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<<SWR2 Blick in die Zeit: Carsten Otte: Schießen mit Spaß >>
Autor: Carsten Otte
Redaktion: Jürgen Hoeren, Daniela Kiefer
Sendung: Sonntag, 3. Dezember 2006, 14.50 Uhr, SWR 2
Diese Kopie wird nur zur rein persönlichen Information überlassen. Jede Form der Vervielfältigung oder Verwertung bedarf der ausdrücklichen vorherigen Genehmigung des Urhebers.

ÜBERBLICK

Erster Advent. Für den Einzelhandel beginnt die wichtigste Zeit im Jahr. In den nächsten Wochen werden Geschenke gekauft. Zum Beispiel Killerspiele. Der Amoklauf des Computerspiel-Süchtigen im westfälischen Emsdetten ist nach einer kurzen und wie immer aufgeregten Debatte wieder vergessen.
Carsten Otte deutet die Sehnsucht nach Killerspielen als Symptom einer militarisierten Gesellschaft, die sich mit den Ursachen für jugendliche Gewalt-Exzesse nicht beschäftigen will.
 

ZWISCHENBEMERKUNG
Kulturpunkt - Redaktion - Fazit: Zielen wir mit unserem neoliberalen Meinungs- und -Machern  in  realiter  auf eine Par(i)a -Militär - Demokratrie ?..


INHALT

Erster Advent. Für den Einzelhandel beginnt die wichtigste Zeit im Jahr. In den nächsten Wochen werden Geschenke gekauft. Für die Bescherung am Heiligen Abend. Zum Beispiel in einem der großen Elektronik-Kaufhäuser im Lande. In dem Markt, dessen Werbespruch lautet: „Ich bin doch nicht blöd.“ Fragt sich nur, wer blöd ist. Der Kunde, der wegen der blöden Werbung den Laden nicht betritt. Oder der Kunde, der sich den aktuellen Prospekt genauer anschaut: Auf jeder Seite sind rosa Schweinchen abgedruckt. Und daneben steht geschrieben: „Saubillig!“ Oder: „Sauviel Spass!“ In der Unterhaltungsbranche gibt es kein Niveau, das nicht unterschritten wird. Das ist nichts Neues. „Ich bin doch nicht blöd.“ „Saubillig.“ „Sauviel Spass.“ Saublöd dieser Quatsch, könnte man meinen. Erwachsene werden das Werbeblättchen mit einem Kopfschüt-teln zur Seite legen. Jugendliche und Kinder dagegen wissen ohnehin, was drin steht. Sie wissen, wie viel das Computerspiel „Armed Assault“ kostet. Und sie wissen, was die inhaltliche Beschreibung des Spiels verspricht: „Der aktuelle Taktik-Shooter von den Entwicklern von Flashpoint ruft mit spektakulären Features erneut zu den Waffen.“ Wer sich als Sprachpurist über Anglizismen im Radio und Zeitungen aufregt, soll-te sich auf keinen Fall mit dem beschäftigen, was Jugendliche heutzutage interessiert. Dabei wäre das sehr wichtig. Nicht wegen der Anglizismen. Nicht wegen Flashpoint, der spektakulären Features und des Taktik-Shooters. Sondern wegen der Waffen, die im Spiel sind.

War da was? Ein 18jähriger Schüler aus dem westfälischen Emsdetten kündigt im Internet einen Amoklauf an. Er schleppt schweres Waffengerät in seine Schule und schießt um sich. Nach dem Amoklauf bringt sich der Schütze um. Game over. Eine Szene wie in den Ballerspielen, die er so geliebt hat. Eine bekannte Debatte beginnt: Killerspiele sollen verboten, die Waffengesetze verschärft werden, fordern Politiker. Ein direkter Zusammenhang zwischen den Spielen und den Taten könne nicht nachgewiesen werden, sagen Pädagogen, Psychologen, Computerspielfans und - wen wundert´s? ? die erfolgreichen Spiele-Hersteller. Es ändert sich nicht viel. Irgendwo in Deutschland plant ein frustrierter, junger Mann ein neues Blutbad.

Kaum eine Debatte ist so sehr von Heuchelei geprägt wie diese Gewaltdiskussion, deren Teilnehmer sich nach zwei, drei Medienauftritten einem anderen debattenverdächtigen Thema zuzuwenden. Kurz vor dem Amoklauf in Emsdetten druckte das Hamburger Magazin „Der Spiegel“ in großen Lettern folgendes Zitat auf die Titelseite: „Die Deutschen müssen das Töten lernen“. Im Hintergrund sah man, leicht verschwommen, einen Soldaten mit Maschinenpistole im Anschlag. Die kaum lesbare Unterzeile informierte, dass der „Spiegel“ über die Rolle der Bundeswehr in Afghanistan berichtete. „Die Deutschen müssen das Töten lernen.“ Völlig unerheblich, aus welchem Zusammenhang das Zitat gerissen wurde. Völlig unerheblich, dass es sich überhaupt um ein Zitat handelte. Die Botschaft war wichtig. Und die Botschaft, dass die Deutschen das Töten lernen müssen, ist angekommen. Möglicherweise beim Amokläufer in Emsdetten. Bei Sebastian B., der endlich mal im Mittelpunkt einer Welt stehen wollte, die ihn zum Außenseiter gemacht hat.

Es ist nicht auszumachen, ob die Schlagzeile einer Zeitschrift mehr Einfluss auf die Gedankenwelt eines Pubertierenden hat als ein Killerspiel. Vielleicht hatte der Amokläufer aus Emsdetten im Laufe seines kurzen Lebens nie eine Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins in der Hand. Fest steht, dass der junge Mann sich gerne in Soldaten-Uniform fotografieren ließ und diese Bilder ins Internet stellte. Darauf sieht er aus wie der Soldat auf dem Spiegel-Titel. Es gibt auch Fotos des Schützen, die an die Helden aus dem Killer-Comic-Film „Pulp Fiction“ erinnern. Schwarze Sonnenbrille, schwarzer Anzug und den Finger am Abzug. Wer diese Fotos angeschaut, den Abschiedsbrief des Amokschützen gelesen und seine Videobotschaften gesehen hat, braucht kein Psychologe zu sein, um zu bemerken, dass hier einer die Erwachsenenwelt zum Vorbild genommen hat. Mit seiner Tat wollte Sebastian B. endlich erwachsen werden. So erwachsen wie ein Bundeswehrsoldat. So erwachsen wie die Helden in Computerspielen. In den Ballerspielfilmen. Und er hat es geschafft. Die mediale Zentralinstanz der deutschen Erwachsenenwelt, die BILD-Zeitung, hat seine Fotos abgedruckt. Jeder noch so verdrehte Gedanke, den er in seinem Tagebuch festgehalten hat, wurde von dem Boulevardblatt veröffentlicht. Endlich wissen alle pubertierende Möchtegern-Killer im Lande, wie einfach es ist, ein Medienstar zu werden. „Mit einer abgesägten Flinte schoss er sich in den Mund“ ? lautete die pseudoliterarische Überschrift in BILD, die dem jugendlichen Täter einen Kultstatus verlieh. Scheinheilig fragte das Blatt: „Wie gefährlich ist die dunkle Welt des Internets?« Nicht gefährlicher jedenfalls als die Lektüre der BILD-Zeitung.

Jedes Computerspiel, das hierzulande verkauft wird, erhält von einer Institution, die den bürokratischen Namen „Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle“ trägt oder wie ei-ne militärische Spezialeinheit kurz „USK“ genannt wird, einen Stempel mit Altersfrei-gabe. Jugendliche lachen darüber. Natürlich spielen sie jene Spiele am liebsten, die nur für Erwachsene bestimmt sind. Spiele, in denen Köpfe weggeschossen werden und Granaten den virtuellen Feind pulverisieren. Die jugendlichen Spieler wissen, daß der Verkauf auch von der USK nicht kontrolliert wird. Was im Regal steht, landet auch in den Kinderzimmern. Im Internet wird ohnehin alles ohne Kontrolle angeboten. Die Computer-Spiele und, wenn nötig, auch die echten Waffen. Getreu dem Verkaufs-Motto: „Ich bin doch nicht blöd“.

„Das sind völlig unverantwortliche und indiskutable Machwerke, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben dürfen“, sagt der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Markige Worte, die keinem helfen. Die einfache Frage, warum es in unserer Gesellschaft ein Bedürfnis nach diesen unverantwortlichen und indiskutablen Machwerken gibt, mag Stoiber nicht stellen. Was müsste denn getan werden, wenn Kinder und Jugendliche in ihren Killerspielen und auch in ihren Gewaltexzessen nur das nachahmen, was ihnen auf unverantwortliche und indiskutable Weise vorgelebt wur-de, wenn das Killerspiel also ein Symptom unserer militarisierten Gesellschaft ist? Militarisierte Gesellschaft? Das hört sich nach ideologisierter Fundamentalkritik aus den sechziger, siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an. Dabei muss man nur den Fernseh-Apparat einschalten, um zu sehen, was damit gemeint ist. Oder ins Kino gehen. James Bond ? die Kino-Unterhaltung für die ganze Familie. Da wird getötet wie im Killerspiel. Freigegeben ist der Film ab 12 Jahren.

Nach dem Amoklauf des 19jährigen Robert Steinhäuser vor vier Jahren an einem Erfurter Gymnasium wehrte sich die Counterstrike-Comunity gegen Pauschalvorwürfe. Nicht jeder Spieler sei ein potentieller Killer. Nach dem Blutbad in Emsdetten liest man auch kritische Stellungnahmen im Netz: „Mal ehrlich“, heißt es in einem einschlägigen Internet-Forum, „abgesägte Langwaffen, Granaten, Rauchbomben ? man findet schon viele Parallelen zwischen Spiel und Amoklauf.“ Der Emsdetter Amokläufer hatte sich seine Schule als Counterstrike-Level eingerichtet. Er hat tagelang geübt, bevor er losschlug.

So selbstkritisch wie die betroffenen Jugendlichen sind die meisten Teilnehmer der aktuellen Debatte leider nicht. Die Politik streitet wieder über eine Verschärfung des Jugendschutzes, ohne auf die gesellschaftlichen Ursachen näher einzugehen. Wer Killerspiele herstellt oder verkauft, warnt vor „Zensurmaßnahmen“ der Politik und verteidigt das virtuelle Abschlachten als „maximalen Spielspaß“. Lehrer beschweren sich über Eltern, die sich nicht genug um ihre Kinder kümmern. Eltern wiederum klagen über Lehrer, die Schüler ausgrenzen. Schuld sind immer die anderen. Chefredakteure aber, die den Satz „Die Deutschen müssen das Töten lernen“ auf eine Zeitschrift drucken lassen, sind grundsätzlich unschuldig. Waffenverkäufer, die ihre tödlichen Waren nicht nur in ausländische Krisengebiete liefern, sondern auch inländische Kinderzimmer bestücken, sind ebenfalls unschuldig ? weil sie Arbeitsplätze sichern. Militärstrategen, die in Talkshows von High-Tech-Waffen schwärmen, über angeblich saubere Kriege theoretisieren und von sogenannten Kollateralschäden sprechen, sind sowieso unschuldig. Der Amokläufer von Emsdetten ist auch ein Kollateralschaden. Und zwar im großen, medialen Geschäft mit der Heuchelei.

Erster Advent, bald ist Weihnachten. Jetzt werden die Geschenke ausgesucht. Wenn sich Eltern gegen die Killerspiel-Wünsche der Kleinen entscheiden, ohne sich mit dem Thema näher zu beschäftigen, werden sie lediglich schlechte Stimmung unterm Tan-nenbaum provozieren. Ändern werden sie nichts. Es geht aber auch anders, wie die Geschichte eines Freundes zeigt: Vater und Sohn sitzen in der Spiele-Abteilung eines großes Kaufhauses. Der Sohn erklärt dem Vater, wie „Counterstrike“ funktioniert. Nach einer Weile sagt der Vater, warum ihm das virtuelle Töten, das zunehmend realer dargestellt wird, zuwider ist. Vater und Sohn sprechen über die Amokläufe in Erfurt und an der Columbine High School in Littleton. Der Sohn bekommt trotzdem, was er sich wünscht. Das war vor einem Jahr. Und heute? Wieder stehen neue Killerspiele im Kaufhausregal. Die Werbung verkündet: „Saubillig“ Und: „Sauviel Spass“. Der Sohn hat kein Interesse. „Ich bin doch nicht blöd“, sagt er. Erwachsene, die wissen, worüber sie sprechen, werden von Kindern und Jugendlichen auch ernstgenommen.


 


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