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Hans Küng: Was die Welt im Innersten zusammenhält - Religion und Naturwissenschaft (2)
www.swr2.de 
Dieses Thema ist im folgenden Buch weiterentwickelt: Hans Küng, »Der Anfang aller Dinge. Naturwissenschaft und Religion«, Piper Verlag München, 8. Auflage 2006
piperverlag@t-online.de  / www.piper.de

Autor und Sprecher: Prof. Hans Küng *; Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch;
Sendung: Ostersonntag, 16. April 2006, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.


ÜBERBLICK

Noch immer ist die Frage unentschieden, ob sich die Evolution qua Zufall entwickelt hat oder ob sie auf einem notwendigen, vielleicht sogar metaphysischen Prinzip beruht. In den letzten Jahren sind einige Bücher erschienen, die die Bedeutung und die Macht des Zufalls herausarbeiten, nach dem Motto: Die Natur würfelt sehr gerne und hat, quasi nebenbei, den Menschen samt Geist hervorgebracht.

Die Frage nach Zufall oder Notwendigkeit ist zugleich das Einfallstor für die religiöse Spekulation, die sich nicht fürchten braucht vor den "harten" Erkenntnissen der modernen Biologie. Hans Küng, emeritierter Professor für ökumenische Theologie, Präsident der Stiftung Weltethos, zeigt, warum Gott und Evolutionsbiologie durchaus zusammen passen.

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Ansage:

Heute mit dem Thema: Was die Welt im Innersten zusammenhält - Religion und Naturwissenschaft, Teil 2.

Der Tübinger Theologe Hans Küng fragte vor zwei Tagen, wo die moderne Astrophysik noch Raum lässt für religiöse Aspekte, und dieses Gedankenmuster wendet er heute auch auf die moderne Biologie an. Die hat mit Siebenmeilenstiefeln die genetischen und biochemischen Landschaften des Lebens erobern können, sie hat Gesetze formulieren können, die die Evolution maßgeblich bestimmen. Doch noch immer ist eine wichtige Frage unbeantwortet: Ist das Leben, ist die Entwicklung hin zum intelligenten Menschen nun das Resultat puren Zufalls oder steckt dahinter ein Plan, vielleicht sogar der Plan eines Schöpfergottes, eines hochintelligenten Designers?

Auch diese Frage mündet, so Küng, in Religion, denn nur die kann dem Evolutionsprozess einen metaphysischen Sinn geben. Allerdings sollte dieser Sinn die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht konterkarieren, er sollte damit kompatibel sein. Und genau darum geht es ja auch Küng: Er will Religion und Naturwissenschaft nicht gegeneinander ausspielen, sondern in einen Dialog verwickeln, in dem sich beide Bereiche auf gleicher Augenhöhe treffen.

Hören Sie nun also Teil 2 der insgesamt dreiteiligen Reihe von und mit Hans Küng, heute geht es, wie erwähnt, um die Entwicklung des Lebens.


Hans Küng:

Eine zentrale Frage für uns Menschen heute ist die nach der Entstehung des Lebens. Gerade in dieser Frage hat die Biologie der letzten Jahrzehnte sensationelle Erfolge zu verzeichnen. Derart, dass Darwins Evolutionstheorie heute als geradezu physikalisch begründet und experimentell nachgeprüft angesehen werden darf, nicht nur auf der Ebene der lebendigen Zelle, sondern auf der Ebene der Moleküle. Schon Darwin hatte die Hoffnung geäußert, dass das Prinzip des Lebens eines Tages als Teil oder Folge eines allgemeinen Gesetzes erkannt würde. Was aber vor wenigen Jahrzehnten ein Traum schien, ist heute Wirklichkeit geworden: Die Molekular-Biologie, seit der Mitte des 20. Jahrhunderts so etwas wie die neue Basis der Biologie, hat dieses Gesetz gefunden; James D. Watson und Francis H. C. Crick erhielten dafür 1962 den Nobelpreis. Dadurch wurde die Biologie ebenso revolutioniert wie wenig früher die Physik durch die Quantenmechanik.

Was an Bakterien und Viren erforscht wurde, gilt auch für höhere Organismen und vermutlich für alles Leben auf diesem Planeten: Elementare Träger des Lebens und seiner Grundeigenschaften sind zwei Klassen von Makromolekülen, nämlich Nukleinsäuren und Proteine.

So funktioniert das Leben und pflanzt sich fort: eine „Wunderwelt“ auf der elementarsten Ebene, wo auf kleinstem Raum Moleküle oft in einer Millionstelsekunde ihre Umsetzungen durchführen.

Man fragt sich unwillkürlich: Steckt hinter der Entstehung des Lebens vielleicht doch ein geheimnisvoller Schöpfungsakt, der die einzelnen Atome so anordnet, dass überhaupt Leben entstehen kann?

Wir wissen freilich nach wie vor nicht sicher, wie erstmals aus Unbelebtem Leben entstanden ist. Nicht sicher, welche genauen Ereignisse die Biogenese eingeleitet haben. Eines freilich wissen wir: Wie auch immer man diesen Übergang zum Leben im einzelnen erklärt, er beruht auf biochemischen Gesetzmäßigkeiten und somit auf Selbstorganisation der Materie, der Moleküle. Und wie sich aus der Urmaterie durch elektrische Entladungen immer komplexere Moleküle und Systeme gebildet haben, so aus Nukleinsäuren und Proteinen das auf Kohlenstoff basierende Leben.

Doch weswegen steigt überhaupt die Evolution an zu höheren Arten, ohne von äußeren Faktoren erzwungen oder gesteuert zu sein? Das ist die große Entdeckung: Schon auf der Ebene der Moleküle regiert das von Darwin zunächst in der Pflanzen- und Tierwelt festgestellte Prinzip der „natürlichen Auswahl“ und des „Überlebens der Tüchtigsten“: Diese Tendenz zur „Fitness“ treibt die Entwicklung auf Kosten der weniger tüchtigen Moleküle unaufhaltsam nach „oben“! So kommt es zur Entwicklung von einzelligen, dann von mehrzelligen Lebewesen und schließlich von höheren Pflanzen und Tieren.

Dass es bei diesen höchst komplexen Prozessen eines besonderen Eingriffs des Schöpfergottes bedurft hätte, ist nach den neuesten biochemischen Ergebnissen nicht einzusehen. Die Entstehung des Lebens ist bei den vorgegebenen materiellen Voraussetzungen und trotz aller noch ungeklärter Fragen ein physikalisch-chemisch verständliches Geschehen. Freilich werden Sie mich fragen: Herrscht bei all dem der pure Zufall?

Die Einzelereignisse in ihrer zeitlichen Abfolge sind in der Tat unbestimmt: Die Wege der Evolution im einzelnen sind nicht von vornherein festgelegt. Zufällig sind die jähen, mikroskopisch kleinen Erbänderungen, die Mutationen, aus denen durch lawinenartiges Anwachsen oder Hochschaukeln sich auch im makroskopischen Bereich plötzliche, ungerichtete Veränderungen und neue Erscheinungen ergeben. Aber vielleicht herrscht doch beides in einem: Zufall und Notwendigkeit! Schon der griechische Philosoph und Atomist Demokrit - ca. 470-380 v. Chr. - hatte geschrieben: „Alles, was im Weltall existiert, ist Frucht von Zufall und Notwendigkeit.“ Unter dieses Motto stellte auch der 1976 gestorbene französische Molekularbiologe Jacques Monod, der 1965 den Nobelpreis für die Entdeckung der genetischen Steuerung der Enzym- und Virussynthese erhalten hatte, sein bekanntes Buch „Zufall und Notwendigkeit“. Doch räumte er dem Zufall entschieden den Vorrang ein, indem er notiert: „der reine Zufall, nichts als der Zufall, die absolute, blinde Freiheit als Grundlage des wunderbaren Gebäudes der Evolution“.

Zu Recht polemisiert Monod, bekennender Atheist, gegen die Annahme einer von vornherein gegebenen Evolutionskraft oder Energie, die den Aufstieg der Evolution erklären und bis zu einem Punkt Omega führen soll, um so auf den Schöpfergott zurückzuweisen: Diese aus dem Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts stammende „Kraft“ oder „Energie“ der „Vitalisten“ stellt – so Monod – eine „animistische Projektion“ dar, die naturwissenschaftlich ungerechtfertigt ist.

Ebenfalls zu Recht polemisiert Monod, ehemaliger Kommunist, gegen eine rein materialistische Biologie, die der ewigen Materie eine unbekannte und unerkennbare Kraft zuschreibt. Auch dies ist nach Monod eine „animistische Projektion“ und ein „anthropozentrisches Trugbild“, das mit „Wissenschaft unvereinbar ist“.

Aber die Frage ist, ob Monod auch zu Recht gegen einen Schöpfergott polemisiert, den er mit seiner Theorie ebenso radikal wie die schöpferische Materie ausschließen will? Diese Frage ist genauer zu untersuchen.

Der deutsche Physikochemiker Manfred Eigen, dem 1967 für seine Untersuchungen der Kinetik sehr schneller chemischer Reaktionen der Nobelpreis verliehen worden war, hat in seinem Buch „Das Spiel“ von 1985 die heute weithin von Biologen geteilte Gegenthese zu Monod formuliert: „Naturgesetze steuern den Zufall“ – so programmatisch schon der Untertitel. Oder wie Eigen im Vorwort zur deutschen Ausgabe von Monod schreibt: „So sehr die individuelle Form ihren Ursprung dem Zufall verdankt, so sehr ist der Prozess der Auslese und Evolution unabwendbare Notwendigkeit. Nicht mehr! Also keine geheimnisvolle inhärente ‚Vitaleigenschaft’ der Materie, die schließlich auch noch den Gang der Geschichte bestimmen soll! Aber auch nicht weniger – nicht nur Zufall!“ „Gott würfelt also?“, fragt auch der Wiener Biologe Rupert Riedl und antwortet, „Gewiss! Doch er befolgt auch seine Spielregeln. Und nur die Spanne zwischen beiden gibt uns Sinn und Freiheit zugleich.“

Es bleibt also dabei: Für die Erklärung der Evolution sind Zufall oder Notwendigkeit, Indetermination oder Determination, ja, Materialismus oder Idealismus falsche Alternativen. Doch angenommen, Gott würfele so innerhalb der Regeln, stellt sich noch immer die Frage: Würfelt hier überhaupt Gott? Machen die sich selbst organisierende Materie und die sich selbst regulierende Evolution Gott nicht überflüssig?

Monod steht mit seiner negativen Meinung sicher nicht allein unter den Biologen. Was ist darauf zu antworten? Ich möchte unterscheiden: Eine unbegründete Annahme ist es – darin würde ich Monod zustimmen –, aufgrund des Übergangs von der unbelebten Welt zur Biosphäre oder auch aufgrund der molekularen Unbestimmtheit die Existenz Gottes zu postulieren; dies wäre nur ein unseliger Lückenbüßergott! Darin stimmt auch der Biologe Eigen dem Biologen Monod zu, indem er schreibt: „Die ‚Entstehung des Lebens’, also die Entwicklung vom Makromolekül zum Mikroorganismus, ist nur ein Schritt unter vielen, wie etwa der vom Elementarteilchen zum Atom, vom Atom zum Molekül, … oder auch der vom Einzeller zum Organverband und schließlich zum Zentralnervensystem des Menschen. Warum sollten wir gerade diesen Schritt vom Molekül zum Einzeller mit größerer Ehrfurcht betrachten als irgendeinen der anderen? Die Molekularbiologie hat dem Jahrhunderte aufrecht erhaltenen Schöpfungsmystizismus ein Ende gesetzt, sie hat vollendet, was Galilei begann.“

Ob der Schritt vom Makromolekül zur ersten Zelle nicht doch als sehr viel bedeutender angesehen werden muss, ist unter Biologen umstritten. Für uns indessen stellt sich die zentrale Frage: Muss die Ablehnung eines „Schöpfungsmystizismus“, wie Monod meint, gleichzeitig die Ablehnung Gottes als eines Schöpfers und Lenkers der Welt nach sich ziehen?

Keineswegs, sage ich, denn unbegründet ist auch die Annahme, aufgrund des molekularbiologischen Befundes sei eine Existenz Gottes auszuschließen. Darin widerspricht denn auch zu Recht der Biologe Eigen dem Biologen Monod. Eigen schreibt: „In Monods Forderung nach ‚existentieller Einstellung zum Leben und zur Gesellschaft’ sehen wir eine animistische Aufwertung der Rolle des ‚Zufalls’. Sie lässt den komplementären Aspekt des Gesetzmäßigen weitgehend außer acht. Die – unserer Meinung nach berechtigte – Kritik an der dialektischen Überbewertung der ‚Notwendigkeit’ sollte nicht zur völligen Leugnung ihres ganz offensichtlich vorhandenen Einflusses führen.“

Unter den Biologen gibt es so viele verschiedene Meinungen zur Gottesfrage, so antwortete Manfred Eigen mir in einem Gespräch, wie unter den Menschen überhaupt. Die erwähnten entgegengesetzten Positionen zweier Koryphäen der Biologie machen jedenfalls deutlich: Wie jeder Mensch sieht sich auch der Biologe als Mensch, wenn er tief genug nachdenkt, vor die existentielle Alternative gestellt: Sinnlosigkeit des Evolutionsprozesses und eine letzte Verlassenheit des Menschen – oder? Lapidar formuliert, was sich im konkreten Leben in unendlich vielen individuellen Situationen variiert:

Entweder ein Mensch sagt Nein zu einem Urgrund, Urhalt und Urziel des ganzen Evolutionsprozesses: Dann muss er die Sinnlosigkeit des ganzen Prozesses und die totale Verlassenheit des Menschen in Kauf nehmen. Oder ein Mensch sagt Ja zu einem Urgrund, Urhalt und Urziel: Dann darf er die grundlegende Sinnhaftigkeit des ganzen Prozesses und der eigenen Existenz zwar nicht aus dem Prozess selbst begründen, wohl aber darf er sie vertrauend voraussetzen.

Ungefähr 3,5 Milliarden Jahre hat die Evolution gebraucht, um Leben im heutigen Reichtum der Gestalten und Verhaltensweisen und schließlich sogar Leben mit Geist hervorzubringen. Eine erstaunliche Entwicklung: Was musste da alles genau „stimmen“ seit dem Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren, damit solches Leben einmal entstehen konnte! Wir erinnern uns an die kosmischen Naturkonstanten: Die Ladung des Elektrons e, das Plancksche Wirkungsquantum h, die Boltzmann-Konstante k, die Lichtgeschwindigkeit c … Und wie musste da im Kosmos alles genau und keineswegs immer symmetrisch austariert sein, damit nach Milliarden Jahren einmal Leben entstehen konnte: die Feinabstimmung von Energie und Materie, von nuklearen elektromagnetischen Kräften, von Gravitationskraft und Energie durch Kernreaktion in unserer Sonne.

Und das Erstaunlichste von allem: Auf unserer Erde konnte sich schließlich nach Jahrmilliarden aus dem Tierreich sogar Leben mit Geist entwickeln: der Mensch. Überträgt man mit einem Zeitraffer die 13,7 Milliarden Jahre Geschichte des Kosmos auf ein einziges Jahr, dann entwickelt sich komplexeres Leben erst zu Beginn des 10. Monats, der Mensch aber erst in den letzten Stunden des letzten Tages des Jahres. Die ganze Entwicklung des Kosmos in 13,7 Milliarden Jahren also zielgerichtet auf uns hin? „Das Universum wusste, dass wir kommen würden“, hört man bisweilen sogar von Physikern. Aber weiß denn das Universum überhaupt etwas? Weiß vielleicht der Urknall, was er auslöst? Das ist doch eine eher komische Vorstellung. Aber wer wusste dann, dass wir Menschen kommen würden? Die Frage, die angesichts dieser ungeheuren Entwicklung unausweichlich bleibt: alles vielleicht doch nach einem ganz bestimmten „Rezept“ oder „Plan“ für ein lebens- und geistfreundliches Universum? Alles wirklich reiner Zufall?

Wenn aber nicht der Zufall, was dann? Nun, vielleicht könnte eines Tages doch noch ein Genie die mathematische Struktur der physikalischen Grundgesetze entdecken, die ein Leben auf unserem Planeten ermöglichen. Ja, warum nicht? Doch nachdem bisher alle Bemühungen von Physikern, eine Weltformel zu finden, bei der Einsicht Stephen Hawkings gestrandet sind, dass eine solche aufgrund des Gödelschen Axioms grundsätzlich nicht möglich sei, bleibt für absehbare Zeit auch den Biologen nicht allzu viel Hoffnung auf eine baldige grundsätzliche Lösung. Und warum sollten in 13,7 Milliarden Jahren nicht auch andere kosmische Lösungen möglich gewesen sein, die gerade nicht zu Leben mit Geist geführt hätten? Dies von vornherein auszuschließen dürfte schwierig sein. Aber was erklärt dann diese unsere Entwicklung?

Einerseits kann man aus den physikalischen Anfangsprinzipien und Grundgesetzen in keiner Weise auf eine Entwicklung zum Leben und gar zu menschlichem Leben schließen, andererseits möchte man den Zufall als leeres Erklärungsprinzip lieber ausschließen: da fragen sich manche Physiker und Biologen, ob es da nicht so etwas wie ein „Metagesetz“ hinter all den Feinabstimmungen und Naturgesetzen gebe: so etwas wie ein „Supergesetz“ über allen Naturgesetzen, welches die Entwicklung durch die 13,7 Milliarden Jahre des Kosmos auf die Entstehung von Leben und schließlich menschlichem Leben hinsteuert? Nein, keine vitalistische Kraft, auch kein von Anfang an gegebenes Bewusstsein der Materie – beides lässt sich nicht beweisen. Erst recht keine Vorsehung eines anthropomorph gedachten Weltenlenkers, der einen detaillierten anthropozentrischen Weltplan ausgearbeitet hätte – was ebenfalls nicht beweisbar ist.

Aber was dann? Hier setzen nun nicht wenige Kosmologen, Physiker und Biologen ein „Meta-Naturgesetz“, ein sogenanntes anthropisches Prinzip an, das garantiert, dass die Anfangsbedingungen und Naturkonstanten unseres Universums von vornherein so beschaffen sind, dass schließlich ein „Beobachter“, also Leben und Intelligenz entstehen kann. So zuerst vom bedeutenden amerikanischen Physiker Robert H. Dicke 1961 „weich“ formuliert. Also nicht entstehen muss, wie 1973 der britische Physiker Brandon Carter im „starken“ Sinn zuspitzte: Der Kosmos sei von Anfang an darauf ausgerichtet und in seinen Grundkonstanten und Grundgesetzen so beschaffen, dass irgendwann unweigerlich Leben und Intelligenz entstehen mussten. Der australische Physiker Paul Davies will deshalb in der Evolution sogar ausdrücklich einen „Plan Gottes“ erkennen.

Dies erscheint mir nun doch eine allzu anthropomorphe und anthropozentrische Vorstellung vom Verhältnis des Schöpfers zu seiner Schöpfung zu sein. Es würde ausreichen, das Prinzip im weichen Sinn zu verstehen: dass man im Rückblick erkennt, wie der Kosmos faktisch so ist, dass Leben und Leben mit Geist möglich wurde. Ein solches Prinzip wäre sicher kein Beweis, dass Gott den Menschen gewollt hat. Wohl aber dürfte es ein Hinweis darauf sein, dass das Ganze des Evolutionsprozesses nicht sinnlos ist, sondern zumindest für den Menschen, der als erstes Wesen zur Reflexion fähig ist, einen Sinn hat.

Von daher wäre auch besser verständlich, warum der Mensch und er allein fähig war, mit seiner Vernunft mathematische Formeln zu erarbeiten, um dann festzustellen, dass die Natur selbst in der Sprache der Mathematik verfasst ist, die er langsam, langsam zu entziffern vermag. Jede Abänderung der kosmischen Zahlenwerte hätte ja ein anderes Weltall geliefert, in welchem die Entwicklung von Leben, zumal geistigem Leben, unwahrscheinlich oder gar unmöglich gewesen wäre.

Auch der Tübinger Entwicklungsbiologe Alfred Gierer hält die Viele-Welten-Theorien für „Gedankenkonstruktionen“, die „hinter die Klarheit moderner Wissenschaft zurückfallen, die mit Keplers Planetenbahn- und Galileis Fallgesetzen ihren Anfang nahm“. Da erscheint ihm „das anthropische Prinzip eines Meta-Naturgesetzes als die bessere Alternative“. Doch ob es dafür je „eine mathematisch-logische Begründung gibt“, dies bleibt nach Gierer offen. Wahrscheinlich sei, „dass das anthropische Meta-Naturgesetz – unterstellen wir seine Geltung – ähnlich wie die bekannten Grundgesetze der Physik nur an seinen Auswirkungen zu erkennen, eine Letztbegründung hingegen nicht möglich ist.“

Die Wissenschaft vermag in dieser alle Empirie übersteigenden Frage wohl grundsätzlich keine „Letztbegründung“ zu bieten. Für dieses „Rezept“ einer Genesis dieser Welt, ein meta-empirisches Gesetz aller Naturgesetze, ist, was gleich zu präzisieren sein wird, die Religion zuständig. Religion vermag den großen Zusammenhang zu erkennen und zu interpretieren, der zwischen den unterschiedlichen Ebenen unserer Welt besteht – den Zusammenhang vom Mikrokosmos mit den Elementarteilchen, Atomen und Molekülen über die verschiedenen Formen des Lebens, Zellen und Organismen, bis zum Makrokosmos der Planeten, Sterne, Galaxien und dem Universum als ganzem.

Naturwissenschaft und Religion – beide eigenständig und eigengesetzlich – können sich im Rahmen einer holistischen Gesamtsicht aller Dinge ergänzen:

- Religion kann die Evolution als Schöpfung interpretieren.
- Naturwissenschaftliche Erkenntnis kann Schöpfung als evolutiven Prozess konkretisieren.
- Religion kann so dem Ganzen der Evolution einen Sinn zuschreiben, den die Naturwissenschaft von der Evolution nicht ablesen, bestenfalls vermuten kann.

Man kann in der jüdisch-christlich-muslimischen Tradition auch durchaus von „Glauben“ reden. Glaube freilich nicht verstanden als „das Fürwahrhalten all der Lehrsätze, welche die Kirche zum Glauben vorlegt“; so eine traditionalistische römisch-katholische Formel. Glaube vielmehr gut biblisch verstanden als Vertrauen - wie es Hebräer-Brief heißt: „Glaube ist ein Feststehen in dem, was man erhofft, ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“ Oder philologisch wohl noch genauer in jener sich an Luther anschließenden Übersetzung: „Der Glaube aber ist die Grundlage dessen, was man erhofft, und die Gewissheit über Dinge, die man nicht sieht.“ Unzweideutig wird hier die Wirklichkeit Gottes bezeichnet, wie es im selben Bibeltext heißt: „Aufgrund des Glaubens erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort erschaffen worden und dass so aus Unsichtbarem das Sichtbare entstanden ist.“ Insofern glaube auch ich, was der gemeinsame Glaube von Juden, Christen und Muslimen ist, an Gott als den „Schöpfer des Himmels und der Erde“.

Dies führt indes zur grundsätzlichen theologischen Frage: Wie kann man sich Gottes Wirken denken?

Eine allzu äußerliche, anthropomorphe Vorstellung wäre es zu meinen, Gott als Herr und König „kontrolliere“ oder „steuere“ die Ereignisse, auch die scheinbar zufälligen, sogar die subatomar unbestimmten Abläufe. Wie stünde es denn da um all die Verschwendungen und Sackgassen der Evolution, wie um die ausgestorbenen Arten und die elend umgekommenen Tiere und Menschen? Und wie um die unendlichen Leiden und all das Böse in dieser Welt und Weltgeschichte? Darauf hat eine solche Konzeption von einem Herr-Gott keine Antwort.

Für ein neuzeitlich-evolutionäres Wirklichkeitsverständnis, bei dem Gott als Geist in der Welt und die Welt in Gott ist, die Transzendenz in Immanenz, ist grundlegend:

- Gottes Geist wirkt in den gesetzmäßigen Strukturen der Welt, ist aber mit ihnen nicht identisch. Denn Gott ist reiner Geist und wirkt in der Weltgeschichte fortdauernd nicht in der Weise des Endlichen und Relativen, sondern als das Unendliche im Endlichen und als das Absolute im Relativen.

- Gottes Geist wirkt nicht von oben oder außen als unbewegter Beweger in die Welt hinein. Vielmehr wirkt er als die dynamische wirklichste Wirklichkeit von innen im ambivalenten Entwicklungsprozess der Welt, den er ermöglicht, durchwaltet und vollendet. Er wirkt nicht erhaben über dem Weltprozess, sondern im leidvollen Weltprozess: in, mit und unter den Menschen und Dingen. Er selbst ist Ursprung, Mitte und Ziel des Weltprozesses!

- Gottes Geist wirkt nicht nur an einzelnen besonders wichtigen Punkten oder Lücken des Weltprozesses. Vielmehr wirkt er als schöpferischer und vollendender Urhalt im System von Gesetz und Zufall und so als weltimmanent-weltüberlegener Lenker der Welt – allgegenwärtig auch im Zufall und Unfall – unter voller Respektierung der Naturgesetze, deren Ursprung er selber ist.

Es dürfte damit klar geworden sein: Welt oder Gott – das ist keine Alternative: weder die Welt ohne Gott noch Gott identisch mit der Welt! Sondern Gott in der Welt, und die Welt in Gott. Gott und Welt, Gott und Mensch also nicht als zwei konkurrierende endliche Kausalitäten nebeneinander, wo die eine gewinnt, was die andere verliert, sondern ineinander: Wenn Gott wirklich der alles umfassende unendliche geistige Urgrund, Urhalt und Ursinn von Welt und Mensch ist, wird deutlich, dass Gott nichts verliert, wenn der Mensch in seiner Endlichkeit gewinnt, sondern dass Gott gewinnt, wenn der Mensch gewinnt.

Es gibt für mich keinen schöner vertonten Hymnus auf Gottes Geist als das „Veni Sancte Spiritus“, „Komm, Heiliger Geist“, den Stephan Langton, Erzbischof von Canterbury, schon um 1200 dichtete und der die Wirkung des Geistes Gottes als Licht beschreibt, ich zitiere nur einige Zeilen:

Strahlend Licht, dein seliger Glanz
Fülle Geist und Sinne ganz,
mache leicht, was sonst zu schwer!

Ohne daß du in uns webst,
ohne daß du uns belebst,
sind die Herzen tot und leer.

Wasche, was im Schmutz vergeht!
Gieße, was zu trocken steht!
Heile all das Leid der Welt!

Biege, was zu fest und hart!
Taue, was zu Eis erstarrt!
Halte fest, was stürzt und fällt!

Denen, die dir hier vertraun,
die auf keinen Sand mehr baun,
schenke alle Gaben dein!

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