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SWR2 Wissen: Aula Petra Pinzler: Weniger ist mehr . Abschied vom Wachstumswahn. Buch:" Immer mehr ist nicht genug!: Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialprodukt. Pantheon-Verlag "

Ein Fazit, mit Quellenhinweisen, vorangestellt m+w.p12-1
Indikatoren für Lebensqualität:

BIP / Bruttoinlandsprodukt: Maß für das Wirtschaftswachstum widerspiegele den Wohlstand der Nationen = Lüge Ökonomen Joseph Stiglitz und Amartya Sen :„Die Welt ist reif, von der Messung der Produktion zur Messung des Wohlergehens der Menschen zu wechseln“ > Indikator für Lebensqualität ,,,

BIP ist blind, wenn es um die Verteilung des Reichtums geht. Es zählt nicht all die Arbeit, die ehrenamtlich oder freiwillig in einem Land verrichtet wird, und es kann die Schwarzarbeit nicht messen, denn für beides reichen die Informationen nicht. Das BIP verrät nicht, ob eine Wirtschaft solide und krisenresistent ist. Und es sagt nichts darüber aus, ob ein Land sich in die richtige Richtung entwickelt oder ob es einfach Raubbau an Mensch und Umwelt betreibt – es zählt Umweltzerstörung sogar als Gewinn. Die Briten Richard Wilkinson und Kate Picket, die nach den Zusammenhängen von Wohlstand, Gleichheit und Glück forschen, belegen: Tatsächlich sind in gleicheren Gesellschaften mehr Menschen mit ihrem Leben zufriedener als in ungleichen.

Aktuelle Ansätze
1 Privater Besitz und kollektive Nutzung (Gemeinschaftsgärten, Bibliotheken, Tauschringe und neue Verkehrskonzepte)
2 z.B: BILq / Bruttoinlands-Lebenqualität ; LqI / Lebensqualitäts-Indikator Bergheim ; WI / Wohlfahrtsindikator Diefenbach; .......
3 Wissenschaftler wie der Frankfurter Stefan Bergheim* oder der Heidelberger Hans Diefenbach** präsentieren inzwischen eigene Indizes
*) www.fortschrittszentrum.de/de/  ; **) http://fest-heidelberg.de/index.php?option=com_content&view=article&id=62&Itemid=59  ;
4 Bergheim: verbeck@fortschrittszentrum.de  
Insgesamt umfasst das "Indikatorenprojekt Jacksonville: Fortschritt beginnt vor Ort" die Vision eines schönen Lebens in neun Bereichen, in denen Fortschritt
zum Wohle der Bürger - von den Bürgern entworfen - angestrebt wird:
· Bildung
· Wirtschaft
· Gemeinsames Zusammenleben
· Qualität von Verwaltung und Lokalpolitik
· Sicherheit
· Gesundheit
· Verkehr
· Schutz von Umwelt und Natur
· Kunst, Kultur und Freizeit
.....
-------------------------------
SWR2 Wissen: Aula Petra Pinzler: Weniger ist mehr . Abschied vom Wachstumswahn
Autorin: Petra Pinzler *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 22. Januar 2012, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

ÜBERBLICK
Mehr Wachstum - das ist die Zauberformel einer modernen prosperierenden Gesellschaft, die einen Maßstab hat: das Bruttoinlandsprodukt. Doch schon lange weiß man, dass unbegrenztes Wachstum kein Indikator mehr ist für das Lebensglück eines Volks oder das Wohlergehen eines Landes. Mindestens ebenso wichtig wie wirtschaftliches Wachstum sind Gerechtigkeit, Gesundheit, Kooperation, Solidarität zwischen den Generationen. Petra Pinzler, Journalistin und Buchautorin, zeigt, warum die Wachstumsideologie der falsche Weg ist.

* Zur Autorin:
Petra Pinzler, Jahrgang 1965. Nach Wirtschafts- und Politikstudium und Journalistenschule kam sie 1994 zu der ZEIT ins Wirtschaftsressort. Ihre Themen Entwicklungspolitik und globale Ökonomie trugen sie rund um den Erdball. 1998 bis 2001 war sie Korrespondentin in Washington, dann in Brüssel. Dort lernte sie Europa schätzen als ein äußerst erfolgreiches Konsensmodell für die Welt. Seit Anfang 2008 arbeitet Petra Pinzler im Berliner Büro der ZEIT.
Buch:
– Immer mehr ist nicht genug!: Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialprodukt. Pantheon-Verlag. 2011.

INHALT

___________________________________________________________________

Ansage:
Mehr Wachstum - das ist die Zauberformel einer modernen prosperierenden
Gesellschaft, die einen Maßstab hat: das Bruttoinlandsprodukt. Doch schon lange
weiß man, dass unbegrenztes Wachstum kein Indikator mehr ist für das Lebensglück
eines Volks oder das Wohlergehen eines Landes. Mindestens ebenso wichtig wie
wirtschaftliches Wachstum sind Gerechtigkeit, Gesundheit, Kooperation, Solidarität
zwischen den Generationen. Petra Pinzler, Journalistin und Buchautorin, zeigt,
warum die Wachstumsideologie der falsche Weg ist.
Petra Pinzler:
Wussten Sie das schon? Sie leben in der besten aller Welten! So gut wie heute ging
es uns angeblich noch nie. Wieder ist unser Wohlstand im vergangen Jahr
gewachsen. Trotz Finanzkrise, Eurowirren und Klimawandel sind wir reicher als je
zuvor, haben mehr Autos, mehr IPods und größere Wohnungen. Alles gut, alle
glücklich. Alle glücklich?
Sie waren sicher schon mal bei „Tchibo“. Ich schlendere dort regelmäßig vorbei,
schaue nach all dem Krimskrams, den ich nie benötige, aber immer gut brauchen
kann. Eines Tages hatte ich in einer der Filialen die Erleuchtung. Na ja, Erleuchtung
ist etwas hoch gegriffen, aber egal: In der einen Hand hielt ich jedenfalls eine
Blumenvase, in der anderen eine praktische Computertasche und plötzlich schoss
mir durch den Kopf: Wenn das die Antwort ist, was war noch mal die Frage? Die
lautete nämlich nicht: Was brauche ich? An dem Tag ging es nicht um die vielen
Schnäppchen, nicht um die Laptoptasche, nicht um die Vase. Davon haben wir
zuhause längst genug, Sie wahrscheinlich auch. Ich wollte in Wirklichkeit nur meinen
Ärger verdrängen. An anderen Einkaufstagen suchte ich mal einen Zeitvertreib, mal
eine kleine Belohnung. Immer aber ging es dabei auch um eine kleine Portion Glück.
Raus kamen neue Vasen.
Auch dieser Vortrag handelt von der Suche nach Glück, nach mehr Lebensqualität.
Aber keine Bange, es folgt nun keine kluge Belehrung zur privaten Selbstfindung
durch Verzicht. Dafür gibt es kurzweilige Werke zuhauf, die Ihnen mit schönen
Worten alles Mögliche verschreiben: Genügsamkeit, gutes Essen, Bewegung und
allerlei andere Medizin. Lesen Sie dafür lieber die Bibel oder Aristoteles. Atmen Sie
richtig, machen Sie viel Yoga. Legen Sie sich ganz einfach mal wieder in die Sonne.
Oder vielleicht in den Schnee.
Mir geht es um mehr. Um Sie und um uns, unserer Bedürfnisse, unsere Politik und
unsere Gesellschaft. Es geht mir um unser aller Glück, unsere Lebensqualität. Denn
damit stimmt etwas nicht im Lande. Eine gute Gesellschaft ginge anders mit sich und
ihrem Wohlstand um, sorgsamer, und eine gute Politik mit den Menschen und dem
Land ebenfalls. Wir alle fühlen das und rätseln doch zugleich, wie die Sorge um die
eigene Zukunft oder die der Kinder, das Misstrauen gegen die große Politik, die
Angst vor dem Klimawandel, der Einkauf im Supermarkt und die Furcht vor dem
Verlust des Jobs zusammenpassen. Es fühlt sich nur immer häufiger so an, als ob
uns etwas zwischen den Fingern zerrinnt.
Was genau dieses „Etwas“ sein kann, darüber habe ich mit Experten aus aller Welt
diskutiert: Was sind die richtigen Kriterien für mehr Lebensqualität? Wie misst man
sie? Warum meiden die Regierungen, die Europäische Kommission und viele
Parteien dieses Thema so gern und machen uns stattdessen lieber glauben: Wenn
nur die Wirtschaft wächst, wird alles gut. Sie werden hören, welche Neuigkeiten es
bei der globalen Suche nach Lebensqualität gibt, wie man sie messen kann und wie
wir sie dabei erfolgreicher sein könnten.
Catherine Austin Fitts misst Glück an einem Kinderlächeln. Ein warmer Sommertag,
ein Gesicht mit strahlenden Augen, die Zunge leckt am Eis. Man braucht nicht lange
nach Klischees vom Glück zu suchen: Dieses Bild zeigt eines. Für die Präsidentin
der Investmentfirma Solari aber ist es mehr, sie hat daraus den Popsicle-Index
entwickelt, benannt nach dem in den USA so beliebten Wassereis. Sie fragt die
Einwohner von Stadtvierteln: Glauben Sie, dass ein Kind hier gefahrlos allein ein Eis
kaufen kann? Je mehr Nachbarn das positiv sehen, desto höher ist der Index – und
desto lebenswerter die Gegend.
Der Popsicle-Index ist eine Spielerei, und doch hat er einen ernsten Kern. Damit
Kinder allein zur Eisdiele spazieren können, muss in einem Viertel vieles stimmen.
Es muss einen Laden geben. Man muss zu Fuß hinlaufen können, ohne überfahren
zu werden. Die Gegend sollte sicher sein. Und Familien müssen sich das Wohnen
dort überhaupt leisten können.
Ein kleines Eis lässt also erstaunliche Rückschlüsse auf die Lebensqualität zu.
So wie es gute und schlechte Viertel gibt, gibt es auch glücklichere Nationen und
weniger glückliche. Denn Lebensqualität, Wohlgefühl oder das, was schon die alten
Griechen als „gutes Leben“ verstanden, ist mitnichten nur vom Zufall oder den
Genen abhängig. Es braucht dafür einen gewissen Wohlstand, aber viel weniger, als
viele meinen. Es hat mit Chancen, Bildung, Gesundheit und einer heilen Umwelt zu
tun. Und es kommt auf die Verteilung an, gleichere Gesellschaften sind ganz
offensichtlich glücklicher als sehr ungleiche. Politik spielt also eine viel umfassendere
Rolle für das Glück der Menschen als bislang angenommen.
Woher man das alles weiß? Vor allem in den angelsächsischen Ländern hat sich in
den vergangenen Jahrzehnten eine neue Forschungsrichtung entwickelt, die so
genannte „happiness economics“, die ökonomische Glücks- oder
Lebensqualitätsforschung. Die sucht nach den Grundbedingungen für Wohlbefinden.
Wie man das wiederum messen kann? Beispielsweise durch Befragung. Mit immer
ausgefeilteren Befragungen, mit Zeitreihen und Vergleichen zwischen den Ländern,
kommen die Forscher den Faktoren für Zufriedenheit inzwischen immer stärker auf
die Spur. Unterstützt werden sie dabei von Psychologen und Neurologen. Denn auch
deren Wissenschaft hat in den letzten Jahren Sprünge gemacht. Sie hat festgestellt,
dass Menschen beispielsweise erstaunlich gut zwischen spontanen Glücksgefühlen
und Zufriedenheit unterscheiden können. Immer genauer kommen wir also den
Grundbedingungen auf die Schliche, die stimmen müssen, damit viele Menschen in
einem Land zufrieden leben können.
Lassen Sie uns einen Moment bei diesen Ergebnissen verweilen. Seit Anfang der
80er Jahren untersucht beispielsweise der World Value Survey, wo es den
Menschen wie geht. Und dessen Erkenntnisse sind ausgerechnet für den Westen
ernüchternd. Die Menschen in vielen dieser Länder sind mit ihrem Leben heute nicht
zufriedener als ihre Eltern. Und das obwohl die Wirtschaft in den Industrieländern seit
Jahrzehnten kräftig gewachsen ist, es einem größeren Teil der Bevölkerung also rein
materiell heute so gut geht wie nie. Wir leben in einem Wohlstand, von dem unsere
Eltern oder gar unsere Großeltern kaum zu träumen wagten. Trotzdem geht das
Glücksgefühl in Großbritannien, Belgien, Österreich und, ja, tatsächlich auch in
Deutschland sogar zurück. Zwar ist die Veränderung nicht dramatisch, doch
immerhin.
Immer offensichtlich wird aber: Unsere Lebenszufriedenheit hat sich schon lange
vom Boom der Börsen und der wachsenden Produktion von Gütern und
Dienstleistungen abgekoppelt. Das eine hat mit dem anderen schlicht nichts zu tun.
Da mag der Dax in den Abendnachrichten noch so sehr nach oben sausen und der
Wirtschaftsminister dem Aufschwung huldigen: Unser Glück wächst damit noch
lange nicht.
Das gilt übrigens für die USA noch weit mehr als für uns. In den Vereinigten Staaten
gibt es die wohl längsten und umfassendsten Datenreihen. Die Meinungsforscher
von Gallup haben schon 1946, also bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg,
angefangen, ihre Bürger zu befragen. Amerikaner lieben Statistiken. Doch diese
kann ihnen eigentlich nicht gefallen oder zumindest in ihren Hauptaussagen nicht.
Denn interessant an den amerikanischen Zahlen ist vor allem eines: Obwohl die USA
seit einem halben Jahrhundert den weltweit wohl größten Wirtschaftsboom erlebt
haben, viele Amerikaner reicher wurden, als sie es sich je hätten träumen lassen, die
Häuser heute größer, die Autos schneller und die Shopping-Malls bunter sind,
werden die Menschen schon seit langem nicht mehr glücklicher. 1948 sagten auf die
Frage von Gallup 38 Prozent der Befragten, sie seien „sehr glücklich“. Diese Zahl
bleibt mehr oder weniger bis heute gleich, auch durch all die Jahre, in denen es in
Amerika besonders stark boomte.
Diese Aussagen würden einen nicht überraschen, wäre Amerika das Paradies –
würden sich also fast 100 Prozent der Menschen als ziemlich glücklich bezeichnen.
Dann wäre es kein Wunder, wenn das Glück nicht mehr wüchse. Denn anders als
Einkommen, das (zumindest theoretisch) nach oben unbegrenzt wachsen kann, ist
dieses Lebensgefühl nicht unbegrenzt steigerbar. Zufriedener als zufrieden geht
einfach nicht. Doch von diesem Zustand sind die USA ja bei einer Quote von 38
Prozent augenscheinlich weit entfernt – da wäre noch Spielraum nach oben.
Gestiegen ist das Glück hingegen in vielen Entwicklungsländern. Ronald Inglehart,
ein Politologe der University of Michigan, der seit Jahrzehnten über gesellschaftliche
und persönliche Werte und deren Veränderungen forscht, sagt: „In den meisten
Ländern, die der Survey untersucht, ist das Glück gestiegen.“ Die Erklärung dafür ist
relativ einfach. Viele der untersuchten Länder waren noch vor nicht allzu langer Zeit
bitterarm. In den vergangenen Jahrzehnten ist jedoch deren Volkswirtschaft
gewachsen. Steigt aber das Volkseinkommen von fast nichts auf ein bisschen, steigt
auch die Lebenszufriedenheit der Bürger. Ganz offensichtlich sickert nämlich selbst
bei einer enorm ungleichen Verteilung des Wohlstands und schreiender
Ungerechtigkeit in einem armen Land, dessen Wirtschaft boomt, ein wenig Reichtum
nach unten durch. Dann können sich mehr Menschen genug zu essen kaufen, sich
neu einkleiden und den Besuch beim Arzt bezahlen. Kein Wunder, dass deren
Lebensgefühl besser wird. Ein bisschen mehr Wachstum erhöht also durchaus das
Glück – bis man ein gewisses Wohlstandsniveau erreicht hat.
Danach stimmt die Regel leider nicht mehr: Haben sie erst einmal das Nötigste,
macht das Wirtschaftswunder die Menschen eben nicht automatisch glücklicher. Ab
einem bestimmten Wohlstandniveau beginnen andere Dinge wichtiger zu werden.
Nur, was bedeutet das für moderne Gesellschaften wie die unsere? Was hindert uns
daran, aus dem Überfluss an Dingen mehr Lebenszufriedenheit zu zaubern?
Tim Jackson würde sagen: unser Umgang mit Status und Konsum. Der britische
Professor hat sich Jahre lang mit der Frage beschäftigt, was uns dazu bringt, „immer
mehr“ mit „immer besser“ zu verwechseln. Seine Antwort: „Wir lieben neue Dinge.“
Jackson findet das soweit eigentlich auch noch ganz normal. Das sei sogar eine
anthropologische Konstante. Immer schon und in vielen Kulturen nachweisbar hätten
Menschen Neues interessant gefunden und dann auch besitzen wollen. „Wir alle
sprechen durch unseren Besitz – wir erzählen damit von unseren Hoffnungen,
davon, wer wir sind und sein wollen. Wir wollen zwar nicht genauso aussehen, wie
alle anderen. Aber wir wollen ähnlich sein und akzeptiert werden. Man will
reinpassen.“ Jackson hat für seine These auch ganz praktische Beispiele: Natürlich
wolle keine Frau mit genau dem Kleid zur Hochzeit gehen, das andere Frauen auch
tragen. Doch es sollte in der Regel schon zum Stil des besonderen Ereignisses
passen. Manchmal soll es natürlich auch bewusst aus dem Rahmen fallen. Aber
auch das ist dann schon wieder eine Geschichte. Individualität und Zugehörigkeit
zugleich, das sei jedenfalls das typische Verlangen.
Ein ungeheures Tempo bekam die Entwicklung mit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs. Damals hatten die USA zugleich unglaubliche Überkapazitäten in der
Industrie und eine große Zahl unterbeschäftigter Arbeiter. Und so begann die
Blütezeit der Werbeindustrie, sie verwandelten das Kaufen endgültig von der
Notwendigkeit und dem (für die meisten Menschen vergleichsweise begrenzten)
Vergnügen zum permanenten Begleiter des Alltags und zum unverzichtbaren Teil der
modernen Kultur. Bereits 1955 schrieb der amerikanische Verkaufsspezialist Victor
Lebow: „Unsere enorme Produktivität verlangt, dass wir den Kauf und den Gebrauch
neuer Dinge zu Ritualen machen und unsere Egos durch Konsum befriedigen. Immer
schneller müssen wir Dinge konsumieren, ersetzten und wegwerfen. Status und
Individualität drücken sich heute durch das aus, was jemand trägt, fährt, isst, durch
sein Haus, sein Auto und welche Hobbys er sich leistet.“ Das Erbe dieses Verhaltens
und zugleich sein Antreiber ist heute eine Milliarden schwere Werbeindustrie, die
nichts anderes zu tun hat, als uns zu erzählen, dass wir Neues brauchen und warum
wir mit dem Alten unzufrieden sein sollten.
Die Folgen beschreibt der kanadische Ökonom William Rees so: „Da diese Industrie
vor allem das Unbewusste anspricht, die Hoffnungen und Ängste, ist den meisten
Menschen nicht einmal klar, dass wir in einer Gesellschaft leben, die mehr
manipuliert worden ist als irgendeine andere je zuvor. Wir haben uns auf das Dasein
als Konsument reduziert.“
Harte Worte. Vielleicht kommen sie jemandem, der in der Nachbarschaft der USA
und damit der Heimat der extra großen Shopping-Malls lebt, besonders leicht über
die Lippen. Immerhin kauft sich in den USA heutzutage der durchschnittliche
Verbraucher alle fünf Tage ein neues Kleidungsstück. Doch so manches von dem,
was Rees diagnostiziert, gilt auch hierzulande. Auch wir kaufen immer häufiger
immer mehr und werfen es immer schneller gelangweilt in die Ecke werfen. Kein
Wunder die andere haben das auch, schon gilt es etwas anderes, besondere zu
bekommen.
Interessant ist das, nimmt man eine andere Erkenntnis dazu: Die Briten Richard
Wilkinson und Kate Picket, die nach den Zusammenhängen von Wohlstand,
Gleichheit und Glück forschen, belegen: Tatsächlich sind in gleicheren
Gesellschaften mehr Menschen mit ihrem Leben zufriedener als in ungleichen. Ganz
offensichtlich sind also Länder wie die USA selbst in Boomzeiten mitnichten das
Modell einer guten Gesellschaft. Denn starke Ungleichheit belastet zunächst die
Armen und zwar nicht nur, weil sie wenig haben. Mindestens so entscheidend ist,
dass sie weniger als die anderen haben. Dabei zählen zum Weniger auch
immaterielle Werte: eine schlechtere Gesundheit, weniger Bildung oder das Gefühl,
nicht dazuzugehören. Unten bleibt unten.
Doch die Ungleichheit ist nicht nur für die Armen anstrengend, sondern auch für die
Mittelschicht und sogar für die Reichen – so absurd das im ersten Augenblick
scheinen mag. Je mehr Gesellschaften auseinanderklaffen, desto mehr wetteifern
ihre Bürger darum, viel zu besitzen und zwar mit allen Mitteln. Sie geraten in die
Tretmühle: jedes Jahr ein bisschen reicher, aber zunehmend gestresster und kein
bisschen zufriedener. Man kann das in den USA leicht beobachten. Kein anderes
Land ist freundlicher zu denen, die es „schaffen“. Wer bezahlen kann, dem stehen
die Türen zu den besten Unis offen, zum Leben im richtigen Stadtviertel in einem
tollen Haus. Doch verliert jemand seinen Job, dann fällt er schnell und tief: Weg sind
nicht nur Haus und Auto, sondern auch die Schule für die Kinder, die Altersvorsorge
und die Krankenkasse. So etwas stresst.
Überraschend ist das eigentlich nicht: Was nützt der Boom, wenn die Jobs immer
stressiger werden, der Druck auf den Einzelnen immer höher? Was nützt der
Wohlstand, wenn er vor allem denen da oben zugute kommt und unten die prekären
Jobs boomen? Was, wenn doch alle ahnen, dass wir unsere Umwelt und die
Staatsfinanzen ruinieren, und Angst haben müssen, dass spätestens für unsere
Kinder das „gute Leben“ immer schwieriger zu finden sein wird? Kein Wunder, wenn
heute schon Kinder in der Grundschule gestresst sind und Burn-out eine
Volkskrankheit.
Jahrelang galt all das übrigens als zu vernachlässigende Nebeneffekte von
zukunftsfähigen Ländern: Glaubten wir nicht alle ein wenig, dass sich dynamische
Gesellschaften gerade dadurch auszeichneten, dass sie sehr durchlässig waren -
nach oben und nach unten? „Wir sind unglaublich entspannt, wenn Leute stinkreich
werden“, sagte Peter Mandelson, der wichtigste Stratege der britischen Labourpartei
unter Tony Blair, und brachte damit doch nur den Zeitgeist zum Ausdruck. Reichtum
für die da oben war gut, denn nach unten würde schon genug durchfallen, und die
Wirtschaft würde dadurch auch besser wachsen.
Das Problem ist eben nur: Weder haben die so geschaffenen Wachstumsraten die
Menschen zufriedener gemacht, noch haben sie uns bisher ein Wirtschaftsmodell
beschert, das sicher und zukunftsfähig ist. Im Gegenteil: Die Finanzkrise hat deutlich
gezeigt, wie wackelig ein Wohlstandsmodell ist, wenn es vor allem auf möglichst
großen Zuwachs setzt und auf einen Boom an den Börsen.
Was daraus folgt? Sicher kein Aufruf zur Askese und schon gar nicht an die da
unten.
Wir sollten aber grundsätzlich über die Kriterien sprechen, die in Deutschland
möglichst vielen Menschen ein gutes und sicheres Leben ermöglichen – statt
stereotyp das Mantra vom „Immer mehr“ zu wiederholen. Die Debatte darüber könnte
uns dann ganz nebenbei auch noch bei einem anderen drängenden Problem helfen:
beim Entzug der Politiker von der Wachstumsdroge. Bisher gilt als globaler Konsens.
Je mehr die Weltwirtschaft wächst, desto besser. Sicher, inzwischen sagt fast jeder
Politiker mehr oder weniger verschämt „nachhaltig“ dazu. Aber im Grunde gilt das
Land als erfolgreich, in dem die Wirtschaft möglichst stark boomt. In dem das
Sozialprodukt möglichst stark steigt.
Nur leider stimmt das so nicht.
Denn was sagt das Bruttoinlandsprodukt (auch BIP abgekürzt)? Was sagt das
Sozialprodukt? Wenn diese Zahlen wachsen, steigt der Umsatz vieler Unternehmen,
es werden mehr Waren verarbeitet, verkauft und verbraucht. Es wird gehandelt, es
brummen die Maschinen, es gibt mehr Dienstleistungen. Doch das heißt mitnichten
automatisch, dass es mehr Menschen besser geht. Das BIP selbst sagt nicht
automatisch etwas über das Leben in einem Land.
BIP
ist blind, wenn es um die
Verteilung des Reichtums geht. Es zählt nicht all die Arbeit, die ehrenamtlich oder
freiwillig in einem Land verrichtet wird, und es kann die Schwarzarbeit nicht messen,
denn für beides reichen die Informationen nicht. Das BIP verrät nicht, ob eine
Wirtschaft solide und krisenresistent ist. Und es sagt nichts darüber aus, ob ein Land
sich in die richtige Richtung entwickelt oder ob es einfach Raubbau an Mensch und
Umwelt betreibt – es zählt Umweltzerstörung sogar als Gewinn.

Wie absurd es ist, den ökonomischen Erfolg eines Landes auf das BIP zu
reduzieren, zeigen ein paar einfache Beispiele. Ereignet sich heute ein Unfall, wird
ein Auto zu Schrott gefahren und landet der Fahrer im Krankenhaus, dann wächst
laut Bruttoinlandsprodukt die Wirtschaft – obwohl doch das Ereignis dem Mann wie
der Gesellschaft schadet. Oder, ein zugegebenermaßen ziemlich altmodisch
klingendes Beispiel: In dem Augenblick, in dem der Mann seine Haushälterin heiratet
und sie fürderhin umsonst für ihn putzt, sinkt das Sozialprodukt. Es sinkt auch, wenn
an der Börse die Luftbuchungen der Banken platzen, das haben wir in der
Finanzkrise ja gerade hinreichend erlebt. Und noch absurder verhält es sich beim
Verbrauch der Umwelt. Ob Ressourcen nachhaltig genutzt werden oder nicht, ist
dem BIP völlig egal. Die Umwelt kann sogar kaputtgehen, das BIP wird trotzdem
größer.
Die meisten Experten wissen um diese Absurdität und natürlich auch die klügeren
Politiker. Nur, welche Alternativen zum Wachstum haben sie? Bisher brauchten die
Regierungen hohe Wachstumsraten wie Ertrinkende das Rettungsboot. Weil sie
glauben, nur ein wachsender Haushalt sei ein guter Haushalt. Weil auch sie „immer
mehr“ mit „immer besser“ verwechselt haben. Leider haben wir alle dabei nur
verdrängt, dass durch dieses Modell ganz offensichtlich der Globus ruiniert wird. Das
ist zwar nicht neu, aber in letzter Zeit wird es offensichtlich. Wir werden zwar
nominell noch reicher, aber in Wirklichkeit ärmer. Jede Ölpest ist gut für die
Wirtschaft, weil danach das Bruttosozialprodukt steigt. Dabei wachsen wir uns quasi
in den Ruin, unser Wirtschaftswunder lebt auf Pump, ökologisch gesehen. Wir
ruinieren das Klima, wir laugen die Böden aus, vernichten die Arten und fischen die
Meere leer. Und bisher hat es noch niemand geschafft, unser Wachstum wirklich
grün zu machen. Es ist auch zweifelhaft, ob das überhaupt möglich ist.
Der Klimaberater der Bundeskanzlerin, Hans Joachim Schellnhuber, hält die
Hoffnung auf grünes Wachstum jedenfalls für „hochgradig naiv“. Und der
Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Nico Paech, einer der wenigen seiner Zunft,
die die ökologische Frage mitdenken, spricht von einer „Utopie“. Man müsse sich nur
die Zahlen anschauen. Danach verbrauchen wir mit unserem heutigen Lebensstil im
Jahr mehr als zwei Welten, und eine Trendwende sei nicht in Sicht. Folglich nähern
wir uns unweigerlich dem Umwelt-GAU, beim Klima allemal, aber nicht nur dort.
Trotzdem ist das Nachdenken über „weniger“ eines der letzten Tabus, unter
Ökonomen sowieso, aber auch unter Politikern.
Weniger: Wer das Wort sagt, der müsste erklären, wo und bei wem gespart werden
soll. Kein Wunder also, dass die Spitzenpolitiker aller Parteien davor
zurückschrecken, selbst die der Grünen. Denn sie können dieses Risiko nur wagen,
wenn sie neue Worte dafür finden, wie das Leben dann trotzdem interessant, neu
und lebenswert bleibt.
Manche versuchen das auch, halbherzig noch, aber immerhin. Der französische
Präsident Nicolas Sarkozy entdeckte das Thema als einer der Ersten für die große
Politik. Am Montag, dem 14. September 2009, also genau ein Jahr nach dem
Bankrott der amerikanischen Bank Lehmann Brothers, dem Ereignis, das die Welt in
die Wirtschaftskrise stürzte, lud er zu einer internationalen Konferenz in die Große
Aula der Pariser Sorbonne Universität. Dort rief der Staatschef zu einer statistischen
Revolution auf: „Raus aus der Religion der Zahlen“, lautete die Parole. Dann stellte
er die Ergebnisse der „Kommission über die Messung der wirtschaftlichen Leistung
und des gesellschaftlichen Fortschritts“ vor. An deren Spitze standen Experten im
Anders-Denken: die nobelpreisbewährten Ökonomen Joseph Stiglitz und Amartya
Sen sowie deren französischer Kollege Jean-Paul Fitoussi. Sie sollten gemeinsam
als Lüge entlarven, dass unser aller Maß für das Wirtschaftswachstum, das
Bruttoinlandsprodukt (BIP), den Wohlstand der Nationen widerspiegele. Und sie
sollten Alternativen vorschlagen.
Die Kommission (zu der übrigens kein Ökonom einer deutschen Universität gehörte)
füllte 292 kluge Seiten. Sie empfiehlt, neue statistische Instrumente zur Messung des
Wohlstands der Nationen einzuführen.

„Die Welt ist reif, von der Messung der
Produktion zur Messung des Wohlergehens der Menschen zu wechseln“, schreiben
die Forscher. Und sie sagen ganz explizit: „Diejenigen, die unsere Gesellschaften
mithilfe des BIP lenken wollen, sind wie Piloten ohne einen verlässlichen Kompass.“

Dennoch:
Am Ende lässt der Bericht vieles offen. Er soll „eher der Anfang einer
Debatte sein als ihr Ende“, heißt es.
Man kann das mutlos nennen, andere Wissenschaftler wie beispielsweise der
Frankfurter Stefan Bergheim oder der Heidelberger Hans Diefenbach präsentieren
inzwischen eigene Indizes. In Großbritannien gibt es den Happy Planet Index und
selbst der Club der reichen Industrieländer, die OECD, experimentiert mit anderen
Maßzahlen. Aber man kann auch fragen: Warum sollen Wissenschaftler sich für
einen anderen Index entscheiden, dem automatisch andere Werturteile zugrunde
liegen? Ist es nicht der Job gewählter Politiker zu entscheiden, woran sie gemessen
werden wollen? In Großbritannien, Kanada und Neuseeland gibt es inzwischen
nationale Glücksindizes.

Aber die deutsche und die französische Regierung drücken
sich davor bis heute. Denen ist anderes wohl wichtiger.
Immerhin, der Bundestag ist aktiv. Auf Drängen von SPD und Grünen richtete er vor
einem Jahr eine Enquete-Kommission mit dem Titel: „Wachstum, Wohlstand,
Lebensqualität“ ein. Wenn die gut läuft, soll auch sie sich am Ende auf einen neuen
Indikator für Lebensqualität geeinigt haben. Denn es gibt sie ja auch bei den
Parteien, die Weiterdenker. Die SPD versammelt sie zaghaft in einer
Fortschrittswerkstatt, bei den Grünen schwappt die Debatte immer mal wieder hoch,
und auch die CDU hat mit Kurt Biedenkopf oder Klaus Töpfer schon lange ihre
Experten.
Interessanter noch ist jedoch, was im Kleinen, im echten Leben geschieht –
beispielsweise in vielen Städten. Da fahren junge Leute heute schon viel weniger
Auto und wollen trotzdem mehr Mobilität. Durch Car-Sharing, neue Kombinationen
von Elektroautos und die Bahn bekommen sie genau das: mehr und weniger
zugleich: weniger eigenes Auto, mehr Beweglichkeit. Das Beispiel könnte, denkt man
es weiter, zu einer ganz neuen Debatte über privaten Besitz und kollektive Nutzung
führen. Kombiniert man „Haben“ und „Nutzen“ neu, könnten Menschen mit wenig
Eigentum trotzdem mehr genießen: in Gemeinschaftsgärten, Bibliotheken, durch
Tauschringe und neue Verkehrskonzepte. Das mag utopisch klingen, im Kleinen
vielleicht niedlich wirken, im Großen unmöglich.
Aber hat nicht das meiste Neue so begonnen? Durch Zweifel an der Gegenwart?
*****

 


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