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Theodor Ickler: Das unmögliche Wörterbuch

(Eine gekürzte Fassung erschien in der FAZ vom 28.8.04 Duden: Die deutsche Rechtschreibung. 23., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim u. a. 2004. 1152 S., geb., 20,00 Euro.

 

Unmittelbar vor dem Ende der Rechtschreibreform einen neuen Duden herauszubringen ist zweifellos mutig. Der Bertelsmann-Verlag verzichtet vorläufig darauf, seine „Deutsche Rechtschreibung“ neu zu bearbeiten. Er reagiert damit auf den Beschluß der Kultusminister vom Juni dieses Jahres, erstmals die amtliche Neuregelung in zentralen Bereichen zu verändern, und will in anderen Publikationen sogar zur bewährten Rechtschreibung zurückkehren. Der neue Duden war längst in Arbeit, als bekannt wurde, daß die Änderungen sich nicht im Rahmen des vierten Berichtes der Rechtschreibkommission halten sollten. Dieser Bericht war nach breiten Protesten der Öffentlichkeit überraschenderweise nicht verabschiedet worden. Die Verfasser suchten daraufhin ihr Heil in einer überstürzten Rettungsaktion, die sich hauptsächlich als unendliche Vermehrung der Varianten auswirkt, in einigen Bereichen jedoch zu einer grundsätzlichen und folgenreichen Umkehr führt.

 

Äußerlich scheint zunächst alles beim alten zu bleiben. Dem Wörterverzeichnis sind in bewährter Weise die von der Dudenredaktion formulierten Richtlinien vorangestellt und wie in der vorigen Auflage als Kennziffern K 1 bis K 169 durchnumeriert. Die Zahl entspricht also ziemlich genau den 171 orthographischen Richtlinien des alten Duden (die übrigen galten anderen Problemen); der Versuch des ersten Reformduden, durch geänderte Numerierung eine Verminderung der Regeln vorzutäuschen, wird nicht noch einmal unternommen.

 

Am Ende des Bandes ist laut Ankündigung der „unveränderte und vollständige 'Teil I: Regeln' der amtlichen Neuregelung“ abgedruckt. Das entspricht nicht der Wahrheit. Man findet dort vielmehr gerade den in zentralen Bereichen stark veränderten Regeltext. Da die amtliche Neufassung der Regeln im August 2004 noch nicht fertiggestellt war, ließ sich nicht beurteilen, ob der Text, der übrigens wiederum in abweisend winziger Schrift gesetzt ist, den Absichten der Kultusminister entsprach. Stutzig wird man auch, wenn man sieht, daß wie in der vorigen Auflage der Paragraph 47 mit seiner Erläuterung identisch ist – ein redaktioneller Fehler, der an der Amtlichkeit des ganzen Textes zweifeln läßt. Das gilt auch für die vielen geänderten Wörterbucheinträge. In der Einleitung zum Gesamtwerk ist nur von „Präzisierungen und Ergänzungen“ die Rede, ganz im Sinne der kultusministeriellen Sprachregelung. In Wirklichkeit machen die Änderungen alle zwischen 1996 und 2004 veröffentlichten Wörterbücher wertlos. (Nachtrag: Am 22.9.2004 teilte der Generalsekretär der KMK mit: „Die Kommission für deutsche Rechtschreibung ist derzeit damit befasst, das Regelwerk von 1996 auf der Grundlage der genannten Berichte förmlich zu überarbeiten. Über diese Fassung ist dann mit Österreich und der Schweiz Einvernehmen herzustellen.“- Es gab also damals überhaupt kein amtliches Regelwerk. Inzwischen ist es im Internet greifbar. Das dazugehörige Wörterverzeichnis geht teilweise über den neuen Duden hinaus, s. u.)

 

Die Dudenredakteure dürften wissen, daß mit diesem Wörterbuch die letzte Runde der Rechtschreibreform eingeläutet ist. Sie spielen die orthographischen Probleme nach Möglichkeit herunter und werben lieber mit den obligaten „5.000 neuen Wörtern“. Die hohe Zahl der „125.000 Stichwörter“ geht natürlich vor allem auf das Konto von orthographisch unergiebigen Zusammensetzungen. Einiges stammt aus dem unerschöpflichen Vorrat des Vulgären und der Pennälersprache: fremdficken, die Verarsche, Hunni. Die Saftschubse und das Thurn-und-Taxissche schnackseln dürften eher kurzlebig sein. Hinzu kommen die Stammformen starker Verben (glitt, ritt), die erstmals als eigene Einträge geführt sind. Im Duden-Universalwörterbuch, das nun wohl auch bald neu erscheint, haben über 5.000 weibliche Personenbezeichnungen (Erbsenzählerin, Kolonnenspringerin, Schrotthändlerin) andere, wichtigere Wörter verdrängt. So weit geht der Rechtschreibduden noch nicht, doch findet man auch im vorliegenden Band entlegene Einträge wie Ziegelbrennerin, Voltairianierin oder mechanisch hinzugefügte weibliche Personenbezeichnungen wie Globalisierungsgegnerin, Globetrotterin und Glockengießerin. Politisch korrekt (und neu) ist außerdem der Hinweis, daß man Schokokuss sagen soll und nicht N...kuss; auch unter Mohrenkopf und dem selten verwendeten Mohrenwäsche steht „oft als diskriminierend empfunden“ – ein Zusatz, der wohl kaum auf tatsächlicher Beobachtung beruht. Wie in früheren Ausgaben straft der Duden die Nazigrößen Hitler, Goebbels und Göring (alle orthographisch relevant) sowie SA und SS durch Nichterwähnung, während Lenin, Stalin, Honecker und der SSD der DDR eingetragen sind – eine wenig souveräne Art der Vergangenheitsbewältigung, die es erschwert, sich mit den Greueln der Nazizeit sprachlich korrekt auseinanderzusetzen.

 

Auf das Vorwort folgt eine Liste der „wichtigsten Regelergänzungen“. Darin fehlt jedoch eine Änderung, die wahrscheinlich sogar die meisten redaktionellen Eingriffe verursacht hat: Die sogenannte Variantenführung ist aufgegeben, das heißt, alle Schreibweisen eines Wortes sind nun gleichberechtigt. Es war ja auch nicht einzusehen, warum Geographie gegenüber Geografie den Vorzug verdienen sollte, während es sich bei Pornografie und Pornographie gerade umgekehrt verhielt. Dafür sind nun die Neuschreibungen stets an erster Stelle angeführt, was gewiß den Eindruck erwecken soll, sie seien die moderneren und besseren. So ähnlich hatte es auch der vierte Bericht vorgesehen:

 

„Ohne auf die gezielte Variantenführung zu verzichten – die als Prozess ohnehin erst in größeren Zeiträumen sichtbar werden kann –, plädiert die Kommission dafür, im Regelwerk progressive (integrierte) Variantenschreibungen möglichst an erster Stelle aufzuführen und gleichzeitig auf die Kennzeichnung von Hauptform (Vorzugsvariante) und Nebenform gänzlich zu verzichten. Die Anführung der progressiven (integrierten) Variante an erster Stelle unterstreicht den Wunsch, dass diese Form sich durchsetzen möge, ohne eine ausdrückliche Verwendungsempfehlung auszusprechen. Außerdem entspricht der Verzicht auf eine ausdrückliche Kennzeichnung von Haupt- und Nebenform der Grundintention des amtlichen Regelwerks, Fremdwörter prinzipiell als deutsche Wörter zu behandeln. Er erlaubt es, den Prozess der Integration vorurteilsfrei zu beobachten, ihn also nicht vorzubestimmen. Erst auf längere Sicht wird es dann möglich sein, auch zu entsprechenden Schlussfolgerungen zu kommen.

Sich daraus ergebende redaktionelle Überarbeitungen betreffen:

– im Wörterverzeichnis des amtlichen Regelwerks die Streichung aller Verweise bei Fremdwörtern, mit denen durch «auch» bzw. «s[iehe].» auf eine Neben- bzw. Hauptvariante verwiesen wird;

– in der Zeichenerklärung zum Wörterverzeichnis die Streichung der Erklärungen zu «auch» und «s[iehe].»;

– im Regelwerk unter den Paragrafen 20(2) und 32(2) die Streichung der in Klammern stehenden Verweise auf das Wörterverzeichnis, die die Haupt- und Nebenformen betreffen sowie

– im Vorwort die Umformulierung des Abschnitts 3.2(3).“

Besonders klar ist das nicht, und ein neues amtliches Wörterverzeichnis liegt auch nicht vor und wird vielleicht überhaupt nicht mehr ausgearbeitet werden, so daß die Auswirkungen des vierten Berichts nicht überprüfbar sind.

 

Die Variantenführung galt allerdings, wie der vierte Bericht erstmals deutlich aussprach, ohnehin nur für Fremdwörter und ihre Integrationsformen. In anderen Fällen werden jetzt die geänderten vor den wiederzugelassenen unveränderten Schreibweisen angeführt. So steht Epoche machend vor dem erst jetzt wiederzugelassenen epochemachend. Bei blutbildend, blutreinigend, blutsaugend, blutstillend,  weitgehend sowie halbblind und ähnlichen Zusammensetzungen ist allerdings entgegen dem Vorsatz die herkömmliche Schreibung Hauptstichwort, und die Getrenntschreibung folgt als neue, rotgedruckte Variante – offenbar ein redaktioneller Fehler, der sich gelegentlich auch bei Fremdwörtern wie Chansonnier, Ordonnanz findet, nachdem dort das „auch“ der Variantenführung weggefallen ist. Die verbliebenen „auch“ sind, in Verbindung mit Rotdruck und Reihenfolge, nicht interpretierbar. Wir finden einerseits „Molotowcocktail, auch (rot) Molotow-Cocktail“, andererseits „(rot) Lovestory, auch Love-Story“. Was soll das bedeuten?

 

Damit wenden wir uns der ersten wirklich auffallenden Änderung zu, der Getrennt- und Zusammenschreibung, die man zu Recht das Kuckucksei der Reform genannt hat. Paragraph 34, der die „trennbaren Verben“ behandelt, ist weitgehend neu gefaßt. Unter dem Eindruck der sprachwissenschaftlichen Kritik wird erstmals der Begriff des „Verbzusatzes“ eingeführt und das Kriterium der Betonung sowohl in die Regel als auch in die Erläuterungen aufgenommen. Die Reformer hatten sich bisher dagegen gewehrt, daß die Betonung als „ein der gesprochenen Sprache entnommenes Kriterium auf die geschriebene Sprache angewendet werden soll“ (so der Reformer Burkhard Schaeder).

 

Die Liste der hundert Verbzusätze ist nicht nur um weitere Partikeln vermehrt (dahinter, darauf/drauf, darauflos/drauflos, darin/drin, darüber/drüber, darum/drum, darunter/drunter, davor, draus, hinter, hinterdrein, nebenher, vornüber), sondern außerdem geöffnet, so daß sie nunmehr mit einem ominösen „usw.“ schließt. Da es um obligatorische Zusammenschreibung geht, kann man nur richtig schreiben, wenn man weiß, auf welche Wörter sich diese Vorschrift erstreckt. Noch im Frühjahr 2004 hatten die Reformer gegenüber ihren Auftraggebern darauf bestanden, die Liste müsse geschlossen bleiben, um nicht der Beliebigkeit Tür und Tor zu öffnen. Die nachträgliche, hastig eingearbeitete Änderung verrät sich noch an der linkischen Formulierung: „Zusammensetzungen aus Partikel + Verb mit den folgenden ersten Bestandteilen, zum Beispiel ...“

 

Die hinzugefügten Verbzusätze werden im Wörterverzeichnis ganz unterschiedlich behandelt. Der Informationskasten zu darauf ist falsch, da er immer noch die inzwischen aufgehobene Unterscheidung der vollen und der synkopierten Form (drauf) enthält und außerdem die Ausnahmeregel K 58 auf einen Fall von Getrenntschreibung anwendet, den es aufgrund der Revision nicht mehr gibt. Der Kasten zu darin/drin enthält ebenfalls noch die unkorrigierte Reformregel. hinterdrein laufen soll auch getrennt geschrieben werden können (Rotdruck), obwohl dies durch die Aufnahme von hinterdrein in § 34 gerade unterbunden wird. darauflos fehlt als Eintrag gänzlich und ist unter drauflos falsch dargestellt. Zu draus und drum scheint der Duden kein einziges Beispielwort gefunden zu haben, bei hinter gibt es weiterhin nur ein paar seltene Dialektwörter (hinteressen).

 

Auf den Kopf gestellt wird ferner die Neuregelung von Zusammensetzungen mit einem Partizip gemäß § 36. Dieser umfangreiche Paragraph ist nun erst recht unverständlich, aber der Duden bringt das Entscheidende dankenswerterweise in die klarere – und klar widersprüchliche – Fassung der Richtlinie K 58: „Partizipien richten sich nach den zugrunde liegenden Verbindungen mit Verben. Hier ist jedoch neben der Getrenntschreibung auch die Zusammenschreibung zulässig (§ 36 (39 U: E1, E2).“ Also richten sich die Partizipien gerade nicht nach den zugrundeliegenden Verben! Man kann sie wieder zusammenschreiben, und zwar nicht nur die steigerbaren, die unterderhand schon längst wiederhergestellt sind (aufsehenerregend), sondern auch die umfangreiche Restgruppe (blutsaugend, eisenverarbeitend, fleischfressend). Nicht unbedingt vorhersehbar war, daß dies auch für Zusammensetzungen mit dem Partizip Perfekt als Zweitglied gelten soll (verlorengegangen – hier kommt noch ein Widerspruch zu § 36 E3 (4) [Partizip als Erstglied] hinzu). Beides zusammen ergibt Hunderte von wiederhergestellten Wörtern. Hier ist eine Liste der rund 400 zusammengesetzten Partizipien, die durch die Reform von 1996 aus dem deutschen Wortschatz getilgt, im Duden 2004 aber ausdrücklich wiederhergestellt sind:

 

abscheuerregend, achtunggebietend, ackerbautreibend, alleinerziehend, alleinseligmachend, alleinstehend, allgemeinbildend, andersdenkend, anderslautend, aneinandergrenzend, arbeitsuchend, aufeinanderfolgend, aufsehenerregend, aufsichtführend, aufwärtsfahrend, auseinanderfallend, außenliegend, beieinanderstehend, beifallheischend, bekanntwerdend, besorgniserregend, besserverdienend, (bettenführend), bezugnehmend, blasenziehend, blutbildend, (blutreinigend), blutsaugend, (blutstillend), buchführend, buntschillernd, darauffolgend, datenverarbeitend, diensthabend, dienstleistend, diensttuend, doppeltwirkend, ehrfurchtgebietend, eierlegend, eisenschaffend, eisenverarbeitend, ekelerregend, enganliegend, entsetzenerregend, epochemachend, erdölexportierend, erdölfördernd, erfolgversprechend, erholungsuchend, (ernstzunehmend), fernliegend, festkochend, feuerspeiend, fischverarbeitend, fleischfressend, flottgehend, freilaufend, freilebend, freistehend, frohgelaunt, fruchtbringend, fruchttragend, funkensprühend, furchteinflößend, furchterregend, gefahrbringend, gegeneinanderstehend, getrenntlebend, (gewinnbringend), gleichbleibend, gleichdenkend, gleichlautend, glückbringend, glückverheißend, grasfressend, (grauenerregend), gutaussehend, gutsitzend, gutverdienend, haftenbleibend, händchenhaltend, handeltreibend, heilbringend, hellleuchtend, helllodernd, hierhergehörend, hilfesuchend, hintereinanderlaufend, hitzeabweisend, hochwachsend, holzverarbeitend, immerwährend, ineinanderfließend, insektenfressend, kaltlächelnd, klardenkend, knappsitzend, kohleführend, kostensenkend, kostensparend, kräfteraubend, kräftesparend, kraftraubend, kraftsparend, krebserregend, kreditsuchend, kriegführend, laubtragend, lebendgebärend, lebenspendend, lebenzerstörend, lederverarbeitend, leerstehend, leidtragend, linksstehend, maßhaltend, menschenverachtend, metallverarbeitend, mitleiderregend, musikliebend, naheliegend, nahestehend, nebeneinandersitzend, nichtsahnend, nichtssagend, notleidend, obenstehend, papierverarbeitend, parallellaufend, platzsparend, profitbringend, ratsuchend, raumsparend, rechtsstehend, respekteinflößend, rotglühend, schattenspendend, schaudererregend, scheelblickend, schlechtgehend, schleimabsondernd, schräglaufend, schreckenerregend, schwerwiegend, schwindelerregend, segenbringend, segenspendend, sicherwirkend, sinnstiftend, sporenbildend, sporentragend, sporttreibend, staatenbildend, staunenerregend, stressauslösend, stromführend, stromsparend, tiefgehend, tiefgreifend, tiefschürfend, tiefstehend, treusorgend, übelriechend, übelwollend, übereinanderliegend, unheilbringend, unheilkündend, unheilverkündend, untenliegend, untenstehend,  untereinanderstehend, verderbenbringend, vertrauenerweckend, vielsagend, vielversprechend, vorwärtsweisend, wachestehend, walfangtreibend, wasserabstoßend, wasserabweisend, weißglühend, weitblickend, weiterbestehen, weitgehend, weitgreifend, weitreichend, weittragend, wichtigtuend, wildlebend, wildwachsend, wohlklingend, wohllautend, wohlmeinend, wohlriechend, wohlschmeckend, wohltönend, zähfließend, zeitraubend, zeitsparend, zufriedenstellend, zugrundeliegend

 

andersgeartet, (andersgesinnt), außengelegen, auswärtsgerichtet, bekanntgeworden, bessergestellt, blankpoliert, blaugestreift, blaugefärbt, blaugefleckt, blindgeboren, blondgelockt, braungebrannt, breitgefächert, buntgefiedert, buntgemischt, dichtbehaart, dichtbevölkert, dichtgedrängt, dünnbesiedelt, dünnbevölkert, einwärtsgebogen, einwärtsgedreht, engbedruckt, engbefreundet, engumgrenzt, ernstgemeint, feingeädert, feingemahlen, feingeschnitten, feingeschwungen, feingesponnen, feingestreift, feinvermahlen, festgefügt, festgeschnürt, festangestellt, festbesoldet, festumrissen, festverwurzelt, fettgedruckt, fleischgeworden, frischgebacken, frühverstorben, frühvollendet, gargekocht, genaugenommen, (gerngesehen), geradegewachsen, gerngesehen, glattgehobelt, (gleichbeschaffen, gleichgeartet), gleichgestimmt, graugestreift, graumeliert, grellbeleuchtet, grobgemahlen, grobgestrickt, großangelegt, großgemustert, großgewachsen, großkariert, gutbezahlt, gutgebaut, (gutgelaunt), gutgemeint, gutgeordnet, gutgepflegt, (gutgesinnt), gutsituiert, gutunterrichtet, halbverhungert, hartgebrannt, hartgefroren, hartgekocht, heißbegehrt, heißersehnt, heißgelaufen, heißumkämpft, heißumstritten, hochangesehen, hochbegabt, hochbesteuert, hochbezahlt, hochdosiert, hochdotiert, hochentwickelt, hochgebildet, hochgeehrt, hochgelehrt, hochgelobt, hochgespannt, hochgesteckt, hochgestellt, hochgewachsen, hochindustrialisiert, hochkompliziert, hochmotiviert, hochqualifiziert, hochspezialisiert, hochtechnisiert, höhergestellt, ineinandergesteckt, kleingedruckt, kleingemustert, kleingewachsen, kleinkariert, knappgehalten, kurzgebraten, kurzentschlossen, kurzgefasst, kurzgeschnitten, langgehegt, langgestreckt, langgezogen, längsgestreift, leichtbehindert, leichtbeschwingt, leichtbewaffnet, leichtgeschürzt, leichtverletzt, leichtverwundet, liebgeworden, (nahverwandt), nassgeschwitzt, neubearbeitet, neueröffnet, neugeschaffen, (niedriggesinnt), obenerwähnt, obengenannt, obenzitiert, parallelgeschaltet, privatversichert, quergestreift, reichgeschmückt, reichverziert, rotgestreift, rotgeklinkert, rotgestreift, rotgeweint, rückwärtsgewandt, schiefgewickelt, (schlechtgelaunt), schwachbegabt, schwachbetont, schwachbevölkert, schwachbewegt, schwarzgerändert, schwarzgestreift, schwerbeladen, schwerbewaffnet, schwerverletzt, schwerverwundet, selbsternannt, selbstgebacken, selbstgebraut, selbstgedreht, selbstgemacht, selbstgenutzt, selbstgeschneidert, selbstgeschrieben, selbstgestrickt, selbstverdient, sogenannt, spätvollendet, strenggenommen, tiefbewegt, tiefempfunden, tiefergelegt, tieferschüttert, tiefgefühlt, tiefverschneit, totgeboren, treuergeben, treugesinnt, übelberaten, übelgelaunt, übelgesinnt, untenerwähnt, untengenannt, verlorengeglaubt, vielbefahren, vielbeschäftigt, vielbeschworen, vielbesprochen, vieldiskutiert, vielerörtert, vielgefragt, vielgekauft, vielgelesen, vielgepriesen, vielgeschmäht, vielgereist, vielumworben, vielzitiert, vollbeladen, vollbesetzt, vollentwickelt, vollgepfropft, weichgekocht, weißgekleidet, weitgereist, weitverbreitet, weitverzweigt, wohlausgewogen, wohlbedacht, wohlbehütet, wohlberaten, wohldosiert, wohldurchdacht, wohlerhalten, wohlerwogen, wohlerzogen, wohlgeformt, wohlgelitten, wohlgenährt, wohlgeordnet, wohlgeraten, (wohlgesinnt), wohlproportioniert, wohlsituiert, wohlüberlegt, wohlversorgt, wohlverwahrt, wohlvorbereitet, zartbesaitet

 

Nicht ausdrücklich erwähnt, aber nach derselben Regel ableitbar ist eine unbegrenzte Zahl weiterer Zusammensetzungen wie: abwärtsgegangen (auch mit anderen Verben, ebenso mit aufwärts usw.), anheimgefallen, bekanntgegeben/-gemacht/-geworden, daheimgeblieben, fallengelassen,  gefangengehalten, kahlgefressen, kennengelernt, lahmgelegt, lebendgeboren, leergelaufen, rechtsgerichtet, saubergehalten, scharfblickend, schiefgegangen, sitzengelassen, vielgeliebt, vollgetankt, warmgehalten, zivildienstleistend, zufriedengestellt ...

 

Das revidierte amtliche Wörterverzeichnis enthält eine Reihe wiederhergestellter Zusammensetzungen, die der Duden nicht mehr einarbeiten konnte: auswendiggelernt, niedriggehängt, weniggelesen, kleinlichdenkend ...

 

Es ist also – ungeachtet des vielen Rotdrucks – auf den ersten Blick alles wieder so wie vor der Reform, denn selbstverständlich schrieb man seit je, daß zum Beispiel die blutsaugenden Tiere frisches Blut saugend ihr Leben fristen. Allerdings waren die Bedingungen, unter denen getrennt bzw. zusammengeschrieben wurde, früher klarer, denn jetzt wird zu Unrecht völlige Austauschbarkeit suggeriert. Einer der Gründe, warum die „Varianten“ keineswegs gleichwertig sind, wird regelmäßig unterdrückt: bei prädikativem Gebrauch (... ist Epoche machend) wäre die Getrenntschreibung ungrammatisch. Dasselbe gilt für jene vielen Zusammensetzungen, die um der gesamthaften Steigerung willen wiedereingeführt sind: „Heil bringend, auch heilbringend“. Zwar wird angeführt, daß zu schreiben sei: „göttliches Heil bringend, aber eine noch heilbringendere Botschaft“. Wiederum fehlt der Hinweis, daß ... ist Heil bringend falsch wäre. Vor der Reform war all dies vollkommen klar und stand so auch in der Dudengrammatik (6. Aufl., S. 190 u. 193; ähnlich in der Bertelsmanngrammatik) sowie in der großen Grammatik des Instituts für deutsche Sprache (S. 2208 über die Unmöglichkeit prädikativer Verwendung von Part. I, außer wenn es „volladjektivisch“ ist).

 

Wie das Beispiel haftenbleibend beweist, sollen auch Infinitive als Erstglieder nicht von der wiederhergestellten Zusammensetzung ausgeschlossen werden. Die anderen Positionsverben müssen selbstverständlich gleich behandelt werden: liegengeblieben usw.; aber auch kennengelernt (und kennenlernen steht nichts mehr im Wege (letzteres war schon im ersten Bericht der zwischenstaatlichen Kommission Ende 1997 in Erwägung gezogen worden; damals untersagten Kultusminister im Dienste der Schulbuchverleger jede Korrektur).

 

Unentbehrliche Wörter wie schwerbehindert sollten zuerst beseitigt, dann unter Hinweis auf ihre „Fachsprachlichkeit“ wiederhergestellt werden; nun genügt die Ableitung von K 58. Auch das Allerweltswort sogenannt gibt es wieder, die Auseinanderreißung ist nicht mehr verbindlich. Aber auch hier darf nicht wie früher zwischen sogenannten Reformen und von manchen Leuten nur so genannten unterschieden werden – ein eklatanter Verlust an Deutlichkeit. Für anspruchsvollere Autoren und Leser ist die nochmals neu geregelte Sprache so unbrauchbar wie die vor acht Jahren konstruierte.

 

In welches logische Dilemma die hastig geänderte Neuregelung führt, zeigt das folgende Beispiel: Verbindungen wie leichtverletzt, allgemeinbildend waren 1996 gemäß § 36 zugunsten der Getrenntschreibung beseitigt worden. Nun werden sie wiederzugelassen, wenn das Partizip „adjektivisch gebraucht“ wird (was immer das heißen mag; eine Erklärung sucht man vergebens). Liegt als zweiter Bestandteil aber tatsächlich ein echtes Adjektiv vor, so ist nur Getrenntschreibung zulässig: leicht verdaulich, schwer löslich, allgemein gültig, schwer krank. Das ist an sich schon paradox; hinzu kommt aber noch, daß gerade das verbotene leichtverdaulich oft gesamthaft gesteigert wird (noch leichtverdaulicher) und damit als Zusammensetzung seine adjektivische Qualität beweist. Mit dem „adjektivischen Gebrauch“ kann nicht der attributive gemeint sein, sonst wären Einträge wie der folgende unverständlich: „da bist du aber schief gewickelt, auch schiefgewickelt“. Hier liegt zweifellos ein unbewältigtes Problem der überstürzten Revision verborgen, das seine toxische Wirkung auf den gesamten Wortschatz erst noch entfalten dürfte. Unbegreiflich ist auch, daß schwer krank zwar getrennt geschrieben werden muß, der Schwerkranke jedoch auch wieder zusammengeschrieben werden darf, und dasselbe gilt für viele andere Wörter.

 

Die ungeheure Vermehrung der Varianten geht hauptsächlich darauf zurück, daß die Reformer keine einzige neue Schreibweise zurücknehmen. Damit wollen sie vor allem den Kultusministern und Schulbuchverlegern die beruhigende Behauptung ermöglichen, keine richtige Schreibweise werde durch die Revision falsch. Wie wir gesehen haben, trifft das nicht zu; außerdem werden falsche Schreibweisen nunmehr richtig, was für den korrigierenden Lehrer dieselbe Folge hat. Im übrigen ist aber die große Zahl von Varianten, die nicht einmal einer Beobachtung des Sprachwandels, sondern reiner Verlegenheit entstammen, von vornherein fragwürdig. Der führende Reformer Dieter Nerius schrieb schon 1980: „Eine Änderung der Orthographie, die, von einer Übergangszeit abgesehen, darauf gerichtet sein sollte, in der Rechtschreibung große Bereiche der Variabilität zu etablieren, [dürfte] wenig erfolgversprechend sein.“ (Nerius/Scharnhorst, Hg.: Theoretische Probleme der deutschen Orthographie. Berlin 1980, S. 50)

 

Trotz der ungeheuren Zahl wiederbelebter Wörter bleibt noch viel zu tun, denn die Revision ist bei weitem nicht konsequent durchgeführt. K 58 erweist sich als schwarzes Loch, in dem zahllose Reformvorschriften auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Es gibt keinen Grund, großgeschrieben (in jeder Bedeutung) auszusparen, nachdem fettgedruckt, großgedruckt und das Kleingedruckte bereits wiederhergestellt sind. Die Kästen zu groß und klein, die übrigens aus unerfindlichen Gründen verschieden aufgebaut sind, geben keinen endgültigen Aufschluß. Zum eisernen Bestand der Reform gehört die Vorschrift, Zusammensetzungen mit Wörtern auf -einander und -wärts nicht mehr zuzulassen; und diese Regel wird ausdrücklich beibehalten. Zugleich überspielt aber K 58 sogar dies: aufeinanderfolgend, übereinanderliegend, auswärtsgerichtet, aufwärtsfahrend und viele andere sind wieder da. Deshalb ist nicht einzusehen, warum dieselbe systematische Ausnahme nicht auch für die besonders willkürliche Bestimmung gelten soll, keine Zusammensetzungen mit Adjektiven auf -ig, -lich und -isch zu bilden. Aus der Zwischenstaatlichen Kommission verlautet unterdessen, daß dies in der Tat so beabsichtigt sei: übriggeblieben, fertiggestellt usw. müßten ebenfalls im Sinne der neuen Regel wiederhergestellt werden. Diesen Weg könnte auch das bereits wiederaufgenommene alleinseligmachend weisen, ganz abgesehen von jenem richtiggehend, das als erratischer Eintrag im amtlichen Wörterverzeichnis von Anfang an eine nicht näher begründete Ausnahme darstellte. Eine weitere Ausnahme von der Ausnahme ergibt sich bei Verbindungen der Positionsverben mit bleiben und lassen: sitzengeblieben, stehengelassen usw. sind nicht angeführt, obwohl sie gemäß K 58 korrekt sind. Eine ausdrückliche Behandlung dieser Gruppe sucht man vergebens.

 

Die Folgen für die Schule kann man sich leicht denken: Deutschlehrer, die im Wörterverzeichnis nach fertiggestellt, saubergehalten oder sitzengeblieben suchen, finden zwar nichts, aber sie werden sich hüten, solche Schreibweisen als falsch anzustreichen, denn für einen intelligenten Schüler oder dessen rechtskundige Eltern sind sie aus K 58 ableitbar. All dies mag in der alsbald fälligen nächsten Auflage nachgeholt werden, und erst dann ist der Zustand, wie er vor der Reform zur allgemeinen Zufriedenheit der Lesenden und Schreibenden herrschte, vollständig wiederhergestellt. A propos: wiederherstellen darf laut neuester Dudeneinsicht nur zusammen-, wiederherrichten dagegen nur getrennt geschrieben werden, und bei wiederaufbereiten ist beides möglich. Es gibt Dutzende von unvorhersehbaren Entscheidungen dieser Art allein bei wieder-, wohl- und hoch-. Hinzu kommen völlig unrealistische Betonungsangaben, zum Beispiel Anfangsakzent bei zusammengeschriebenem wiederaufbereiten (was außerdem der Darstellung als bloßer orthographischer Variante widerspräche, wenn es zuträfe). Besonders irritierend ist, wie so oft in reformierten Wörterbüchern, der Eintrag zu wiedersehen. Bekanntlich glaubte die Redaktion 1996, dieses Wort müsse nach § 34 jetzt getrennt geschrieben werden. In der zweiten Reformausgabe von 2000 war der Irrtum beseitigt, und auch jetzt gibt es zwar die übliche Zusammenschreibung wieder, aber der Eintrag lautet:

wie|der|se|hen (ein Wiedersehen feiern), auch wie|der se|hen (erneut begegnen); aber nur der Blinde konnte nach der Operation wieder sehen“

 

Wie ist das „auch“ zu verstehen, wenn zugleich zwei verschiedene Bedeutungsangaben für die vermeintlichen orthographischen Varianten angegeben sind? Außerdem hat das Wiedersehen nicht unbedingt mit „feiern“ zu tun. Besonders verräterisch: der Eintrag ist auf der CD-ROM immer noch unter den getrennt geschriebenen Wörtern eingeordnet, unter wiedersehen findet man ihn nicht!

 

In Fällen wie offengesagt wird Zusammenschreibung sogar entgegen dem bisher Üblichen neu eingeführt. menschenverachtend wird ausdrücklich wiederzugelassen, das auf einem grammatischen Irrtum beruhende Menschen verachtend aber immer noch nicht aufgegeben. Hier besteht weiterer Änderungsbedarf. vollgefressen darf man zusammenschreiben, wenn es „dickleibig“ bedeutet, sonst nicht. Damit haben die Reformer ihren allerdings recht seltsamen Grundsatz aufgegeben, die Schreibweise „vom Transport semantischer Informationen entlasten“ zu wollen (Reformvorlage 1992, S. 147) – als ob es beim Sprechen und Schreiben um etwas anderes ginge als Bedeutungsvermittlung. Wer hätte übrigens gedacht, daß schmerzstillend anders geschrieben wird als blutstillend, nämlich nur zusammen? Dieselbe Unterscheidung findet man bei kostendeckend gegenüber Kosten senkend, kräftezehrend und Kräfte raubend. Vielleicht hat die Redaktion keine Zeit mehr gehabt, diese Unstimmigkeiten auszuräumen – in einem Leitwörterbuch der deutschen Orthographie wirken sie recht störend.

 

Abschließend kann man zu diesem Bereich sagen:  Durch die Neufassung von § 34 werden Hunderte von „richtigen“ Getrenntschreibungen falsch, durch den neuen Paragraphen 36 werden ebenso viele „falsche“ Zusammenschreibungen wieder richtig. Die Folgen sind dieselben, ein Desaster für den Deutschunterricht und, nebenbei bemerkt, auch für die Schulbuchverleger, die immer noch verblendet genug sind, die Revision für harmloser zu halten als die entschlossene Umkehr. So wird – um nur ein Beispiel zu nennen – in dem bekannten, nach der Reform aber sehr fehlerhaften Sprachbuch „Verstehen und Gestalten“ (Oldenbourg) erwartet, daß die Schüler hochbegabt und vielversprechend getrennt schreiben. Solche Vorschriften sind nun auch offiziell überholt und müssen geändert werden.

 

Beim Bindestrichgebrauch sah die Neuregelung eine überflüssige Generalisierung vor, indem sie den Bindestrich auch für Zusammensetzungen mit arabischen Ziffern verpflichtend machte: 8-jährig, die 8-Jährige. Die jetzt eingeführte Schreibweise 8-fach, das 8-Fache widerspricht allerdings der reformierten Grundregel, daß nur Zusammensetzungen, nicht aber Ableitungen mit Bindestrich geschrieben werden (§ 40f.). Es gibt ja gar kein „Faches“. Ein Grund für diese neue Ausnahme ist nicht erkennbar. Im Wörterverzeichnis des neuen Duden ist sie zwar bei achtfach eingetragen, nicht aber unter ...fach und ...fache. Ein weiterer Widerspruch der Neuregelung bleibt erhalten: Auch Bindestrichkomposita sind Komposita (siehe die Vorbemerkungen zum Kapitel C); daher entsprechen die weiterhin zulässigen Schreibweisen wie römisch-katholisch, wissenschaftlich-technisch nicht dem generellen Verbot von Zusammensetzungen mit Adjektiven auf -ig, -lich und -isch.

 

Ein weiterer Stein des Anstoßes war die reformierte Groß- und Kleinschreibung. Im Deutschen werden feste Begriffe in zunehmendem Maße groß geschrieben, weit über das laut Duden (1991) zulässige Maß hinaus: Erste Hilfe, Schneller Brüter usw. Dieser modernen Entwicklung stemmte sich die Reform entgegen, indem sie generelle Kleinschreibung verordnete: erste Hilfe, schwarzes Brett, hohes Haus. Sogar die reformfreundlichen Nachrichtenagenturen verweigerten hier die Gefolgschaft. Die Reformer wollen nun für den Gebrauch „in manchen Fachsprachen“ die abgeschaffte Großschreibung fester Begriffe wieder zulassen. Bereits in der Einleitung wird darauf hingewiesen, daß zum Beispiel der Goldene Schnitt wieder erlaubt sei. Schlägt man jedoch im Wörterverzeichnis nach, so scheint die Botschaft dort noch nicht angekommen zu sein, denn es wird, gerade unter Hinweis auf den fachsprachlichen Gebrauch („Math.“) ausschließlich Kleinschreibung erlaubt. Dasselbe gilt für das gelbe/Gelbe Trikot, die aktuelle/Aktuelle Stunde, die erste/Erste Hilfe, der letzte/Letzte Wille, die neuen/Neuen Medien und viele Ausdrücke, die nicht schon im Duden-Regelwerk angeführt sind. Die Umarbeitung des Wörterbuchs wurde hier anscheinend vorzeitig abgebrochen. Übrigens ist der Begriff der Fachlichkeit so weit gefaßt, daß eigentlich alles darunterfällt. Das hatte der Reformer Gerhard Augst schon in der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 2.5.2002 zu erkennen gegeben, wo er auch die Wiederherstellung der Ersten Hilfe ankündigte. Eine besonders knapp geratene Anfrage mag kleine Anfrage, ein mißfarbener Star grauer Star genannt werden, aber darum geht es hier natürlich nicht; die fraglichen Ausdrücke sind per se fachsprachlich und daher groß zu schreiben. Einerseits soll die Neuregelung nicht für Fachsprachen gelten, denen damit jeder Grund genommen wird, gegen den Eingriff zu protestieren, andererseits sind doppeltkohlensauer, Gelbe Rübe oder Klitzingeffekt genuine Fachausdrücke, und dennoch wird ihre Schreibweise durch rotgedruckte Einträge neu geregelt. Auch heiligsprechen könnte unter dem Fachsprachenvorbehalt über das ohnehin wankend gewordene Verbot von Zusammenschreibungen mit Adjektiven auf -ig hinweg gerettet werden. Daß die Fliegenden Fische groß geschrieben werden sollen, wird ausdrücklich mit dem Hinweis auf das Fachgebiet der Zoologie begründet (wo sie allerdings keine natürliche Gattung bilden und daher bisher meist nicht groß geschrieben wurden). Der systematische Unterschied zwischen Erster Hilfe und irgendeiner besonders früh geleisteten ersten Hilfe läßt sich aber mit der Reformschreibung weiterhin nicht zum Ausdruck bringen. Auch regeltechnisch ist die Formulierung mißlungen, nicht nur stilistisch:„Im nicht fachsprachlichen Zusammenhang ist die Kleinschreibung der Adjektive in solchen Wortgruppen der Normalfall.“ Das ist als Anweisung unbrauchbar und als statistische Beschreibung des Üblichen offensichtlich falsch.

 

Unerhört schwierig ist bekanntlich die Neuregelung für mehrteilige Ausdrücke aus fremden Sprachen. Während nach der alten Dudenregelung nur das erste Wort groß und alles andere klein geschrieben wurde, muß man nun die Wortart in der Quellsprache kennen: Modus Vivendi usw. Das ist selbst in Nachbarsprachen gar nicht immer leicht. Im vorliegenden Band finden wir die obligatorische Großschreibung bei Pommes Croquettes, während bei Agent Provocateur auch die Kleinschreibung des Attributs zulässig sein soll. Ungelöst bleibt weiterhin die Frage, warum fremde Substantive groß, fremde Adjektive aber keineswegs klein geschrieben werden sollen (ultima Ratio wäre konsequent).

 

Mit der bereits seit Jahren angekündigten Ausweitung der Großschreibung (bei Weitem, von Neuem, das Meiste) wirft die Reform die Sprachentwicklung tief ins 19. Jahrhundert zurück. Das Antiquierte dieser Regelung wird an Beispielen wie Er sah vom Einen zum Anderen (im Kasten zu ein) unmittelbar deutlich. Die Neuregelung wirkt nach wie vor willkürlich und überflüssig (zu Nutze, zu Schulden kommen lassen, andererseits zurate, vonseiten usw.); teilweise bleibt sie grammatisch falsch (Pleite gehen, Recht haben, Leid tun). Die Revision wurde nicht als Gelegenheit genutzt, wenigstens die gröbsten Irrtümer zu beseitigen. Der alte Fehler der Reformer, die Adjektive feind, freund als Substantive zu verkennen, ist nicht korrigiert; es heißt immer noch jdm. Feind/Todfeind sein. Mit der Frage, aufgrund welches Paragraphen jenseits von gut und böse neuerdings klein, auf Deutsch  hingegen groß geschrieben werden muß, könnte man eine gesellige Runde einen ganzen Abend lang beschäftigen.

 

Wie andere Aufbereitungen der Reform arbeitet der Duden im Bereich der Groß- und Kleinschreibung mit dem Begriff der „Paarformeln zur Bezeichnung von Personen“ (K 72) und bezieht sich auf § 57 (1) des amtlichen Textes. Dort kommt dieser Begriff jedoch gar nicht vor. Vielleicht hat er in früheren Diskussionen eine Rolle gespielt, und die Reformer haben vergessen, ihn in das Regelwerk aufzunehmen. Der österreichische Reformer Richard Schrodt (Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission) behauptet in exegetischen Schriften, „universalgrammatisch“ stünden nach Präpositionen nur Nomina. Demnach wäre schon von hier nach dort abweichend und nur von Hier nach Dort zuzulassen. Wenn diese Auffassung, mit der auch der Schweizer Reformer Peter Gallmann sympathisiert, sich durchsetzt, wird es nicht bei den jetzt verfügten Änderungen bleiben. Über die Beseitigung weiterer „Ausnahmen“ wird, wie man hört, bereits nachgedacht, so daß in Kürze wohl auch mit unter Anderem, vor Allem usw. zu rechnen ist. Da alle Mitglieder der Reformkommission die „gemäßigte Kleinschreibung“ als ihr Hauptziel ansehen, muß die exzessive Großschreibung als Versuch angesehen werden, einen völlig unhaltbaren Zustand herbeizuführen, der die Kleinschreibung als einzigen Ausweg erscheinen läßt.

 

Der neue Duden arbeitet die unerhörte Schwierigkeit der reformierten Kommasetzung nicht hinreichend deutlich heraus. So muß jetzt in Es ist nötig aufzustehen ein Komma gesetzt werden, in Es ist Zeit aufzustehen hingegen nicht. Indem die Redaktion die Leser mit solchen Subtilitäten verschont, fördert sie das falsche Bild von der „vereinfachten“ Zeichensetzung. Darüber hinaus scheint die Redaktion aber die neuen Regeln selbst immer noch nicht verstanden zu haben: In dem Satz Es hat schwer gehalten, ihn davon zu überzeugen (im Kasten zu schwer) ist das Komma keineswegs fakultativ.

 

Die Silbentrennung hat sich infolge der Reform vom wahrhaft marginalen Bereich zum zentralen Problem entwickelt. Die Konkurrenten auf dem Wörterbuchmarkt wetteiferten jahrelang darin, wer die meisten Trennstellen gemäß den neuen Regeln verzeichnet: a-brupt, as-tigmatisch, Fide-ikommiss, Hämog-lobin, Pog-rom. Nach dem Sinn der Silbentrennung wurde gar nicht mehr gefragt. Auf diesem Weg in die Barbarei geht der neue Duden weiter als je zuvor. (Hämog-lobin ist allerdings wieder beseitigt, nachdem der Reformer und Bertelsmannautor Klaus Heller es 1996 als Trumpfkarte gegen den konkurrierenden Duden aus der Tasche gezogen hatte.) Man könnte von einer systematischen Verdummung sprechen: A-nurie, Ap-lanat, Apop-tose, Apos-t-roph (aber nur: apo-plektisch, apo-tropäisch, apo-kryph), au cont-raire, Herost-rat, Kont-rition, Legas-thenie, Manusk-ript, Metas-tase, Me-töke, Monoph-thong, Parap-luie, Pseu-depigrafen ...

 

Das Paradoxe der neuen Silbentrennung besteht in der Annahme, daß jemand Fremd- und Fachwörter zwar gebrauchen, aber zugleich nicht wissen soll, wie sie aufgebaut sind: Me-tempsychose, A-bort, Prog-nose, A-norexia nervosa. Dennoch ist nicht einmal die mechanische Abtrennung des letzten von mehreren Konsonantenbuchstaben konsequent durchgeführt: Att-rappe, Att-ribut sind weiterhin nicht erlaubt, obwohl ihre Zusammensetzung nicht leichter zu durchschauen ist als viele andere (Ap-proach – nur so zulässig). Den haarsträubenden Trennungen Kon-s-k-ription, De-s-k-ription steht Pro-s-kription gegenüber.

 

Es ist schon früh gezeigt worden, daß die scheinbare Vereinfachung in Wirklichkeit zu neuen Problemen führt. Wer Tonsil-lektomie, Hyste-rektomie, Mas-tektomie; A-narchie, Hie-rarchie, Oli-garchie; Res-pekt, Epis-kop usw. trennt, wie es der Duden vorsieht, gibt sich erstens als Stümper zu erkennen  und läßt sich zweitens die Einsicht in den wahren Aufbau der Fremdwörter entgehen. Auf lange Sicht wäre es ökonomischer, sich die Bestandteile -ektomie, -archie, -spekt, -skop  usw. anzueignen, um sie in entsprechenden Wortreihen wiederzuerkennen und anzuwenden. Mit Lektomie, Rektomie, Tektomie, Narchie und Rarchie kann man nichts anfangen. Indem das Wörterbuch solchen Unsinn gleichberechtigt neben die morphologisch korrekten Trennungen stellt, tut es dem ratsuchenden Benutzer keinen Gefallen, sondern verweigert ihm die Auskunft, um derentwillen er überhaupt nachschlägt. Das gilt auch für die Erstglieder in Lehnwortbildungen. hyper- und hypo- sind erklärt, ana- und pro- nicht. pros- fehlt ganz, es gibt auch keine entsprechenden Wortbildungen außer der künstlich verdunkelten Prosodie (mit der Trennung Pro-sodie!), also auch nicht die Proskynese.

 

Während die Trennung Nos-talgie nur auf einen Bildungsmangel schließen läßt, ist Os-talgie ('Sehnsucht nach der DDR') vollkommen widersinnig, denn für dieses Wortspiel wird gerade die Durchsichtigkeit der Komposition vorausgesetzt.

 

Die neue Abtrennbarkeit einzelner Vokalbuchstaben ist weitestgehend berücksichtigt: Bilderbuche-he, Gottesa-cker, Buche-cker usw. Das amtliche Regelwerk empfiehlt zwar, irreführende Trennungen zu vermeiden, und gibt traditionelle Beispiele wie Altbauer-haltung, Sprecher-ziehung, Seeu-fer an. K 168 interpretiert diese Empfehlung (die aber keinen Regelstatus hat): „Trennungen, die den Leseablauf stören oder den Wortsinn entstellen, sollte man vermeiden. Sie sind jedoch nicht falsch.“ Dazu werden u. a. die bekannten, einigermaßen harmlosen Spargel-der angeführt. Aber die Abtrennung einzelner Buchstaben stört den Leseablauf immer, und genau dies war der Grund, warum man bisher davon Abstand genommen hatte. Was soll es da noch heißen, sie sei „nicht falsch“? Eine merkwürdige Auffassung vom Rechtschreiben und von der Sanktionierung durch orthographische Regelwerke. – Unbegreifliche Trennungen wie o-stinato irritierten schon in der vorigen Auflage und haben sich noch vermehrt.

Die Trennungen Bi-omüll, Ge-odreieck, Kore-akrieg, Malari-aerreger, malari-akrank, Radi-oapparat, Sepi-azeichnung, Stere-olautsprecher, The-okrat, Vide-ofilm, sogar Vide-o-on-Demand usw. sind immer noch nicht korrigiert. Da einzelne Vokale zwar am Anfang (o-der), aber nicht am Ende eines Wortes (Kore-a) abgetrennt werden, setzt die Redaktion mit solchen Trennungen voraus, daß die betreffenden Wörter nicht einmal als Zusammensetzungen erkannt werden – eine absurde Annahme.

Für die Inkonsequenzen bei der Silbentrennung seien noch einige wenige Beispiele angeführt. Es kann jetzt getrennt werden A-nämie, A-neurysma, a-nonym, A-nurie usw., aber weiterhin nur An-algesie, An-alphabet. In entgegengesetzter Richtung ist An-omie verhunzt. Es wird getrennt trip-loid, aber nur tri-klin. Bei Ext-rawunsch ist eine neue Trennstelle vorgesehen, bei Extrazimmer nicht. Das allgemein bekannte und im Deutschen produktive Fremdsuffix ex- wird mutwillig zerrissen: e-xulzerieren, E-xuvie, E-xarch; nur bei Ex-artikulation gibt es eine Ausnahme. Ext-ruder ist in der anderen Richtung verunklart. En-anthem ist sprachrichtig getrennt, E-xanthem nicht. Vier Trennstellen statt einer einzigen hat jetzt E-x-e-d-ra. Welchem „Wenigschreiber“ soll das nützen? Der Laie, dem die Reform entgegenkommen will, benutzt solche Wörter nicht, und der Fachmann würde sich blamieren, wenn er sie so mißhandelte. Übrigens macht das in Flattersatz gedruckte Wörterbuch niemals Gebrauch von der Abtrennbarkeit einzelner Anfangsbuchstaben und zeigt damit indirekt, was die Redaktion davon hält.

 

Dudenchef Matthias Wermke schrieb kürzlich, die Reform nütze „denjenigen, die sich mit ihren

Bewerbungsschreiben nicht blamieren wollen“ (Südwestpresse vom 14.08.2004). Deshalb sollen Trennungen wie A-bitur, A-blativ, A-bort usw. „zulässig“ sein. Nun, wer zum Vorstellungsgespräch in Freizeitkleidung erscheint, tut ebenfalls nichts Verbotenes, wird sich aber, wenn er dann nicht genommen wird, kaum darauf berufen können. Auch wenn es amtlich „erlaubt“ ist, seine Unwissenheit zur Schau zu stellen, wird man sich damit blamieren.

 

Neu sind einige Kästen, die dem weniger kundigen Benutzer beim falschen Nachschlagen zu Hilfe kommen. Doch gerade hier kann die Ausführung nicht befriedigen. Wer zum Beispiel das Wort Ekstase an der richtigen Stelle sucht, bekommt auch die sinnlose Trennung Eks-tase geboten; wer aber irrigerweise unter Ex- sucht, ist nicht besser dran: Hier belehrt ihn ein Kasten: „Das aus dem Griechischen stammende Wort wird mit Eks- und nicht mit Ex- geschrieben, obwohl es den gleichen Anlaut hat wie Export oder extra.“ So kann der Benutzer niemals erfahren, wie das Wort wirklich aufgebaut ist.

 

Die Redaktion hat weiterhin nicht den Mut, den Absurditäten der Neuregelung entgegenzutreten. An den „Etymogeleien“, die ausschließlich auf den Reformer Gerhard Augst zurückgehen, wird nichts geändert. Wer künftig sprachrichtig einbleuen, schneuzen, oder Zierat schreibt, macht einen „Fehler“. Man muß schreiben ... Füße, die behände sind, Schaden zu tun ... (Lutherbibel, Spr 6,18 laut www.bibelserver.de) usw., mag es noch so widersinnig sein. Wie die Rechtschreibkommission selbst hält die Dudenredaktion selbständig und selbstständig für orthographische Varianten (Duden benutzt nur die letztere, Bertelsmann inzwischen wieder ausschließlich die ältere erste). In Wirklichkeit handelt es sich um verschiedene Wortbildungen, die mit Rechtschreibung nichts zu tun haben. Die neuen Regeln haben die Redaktion dazu verführt, su-blim für die alte und sub-lim für die neue Trennung zuhalten; in Wirklichkeit verhält es sich natürlich umgekehrt. Die Dreibuchstabenregel wird weiterhin durch empfohlene Bindestriche ihrer Lächerlichkeit überführt: Eisschnell-Läufer usw. Unter fetttriefend wird auf K 70 verwiesen, es ist aber nicht einzusehen, worin der Bezug besteht. Besser wäre K 25, wo das Beispiel ausdrücklich angeführt ist. Aufgrund der neuen Dreibuchstabenregel ergeben sich ungleich häufiger als bisher solche Zusammenballungen von drei gleichen Buchstaben, obwohl nur einer gesprochen wird. Bei Adjektiven ergibt sich eine weitere Schwierigkeit, die von der Rechtschreibkommission seit Jahren erörtert, aber nicht gelöst worden ist: die Frage nämlich, ob bei Entzerrung durch den Bindestrich Großschreibung des substantivischen Erstgliedes eintritt: Genuss-süchtig, Fett-triefend. Nach dem vorliegenden Duden ist das tatsächlich der Fall, und deshalb kommen die Reformer (wie schon im ersten Bericht) zu der seltsamen Ausnahmebestimmung, daß der Bindestrich bei Adjektiven und Partizipien als Zweitglied „zwar zulässig, aber nicht empfehlenswert“ sei. Der tiefste Grund der neueren Diskussion liegt darin, daß im amtlichen Regelwerk unter § 45 (4) nach wie vor kein Adjektiv als Beispiel angegeben ist.

 

Die deutschtümelnde Zusammenschreibung englischer Fremdwörter bringt so unerfreuliche Gebilde hervor wie Slidingtackling, Suddendeath. Eigennamen werden von der Reform nicht angetastet, daher bleibt die Litfaßsäule unverändert. Die Eindeutschung Kolofonium (nach der griechischen Stadt Kolophon) geht auf die irrige Meinung zurück, das Wort gehöre in die Reihe Fonem, fonetisch (so die Neuschreibung); beim ebenfalls griechischen Edaphon wiederum ist keine Veränderung vorgesehen. Neben der neuen Zusammenschreibung nochmal hält der Duden weiterhin auch die bisher übliche Getrenntschreibung für zulässig; das widerspricht jedoch der ausdrücklichen Vorschrift in § 54 (4). Es scheint sich aber weniger um einen Fehler der Dudenredaktion als um eine weiterhin bestehende Unschlüssigkeit der Reformkommission zu handeln. Der Fachsprachenvorbehalt rehabilitiert zwar manche Großschreibung, greift aber nicht beim sportsprachlichen linksaußen, rechtsaußen: hier darf nur getrennt geschrieben werden.

 

Wer den neuen Duden kaufen will, sollte wissen, was er bekommt und was ihm vorenthalten wird. In der vorigen Auflage waren die bisher üblichen Schreibweisen meistens noch enthalten; zahllose Male hieß es „alte Schreibung“ oder „alte Trennung“. Die Neubearbeitung hat fast alle Hinweise dieser Art getilgt, und die (immer noch gültigen!) „alten“ Schreibweisen sind nicht mehr rekonstruierbar, z. B. Aide-mémoire, Handvoll, jedesmal, Mundvoll, unterderhand, obwohl sie in veränderter Form noch an der Stelle eingetragen sind, an der sie gesucht werden. Man erfährt, daß nun zwischen Factoryoutlet und Factory-Outlet gewählt werden kann, aber nicht mehr, daß die bisherige Schreibweise Factory-outlet war. Irishcoffee steht vor dem ebenfalls neuen Irish Coffee, das bisher übliche Irish coffee ist nicht mehr zugelassen, aber auch nicht mehr auffindbar.

 

Gelegentlich wird die Aussprache falsch angegeben (Chinese mit stimmlosem s, Philipp mit langem i). Im übrigen begnügt man sich, wie in den Benutzungshinweisen dargelegt, mit recht niedrigem Standard: Shakespeare mit langem e, Fastfood mit t am Ende usw. Man kann sich demnach denken, wie etwa Grand Old Lady transkribiert ist: [grånt o:lt le:di]. Bemerkenswerterweise waren im letzten nichtreformierten Duden wenigstens die stimmhaften Auslaute noch wiedergegeben. Die Redaktion rechnet offenbar mit schwindenden Englischkenntnissen der deutschen Bevölkerung, während sie in Wirklichkeit immer besser werden. Dies paßt zum barbarischen Vorgehen bei Silbentrennung und Volksetymologie, das die Bildungsbemühungen der Schule vorsätzlich unterläuft.

 

Die knappen Bedeutungshinweise sind zufriedenstellend. Modalverb ist allerdings falsch erklärt, denn warten wollen ist keine Art des Wartens, sondern eher eine Art des Wollens.

 

Nicht alle Neuerungen sind durch Rotdruck gekennzeichnet. So sind zum Beispiel der Fliegergruß Glückab! und der Bergmannsgruß Glückauf! nun zusammenzuschreiben, während sie in der vorigen Auflage wie im alten Duden noch getrennt geschrieben waren. Dagegen bleibt Glück zu! getrennt. Welche höhere Einsicht zu solchen Änderungen geführt haben mag, ist nicht nachzuvollziehen. Die eingedeutschten Schreibweisen Gräkum und Tschardasch sollen laut amtlichem Wörterverzeichnis nicht mehr zulässig sein, nur noch Graecum und Csárdás oder das neueingeführte Csardas. Der Duden folgert eigenmächtig, daß dies auch für die Bezeichnung des ungarischen Pferdehirten gelten soll: Tschikosch war in der vorigen Auflage immerhin neben Csikós und dem rotgedruckten Csikos noch zulässig, jetzt ist es nur noch „alte Schreibung“. Was das Graecum betrifft, so fehlt jeder Hinweis darauf, daß die latinisierende Schreibweise nun die einzig zulässige sein soll. Solche Versäumnisse tragen dazu bei, das volle Ausmaß der reformbedingten Schreibänderungen zu verschleiern. Andererseits wird beim Bindestrichgebrauch viel Neues vorgespiegelt, was sich aus der liberalen Regelung des alten Duden ohne weiteres ableiten ließ: Mozartkonzertabend ohne Bindestrich war durchaus zulässig, nur riet der Duden um der Übersichtlichkeit willen davon ab, es so zu schreiben.

 

Die Kultusminister werden wohl erst durch den vorliegenden Band erkennen, worauf sie sich eingelassen haben. Es ist zu hoffen, daß die Sprachgemeinschaft, die aus sicherem Instinkt das ganze Reformprojekt stets abgelehnt hat, nicht mehr mit weiteren Einfällen einer Kommission belästigt wird, deren Ratlosigkeit das vorliegende Werk so überdeutlich bloßlegt.


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