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<<Prof. Wolfgang U. Eckart: Hilfe für verwundete Seelen – Der Beginn der Traumaforschung im Ersten Weltkrieg>>
SWR2 AULA  
Redaktion: Ralf Caspary; Sendung: Sonntag, 5. Dezember 2004, 8.30 Uhr, Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

Die sozialdarwinistische Auffassung, dass die neue Art des mörderischen Stellungskrieges, wie er 1914 bis 1918 auf den Schlachtfeldern in Frankreich und Belgien stattfand, in erster Linie die Stärkeren durch ihren Fronteinsatz gefährde und vernichte, gerade die Schwächsten aber durch ihre Untauglichkeit schütze, war in ärztlichen Kreisen - bei Kriegsbefürwortern ebenso wie bei Pazifisten - weit verbreitet. In ihren Schlussfolgerungen und Erwartungen schieden sich indessen die Geister. So fürchtete der Münchener Hygieniker Max von Gruber (1853 - 1927), alldeutsch, radikal anglophob, romantisch-idealistischer Mystiker des Deutschtums, zwar besonders um die "Gesündesten, Kräftigsten, Kühnsten, Unternehmensten, Pflichttreuesten, Opferfähigsten, die geborenen Führer und Vorkämpfer", war im Grunde jedoch optimistisch, diese Lücke durch "ausgiebige Fortpflanzung" der Gesunden und Leistungsfähigen nach dem Kriege ausgleichen zu können. Dem Berliner Physiologen und Pazifisten Georg Friedrich Nicolai (1874 - 1964) hingegen waren solche Träumereien fremd. Das sozialdarwinistische Menetekel der „Kontraselektion“, wie es die Bevölkerungswissenschaftler nannten, die ungewollte Vernichtung der Besten also, und die daraus resultierende Gefahr einer Volksentartung durch die biologisch-demographischen Auswirkungen des Krieges, bestimmten sein Denken. In seiner Biologie des Krieges heißt es 1919: "Der Krieg schützt die Blinden, die Taubstummen, die Idioten, die Buckligen, die Skrofulösen, die Tuberkulösen, die Blödsinnigen, die Impotenten, die Paralytiker, die Epileptiker, die Zwerge, die Missgeburten. All dieser Rückstand und Abhub der menschlichen Rasse kann ruhig sein, denn gegen ihn pfeifen keine Kugeln. [...] Der Krieg bildet also für sie geradezu eine Lebensversicherung, denn diese körperliche und geistige Krüppelgarde, die sich im freien Konkurrenzkampf des Friedens gegen ihre tüchtigen Mitbewerber kaum behaupten könnte, bekommt nun die fettesten Stellen und wird hoch bezahlt".
Ähnlich pessimistisch wie der Pazifist Nicolai bewertete der führende Neurologe und Kriegspsychiater Max Nonne (1861 - 1959) in der Rückschau 1922 die negative Auslesewirkung des Weltkriegs. Ein "Jammer" sei es, dass der Krieg "Darwin'sche Zuchtwahl" gerade im "umgekehrten Sinne mit großem Erfolg" betrieben, "Minderwertige" aber erhalten habe: "Die besten werden geopfert, die körperlich und geistig Minderwertigen, Nutzlosen und Schädlinge werden sorgfältig konserviert, anstatt dass bei dieser günstigen Gelegenheit eine gründliche Katharsis stattgefunden hätte, die zudem durch den Glorienschein des Heldentodes die an der Volkskraft zehrenden Parasiten verklärt hätte".
Es ist vor diesem ideologischen und damals in weiten Kreisen der bürgerlichen Intelligenz, der Generalität und des Offizierskorps konsensfähigen Hintergrund geradezu verständlich, dass auch die Medizin nach Kräften darum bemüht war, der kontraselektorischen Auswahl des Krieges entgegenzuwirken, Schwächlinge, wie es damals hieß, zu erkennen und hart zu machen, Simulanten und unterstellte Rentenbetrüger zu entlarven, Kriegshysteriker und Neurotiker zu behandeln und wieder zur Front zu schicken. Wie keine andere Teildisziplin der Medizin hat sich die deutsche Kriegspsychiatrie in den Jahren 1914 bis 1918 auf diesem Felde engagiert und damit eines der dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte geschrieben. Hiervon wird im Folgenden die Rede sein.

Der Erste Weltkrieg ist häufig genug als traumatisches Erlebnis der deutschen Gesellschaft, und zwar nicht nur als das am Krieg unmittelbar Beteiligten, sondern auch als das der folgenden Generationen beschrieben worden. Er war in erster Linie aber ein traumatisches Erlebnis für die Frontsoldaten selbst, für ihre Körper selbstverständlich in einem ganz unmittelbaren Sinn, vielleicht noch mehr aber für ihre Psyche. Man schrieb von Kriegshysterie oder „Shellshock“, dem Schreckenstrauma also, das von der überlebten Erfahrung einer Granatexplosion in unmittelbarer Nähe herrührte. Der moderne, hochtechnisierte Krieg traf an allen Fronten Menschen, die dem apokalyptischen Inferno des mörderischen Stellungskrieges nicht mehr Stand halten konnten oder wollten. Die Männer zerbrachen im pausenlosen Kugel- und Granatenhagel, im grellen Leuchten, Blitzen und Flackern der Frontabschnitte an ihrer Unfähigkeit, in den Gräben dem Inferno zu entkommen. Viele wurden irre an dieser Situation, erlitten eine schwere psychische Traumatisierung, zitterten, krampften, erbrachen sich pausenlos, nässten ein, verstummten, vergruben sich in ihr Innerstes, reagierten skurril, wie sich der Psychiater Julius Raecke 1919 erinnerte: "So schor sich ein Soldat ein Kreuz ins Haupthaar, um angeblich gegen Fliegerbomben gesichert zu sein [...] Ein anderer brachte bei der Aufnahme einen Frosch an der Leine mit und sagte, das sei ein Bär. Einige tranken Tinte und erklärten dieselbe für guten Wein". Kriegsneurotiker war das Schlagwort, und es traf alle, deren Psyche sich nicht mit dem Unfassbaren an den Fronten besonders im Westen abfinden konnte, denen schließlich auch der Körper den Dienst versagte angesichts der Übermacht psychosomatischer Verletzungsgewalt des hochtechnisierten, fabrikmäßigen Schlachtens in den Gräben und Trichtern.
Solche Menschen galten – durchaus auch im sozialdarwinistischen Deutungshorizont - als schwach, wenn man ihnen nicht von vornherein Simulation und Drückebergerei vorwarf. Leiden aus verständlichen Gründen wurde zur Kampfunlust umdefiniert. Diese Umdefinition fügte sich gut in das weitverbreitete sozialdarwinistische Bild von der Vernichtung der Tüchtigsten im Kriege und vom Erhalt der Schwachen.
Noch im Spätsommer des Jahres 1914 hatte Karl Bonhoefer in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift die Rolle der Psychiatrie im gerade entfesselten Krieg gering geschätzt. „Die praktische Bedeutung der Psychiatrie im Kriege“, so seine eher zurückhaltende Einschätzung, „ist gering im Vergleich zu den Aufgaben der Chirurgie“ [...] Von eigentlichen Kriegspsychosen zu sprechen, im Sinne einer besonderen nosologischen Einheit, mit eigenem wissenschaftlich begründeten Krankheitsbild also, ist man nicht berechtigt“. Zwar hatte der Berliner Psychiater bereits „hysterische Zufälle, Ohnmachten mit funktionellen Krämpfen, funktionelle Abasie, ausgelöst durch den Anblick eines Verwundetentransportes, Angstzustände, hysterisches Erbrechen, Schlaflosigkeit mit Angstzuständen, Phobien aller Art, hysterische Delirien und Aehnliches“ beobachten können. „Fast ausnahmslos“ habe sich jedoch feststellen lassen, dass es sich bei Soldaten mit solchen Erscheinungsbildern um Individuen handelte, die schon früher konstitutionell psychopathische Erscheinungen dargeboten hätten“, die also in der zeitgenössischen Auffassung zu veranlagter geistiger Minderwertigkeit neigten. Optimistische Einschätzungen solcher Art bewahrheiteten sich nicht, auch wenn sie von anderen psychiatrischen Beobachtern der ersten Kriegswochen geteilt wurden. Der Stillstand der deutschen Offensive im Westen im Kriegswinter 1915 und die Phase des sich etablierenden Stellungskriegs 1916 ließen überdeutlich werden, dass die Seelen aller Soldaten, die der vermeintlich schwachen ebenso wie die der angeblich starken verletzbar waren. Im Trommelfeuer der Grabenlinien breiteten sich nun „affektive Reaktionen wie Epidemien über die ganze Front aus“. Deren Manifestationen reflektierten häufig durchlebte Strapazen, Todesängste, Verwundungen, Granateinschläge in unmittelbarer Nähe oder Verschüttungen.
Die psychischen Zusammenbrüche der Soldaten bereiteten sich – so scheint es - meist in der subjektiv als besonders anstrengend empfundenen allgemeinen Belastungssituationen des Fronteinsatzes vor. Zur Entfaltung kamen sie wenig später in der als deprimierend erlebten Hospital-Situation. Hier dekompensierten die meisten Betroffenen, brachen psychisch zusammen. Zwei Beispiele aus Feldpostbriefen mögen dies erläutern. So schreibt der Berliner Schützengrabensoldat Franz Müller (wir wissen sonst nichts über ihn) am 21. Januar 1915 aus einem Lazarett im Westen per Feldpost, die abgefangen ihre Adresse nicht erreichte:  „Durch die große Überanstrengung besonders der letzen 3 Tage, bei denen unser Schützengraben von der feindl. Artillerie förmlich umgewühlt worden ist, habe ich mir eine Nervenkrankheit zugezogen, sodaß ich am 8. November [...] zurückgeschafft wurde. [...] Nur wenige Stunden bin ich tagsüber auf, denn diese verflixte Krankheit hat sich auf meine unschuldigen Beine gelegt, sodaß ich durch Schmerzen und Lähmung an den Beinen u. rechten Arm an meinem Fortkommen behindert bin. Man stelle sich den 92kg Recken zwischen Betten, Stühlen u. Tischen mühsam weiterkrebsend vor. Der reine Hohn!“ - Der offensichtlich sensible Unterarzt Wilhelm Pfuhl gelangt im November 1916 in ein Etappenlazarett und berichtet am 17. November 1916 von dort: „Ich glaube, es sind weniger die Anstrengungen, als all das Grauenhafte, das ich in den letzten Monaten erlebt habe, was meine Gesundheit so erschüttert hat. Es kommt mir ganz unfassbar vor, wie die Menschheit sich so in gegenseitigem Massenmord zerfleischen kann. Ich kann mich nicht rühmen, jemals besonders widerstandsfähig gewesen zu sein gegen das Widerwärtige und Grauenhafte, aber jetzt ist es ganz damit zu Ende. Ich bin gar so müde und matt, möchte am liebsten einschlafen und nicht wieder aufwachen, ehe Friede im Lande ist, oder gar nicht.“
Mit zunehmender Dauer des Krieges wurden auf beiden Seiten der Front zunehmend mehr Soldaten von den geschilderten Symptomen der Kriegsneurose erfasst. Wie deuteten und erklärten die mit solchen Phänomenen konfrontierten Ärzte die Ursachen jener neurotischen posttraumatischen Störungen? Esther Fischer-Homberger hat 1975 eine grundlegende Arbeit zur Phänomenologie der Traumatischen Neurose auf ihrem Entwicklungsweg vom „Railway spine“, einer, wie man glaubte, durch Eisenunglücke verursachten Verletzung des Rückenmarks, zur ‚Kriegsneurose’, von der somatischen zur sozialen Krankheit vorgelegt, die hier nur angesprochen werden, aber mit zeitgenössischen Urteilen aus dem Umfeld des Krieges untermauert werden soll. Ex post hat sich Robert Gaupp, Direktor der Nervenklinik in Tübingen 1922 hierzu geäußert: "Die ungeheure Steigerung der Kriegstechnik“, so schreibt er, „die furchtbare Zerstörungskraft der modernen Artilleriegeschosse, das Trommelfeuer, die Gasgranaten, Fliegerbomben, Flammenwerfer und all die anderen Formen überraschender Schädigungen aus nächster Nähe und weiter Ferne haben zu einer Häufung heftigster Schreckenswirkungen geführt, wie sie sicher noch kein Krieg auf der Erde gesehen hat". "Die Wucht der Kriegsereignisse, die völlige Umwandlung der körperlichen und seelischen Existenzbedingungen für die Mehrzahl der Kriegsteilnehmer, die ungeheueren seelischen und körperlichen Strapazen, denen der Frontsoldat fast ununterbrochen ausgesetzt war, hatten die allgemeinen Bedingungen geschaffen zur Entfaltung der Kriegshysterie".
In die psycho-somatische Phänomenologie der Kriegshysterie mengten sich früh auch soziale Deutungen im Sinne eines triebhaften ‚Selbsterhaltungskomplexes’, einer ‚Flucht in die Krankheit’ mit der unterstellten Simulation derselben. Karl Bonhoefer gehörte wohl zu den vehementesten Verfechtern dieser Auffassung. "Der auf Selbstschutz gehende Trieb“, so der Berliner Psychiater, „wird um so stärker sein, je schwächer die ideellen überwertigen Vorstellungen von vornherein sind, je geringer die psychische Widerstandskraft, je stärker und andauernder Gefahr und Anspannung, d. h. je stärker die emotionellen und erschöpfenden Einflüsse sind. Es ist kein Zweifel, dass die Verhältnisse des modernen Krieges, insbesondere des Stellungskrieges mit seinen [...] sehr heftigen und langandauernden Spannungsaffekten der Todesbedrohtheit in ganz besonderem Maße geeignet waren, das Verlangen nach Sicherstellung der Person psychisch wirksam werden zu lassen. [...] Die Kriegserfahrung hat [...] mit eindringlicher Deutlichkeit gezeigt, dass der Konflikt der beiden gegensätzlichen affektbetonten Vorstellungsreihen auf der einen Seite der unentrinnbare militärische Zwang und die gefahrdrohende, todbringende Kriegsnotwendigkeit, auf der anderen Lebensbejahung und der Wunsch, aus dem Feuer, außerhalb des Gefahrenbereichs zu sein, eine große pathogenetische Bedeutung hat. Dass die Kriegshysterie dieser Paarung entstammt, kann durch den Krieg als erwiesen gelten". Für Bonhoefer ist die Kriegshysterie Ausdruck der Kriegsunlust, ist "Durchscheinen einer bestimmt gearteten Willensrichtung in der Krankheitsdarstellung", die mit zunehmender Dauer des Krieges zunehmend auf die Entfernung vom Kriegsgeschehen zielt:
"Es war“, so schreibt er, „eine mit der langen Dauer des Krieges sich allwärts aufdrängende Beobachtung, dass die übermäßige und dauernde Anspannung der dem natürlichen Selbsterhaltungstrieb entgegenwirkenden überwertigen Ideen, wie sie der Krieg den Soldaten auferlegt, allmählich bei vielen zu einem Sieg des Triebes über die Idee führte. Das hat sich in der Heimat in der Stellung zur Ernährungsfrage, beim Heer in der zunehmenden Neigung zu Abwehrreaktionen, zur Flucht in die Krankheit gezeigt. Es ist kein Zufall, dass mit zunehmender Kriegserschöpfung die Differentialdiagnose zwischen Hysterie und Simulation immer fließender wurde, und dass sich die Beobachter mehrten, die allmählich keine Hysterie, sondern nunmehr bewusste Flucht in das Krankhafte gelten lassen wollten. Es kam gewissermaßen zu einer willkürlichen Benützung hysterischer Ausdrucksformen durch Gesunde".
Von einer solchen Deutung war es selbstverständlich nur ein Schritt bis zur Kriminalisierung der Kriegsopfer. Dass nämlich, so Bonhoefer, "solche dem Selbsterhaltungstriebe entstammenden und dem Kriegszwecke entgegenstehenden Vorstellungskomplexe mit der Dauer des Krieges und der Verstärkung der Anstrengungen in zunehmendem Maße sich in einer Häufung der Subordinationsvergehen, der Fahnenflucht, des Überlaufens, der Selbstbeschädigung in Krankheitssimulationsversuchen sich äußerten", sei als "psychologische Erscheinung" nur zu verständlich.
Das Thema Kriegsneurose, Granatschock, Kriegshysterie beherrschte die deutsche Psychiatrie der Kriegsjahre unmittelbar und uneingeschränkt. Freilich sollten die Kriegspsychiater niemals Verbündete ihrer Patienten werden, sondern immer Aufklärer vermeintlicher "Simulation" und "Willensschwäche" bleiben und sich damit regelmäßig als Feinde ihrer Schutzbefohlenen erweisen. Simulanten zu entlarven, Kriegsgegner zu erkennen, ihren Unwillen zu brechen, ihren Willen aber für das Morden gefügig zu machen, dies war das politische Behandlungsziel jener Zeit. So pervers wie dieses Ziel, so pervertiert waren auch die "therapeutischen" Instrumente der Behandler: Elektrische Stromstöße als Überrumplungsmaßnahmen, stundenlange Anwendung schmerzhaftester elektrischer Sinusströme - die "Kaufmann-Kur" -, die Nötigung, Erbrochenes wieder herunterzuschlucken, Röntgenbestrahlungen in Dunkelkammern, wochenlange Isolationsfoltern, die Provokation von Erstickungstodesangst durch Kehlkopfsonden oder Kugeln, herzlos inszenierte Scheinoperationen in Äthernarkose, von den Betroffenen empfunden wie Hinrichtungen. Seelisch Gebrochene blieben zurück, wenn sie nicht zuvor aus Gründen der Abschreckung direkt in die Trommelfeuer zurückgeschickt und so herzlos vernichtet worden waren. Neue "Kriegsverwendungsfähigkeit" konnte freilich in den wenigsten Fällen erreicht werden; allenfalls "Arbeitsfähigkeit" für die rückwärtigen Munitionsbetriebe war meist das Resultat.
Die Methoden, die Kriegsneurosen zu behandeln, damit aber vor allem den Überlebenswillen ihrer Patienten zu brechen, waren ebenso brutal wie vielfältig. Am harmlosesten muten heute vielleicht noch die von Max Nonne erprobten Suggestionsversuche in Hypnose an. Nonne hatte erfolgreich versucht, seinen Kriegszitterern ihre entstellenden Körperverrenkungen mittels hypnotischer Berührung abzutrainieren. Die Filmdokumente solcher fast ans Wundersame grenzender Heilungen sind noch heute beeindruckend. Sehr viel einschneidender waren die Methoden der wochenlangen Isolationsfolter in Dunkelzimmern, eine grausames Verfahren, das mit dem Begriff der "psychischen Abstinenz" ummäntelt werden sollte. Verabreicht wurden durchaus auch indikationslose Röntgenbestrahlungen in Dunkelzimmern, feuchtkalte Packungen und Dauerbäder, verbunden mit der Drohung, diese erst nach erfolgter "Heilung" wieder abzusetzen. Auch mit künstlich erzeugter Erstickungsangst sollten Kriegsneurose und Wille gebrochen werden. Hierbei bedienten sich die Psychiater einer Kehlkopfsonde oder Kehlkopfkugel, die der Essener Neurologe O. Muck zur Therapie schwerer Heilung funktioneller Aphasien (Sprachlosigkeiten) ersonnen hatte, tatsächlich die Patienten aber zunächst in höchste Todesangst versetzten. Die Idee war, den Schreckensmoment eines unerwarteten künstlichen Kehlkopfverschlusses auszunützen. "Die Folge war", so Muck 1916, "dass im Augenblick der Patient erschrak, den Atem eine Zeitlang anhielt, die Zunge losließ und einen Schrei ausstieß. Auf der Höhe dieser Emotion wurden die Patienten aufgefordert zu sprechen". Im Anschluss an die Behandlung seien die Soldaten häufig in Freudentränen ausgebrochen. Wichtig sei, dass der "Eingriff sachgemäß ausgeführt" werde. Die alleinige Brüskierung der Schlund- und Kehlkopfgegend zum Beispiel mit einem Spatel, der plötzlich in den Rachen gestoßen werde, führe allenfalls zu Erbrechen, nicht aber zu Heilung. Zu letzterer sei die künstlich erzeugte Angst unerlässlich. Und mögen die Erfolge einer solch brutalen Traktierung der Patienten auch noch so faszinierend gewesen sein, ethisch blieben sie doch außerordentlich fragwürdig.
Dies gilt in besonderer Weise für die Versuche, Kriegsneurotiker durch die Applikation elektrischer Ströme zu "heilen". Dabei wurden Faradaysche Ströme nicht nur lokal angewandt, etwa bei psychogener Taubheit auf Ohrmuscheln und Nasenschleimhäute oder bei psychogener Stummheit auf die Halsgegend, sondern auch generalisiert und bisweilen über lange Zeiträume. Weit verbreitet war die nach ihrem Erfinder Kaufmann benannte Methode, bei der stärkste Sinusströme stundenlang und außerordentlich schmerzhaft von den Opfern ertragen werden mussten. Kaufmann verfolgte mit seiner Methode den Zweck, kriegsneurotische Soldaten zu überrumpeln und Heilung "unbeirrbar konsequent" möglichst in einer Sitzung zu erzwingen. Dabei wurden auch Todesfälle ganz offenbar in Kauf genommen. Der brachiale Heilungsversuch Kaufmanns sollte sich in zwei Schritten vollziehen: An die suggestive Vorbereitung der Heilung, in der dem Patienten unmissverständlich die Entschlossenheit des Therapeuten signalisiert werden sollte, schloss sich die Verabreichung "kräftiger Wechselströme" in drei- bis fünfminütigen Intervallen an. Begleitet wurde auch sie durch Suggestion, die in scharfem militärischen Befehlston zu halten war. Unabhängig davon, ob sich die Behandlung über mehrere Stunden hinzog, war die "Erzwingung der Heilung in einer Sitzung" oberstes Prinzip. Der "gewaltige Schmerzeindruck", so Kaufmann, würde schließlich alle "negativen Begehrungsvorstellungen" des Patienten verdrängen und ihn "in die Gesundheit hinein" zwingen.
Max Nonne verdanken wir einen Bericht, der auf eindrückliche Weise die bedrückende Praxis der Stromtherapie nach Kaufmann beleuchtet. Die 1922 publizierte Szene wirkt bereits impressionistisch verfärbt und deutet auch schon Elemente der Gewaltästhetisierung an, wie sie den Kriegsroman der Zwanziger Jahre - von Jünger über Remark bis Beumelburg - beherrschen sollten. Es ist eine noch heute bedrohlich wirkende Szenerie, die Nonne hier in ihrer deskriptiven Suggestivität und der psychischen Totalität der Situation vor uns entfaltet: "Im Halbdunkel, umgeben von allerlei phantastischem Gerät, liegt ein alter Hysteriker in meinem Heilzimmer auf dem Behandlungstisch. Vorgestern Abend war er angekommen, ein früherer Offiziersbursche mit guten Manieren und einem offenen anständigen Gesicht. Das heißt: er schleppte sich auf zwei Stöcken hängend, zitternd, mit steifen verkreuzten Beinen in unbeschreiblich grotesken Gangfiguren. Wie dieser Mann nun auf dem Behandlungstisch liegt und ich nehme die schmerzlose Elektrode zur Hand - eben hatte er noch gelassen und freundlich mit mir gesprochen -, da geschieht etwas Unbegreifliches: er verwandelt sich unter meinen Augen in einen anderen - plötzlich, so wie wenn man an einer sacht laufenden Maschine den Hebel drückt, und es fällt unversehens ein brausendes Räderwerk ein. [...] Ein Zittern, Krachen und Zucken - die Zähne klappern, die Haare sträuben sich, der Schweiß tritt auf das blass gewordene Gesicht. Was noch durch diesen Tumult hindurchdringt, das sind kurze, scharfe Zurufe, festes Anfassen, rascher kräftiger Schmerz. Und unter diesen Reizen tritt, wieder mit einem plötzlichen Ruck, eine zweite Verwandlung ein. Man hat ein fast körperliches Gefühl davon, so als ob ein ausgedrehtes Gelenk wieder einschnappte. Auf einmal ist der Wille glatt und gerade und die Muskeln folgen beruhigt, willig seinem Antrieb". Es ist bemerkenswert, dass Nonne diese gespenstische Szene totaler psychischer und physischer Gewalt des Therapeuten über seinen Patienten als so vollkommen typisch für den "Kriegstherapeuten" hielt, dass man "sich noch in der Erinnerung daran zu langweilen" beginne.
Das Bestreben der deutschen Kriegspsychiater, im regelrechten Kampf mit dem Patienten dessen "Heilung" herbeizuführen, ist charakteristisch für das gesamte Spektrum der unterschiedlichen Therapieformen der Kriegsneurosen. Dem Krieg im Kriege lag die Vorstellung zugrunde, dass der eigentliche seelische Defekt nahezu immer begleitet werde von "ethischer Minderwertigkeit", von "antisozialer Neigung", dem Willen zur "Simulation" und der Tendenz, die eigene Minderwertigkeit gegenüber der Umwelt zu verschleiern. Die starke Tendenz der Kriminalisierung kriegsneurotischer Patienten wurde ergänzt durch den Versuch des Arztes, das Objekt seiner Therapieversuche gleichzeitig zu infantilisieren und in eine geradezu unterwürfige Abhängigkeit zu bringen. Wie ein "trotzköpfiges Kind" mit strenger, aber wohlwollender Hand zur Vernunft gebracht werde, so habe der Therapeut seine Überlegenheit permanent zu signalisieren. Max Nonne empfahl prinzipiell, den Patienten "stets ganz nackt ausziehen" zu lassen, weil "dadurch das Gefühl der Abhängigkeit bzw. der Hilflosigkeit erhöht" werde. Abhängigkeit und geradezu kindliche Hilflosigkeit konnte auch durch fortgesetztes Anbrüllen oder Zwangsexerzieren im Behandlungszimmer ausgelöst werden. Gelegentlich versuchten die Soldaten jedoch auch, sich den menschenverachtenden Prozeduren der Ärzte zu entziehen, ihnen Widerstand entgegenzusetzen oder sie als nur dem Kriege dienend zu entlarven. Hierzu hat uns Oskar Maria Graf in seiner 1925 publizierten Dokumentation „Wir sind Gefangene“ ein bedrückendes Dialogzeugnis zwischen einem Militärarzt und seinem Patienten überliefert. Zuerst spricht der Arzt milde, fast bittend: „Sehen Sie mich doch an. Sehen Sie, ich bin ein Mensch wie Sie. Meine Aufgabe ist es, Sie baldmöglichst zu heilen. Weiter nichts.“ Doch sein Patient will sich nichts vor machen lassen. Er durchschaut und entlarvt die Situation. „Sie sind der größte Verbrecher. Sie heilen nur, damit man uns wieder als Kanonenfutter verbrauchen kann. Sie sind schlimmer als jeder General und Kaiser, denn Sie benützen Ihre Wissenschaft nur, damit es wieder Leute zum Umbringen gibt. Sie machen zu Tode Geschundene wieder lebendig, damit man sie wieder morden, wieder zerfetzen kann!“
Es ist im Nachhinein sicherlich nicht fair, die gesamte deutsche Kriegspsychiatrie der Jahre 1914 bis 1918 der Unmenschlichkeit zu bezichtigen. Sie hat sich sicher in zahllosen Fällen den ihr anbefohlenen Patienten auch sorgsam, mit Respekt und ärztlichem Ethos gewidmet. Und es gab Ärzte, die sich den brutalen Prozeduren der Kriegspsychiatrie verweigert haben. Deshalb darf man allerdings auch die Schattenseiten jener Psychiatrie nicht verschweigen und die Behandlungspraxis der traumatischen Neurosen gehört sicherlich dazu.
Der erste moderne Weltkrieg der Menschheitsgeschichte, der seine mörderischen neuen Tötungs- und Verstümmelungstechniken aus einer gigantischen Büchse der Pandora über die Schlachtfelder Europas ausgeschüttet hatte, hinterließ vielgestaltige Narben: topographisch-ökologische in den zerwühlten Landschaften der Vogesen, der Argonnen, an der Somme und in Flandern mit ihren vernichteten Baumbeständen, menschengedüngten Ackerflächen und Heerscharen hungriger Leichenratten; soziale in den zerstörten Dörfern und Dorfgemeinschaften, in weggesprengten, ausradierten Kultur- und Lebensräumen, anthropo-psychologische auf den gemarterten Körpern und Empfindungen der Überlebenden, in den hart gewordenen Seelen ihrer Völker.
Am augenfälligsten war bereits während der ersten Kriegsmonate das Heer der Versehrten, der Blinden, der Amputierten, der Zerschmetterten und Entstellten, wie sie die Straßenbilder in den Städten der Kriegsbilder in Frankreich, England, Belgien und Deutschland nur allzu bald beherrschten. Anfang 1915, noch vor den unvorstellbaren Materialschlachten im Westen, schätzte der Orthopäde Konrad Biesalski die Zahl der bereits Verstümmelten deutschen Soldaten auf etwa 30.000. Die Reaktionen auf ihr Erscheinen in der Heimat waren so unterschiedlich wie die körperlichen Entstellungen durch den Krieg, die sich der Öffentlichkeit ungeschminkt präsentierten: Ein enormer Aufschwung in der orthopädischen Prothetik (Sauerbrucharm) und in der plastischen Chirurgie sowie das - halbherzige - Bemühen um die soziale Absicherung der "Kriegskrüppel" und ihrer Familien auf der einen, die Sorge um die Beseitigung dieser hässlichen Erscheinungen aus den Städten und aus den Seelen, die "Entkrüppelung aller Gebrechlichen" auf der anderen. "Eiserner Wille" müsse die "Kriegszermalmten" dahin bringen, die Behinderungen ihrer Bewegungsfreiheiten zu bekämpfen und zu besiegen, eiserner Glaube an die Macht des medizinisch-technischen Fortschritts ihre Seelen und die ihres Publikums zu läutern, den inhumanen Krieg aus der Vogelperspektive zu humanisieren; diesem Zweck war auch die möglichste Verharmlosung der Kriegsverkrüppelung in der Presse gewidmet, wie sie etwa durch Abbildung behinderter Sportler, mähender Landarbeiter oder präzis produzierender armamputierter Feinmechaniker vor Augen geführt werden sollte.
Einer schnellen Reintegration in die Arbeitswelt schließlich, der "Verstreuung unter die Masse des schaffenden Volkes, als wenn nichts geschehen wäre", dienten Versehrtenrenten in der Nähe oder unterhalb des Existenzminimums, die brutale Aufforderung zur Leistungssteigerung, die Mahnung vor der Verhätschelung besonders der psychisch Kriegsversehrten selbst durch die eigenen Ehefrauen, die hysterische Jagd auf vermeintliche Rentenbetrüger, die den sozialpolitischen Diskurs während der Weimarer Republik vergifteten würden. Alle Bemühungen scheiterten letztlich, und zurück blieb ein Heer vernichteter Existenzen, die mit ihren Familien durch die viel zu weiten Maschen eines viel zu ungleich gespannten sozialen Netzes gestürzt waren. Zurück blieb gerade, was hatte vermieden werden sollen und können, ein Nährboden der sozialen Ungerechtigkeit und Unzufriedenheit, auf dem politische Hetzer neues Verderben heraufbeschwören konnten.
Auch Ärzte hatten hierzu beigetragen.

Literatur:
- Eckart, Wolfgang U.: Aesculap in the Trenches: Aspects of German Medicine in the First World War, in: War, Violence and the Modern Condition, ed. by Bernd Hüppauf (=European Cul­tures.
Studies in Litera­ture and the Arts, vol. 8), Berlin/New York: W. de Gruiter 1997, 177-193.
- Fischer Homberger, Esther: Die traumatische Neurose - Vom somatischen zum sozialen Leiden, Bern, Stuttgart, Wien 1975,  S. 136f.
- Eucken, Rudolf; Max von Gruber: Ethische und hygienische Aufgaben der Gegenwart. Berlin 1916, 27-28.
- Fischer-Homberger, Esther: Zur Medizingeschichte des Traumas, in: Gesnerus  56(1999),3/4, S. 260 – 294
- Nonne, Max: Therapeutische Erfahrungen an den Kriegsneurosen in den Jahren 1914 bis 1918. In: K. Bonhoeffer (Hrsg.): Handbuch der ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege 1914/1918, Bd. l. IV, Leipzig 1922, S. 102-121, 112.
- Riedesser, Peter; Axel Verderber:  "Maschinengewehre hinter der Front": zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie, Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl., 1996.
- Riedesser, Peter; Axel Verderber:  Aufrüstung der Seelen: Militärpsychiatrie uund Militärpsychologie in Deutschland und Amerika, Freiburg i. Br.: Dreisam-Verl., 1985.
- Ulrich, Bernd; Benjamin Ziemann (Hrsg.): Frontalltag im Ersten Weltkrieg - Wahn und Wirklichkeit. Quellen und Dokumente, Frankfurt: Fischer 1994, S. 103.

Zum Autor:
Geboren 1952, Studium der Medizin, Geschichte und Philosophie in Münster; 1977 Approbation als Arzt, 1978 Promotion zum Dr. med; 1986 Habilitation für Geschichte der Medizin; 1988 - 92 Professor für die Geschichte der Medizin und Direktor der Abteilung Geschichte der Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, seit 1992 Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Heidelberg. Eckarts Forschungsschwerpunkte sind: Das Entstehen der neuzeitlichen Medizin im 16. und 17. Jahrhundert, Medizin in der Literatur, Medizin und Krieg, Ärztliche Mission.


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