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SWR2 Wissen: Aula - Michael Maier: Globale Verblödung oder Fortschritt . Wie verändert das Internet unsere Welt?
Sendung am Sonntag, 29.08.2010, 08.30 bis 9.00 Uhr
Autor und Sprecher: Dr. Michael Maier *
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung: Sonntag, 29. August 2010, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

ÜBERBLICK
Kaum ein neues Medium wird so unterschiedlich bewertet wie das Internet. Die einen verbinden mit ihm den Untergang des Abendlandes, sie haben Furcht vor Kindern, die nicht mehr richtig lesen und schreiben können, vor einer Gesellschaft, die nur noch Diskurse im Cyberspace führt. Andere verbinden mit dem Internet lauter Revolutionen, sie träumen von neuen Kommunikations- und Arbeitsformen, die dieses Medium eingeführt hat. Michael Maier, Buchautor, Internet-Unternehmer und Journalist, erklärt, wie und warum sich unser Leben mit dem Internet verändert.

Zum Autor:
* Zum Autor: Dr. Michael Maier (früher Chefredakteur „Die Presse“/Wien, „Berliner Zeitung“, „Stern“ und „Netzeitung“) leitet das Team der Fachinformation „Blogform Professionell Information“, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, aus der unübersehbaren Anzahl ständig neuer Quellen in den neuen Medien unabhängig in die Tiefe gehende Informationen und Analysen aus gesellschaftlichen relevanten Bereichen anzubieten. Er hat an der Hebräischen Universität Jerusalem zum Thema „Antisemitismus in den Medien der DDR“ und als Fellow am Joan Shorenstein Center for the Press, Politics and Public Policy der Kennendy School of Government an der Harvard Universität zum Thema „Umweltjournalismus in Bürgermedien“ geforscht. Er ist Lehrbeauftragter an der Fachhochschule für Management und Kommunikation in Wien.
Buchtipp:
Die ersten Tage der Zukunft. Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können. Pendo Verlag. 2008.

Buchtipp:
Die ersten Tage der Zukunft. Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können. Pendo Verlag. 2008.

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INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Globale Verblödung oder Fortschritt zum Besseren – Wie verändert das Internet unser Denken?“
Internet-Kulturpessimisten und -Optimisten können sich trefflich über dieses Medium streiten. Jene sagen: Das Internet macht uns zu Cyberspacejunkies, die nicht mehr wissen, wie die Realität aussieht und funktioniert, die deshalb ins Virtuelle flüchten. Statt Freunde zu treffen, nehmen wir mit Facebook vorlieb, statt sich mit Gleichgesinnten auszutauschen oder zu engagieren, schreiben wir neuerdings irgendwelche kruden Botschaften in einen Blog. Falls wir überhaupt noch schreiben können, denn – auch das sagen die Pessimisten – das Internet fördert Analphabetismus, weil ja die Bilder dominieren.
Und was sagen die Optimisten? Das erfahren Sie nun im Vortrag von Michael Maier, er ist so ein Optimist, gleichzeitig ist er Journalist, Medienunternehmer, Buchautor. Er zeigt in der SWR2 Aula, warum es völlig falsch wäre, das Internet zu dämonisieren.
Michael Maier:
Das Internet ist ein Informationsmedium und Informationskanal. Das Internet ist etwas, vor dem wir uns nicht fürchten müssen. Ich glaube, das ist eines der großen Probleme, mit denen wir in Deutschland zu kämpfen haben: eine gewisse Skepsis gegenüber Technik bzw. gegenüber der Möglichkeit, Technik zu missbrauchen. Diese Skepsis rührt vermutlich aus unserer Geschichte. Wir haben es erlebt, und Hannah Arendt hat es einmal sehr drastisch ausgedrückt, indem sie gesagt hat: "Man stelle sich einmal vor, die Atombombe in den Händen eines Tyrannen wie Adolf Hitler – das würde das Ende der Welt bedeuten."
In Deutschland ist sehr lange alles, was technische Implikationen hat oder nur ansatzweise mit Technik zu tun hat, unter einem Generalsverdacht gestanden. Jeder Computer musste sich zunächst einmal rechtfertigen. Es war nicht so sehr die Frage, wie kann ich ihn denn vernünftig verwenden, sondern die Hauptsorge der Leute war, was kann der Computer eigentlich für eine Gefahr für mich bedeutet. Das widerspricht meiner grundsätzlichen Sicht von Dingen, und ich halte es da mit Thomas von Aquin, der sagt, es gibt keine guten und schlechten Dinge, es gibt nur guten und schlechten Gebrauch von Dingen. Und daher, glaube ich, ist die Angst vor Technik oder die Unterstellung, dass Technik uns überrollen könnte, ein irrationale Angst, die in der deutschen Kultur und in der deutschen Geschichte sehr begründet ist. Wir leben in einer globalisierten Welt, und die deutsche Sicht ist nur eine von vielen.
Wir haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer vom Primat der Amerikaner gesprochen; wenn wir heute in die Welt schauen, sehen wir, dass die Welt größer und kleiner zugleich geworden ist: wir haben es mit asiatischen Märkten zu tun, wir haben es mit asiatischen Kulturen zu tun, Wir haben es mit afrikanischen Kulturen zu tun, mit russischen, mit lateinamerikanischen, alles vermischt sich, und wir können es uns aus deutscher Sicht, so meine ich, nicht leisten zu sagen, wir ziehen uns zurück, wir hatten immer eine bessere Welt, wir brauchen das nicht, wir schotten uns ab gegen das Böse. Diese Theorie funktioniert nicht. Ich glaube, wir müssen an das Internet vollkommen wertfrei herangehen. Wir müssen sagen, das Internet ist ein neuer Informationskanal, ein neuer Kommunikationskanal, den wir haben, und wir müssen erst lernen, diesen Kanal richtig zu verwenden.
Warum ist das notwendig? Man könnte ja auch sagen, wir haben 2000 Jahre ohne Internet gelebt, brauchen wir das eigentlich? Meine These ist, dass durch die Globalisierung auch ein globaler Informations- und Kommunikationskanal notwendig geworden ist. Unsere Probleme, wir haben das während der Finanzkrise gesehen, unsere Umweltprobleme, Umweltkatastrophen, die uns drohen können, sind global geworden. Also müssen auch unsere Instrumente zur Lösung der Probleme global sein.
Dazu reicht es nicht mehr zu sagen, wir haben aber ein gutes Rundfunksystem; es reicht auch nicht mehr zu sagen wir haben gute Zeitungen. Beides ist richtig und toll. Es reicht aber nicht. Wir müssen eine gemeinsame Verständigung finden, von Asien über Afrika über Lateinamerika und durch die ganze Welt. Die Beschleunigung, die durch die Entwicklung der globalen Kommunikationssysteme entstanden ist, hat uns das Internet einerseits ins Haus gebracht, aber zugleich auch die Lösung aufgezeigt, wie wir damit umgehen können. Ich habe mir einen Vergleich überlegt, der ein bisschen nach Biologie klingt, der aber nicht so gemeint ist, sondern mehr als Metapher dienen soll.
Wenn wir uns den Menschen anschauen und sagen, der Mensch ist die Krönung der Schöpfung, so ist das zwar einerseits richtig, aber es gibt auch andere Lebewesen, die schon über viele Millionen Jahre global kommunizieren können. Ich nehme da gerne das Beispiel der Delphine. Delphine leben eigentlich seit Tausenden von Jahren so wie die Menschen heute leben: Sie sind Migranten, sie leben in Ozeanen, sie müssen sich bewegen, sie müssen durch hohe Wellengänge, sie sind verstreut, sie sehen einander nicht, sie müssen auf Zuruf funktionieren, obwohl sie Tausende von Kilometern voneinander entfernt sind. Und erstaunlicherweise hat die Forschung ermittelt, dass die Delphine das so genannte Echolotsystem entwickelt haben, welches eigentlich den Prinzipien des Internet sehr ähnlich ist. Das heißt, sie haben als Gattung einen Kommunikationskanal entwickelt, mit dem sie bei undurchsichtigem Wasser, bei hohem Wellengang, über große Entfernungen miteinander kommunizieren können.
Sie können nicht mit einer Zeitung kommunizieren, sie können nicht Radio hören, sie können auch keine Briefe schreiben, sie können nicht miteinander sprechen im klassischen Sinne, aber sie haben etwas entwickelt, was Raum und Zeit überwindet und ihnen als Gattung die Möglichkeit gibt, Gefahren schneller zu erkennen. Und wenn wir das Internet einmal aus dieser Perspektive betrachten, sehe ich es genauso: als eine Möglichkeit für Menschen, schnell miteinander zu kommunizieren, gemeinsam auf Gefahren hinzuweisen, um uns gemeinsam auf Gefahren einzustellen und uns zusammen zu tun, um Probleme zu lösen.
Was ist das Internet eigentlich? Letztlich ist es nichts anderes als eine technische Infrastruktur, Kabel, die unter der Erde verlegt sind, die für uns Menschen eigentlich keine Bedeutung hätten. Wir haben aber begonnen, es zu benutzen, und haben ganz neue Formen entwickelt.
Ich glaube, dass diese neuen Formen in mancherlei Hinsicht dem Echolot der Delphine sehr ähnlich sind. Alle diese Kommunikationsprozesse laufen darauf hinaus, dass man sagt, ich möchte die Nähe des Anderen haben, ich muss wissen, wo ist der andere, ich muss ein Gefühl haben, was macht der andere gerade. Das können sie natürlich bei Kindern und Jugendlichen besonders beobachten. Kinder und Jugendliche haben ein ausgeprägtes Kommunikationsbedürfnis, gesellschaftlich betrachtet haben sie jedoch immer große Kommunikationsdefizite. In den Familien wird wenig gesprochen, das Fernsehen hat dazu geführt, dass Passivität und Konsum letztendlich vor dem Informationsaustausch in den Vordergrund getreten ist. Dabei wissen wir, dass Fernsehen tatsächlich zur Nicht-Aktivität des Gehirns führt. Aber die Jugendlichen und Kinder haben wenige Möglichkeiten, sich zu artikulieren. Heute, durch das Internet, sind sie auf einmal in der Lage, über die Kontinente, über Länder, über Orte hinweg mit allem und jedem zu kommunizieren.
Wir älteren Mitbürger, wie Harald Schmidt sagen würde, sind ja eher noch mit der E-Mail beschäftigt und halten die E-Mail für das Internet. Wenn man genau hinschaut, ist die E-Mail schon längst überholt. Die E-Mail ist ein erster Schritt des schnellen Kontakts, aber tatsächlich kommunizieren die jungen Menschen heute über ganz neue Dinge wie Instant Messaging, über soziale Netzwerke, sie kommunizieren sehr schnell, sie sind immer online, immer mit ihren Freunden vernetzt und sie sind damit in der Lage, Informationen auszutauschen, aber auch ein Gefühl der Geborgenheit zu bekommen.
Wenn man das ausweitet auf das Erwachsenenleben heute, noch anders als vor zwei Jahren, sind auch die meisten Erwachsenen bereits in irgendwelchen sozialen Netzwerken organisiert. Ich glaube, dass das für viele Menschen eine Möglichkeit ist, aus ihrer täglichen Isolation herauszukommen und sich mit anderen in Verbindung zu bringen. In diesem Zusammenhang muss man zum Beispiel Partnernetzwerke erwähnen. Früher war es für jemanden, der im Dorf oder in der Kleinstadt ab einem gewissen Alter nicht sehr gut verdrahtet war, praktisch unmöglich oder zumindest sehr schwer, einen Lebenspartner zu finden. Wenn der- oder diejenige noch dazu berufstätig war und erst abends nach Hause kam, war die Chance, einen Lebenspartner zu finden, sehr gering. Heute schließen Millionen von Menschen Beziehungen über das Internet, ganz unspektakulär, davon hören wir nichts, es gibt keine Skandale, es gibt nichts, worüber man in dem Sinn berichten könnte - außer, dass Millionen von Menschen mithilfe der Technik in der Lage gewesen sind, ihre eigene Isolation zu durchbrechen und einen Partner für das Leben zu finden.
Dazu kommt, dass das Internet über das gesprochene Wort hinausgeht. Ich halte das für ein kulturell ganz wichtiges Phänomen: Junge Menschen drücken sich am liebsten durch Bilder aus – durch bewegte Bilder, durch Musik, durch Tanz. Viele können nicht gut reden oder schreiben, sie haben eher andere Stärken. Gerade sie profitierten vom Internet, denn dort ist das Primat der Sprache aufgehoben. Es gibt eine Art Triumph der Bilder. Es wird anhand von Bildern kommuniziert, bewegte Bilder oder Fotos zum Beispiel. Das ist eines der großen Themenbereiche des Internets. Dieser globale Kommunikationskanal ermöglicht uns und ermöglicht auch quasi sprachlosen Menschen, sich zu artikulieren, was ich für ein unglaubliches Phänomen halte.
Er ermöglicht auch alten Menschen zu kommunizieren. Eines der ganz großen Wachstumssegmente im Internet sind Menschen über 50, die nun in der Lage sind, über das Internet Kontakte aufzunehmen, die sie früher nie hatten. Oft haben sie zum Beispiel Familien, die über die Welt verstreut sind, mit denen sie Kontakt halten. Ich kenne viele ältere Menschen, die sich mit Leidenschaft mit ihren Enkeln vernetzt haben, die mit großer Begeisterung auch über Kontinente hinweg sich mit anderen Menschen, die gleiche Interessen haben, austauschen. Das heißt, auch hier sehen wir wieder ein Stück Aufhebung der Isolation im Sinne von globaler Kommunikation.
Das ist auch deswegen wichtig, weil wir nur so zu einer globalen Verständigung kommen können. Ein Hirnforscher hat einmal gesagt, viele Kriege der Welt würden nicht stattfinden und viele Krisen könnten gewaltfrei gelöst werden, wenn wir differenziertere Formen der Kommunikation besäßen. Beispielsweise könnte eine Friedenskonferenz nicht nur aus Texten und Resolutionen bestehen, sondern eine globale oder regionale Friedenskonferenz könnte vielleicht ermöglichen, dass Völker, die sich im Tanz am besten ausdrücken können, ihre Meinung tanzen könnten, dass Völker, die sich in Musik besser ausdrücken können, ihre Positionen durch Musik zu Gehör bringen könnten. Das ist sehr visionär und davon sind wir noch sehr weit weg, aber durch das Internet nähern wir uns einer solchen Entwicklung an, weil der Primat der Sprache sozusagen gebrochen wird und es auch Bilder, Tanz, Bewegung, Musik als gleichberechtigte Kommunikationsmittel gibt.
Zugleich, und das ist als Plädoyer für die jungen Leute gemeint, hat das Internet den jungen Leuten in ihren Familien einen ganz neuen Status verschafft. Sie sind die Computer-Experten, sie sind diejenigen, die man fragt, sie sind diejenigen, denen die Eltern nicht von oben herunter alles erklären, sondern die Eltern kommen zu den Kindern und sagen: "Erklärt du mir das einmal." Ein von Soziologen beobachtetes Phänomen, das enorm zur Wertsteigerung und zur Steigerung des Selbstbewusstseins von Kindern geführt hat.
Es wäre natürlich naiv zu glauben, dass alles rosig ist im Internet. Trotzdem sollten wir vielleicht einen kurzen Blick werfen auf ein paar Erfolge, die dieses Internet ermöglicht hat. Ich glaube nicht, dass das Internet den Erfolg herbeiführt, aber es ermöglicht sie. Denken müssen am Ende immer noch die Menschen.
Es gibt eine Einrichtung, die die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer wahrscheinlich auch kennen oder vielleicht schon einmal benutzt haben: Wikipedia, ein globales Lexikon. Für mich ist das so ein Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Menschen Technik richtig einsetzen. In Wikipedia tragen tausende Menschen freiwillig, ohne Bezahlung, mit größter Akribie und größter Hingabe, in Kollaboration mit anderen das Wissen der Welt zusammen. Wenn man sich anschaut, wie Wikipedia sich in den letzten 5, 6 Jahren entwickelt hat, kann man sagen, es ist heute ein anerkanntes Kompendium, das wahrscheinlich vor allen Enzyklopädien rangiert.
Ich hatte neulich ein lustiges Erlebnis mit meinen Kollegen in Harvard: Als ich vor drei Jahren dort gewesen bin, war die Skepsis gegenüber Wikipedia groß, fast mit deutschen Vorbehalten hatte man das Gefühl, hier ist mehr Gefahr als Chance. Als ich jetzt vor einem halben Jahr wieder mit den Kollegen gesprochen habe, hat sich herausgestellt, dass selbst an den renommiertesten Institutionen wie der Kennedy School in Harvard Wikipedia heute die zentrale Quelle der Informationsvermittlung ist. Das hängt auch damit zusammen, dass Wikipedia es geschafft hat, über die reine Wissensvermittlung hinweg eine Gemeinschaft zu gründen und Methoden zu entwickeln, dass Inhalte tatsächlich verlässlich richtig sind. Sie finden einfach weniger Fehler.
Ein anderes Beispiel ist die Entdeckung des SARS-Virus. Vor einigen Jahren brach in Asien diese Pandemie aus, und die globale Gesellschaft stand vor der Frage, was können wir machen, wie können wir einen solchen globalen Virus a) erkennen und b) eindämmen? Sollen wir einen Experten in New York fragen, sollen wir einen Experten in Peking fragen, sollen wir die Deutschen fragen? Und dann hat sich die Weltgesundheitsorganisation erstmals in der Geschichte entschlossen, dieses Virus in einem Kollaborationsprozess auszuschalten. Sie hat mehrere Universitäten zusammengedockt und gesagt, ihr Universitäten müsst herausfinden, was ist der Virus und wie können wir ihn bekämpfen. Daraufhin haben sich an verschiedenen Orten des Globus Wissenschaftler hingesetzt, ohne dass sie einander gekannt haben, und haben mithilfe des Internet den Virus entdeckt, identifiziert, und so konnte er bekämpft werden. Das ist für mich ein sehr vielsagendes Beispiel über die Möglichkeiten der globalen Kooperation.
Natürlich stellt sich die Frage, was macht eigentlich das Internet mit unseren Köpfen? Werden wir schlechtere Menschen? Werden wir Maschinen, verschmilzt der Mensch mit der Maschine, werden wir Roboter? Diese Fragen beantworte ich gerne mit einem Vergleich: Auch die klassische Zeitung hat unser Denken signifikant verändert. In gewisser Weise sind auch durch die klassische Zeitung Mensch und Maschine miteinander verschmolzen. Denn durch das Aufschneiden von Papier auf Zeitungspapier war es notwendig geworden, Texte in Kolumnen zu lesen. Das ist etwas, was sozusagen aus dem menschlichen Hirn heraus überhaupt keine Notwendigkeit ist, was aber aufgrund der Technik notwendig ist, weil das Zeitungspapier aus gefällten Bäumen hergestellt werden musste. Das hat mit den Pamphleten im 17., 18. Jahrhundert begonnen. Und nun haben wir uns seit 300 Jahren angewöhnt, Texte in Kolumnen zu lesen. Hier sind Technik, Mensch und Maschine irgendwie verschmolzen, ohne dass wir es gemerkt haben.
Im Internet ist das anders. Ich glaube, und die Hirnforschung beschreibt uns verschiedene, interessante Phänomene, beim Internet geht es vor allem darum, dass das menschliche Hirn Erfahrungswerte gesammelt: durch Aktivität lernen. Experimente aus der Hirnforschung haben gezeigt, was passiert mit Tieren, zum Beispiel Mäusen, passiert, die sich nicht bewegen, und was mit solchen passiert, die aktiv sind. Fast alle diese Experimente beweisen, dass aktive Mäuse gesünder und lebensfähiger sind, in gewisser Weise gemäß dem Prinzip "survival of the fittest" – Überleben des Stärkeren, wie Darwin das genannt hat (Darwin hat ja nicht gesagt, der Stärkere, der dem anderen auf den Kopf haut, sondern Darwin hat gesagt, der, der am ehesten in der Lage ist, sich auf neue Lebensumstände einzustellen, überlebt). Das ist etwas, was durch das Internet sehr stark gefördert wird: Unser Denken wird flexibler, wir können unsere Synapsen erweitern, dass wir also letztlich unsere Denkkapazität und unsere Denkfähigkeit verbessern können. Auch dazu gibt es wissenschaftliche Studien, die das belegen.
Was bedeutet das in ethischer Hinsicht? Heißt das, wenn alle Menschen gemeinsam denken, werden sie gut oder werden sie böse? Ich glaube, da gibt es einige sehr interessante Erkenntnisse aus der Soziologie, die belegen, dass je mehr Menschen sich mit einem Thema beschäftigen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu dem richtigen Ergebnis kommen. Wir kennen das vielleicht noch aus den siebziger Jahren: Gruppendiskussionen, über die wir in der Soziologie viele Experimente gemacht haben. Damals ist man von der These ausgegangen, die Gruppe leiste mehr als der Einzelne. Dann hat man gesehen, dass die Gruppe eigentlich sehr anfällig ist, dass sie irgendwelchen Führern folgt, dass sie Kaskadeneffekten unterliegt, dass die Gruppe Fehler macht und sich in der Gruppe Vorurteile verstärken. Daraus folgerte man, die Gruppe allein kann es nicht sein.
Im 18. Jahrhundert hat ein französischer Mathematiker, Marquis de Condorcet, ein mathematisches Theorem entwickelt, das besagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen zu einem richtigen Ergebnis kommen, steigt gegen 100, je mehr Menschen sich beteiligen. Das ist ein einfaches Beispiel der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das heißt, die Möglichkeit der Partizipation, die Möglichkeit der Menschen mitzuwirken erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir zu den richtigen Ergebnissen kommen. Werden das auch die richtig guten Ergebnisse sein?
Nun, ich glaube, ganz wichtig ist, dass im Internet der Einzelne die größte Rolle spielt. Anders als bei Gruppendiskussionen oder bei klassischen Massenzusammenballungen spielt der Einzelne im Internet immer noch die größte Rolle, denn am Ende ist der Einzelne verantwortlich für seine Handlungen und Entscheidungen.
Wenn wir uns anschauen, wie im Internet moralische Kriterien angewandt werden, so kann man feststellen, es gibt ein phänomenales Ausmaß an Selbstregulierung und Selbstkontrolle. Es gibt die so genannte Netiquette und darüber hinaus Bestrafungen und Belohnungen für falsches oder richtiges Verhalten. Das heißt, der Einzelne handelt im Internet, wenn er da alleine vor seinem Computer sitzt, nach der Kantschen Maxime immer so, dass sein Handeln zur Norm für die Allgemeinheit werden könnte. Das ist eines der unausgesprochenen Gesetze im Internet, an das sich die einzelnen Teilnehmer halten.
Dessen ungeachtet wäre es natürlich Unsinn zu glauben, dass eine Technologie, ein Ding nicht auch schlecht zu gebrauchen wäre. Und resultiert eigentlich mein größtes Plädoyer für die aktive, engagierte, leidenschaftliche Nutzung des Internet. Es gibt nämlich weltweit viele Kräfte, die das Internet wohl in ihren Besitz bringen wollen, die uns manipulieren wollen. Größte Gefahr: der Kommerz. Wenn Sie heute sehen, wie viel PR-Aktivitäten und Vernebelungstaktik betrieben wird, wie viel an Unwahrheiten, auch bewusst, industriell, verbreitet wird, dann sehen sie einen riesigen Strom. Sie können diesen Strom der Manipulation aber nicht bekämpfen, indem Sie ausschalten und auf Urlaub gehen. Ich lehne diese Herangehensweise ab. Sondern Sie können sie nur bekämpfen, indem Sie sagen, wir müssen besser sein, wir müssen es besser beherrschen.
Stichwort: Terrorismus, politische Gewalt. Vor etwa einem Jahr gab es eine richtiggehende Cyber-Attacke der russischen Regierung, die einen unliebsamen Bürger in Georgien finden wollte und daraufhin europaweit viele Server ausgeschaltet hat. Das heißt, die politische Bereitschaft, das Internet auch zum Krieg zu verwenden, zur Bekämpfung von anderen Meinungen ist groß. Wir müssen also in der Lage sein, mit unseren Werten dagegenzuhalten. Das setzt aber voraus, dass wir ein perfektes Verständnis der Technik haben. Denn die Feinde der Demokratie, die Feinde unserer zivilisatorischen Gesellschaft sind technisch hervorragend ausgerüstet. Die Kommerzialisten, wenn ich sie mal so nennen darf, wissen genau, wie sie vorgehen. Naivität und den Kopf in den Sand stecken hilft hier nicht. Wir müssen sozusagen in einen Kampf einsteigen, indem wir uns als Anwälte des Guten verstehen und indem wir sagen, wir wollen dem Guten zum Durchbruch verhelfen.
Am Ende glaube ich, dass wir optimistisch sein können. Ich glaube, dass die Menschheit sich in ihrer gesamten Geschichte, das kann die jüngere Geschichte sein, das kann die ältere Geschichte sein, immer in der Lage gewesen ist, sich aus existenzbedrohenden Krisen zu retten. Sie hat das gemacht, indem sie sich weiter entwickelt hat. Das Internet ist aus meiner Sicht die Reaktion der Spezies Mensch auf die globale Bedrohung, dass, wenn sie nicht aufpasst, sie ausgerottet werden kann. Das ist also ein ernstes Szenario. Ich glaube, dass die Menschheit intelligent genug ist, das Internet als Technologie so zu nutzen, dass es zu ihrer Weiterentwicklung und zu einer guten Zukunft für die nachfolgenden Generationen werden kann, und dass das Internet nicht dazu verwendet werden wird, uns alle kaputt zu machen und uns am Ende traurig zurückzulassen.
Wie recht Condorcet hat, zeigt auch die Tatsache, dass heute die Netzwerkstrukturen genau nach diesem Prinzip funktionieren: Menschen arbeiten zusammen, bewusst und in immer größerer Anzahl. Das war vor 20 Jahren ein kulturell völlig unverständliches Phänomen. Damals kamen die so genannten Hacker auf. Wenn wir damals von Hackern gehört haben, waren das für uns immer die Bösen, die uns schaden und etwas zerstören, das wir mühsam aufgebaut haben. Diese Sorge hatten vor allem Großunternehmen, wie etwa der Computerhersteller IBM. Tatsächlich aber stellte sich heraus, dass das Interesse der Hacker nicht in der Zerstörung bestand, sondern darin, eine Entwicklung zu verbessern. Sie "hackten" sich in Programme, um dadurch zu beweisen, dass sie fehlerhaft waren.
Es entstand eine dramatische Veränderung dessen, was wir unter Kollaboration verstehen. Große Firmen haben begonnen, Hacker aktiv in ihre Produktionsprozesse einzubeziehen. Sie haben gesagt, ja, es stimmt, diese Menschen schaden uns nicht, diese Menschen helfen uns zur Weiterentwicklung und Verbesserung des Produktes. Und so entstand etwas, was heute ganz wichtig ist im Internet, die so genannte Open Source-Bewegung, das heißt, im Wissen, dass wir gemeinsam stärker sind, vertrauen wir aktiv auf den anderen, wir setzen uns in Verbindung mit dem anderen, wir treten gewissermaßen in sein Denken hinein, wir machen ihn aufmerksam auf einen Fehler. Das ist nicht so wie früher, als man etwas hämisch gesagt hat, der hat sich aber geirrt, ich weiß es besser. Nein, es ist ein gemeinsames Bemühen, die Wahrheit zu finden, die richtigen Ergebnisse zu finden.
Diese Form der Kollaboration führt dazu, dass wir tatsächlich auf dem Weg sind, viel bessere Ergebnisse herbeizuführen. Das hat im Übrigen sogar Auswirkungen auf die Wissenschaft. Früher war es so, dass wissenschaftliche Arbeiten von ein oder zwei Experten beurteilt werden sollten. Heute ist die Wissenschaft dazu übergegangen, wissenschaftliche Arbeiten komplett ins Internet zu stellen mit dem Wunsch und der ausdrücklichen Aufforderung, möglichst viele Experten auf der Welt sollten dazu ihre Meinung äußern, weil – gemäß des Theorems von Condorcet – die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns dem richtigen Ergebnis annähern, gegen 100 geht, je mehr Leute mitwirken. Wir sind davon weggekommen zu sagen, es muss geschützt werden, es wird nur das preisgegeben, was wir preisgeben können. Nein, es hat sich durch das Internet ein gemeinsamer Prozess des Denkens entwickelt, der aus meiner Sicht Denken in der klassischen Form, wie wir es noch vor 50 Jahren gekannt haben, völlig neu definieren wird in den nächsten Jahren.

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