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SWR2 AULA - Professor Harald Lesch: Was die Welt im Innersten zusammenhält - Was ist Naturphilosophie? (1- 3)
Autor und Sprecher: Professor Harald Lesch *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendungen Teil 1: Sonntag, 9. März 2008, 8.30 Uhr, SWR 2; Teil 2: Sonntag, 16.03., 8.30 Uhr - Teil 3: Karfreitag, 21.03., 8.30 Uhr
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR 2.

ÜBERBLICK 1
Wir brauchen heute wieder eine starke, moderne
Naturphilosophie, die uns hilft, das Wissen, das wir
permanent erzeugen, zu sortieren, damit wir nicht in der
Informationsflut ertrinken. Diese Naturphilosophie könnte
uns eine Struktur liefern, mit deren Hilfe wir alles
Naturhafte ordnen und klassifizieren können. Für den
Astrophysiker Harald Lesch liefert das evolutionäre
Denken diese Struktur, es handelt von der Geschichte der
Dinge und fragt nach dem Woher und Wohin, nach dem
Ursprung und dem Ende. Professor Harald Lesch zeigt im
dritten und letzten Teil seiner Reihe die Bedeutung des
evolutionären Gedankens für die moderne
Naturwissenschaft.


* Zum Autor:
Prof. Dr. Harald Lesch lehrt theoretische Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität München; seine Forschungsschwerpunkte sind: Schwarze Löcher, Neutronensterne und kosmische Plasmaphysik. Lesch ist Fachgutachter für Astrophysik bei der DFG und Mitglied der astronomischen Gesellschaft.

Bücherauswahl:
- Die kürzeste Geschichte allen Lebens (zus. mit Harald Zaun). Piper.
- Kosmologie für Fußgänger. Goldmann.
- Big Bang. Zweiter Akt. Bertelsmann.
- Quantenmechanik für die Westentasche. Piper.
- Physik für die Westentasche. Piper.

ÜBERBLICK
Naturphilosophie ist einer der ältesten Zweige der Philosophie. Sie versucht - allgemein gesagt -, das Wesen der Natur zu ergründen, und hatte bis ins 19. Jahrhundert hinein einen sehr stark spekulativen Charakter. Es ging dieser Disziplin immer um folgende Leitfragen: Wie viel Geist oder Vernunft steckt in der Natur, nach welchen Gesetzen entwickelt sie sich, sind das Gesetze, die auch für die Menschheitsgeschichte gültig sind, wie offenbart sich in den Dingen ein göttliches Prinzip? Professor Harald Lesch, Astrophysiker an der Universität in München und genialer Wissenschaftsvermittler, fragt im ersten Teil seiner dreiteiligen Reihe nach den grundlegenden Prinzipien der klassischen Naturphilosophie.

INHALT 1_________________________________________________________________
Ansage:

Heute mit dem Thema: „Was die Welt im Innersten zusammenhält - Was ist Naturphilosophie?“

Harald Lesch ist Professor für Astrophysik an der LMU in München, und er beschäftigt sich immer wieder mit philosophischen Fragestellungen, er versucht Brücken zu bauen zwischen den harten Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften. Heute beginnen wir eine dreiteilige Reihe von und mit Lesch, es geht um eine Frage, die vordergründig veraltet zu sein scheint: Gibt es überhaupt noch eine moderne Naturphilosophie, wenn ja, womit beschäftigt sie sich eigentlich? Früher, sagen wir im 19 Jahrhundert, hätte man die Frage sofort beantworten können, es gab damals eine enge Zusammenarbeit der Disziplinen, es ging bei der Erforschung der Natur immer auch um metaphysische Fragen: Wo liegt der Anfang aller Dinge, wie entwickelt sich die Natur, sind die Naturgesetzte, die der Verstand herausgearbeitet hat, universell gültig.

Heute kommt die Naturwissenschaft ohne diese Fragen aus, so scheint es jedenfalls, in Wahrheit braucht auch die moderne Astrophysik oder Biologie die Philosophie.
Im ersten Teil beantwortet Harald Lesch die Was-Frage- was ist Naturphilosophie.


Harald Lesch:

Zunächst gehen wir ganz nach Art eines deutschen Professors vor, wir definieren und legen fest, was meinen wir eigentlich, wenn wir „Natur“ sagen. Das können Sie in jedem Lexikon nachlesen (am Rande bemerkt: Lexika sind das Ergebnis einer philosophischen Entwicklung): Natur ist das, was nicht vom Menschen gemacht worden ist. Natur ist, was schon immer da gewesen ist, auch als es noch keine Menschen gab. Natur ist das, wo der Mensch nicht eingreift, weder konstruiert noch strukturiert.

Im Gegensatz zur Natur steht zum Beispiel Technik. Technik ist natürlich vom Menschen gemacht. Heute gibt es mehr und mehr Natur, die vom Menschen gemacht wird. Aber das ist nicht die Natur, von der hier die Rede sein soll. Hier soll die Rede sein von der Natur, die nicht vom Menschen gemacht worden ist, sondern die schon immer da war – warum, wissen wir noch nicht so genau, wir werden im Laufe der Sendung erfahren, was die Philosophie dazu zu sagen hat.

Das Wort „Natur“ stammt von „nasci“ (entstehen, geboren werden), die griechische Entsprechung lautet „physis“. Physiker beschäftigen sich demnach mit der Natur. Unterschieden wird die belebte von der unbelebten Natur. Ich zum Beispiel bin Astrophysiker und meine Themen sind die Sterne, der Kosmos, interstellare Gase, Planeten usw., alles das nennt man unbelebt. Obwohl ich Ihnen in einer der nächsten Sendungen noch sagen werde, dass es sehr wohl ein Leben der Sterne oder ein Leben der Planeten gibt, aber nicht in dem Sinne wie das Leben von belebter Materie. Unter belebte Natur fallen natürlich Pflanzen, Tiere usw., all das, was wir Menschen mit unseren Sinnen als Leben empfinden würden, das ist die belebte Natur.

Ich fasse zusammen: Natur ist das, was schon immer da war, was nicht vom Menschen gemacht wurde – sie steht uns aber zur Verfügung. Das war gewissermaßen ein kleiner philosophischer Sprung, denn bevor ich zur Philosophie komme, möchte ich noch die Frage aufwerfen: Gehört der Mensch zur Natur?

Die Pause war jetzt absichtlich, denn man muss wirklich einen Moment darüber nachdenken. Wenn Natur per definitionem etwas ist, was nicht vom Mensch gemacht wurde, gehört er selbst dann dazu? Klar, werden Sie sagen. Das stimmt auch, Teile vom Menschen sind auf jeden Fall Natur, zum Beispiel die eine Billion Zellen, aus denen jeder von uns besteht, und alles, was hinter dieser zellulären Evolution steckt (ein Begriff, von dem wir später noch viel hören werden), ist ja offenbar ein Naturprodukt, ist also schon mal da gewesen in irgendeiner Art und Weise, hat sich entwickelt aus der Natur, und jedes Mal, wenn die Medizin eine Ursache für eine Krankheit angeben kann, dann kann sie das nur deshalb, weil wir ein Teil der Natur sind. Wir sind eben nicht transnatural, jenseits von gut und böse, sondern nur weil wir ein Teil der Natur sind, können uns zum Beispiel Wissenschaften überhaupt in irgendeiner Art und Weise helfen. Wenn wir jenseits von gut und böse wären, dann hätten wir gar keinen Zugang und keine Möglichkeit, aus der Natur etwas zu verwenden für uns. Schon die Aufnahme von Nahrung ist für ein supranaturales Lebewesen eigentlich unmöglich.

Der Mensch gehört natürlich zur Natur, aber eben auch nicht ganz, denn er kann Dinge tun, die die Natur nicht kann. Er kann zum Beispiel Begriffe definieren, wie wir das gerade tun. Sie merken, wir sind immer noch ganz deutsch und definieren, zum Beispiel den Begriff „Sinn“.

Die Natur kennt keinen Sinn. Das Sinnvolle oder der Sinn wird vom Menschen in die Natur hineingelegt. Natur gilt als etwas sehr Positives im Gegensatz zur Technik, die nicht unbedingt positiv besetzt ist. Natur ist etwas Gutes. Deswegen werden Lebensmittel gerne mit „natürlich“ bezeichnet. Oder der Ausdruck „in der Einheit mit der Natur lebend“ klingt positiv. Aber ich kann Ihnen sagen, wenn eine Anakonda sich fester und fester um Sie schlingt, dann denken Sie ganz anders darüber, es gibt nämlich solche und solche Natur. Dennoch hat sich der Begriff „Natur“ als positiv entwickelt. Man mag vielleicht eine differenziertere Meinung dazu haben, wenn man viel mit der Natur zu tun hat. Aber im Grunde ist die Natur gut.

Mit der Natur im Wettbewerb steht die Technik, die versucht, sich die Natur möglicherweise untertan zu machen. „Mach dir die Erde untertan“ – wir kenne diese ganz alte Geschichte. Die Grundlagen der Technik selbst werden aber abgelesen aus der Natur. Merken Sie, in was für einem merkwürdigen Zirkel wir stecken? Wir fangen mit einer Definition an und landen unverzüglich bei Begriffen, die wir wieder neu definieren müssen: Was hat denn nun Technik mit der Natur zu tun? Was hat der Mensch mit der Natur zu tun? Und das alles nur, weil wir Menschen uns die Frage stellen, was ist nun Natur, was ist das Wesen der Natur, was steckt denn eigentlich dahinter? Und das ist bereits eine philosophische Frage.

In dem Moment, wo Sie sich fragen, was ist denn das Wesen, was ist die Natur von etwas, stellen Sie bereits eine philosophische Frage. Schon die Frage, was ist Philosophie oder die Definition von Philosophie ist bereits Philosophie. Philosophie, hat mal jemand gesagt, ist die Wissenschaft, über die man nicht reden kann, ohne sie selbst zu betreiben. Man könnte sicherlich einige Definitionen von Philosophie benennen, unter anderem die „größtmögliche Voraussetzungslosigkeit“, also am besten völlig ohne Voraussetzung. Kann das funktionieren? Nein, das kann es natürlich nicht.

Was könnte denn die Aufgabe von Philosophie sein, wenn jede Frage im Grunde Philosophie bedeuten kann, wenn alles, was wir machen, in irgendeiner Art und Weise von Philosophie behandelt werden kann? Ist Philosophie nur das, was Philosophen machen? Oder ist es mehr? Gibt es eine allgemeinere Definition von Philosophie? Wir müssen es in dieser Sendung irgendwie schaffen, die Begriffe Natur und Philosophie zusammen zu bringen.

Die spezifische Aufgabe der Philosophie besteht darin, Fragestellungen für die am stärksten mit Angst besetzten Themen zu entwickeln wie zum Beispiel die nach dem Sinn des Lebens oder wie man überhaupt als ein mit Bewusstsein begabtes Tier in einer Natur leben kann. Das ist eine Definition. Bewusstsein hat einen Nachteil: Wenn Sie wissen, dass Sie da sind, dann wissen Sie auch, dass Sie sterben müssen. Und das ist außerordentlich unerfreulich.

Möglicherweise ist die Philosophie eine Reaktion darauf, dass wir Menschen wissen, dass wir sterben müssen. Bertrand Russell, ein großer Philosoph des 20. Jahrhunderts, hat das so ausgedrückt: Philosophie ist das Niemandsland zwischen Wissenschaft und Religion.

Wenn Sie mich nun sehen könnten, würden Sie mitbekommen, wie ich versuche, mit meinen beiden Händen dieses Niemandsland darzustellen, nämlich auf der einen Seite die Wissenschaft, auf der anderen Seite die Religion, und die Philosophie befindet sich praktisch in der Mitte, da, wo das Mikrofon aufgestellt ist, in das ich gerade spreche. Sie ist den Angriffen von beiden Seiten ausgesetzt. Die Religion mit ihren klaren Glaubenssätzen, die ganz genau weiß, wo es lang geht, und die Wissenschaft, die Objektivität möchte. Man könnte also sagen, Subjektivität auf der einen Seite, Objektivität auf der anderen und in der Mitte ist die Philosophie. Philosophie versucht, das Subjekt in die objektive Natur mit hineinzubringen. Wie kann sich das Subjekt, der Mensch denken in einer Welt, von der er nichts weiß. Das ist zum Beispiel eine Frage, die in der Philosophie ganz große Bedeutung gewonnen hat, wie wir noch sehen werden. Der Prozess der Philosophie, in dem der Mensch sich Klarheit über sich selbst und seine Welt verschafft, ist allerdings kein wissenschaftlicher Prozess. Er ist nämlich unabschließbar und immer wieder ursprüngliche Aufgabe zu jeder neuen Zeit. Wissenschaft ist fortschreitend, da gibt es zwar auch ständig Neues, aber es werden nicht permanent die Fundamente in Frage gestellt. In der Philosophie ist das ganz anders. Sie stellt sich unablässig in Frage. Wir können ihr nicht entkommen. Wenn Sie sich jetzt zum Beispiel überlegen, ob Sie das Philosophieren nötig haben oder ob Sie es lieber sein lassen und vielleicht das Radio ausschalten sollten, dann sind Sie bereits am Philosophieren. Sie philosophieren über die Frage, ob Sie Philosophie überhaupt gebrauchen. Selbst wenn Sie sich über sie lustig machen, philosophieren Sie.

Philosophie ist gewissermaßen das sich Besinnen des Menschen auf sein sich Finden in seiner Umgebung. Merken Sie, wie schwierig es wird? Die Philosophen, so heißt es, seien die Spezialisten für unlösbare Fragen, die Weiterfrager, die Hinterfrager; sie sind aber auch Supervisoren, also diejenigen, die mal danach fragen, was ist das eigentlich, was wir hier so vor uns haben. Und wieder würden Sie, wenn Sie mich hier sehen könnten, sehen, wie ich mit meinen Händen versuche, das Drumherum um die Welt darzustellen, denn darum geht es tatsächlich. Wie können wir mit den Mitteln unseres Verstandes, unserer Vernunft die Welt irgendwie verstehen, ohne gleich zu einer übernatürlichen Kraft zu greifen? Sind wir in der Lage, etwas so voraussetzungslos, wie es nur geht, von der Welt zu verstehen, und zwar so, dass wir es auch anderen erklären können? Oder sind wir es nicht? Sind wir „Biomatsch mit Überbau“, die sich den Naturgesetzlichkeiten, die die Naturwissenschaften herausgefunden haben, zum Opfer hinschmeißen? Oder gibt es so etwas wie Freiheit? Ein wahnsinnig wichtiger philosophischer Begriff.

Aber merken Sie etwas? Wir haben immer noch nichts davon erzählt, was eigentlich Naturphilosophie ist. Das geht auch noch nicht. Wir müssen noch ein bisschen daran arbeiten, was Philosophie überhaupt soll, und dann werden Sie sofort merken, ach klar, jetzt ist es logisch. Wenn Sie das gemacht haben, dann haben Sie richtig gute Philosophie betrieben. Dann haben Sie nämlich etwas verstanden, erkannt, Sie sind vielleicht ein Schritt weitergekommen.

Also worum geht es in der Philosophie? Es geht um Staunen. Aristoteles, ein ganz großer Philosoph, schreibt in einem seiner wichtigsten Bücher, dass der Mensch ein von Natur aus neugieriges Wesen ist, das über die Welt um sich herum staunt. Das Staunen ist gerade am Anfang ein ganz wichtiger Teil der Philosophie. Der Mensch staunt also über die Welt um sich herum, und zu ihr gehört natürlich auch – und jetzt kommen wir wieder zum Anfang – die Natur, das nicht vom Menschen Gemachte. Damit lasse ich Sie allein, ich möchte, dass sich das so langsam bei Ihnen setzt. Staunen und Neugierde sind also wichtig und – der Zweifel, ein tiefer Zweifel, der ganz tief angelegt ist. Man stellt Fragen, und jemand erklärt einem etwas, ich zum Beispiel bin so ein Erklärer, ich erkläre viel, wenn der Tag lang ist, und trotzdem sage ich meinen Studenten immer, traut mir nicht, auf keinen Fall, das dürft Ihr nicht machen, ich könnte ja falsch liegen. Vertrauen Sie Ihrem eigenen Verstand. Und das ist schon wieder Philosophie. Immanuel Kant hat das geschrieben.

Also Zweifel, Neugierde, Staunen und Kritik, die Fähigkeit, etwas auseinander zu nehmen, es nicht so hinzunehmen, wie es dasteht oder wie es gesprochen wurde, sondern zu hinterfragen: Ist das noch so, wie ich mir das vorstelle? Sind die Voraussetzungen für diesen Satz tatsächlich gegeben? Oder ist die Philosophie nur Quatsch?

Nein, ist sie nicht. Die Philosophie ist eine der wichtigsten Tätigkeiten der Menschheit. Denn sie fragt nach etwas, was wir alle unmittelbar wissen wollen. Wenn es Ihnen bisher vielleicht noch nicht klar war, aber auch Sie interessiert das Ganze – Sie wollten es nur noch nicht so richtig zugeben.

Ich lese Ihnen mal eine ziemlich alte Legende vor, die ich für ausgesprochen spannend halte, weil sie verdeutlicht, in welcher Welt wir leben: „Eine Legende berichtet, dass der Schöpfer einst die wissenshungrigen Menschen um sich versammelt hat, um die schöne Erde unter sie aufzuteilen, damit alle Dinge in Seinem Namen und zu Seinem Lob verwaltet würden. Der Botaniker bekam die Pflanzen, der Zoologe die Tiere, der Philologe die Sprachen und Literaturen und der Naturforscher die Naturgesetze angewiesen. Ein Arzt sollte sich um die Kranken kümmern, der Künstler die Menschheit mit seiner Kunst erfreuen und zu Höherem anregen. Als nun alle Gegenstände verteilt waren und der Schöpfer sich soeben zufrieden zurückziehen wollte, da erschien wie immer verspätet und versponnen der Philosoph. Für ihn war offenbar nichts mehr übrig geblieben und Tränen quollen aus seinen Augen. Dieser Anblick rührte den Schöpfer und er sprach also: ‚Du sollst nicht leer ausgehen. Obwohl ich für alle Dinge in dieser Welt bereits einen Verwalter bestellt habe, dir gebe ich die ganze Welt, die Welt an sich. Versuche, ihren verborgenen Sinn zu ergründen, und wenn du die Wahrheit gefunden hast, dann teile sie auch meinen mit Einzelgegenständen beschäftigten Knechten mit, damit sie ihren Platz in der Welt nicht vergessen und ihren Gegenstand mit dem Ganzen verwechseln.’“

Seit damals also wurde die Philosophie die Wissenschaft von der Welt. Ihr geht es nicht um die Einzelheiten, sondern ihr geht es ums Ganze. Sie findet ihren Gegenstand auch nicht vor, denn sie ist ja mittendrin, sondern sie muss sich den Gegenstand erst geben. Jetzt wissen wir schon ungefähr, worauf das hinauslaufen wird.

Natur = das nicht vom Menschen Gemachte, Philosophie = die Wissenschaft vom Ganzen. Die Frage lautet, was steckt hinter dem Wesen der Dinge. Und so ist Naturphilosophie der Teil der Philosophie, der sich mit der Frage beschäftigt, was ist das Wesen der Natur.

Und das Interessante kommt jetzt: Alles, was Sie heute in der hochmodernen Welt des 21. Jahrhunderts als Naturwissenschaft kennen - Physik, Chemie, Biologie, Geologie, Geophysik, Ozeanografie - alle diese Wissenschaften, die sich mit den großen Teilen des Universums beschäftigen und mit den kleinen Teilen des Universums (denn jede dieser Wissenschaften hat noch einmal eine Unterteilung in sich: In der Biologie gibt es Zoologie, Botanik usw., in der Physik gibt es viele Unterteilungen: Astrophysik, Festkörperphysik, Elementarteilchenphysik, in der Chemie gibt es organische Chemie, Biochemie, anorganische Chemie, Petrochemie usw.) alles hat sich unglaublich diversifiziert, all diese Naturbetrachtungen haben ihren Ausgangspunkt in der Naturphilosophie. Die Naturphilosophie hat früher ganz wichtige Fragen gestellt, die heute von den Naturwissenschaften behandelt werden. Die Naturwissenschaften sind also gewissermaßen die Kinder der Naturphilosophie. Bis weit ins 19. Jahrhundert war Naturwissenschaft, namentlich Physik, experimentelle Naturphilosophie. Alle Fragen, die heute in den Naturwissenschaften behandelt werden, waren ursprünglich philosophische Fragen. Oder anders herum gesagt: Niemals wäre früher jemand auf den Gedanken gekommen, die Natur einfach nur so zu untersuchen, ohne eine philosophische Frage, ohne eine Frage nach dem Wesen der Dinge zu stellen.

Welche Begriffe haben wir heute, die aus der modernen Naturphilosophie für uns irgendeine Art von Bedeutung haben können? Ich fange mal mit den Naturgesetzen an. Man sagt ja, es gäbe Naturgesetze, die uns in unseren Möglichkeiten einschränken. Diese Naturgesetze haben etwas damit zu tun, dass NaturwissenschaftlerInnen sich aufgemacht haben, die Natur nach bestimmten Verfahren zu befragen. Sie bedienen sich spezieller Methoden, die die Natur in Einzelteile zerlegt, und zwar so, dass aus einem großen Ganzen kleine Teile werden, die nun ihrerseits möglicherweise immer noch viel zu kompliziert sind für den Einzelnen oder die einzelne Gruppe und die dann wiederum unterteilt werden müssen, bis man an etwas kommt, das man behandeln kann, wo man die Methode, von der ich gleich sprechen werde, tatsächlich benutzen kann.

Die Art und Weise ist, ich stelle eine mathematische Frage an die Natur. Mit anderen Worten: Ich messe, ich versuche, etwas zu messen mit einem Messgerät. Ob es nun die Temperatur ist, die ich mit einem Thermometer messe, oder die Luftfeuchtigkeit, oder ich möchte messen, wie groß Elementarteilchen oder Atome sind, wie groß Sterne sind – alles muss gemessen werden. Das Quantitative steht bei den Naturwissenschaften absolut im Vordergrund. Warum? Weil sie mit der Mathematik eine Sprache besitzt, die man nicht übersetzen kann und deswegen von allen, die sich damit beschäftigen, beherrscht werden muss und daher eine sogenannte Konsens-Sprache ist. Die Mathematik ist die objektivste Art und Weise, die es überhaupt gibt, weil sie nach ganz klar definierten Regeln funktioniert. Diese Regeln muss man lernen, wenn man in mathematischer Sprache sprechen möchte. Große Teile der Mathematik sind tatsächlich aus der Philosophie entstanden.

Für die modernen Naturwissenschaften aber hat sich noch viel mehr daraus ergeben. Es hat sich nämlich gezeigt, dass die mathematische Art, die Natur zu befragen, extrem erfolgreich ist. Man stellt eine mathematische Frage an die Natur durch Messapparate, durch Experimente und bekommt, wen wundert’s, eine mathematische Antwort. Die besteht dann zum Beispiel im Zeitverlauf der Natur, in der Lichtkurve eines Sterns, in Strahlungsblitzen oder was auch immer. Hauptsache ist, ich kann es objektivierbar nachweisen, dass da eine Quantität von etwas, nämlich in diesem Fall meistens Energie, auf etwas draufgetroffen ist, das hat eine Wirkung ausgelöst und daraus ist dann ein Modell entstanden.

Ich versuche gerade verzweifelt, immer wieder diese Brücke, über die wir gehen müssen, vom Subjekt, dem Einzelnen, dem Individuum hin zur Welt der Dinge, zur Welt der Natur zu schlagen. Diese Brücke führt über einen ziemlich tiefen Abgrund. Dieser Abgrund steht zwischen der Persönlichkeit, dem Individuum, das sich als eine einmalige, mit Ängsten, Hoffnungen, Visionen besetzte Zeitlichkeit empfindet (ich bin ja da) und der Natur, das Ganze, also ein Riesenuniversum, in dem riesige Galaxien drin sind, riesige Sterne, gewaltige Systeme usw. Und selbst auf einem Planeten wie dem unseren, wenn man mal sieht, was Naturkatastrophen auslösen, der Mensch steht in einer Natur und möchte gerne wissen, was mache ich denn hier. Und nun bieten ihm die Naturwissenschaften als ehemalige Teile der Philosophie Naturgesetze, Mathematik, Symmetrien, Differentialgleichungen an, mit denen gezeigt werden kann, wie die Natur funktioniert.

Jetzt mal ehrlich – das reicht uns doch nicht! Ist das etwa das Wesen der Natur? – Nein. Aber es ist ein Triumph der Technik und der Naturwissenschaften, anhand der Mathematik die Natur zu befragen und zu hinterfragen. Trotzdem bleibt die Frage, was ist das Wesen der Natur?

Das Wesen kann man nicht messen, und das ist das Problem. Das bereitet uns solche Schwierigkeiten, zu einem Konsens zu kommen. Wieviel 100 Grad Celsius sind, das wissen wir genau. Oder die Geschwindigkeit von Kilometer pro Sekunde können wir ganz exakt messen. Zeit können wir heute so genau messen, so genau wollen wir es eigentlich gar nicht wissen. Früher war die Zeitmessung noch eine schöne mechanische Angelegenheit mit einem Pendel, das hin- und herschwang. Das war noch menschlich, man konnte dem noch folgen. Damit wurden Zeiteinheiten von einer Sekunde gemessen. Wissen Sie, wie heute Zeit gemessen wird? Das ist ein Hyperfeinstrukturübergang von irgendeinem Atom, ich glaube, von Cäsium. Ich meine, haben Sie schon mal ein Atom gesehen? Ich nicht. Das ist viel zu klein. Aber damit misst man Zeit und zwar 10 -15. So genau können wir heute die Natur unter die Lupe nehmen, sowohl zeitlich als auch räumlich. Das können wir alles. Und trotzdem bleiben Fragen offen.

Philosophie ist immer das Spezialgebiet für offene Fragen gewesen. Deswegen mag ich sie auch so. Fragen, die ich mir in der Physik niemals stellen darf, kann ich mir in der Philosophie leisten, weil ich in der Philosophie an eine andere Methode gebunden bin. Während in den Naturwissenschaften, in der Physik die Methode zwischen Experiment und Theorie hin und her einhergehend die empirische Methode ist, ist die philosophische Methode eine, die zunächst einmal nur darauf pocht, möglichst wenig Voraussetzungen zu machen, und dann sollten die Aussagen, die man in der philosophischen Betrachtung macht, möglichst widerspruchslos sein. Das ist erst mal das Allerwichtigste. Dann gilt der Satz: Nichts passiert in der Natur ohne Grund. Also es gilt die Regel vom Widerspruch, eine Aussage kann nicht zugleich wahr und falsch sein. Und alles geschieht aus einem Grund, es gibt nichts Grundloses. Das sind schon mal zwei Sätze, mit denen man in der Philosophie viel anstellen kann. Vor allem sollte man Aussagen auf ihre logische Struktur überprüfen können. Logische Struktur heißt auf gut deutsch: Ist da was dran, steckt da was dahinter.

Und jetzt fangen wir mal an mit zwei modernen Problemen der Naturphilosophie. Das erste liegt sofort auf der Hand, nämlich wie gehen wir mit der Natur um? Das zweite ist eher theoretisch: Wie wäre die Welt, wenn die Naturgesetze, die wir von dieser Welt haben, wahr wären? Das erste Problem, das ich nicht lösen kann, aber ich versuche, es Ihnen darzustellen, hat damit zu tun, wie begründen wir unsere Handlungsweisen? Gibt es eine Antwort von der Natur, wie wir uns zu verhalten haben, besonders im Hinblick darauf, dass der Mensch ein Teil der Natur ist? In diesen Problembereich gehört alles zum Thema: Was soll ich tun. Stichworte sind: Klimawandel, Ressourcenendlichkeit, Ausbeutung der Natur, der große ökologische Anteil der Naturphilosophie. Man kann diese Fragen nicht beantworten ohne einen ordentlichen philosophischen Hintergrund, auf dem man sie überhaupt erst mal nur behandelt. Das zweite Problem ist zwar wesentlich theoretischer, aber nichts desto trotz auch sehr wichtig. Wenn wir unsere naturwissenschaftlichen Erkenntnisse ernst nehmen, und diese Erkenntnisse sind ja nun vor allen Dingen durch das Wechselspiel von Theorie und Experiment das Hervorbringen von Naturgesetzen, dann müssen wir uns immer darüber im Klaren sein, dass diese Naturgesetze niemals wahr sein können, weil wir ja nicht wissen können, ob wir nicht etwas vergessen haben. Was wir aber tun können in der Auseinandersetzung zwischen Experiment und Theorie, ist zu falsifizieren, herauszufinden, ob etwas nicht falsch ist. Das heißt noch lange nicht, dass es wahr ist. Es heißt nur, es ist nicht falsch. Alle unsere Theorien von der Welt sind vorübergehende Theorien, sind immer nur Schnappschüsse, aktuelle Lagebesprechungen über unser momentanes Wissen und darüber, was wir gerne wissen möchten.

So bleibt am Ende einer solchen Sendung mit der Frage „Was ist Naturphilosophie“ hoffentlich Folgendes übrig: Natur ist das nicht vom Menschen Gemachte, Philosophie ist das Spezialgebiet für unlösbare Fragen, was sich gleichzeitig mit dem Ganzen beschäftigt, und zwar aufgrund der Definition von Naturphilosophie als einem Teil der Philosophie, die sich mit dem Ganzen auseinandersetzt, ist die Naturphilosophie eine sogenannte Teilontologie. Sie beschäftigt sich eben nur damit, was mit Natur zu tun hat. Metaphysische Fragen zum Beispiel haben in der Naturphilosophie nichts zu suchen. Die Naturphilosophie beschäftigt sich heutzutage vor allen Dingen mit der Frage, was wäre die Welt, wenn die Naturgesetze, die wir kennen, wahr wären. Und wie das alles angefangen hat, das erzähle ich in der nächsten Sendung.

**
Teil 2: Sonntag, 16.03.08

ÜBERBLICK Teil 2
Die Vorsokratiker Thales, Anaximander, Empedokles und Heraklit sind die Urväter der Naturphilosophie. Sie waren auf der Suche nach grundlegenden Prinzipien, nach denen die Natur funktioniert, und sie formulierten in diesem Zusammenhang universelle Gesetze, mit deren Hilfe man die Welt erklären konnte. Die vier Vorsokratiker beschäftigten sich zugleich mit den - aus ihrer Sicht - Grundbausteinen des Lebendigen: mit Feuer, Wasser, Luft und Erde.
Ihnen ging es um eine vernünftige Weltsicht, die viel später die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften beeinflusst hat. Professor Harald Lesch, Astrophysiker an der Universität in München und genialer Wissenschaftsvermittler, zeigt im zweiten Teil seiner dreiteiligen Reihe, wie die vorsokratische Naturphilosophie aussah und welche Aktualität sie bis heute hat.


INHALT Teil 2 ____________________________
Ansage:

Heute mit dem Thema: „Was die Welt im Innersten zusammenhält - Was ist Naturphilosophie? (Teil 2)“.

Der Astrophysiker Professor Harald Lesch reist heute weit zurück in die Vergangenheit, in die griechische Antike, zu den Vorsokratikern, die - so Lesch - die eigentlichen Begründer der Naturphilosophie sind. Denker wie Thales, Empedokles oder Heraklit verließen sich nicht mehr auf den Mythos oder die Überlieferung, sondern in erster Linie auf ihren Verstand und sie versuchten herauszufinden, welche Gesetze den Naturprozessen zugrunde liegen, aus welchen Strukturen die Dinge bestehen. Und sie kamen zu Ergebnissen, die heute noch aktuell sind, siehe die Atomtheorie von Demokrit.

Hören Sie also nun den zweiten Teil von und mit Harald Lesch über das naturphilosophische Denken der Vorsokratiker:


Harald Lesch:

Zunächst ein paar Anmerkungen grundsätzlicher Natur. Ich hoffe, Sie haben die letzte Sendung gut überstanden, die war ja nicht einfach. Heute wird es leichter. Heute beschäftigen wir uns nur mit dem Anfang der Philosophie. Philosophie war zunächst ausschließlich Naturphilosophie. Das ist ja auch kein Wunder. Die Leute damals, das heißt 600 vor unserer Zeitrechnung, haben sich eben über die Natur gewundert. Die ersten Philosophen waren Griechen und „Naturwissenschaftler“, das waren Menschen, die sich mit der Frage beschäftigt haben, was ist die Natur.

Sie haben versucht, ein Prinzip zu entdecken und aus diesem Prinzip heraus alles zu erklären, was um sie herum existiert. Zum Beispiel Thales, das war der erste. Er hat zunächst festgestellt, alles sei aus Wasser. Das Urprinzip aller Dinge sei Wasser. Warum? Wasser kommt in drei verschiedenen Zuständen vor, nämlich gasförmig als Wasserdampf, flüssig, oder wenn es kalt wird als Eis, was man sich bei Thales gar nicht vorstellen kann, denn er lebte in der Stadt Milet in Kleinasien, wo es eigentlich nie so kalt ist, dass es dort friert, aber vielleicht wusste er davon, dass es auch Wasser als gefrorenes Wasser gibt. Und aus diesen drei Zuständen und der Veränderungsfähigkeit von Wasser schloss Thales nun Folgendes: Wenn Wasser sich so verwandeln kann, vom Eis zum Wasserdampf, und es bleibt doch immer gleich, es hat nur einen anderen Zustand, den ich mit meinen Sinnen wahrnehme, dann ist das eines der Urprinzipien schlechthin.

Thales war aber nur einer von vielen, die man als die sogenannten Vorsokratiker bezeichnet, also die Philosophen vor Sokrates. Sie sind gewissermaßen die Großen der Philosophie. Der Anfang der Philosophie kommt aus Kleinasien, aus Griechenland und beginnt mit Naturphilosophen, die sich darum kümmern, welche Prinzipien dieser Welt zugrunde liegen.

Thales beschäftigte sich mit dem Prinzip Wasser, Anaximanders Thema war die Luft. Heraklit, der dunkle Philosoph, machte später das Feuer zum Prinzip bzw. die Verwandlung, denn das Feuer verwandelt ja alles. Für ihn war also Feuer das entscheidende Element. Alsbald versuchte Empedokles alles zusammenzubringen und die verschiedenen Vorschläge und Prinzipien unter ein Dach zu fassen, das Dach der Elemente. Empedokles fügte nun zusammen: das Wasser von Thales, das Feuer von Heraklit, die Luft von Anaximander, er selbst erklärte noch die Erde zu einem der wichtigsten Prinzipien, und diese vier Elemente werden verbunden durch Liebe und Hass. Er hat also zwei Prinzipien, wir würden heute sagen Kräfte, und er hat vier Elemente, und diese vier Elemente werden durch einen gewissen Anteil von Liebe und Hass verbunden: Wenn sie sich lieben, dann hängen sie zusammen, wenn sie sich hassen, dann stoßen sie sich ab. Je nachdem, wie das Verhältnis von Liebe und Hass in einem Ding ist, wird es eben feuchter sein, also mehr dem Wasser zugetan, oder feuriger, mehr dem Feuer zugetan usw.

Damit haben wir jetzt etwas gefunden, was am Anfang der Philosophie steht und was die gesamte naturwissenschaftliche Entwicklung durchziehen wird. Hier möchte ich nun einen kleinen Punkt setzen und zu einer kurzen historischen Betrachtung der gesamten Menschheit übergehen, von den Griechen bis zu uns heute. Nur damit Sie noch mal im Blick haben, worauf ich hinauswill: Es gab die Antike und dann das Mittelalter, es schloss sich an die Neuzeit und danach die Moderne, und wir befinden uns schon in der Postmoderne. Wir haben also verschiedene Zeitabschnitte. Die Vorsokratiker stammen aus der Antike aus einer Zeit 600 v. Chr., und sie sind diejenigen, die etwas in die Welt bringen, was es bis dahin nicht gegeben hat, nämlich den Versuch, die Natur ohne übernatürliche Gründe zu verstehen, das heißt ohne sich auf Götter zu berufen. Sie sagen, ich kann aufgrund meiner eigenen Vernunftfähigkeit etwas von dieser Welt verstehen. Das ist der entscheidende Gedanke, den die Vorsokratiker in die Welt gebracht haben, den wir noch ausführlichst betrachten werden. Aber ich möchte Sie auf Folgendes hinweisen: Es gab dann in der ausgehenden Antike hin zum Mittelalter einen Riesensprung, einen Schlag. Diese Vernunftbewegung der Griechen wurde schlagartig gestoppt durch das Auftauchen von Religionen. Nicht mehr das freie Gespräch mit der Natur über die eigene Vernunft war auf einmal erlaubt, sondern es gab bereits Antworten auf Fragen, die man noch gar nicht gestellt hatte. Und diese Antwort lautete immer: Gott.

Das war ein großes Problem. Für alle philosophisch Interessierten sind Religionen immer dann schwierig, wenn die Religion Fragen beantwortet, die noch gar nicht aufgetaucht sind, indem ständig darauf hingewiesen wird: im übrigen brauchen wir gar nicht weiter zu diskutieren, die Ursache für alles ist Gott.

Der nächste Schritt in der beginnenden Neuzeit bis weit ins 19. und 20. Jahrhundert hinein war die völlige Ablösung von jeder Frage, die mit Natur zu tun hat, von einem religiösen Thema hin zur Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaft ist die Antwort auf die Frage, wenn ich keine Religion mehr habe, kein religio, keine Bindung, dann mache ich es eben naturwissenschaftlich, das heißt so objektiv wie möglich. Heutzutage in der Moderne bzw. Postmoderne haben wir mit den Naturwissenschaften teilweise etwas zu tun, teilweise nichts zu tun, viele Menschen kokettieren damit, dass sie von Mathematik und Naturwissenschaften keine Ahnung haben, große Teile der Gesellschaft haben Angst davor, was die Naturwissenschaften bzw. die Technologie so macht. Also wir haben guten Grund, uns wieder daran zu erinnern, dass wir uns unserer eigenen Vernunft bedienen sollten. Wir brauchen keine Götter, wir haben die Freiheit unsere Welt so zu verändern, wie wir es für richtig halten und uns vor allem dabei nicht zu schaden. Es wäre schon fatal, wenn wir die Welt zerstören würden, weil wir der Meinung wären, dass Geld wichtiger wäre als unser Leben.

Jetzt habe ich einen weiten Bogen gespannt, aber nur deshalb, weil Sie wissen müssen, was für eine ungeheure Bedeutung es hat, worüber wir im Folgenden reden werden. Es ist nämlich im Laufe der Menschheitsgeschichte wieder vergessen worden, wie klar damals die Griechen gedacht haben. Sie haben nach den ewigen Prinzipien gesucht, nach denen die Natur funktioniert. Wir haben schon über die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde und die verbindenden Prinzipien Hass und Liebe gesprochen. Thales hat zum Beispiel die Sonnenfinsternis erklärt - wahrscheinlich weil er babylonische astronomische Tafeln gehabt hat, er hat sogar versucht, die Nilüberschwemmungen zu begründen usw. Das war zwar alles nicht richtig, aber es war mal ein Versuch. Er konnte auf jeden Fall plausibel machen, warum Dinge so sind wie sie sind und nicht immer nur darauf verweisen, das sei eine Sache der Götter.

Also Thales und viele andere nach ihm konnten die Natur erklären. Dennoch scheinen die Prinzipien eher etwas mystisch im Vergleich zu dem, was wir heute unter materiellen Stoffen und unter physikalischen Kräften verstehen. Das, was die Vorsokratiker gemacht haben, würden wir vielleicht als einen unvollständigen Materialismus bezeichnen, so als würden wir die Welt durchgängig ohne Götter und übersinnliche Kräfte zu erklären versuchen. Die Leute im Altertum waren ja nicht doof, das muss man schon sagen. Es gab schon immer Kausalerklärungen wie Druck und Stoß, sie konnten Häuser und Schiffe bauen, Waffen herstellen, und wie ich schon sagte, Thales hat zum Beispiel die Nilüberschwemmungen versucht zu erklären oder die Sonnenfinsternis. Also für beides hat man durchaus schon Erklärungen, obwohl andere die Götter dafür verantwortlich gemacht haben. So gesehen mündet das von den Vorsokratikern begonnene Unternehmen der einheitlichen und - wie es so schön heißt - immanenten Naturerklärungen in unsere heutige Physik, indem man nämlich versucht, einheitliche Theorien zu schaffen, die die Welt erklären. Das ist tatsächlich eine direkte Brücke zu der Prinzipientreue der Vorsokratiker. Sie erinnern sich: vier Elemente, Feuer, Wasser, Luft und Erde - das sind heute unsere Kräfte, unsere vier Grundkräfte. Gravitation (die Schwerkraft), elektromagnetische Wechselwirkung (das ist das, was aus der Steckdose kommt), die starke Kernkraft (die Kraft, die die Atomkerne zusammenhält) und die schwache Kernkraft (die einige dieser Atomkerne wieder zerfallen lässt, die Kraft, die dafür sorgt, dass Neutronen sich in Protonen und Protonen sich in Neutronen verwandeln können innerhalb eines Atomkerns und so zur Radioaktivität führen). Die Idee, die man heute in der Physik verfolgt, lässt sich direkt aus der vorsokratischen Philosophie nehmen und ins Heute übersetzen, nämlich der Versuch, aus all diesen vier Wechselwirkungen eine einzige zu machen, eine fundamentale Wechselwirkung. Das lässt sich direkt übersetzen.

Und es wird noch toller: Demokrit brachte einen Begriff in die Welt, der noch viel deutlicher und unmittelbarer damit verbunden ist: Atomos, die unteilbaren Teilchen. Für Demokrit war es entscheidend, dass die Welt weder aus Wasser, Luft, Feuer, Erde oder sonst irgendetwas bestand, sondern nur aus einzelnen Teilchen, die sich nicht weiter teilen lassen. Für ihn gab es nur zwei Dinge, nämlich die Atome und das Leere, sonst nichts. Zwischen den Atomen befand sich eben nicht Luft, sondern nichts.

Jetzt meint man natürlich gleich, die griechischen Atome, das sind die Atome, nach denen man heute sucht, die kann man sogar bildlich darstellen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich habe jedenfalls in der Schule gelernt, Atome könne man nicht sehen, weil sie so klein seien. Aber heutzutage ist es überhaupt kein Problem mehr, Atome darzustellen, man kann sogar einzelne Atome in sogenannten Paulfallen einfangen und sie sich ganz genau angucken. Es lässt sich schon die Perspektive in der Physik erkennen, wo es eines Tages möglich sein wird, sogar Elektronen innerhalb eines Atoms ganz genau zu untersuchen in der sogenannten Attosekundenphysik, das sind 10 –18 Sekunden. In Atome wird sozusagen eine Kamera eingebracht, die zeigt, was ein Elektron so macht. Das wird alles noch kommen, wir werden noch viel tiefer in die Materie einsteigen können. Das versuche ich jetzt auch gerade:

Die Atome des Demokrit sind eine Reaktion gewesen auf jemanden, der lange vorher behauptet hat, es gebe gar nichts, es könne gar nichts geben, es gebe überhaupt keine Veränderung, es wäre immer nur alles ewig da. Das war Parmenides. Parmenides suchte das unvergängliche Sein. Er hat sich damit beschäftigt, was ganz am Ende hinter den Dingen stehen muss, damit sich überhaupt etwas verändern kann. Vor einem unveränderlichen Urgrund fänden nach seiner These Veränderungen statt, die aber sowieso nur Sinnestäuschungen seien. Alles Werden und Vergehen sei Unsinn, es gebe nur das Unveränderliche, das Sein, das sich nicht verändert. Und auf diese philosophische Vorstellung, dass es etwas Ewiges, absolut Unveränderliches gibt, reagierte Demokrit, er sagte, das stimmt überhaupt nicht, Werden und Vergehen ist sehr wohl eine Eigenschaft unserer Welt, das ist etwas ganz Wichtiges und kommt dadurch zustande, dass Atome miteinander reagieren, sich ineinander verhaken, in gewisser Weise miteinander in Wechselwirkung treten. Das war für ihn das Entscheidende.

Heraklit war nicht nur der Philosoph des Feuers, sondern er war auch derjenige, der gesagt hat: Alles fließt („Panta rhei“). Du kannst nicht zwei Mal in den gleichen Fluss treten. Einer meiner Studenten hat mir mal die bayerische Übersetzung von „panta rhei“ genannt: Es geht alles den Bach runter. Das kann man sich vielleicht leichter merken. Also: Alles verändert sich. Heraklit ist der Philosoph der Veränderung. Er sagt, Veränderung ist das Ewige. Das ist das Prinzip dieser Welt.

Parmenides sagt, es ist alles ein ewiges Sein, für Demokrit ist alles eine Mischung von beidem, aber er ist auf jeden Fall jemand, der das Werden und Vergehen innerhalb dieser Welt durchaus anerkennt, das ist keine Täuschung, sondern das ist der Fall.

Wir haben also ganz unterschiedliche Philosophen: Parmenides, der sich mit dem Sein als Solchem beschäftigt; Heraklit, der sich anschaut, wie sich alles verändert; den knallharten Realisten Demokrit, der aus der ganzen Welt nur einen einzigen Aufbau von Atomen macht. Der Mensch wäre nach Demokrit einfach Biomatsch mit Überbau. Also alle meine Kollegen, die mich gerade durch die Glasscheibe anschmunzeln und denken, was redet der da, sind eigentlich nur solche Existenzen, die aus Atomen zusammengebaut sind. Und sie nicken auch noch. Das sind nickende Atome. Und Sie nicken jetzt wahrscheinlich auch. Tun Sie das nicht, so einfach geht das nicht! Sie sind durchaus mehr als nickende Atome, Sie sind durchaus mehr als Atome.

Und hier kommen wir auf den Punkt. Wir sind jetzt mitten in der Philosophie bei einer entscheidenden Frage, und die lautet: Besteht die Welt nur aus Substanzen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, die einfach nur da sind? Oder besteht die Welt aus Prozessen, aus Wechselwirkungen? Darüber werden wir uns noch unterhalten müssen, das ist ziemlich wichtig. Wenn man nämlich wissen will, woher etwas kommt, wie etwas entstanden ist usw., dann ist es mit den Substanzen nicht weit her, wie wir noch sehen werden.

Was ist denn nun das Resultat dieser vorsokratischen Philosophie? Nun, wie so oft, die Philosophie hat kein Resultat. Philosophie muss unter allen Umständen immer wieder aufs Neue betrieben werden. Deshalb war es auch bei den Vorsokratikern so, dass -nach dem solche Elementenlehren sich verbreitet hatten, nachdem Heraklit und Parmenides den Streit über Sein und Werden ausgetragen hatten - am Ende mit einer materialistischen Vorstellung im Grunde genommen die vorsokratische Philosophie zu Ende war. Es war ja jetzt alles getan: die Elemente, Sein und Werden, und zum Schluss blieben nur noch die materialistischen, also demokritischen Gedanken übrig. Damit wäre eigentlich alles erledigt gewesen.

Wenn es nicht einen genialen Typen gegeben hätte, der auch im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung schon etwas in die Welt gebracht hatte, was noch viel viel länger die Menschen beeinflusst hat als alle Ideen der Vorsokratiker vorher. Dieser Mann war Pythagoras.

Pythagoras muss ein echter Star gewesen sein zu seiner Zeit, einer, der Menschen um sich herum geschart hat wie eine Fangemeinde und einen sehr mystisch orientierten Orden gegründet hat, vielleicht kann man das so nennen. Als Prinzip für die Naturbeschreibung hat Pythagoras an nichts Konkretes gedacht wie Feuer, Wasser, Erde. Er redet von etwas völlig Anderem, er spricht von einer Welt, in der alles Zahl ist. Für ihn liegt das Geheimnis der Welt nicht in einem Urstoff, sondern in einem Urgesetz, dem Urgesetz der zahlenmäßigen Beziehung der Weltbestandteile.

Pythagoras, das wissen Sie, war der Mann von a2 + b2 = c2, diesen Satz hat er übrigens nicht erfunden, sondern er stammt aus Babylon, aber vielleicht hat Pythagoras ihn als erster aufgeschrieben, das wissen wir aber nicht. Wie überhaupt nur sehr wenig direkt bekannt ist von den ganzen Vorsokratikern. Aber sei’s drum, er hat etwas in die Welt gebracht, das Urgesetz der zahlenmäßigen Beziehung der Weltbestandteile, das ist für ihn ganz wichtig. Die Welt ist für ihn ein harmonisches Ganzes. Kennen Sie das? Das haben Sie schon mal gehört. Ein ewig lebendiges göttliches Wesen ist der Kosmos.

Viele Jahrhunderte später wird ein Mann in Europa genau mit diesem Bild versuchen, den Himmel auf die Erde zu holen, indem er ihn auf dem Schreibtisch ausrechnet. Johannes Keppler wird von dem kosmischen Weltganzen, von dem Harmonischen der Welt berichten und wird versuchen, die Gesetze der Planetenbewegungen darauf zurückzuführen. Jedem Planeten wird ein Ton zugeordnet, und so müsste eigentlich, wenn die Welt harmonisch ist, draußen am Himmel ein Ton zu hören sein.

Wir sind immer noch bei den Vorsokratikern, wir sind bei Pythagoras, der auf Samos geboren wurde, einer immer noch ungeheuer grünen Insel direkt gegenüber von Kleinasien. Dieser Mann hat auf seinen Reisen durch den Mittelmeerraum offenbar irgendwann festgestellt, die Welt ist Zahl und die Bestandteile der Welt stehen zueinander in bestimmten Verhältnissen. Das lag daran, dass er Musik gemacht hat. Für Pythagoras war diese gesetzliche Harmonie aus der Musik ablesbar, den Verhältnissen von Tönen, und die waren eben nicht irgendwie, sondern eine harmonische Musik, die nach gewissen Regeln strukturiert ist, und diese Regeln hat Pythagoras auf die ganze Welt übertragen.

Pythagoras und dann auch Platon, das ist lange nach Sokrates, sind der Meinung, dass die geometrischen Körperformen sogar der Form der Seele entsprechen würden. Deswegen können wir überhaupt etwas verstehen von der Welt: wir haben diese Formen in unserer Seele, und daher kommen Wahrnehmung und Erkenntnis durch Passung zustande. Wir haben in gewisser Weise Schablonen, um die Welt zu erkennen. Pythagoras ist der einflussreichste Vorsokratiker, weil er mit seiner Vorstellung vom Urgesetz dem mathematischen Naturgesetz, nach dem vor allen Dingen die Physik sucht, sozusagen den Weg geebnet hat. Er hat zuerst festgestellt, welche unglaubliche Kraft in der Bezeichnung durch mathematische Begriffe steckt. Wenn ich es schaffe, über die Welt ein mathematisches Naturgesetz zu formulieren, dann kann ich unglaublich viel verstehen.

Wenn das so ist, wie Pythagoras und später Platon es festgelegt haben, dann erfasst die Mathematik zugleich die Prinzipien im Aufbau der Seele und der Objektwelt - es gibt also das Denkende und das Ausgedehnte. Viel später wird das noch mal von René Descartes formuliert werden und ein Leib- und Seele-Problem formuliert, herauslesen lässt sich das schon aus Pythagoras. Erkennen heißt, das sinnlich wahrnehmbare Außen mit den inneren Urbildern zu vergleichen und es damit übereinstimmend zu beurteilen. So ist dieses Erkennen gemeint. Pythagoras steht auch heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts den ganz neuen Theorien Pate, wie zum Beispiel den String-Theorien, Supersymmetrien usw., die sich gar nicht so ohne weiteres begründen lassen. Aus der Physik heraus lassen sich viele Prinzipien dieser Theorien nicht begründen. Das sind diese großen vereinigten Theorien, die nun versuchen, diese vier Grundkräfte, von denen schon die Rede war: Schwerkraft, elektromagnetische und die beiden Kernkräfte, zu vereinigen und dem Satz von Pythagoras, diese Welt sei durch und durch Zahl, tatsächlich gerecht zu werden. Die Stringtheorie zum Beispiel behauptet, die Bausteine des Kosmos seien winzige Fädchen aus Energie, die wie Saiten (engl. strings) unaufhörlich vibrieren. Aus ihren Schwingungen entstehen dann alle Elementarteilchen und physikalischen Kräfte.

Diese Welterklärung ist natürlich ebenso spekulativ, mysteriös, man kann auch sagen ironisch wie die von Pythagoras und seiner Zahlentheorie. Die Strings sind experimentell gar nicht nachzuweisen, sie sind so winzig, das zu ihrem Nachweis ein Beschleuniger zum Beispiel gebaut werden müsste, der so groß ist wie die Milchstraße. Und das können wir uns nicht leisten, das können wir noch nicht mal technisch vollbringen.

Was ist die Welt am Ende einer solchen Sendung, wo wir wirklich die gesamten Vorsokratiker nur so angetippt haben? Am Anfang hatten wir die Vorstellung, wir müssen raus aus dem Mythos, aus der Welt der Götter, denn sie helfen uns nicht, sie lassen uns allein; wir vertrauen auf unseren Logos. Am Ende sind wir beim mathematischen Naturgesetz angelangt und haben die Grundlagen der modernen Naturphilosophie entdeckt: Atome, Mathematik, Elemente, Kräfte und Theorie. Das werden wir im dritten Teil weiter verfolgen.


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SWR2 Wissen: Aula Was die Welt im Innersten zusammenhält
Was ist Naturphilosophie? (3)
Teil 3: Karfreitag, 21.03.08

ÜBERBLICK Teil 3
Wir brauchen heute wieder eine starke, moderne Naturphilosophie, die uns hilft, das Wissen, das wir permanent erzeugen, zu sortieren, damit wir nicht in der Informationsflut ertrinken. Diese Naturphilosophie könnte uns eine Struktur liefern, mit deren Hilfe wir alles Naturhafte ordnen und klassifizieren können.

Für den Astrophysiker Harald Lesch liefert das evolutionäre Denken diese Struktur, es handelt von der Geschichte der Dinge und fragt nach dem Woher und Wohin, nach dem Ursprung und dem Ende. Professor Harald Lesch zeigt im dritten und letzten Teil seiner Reihe die Bedeutung des evolutionären Gedankens für die moderne Naturwissenschaft.

INHALT Teil 3
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Ansage:

Heute mit dem Thema: „Was die Welt im Innersten zusammenhält - Was ist Naturphilosophie? (Teil 3)“.

Was die Welt im Innersten zusammenhält - das ist der Hauptpfad, den die Naturphilosophie zu allen Zeiten beschritten hat, egal ob es sich um die Vorsokratiker, die Romantiker oder um moderne Denker handelte: Sie alle fragten nach den Prinzipien, mit denen sich die Vielfalt der Naturerscheinungen ordnen lässt, mit denen man die Eigenschaften der natürlichen Objekte beschreiben kann.

Gibt es heute so ein oberstes Prinzip der Naturphilosophie? Harald Lesch, Professor für Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, meint: Ja, es gibt so ein Prinzip, und für ihn hat es mit dem evolutionären Gedanken zu tun, mit der Geschichtlichkeit allen Seins.

In der SWR2 Aula führt Lesch diesen Gedanken aus und er zeigt, warum wir heute mehr denn je Naturphilosophie benötigen:


Harald Lesch:

Heutzutage brauchen wir Naturphilosophie mehr denn je. Eine solche Dressur des Geistes ist absolut notwendig, weil wir ertrinken in Informationen. Denn man stößt zum Beispiel regelmäßig auf Berichte über das explosionsartige Wachstum der Wissenschaft. Da heißt es u. a., 90 Prozent aller Wissenschaftler, die es je gab, leben jetzt. Oder da heißt es, seit 1950 seien mehr wissenschaftliche Arbeiten erschienen als in allen vergangenen Jahrhunderten zusammen. Können Sie sich das vorstellen? Seit 58 Jahren haben wir soviel Papier erzeugt wie die ganze Menschheit vor uns zusammen nicht. Wir erzeugen und erzeugen und erzeugen. Aber erzeugen wir wirklich Wissen oder erzeugen wir nur Information?

Wir können heutzutage jede beliebige Information bekommen, die wir wollen, und zwar schnell, mit Lichtgeschwindigkeit. Einfach das Internet anschalten und Sie können sich über verschiedene Suchmaschine zum Philosophen machen. Das ist überhaupt kein Problem. Informationen können Sie sich sofort beschaffen. Aber wissen Sie dann auch was?

Ob diese Vorstellung jetzt übertrieben ist oder nicht, braucht uns hier nicht zu kümmern. Es ist auf jeden Fall so, dass niemand mehr in der Lage ist, alle bekannten Tatsachen zu sammeln und im Kopf zu behalten. Das geht gar nicht mehr. Früher konnte man das noch. Der deutsche Philosoph und Wissenschaftler Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716) wird „der letzte Universalgelehrte“ genannt. Er hat nämlich nicht nur das Wissen seiner Zeit beherrscht, sondern er hat auch noch durch richtungsweisende Ideen die meisten wissenschaftlichen Disziplinen wirklich bereichert. Stellen Sie sich das einmal vor! Ich meine, man kann sich heute ja einigermaßen informieren. Wenn Sie wissen wollen, wie eigentlich der größte Saurier hieß, der jemals gelebt hat, können Sie das sofort nachprüfen. Sie finden heraus, wann Paul McCartney mit wem verheiratet war, was das schnellste Auto war, wer der größte Dummkopf war. Sie können alles finden, und wenn nicht, dann können Sie wenigstens einen Lexikon-Artikel darüber schreiben, also Sie können sofort teilnehmen an der Vergrößerung der Informationsmenge. Aber Sie können schon kaum einen originellen Beitrag zu einer wissenschaftlichen Disziplin leisten.

Sehen Sie das Problem? Allein das Einschalten des Computers, das „Online-Sein“ (ich bin online, also bin ich), führt zu dem Problem, dass Sie sich mit Informationen voll stopfen können bis zum Geht-Nicht-Mehr.

Und da gibt es nun ein hochgradig interessantes Klassifikationsschema, was uns helfen könnte, die Welt, auch wenn sie noch so kompliziert ist, doch tatsächlich besser zu verstehen. Trotz des großen Umfangs und der ungeheuren Komplexität wissenschaftlicher Erkenntnisse möchte man doch auf diese befriedigende Klassifikation hoffen, auf irgendetwas, das ordnet, auf eine tiefere Struktur, etwas, was integriert und die Dinge zusammenhält, einen synthetischen Gesichtspunkt. Und so etwas gibt es. Das finde ich doch schön, dass die Naturwissenschaft zusammen mit der Philosophie etwas hervorgebracht hat, das die Dinge zusammenbringt. Und das ist der Begriff der Evolution.

Jetzt ist es raus, die Sendung handelt von Evolution. Ich habe versucht, den Tatbestand so klar wie möglich darzustellen, dass wir in Informationen ersaufen, wir können viel viel mehr wissen, als wir überhaupt aufnehmen können. Wie kriegen wir nun das Wissen strukturiert? Nach welchem Strukturmerkmal müssen wir suchen, wenn wir Wissen einigermaßen in unserem Hirn und für unser Hirn verdaulich machen wollen? Die Evolution, das ist es. Die Entwicklung.

Das Tolle an dieser Idee ist einfach: Schauen Sie sich doch einmal um. Sie können wahrscheinlich über fast alle Dinge, die sich um Sie herum befinden, sagen, woher die kommen. Die hat Ihnen jemand geschenkt, Sie haben sie gekauft usw. Sie können bei jedem Ding fragen, wie es entstand. Jedes reale Objekt hat eine Geschichte, es kommt irgendwoher, es hat einen Ursprung. Es gibt einen Ursprung, also eine Geburt, eine Folge von Zuständen und ein Ende. Also jedes reale System entwickelt sich. Wenn sich auch in einigen Fällen keine Antwort finden lässt, dann ist doch immer diese evolutionäre Frage legitim, nämlich zu fragen, wie hat denn das angefangen. Wo kommt das Material dafür her? Wie ist das Material zusammengesetzt?

Man kann zum Beispiel auch fragen, woher kommt die Sonne, die Planeten, die Milchstraße, die ganzen Milchstraßen, das Universum? Man kann antworten, na ja, da hat sich Materie zusammengefunden, und dann wird einem erzählt, das Universum würde expandieren, also der Raum breitet sich aus, dann kann man sich natürlich vorstellen, dass es gestern kleiner war, vorgestern war es noch kleiner usw., es hat einen Anfang gegeben. Und der Anfang wird ja zum Beispiel in der modernen Kosmologie mit dem Wort „Urknall“ bezeichnet. Und da sind wir am Ende unseres Forschens und Denkens angelangt. Denn hier befindet sich die Wand, hier ist Feierabend. Wir können nicht sagen, was vor dem Urknall war. Man kann natürlich die Frage nach der Ursache stellen, solange die Chance besteht, sie zu finden. Wenn man aber an den Anfang gelangt, dann muss man eine Ursache haben, die selber keine Ursache mehr hat. Und das ist nach Aristoteles, einem herausragenden griechischen Denker, der unbewegte Erstbeweger, der zwar selber die Dinge in Bewegung gesetzt hat, aber er selber ist ewig, er war immer da gewesen.

Ein anderer großer Philosoph, einer meiner Lieblinge, Immanuel Kant hat in der Vorrede zu einem der berühmtesten Bücher der Philosophie „Zur Kritik der reinen Vernunft“ eben genau darüber berichtet, dass unsere Vernunft in der paradoxen Situation ist, dass sie sich Fragen stellen kann, von denen sie von vorneherein weiß, dass es keine Antworten gibt.

Aber nichts desto trotz, wir kommen jetzt wieder raus aus der Höhle, ich die ich Sie eben hineingeführt habe, zurück in die Halle der Evolution, wir können uns also eine Frage stellen, woher kommt irgendwas. Und diese Fragerei kann man eine ganze Weile betreiben, sie ist gewissermaßen das Programm der Wissenschaften. Wenn Sie sich Anfang, Entwicklung und Ist-Zustand eines Dings oder eines Menschen, egal was, anschauen, dann merken Sie auch, was Sie alles nicht wissen. Zum Beispiel der Übergang der Tiere vom Wasser auf die Erde, da fehlen uns noch einige Stücke, den verstehen wir noch nicht richtig. Und schon haben Sie ein Programm. Für die Wissenschaft ist die Evolution gewissermaßen das ideale Programm schlechthin. Jede Wissenslücke ist automatisch wieder Anlass zu sagen, da müssen wir weiterforschen. Diese „missing links“, also das, was uns fehlt, wollen wir auch noch erforschen und das noch und das noch usw. Das treibt die Wissenschaft an.

Kurzum: Die Evolution hat auf der einen Seite die Funktion, uns erst mal zu sagen, was ist denn eigentlich da. Das ist das rein Beschreibende, das rein Kinematische. Danach, und das werden wir gleich schön auseinandernehmen, folgt noch etwas anderes: das Dynamische. Das ist das Warum? Wir können beschreiben, was ist. Das Warum ist der zweite Teil.

Auf diese Weise hat der Begriff der Evolution eine ganz wunderbar ordnende Funktion bei dem Versuch, das Wissen in dieser Welt einigermaßen zu klassifizieren und zu klären: Natur hat sich so und so entwickelt, Menschen haben sich so und so entwickelt. Das ist evolutionäres Denken.

Betrachten wir jetzt zum Beispiel mal die Dinge am Himmel, da kenne ich mich gut aus, wir wollen mal sehen, wie weit wir damit kommen. Gibt es da ewige fixe Gegenstände, die immer so bleiben, wie sie sind? Sind die Fixsterne etwa unveränderliche permanente Objekte? Was meinen Sie? Auf einer menschlichen Zeitskala von - großzügig gerechnet - 100 Jahren sind die Sterne ziemlich fix. Sie stehen am Himmel und leuchten und leuchten, manchmal flackern sie auch ein bisschen, das liegt dann meistens an der Luft zwischen uns und ihnen. Aber ansonsten scheinen die Sterne selber sich nicht zu rühren. - Das aber ist falsch! Die moderne Astrophysik sagt uns etwas ganz anderes, sie spricht vom Leben und Sterben der Sterne. Zwar sind Sterne langlebig im Vergleich zu biologischen Systemen, aber auch sie haben einen Ursprung und ein Ende.

Sterne sind ja gewissermaßen nichts anderes als Energieumsetzungsverfahren. Und wenn ein Stern seine letzte Energiekrise nicht mehr lösen kann, dann bläht er sich auf und er explodiert völlig oder es bleibt noch ein Sternrest übrig, eine Sternleiche. Ich zum Beispiel bin ein Spezialist für Sternleichen, ich bin ein Pathologe und beschäftige mich mit Sternleichen, die ich allerdings nicht in meinem Laboratorium haben kann, sondern die versuche ich am Himmel zu untersuchen. Man spricht tatsächlich von Sternleichen, von Neutronensternen und schwarzen Löchern.

Das Tolle allerdings ist, dass mit dem Sterben dieser Sterne, die zuerst geboren werden aus Gaswolken und dann als Sternleichen vielleicht durchs Universum ziehen - dass mit dem Geborenwerden und dem Sterben dieser Sterne etwas verbunden ist. Das ist sozusagen der unkündbare Generationenvertrag der Materie im Kosmos: Viele Sterne geben etwas an das Universum zurück, sie sind gewissermaßen karitativ tätig, sie können gar nicht anders. Wenn nämlich ein Stern relativ groß ist, richtig schwer ist, viel schwerer als unsere Sonne, dann explodiert er am Ende seines Lebens und er gibt das ans Universum wieder zurück, was ihm das Universum am Anfang gegeben hat, nämlich Gas. Also die ersten Sterne bestanden nur aus Wasserstoff und Helium. Wo kommen die ganzen anderen Elemente her, aus denen Sterne bestehen? Das kann uns die moderne Astrophysik eben erklären, die ganzen anderen Elemente kommen aus den Sternen, die explodiert sind. Der Sauerstoff in dem Wasser, das Sie trinken, stammt von einem Stern, von einem, der geborsten ist, wahrscheinlich 20 bis 25 Mal so schwer war wie die Sonne und eines schönen Tages auseinander flog und mit 20.000 km pro Sekunde seine Hüllen in das Universum hinausgeschossen hat. Irgendwann treffen diese Hüllen auf anderes Gas, werden zusammengepresst, und so entstehen neue Sterne.

Das Leben und Sterben dieser Sterne hängt im Universum unmittelbar zusammen. Es muss in diesem Universum gestorben werden, so dass neue Sterne entstehen können. Damit befinden wir uns mitten in der Evolution. Ich erzähle Ihnen Geschichten vom Werden und Vergehen, da ändert sich pausenlos etwas, und immer gestattet uns die Evolution, den roten Faden niemals zu verlieren. Erst gab es Sterne, die nur aus Wasserstoff und Helium bestanden. Dann entstanden Sterne, da war schon Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff dabei. Und zu guter Letzt gab es Sterne, die sogar Planeten um sich herum geformt haben wie zum Beispiel unsere Sonne, die ja erst 4,5 Milliarden Jahre alt ist, obwohl das Universum schon 13,7 Milliarden Jahre alt ist.

Kurz und gut: Die Dinge im Himmel sind nicht permanent, noch nicht einmal das Universum ist ewig, es hat einen Anfang gehabt, es entwickelt sich, es ist nicht unveränderlich, es breitet sich aus, es ist nicht für immer und ewig da. Es ist im Gegenteil eher merkwürdig instabil, es treibt auseinander. In der realen Welt existiert tatsächlich keine einzige Ausnahme. Wenn noch nicht einmal das Universum ewig ist, gibt es keine Ausnahme zu Heraklits hellseherischer Formel „pantha rei“ („Alles fließt“).

Heraklit konnte seine Annahme nicht beweisen, er hat sie nur aufgrund seiner Beobachtungen aufgestellt. Zu seiner Zeit konnten andere Denker eben genau das Gegenteil behaupten. Für Parmenides zum Beispiel ist ja die Welt des Wandels eine reine Täuschung gewesen. Erst seit kurzem steht unser wissenschaftliches Weltbild endgültig auf der Seite Heraklits. Das ist das Verdienst evolutionären Denkens, also die Evolution als Prinzip zu nehmen, um die Natur zu klassifizieren und zu beschreiben.

Was sind die möglichen Zustände eines Systems, was folgt da aufeinander, was ist der Anfang, was ist das Ende, wie hängt das Ende vom Anfang ab? Könnte man unter anderen Umständen was ganz anderes kreiert haben? Nehmen wir das bekannte Beispiel, der Flügelschlag eines Schmetterlings in Hongkong könnte einen Wirbelsturm in der Karibik auslösen. Das ist natürlich Quatsch. Aber es geht um den Hinweis allerkleinster Veränderungen, die auf der anderen Seite katastrophale Ergebnisse zeitigen können. Kann man eine solche Kausalitätskette, also eine Kette von Ursache und Wirkungen, wirklich zusammenbauen? Dann weiß man nämlich, wie die Endresultate von den Anfangsbedingungen abhängen und umgekehrt. Was kommt am Ende heraus und wie hängt das vom Anfang ab, das ist wichtig. Evolution ist in diesem Sinne durchgehend, allumfassend und universell, sie zeigt, dass die Dinge tatsächlich voneinander abhängen. Evolution verbindet und vereint alle realen Systeme und deshalb auch alle faktischen Wissenschaften. Genau darum muss es gehen, die Evolution ist ein wahrhaft zusammenführender Gesichtspunkt bis dahin, dass man sogar das ganze Universum betrachten kann als einen einzigen einmaligen evolutionären Prozess. Man könnte vielleicht sagen, das was Newton für die Physik war, das war Darwin durch das Einführen des Evolutionsprozesses für die Biologie. Damit hat er die Dinge zusammengebracht. Vorher gab es unterschiedliche Teilbereiche: Zoologie, Botanik, Anthropologie usw. Aber durch das Denkmuster der Evolution hat Darwin alles unter ein Dach zusammengebracht. Aus dem Einfachen wird das Komplizierte. Aus dem Komplizierten wird das noch Kompliziertere. Das Komplizierte war nicht einfach da, es hat sich entwickelt. Es hat sich durch das Zusammenspiel von Veränderungen, die auch ganz zufällig gewesen sein können, und den Bedingungen, den sich verändernden Bedingungen und dem Erfolg des jeweiligen Systems entwickelt. Und nur die Gewinner sind noch übrig geblieben. Alles, was in diesem Universum jetzt zur Zeit da ist, hat gewonnen. Sonst wäre es nicht da.

Man kann das an einem ganz einfachen Beispiel deutlich machen, natürlich wieder eines aus der Astrophysik, nämlich die Stabilität des Sonnensystems. Das Sonnensystem ist eine unglaublich stabile Angelegenheit - wenn man nicht zu genau hinguckt. Wenn man aber genau wissen will, wie sich das Sonnensystem in 4 oder 5 Milliarden Jahren entwickeln wird, wird man keine Antwort bekommen. Kein Computer könnte das berechnen. Denn das Sonnensystem hat Unwägbarkeiten, die man nicht bestimmen kann. Wir können in die Zukunft hineinrechnen bis 400 bis 600 Millionen Jahre, das geht gerade noch. Ab dann scheint das ganze System auseinander zu fliegen.

Auf der anderen Seite können wir aus unserer eigenen Existenz folgendes schließen: In diesem Sonnensystem ist nichts passiert, was die Stabilität der Bahnen der Planeten in irgendeiner Art und Weise so beeinflusst hat, dass die Planeten aus dem Sonnensystem verschwunden sind. Die Altersbestimmungen sind eindeutig, das Sonnensystem ist 4,5 Milliarden Jahre alt und offenbar nach allem, was wir aus der Erdgeschichte wissen, ist die Erde seit ihrem Anbeginn auf der Bahn, auf der sie sich heute befindet. Und die anderen Planeten ebenso, denn wenn die sich verändert hätten, hätte sich die Bahn der Erde auch verändert, denn nur Massen bewegen Massen. Nehmen wir an, Jupiter wäre nach innen gewandert, wäre das für uns eine Katastrophe geworden. Dass die Erde seit 4,5 Milliarden Jahren sich auf der gleichen annähernd runden Bahn um die Sonne bewegt, dass auch die anderen Planeten sich annähernd kreisrund bewegen, ist ein Zeichen dafür, dass dieses System unglaublich stabil ist - einerseits.

Andererseits - wenn man sich anschaut, wie Planeten entstehen müssen, aus vielen vielen Felsbrocken, da werden auch mal größere Planetenvorläufer dabei gewesen sein, die stießen dann zusammen. Am Ende sind vielleicht 20 bis 25 Kleinstplaneten übrig gewesen. Und heute? Wir haben noch acht Planeten, wovon einer - Pluto - als Zwergplanet bezeichnet wird, er ist kein richtiger Planet mehr. Aber diese Zwergplaneten geben uns vielleicht einen Eindruck davon, wie es früher im Sonnensystem ausgesehen hat. Was ich damit sagen will ist: was wir heute sehen, sind die Gewinner, sie sind übrig geblieben, weil sie offenbar die perfekten Bedingungen hatten und nicht mit anderen zusammengestoßen sind. Das ist Evolution.

Das Sonnensystem hat sich entwickelt. Es ist ein hochgradig interessanter Gedanke, den im Jahr 1755 Immanuel Kant entwickelt hat in seiner „Theorie des Himmels“. Darin beschreibt er die Entstehung des Sonnensystems, dass also eine Scheibe um die Sonne herum sich gebildet hat aus Gas und Staub und aufgrund von Vorgängen, die er zwar noch nicht so richtig verstanden, aber dennoch angedacht hat. Er meinte, es muss eine Kraft geben, die neben der Schwerkraft Dinge zusammenhält. Also durch die Zusammenstöße könnte es so etwas Klebriges, die Materie geben, vielleicht wird es heiß und die Teile hängen aneinander, und so wachsen Planeten in dieser Scheibe. Und Kant hatte völlig recht. Kants Theorie vom Himmel ist der erste erfolgreiche Versuch einer Evolutionstheorie. Und der evolutionäre Begriff ist es, der tatsächlich weit über allem steht und nicht nur dazu gebraucht werden kann, etwas zu beschreiben, sondern er kann auch erklären, warum Dinge so sind. Wir sind ja nicht nur daran interessiert zu beschreiben. Der Evolutionsbegriff erlaubt Analogien zu ziehen aus dem Entwicklungszustand. Er kann für alles benutzt werden, was in dieser Welt in irgendeiner Art und Weise sich entwickelt hat, das Universum, Planeten, Sterne, Wolken, alles mögliche, was irgendwie in der Natur auftaucht, ist real, entwickelt sich. Die Evolutionstheorie ermöglicht es ja vor allen Dingen auch, das habe ich vorhin schon mal gesagt, die Lücken in unserem Wissen ausfindig zu machen.

Obwohl also die Evolution im Wesentlichen kontinuierlich ist, gibt es doch immer wieder zahlreiche Lücken, und das Allerschärfste an der Evolutionstheorie ist eben dann festzustellen, was ich weiß und was ich nicht weiß. Das ist natürlich Philosophie vom Reinsten, vom Saubersten. Sie kann uns mitteilen, was wir noch nicht wissen und damit die Wissenschaft insgesamt befördern. Denn die Wissenslücken sind der Treibstoff für die Wissenschaften. Diese Lücken bedeuten Offenheit und Transparenz. Der Evolutionsbegriff insgesamt ermöglicht eine andauernde und ständige Weiterarbeit an dem, was wir wissen, und an dem, was wir nicht wissen. Der Evolutionsbegriff ist die einzige Möglichkeit, Zukunft zu gestalten.

Es gibt die Wissenschaften, die von Wissenslücken befördert werden, und es gibt Ideologien und Religionen, die sozusagen komplette lückenlose Weltbilder anbieten. Das kann nicht zusammen gehen. Ideologien sind immer schon vor vorneherein so fest und ewig, das kann nicht funktionieren. Wir haben in den Naturwissenschaften herausgefunden, dass nicht das Feste, Ewige von Parmenides das Richtige ist, sondern das Offene, sich entwickelnde „Pantha Rei“ des Heraklit. Die Zukunft, meine Damen und Herren, ist ungewiss. Das, was uns in der Zukunft helfen kann, ist nur, offen zu sein, transparent und kritikfähig zu bleiben und nicht sozusagen die Probleme der Zukunft mit Lösungen aus der Vergangenheit lösen zu wollen. Wir brauchen eine offene, möglichst vorurteilsfreie Betrachtung der Dinge um uns herum.

Die Evolution ist möglicherweise das Zauberwort dafür, wie wir die Zukunft auf einem Planeten gestalten, der so komplex ist, dass man ihn alleine ohne die Evolution nicht verstehen kann. Möglicherweise ist die Evolution ein Gottesgeschenk.

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