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<<Stefan Klein: Magie des Unvorhersehbaren. Die Bedeutung des Zufalls für die Lebenspraxis>>
www.stefanklein.info
SWR2 AULA
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung: Sonntag, 14. November 2004, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR


Überblick
Sie sitzen im Zug und lernen einen Menschen kennen, den sie ein paar Monate später heiraten. Sie sprechen auf einer Party mit einem Gast, der bald darauf ihrer beruflichen Karriere den entscheidenden Impuls geben wird. Wir haben zwar mentale Bollwerke gegen den Zufall errichtet, doch wir entkommen ihm nicht.

In einer unübersichtlichen Welt scheint das Leben mehr denn je dem Zufall zu gehorchen. Stefan Klein, promovierter Biophysiker und Journalist, zeigt anhand neuer Forschungsergebnisse, was Zufall ist, warum unser Gehirn damit Probleme hat, wie wir die Chancen des Zufall nutzen können.

Zufall
hat viel mit Geschichten zu tun. Und zwei Geschichten möchte ich Ihnen am Anfang meines Vortrags erzählen. Die erste Geschichte spielt in England. Sie begann vor 30 Jahren, als Barry Bagshaw geheiratet hatte, einen Sohn bekam und dann als Soldat in Hongkong stationiert wurde. Das ging nicht lange gut, denn seine Frau konnte die Abwesenheit ihres Mannes, die Einsamkeit so schlecht ertragen, dass sie sich mit dem Sohn auf und davon machte zu Barry Bagshaws besten Freund. Von diesem Vertrauensbruch der Menschen, die ihm am nächsten waren, war Barry Bagshaw so enttäuscht, dass er jeden Kontakt zu seinem Freund und zu seiner Familie abbrach. Als er sich es nach einigen Jahren anders überlegte und er wieder die Nähe seines Sohnes suchen wollte, war es zu spät. Von seiner Frau und dem Kind fehlte jede Spur.

Von der Station in Hongkong wurde Bagshaw einige Jahre später nach Nordirland beordert. Dort wurde er als Soldat in ein Bombenattentat verwickelt, verwundet und musste den Armeedienst quittieren. So nahm er eine Stelle als Taxifahrer im Seebad Brighton an.

Mehr als 30 Jahre nach der Trennung von seiner Familie, am Abend des 7. August 2001, wird er mit seinem Taxi zu einem Motel bestellt. Es ist Abend, ein Paar steigt ein, Bagshaw kann die Gesichter nicht richtig erkennen. Plötzlich hört er von hinten eine Stimme: „Ist Ihr Vorname Barry?“ Bagshaw zögert: „Woher wissen Sie das?“ – „Ich habe Ihren Nachnamen auf der Taxiplakette gelesen. Barry Bagshaw hieß mein Vater.“ Bagshaw stutzt: „Hieß Ihre Mutter Patricia?“ – „Ja“, sagt der andere. Bagshaw kann es zunächst kaum fassen. Er fährt weiter. Plötzlich bleibt er stehen, steigt aus, reißt die Tür im Font auf, zieht den Fahrgast heraus und umarmt ihn. „Sie sind Colin Bagshaw. Sie sind mein Sohn!“ Zunächst können es die beiden kaum glauben. Dann aber gehen sie die Namen aller Verwandten durch, die ihnen so einfallen. Da kann kein Zweifel bestehen. Der Passagier ist Barry Bagshaws verlorener Sohn. Und jetzt erst erfährt Barry, dass sein Sohn Colin nach Südafrika ausgewandert war und erst vor wenigen Wochen zurück gekehrt ist. In einem Hotel in Brighton hat er Arbeit als Manager gefunden. Nur wenige Straßen von dem Haus seines Vaters Barry entfernt, den er für tot hielt.

Konnte es wirklich allein der Zufall gewesen sein, der Vater und Sohn nach 30 Jahren zusammen geführt hat? Oder hatte vielleicht doch eine Ahnung den Sohn Colin in die Stadt seines Vaters, nach Brighton, geführt? Und vor allem – wieso schickt die Zentrale an diesem Abend gerade Barrys Taxi zu dem Motel? Bei einem solchen Ereignis kommen selbst die skeptischen Menschen ins Grübeln, und es erscheint uns dermaßen unglaublich, dass selbst die BBC, der englische Rundfunk, darüber berichtete. Die Nachricht ging um die Welt

Aber Geschichten von dieser Art, wenn auch etwas weniger dramatisch, kennen wir alle aus unserem Leben. Wir begegnen einem lange nicht gesehenen Schulfreund auf einem Flughafen auf einem anderen Kontinent. Eine Freundin ruft genau in dem Moment an, in dem wir an sie denken. Und welche Liebenden glauben wirklich daran, dass einzig der Zufall sie mit ihrem Partner zusammen geführt hat. Wir vermuten Bestimmung. Zufälle sind häufig die größten Glücksfälle in unserem Leben. Aber selbst dann fällt es uns schwer, sie als Zufall zu sehen. Wir vermuten mehr dahinter: Planung, Schicksal, Vorsehung. Und noch mehr sind wir versucht, an höhere Fügungen zu glauben, wenn Zufälle keine Glücksfälle sind. Denn der Zufall hat auch die Macht, unsere Existenz zu zerstören. Davon handelt die zweite Geschichte, die ich Ihnen erzählen möchte:

Sie spielt in New York und beginnt am 10. September 2001. An diesem Tag räumt Felix Sanchez sein Büro im Südturm des World Trade Centers. Dort hat er als Bankangestellter gearbeitet, nun macht er sich selbständig – ein Beschluss, der ihm am nächsten Tag das Leben retten wird. Seine Geschäfte als Vermögensberater für seine Landsleute aus der Dominikanischen Republik laufen von Anfang an glänzend. So macht Felix Sanchez sich ein paar Wochen später, am 12. November 2001, auf in seine Heimat. Er besteigt die Morgenmaschine der American Airlines nach Santo Domingo, Flug Nr. 587 - das Flugzeug, das gleich nach dem Start über dem New Yorker Stadtteil Queens abstürzt und dem niemand lebend entkommt. Der Absturz geschieht ausgerechnet über einer Wohngegend des Stadtteil Queens, in der viele Feuerwehrleute leben. Die Trümmer des verunglückten Airbus stürzen in die Gärten von Eltern, die ihre Söhne bei den Rettungsversuchen des 11. September verloren haben.

Dass Menschen wie Felix Sanchez scheinbar wie durch ein Wunder von einem Desaster verschont bleiben, nur um kurz darauf einem anderen zum Opfer zu fallen, das übersteigt unsere Vorstellungskraft. Denn unserem Wesen entspricht es, zielgerichtet zu denken und zu handeln. Wir können und wir wollen nicht glauben, dass sich das Universum so offenkundig sinnlos verhält. Und so zweifeln viele Menschen insgeheim daran, ob es Zufälle wirklich gibt. Sie haben das Gefühl, dass alles, was ihnen zustößt, einem Plan folgt, einer Vorsehung. Und nicht wenige sind überzeugt, dass sie ihrem Schicksal in die Karten sehen können, indem sie Horoskope befragen oder einen Wahrsager zu Rate ziehen. Selbst ein Staatschef wie Francois Mitterand, ein Intellektueller, pflegte vor wichtigen Entscheidungen seine Astrologin zu konsultieren.

Aber was sind Zufälle überhaupt, mit denen uns der Umgang so schwer fällt? „Zufälle sind Vorfälle, die unversehens kommen“, heißt es im Grimmschen Wörterbuch der deutschen Sprache lakonisch und weiter: „der Zufall bezeichnet das unberechenbare Geschehen, das sich unserer Vernunft und unserer Absicht entzieht“. Knapper und treffender hat es bis heute niemand gesagt. Und bis heute verwenden wir diesen Begriff genau in dieser doppelten Weise. Als Zufall erscheint uns eine Begebenheit, hinter der wir entweder keine Regel erkennen oder die keiner geplant hat. Zufall ist also Regellosigkeit und hat viel mit unserem Unwissen zu tun. Zufälle folgen aus unserem Unwissen. Wann aber können wir Regeln erkennen und wann nicht? Nehmen wir noch einmal die Geschichte vom Wiedersehen von Vater und Sohn Bagshaw. Handelte es sich da wirklich um einen Zufall?

Es wird uns schwer fallen, in dem, was da geschehen ist, einen Plan zu finden. Hätte z. B. ein voriger Auftrag von Vater Bagshaw in seinem Taxi nur etwas länger gedauert, hätte Bagshaw nur etwas länger Kaffeepause gemacht, hätte er nicht seinen Sohn getroffen. Solche Kleinigkeiten spielen auch noch in viel fernerer Vergangenheit eine Rolle. Wäre er z. B. damals in Nordirland in Urlaub gewesen, als die Bombe hochging oder hätte ihn auch nur ein Kollege beiseite gerufen, wäre er nie verwundet worden, hätte er den Armeedienst nicht quittieren müssen, wäre er nicht Taxifahrer geworden, hätte er seinen Sohn nicht getroffen. Hätte Bagshaw, als er seine Familie verließ, voraussehen können, dass er eines Tages auf scheinbar wundersame Weise wieder mit seinem Sohn zusammen geführt worden wäre? Kaum. Und noch schwerer tun wir Außenstehende uns, hinter dem, was da geschehen ist, eine Regel zu erkennen. Eine Regel erkennen bedeutet, dass man eine Geschichte kürzer fassen kann. Das folgende Beispiel soll Ihnen das verdeutlichen:

Nehmen Sie einmal die Zahlenreihe 2 – 7 – 12 – 17 – 22 – 27 – 32 – 37. Das ist der Fahrplan der U-Bahn, die von meinem Berliner Büro zum Alexanderplatz fährt. Aber die Abfahrtszeiten können Sie sich auch viel einfacher merken, nämlich 2 nach der vollen Stunde und dann alle 5 Minuten. Und das können Sie sich noch kürzer hinschreiben, nämlich als 2 + 5. Damit genügen 3 Zeichen, um die mehr als hundert Abfahrten eines ganzen Tages auszudrücken. Sie haben eine Regel erkannt.

Nun nehmen Sie die Gewinnzahlen des Mittwochslottos vom 1. Oktober 2003 mit Zusatz- und Superzahl. Die lauten: 5 – 9 – 14 – 18 – 32 – 38 – 20 – 8. Hier wird es Ihnen beim besten Willen nicht gelingen, eine Vereinfachung zu finden, wie Sie das beim U-Bahn-Fahrplan konnten. Um sechs-, ein- oder zweistellige Gewinnzahlen samt Zusatz- und Superzahl anzugeben, benötigen Sie jede einzelne Ziffer. Und genau das ist das Merkmal einer Zufallszahl. Es gibt keine kürzere Form sie auszudrücken als durch ihre Ziffern selbst. Bei der Geschichte von Vater und Sohn Bagshaw ist es genauso. Wenn Sie versuchen, eine Kurzfassung zu erzählen, dann verlieren sie den inneren Zusammenhang. Dann verstehen Sie nicht mehr, wie es dazu kommen konnte, dass Vater und Sohn einander wieder begegneten. Sie müssen die ganze Geschichte erzählen. Es gibt keine Regel. Wenn wir keine Regel erkennen können, dann sprechen wir von einem Zufall.

Nun mögen Sie vielleicht einwenden, dass man mit viel Nachdenken vielleicht doch eine Regel finden könnte, um z. B. die Lottozahlen vom 1. Oktober 2003 kürzer auszudrücken. Und Sie haben recht! Ganz sicher lässt sich das tatsächlich nie ausschließen. Das hat der amerikanische Mathematiker Gregory Chaitin gezeigt. Es gibt im allgemeinen kein Kriterium um festzustellen, ob es zwischen scheinbar willkürlichen Daten oder scheinbar willkürlichen Begebenheiten einer Geschichte nicht doch einen inneren Zusammenhang gibt. Sie können nur beweisen, dass etwas nicht zufällig ist. Den Zufall aber können Sie nie beweisen. Das mag die Menschen, die an eine höhere Ordnung, an ein Schicksal glauben, mit denen versöhnen, die das nicht tun. Denn sie können immer mit Recht vermuten, dass etwas nicht zufällig zustande gekommen ist. Nur Beweise haben sie keine.

Entscheidend aber ist, dass wir solche Begebenheiten nicht voraussehen und schon gleich gar nicht vorausplanen können. Das ist unser Unwissen. Und dieses Unwissen machen wir uns häufig nicht bewusst. Wir glauben eben doch daran, dem Schicksal auf irgendeine Weise in die Karten schauen zu können oder dass wir es lenken können. Und dass das nicht geht, dafür gibt es in der Tat Beweise.

Warum aber können wir die Frage Zufall oder Schicksal nicht einfach achselzuckend abtun? Warum können wir uns nicht einfach abfinden damit, dass wir manche Begebenheiten in unserem Leben eben nicht verstehen können? Warum fällt es uns so schwer, uns mit dem Zufall anzufreunden? Der Grund für diese Schwierigkeiten ist, dass das Gehirn darauf programmiert ist, Regeln zu erkennen. Wir suchen nach Mustern in der Welt. Unwillkürlich und häufig unbewusst. Denn Ordnung brauchen wir, wenn wir uns in der Welt zurecht finden wollen. Und nicht nur ums Zurechtfinden geht es; auf diese Weise lernt auch unser Gehirn. So haben wir alle sprechen gelernt. Wenn ein Kleinkind acht Monate alt ist, hat es überhaupt keine Beweise dafür, dass die Silben, die die Erwachsenen von sich geben, einen Sinn haben, dass sie einem Muster folgen. Aber es glaubt daran. Und auf diese Weise lernt es allmählich Sprache verstehen. Das hat die neuropsychologische Forschung in den letzten Jahren gezeigt. Wir lernen, indem wir nicht an Zufälle glauben. Und das tun wir unser ganzes Leben hindurch. Sie würden nicht allzu oft über eine Straße gehen, wenn Sie glauben würden, dass die Autos bei Rot an der Ampel einfach zufällig stehen bleiben. Wir haben ein Muster gelernt und gebrauchen es, um uns in der Welt zurecht zu finden. So tun wir sehr häufig gut daran, nicht an Zufälle zu glauben. Dass das Gehirn dabei manchmal über das Ziel hinaus schießt und einen Sinn sieht, wo gar keiner ist, ist vielleicht das kleinere Übel. Damit verwechseln wir fortwährend Zusammentreffen mit Zusammenhang, Glück mit Können, Zufall mit Bestimmung.

Natürlich ruft die Freundin gerade in dem Augenblick an, in dem wir an sie denken. Und natürlich kommt uns sofort Telepathie in den Sinn. Wir sehen ein Muster. Dabei übersehen wir aber, dass wir sehr häufig an Menschen denken, die uns nahe stehen. Vielleicht zehn Mal, vielleicht hundert Mal am Tag und meistens geschieht gar nichts. Wenn gar nichts geschieht, vergessen wir die Episode und unsere Gedanken sofort wieder. Nur wenn die Freundin zufällig im entsprechenden Augenblick anruft, dann prägen wir uns ein solches Zusammentreffen ein.

Geheimnisse in nüchternen Fakten sind überall zu entdecken. Das Gehirn muss nur phantasievoll genug assoziieren. Wer eine Schwäche für das Obskure hat, kann so mühelos verborgenen Botschaften nachspüren. Bemerkenswert mag man z. B. das wiederholte Auftauchen der Zahl 11 im Umkreis der Anschläge vom 11. September 2001 nennen. 11 ist die Quersumme des Datums 11.9. (9 + 1 + 1). Das war der 254ste Tag im Jahr: 2 + 5 + 4 = 11. Der Flug American Airlines 11 traf die Türme des World Trade Center als erster. 92 Insassen waren an Bord: 9 + 2 = 11. In der zweiten Maschine, die in die Hochhäuser raste, saßen 65 Menschen: 6 + 5 = 11. Die Begriffe New York City und Afghanistan, wo sich Osama bin Laden versteckte, haben jeweils 11 Buchstaben. George W. Bush übrigens auch. Und hatten nicht die Twin Towers die Silhouette einer 11?

Das alles ist wahr. Doch es beweist allenfalls, dass genug Daten vorliegen, um damit zu jonglieren. Gegenprobe: Die Maschine, die den zweiten Wolkenkratzer zerstörte, hatte die Flugnummer United Airlines 175, die Boeing, die das Pentagon rammte, hatte die Flugnummer 77 und jene, die in Pennsylvania abstürzte, 93. Das amerikanische Verteidigungsministerium hat – sein Name sagt es – die Form eines Fünfecks. Usw. Nirgends die Spur einer 11. Dass uns mit der 11 im Umfeld dieser Anschläge etwas besonders zu sein scheint, liegt einzig daran, dass wir genau solche Daten herauspicken, bei denen sich die 11 wiederfindet und alle anderen vergessen. Wir suchen nach Mustern.

Und dass wir es tun, ist uns angeboren. Die Frage ist nur, ob wir immer gut damit fahren, wenn wir mit dieser angeborenen Neigung zu unkritisch umgehen. Denn wenn wir den Zufall unterschätzen, überschätzen wir zugleich unser Wissen und vor allem unsere Fähigkeit, Dinge vorher zu sehen. Denken Sie an Roulette-Spieler im Kasino. Wenn fünf Mal hintereinander Rot fällt, glauben fast alle, nun müsse doch endlich Schwarz kommen, die Statistik verlange es. Aber das ist ein Irrtum. Die Statistik verlangt das überhaupt nicht. Nur unsere Suche nach Mustern, nach Abwechslung lässt uns das glauben. In Wirklichkeit hat ein Roulette-Rad kein Gedächtnis. Anders als Menschen. Und darum ist die Wahrscheinlichkeit, dass nach fünf Mal Rot noch einmal Rot kommt genauso groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass nach fünf Mal Rot Schwarz kommt. Das Roulette-Rad merkt sich nicht, was vorher war. Wir Menschen aber merken es uns und setzen nach fünf Mal Rot große Summen auf Schwarz – und verlieren. Es kann teuer sein, nicht an den Zufall zu glauben.

Den Zufall zu verstehen, war noch nie so wichtig wie heute. Denn unsere Welt wird immer komplizierter, und Zufall ist auch eine Folge von Komplexität. Immer häufiger erleben wir Ereignisse, die niemand vorhersehen kann, hinter denen wir keine Regel erkennen. Wen z. B. hätten die Deutschen zu ihrem Bundeskanzler gewählt, wäre nicht im Sommer 2001 die Elbe über die Ufer getreten? Wie wäre die Geschichte verlaufen, hätten die Fluglehrer der Al-Kaida-Piloten Verdacht geschöpft? Und wie sähe die Welt heute aus, wenn nicht ein paar Hundert Rentner in Florida bei der Präsidentschaft 2000 ihren Wahlzettel missverstanden hätten? In einem Maße wie niemals zuvor müssen wir Menschen fertig werden mit jenem unberechenbaren Geschehen, das sich unserer Vernunft und unserer Absicht entzieht und das das Grimmsche Wörterbuch den „Zufall“ nennt. Das erleben wir nicht nur in der Geschichte, jeder Einzelne spürt es in seinem Privatleben.

Noch für die Generation der mittlerweile 60-Jährigen war es absehbar, wie ihr Leben verlaufen würde. Wenn sie im Nachkriegsdeutschland tüchtig waren, konnten sie sich auf Wohlstand und Arbeit bis zur Pensionierung beinahe verlassen. Heute dagegen ist so etwas wie Karriereplanung fast wie Makulatur. Hochqualifizierte Angestellte, gerade noch für viel Geld als Hoffnungsträger eingestellt, treffen sich auf dem Arbeitsamt wieder, weil in der Firma die erwarteten Aufträge ausblieben, weil der Job einer undurchsichtigen Fusion zum Opfer gefallen ist, oder auch nur, weil die Stimmung im Vorstand sich gedreht hat. In einer solchen Welt kommt es darauf an, realistisch einzuschätzen, in wie weit wir unseren Lebensweg voraussehen können und in wie weit wir ihn planen können. Oft und zunehmend sehr viel weniger weit, als wir denken. Und in einer solchen Welt kann es gefährlich sein, sich zu sicher zu fühlen, denn wenn man den Zufall unterschätzt, dann lässt die Aufmerksamkeit nach.

Zu diesem beunruhigenden Schluss kamen Arbeitspsychologen, als sie z. B. die Häufigkeit von Unglücken in Bergwerken verglichen. Die Stollen des einen Bergwerks waren gut beleuchtet und asphaltiert, die anderen düster und uneben. Aber mehr Unfälle gab es auf den gut befestigten Wegen, weil sich die Menschen dort zu sicher fühlten und nicht aufmerksam waren. Wer kein Risiko empfindet, macht Fehler, denn seine Wachsamkeit lässt nach. So ist das Gehirn programmiert.

Zu Recht sehen es Schauspieler als ein schlechtes Omen an, wenn sie vor einer Vorstellung kein Lampenfieber verspüren. Angst und Aufmerksamkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. Darum fordern Sicherheitsexperten wie der Franzose René Amalberti, Zwischenfälle, Zufälle also, leben zu lassen oder sie sogar gelegentlich absichtlich auszulösen. Je komplexer ein System ist, umso mehr wird völlige Sicherheit, völlige Voraussehbarkeit zur Illusion. Und mit dieser Einsicht tun wir uns schwer, weil sie unangenehm ist.

Wie viel angemessener es aber sein kann, die Schäden von unliebsamen Zufällen möglichst gering zu halten, statt darauf zu setzen, dass man alle denkbaren Unglücke abwenden kann, zeigt das Beispiel von Eisenbahnunfällen in Deutschland und England. Die deutsche Bahn ist der britischen weit darin überlegen, Unfälle zu vermeiden. Aber bei der Katastrophe von Eschede am 3. Juni 1998 waren 101 Tote zu betrauern. Fast drei Viertel von ihnen erlagen schweren Kopfverletzungen. Sie waren in dem entgleisten ICE umher geschleudert worden und gegen Sitze und Wände geprallt. Drei Jahre später verunglückte ein Hochgeschwindigkeitszug im englischen Selby. Die Aufprallenergie war mehr als doppelt so groß wie in Eschede. Trotzdem aber starben nur 10 Personen. Alle anderen hatten ihr Leben der Konstruktion der britischen Waggons zu verdanken. Zwischen den meisten Sitzreihen stehen dort Tische, die die Fahrgäste bei einem Aufprall auf ihren Plätzen fixieren wie Sicherheitsgurte. Und die Lehnen der Sitze sind so flexibel gebaut, dass sie nachgeben, wenn ein Passagier gegen sie stößt. So kamen mehr als 100 Menschen in Selby mit leichten Verletzungen davon.

In Deutschland glauben wir, die beste Lösung eines Problems sei immer noch diejenige, die scheinbar alle vorstellbaren Zwischenfälle ausschließt. Die Alternative wäre, Unwägbarkeiten einzukalkulieren und sie zu bewältigen. Aber das ist gewöhnungsbedürftig. Und so streitet denn auch die Öffentlichkeit, in welchem Maße es dem Einzelnen zumutbar ist, auf soziale Absicherung beispielsweise zu verzichten, und ob es überhaupt zumutbar ist. Die Frage aber, wie Bürger mit weniger Gewissheit auskommen können, wird selten gestellt. Dabei ist sie unvermeidbar. Wer nach maximaler Sicherheit in vertrauter Umgebung strebt, findet sie selten, weil er seine Aufmerksamkeit fahren lässt. Das Beispiel mit den Bergwerksunglücken oder den Eisenbahnunfällen zeigt es. Und mehr noch: er versäumt es häufig, sich an Bedingungen anzupassen, die sich ändern.

Auch darum bedeutet „gefühlte Sicherheit“, die Verleugnung des Zufalls oft in Wahrheit Gefahr. Perfekte Panzer haben den Stegosaurus vor allen Feinden, aber nicht vor dem Untergang bewahrt. Dabei sind allein Zufälle die Triebkraft jedes Fortschritts. Nur durch sie kommt Neues in die Welt. Wo sie fehlen, herrscht Stillstand. Das lehrt die Evolution. Menschliches Schaffen aber folgt ähnlichen Gesetzen, auch die Entwicklung einer Gesellschaft. Das ist der Grund, warum wir den Zufall brauchen.

Durch Zufall fand der britische Mikrobiologe Fleming das Penicillin, weil eine Bakterienkultur in seinem Labor verdorben war. Durch Zufall entdeckten Techniker den Tesafilm; eigentlich wollten sie ein Heftpflaster herstellen. Und die Potenzpille Viagra ist eigentlich ein verunglücktes Herzmittel. Den Ärzten war nur aufgefallen, dass die männlichen Patienten unter Behandlung das Mittel gar nicht mehr absetzen wollten.

Kreativität beruht auf Probieren und Kombinieren von Elementen, die zuvor nichts miteinander zu tun hatten. Mit unvorhersehbaren Folgen. In einem solchen Spiel von Versuch und Irrtum hat auch die Evolution das Reich des Lebendigen geschaffen. Und Forscher beginnen, von diesen Prinzipien auch in der Technik Gebrauch zu machen. Aber nicht nur darin ist das Wissen um den Zufall anwendbar.

Wann immer wir Menschen etwas Neues in die Welt setzen oder schlicht unser Leben ändern wollen, können wir das Wirken des Zufalls nutzen. Denn schließlich bestimmen Zufälle zu einem großen Teil das menschliche Leben: Von der Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes über die berufliche Laufbahn bis zur Wahl des Lebenspartners. Das englische Wort „chance“ bringt diese Wahrheit wunderbar auf den Punkt. Es bedeutet eben nicht nur Zufall, sondern auch Möglichkeit, ja sogar Glück. Wir Menschen neigen aber dazu, diese Chancen zu übersehen. Denn unser Gehirn, ständig auf der Suche nach Mustern und Regeln, ist ein großer Vereinfacher. Oft nehmen wir gar nicht wahr, womit wir nicht gerechnet haben, und übersehen dadurch Gelegenheiten. Statt neue Möglichkeiten zu prüfen und zu nutzen, haftet das Gehirn am Altbekannten und erzeugt lieber durch vorschnelle Erklärungen eine Illusion von Sicherheit

So überschätzt der Mensch systematisch die Kenntnis seiner Umgebung, unterschätzt aber zugleich sein Talent, aus Überraschungen Vorteil zu ziehen. Zu Unrecht, denn wir hätten allen Anlass zu Selbstvertrauen. Immerhin konnte unsere Art, der homo sapiens, sich in der Natur deswegen durchsetzen, weil sie im Gegensatz zu fast allen anderen Geschöpfen auf keine bestimmte Umwelt festgelegt ist. Der Mensch zeichnet sich durch seine besondere Fähigkeit aus, aus allen Umständen das Beste zu machen. Und mit diesem Talent ist jeder von uns auf die Welt gekommen. Es kommt nur darauf an, es zu nutzen.

In einer so komplexen Welt wie unserer heutigen genügt der naive Umgang mit dem Ungewissen nicht mehr. Und dabei ist niemand allein auf das angewiesen, was ihm die Natur mitgegeben hat. Wir sind den Illusionen, die unser Gehirn über den Zufall erzeugt, nicht ausgeliefert. Wie wirkungsvoll Menschen mit angepassten und lernbaren Strategien das Unvorhersehbare bewältigen können, hat die Forschung in den letzten Jahren überzeugend gezeigt. Nur wer den Zufall versteht, kann die Chancen unserer Zeit nutzen.

* Zum Autor:

Stefan Klein, 1965 in München geboren. Studium der Philosophie und Physik in München, Grenoble und Freiburg. Promotion über Biophysik. Klein war von 1996 - 1999 Wissenschaftsredakteur beim SPIEGEL, von 1999 - 2000 bei GEO. Er lebt jetzt als freier Autor in Berlin.

Bücher:

- Die Glücksformel oder Wie die guten Gefühle entstehen. Rowohlt.

- Alles Zufall. Die Kraft, die unser Leben bestimmt. Rowohlt.

- Die Tagebücher der Schöpfung. Vom Urknall zum geklonten Menschen. dtv.


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