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SWR2 AULA Josef Kraus: Kontrolle ist alles . Über das Phänomen der Helikoptereltern
Autor und Sprecher: Josef Kraus *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 26. Januar 2014, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

* Zum Autor:
Josef Kraus, Dipl.-Psych., Jahrgang 1949, studierte für das Lehramt an Gymnasien Deutsch und Sport. Er war 15 Jahre lang Gymnasiallehrer und Schulpsychologe; heute ist Kraus Oberstudiendirektor. Seit 1987 ist er Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. In dieser Funktion nimmt er regelmäßig im Radio und Tageszeitungen zu schulpolitischen Fragen als Kommentator Stellung. 2008 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.
Bücher (Auswahl):
– Helikopter-Eltern – Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung (Rowohlt 2013, bislang 4 Auflagen)
– Bildung geht nur mit Anstrengung. Classicus-Verlag. 2011.

ÜBERBLICK
Sie haben zwischen sich und ihren Kindern eine unsichtbare Leine gezogen, sie wollen den Nachwuchs auf Schritt und Tritt kontrollieren, würden sich am liebsten noch mit auf die Schulbank setzen - Helikoptereltern rufen oftmals Schmunzeln, aber auch Abwehr hervor. Sie sind keine guten Pädagogen, weil sie ständig zwischen Überforderung und Unterforderung hin- und her pendeln. Sie wollen gut funktionierende Kinder, denen sie aber nichts zutrauen, weshalb sie alles selbst in die Hand nehmen. Josef Kraus, Schulleiter und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, zeigt, warum Helikoptereltern gut zu unserer Gesellschaft passen.

INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Kontrolle ist alles – das Phänomen der Helikoptereltern“.
Besagter neuer Elterntypus fliegt mit mehreren Modellen über seinem Nachwuchs. Da ist erstens der Rettungshubschrauber, Helikoptereltern wollen ihre Kinder retten vor bösen Lehrern, da ist zweitens der Kampfhubschrauber, solche Eltern rüsten auf zum Gefecht mit bösen Ärzten und Lehrern, da ist drittens die Drohne, Eltern wollen fast unsichtbar alles ausspionieren, was ihre Kinder so machen.
Ist das nicht alles zum Lachen? Josef Kraus ist Schulleiter und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, er präsentiert Thesen und Appelle über Ursachen und Wirkungen der Helikoptereltern.
Josef Kraus:
Wer heutzutage etwas Kritisches oder auch nur Satirisches über seine Majestät das Kind sagt oder gar von einem Tanz um das goldene Kind spricht, wird schnell zweiter Sieger in der Debatte. Trotzdem: Es muss sein – im Interesse unserer Kinder!
Acht Thesen sind fällig und drei Appelle – Thesen und Appelle übrigens, die auch von einem Kinderarzt oder einer Kindergartenleiterin stammen könnten (oder einem Pfarrer, einem Sozialpädagogen, einem Jugendamtler, einem Jugendtrainer, einem Schulbusfahrer, einer Kassiererin in einem Supermarkt …).
These 1
Es sind zwei Typen von Eltern, die uns Sorgen machen – nicht nur schulisch, sondern gesamtgesellschaftlich: Die einen sind diejenigen Eltern, die sich null-komma-nix um ihre Kinder kümmern. Es ist ihnen alles egal. Man kann sie zum Beispiel seitens der Schule fünfmal, anschreiben, einbestellen – es passiert nichts. Die anderen sind diejenigen Eltern, die sich um alles kümmern.
Ich wage die Einschätzung, dass – bei steigender Tendenz – beide Gruppen jeweils zehn bis fünfzehn Prozent unserer Eltern ausmachen. Bei erheblichen regionalen Unterschieden und je nach Wohngegend. Diese zweimal zehn bzw. fünfzehn Pro-zent, also insgesamt zwanzig bis dreißig Prozent der Eltern kosten die Schulen, aber auch die Kindergärten, siebzig bis achtzig Prozent ihrer Zeit und Energie.
Im Umkehrschluss heißt das auch: Siebzig bis achtzig Prozent unserer Eltern sind bodenständig, unkompliziert, kooperativ, verantwortungsbewusst. Von einer pauschalen Elternschelte kann also nicht die Rede sein.
Waren es bislang die an Bildungsfragen weitgehend desinteressierten Eltern, die die gesellschaftlich natürlich schwierigere Klientel darstellen, so gesellt sich neben diese Problemgruppe in wachsender Stärke eben eine Gruppe, die das totale Gegenstück darstellt: Eltern, die schier zwanghaft entschlossen sind, alles und noch mehr für ihre Nachwuchs-Paschas und Prinzessinnen zu tun.
These 2
Eine Pädagogik der Verwöhnung und Totalkontrolle greift um sich, sie hat viele Gesichter.
Seine Majestät, das Kind – ein wenig nicht nur anekdotisch gemeinter Alltag – hier aus schulischer Betrachtung: Da haben wir Eltern, bei denen es nichts gibt, worüber sie sich nicht aufhalten könnten - über die Zahl der Englischvokabeln; über die Sitz-ordnung in der Klasse; über die unvermeidbare Zuteilung ihres Kindes zu einer be-stimmten Klasse; über das Gewicht des Schulranzens; über das Fehlen eines Salat-blattes auf dem in der Pause erworbenen Wurstbrötchen.
Da haben wir eine Mutter, die es lautstark für eine Frechheit hält, dass ein Lehrer ihrer Tochter während des Unterrichts das Handy abgenommen und damit die Vereinbarung eines Abholtermins unmöglich gemacht hat. Da haben wir den Vater, der es nicht akzeptieren will, dass sein verhaltensauffälliger („verhaltensorigineller“) Sohn binnen eines Quartals bereits sieben schriftliche Ermahnungen kassiert hat und der auf drei Seiten ausführt, dass die Schule doch gefälligst kreative Menschen und keine Duckmäuser heranziehen solle. Da haben wir die Mutter, die keinerlei Verständnis dafür hat, dass ihre Tochter am Montag nicht bis 10.30 Uhr ausschlafen darf, obwohl sie doch am Vorabend ein Pokalspiel ihres Clubs besucht hat.
Das Thema Schulweg wäre ein Kapitel für sich: Da haben wir die Mama, die ihre fast volljährige Tochter mit dem Auto schier bis vor die Tür des Unterrichtsraumes fährt, weil es gerade zu regnen begonnen hat, die damit die Schulzufahrt blockiert und die voller Entrüstung auf den Hinweis, solche Taxidienste müssten doch nicht sein, antwortet: „Was ich als sicher für meine Tochter halte, entscheide immer noch ich!“ Eine andere Mama lässt ihr Kind nur dann mit einer Nachbarin im Auto zur Schule fahren, weil die Nachbarsmutter einen großen Mercedes-ML hat. Ein VW-Polo oder ein Fiat-Cinquecento wäre mangels großer Knautschzone zu gefährlich.
Ja, und dann haben wir so manch übersensible oder auch trickreiche Eltern, die ständig auf der Jagd nach Gutachten sind, mit denen ihrem Kind ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie, Mobbing-Opfer oder unentdeckte Hochbegabung attestiert wird. (Den Schaden dieser inflationär vorgebrachten Diagnosen haben übrigens die von diesen Problemen wirklich Betroffenen!)
Noch intensiver wird es, wenn sich Eltern dieser Motivlage zusammentun. Dann werden Elternabende zu Inquisitionsabenden und das bislang individuelle Prinzensyndrom wird zum kollektiven: Warum geben Sie nicht mehr Einsen und Zweien her, um die Kinder zu motivieren? Warum haben Sie nicht in jedem Klassenzimmer einen Wasserspender? Es ist doch erwiesen, dass die Kinder alle 15 Minuten trinken sollen, damit die PISA-Ergebnisse besser werden. Warum haben Sie nicht in allen Klassenzimmern Whiteboards? Man müsste die Kinder dann nicht mehr dem gefährlichen Kreidestaub aussetzen!
Eltern und Kinder aus dem fernen Osten würden den Kopf schütteln, worüber man sich bei uns grämt. In deren Kopfschütteln wird sich die klammheimliche Hoffnung mischen, dass exakt diese Attitüden der Grund sein könnten, warum die Asiaten die Deutschen demnächst überholt haben werden.
Solche Beispiele meine ich mit dem Bild von den Helikoptereltern: Denn tatsächlich kommen einem manche Eltern wie die schnelle Eingreiftruppe des GSG 9 vor – Eltern, die ständig wie Beobachtungsdrohnen über den Kindern schweben, sie an der elektronischen Nabelschnur des Mobiltelefons durchs Leben geleiten und beim kleinsten seelischen Wehwehchen landen und dabei – wie es Art von Hubschraubern ist – viel Staub aufwirbeln.
Oder um im Bild zu bleiben: Es sind dies Transport-Hubschrauber von Eltern, Rettungs-Hubschrauber von Eltern und Kampf-Hubschrauber von Eltern („black-hawk-parents“).
Am Ende führt das bei den Kindern zu einer Überempfindlichkeit (früher: „Neurasthenie“), wie sie ihresgleichen Hans-Christian Andersens Prinzessin vorlebte, als sie durch zwanzig Matratzen und Daunendecken hindurch eine Erbse spürte: „Ich habe auf etwas Hartem gelegen, so dass ich am ganzen Körper ganz braun und blau bin.“
These 3
Die Helikopter-Erziehung geht oft einher mit einer exzessiven Verwöhnungspädagogik.
Betrachten wir die Sache statistisch:Laut Verbraucher-Analysen verfügen Sechs- bis Dreizehnjährige Kinder in Deutschland über jährlich drei Milliarden Euro. Dazu kommen ebenfalls rund drei Milliarden auf Sparkonten der Kinder. Das sind sechs Milliarden; damit haben Kinder in diesem Alter eine Kaufkraft, die um 50 Prozent über dem Betrag liegt, den das Land Saarland für 2013 als Haushalt ausweist. 12 Prozent der Sechs-/Siebenjährigen haben ein Mobiltelefon; bei Zwölf-/Dreizehnjährigen sind es 81, bei Sechszehn-/Siebzehn-jährigen 95 Prozent. Geburtstage werden zu Monster-Events – für 4.000 Euro inkl. Strech-Limousine! Mit Verwöhnung hat es auch zu tun, wenn Eltern ihre Kinder für nichts in Anspruch nehmen, nicht einmal für kleinste häusliche Aufgaben: Zimmer aufräumen, Limo aus dem Keller holen, Haustiere versorgen, Müll raustragen.
Hintergrund für diese exzessive Pädagogik der Verwöhnung könnte übrigens der Mythos von der angeblich allgegenwärtigen Traumatisierung der Kinder in der Kindheit sein – ein vermeintlich wissenschaftlich belegter Kindheits-Determinismus. Dieser Determinismus hat seine Richtigkeit in den vielen Fällen von Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch. Es gibt aber keinen Eins-zu-eins-Determinismus. John T. Bruer belegt dies recht eindrucksvoll in seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch „Der Mythos der ersten drei Jahre“.
Das Risiko des Scheiterns, Enttäuschungen und Niederlagen – all das gehört aber zum Leben. In altersgemäßer Dosis muss ein Kind solches erfahren dürfen, sonst entwickelt es weder die Fähigkeit, damit umzugehen, noch das Selbstbewusstsein, mit Problemen selbst fertig zu werden, noch die Bereitschaft, erst einmal eigene Kräfte zu mobilisieren.
Viele Eltern – und auch Lehrer – machen es den Kindern zu einfach, sie muten den Kindern zu wenig zu, und sie trauen ihnen zu wenig zu.
Nein, unsere Kinder sind viel widerstandsfähiger, als wir annehmen. Die Resilienz-Forschung hat dies nachgewiesen. Resilienz heißt wörtlich: zurückspringen, abprallen. Im übertragenen Sinn meint man damit die Kraft zur Überwindung von schweren Einschränkungen. Jedenfalls ist es gut, dass sich Psychologie und Psychiatrie nicht mehr nur der Pathogenese, sondern der Salutogenese widmen – das heißt: nicht nur die krankmachenden, sondern auch die gesundmachenden Faktoren in der psychischen Entwicklung eines Menschen berücksichtigen.
Man muss dabei nicht unbedingt so weit gehen wie die US-Autorin Wendy Mogel mit ihrem Buch „The Blessing of a Skinned Knee“ (sinngemäß: Der Segen eines aufgeschlagenen Knies). Aber es ist schon etwas dran, dass Kinder auch durch Krisen oder Belastungen stark werden. Rein biologisch betrachtet, wissen wir das aus der Immunologie und aus der Trainingslehre längst.
These 5
Die andere Seite der Helikopter-Erziehung ist ein um sich greifender Förderwahn. Dieser Förder-Bohei geht nicht selten einher mit verklärten Visionen von einem perfekten, tollen, maßgeschneiderten Designer- und Premium-Kind vom Reißbrett. Kindererziehung wie im Treibhaus. Das beginnt schon mit dem Thema Nachhilfe. Wenn für Nachhilfe deutschlandweit pro Jahr rund 1,5 Milliarden Euro ausgegeben werden, ist das schon ein Sümmchen, das freilich in den meisten Fällen in den Wind geschossen ist, wenn Eltern damit Verantwortung delegieren, statt selbst für effektives häusliches, eigenverantwortliches Lernen zu sorgen und wenn der Ehrgeiz mancher Eltern größer ist als das Leistungsvermögen und die Leistungsbereitschaft der Kinder. Viel hinausgeworfenes Geld, mit dem sich so manche Eltern ein gutes Gewissen erkaufen!
Das meine ich aber noch nicht mit Förderwahn. Förderwahn aber ist es, wenn oft schon lange vor der Einschulung wahre elterliche Förderorgien inszeniert werden. Das kommerzielle Angebot schafft die entsprechende Nachfrage. Und so prasseln auf verunsicherte und überehrgeizige Eltern Ratschläge in einer Art und Weise herunter, wie dies bei Arzneimittel-Empfehlungen nie und nimmer zulässig wäre (sofern es sich nicht ohnehin um Placebos handelt): Little-giants-Kindergärten mit integrierten Science-Labs; „Babytuning“ für die VIBs (Very Important Babies); Mozart schon im Mutterleib; „FasTracKids“-Kitas, Kindergärten für Kids auf der Überholspur; Englisch für Säuglinge; Early Learning Centers für 1000 Euro pro Monat; Portfolios und Potenzialanalysen für Dreijährige. Ein schweizerischer Unternehmer bietet tatsächlich so was an – für Kinder ab fünf Jahren kostet es übrigens 2.750 Schweizer Franken. (Anekdote: In einer Fernsehsendung saß mir eine junge Mutter gegenüber, die ihre zweijährige Tochter viersprachig erzieht und jetzt schon deren Berufswunsch kennt: Ärztin!)
Über 5.000 Buchtitel zum Thema Baby findet man im Internet-Buchhandel – darunter DVD-Programme für Kinder ab drei Monaten mit den bezeichnenden Namen „Baby Einstein“ oder „Baby Bach“. Und auch die Ratgeberindustrie boomt. Dabei ist sie oft genug das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt. Peter Sloterdijks boshafter
Begriff der „Fötagogik“ liegt gar nicht zu weit daneben. In Kalifornien soll es bereits eine Föten-Universität geben!

These 4
Seriös betrachtet, sind große Teile der aus Hirnforschung angeblich abzuleitenden Empfehlungen für Bildung und Erziehung Schnee von gestern oder schlicht und einfach Legenden. Trotzdem greift die Protzsprache der Hirnforschung wie ein Rummel, ja mit einem Monopolanspruch um sich. Schier metastatisch verbreitet sich das Schlagwort „Neuro“: Neuroanthropologie, Neuroästhetik, Neuromarketing, Neuroökonomie, Neurojura, Neurotheologie, Neurophilosophie, Neuropädagogik, Neurodidaktik, Neurogermanistik, Neurohistorik, Neuroethik, Neuroökotrophologie, Neurosoziologie, Neurokriminologie, Neuroforensik, Neuroarchitektur, Neuropsychoanalyse, Neuroergonomie, Neurojournalismus.
Wohin man schaut: Synapsenzählerei und Zeitfenster-Folklore! Nun, unter den Hirnforschern gibt es solche und solche. Kategorie 1 sind die seriösen und streng wissenschaftlichen. Zu dieser ersten Kategorie gehören in Deutschland zum Beispiel Gerhard Roth und Wolf Singer. Singer hält von dem ganzen Förderzirkus wenig, wenn er sagt, Kinder würden sich ihre Anregungen selbst suchen, wenn die sogenannten Zeitfenster aufgehen. Den Eltern empfiehlt er, nichts anderes zu tun, als aufkeimende Neugier zu befriedigen.
Kategorie 2 sind die hirnbiologischen Entertainer, die mit ihren schlauen Ratschlägen nicht nur gigantische Erwartungen bei Eltern wecken, sondern mit diesem Geschäft in einem Maße Kasse machen, dass sogar ein Ex-Kanzlerkandidat als hochdotierter Redner vor Neid erblassen könnte. Zur Kategorie 2 gehört beispielsweise ein Professor, der sich gefällt in der Aussage, dass effektives Lernen gute Laune voraussetze. Welch großartige Erkenntnis! Was aber, wenn man etwas erarbeiten soll, was keine gute Laune verbreitet!? Und wenn die höhere Mathematik, die ich mir durch Üben und nochmals Üben aneignen muss, keinen Spaß macht?
Bislang zumindest konnte in Städten, in denen Hirnforscher der Kategorie 2 für hohe vierstellige Euro-Beträge einen Abendvortrag hielten, nicht nachgewiesen werden, dass sich dort die Durchschnittsnoten der Schüler sprunghaft zum Besseren gewandelt und dass die Sitzenbleiberquoten drastisch reduziert worden wären. Zur Kategorie 2 gehört auch ein Professor, der Bücher schreibt mit dem Titel „Jedes Kind ist hochbegabt“. Als ich ihm vorhielt, wenn jedes Kind hochbegabt sei, dann sei kein Kind hochbegabt, hat er geantwortet: Das sei ein viel zu enges Verständnis von Hochbegabung, es gebe schließlich auch eine Hochbegabung im Kirschkernweitspucken!
Mittlerweile hat sich gottlob eine „Critical Neuroscience“ etabliert. Die Kritiker sprechen von „Neuromania“ oder gar davon, dass die Astrologie mehr Wissenschaftlichkeit in sich habe als so manche Neuro-Bindestrichwissenschaft. Folgende Neuro-Mythen sind jedenfalls längst desillusioniert:
- Dass es für das Lernen sensible Phasen gebe. Falsch! Alles recht und schön, aber diese These wurde abgeleitet aus Experimenten mit Versuchstieren, denen man bestimmte Erfahrungen vorenthielt (Deprivationsexperimente). Ansonsten ist das menschliche Gehirn, so es gesund bleibt, bis zu seinem Tod lernfähig.
- Dass in der frühen Kindheit viele Nervenverbindungen im Gehirn verschwinden, wenn sie nicht aktiviert werden. Falsch! Wenn diese Verbindungen verschwinden, dann hat das mit der Strukturierung eines neuronalen Chaos,: mit einem Ausjäten eines Dickichts zum Zweck einer Ökonomisierung der Hirnaktivität zu tun.
- Dass wir angeblich nur 10 Prozent unserer Hirnkapazität nutzen. Falsch! Das menschliche Gehirn, das nur zwei Prozent des Körpergewichts eines Menschen ausmacht, arbeitet hochintensiv, schließlich verbraucht es zwanzig Prozent des körperlichen Energieumsatzes. Vor diesem Hintergrund kann es gar nicht sein, dass, wie manche behaupten, 90 Prozent der Gehirnkapazität brach lägen. Dass intelligente Menschen bei geistiger Arbeit einen vergleichsweise geringen Energieumsatz haben, beweist nicht, dass sie wenig Hirnareale aktivieren, sondern es beweist vor allem, dass das geschulte Gehirn ein hochökonomisch tätiges Organ ist.
Hinter all dieser Mythologie steckt – der schier sakrale Anstrich kann nicht darüber hinwegtäuschen – ein reichlich materialistisches, biologistisches, reduktionistisches, im Grunde triviales Menschenbild. Eine pädagogische Revolution wird die Gehirnforschung jedenfalls nicht einleiten. Zur Scharlatanerie wird Hirnforschung aber, wenn sie für ideologische Zwecke instrumentalisiert wird, zum Beispiel wenn behauptet wird, Hirnforschung habe bewiesen, dass ein längeres gemeinsames Lernen qua verlängerter Grundschule sinnvoll sei.
Jedenfalls sollten wir uns unaufgeregt auf die Ergebnisse der neuesten Lern- und Gehirnforschung einlassen: Man kann Kleinst-Kindern noch so viel programmiertes Vorschul-Lernen vorsetzen, man kann sie im Mutterleib noch so sehr mit Mozart oder Bach beschallen: Es hat alles keinen Zweck. Man macht damit keine „Little Giants“. Ein stinknormales anregendes Elternhaus reicht. Das junge Gehirn sucht sich dann sehr autonom schon die Reize und Anregungen, die es braucht. Oder noch einfacher: „Sperren Sie Ihr Kind nicht in den Schrank, lassen Sie es nicht verhungern und schlagen Sie ihm nicht mit der Bratpfanne auf den Kopf.“ So hat der renommierte amerikanische Neurowissenschaftler Steve Petersen die unstrittigen Erkenntnisse der pädagogisch relevanten Neuroforschung zusammengefasst.
Zumindest aber ist die Neuroforschung noch viele Jahre davon entfernt, die Vision des Nürnberger Trichters aus der Barockzeit ins Praktische umsetzen.
These 6
Bei den Elten solcher Art von Erziehung läuft tiefenpsychologisch und zeitgeschichtlich Interessantes ab. Die Betütelung und die Idealisierung des Kindes haben nämlich mit Projektionen und mit elterlichem Narzissmus zu tun. Das Kind wird zum Statussymbol, zum Trophäen-Kind, zum Werbeposter und Vorzeigestück, zum Portfolio der Eltern, zum Meisterstück.
(Zwischenthese: Vielleicht sind die Vorstellungen vom perfekten Kind mit ein Grund für die geringe Kinderzahl. Vielleicht trauen es sich viele potentielle Eltern nicht zu, den Rahmen für ein perfektes Kind zu schaffen oder die dafür notwendigen Anstrengungen zu schultern. Das kann für diejenigen gelten, die überhaupt kein Kind in die Welt setzen wollen; es kann auch für die gelten, die bewusst nur ein Kind in die
Welt setzen.) Im Grunde wird das Kind aber häufig für das elterliche Ego instrumentalisiert.
Der Förderwahn mancher Eltern entspringt ansonsten häufig einem elitären Wunschdenken, das wiederum geboren ist aus der Angst, das eigene Kind könnte mit der Masse identifiziert werden.
So manche Politik ist nicht unschuldig an einer solchen Psychodynamik. Sie stößt dieses Förderwettrüsten regelrecht an, indem sie die öffentliche Bildungsdebatte unter Einflüsterung einer OECD in weiten Teilen zu einer hysterischen PISA-Debatte sowie zu einer Abiturvollkasko-Propaganda verkommen hat lassen und suggeriert, unterhalb eines Masterabschlusses „geht“ heute doch gar nichts mehr, wenn man seine Kinder zukunftstüchtig machen will.
Am Ende meinen Eltern, sie könnten ihr Kind nur dann fit machen für das Haifischbecken, wenn es über einen Hochschulabschluss verfügt.
Zurück zur Psychodynamik: Eigene Wünsche, womöglich unerfüllte, und Zukunftsängste werden in das in vielen Fällen einzige Kind hineinprojiziert. Werden diese Wünsche vom Kind bzw. dem Kind nicht erfüllt, wird daraus für Eltern schnell eine narzisstische Kränkung. „Es kann doch nicht sein, dass wir in Mathe wieder eine Fünf kassiert haben, wir haben doch so viel miteinander geübt.“ Solche Sätze kommen gar nicht selten aus Elternmund. Sie signalisieren eine totale Symbiose.
Ein schlechtes Gewissen tut ein Übriges. Es könnte ja sein, das man als Elternpaar oder zumal als Alleinerzieher doch nicht alles für das Kind getan hat. Ja, es könnte sogar sein, dass einem das Kind seine Liebe entzieht.
Dass viele Eltern ihre Kinder heute immer später bekommen und auch deswegen immer weniger intuitiv erziehen, spielt ebenfalls eine Rolle. (Siehe das durchschnittliches Alter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes: In der alten Bundesrepublik lag dieses Alter im Jahr 1970 bei 24,3 Jahren, im Jahr 2010 in Deutschland West bei 30,2 Jahren, in Deutschland-Ost 29,9 Jahre. Ein Plus also an rund sechs Jahren.)
These 7
Manchmal kommt die Verwöhnung von ganz oben. Ein Beispiel: Im Juni 2012 etwa hatte Baden-Württembergs damalige Schulministerin die Schulleiter aufgefordert, den Beginn des Unterrichts nach dem EM-Halbfinalspiel Deutschland – Italien zu verlegen, damit die Kinder ausschlafen könnten. Das Spiel ist übrigens trotz ministerieller Unterstützung 2:1 für Italien ausgegangen. Überhaupt sind Schulpolitik und Schulpädagogik längst auf dem Verwöhnungstrip eingeschwenkt. In der Folge verwöhnen die Schulen mit guten Noten, mit niedrigen Quoten an Sitzenbleibern, gar mit der Abschaffung des Sitzenbleibens und der Noten. Es gibt immer mehr 1.0-Abiturzeugnisse. Aus Nordrhein-Westfalen wird berichtet, dass sich die Zahl der Abiturienten mit der Note 1.0 von 455 im Jahr 2007 auf exakt 1.000 im Jahr 2011 mehr als verdoppelt hat.
Die Hochschulen setzen eine solche Kuschelpolitik mit ihrer Inflation guter und sehr guter Noten fort. Ende 2012 sah sich deshalb der Wissenschaftsrat genötigt, den warnenden Zeigefinger zu erheben. Immerhin war der Anteil der Hochschulabschlüsse (ohne Staatsexamina) mit den Noten 1 und 2 von 2000 bis zum Jahr 2011 von 67.8 Prozent auf 76.7 Prozent gestiegen. In den Fächern Biologie und Psychologie hatte sich der entsprechende Anteil auf 98 bzw. 97 Prozent gesteigert. Boshafte Leute nennen solche Eingriffe ein planwirtschaftliches Hinmanipulieren schöner Ergebnisse. Unsere jungen Leute haben von einer solchen Art von um sich greifender Erleichterungspädagogik keinen Nutzen. Ihnen alles aus dem Weg zu räumen und sie über jede noch so kleine schulische Hürde zu heben, das ist der falsche Weg. Dazu passt, dass immer mehr Hochschulen den direkten Kontakt zu den Eltern der Studenten suchen: mit Schnupperwochenenden, Informationsabenden. Ob sich unsere jungen Studenten da nicht ein wenig doof vorkommen?
These 8
Mit Förderwahn und Helikopterpädagogik machen wir aus den Kindern unmündige, lasche und zugleich maßlos anspruchsvolle Selbstlinge. Nun: Die quasi-moderne Pädagogik hat das narzisstische Selbst der Kleinen zum Fetisch erhoben. Ihre Zielbeschreibungen lauten mit Blick auf die jungen Menschen: Selbstentfaltung, Selbstevaluation, Selbstregulierung, Selbstverwirklichung, Selbstzentrierung.
Nicht angesagt sind leider: Selbstbeherrschung, Selbstdisziplin, Selbstironie, Selbstkritik, Selbstlosigkeit. Das Kind soll alles dürfen, aber nichts sollen. Ob die folgende Schülerfrage wirklich so gestellt wurde oder ob sie nur treffend erfunden ist, sei dahingestellt: „Frau Lehrerin, dürfen wir heute, was wir sollen, oder müssen wir wieder, was wir wollen?“ All das ist falsch. Kinder sind mit zu vielen Freiräumen überfordert. Kinder sind auch überfordert, wenn man ihnen weismacht, sie seien mit den Eltern und mit den Lehrern auf Augenhöhe, sie seien gar deren Partner.
Was sind die Folgen?
- Solchen Kindern fehlt es an Biss und Hunger im übertragenen Sinn.
- Solche Kinder bilden eine Generation Jammerlappen, weil sie ständig mit einer gefühlten oder gar von den Eltern eingeredeten Überforderung herumlaufen.
- Solche Kinder haben keine Eigeninitiative entwickeln können, weil sie Hilflosigkeit gepaart mit hohen Ansprüchen erlernt haben.
- Solche Kinder werden nie mündig, weil es immer jemanden gibt, der für sie alles regelt.
- Solche Kinder lernen nie, für das eigene Tun Verantwortung zu übernehmen.
- Solchen Kindern wird es später an Unternehmergeist fehlen. Das sollte uns auch volkswirtschaftlich zu denken geben. Immerhin ist es laut Eurobaromter für nur noch 19 Prozent der Deutschen erstrebenswert, als Selbständiger zu arbeiten. In Frankreich wollen das 28, in Amerika 42 Prozent.
- Solche Kinder werden schwierige Ehepartner werden. Sie erwarten von ihren Gatten/Gattinnen eine Fortsetzung der mütterlichen/ väterlichen Verwöhnung und dass man ihnen immer alles verzeiht. Wehe, wenn zwei solche in einer Ehe zusammentreffen! Und wehe deren Kindern (so sie denn überhaupt welche wollen!)
Und noch eine Beobachtung: Die Jugendphase wird immer länger. Früher war sie sechs bis acht Jahre lang, heute reicht sie von 10 bis 35 – ein Vierteljahrhundert. (Aus Adoleszenten werden Adultoleszente!)
Zum Ende hin drei Appelle:
Appell 1
Erziehen heißt, intuitiv und ggf. spontan die jeweils richtige Mischung aus Führen und Wachsenlassen zu finden, also eine Mischung zu finden aus eingreifen und geschehen lassen, aus binden und befreien. Jede einseitige oder gar dauerhafte Betonung eines dieser beiden Pole ist falsch. Je nach Alter und je nach Situation muss ich als Erzieher mal mehr wachsenlassen, mal mehr führen.
Wer erziehen will, muss auch kein Studium der Pädagogik, Psychologie, Soziologie und Neurobiologie hinter sich haben. Ich würde sogar behaupten: Wer meint, erst nach dem Abschluss dieser Studiengänge richtig erziehen zu können, der versündigt sich an den Müttern und Vätern von zig Generationen, die erzogen haben, ohne dass aus der Welt ein Milliardenheer an Psychopathen und Neurotikern geworden wäre.
Erziehende mögen also doch bitte etwas mehr auf ihre Intuition und Spontaneität vertrauen. Erziehen ist jedenfalls nur ein „begrenzt planbares“ Unternehmen (Karl Jaspers). Man darf aus dem Erziehungshandeln keine „unheilvolle Totalplanung“ (Jaspers) machen. Das endete nämlich in einem totalitären Glauben, zumal der jun-ge Mensch, sei beliebig machbar.
Appell 2
Erziehen heißt: Kinder in Anspruch nehmen!
Erziehen in Elternhaus und Schule kann nicht in einer Gefälligkeits- bzw. in einer angestrengten Erleichterungspädagogik bestehen. Jedenfalls sollten wir einmal kritisch darüber nachdenken, ob wir unseren Kindern Stressgefühle nicht zu oft oktroyieren und suggerieren. Der landauf landab fast tagtäglich bejammerte Schulstress ist aus meiner Sicht in weiten Teilen ein solches Oktroy. Aus der Stressforschung wissen wir aber, dass es einen guten und einen schlechten Stress gibt – einen Eustress und einen Dysstress. Der Eustress ist positiv, er mobilisiert, hält fit, verlängert sogar das Leben, der Dysstress macht krank.
Das Problem bei der Unterscheidung der beiden ist: Es gibt keine objektive Trennlinie zwischen beiden. Diese Trennlinie ist sehr subjektiv, oft sogar ist es eine eingebildete, gefühlte Trennlinie. Für Deutschland habe ich das Gefühl, dass vieles von Dysstress gefühlter Dysstress ist.
Außerdem sagt uns der klare Menschenverstand: Eine Erziehung mit Vollkasko-Erfolgsgarantie kann und darf es nicht geben. Bei allem Vorgeben von Aufgaben und Pflichten sollten sich gerade auch bei Kindern zwei Aussichten die Waage halten: die Hoffnung auf Erfolg und die Furcht vor Misserfolg. Das heißt: Kinder müssen die Chance auf Erfolg und das Recht auf Irrtum haben. Sind aber die Erfolgsaussichten nahe bei hundert Prozent, dann ist man unterfordert und langweilt sich; sind die Erfolgsaussichten zu gering, so resigniert man und steckt zurück.
Alles aber sofort zugesprochen zu bekommen und sich für nichts anstrengen zu müssen – das geht nicht gut. Vor allem rauben wir unseren Kindern damit auch die Chance, auf sich selbst stolz sein zu können.
Appell 3
Erziehung braucht auch Leichtigkeit und Humor.
Das real existierende Menschenbild mit seiner „masseneudaimonistischen Gesinnungsmoral“ (Arnold Gehlen) will von der Unvollkommenheit des Menschen nichts wissen. Daraus sind Visionen von einer grenzenlosen Machbarkeit aller menschlichen Dispositionen entstanden oder gar Visionen einer endgültigen Ausgereiftheit gesellschaftspolitischer Konzepte. Der Glaube an die Vollkommenheit des Menschen eilt aber von einer Enttäuschung zur nächsten, weil die Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit des Menschen ignoriert werden.
Dabei könnte der Mensch vor allem durch Humor ein gütiges, zugleich lebensbejahendes Hinsehen auf die Unvollkommenheit der Welt und seiner selbst leben und erleben. Auch das ist Bejahung des Lebens und insofern wieder sehr viel Ernsthaftigkeit. Man könnte auch sagen: Humor hat einen eigenen Ernst.
Humor gerade in der Erziehung hat ansonsten viel mit Liebe, mit Wohlwollen, mit Wärme, mit Güte, mit Wertschätzung des Zöglings zu tun. Humor will auch nicht lächerlich machen, sondern zum Lächeln verführen und im Bedarfsfall freundschaftlich kritisieren. Humor ist deshalb nicht Auslachen, sondern Lächeln. Das baut Stress und Ängste ab, ist Ausdruck von Kreativität, erhöht die Frustrationstoleranz, relativiert Probleme, signalisiert Friedfertigkeit und macht beliebt. Manche sagen auch: Humor ist eine sehr gutes Mittel der Kontingenzbewältigung, also des Umgangs mit Unwägbarkeiten.
Jedenfalls erreicht man mit Humor in Elternhaus und Schule oft mehr als mit Kommandopädagogik oder mit rezeptologischer Totalplanung. Die Bedeutung des Humors in der Erziehung betone ich auch deshalb, weil es in der modernen Pädagogik so unglaublich humorlos, bierernst und „veloziferisch“ zugeht.
Wir sollten alle gemeinsam alles daran setzen, dies zu ändern.
{Das Manuskript enthält Passagen, die in der Sendung aus Zeitgründen gekürzt wurden.}
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