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SWR2 Wissen Aula Reimer Gronemeyer: Medizin allein reicht nicht . Wie die Gesellschaft mit der Demenz umgehen soll
(Abschrift eines frei gesprochenen Vortrags)
Medizin allein reicht nicht
Wie die Gesellschaft mit der Demenz umgehen soll
Autor und Sprecher: Professor Reimer Gronemeyer *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Donnerstag, 9. Mai 2013, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

* Zum Autor:
Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer, geb. 1939, Studium der Theologie, Promotion zu den Paulusbriefen, lutherischer Pfarrer in Hamburg. Studium der Soziologie, Promotion zu Fragen der Demokratisierung in Institutionen; seit 1975 Professor für Soziologie an der Universität Gießen. Er unterstützt u. a. die „Aktion Demenz“, die von der Robert Bosch Stiftung finanziert wird und sich für die Unterstützung dementer Mensch und ihrer Angehörigen einsetzt. (www.aktion-demenz.de)

Bücher (Auswahl):
- Das 4. Lebensalter – Demenz ist keine Krankheit. Pattloch. 2013
- [Himmel, der] – Sehnsucht nach einem verlorenen Ort. Pattloch. 2012.


ÜBERBLICK
Bislang gibt es keine wirkungsvolle Therapie.Ca. 1,3 Millionen Menschen leiden derzeit an Demenz. Die Kosten für ihre Pflege steigen ebenso rasant wie die Belastungen der Angehörigen. Doch die Medizin und die Gesellschaft insgesamt reagieren hilflos, es gibt bislang keine wirkungsvolle Therapie, die betroffenen Familien werden oft allein gelassen. Professor Reimer Gronemeyer, Theologe und Soziologe, fordert erstens eine Abkehr von der wachsenden Demenzindustrie mit ihren Pflegeheimen und Versorgungseinrichtungen sowie zweitens eine neue Kultur des Helfens.


INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Medizin allein reicht nicht – Wie die Gesellschaft mit der Demenz umgehen soll“.
Ungefähr 1,3 Millionen Menschen leiden derzeit in Deutschland an Demenz. Die Kosten für ihre Pflege werden rasant ansteigen, ebenso wie die Nöte der Betroffenen und die Belastungen der Angehörigen. Insgesamt reagieren die Gesellschaft und die Medizin eher hilflos, es gibt bislang keine wirkungsvolle Therapie, die betroffenen Familien werden oft alleine gelassen, die Demenzkranken werden oftmals abgeschoben und ausgegrenzt. Was tun?
Professor Reimer Gronemeyer, Theologe und Soziologe, fordert eine Abkehr von der wachsenden Demenzindustrie mit ihren Versorgungseinrichtungen und medikamentösen Strategien und eine Hinwendung zu einer neuen Kultur des Helfens.
Reimer Gronemeyer:
Ein Mann, um die 60, den ich kenne, beherbergt, pflegt und versorgt seine an Demenz leidende Mutter. Die Mutter steht vier bis fünf Mal pro Nacht auf, kommt in sein Schlafzimmer und sagt: „Markus, kannst Du jetzt kommen, das Essen ist fertig.“ Solche und ähnliche schwierige Situationen kennen wahrscheinlich viele, die mit Demenz zu tun haben. Eine gute Lösung dafür gibt es jedoch nicht, bisher jedenfalls nicht. Man kann einen dementen Menschen mit Tabletten ruhig stellen, so dass er nicht mehr fünf Mal in der Nacht aufsteht, man kann ihn festbinden, einschließen oder – als letzte Lösung – in ein Heim geben. Doch das ist keine richtig gute Antwort auf die Frage, wie man menschlich-human mit ihm umgehen und er oder sie möglichst in der Familie verbleiben kann.
Es gibt raschen Problemlösungen – gegenwärtig nicht und wahrscheinlich auch zukünftig nicht. Wir werden uns also mit diesem großen und schwierigen Thema genauer auseinandersetzen müssen. Manche von Ihnen haben vielleicht den Oscar-gekrönten Film „Liebe“ von Michael Haneke gesehen. Das ist eine Geschichte von einem alten Ehepaar, bei dem die Frau dement wird. Der Mann – gespielt von Jean-Louis Trintignant – bringt seine Frau um und sich selbst schließlich auch. Der Film berührt und beunruhigt gleichzeitig, weil er die Tötung, den Mord als eine Antwort auf eine ausweglose Verzweiflung vorschlägt.
In einem anderen Film – er heißt „Ausgelöscht“, Klaus Maria Brandauer spielt eine Hauptrolle – ist es die Frau, die ihren Mann tötet. Manchmal frage ich mich, ob sich mit diesen Filmen etwas Neues, auch Furchteinflößendes ankündigt, eine neue gesellschaftliche Antwort auf das Thema Demenz. Die alten Lösungen, die alten Antworten taugen nichts mehr, wir müssen uns neue ausdenken, und die können – aus Verzweiflung – brutal aussehen. Manche von Ihnen erinnern sich vielleicht auch an den ehemaligen Playboy Gunter Sachs, der sich erschossen hat, weil er vermutete, er könne an Alzheimer leiden. Oder denken Sie an Rudi Assauer, er sagte: „Mir kann jetzt keiner mehr helfen“.
Ich glaube jedoch, es lassen sich gute Möglichkeiten finden, mit der Demenz umzugehen. Aber dafür müssten wir, die Gesellschaft, andere neuartige Wege gehen und zum Beispiel die soziale Seite der Demenz deutlicher zur Kenntnis nehmen. Die Medizin sagt, wir können die Demenz diagnostizieren, aber viel mehr auch nicht. Und das wird wohl die nächsten 20 Jahre so bleiben. Es gibt weltweit zigtausende von Alzheimer-Forschern und trotzdem ist keine Heilung der Demenz in Sicht . Deshalb plädiere ich dafür, dass wir eher fragen, handelt es sich bei der Demenz vielleicht um eine Art Alterserscheinung? Ich kann zum Beispiel nicht mehr so gut sehen und trage eine Brille, ich kann nicht mehr so gut hören und besitze Hörgeräte. Beides hat mit dem Alter zu tun, den Namen Krankheit hat das aber nicht verdient. Ich bin ja nicht augen- oder ohrenkrank, sondern ich bin alt. Es gibt einfach Dinge, die zum Altern dazu gehören. Das mag uns schmerzen und schwierig sein: Die Hüfte kann kaputt gehen – es kann aber auch der Verstand leiden. Und wir müssen uns darauf einstellen, dass je mehr alte Menschen es in unserer Gesellschaft gibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass darunter jemand ist, der verwirrt ist und sich nicht mehr so im Leben zurecht findet wie früher. Wenn wir das „krank“ nennen, dann ist das eine Verharmlosung, weil wir das Phänomen gewissermaßen in eine Ecke schieben und sagen können „okay, da sollen sich die Ärzte darum kümmern und irgendwelche Pflegerinnen“. Und wenn wir sagen „Krankheit“, dann ist damit immer das Versprechen verbunden, es gäbe Heilung. Und das ist nun mal nicht der Fall. Ich glaube, es ist realistischer, es ist humaner, wenn wir sagen, Demenz ist etwas, was zum Alter gehören kann.
Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen, die ich neulich erlebt habe, an der mir deutlich geworden ist, worum es eigentlich geht, wenn ich sage, wir brauchen neue Wege im Umgang mit Demenz: Auf dem Altenhilfetag in Frankfurt habe ich einen Vortrag zum Thema „Demenz“ gehalten. Als ich fertig war, bin ich aus dem Vortragssaal geeilt, weil ich einen Anschlusstermin hatte. Ich brauchte eigentlich nur die direkt vor dem Eingang liegenden Straßenbahnschienen zu überqueren, um an der Straßenbahnhaltestelle zu stehen und die Straßenbahn zu nehmen, die mich zu meinem nächsten Ort gebracht hätte. Ich hatte schon öfter gehört, dass die Frankfurter Fahrkartenautomaten wegen ihrer besonderen Undurchschaubarkeit berühmt sind. Ich stand also vor dem Fahrkartenautomat, habe Geld reingesteckt und jeden erdenklichen Knopf gedrückt – es gelang mir nicht, eine Fahrkarte zu bekommen. Da entfaltete sich in mir das moralische Dilemma, steige ich nun ohne Fahrkarte in die Straßenbahn und riskiere, als Weißhaariger zum Schwarzfahrer zu werden? Das wollte ich nun auch nicht so gerne. Oder warte ich auf die nächste Bahn in der Hoffnung, bis dahin ein Ticket bekommen zu haben? Während ich darüber so nachdachte, sah ich die Straßenbahn kommen und mein innerer Zwiespalt verschärfte sich. Die Straßenbahn kam zum Stehen, die Tür des Fahrers öffnete sich und ein schnurrbärtiger, glatzköpfiger Kopf streckte sich heraus. Dieser Mann rief mir aus der Entfernung zu: „Na, wo willst Du denn eigentlich hin?“ Ich habe ihm meine Probleme mit dem Fahrkartenautomat geschildert, woraufhin er mir erklärt hat, wie ich zu einer Fahrkarte komme. Das ging dann auch sehr schnell, ich konnte in die Straßenbahn springen und mein nächster Termin war gerettet.
Die Geschichte hatte für mich zwei Erkenntnisse: Ich habe gemerkt – ich bin über 70 Jahre alt –, wie schnell man vom Vortragenden zum Thema Demenz zum Verdächtigen werden kann. Denn dieser Straßenbahnfahrer hatte offensichtlich den Eindruck, da steht ein weißhaariger, verwirrt wirkender älterer Herr, der nicht weiß,
wie er das machen muss, was er braucht, um in die Straßenbahn einsteigen zu können. Die zweite Erkenntnis ist aber eigentlich noch die Wichtigere: Die besteht darin, dass dieser Mann die Sensibilität gehabt hat, die wir brauchen, um einen anderen Menschen in seiner Hilfslosigkeit zu erkennen und außerdem etwas zu tun, was die Regeln seines Berufs wahrscheinlich nicht vorsehen und gewissermaßen ein ungewöhnlicher Schritt war: nämlich von seiner Tätigkeit absehend etwas zu tun, was ich brauchte, mir nämlich zu einem Fahrschein zu verhelfen.
Ich glaube, wenn wir auf die Demenz schauen, dann ist das, was dieser Mann in der Straßenbahn gemacht hat, das, was wir viel häufiger brauchen: Wir brauchen Menschen mit der Sensibilität für die Demenz, die jemanden pflegen und helfen, die mal für Betroffene einkaufen und mit ihnen ins Kino oder zum Arzt gehen – kleine Schritte also. Das andere ist, dass dieser Mensch die Standards, die Regeln seines Alltags gebrochen und das getan hat, was in dem Augenblick wichtig war. Wenn wir eine Gesellschaft wären, die mit solchen Menschen bevölkert wäre, dann wären wir, glaube ich, im Umgang mit der Demenz an einem ganz anderen Punkt. Denn wir wissen ist, dass die pflegenden Familien sich oft allein gelassen fühlen. Und sie werden auch tatsächlich allein gelassen, so dass sie sich kaum mehr aus dem Haus trauen oder es nicht wagen, mit diesem tütteligen Menschen an der Seite in ein Restaurant zu gehen, wo sie auffallen und vielleicht böse Kommentare ernten könnten. Viele demente Menschen nehmen ihre Termine im Sportverein oder im Chor nicht mehr wahr, weil sie nicht sicher sind, ob sie den Weg zurück nach Hause wieder finden. Da braucht man Menschen, die unterstützen, die sagen: „Ich bringe Dich zu der Sportveranstaltung und hole Dich auch wieder ab.“ Oder: „Wir singen zusammen im Chor und Du kannst sicher sein, ich werde Dich anschließend wieder nach Hause bringen.“ Wir brauchen also so etwas wie einen zivilgesellschaftlichen Aufbruch von Frauen und Männern, man könnte auch sagen, wir brauchen eine Erwärmung in unserer Gesellschaft, die es in unseren Kommunen, Städten und Dörfern möglich macht, dass Menschen mit Demenz länger in unserer Mitte bleiben können.
Ich finde, die Demenz passt eigentlich sehr gut in unsere Zeit. Egon Friedell, der österreichische Kulturwissenschaftler, hat gesagt, jede Zeit bringt die Pathologien, die Krankheiten, die Beschädigungen hervor, die zu ihr gehören. Und ich glaube, die Demenz passt zu uns „wie die Faust aufs Auge“. Wir sind eine Gesellschaft der Beschleunigung, das ist auch etwas Positives, dass wir so schnell und beweglich geworden sind, das will ich gar nicht leugnen. Aber für alte Menschen oder für solche, die sich nicht mehr so gut in der Welt zurechtfinden, ist das eine schwierige Lage. Vielleicht sollten wir das mal so betrachten, dass nicht die Menschen mit Demenz sich von der Gesellschaft entfernen, sondern dass wir – die Gesellschaft – uns immer rascher von denen entfernen, die nicht mehr so schnell sind und nicht mehr alles behalten können.
Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen, die das vielleicht verdeutlicht: Ich war vor kurzem auf einer Forschungsreise in einem Dorf in Tansania, ein wunderschöner Ort, rote Ziegel, grünes, wucherndes Laub, Pflanzen, Palmen etc. In diesem Dorf bin ich eine ganze Zeit gewesen mit meinem Rucksack auf dem Rücken, um Gespräche aufzuzeichnen. Es fiel mir auf, dass es für mich gar nicht möglich war, durch diesen Ort zu gehen, ohne dass irgendein Bauer kam, dass ein junger Mann mir den Rucksack vom Rücken nahm, weil er meinte, das ginge nicht, dass ein älterer Mann
seinen Rucksack selbst trägt, wenn so viele junge Leute anwesend sind. Es ist dort üblich, dass jeder Jüngere den Älteren begrüßt mit „Ich falle Dir zu Füßen“. Für mich macht das deutlich, dass der Respekt vor dem Alter dort eine große Rolle spielt, und er spielt eine große Rolle, weil die alten Menschen große Wichtigkeit für die Gemeinschaft haben. Sie wissen, wann der Mais ausgesät werden muss, welches Unkraut wann herausgerissen werden muss, welches Unwetter gefährlich ist, wann geerntet wird, sie kennen die Geschichte des Dorfes etc. Deswegen sind die alten Menschen respektiert und geschätzt.
Bei uns in Deutschland ist das anders. Alte Menschen machen die Erfahrung, dass das, was sie gelernt haben, nichts mehr wert ist. Sie haben für die Gesellschaft eigentlich keine Bedeutung mehr, weil alles, was sie wissen und an Erfahrung haben, eigentlich schon auf die Müllhalde gehört, weil es schon Neueres gibt. Die alten Menschen sind bei uns, und das ist schön. Aber sie befinden sich eigentlich in einer Sozialwüste. SSie werden in unserer Gesellschaft nicht so gebraucht, wie ich das an diesem afrikanischen Beispiel versucht habe, deutlich zu machen. Sie sind im Grunde genommen Freizeitbewohner. Ironisch formuliert heißt das, die Idealform des Alters für diejenigen, die sich das leisten können, ist die Dauerkreuzfahrt in der Karibik. Dann sind sie weg, sie sind versorgt und aus der Gesellschaft raus. Ich glaube, dass eine Gesellschaft, die so mit ihren Alten verfährt, dass sie ihnen eigentlich mitteilt, Du wirst nicht mehr gebraucht, keine gute Gesellschaft ist. Und das, was Du weißt und gelernt hast, ist Schrott, das kommt in die gelbe Tonne, eine solche Gesellschaft muss sich eigentlich nicht darüber wundern, dass die Zahl der Menschen, die ihren Verstand an der Garderobe abgeben, schnell wächst.
Insofern passt die Demenz zu uns, und vielleicht müssen wir die Demenz geradezu als ein Geschenk begreifen – natürlich nicht die Menschen, die es betrifft und deren Angehörige –, aber wenn man auf die Demenz schaut, schaut man, glaube ich, auf etwas, was uns unsere Gesellschaft sehr genau erklärt. Die Menschen mit Demenz reden vielleicht nicht mehr in vollständigen Sätzen, aber sie haben uns etwas Wichtiges mitzuteilen, darüber, in welcher Welt wir leben. Sie sagen: „Die Welt, in der Ihr lebt, können wir gar nicht mehr begreifen, sie ist so schnell geworden, dass für uns da kein Platz mehr ist.“ Die Welt hat sich tatsächlich dramatisch verändert. Früher war sie für die Älteren begreifbar, im wahrsten Sinn des Wortes. Meine Großmutter hat auf dem Sofa gesessen und Strümpfe gestopft oder Kartoffeln geschält. Das heißt, ihre Welt war ihr begreifbar, denn sie konnte etwas greifen und damit auch die Welt begreifen – während wir heute eigentlich immer mehr nur den Daumen brauchen, mit dem wir die Fernbedienung oder das Smartphone bedienen.
Ich finde es schön, dass ich so ein Telefon habe und ein schnelles Internet etc., aber wir dürfen nicht übersehen, dass es auch eine andere Seite gibt für die „armen Würstchen“ sozusagen. Und wenn wir da hinhören, auch wenn wir die Sprache nicht verstehen, so haben die uns dennoch eine ganze Menge mitzuteilen, diese Menschen mit Demenz. Sie sagen uns nämlich eigentlich: „Wir brauchen eine Gesellschaft, die anders aussieht als die, die Ihr eingerichtet habt“.
Heute leben in Frankfurt mehr als 50 % der Menschen als Singles. Ich weiß, das hat Vorteile, man kann machen, was man will usw., aber die Hälfte davon sind eben alte Menschen. Man stelle sich vor, dass jeder zweite über 85-Jährige in Deutschland allein lebt, in irgendeinem Haus auf dem Dorf oder im 3. Stock eines
Appartementblocks in einer Großstadt, und da kommt ein oder zwei Mal am Tag der Pflegedienst, wenn er denn überhaupt kommt, und sonst gibt es kein Gespräch. Vielleicht, wenn man Glück hat, gibt es ein Telefongespräch mit den Kindern, die 400 km entfernt arbeiten. Aber es gibt kein Gegenüber. Dass bei so jemandem die Demenz schneller und dramatischer abläuft als bei jemandem, bei dem Leben ist, ist, glaube ich, ganz klar.
Lassen Sie mich dazu noch eine Geschichte erzählen, die uns darüber belehrt, dass früher die Dinge anders waren und wir vielleicht darüber nachdenken müssen, wie wir unsere Gesellschaft so reformieren, dass Menschen mit Demenz damit auch gut leben können: Ich bin 1939 geboren und habe zunächst in Hamburg gelebt. 1943 nach den großen Bombardements bin ich auf einen großen Bauernhof auf einer nordfriesischen Insel gebracht worden, auf dem etwa 20 bis 30 Menschen lebten. Sehr genau erinnere ich mich an Tante Hulda. Sie trug immer so bräunliche Gewänder und war, wie man damals sagte, tüttelig. Heute hätte sie wahrscheinlich eine Alzheimer-Diagnose. Wir Kinder hatten eine eigene, uns sehr einleuchtende Theorie von Tante Hulda entwickelt, wir haben nämlich gedacht, es sei ihr eine Fliege ins Ohr geflogen und die summt nun in ihrem Kopf herum, und deswegen ist Tante Hulda immer ein bisschen merkwürdig. Das war zwar nicht evidenzbasiert oder belegbar, aber das, was heute an Demenz-Theorien existiert, leuchtet auch nicht immer ein. Jedenfalls machte Tante Hulda auf diesem Hof, was sie konnte. Sie hatte ganz viele Möglichkeiten, das fortzusetzen, was sie von früher noch konnte. Anderes ging eben nicht mehr. Sie konnte z. B. nicht mehr backen, dafür konnte sie aber die Hühner versorgen. Tante Hulda brauchte keine Diagnose, sie konnte einfach mit den anderen Menschen nach ihren Möglichkeiten zusammenleben.
Diese Geschichte kann uns vielleicht dazu etwas sagen, dass wir es in dieser radikalen Vereinsamung, in der wir uns heute wiederfinden, mit zerfallenen Familien und zunehmender Einsamkeit, den Menschen mit Demenz immer schwerer machen. Vielleicht müssen wir versuchen, eine Zukunft mit mehr Gemeinschaftlichkeit zu ermöglichen. Ich weiß, dass viele 50-, 60-Jährige heute erstens wissen, dass sie mit ihrer relativ niedrigen Rente sich gar kein großes Appartement in Frankfurt leisten können und dass sie auch wissen, dass da niemand sein wird, der sie versorgt, wenn sie nicht selber etwas auf die Beine stellen. Deswegen müssen wir experimentieren, wozu auch viele bereit sind, mit neuen Formen der Gemeinschaft, in der auch Menschen mit Demenz und Pflegebedürftige einen Ort haben. Denn wir dürfen ja nicht so tun, als wenn das so weitergehen kann. Wir werden mit ökonomischen Krisen zu tun haben. Wir werden sehen, dass der Wachstumsmarkt Demenz an seine Grenzen gerät. Die Rating-Agentur Standard & Poors hat kürzlich gesagt, wir werden Deutschland herunterstufen müssen, wenn nach wie vor so viel Geld für die Alten und die Menschen mit Demenz ausgegeben wird.
Dem muss man nicht zustimmen, aber man muss darüber nachdenken, wie unsere Gesellschaft umgestaltet werden kann, dass sie finanziell und vor allen Dingen humanitär für die Menschen mit Demenz gerüstet ist. Wir brauchen neue Modelle des Zusammenlebens, in denen Menschen zumindest mit leichterer oder mittlerer Demenz bei uns bleiben können. Wir haben mit der „Aktion Demenz“ versucht, in der ganzen Bundesrepublik Kommunen zu animieren sich zu fragen, wie muss eine Kommune eigentlich aussehen, damit Menschen mit Demenz länger in ihr bleiben können. Dazu braucht man nicht in erster Linie abgesenkte Bürgersteige oder mehr
Pflegestationen, sondern man braucht Menschen wie diesen Straßenbahnführer, von dem ich am Anfang erzählt habe, also Menschen, die sensibel für das sind, was ihnen auffällt, und die dann auch wagen, das zu tun, was in dem Augenblick das Richtige ist. Die neue Idee, Demenz-Dörfer – sozusagen fiktive Kunstwelten – zu bauen, in denen wir die Menschen mit Demenz unterbringen, in zwar sehr schön gestalteten, aber doch lagerähnlichen Zuständen, das kann keine Lösung sein.
Lassen Sie mich zum Abschluss noch eine Geschichte erzählen, die vielleicht noch einmal deutlich macht, was ich meine: Ich war kürzlich in einer Pflege-Oase. Das ist so ein neues Modell, dessen Für und Wider ich hier gar nicht erörtern will, wo man acht bis zehn Menschen mit Demenz in ihrem Endstadium zusammenlegt. Diese Menschen können nichts mehr selbständig, sie müssen z. B. ernährt und gewindelt werden.
Dieser Ort war sehr schön gestaltet, Feng-Shui-mäßig mit einem wunderbaren Personalschlüssel etc. Da lagen Frauen in Kissen, mit Kopfhörern auf den Ohren, und für jede von ihnen wurde individuell die Musik gespielt, von der man annahm, das sei die Musik, die sie hören möchte. Da kann man nur hoffen, dass man sich nicht irrt. An die Zimmerdecke wurden mittels Laserstrahlen animierende Bilder geworfen, auf die die Frauen starrten.
Beim Herausgehen habe ich mich gefragt, ob ich mir das für mich vorstellen könnte. Jeder von uns wird darauf eine andere Antwort haben. Ich konnte mir das für mich nicht vorstellen, aber ich bin natürlich ganz sicher, dass die Gesellschaft auch diese Möglichkeit bietet und auch finanziert. Am Schluss habe ich gedacht, es ist daran auch etwas ganz Merkwürdiges, was mich an meinen Alltag erinnert. Auch im Alltag hat jeder seine eigene Musik auf den Kopfhörern, seinen Bildschirm vor sich und schaut auf seine animierten Bilder. Man könnte fast sagen, unser Alltag nimmt die Pflege-Oase schon fast vorweg. Ich will damit sagen, wir tragen an diese Menschen eigentlich das heran, was unser Alltag ist. Ich glaube, solche Pflege-Oasen sind gut gemeint, aber sie sind nicht das, was diese Menschen wirklich brauchen.
Vielleicht ist es das Wichtigste, dass wir unsere Augen und Ohren öffnen für die Menschen mit Demenz und für ihre Angehörigen. Wir sollten nicht sagen: „Bring ihn zur nächsten Diagnose, stopf ihn mit Tabletten voll“, sondern: „Versuch doch zu fragen, ob Du ihm nicht helfen kannst“.
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