Onlinejournal    Kultur . >        < Suchen  > > >   Finden  >

 

 

SÜDWESTRUNDFUNK. SWR2 Aula - Manuskriptdienst

Das andere Krankenhaus – Sterben im Hospiz Autor: Prof. Reimer Gronemeyer.


Redaktion: Ralf Caspary. Sendung: Karfreitag, 9. April 2004, 8.30 Uhr, SWR 2.
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen. Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Wissen/Aula (Montag bis Sonntag, 8.30 – 9.00 Uhr) sind beim Landesmedienzentrum Karlsruhe (LMZ) erhältlich. Bestellungen an das LMZ: Telefon (07 21) 88 08 – 20, Fax 88 08 – 69, e-mail:
hschneider@lmz-bw.de

Vor kurzem bin ich in Estland gewesen, um mir dort ein Hospiz anzuschauen. Als ich das Gebäude betreten habe, habe ich eine Stimme gehört, jemanden, der gesungen hat. Ich bin dieser Stimme nachgegangen, bin im zweiten Stock dieses Gebäudes angekommen. Und da lag in einem Gitterbett eine uralte Frau, 92 Jahre alt, zahnlos, mit wirrem Haar. Sie sang eine Arie aus „Carmen“. Sie sang mit einer wunderbaren Stimme die Liebesarie aus der Oper „Carmen“ und hat mich darüber belehrt, dass auch in dieser Situation am Rande des Lebens das Leben noch eine Stimme haben kann.

Das Gebäude selber war heruntergekommen, ein richtig schauriges Krankenhaus, ein ehemaliges Krankenhaus, das nun nur noch sterbende Personen beherbergt: abgerissene Tapeten, durchgetretenes Linoleum, ein Ort der Armut, der Dürftigkeit. Aber wenn man an die Art und Weise der Menschen denkt, die dort als Krankenschwestern oder Ärzte mit dieser Patientin und anderen Patienten umgingen, da hatte man das Gefühl einer großen Wärme.

Auf der anderen Seite habe ich ein Hospiz in Brescia in Italien besucht. Das ist nun das ganze Gegenteil gewesen: eine großartiger, an eine Luxusherberge erinnernde Konstruktion, oval wie das Colosseum mit einem wunderbaren Garten in der Mitte, alle Zimmer in italienischem Design. Das ist ein Hospiz mit fünf Sternen gewissermaßen, in dem 38 Patienten auf eine sehr perfekte, vollkommene und natürlich auch sehr teure Weise die letzten Tage und Wochen ihres Lebens verbringen.

Wenn ich an diese beiden Besuche denke, bin ich mir nicht so ganz sicher, ob der Weg in das Luxus-Hospiz eigentlich der bessere ist. Und damit sind wir bei einer Frage, die uns in Zukunft wohl in Europa immer deutlicher beschäftigen wird, nämlich der Frage, wie wir denn die letzte Zeit unseres Lebens verbringen wollen und wie wir mit den Menschen, die am Ende ihres Lebens angekommen sind, umgehen wollen. Die Hospizbewegung ist in kurzer Zeit in Deutschland, aber auch in Europa überhaupt sehr aufgeblüht. Begonnen hat das mit einem ganz konkreten Datum: 1967 hat eine englische Krankenschwester, Cicely Saunders, das erste Hospiz in London gegründet, weil sie die Erfahrung gemacht hat, dass ein Sterben im Krankenhaus schon eine manchmal sehr kalte und menschenunwürdige Sache sein kann. Im Gespräch mit einem Patienten, der dann gestorben ist, hat sie von diesem sterbenden jungen Mann den Auftrag bekommen, ein Haus zu gründen, in dem man sterben kann, ohne ins Badezimmer oder auf den Flur abgeschoben zu werden. So ist das erste Hospiz entstanden. Von da aus hat sich diese Idee unter dem Namen Hospizbewegung sehr schnell in Europa verbreitet und hat heute in Deutschland z. B. 40.000 freiwillige ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Wenn man zum Thema Hospiz Vorträge hält, ist etwas ganz Überraschendes festzustellen, es kommen unglaublich viele Menschen, vor allen Dingen auch junge Menschen, die bereit sind, in diesem Bereich tätig zu werden, obwohl in anderen Bereichen unserer Gesellschaft, z. B. bei der Feuerwehr oder im Sportverein, viele Klagen zu hören sind, dass die Bereitschaft freiwilliger Mitarbeiter so sehr zurück geht. In dem Bereich Hospiz ist das sehr vital und man findet eine sehr große Unterstützungsbereitschaft. Da muss man sich fragen: warum ist das so?

Dazu muss man sich vielleicht über die Hintergründe der Bewegung ein wenig Gedanken machen. Zunächst ist es so, dass der klassische Ort des Sterbens, also die Familie und die eigene Wohnung immer häufiger nicht die Orte sind, wo das möglich ist. Familien zerbröckeln, die Menschen, die pflegen könnten, sind berufstätig, die Wohnungen sind zu klein, oder man traut es sich ganz einfach nicht zu, einen Menschen zu pflegen, der im Sterben liegt. Es ist natürlich auch so, dass wir heute oft die Vorstellung haben, dass wenn Jemand im Sterben liegt, muss alles professionell, medizinisch perfekt organisiert sein. Deswegen ist wohl diese Entwicklung gekommen, dass die Menschen immer häufiger in Institutionen sterben. Das ist ein merkwürdiger Widerspruch, weil die meisten Menschen sagen, ich möchte natürlich zu Hause sterben. Aber die Realität ist, dass 80 Prozent der Menschen heute in einer Institution, im Krankenhaus, im Pflegeheim, im Hospiz oder im Altenheim mit dem Tod konfrontiert werden.

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Krankenhaus zunächst einmal als der Ort entwickelt, an dem gestorben worden ist. Gleichzeitig ist das Unbehagen darüber, die Vorstellung, dass das eigentlich nicht richtig ist, gewachsen. Das liegt natürlich auch daran, dass das Krankenhaus, das ja künftig Gesundheitszentrum heißen soll, schon deswegen nicht der richtige Ort sein kann, weil man dort ja eigentlich jemanden gesund machen will. Wenn nun ein Punkt erreicht ist im Leben, wo die Ärzte sagen müssen, wir können nichts mehr für dich tun, dann ist eigentlich klar, dass das Krankenhaus nicht mehr so der richtige Ort ist.

Daraus ist einerseits eben die Idee des Hospizes entstanden und andererseits sind aber auch viele Krankenhäuser inzwischen dabei, sogenannte Palliativ-Stationen einzurichten, also bestimmte Abteilungen, in denen Menschen untergebracht werden, von denen man weiß, dass sie nicht mehr heilbar sind, wo dann auch die Behandlung abgebrochen wird und wo man sich darauf beschränkt, was am Ende des Lebens vielleicht als das Wichtigste erscheint, nämlich eine Schmerzbehandlung, manchmal auch eine psychologische Betreuung und vor allen Dingen aber auch eine Organisation eines Ortes, an dem man so gut wie möglich diese letzte Phase des Lebens bewältigen kann.

Ich habe gesagt, wir werden künftig mehr mit diesem Thema zu tun haben werden. Das natürlich auch, weil wir in Deutschland eine alternde Gesellschaft sind, und das nicht nur in Deutschland, sondern in Europa überhaupt. Wenn man sich mal vorstellt, im Jahre 2050 wird jeder zehnte Europäer älter als 80 Jahre sein, dann kann man sich vorstellen, dass die Frage, was geschieht denn mit denen, die am Ende ihres Lebens angekommen sind, eine ganz wichtige Frage wird. Nicht nur in einzelnen Fällen, sondern auch im Hinblick auf die Tatsache, dass es einfach sehr sehr Viele sind, die sterben.

Vielleicht kann man sich die Frage, wie wir damit umgehen wollen, zunächst einmal daran klar machen, dass sich das, was Sterben ist, was der Umgang mit Sterben ist, bei uns ja sehr deutlich verändert hat. Es sind drei Dinge, denke ich, die man zu bedenken hat:

Einmal ist das Sterben unter das Diktat der Medikalisierung geraten. Hippokrates, der griechische Arzt, hat noch die Auffassung vertreten, dass in dem Augenblick, wo die Zeichen des Todes auf dem Gesicht eines Menschen erkennbar sind, der Arzt den Raum zu verlassen habe und statt dessen die Freunde, die Verwandten, vielleicht in moderneren Zeiten der Geistliche den Raum zu betreten haben, aber nicht mehr der Arzt. Das hat sich völlig verändert. Wir können uns heute den Tod und das Sterben vielfach nicht mehr anders vorstellen als als Etwas, was medizinischer Betreuung bedarf. Das mag man ja für richtig halten. Auf jeden Fall hat es den Umgang mit Sterben und Tod sehr nachdrücklich verändert.

Das zweite ist, dass wir das Sterben institutionalisiert haben, dass es immer weniger in der Familie stattfindet und immer mehr in Institutionen.
Das dritte ist natürlich ein Zug zur Ökonomisierung, d. h. die Frage, wer bezahlt das eigentlich und wie ist das mit den Kosten des Sterbens. Eine Frage, die man vielleicht fast etwas zynisch finden kann, aber die dann doch ganz wichtig wird, wenn man sich z. B. klar macht, dass die meisten Gesundheitskosten, die heute in einem Menschenleben anfallen, in den letzten sechs Monaten des Lebens fällig werden. Da ahnen wir, dass da etwas passiert, was man vielleicht gar nicht unbedingt will, nämlich dass da mit Medizinischem etwas gemacht wird, was gar nicht den Wünschen dessen entspricht, der im Sterben liegt; also die Frage, wie geht man mit den medizinischen Möglichkeiten um, aber auch die Frage in einer Zeit knapper werdender Gesundheitsdienstleistungen und Kosten, die anfallen, wie machen wir das so, dass da nicht plötzlich Jemand auftritt und sagt „das ist aber alles viel zu teuer“.

Ein ganz wichtiger weiterer Themenkomplex, den man betritt, wenn man sich dem Thema Hospiz, Hospizbewegung zuwendet, ist die Unterscheidung, die inzwischen überall in Europa getroffen wird, zwischen Sterbehilfe und Sterbebegleitung. Was ist der Unterschied?

Sterbebegleitung ist das, was aus der Hospizbewegung gekommen ist, als die Idee, wenn das Krankenhaus nicht der richtige Ort ist und wenn die Familie es nicht mehr kann, dass es dann eine neue bürgerschaftliche freiwillige Tätigkeit geben muss, bei der Menschen begleitet werden auf ihrem letzten Weg: Sterbebegleitung. Auf der anderen Seite gibt es eine Entwicklung in Europa, die unter dem Begriff Sterbehilfe gefasst wird. Das ist die ärztlich unterstützte Begleitung in den Tod, die den Namen Euthanasie trägt. Sie wissen ja vielleicht, dass es in den Niederlanden und inzwischen auch in Belgien ein Gesetz gibt, nach dem Menschen, die den Tod wünschen, unter ganz bestimmten Bedingungen von Ärzten mit medikamentöser Hilfe in den Tod geleitet werden können. Man kann sehen, dass diese Auseinandersetzung um die Frage Sterbebegleitung oder Sterbehilfe in Europa zu einer großen, wichtigen Frage wird. Wenn wir das niederländische Modell der Euthanasie, der Sterbehilfe also, auf Europa übertragen würden, dann würde das bedeuten, dass wir künftig in Europa in jedem Jahr 250.000 Fälle von Euthanasie haben würden, von denen 60.000 ohne Einwilligung stattfinden würden. Denn in solchen Fällen, wo ein Patient nicht mehr Lebensäußerungen machen kann, kann in den Niederlanden auch die Verwandtschaft oder die Frau, der Mann die Entscheidung für die Euthanasie fällen. Und das scheint mir persönlich eine sehr gefährliche Entwicklung zu sein. Man könnte den Eindruck haben, wenn man sich fragt, wer will da eigentlich was, dass man da auf die religiösen Wurzeln im europäischen Kontinent trifft, nämlich einerseits auf einen stärker katholisch geprägten Bereich, denn die Hospizbewegung ist z. B. in Bayern und in Österreich besonders stark; während auf der anderen Seite in den besonders deutlich protestantisch-calvinistisch geprägten Ländern, wie den Niederlanden z. B., eben die Idee der Euthanasie, der Sterbehilfe, besonders leicht sich durchsetzt. Und daraus könnte man die Frage entwickeln, die wir vor uns haben: Wie wird den ein geeintes Europa in Zukunft mit dieser Frage umgehen

Es ist interessant zu sehen, dass die Europäische Kommission schon drei Mal auf ihrer Tagesordnung die Debatte eines Euthanasie-Gesetzes gesetzt hatte, aber mehrfach diese Debatte wieder abgesetzt hat, weil offensichtlich die Befürchtung steht, dass es eine Mehrheit für ein Euthanasie-Gesetz in Europa gibt. Ich denke, dass das etwas ist, was man zu Recht befürchten muss. In Frankreich hat es im vorigen Jahr einen Fall gegeben, der die Öffentlichkeit ungeheuer erregt hat. Ein junger Mann, der nach einem Unfall gelähmt, taub und stumm war, hat über sehr schwierige Kommunikationsmittel seiner Mutter mitgeteilt, dass er sterben möchte. Er hat sogar einen Brief an den Präsidenten Chirac geschrieben. Und seine Mutter hat ihn dann auch getötet. Sie ist verhaftet worden, aber die Bevölkerung Frankreichs hat mit einer Mehrheit von 70 Prozent nach Umfragen der Tat der Mutter zugestimmt. Und das, denke ich, lässt uns noch mal mit großer Intensität die Frage nach der Hospizbewegung stellen, weil sie eben die Alternative ist zur Euthanasie.

In Deutschland gibt es inzwischen über 100 Stationäre und Hospize und zahllose Hospizdienste. Inzwischen sind wir in der Situation, dass mehr Hospizdienste da sind als nachgefragt werden. Aber ich denke, das wird sich in den nächsten Jahren auch noch ändern. Da gibt es eben ehrenamtliche Helfer, vor allen Dingen sind es Frauen, muss man sagen, und das gibt es im übrigen fast überall in Europa, in Westeuropa etwas mehr als in Osteuropa, wo die Freiwilligkeit nach so vielen Jahren sozialistischer Diktatur eigentlich ausradiert zu sein scheint. Aber in Frankreich, in Italien, in Großbritannien, in Deutschland und in skandinavischen Ländern gibt es eine Fülle von ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen, die zuhause oder in stationären Hospizen mit den Menschen, die im Sterben liegen, sprechen, ihnen Wünsche erfüllen, soweit es möglich ist, die Verwandten unterstützen und kleine Dienste erledigen: Vorlesen oder einfach nur da sind, wenn Jemand in Angst oder allein ist. Es ist eigentlich sehr erstaunlich, dass es eine so breite soziale bürgerschaftliche Bewegung in diesem Bereich gibt, wo man doch generell immer wieder hören kann, dass gesagt wird, der Tod ist ein Tabu, da will keiner dran rühren, davon will keiner etwas wissen. Ich glaube, dass das gar nicht so sehr stimmt, sondern dass es eben interessant ist, dass so viele Menschen bereit sind, sich an dem Bett eines Sterbenden nieder zu lassen und dabei zu sein, wie Jemand diese letzte Grenze überschreitet.

Aber es gibt da natürlich auch Gefahren. Die Gefahren sind, dass aus der Bürgerbewegung heute vielleicht auch ein Stück Institution im schlechten Sinne des Wortes werden kann. Ich gehe dazu noch einmal aus Deutschland heraus und schaue nach Italien, wo es Hospizgesetze gibt – in jeder Region gibt es unterschiedliche Gesetze – und wo mit einen Mal Menschen anfangen zu entdecken, dass man möglicherweise auch mit Hospizen Geschäfte machen kann, dass man ein Angebot an Menschen machen kann, ihre sterbenden Angehörigen gut unterzubringen und dass man dann dafür auch entsprechende Gebühren nimmt. Das ist eine Entwicklung, die vielleicht genauso gefährlich ist wie die, die in Richtung Euthanasie zeigt. Weil in beiden Fällen die Idee entsteht, dass wir in Europa so etwas entstehen sehen könnten wie eine Entsorgungsstruktur. Wir haben zu viele Alte, wir haben teure Sterbende, also brauchen wir Einrichtungen, in denen die billig entsorgt werden. Dann wird aus dem Hospiz, wie Jemand es einmal böse genannt hat, ein Sterbeknast.

Das kann und muss um jeden Preis verhindert werden, aber wir können nicht außer Acht lassen, dass die Entwicklung in Europa diese Möglichkeiten jedenfalls nicht ausschließen. Wir leben in einem Zeitalter der Globalisierung und der Vermarktung von Allem und Jedem. Und in dem Zusammenhang ist natürlich auch zu sehen, dass Gesundheitsdienstleistung entlokalisiert werden und grenzüberschreitend angeboten werden. Eine Frage, um die man sich auch im Augenblick in der Hospizbewegung streitet in einem produktiven Sinne, ist die Frage nach der Professionalisierung und den Qualitätsstandards. Das sind ja beliebte Worte. Qualitätskontrolle gibt es heute in der Universität, in der Schule, in der Justizvollzugsanstalt und natürlich auch im Pflegeheim. Man hat manchmal den Eindruck, dass das, was früher aus dem Menschen selber kam, was ihre Moral war, was ihre Ethik war, ersetzt wird durch steuernde Apparaturen, die unter dem Begriff Qualitätskontrolle daher kommen.

Ich finde die Idee, dass wir auf so etwas wie ein qualitätskontrolliertes Sterben zusteuern könnten, schrecklich. Aber es gibt schon Leute, die diesen Begriff „qualitätskontrolliertes Sterben“ in den Mund nehmen. Ich denke, dass am Ende des Lebens die Frage nach der Perfektion der Versorgung weniger wichtig ist, als die Frage nach der Menschenwürde, nach der Wärme, die man ganz bestimmt nicht in Punktesysteme fassen kann.

Das Gleiche gilt für die Frage, was müssen Ehrenamtliche eigentlich können? Inzwischen ist es ganz üblich, dass Ehrenamtliche im Hospizbereich eine Ausbildung machen. Das ist sicher auch etwas ganz Sinnvolles. Aber ich würde auch da davor warnen, das zu überziehen und daraus etwas zu machen, was dann gewissermaßen in die Richtung eines Sterbetherapeuten geht, der seine Kompetenz und Kenntnisse im Kopf hat, aber vielleicht dafür die Unmittelbarkeit und Menschlichkeit verliert.

Ich habe vor kurzem mit einer Frau, die schon lange Hospizarbeit macht, gesprochen, die eine wunderbare Anekdote erzählt hat. Als ich sagte, wenn ich mir vorstelle, ich bin in der Situation des Sterbens, ich weiß gar nicht, ob es mir so sehr wichtig wäre, dass da Jemand sitzt und meine Hand hält. Vielleicht möchte ich lieber ein gekühltes Bier trinken als von jemandem berührt zu werden, den ich gar nicht kenne. Ich weiß es nicht, ob es so ist, aber es könnte so sein. Da sagte diese Dame, ja das ist gar nicht so selten. Und da es dann oft Menschen sind, die nicht mehr schlucken können, haben wir kleine tiefgefrorene Bierwürfel, die wir dann diesen Menschen geben. Das, finde ich, ist menschenwürdige Kompetenz auf einer sehr einfachen Ebene.

Nun sage ich nicht, dass dieses das ist, worum es am Ende des Lebens gehen muss. Aber wissen Sie, ich bin inzwischen in so vielen Hospizen in Europa gewesen, dass ich sagen kann: Von Tallin bis Paris, von Rom bis Oslo gibt es eine Tendenz, dass die Orte des Sterbens allmählich überall gleich aussehen. Es ist überall derselbe Raum mit einem Krankenbett, einem Beatmungsschlauch etc. Und das kann man natürlich noch eine ganze Ecke weiter treiben hin zu einer Standardisierung, wo wir dann im Endeffekt wissen, dass wir überall in der gleichen Weise sterben werden. Wir haben in Europa eine Kultur des Sterbens, die unendlich vielfältig ist. In jedem hessischen Dorf gibt es eine Tradition, was man macht, wenn ein Mensch stirbt. Und so gibt es in ganz Europa eine Tradition des familiären, des kulturellen und des religiösen Umgangs mit Sterben und Tod. Natürlich wissen wir, dass alle diese lokalen Lebens- und Sterbensformen ebenso bedroht sind wie die lokalen Dialekte. Ich denke schon, dass es ein Erschrecken darüber geben muss, dass wir vielleicht in Europa vor einer Entwicklung stehen, in der es eine Egalisierung des Sterbens gibt. Von da aus muss man einerseits warnen vor einer Richtung, die Hospizbewegung unter das Diktat von Qualitätskontrolle, von Standardisierung und Professionalisierung alleine stellt, und zum anderen natürlich auch warnen muss vor den ökonomischen Gefährdungen, die mit diesem Prozess einher gehen.

Ich erinnere mich an eine Situation in einem französischen Hospiz, wo ich sah, wie eine ältere Dame, sehr elegant, sehr gut gekleidet, eine Freiwillige, einen uralten Mann in einem Rollstuhl an die frische Luft fuhr, der offensichtlich den Wunsch verspürte, noch einmal eine Zigarette zu rauchen. Die Beiden saßen da, und es war eine durchaus heitere Situation des Abschiednehmens, etwas, was vielleicht nur ein Mensch bieten kann, der als Freiwilliger, als Ehrenamtlicher in einer solchen Situation da ist, während der Arzt eben etwas Anderes darstellt.

Ich möchte noch zwei Dinge erzählen: Das eine ist die Geschichte eines jungen Mannes, der Banker in Frankfurt war, fantastisch verdient hat und der sich über Nacht entschlossen hat, in dem berühmten Hospiz in Kalkutta in Indien, das von der Mutter Teresa gegründet worden ist, zu arbeiten. In einem Gespräch hat er gesagt, ich verstehe gar nicht, was ich da in Frankfurt gemacht habe. Hier kratze ich den Obdachlosen, die wir von der Straße aufsammeln, den Kot mit einem Rasiermesser vom Körper und habe mit einem Mal das Gefühl, dass mein Leben einen Sinn hat. Das andere ist, dass ich aus Gesprächen mit Menschen in Afrika, die an Aids erkrankt sind, weiß, dass es offensichtlich in anderen Kulturen eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Ende des Lebens gibt, die den Menschen den Abschied vom Leben vielleicht sehr viel eher möglich macht, als es uns in unserer hochmodernen, luxuriösen, wohl ausgestatten Lebenswelt möglich ist.


Um diesen Artikel zu drucken markieren Sie ihn bitte mit gedrückter Maustaste und kopieren ihn in Ihr
Textverarbeitungsprogramm z.B. Word. !

Copyright © 1999 - 2014[kultur-punkt.ch]. Alle Rechte vorbehalten.

.