen enger Verhältnisse, der Anderen Mühe macht, aber klare
Orientierung gibt, müssen sie entbehren, und fatal wird es, wenn auch andere
Möglichkeiten, Halt zu finden, entfallen: Vornehme Zurückhaltung, demütige
Bescheidenheit, starke Religiosität, wie der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller
Jeremias Gotthelf sie in seinem Roman Geld und Geist 1843/44 beschwor.
Es gibt keinen Grund zur Romantisierung des Reichtums, denn die Besitzenden sind
mit Schwierigkeiten konfrontiert, die nicht harmlos sind, wenngleich sich das Mitleid
in Grenzen hält. Alles können sie sich leisten, aber genau dadurch verliert alles an
Wert. Nichts Besonderes ist für sie, was Andere hinreißend finden. Noch dazu sind
sie den Nachstellungen derer ausgesetzt, deren Geschäftsidee es ist, ihnen soviel
Besitz wie möglich abzunehmen. Unabdingbar fürs Leben ist, in vertrauensvollen
Beziehungen leben zu können, aber wem können Besitzende vertrauen? Selbst bei
den engsten Beziehungen können sie nicht sicher sein, ob die Liebe wirklich ihrer
Person gilt. Das Geld, das einer allzu sehr liebt, kann in der Beziehung zwischen
zweien das störende Dritte sein. Und diejenigen, die erben können, sind nicht immer
frei von der Versuchung, schon etwas ungeduldig zu werden. Viele Besitzende
vergleichen sich außerdem gerne mit denen, die mehr besitzen, um dann an Neid zu
leiden. Daher beginnt, wenn die materiellen Sorgen enden, nicht etwa das wahre
Leben, eher beginnt die verzweifelte Suche danach, ohne dass klar wäre, wo jetzt
noch gesucht werden kann. Vielleicht dort, wo „einfachere Verhältnisse“ zu finden
sind?
Die Knappheit des Geldes, das Wenig und Zuwenig gibt dem Leben einen Rahmen,
mit dessen Verlässlichkeit fest zu rechnen ist, auch wenn das gewöhnlich wenig
geschätzt wird. Die Notwendigkeit, materielle Ressourcen erst erarbeiten zu müssen,
vermittelt ideellen Sinn, denn klar definierte Ziele und Zwecke ergeben sich daraus.
Schon ein Kind ist mächtig stolz auf den Tretroller, für den es einige Zeit selbst
gespart hat. Wenn es umstandslos haben kann, was es will, kann es nicht mehr auf
künftige Ziele hinarbeiten. Dinge werden wertlos, wenn es möglich ist, sich
umstandslos alle Wünsche erfüllen zu können oder sie erfüllt zu bekommen.
Unbegrenzte Verfügbarkeit begünstigt Wertlosigkeit. Alles gewinnt hingegen an Wert,
wenn es begrenzt ist, und umso mehr, je begrenzter es ist: Phänomen des Goldes im
Unterschied zu Kieselsteinen.
Und doch gibt es keinen Grund zur Romantisierung der Armut, des Mangels an Geld
und Besitz: Im Unterschied zu den meisten Besitzenden wollen die meisten
Nichtbesitzenden ihren Zustand gerne hinter sich lassen. Lebensangst kennen sie
aus anderen Gründen als die Wohlhabenden, denn ihr Leben hängt von den
Möglichkeiten des Lebensunterhalts ab. Ihren Kindern können sie nicht das bieten,
was für andere Kinder selbstverständlich ist, womöglich auch nicht die Bildung, die
die Startbedingungen für ein anderes Leben verbessern könnte. Und Beziehungen
zerbrechen auch hier, wenngleich es die ewige Entbehrung ist, die sie unterminiert.
Einer hofft darauf, mit einem anderen Anderen, der über mehr materielle Mittel
verfügt, mehr Glück und Sinn des Lebens zu erfahren: Endlich sich etwas leisten
können, nicht ständig aufs Geld schauen müssen… Menschen tun alles fürs Geld?
Nein, sie tun alles für das Verfügen über Möglichkeiten. Geld ist ein Mittel zu diesem
Zweck, Selbstsicherheit und Selbsterweiterung sind damit verbunden.
Fehlt es zu sehr an materiellen Mitteln, verleitet dies einige dazu, „die Gesellschaft“
dafür verantwortlich zu machen, und wenn die nicht reagiert, sind sie fortan
desinteressiert an ihr, asozial in diesem Sinne: Die Gesellschaft braucht sie nicht,
also ist sie ihnen auch egal. Bei einigen derer, die viel und zuviel haben, kommt
unvermutet dieselbe asoziale Haltung zum Vorschein, wenngleich aus ganz anderen
Gründen: Sie brauchen die Gesellschaft nicht, also ist sie ihnen egal. Allen Erfolg
verdanken sie nur sich selbst, wie sie glauben. Zweifellos ist ihre Eigeninitiative ein
treibender Faktor, die Gesellschaft profitiert davon kräftig. Aber sie verkennen häufig,
wie sehr gute Geschäfte auf der Einbettung in die Gesellschaft beruhen, auf guter
Bildung, guten Verkehrswegen, Kommunikationsmöglichkeiten, Rechtsinstitutionen,
innerer und äußerer Sicherheit, sozialem Frieden und der Kaufkraft vieler. Daran sind
viele Menschen mit ihrer Arbeit und ihren Geldern etwa in Form von Steuern beteiligt,
denn diese gesellschaftlichen und staatlichen Leistungen sind kostenintensiv.
Oft ist das Gegenargument zu hören, der Staat sei eine solche Zumutung an
Ineffizienz, dass ihm die Steuerzahlungen verweigert werden müssten; der Einzelne
bestimme besser selbst über diese Mittel. Aber es ist unfair, die Effizienz des im
Auftrag der Gesellschaft arbeitenden Staates an der eines Unternehmens zu
messen: Aufgabe des Staates ist es, zwischen widersprüchlichsten Interessen zu
vermitteln, um die Verhältnisse zum Wohl aller immer neu auszutarieren, Bürgerkrieg
zu vermeiden und ein effizientes Wirtschaften zu ermöglichen, damit die Gelder
fließen, mit denen wiederum staatliche Leistungen finanziert werden. Die Menschen,
die aus Kostengründen von Firmen entlassen werden, kann der Staat nicht
seinerseits irgendwohin entlassen. Als die äußerst effizient arbeitende
Finanzwirtschaft infolge ihres flash crash 2008 am Rande des Abgrunds stand,
suchte auch sie Zuflucht bei Staat und Gesellschaft, die gerne die „Masters of the
Universe“ mit ihren astronomischen Verlusten ins All entsorgt hätten.
Geld ist der materielle Träger der modernen Idee der Freiheit. Wer darüber verfügt,
erfährt in gesteigertem Maße die Freiheit von, nämlich von Abhängigkeiten und
lästigen Notwendigkeiten. Er kann machen, was er will, abgesehen davon, dass er
nicht immer weiß, was er will. Das allein ist jedoch noch kein Leben, schon gar kein
gesellschaftliches Leben, keinerlei Bindung und Beziehung kommt so zustande. Die
Freiheit bedarf einer Formgebung, einer Freiheit zu, nämlich zur Verwirklichung
bestimmter Möglichkeiten und zur Begrenzung überbordender Möglichkeiten. Mit
Lebenskunst und individueller Ethik kann der Einzelne sich selbst um die
Formgebung bemühen, bevor sie ihm durch eine demokratisch ermittelte allgemeine
Ethik und eine entsprechende Gesetzgebung auferlegt wird. Zur Formgebung gehört,
nicht willkürlich „für alles Mögliche“ Geld auszugeben, sondern gezielt für
ausgewählte Möglichkeiten, etwa für ideelle Werte wie Nachhaltigkeit und
Gerechtigkeit, zur Förderung ökologischer und sozialer Zusammenhänge. Es ist im
Eigeninteresse der Besitzenden, auf die Interessen Anderer einzugehen, um länger
als nur für einen Moment die Früchte ihrer Freiheit genießen zu können. Geld ist
immer Geld in einer Gesellschaft, in der diejenigen, die zu wenig haben, nicht
darüber hinwegsehen können, dass Andere zuviel haben: Ursprung aller Robin-
Hood-Geschichten. Nur die Besitzenden sind an stabilen Verhältnissen interessiert,
die Nicht-Besitzenden naturgemäß nicht. Um materiellen Besitz bewahren zu
können, wäre geistreich, klug, rücksichtsvoll, umsichtig, vorsichtig und
vorausschauend damit umzugehen. Von Interesse könnten außerdem Möglichkeiten
sein, die nicht von Geld und Besitz abhängen, denn nicht nur das Freisein mithilfe
von Geld und Besitz, sondern auch das Freiwerden davon ist eine Form von Freiheit,
eine Unabhängigkeit anderer Art. Es wirkt auf bemerkenswerte Weise auf das eigene
Selbst und seine Beziehungen zu Anderen zurück.
Wie steht es vor diesem Hintergrund um die Idee des Glücks, dieses ideellen Dings,
das besonders hartnäckig mit materiellen Dingen namens Geld verknüpft wird?
Macht Geld glücklich? Es kann dazu beitragen, bis zu einem gewissen Grad. Was
das konkret in Zahlen auf Kontoauszügen heißt, ist eine spannende Frage, die
Antwort darauf muss jedoch jeder für sich selbst finden, in Kenntnis der beiden
großen Gefahren im Umgang mit Geld: Zu wenig oder zu viel davon zu haben. Das
Zuviel ist so problematisch wie das Zuwenig, irgendwo dazwischen liegt das
persönliche Maß, das noch dazu ein atmendes ist: Mal zu wenig, mal zu viel zu
haben. Bezogen auf das Zufallsglück ist Geld hilfreich, um die Wahrscheinlichkeit
aussichtsreicher Zufallsbegegnungen zu erhöhen. Wer sich in den „richtigen Kreisen“
bewegt, kann aufgrund guter Kontakte eher einen guten Job finden und gute
Geschäfte anbahnen. Eine handverlesene Partnervermittlung ist nicht preiswert,
steigert aber die Wahrscheinlichkeit der Begegnung mit dem Mann oder der Frau des
Lebens. Und mehr Schutz vor unglücklichen Zufällen des Lebens auf den
gefährlichen Straßen bietet, wie die Unfallstatistik zeigt, ein gut ausgestattetes Auto.
Was das Wohlfühlglück betrifft, trägt Geld dazu bei, gesünder leben, aufwändiger
ausgehen, anspruchsvollere Reisen buchen zu können, auch frei dazu zu sein, mehr
Zeit in all das zu investieren, was wirklich wichtig erscheint, um dabei eine größere
Befriedigung zu erfahren. Geld macht frei und diese Freiheit macht glücklich.
Dennoch kann sich kein Mensch von den Gegensätzen des Lebens freikaufen, die
dessen Fülle ausmachen: Vor dem Glück der Fülle sind alle Menschen gleich.
Irgendetwas Positives steht immer zur Verfügung und wird dennoch immer wieder
mal von negativen Erfahrungen wie Ärger, Misserfolg, Schmerz, Krankheit
konterkariert, die bestenfalls abzumildern sind. Unvergleichlich ist der Genuss von
Freiheit und Unabhängigkeit, aber niemand kann negative Erfahrungen dauerhaft
ausschalten, alles kommt darauf an, sie integrieren zu können. Was schließlich das
Unglücklichsein betrifft, scheinen ausgerechnet diejenigen, die viel und zu viel
haben, sogar bevorzugt davon angetastet zu werden. Sie verstehen dann die Welt
nicht mehr: „Wie ist es möglich, dass ich mich unglücklich fühle, wo ich doch alles
habe“? Aber alle Stimmungsaufheller, alles Positivdenken und noch so viele
Wochenendshoppingtouren in die Cities dieser Welt ändern nichts daran, dass
Melancholie ein Bestandteil des Menschseins bleibt. Das Glück der Besitzenden
besteht immerhin darin, sich im Unglücklichsein einrichten zu können, während
Andere sich trotz allem um ihren Lebensunterhalt kümmern müssen, vielleicht eine
andere Form von Glück im Unglücklichsein.
Sinnvoll erscheint einerseits, über einige materielle Mittel zu verfügen, andererseits
aber Sorge für ihre Begrenzung zu tragen, um nicht im Überfluss und Überdruss
unterzugehen. Eine moderate Liebe zum Geld wäre wünschenswert, um zu Geld zu
kommen, sich aber nicht darin zu verlieren, vielmehr Ideen und Werte damit zu
realisieren. Keine blinde Leidenschaft sollte es sein, schon gar keine Gier, eher ein
Befreundetsein oder, noch zurückhaltender, ein Mögen, wie es bei jemandem
möglich ist, mit dem gut zu kooperieren ist. Ungut wirkt demgegenüber eine
funktionale Beziehung zum Geld, die nur dessen Funktionieren im Wirtschaftssystem
sieht und für außermonetäre Zusammenhänge blind bleibt, um dann verwundert
darüber zu sein, wenn Andere „das System“ zerschlagen wollen. Verständlich ist die
kämpferische, agonale Beziehung, der Kampf gegen Geld, das die Welt regiert, der
Hass auf den schnöden Mammon, wenngleich dabei außer Blick gerät, dass nicht
wirklich Geld das Problem ist, sondern der Umgang mit Geld. Schwieriger ist die
ausschließende Beziehung, der Versuch, das Geld abzuschaffen, um die Probleme
loszuwerden, die es mit sich bringt. Bei jeder vermeintlichen Abschaffung bleibt die
Frage nach den Lebensmöglichkeiten offen, über die der Einzelne nicht selbst
verfügt, sondern für die er auf Andere angewiesen ist, für die wiederum dasselbe gilt.
Schwierig ist ebenso die nachlässige, virtuelle Beziehung zum Geld, die denjenigen
naheliegt, denen Zahlen nichts bedeuten. Aber es gibt kein virtuelles Geld: Für jede
Zahl, die irgendwo steht, muss jemand bezahlen. Das Geld, das einer verdient, muss
unweigerlich ein Anderer erbringen, auf welche Weise auch immer.
Liebe ist ein poetisches Wort für die Beziehung zum Geld, die gerne als prosaisch
abgetan wird. Aber dem Geld kann ebenso wie anderen materiellen und ideellen
Dingen Zuwendung und Zuneigung zukommen, und das ist die Grundlage für einen
sinnvollen, geistreichen Umgang mit Finanzen, denn was Menschen lieben, das
pflegen sie auch. Die Liebe zum Geld hat freilich einen schlechten Ruf: Kaum
jemand will sich dazu bekennen. Dieser Liebe frönen nur „die Anderen“, ich selbst
bin frei davon, Gott sei Dank. So wird eine heimliche Liebe daraus, so verbreitet wie
andere heimliche Lieben. Aus einer solchermaßen verleugneten Liebe kann eine
verwahrloste werden, eine, die keine sein soll, verborgen vor den Augen der
Anderen, aufrechtzuerhalten nur mit einem schlechten Gewissen, mit allen
Anzeichen einer verschwiegenen Leidenschaft, die dem klugen Umgang mit Geld
nicht förderlich ist. Um die heimliche Liebe zu kaschieren, wird die Beziehung zum
Geld von Neuem ideell eingekleidet, mit Ideen, Werten und Worten, die ansehnlicher
wirken: Um der Menschlichkeit willen werden großzügig „Mittel zur Verfügung
gestellt“, wo es in Wahrheit um lukrative Investitionen geht. Unbedingt sollen
Arbeitsplätze erhalten bleiben, um nicht sagen zu müssen, dass der Gewinn erhalten
und gesteigert werden soll.
Sinnvoller wäre eine gepflegte Liebe, die sich zu ihrem Objekt bekennt und so
sinnlich und gefühlvoll wie auch klug und überlegt, mit monetärer und menschlicher
Kompetenz damit umgeht. Wenn ich das Geld liebe, jedenfalls mag und wertschätze,
es pfleglich behandle, dann wächst wohl auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Geld
wiederum mich liebt, mich nicht verlässt und sogar gerne auf mich zukommt, voller
Vertrauen, gut behandelt zu werden. Vor allem das kluge Kalkül könnte den
bewussten Umgang mit Geld zur Erscheinungsform einer geistigen Liebe machen,
einer Agape-Liebe über den bloßen Eros des Geldes hinaus. Auch diese Liebe sollte
atmen können, daher wäre außer der gelegentlichen Ekstase die notwendige Askese
einzuüben, um nicht nur zur Verausgabung, sondern auch zur Zurückhaltung und
Enthaltung in der Lage zu sein, in der die Kräfte und Geldbestände sich wieder
erholen können.
Beide Seiten könnten in einem vorsätzlich gepflegten, widersprüchlichen Umgang mit
Geld zum Vorschein kommen: Geizig, wo es nötig ist, großzügig, wo es möglich ist.
Der Geiz sorgt für die materiellen Ressourcen, mit der die ideelle Großzügigkeit
hantieren kann. Geiz ist nötig, damit der Großzügigkeit nicht irgendwann die Mittel
abhanden kommen, Großzügigkeit ist erforderlich, damit der Geiz nicht nur ein
geistloses Raffen ist, ein Dagobert-Duck-Syndrom. Und wo ist es möglich, sich
großzügig zu zeigen? An vielen Orten, aber vor allem Kunst und Kultur bieten
reichlich Gelegenheit dazu, um im Gegenzug ein reiches Maß an Geist und Sinn zu
gewinnen.
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