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SWR2 Wissen-Aula 11-6 -Bazon Brock : Kompetent und selbstbewusst . Der Bürger als Profi
(Abschrift eines frei gehaltenen Vortrags)
Autor und Sprecher: Professor Bazon Brock *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 5. Juni 2011, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

Autor
Bazon Brock, geb. 1936 in Pommern, studierte Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften in Hamburg, Frankfurt und Zürich und absolvierte gleichzeitig eine Dramaturgieausbildung in Darmstadt. Er hatte danach Professuren für nichtnormative Ästhetik bzw. Gestaltungslehre an den Universitäten in Hamburg und Wien, zuletzt lehrte er von 1981 bis 2001 Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität in Wuppertal. Im Jahr 2004 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Heute ist er u. a. Mitglied der "Forscher-Familie bildende Wissenschaften". Diese "fruchtbringende Gesellschaft" beschäftigt sich vorrangig mit der Kulturgenetik, um Konzepte zur Zivilisierung der Kulturen auszuarbeiten. Die Ergebnisse werden in der Reihe "Ästhetik und Naturwissenschaften" im Springer Verlag Wien/New York veröffentlicht.
Bücher (Auswahl):
- Der Profi-Bürger: Handreichungen für die Ausbildung von Diplom-Bürgern, Diplom-Patienten, Diplom-Konsumenten, Diplom-Rezipienten und Diplom-Gläubigen. Zus. mit Peter Sloterdijk. Fink-Verlag. Erscheint im Juni 2011.
- Utopie und Evidenzkritik / Tarnen und Täuschen. Verlag Philo Fine Arts. 2010.
- Lustmarsch durchs Theoriegelände: Eine Kampfschrift. Verlag DUMONT Literatur und Kunst. 2008.
www.bazonbrock.de;  bazonbrock@bazonbrock.de;  

ÜBERBLICK
Das Gesundheitssystem wird nicht zu retten sein ohne kompetente Patienten, die gegen Missstände aufbegehren und zugleich bewusst mit ihrer Gesundheit umgehen. Die Wissensgesellschaft wird nicht Realität werden können ohne professionelle Internetnutzer. Und schließlich: Die Politiker werden nicht besser ohne Bürger, die nicht auf Floskeln und Versprechen hereinfallen, sondern Verantwortlichkeit und Ehrlichkeit anmahnen und dafür auch auf die Straße gehen. Der emeritierte Professor für Ästhetik Bazon Brock erläutert, warum der Profibürger die gesellschaftlichen Probleme von morgen lösen kann.

INHALT___________________________________________________________________
Ansage:
Mit dem Thema: „Kompetent und selbstbewusst – der Profibürger.
An der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe läuft ein eigenwilliges, fast skurriles
Projekt, das viel Erfolg hat. Man kann sich dort in mehreren Studiengängen zum
Profibürger ausbilden lassen, und zwar in folgenden Bereichen: Man kann Diplom-
Bürger werden, Diplom-Patient oder Diplom-Gläubiger. Das Ganze ist kein Scherz,
es ist ernst gemeint, es geht um ein neues Leitbild: Um den selbstbewussten Bürger,
der sich nichts vormachen lässt, der Verantwortung übernimmt und reflektiert
handelt.
Bazon Brock, Professor für Ästhetik an der Uni Wuppertal, ist neben dem
Philosophen Sloterdijk einer der Initiatoren des Projekts. In der SWR2 Aula erläutert
er die Zielsetzungen.
Bazon Brock:
Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die „Wutbürger“, die sich jetzt beispielsweise
im Stuttgarter Projekt 21 zur Geltung gebracht haben, mit Verhaltensweisen und
Kenntnissen auszustatten, die aus der Wut ein zielgerichtetes Argumentieren und
vielleicht sogar Kompetenz zum Eingreifen machen. Das sind dann die „Mutbürger“.
Von der Wut – das ist ein notwendiger Impuls, um sich zu engagieren, weil man
betroffen ist – hin zu Mut, sich einzumischen, vor allen Dingen da, wo es scheinbar
um Sachzwänge geht, die nicht anders entschieden werden können und wo die
Fachleute sagen, wir müssen unter uns bleiben, wir wollen keine Mutbürger, weil
jede externe Intervention eigentlich nur Zeit kostet.
Professionalisierung heißt, jemandem durch vormachen, demonstrieren, durch ein
Beispiel geben zeigen, wie man seine Impulse, aktiv werden zu wollen, auch sinnvoll
in die Wege leitet und vor allen Dingen, wie man sich selbst dabei stabilisiert und
nicht die Erfahrung macht, man hätte zwar alles versucht, aber es sei alles
vergeblich gewesen. Denn bei Spontanimpulsen des Handelns ist das Gefährlichste,
dass nach kurzer Zeit die Beteiligten das Gefühl haben, es war ja alles für die Katz‘.
Das ist sehr gefährlich für die Beteiligten selbst, nicht nur, weil es zu Resignation
führt, sondern es führt zum Verlust der Selbstwürdigung.
Und da sind wir beim ersten Punkt unserer Professionalisierungskampagne. Im
Grundgesetz steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Die unantastbare
Würde ist aber nur dann gegeben, wenn jemand gewürdigt wird. Also ist Würde nur
durch Würdigung möglich. Man muss also lernen, etwas angemessen zu würdigen.
Dadurch erhält man selber Würde. Man wird würdig durch die Fähigkeit, andere zu
würdigen. Und das nicht im Sinne von „Ich nenn dich Schiller, nenn du mich Goethe“,
sondern tatsächlich im Hinblick auf das, was in diesem Aspekt der Würde als das
„Vermögen zu würdigen“ steckt. Beim Schenken ist das gut zu erklären: Es ist viel
schwerer, sich beschenken zu lassen, als zu schenken, viel schwerer, sich für ein
Geschenk zu bedanken, als es zu geben. Würde heißt, man muss die Fähigkeit
haben, mit gutem überzeugendem Grund zu würdigen, nicht opportunistisch, nicht
jemandem nach dem Munde reden, sondern aufgrund der Fähigkeit, tatsächlich
sagen zu können, was einem an dem anderen an Schönheit, würdigbarer Aktivität
und Verhaltensweisen aufgefallen ist.
Anstalten, in denen man lernt, wie man würdigt, sind zum Beispiel Museen. Da lernt
man archäologische Reste, Tonscherben oder kleine Lehmklümpchen aus 6.000
oder 8.000 Jahren Vergangenheit zu würdigen im Hinblick auf Fragen wie: Was ist
das? Wer hat das gemacht? Zu welchem Zweck diente das? Das sind alles Zugänge
zur Würdigung, bis man am Ende seiner enthusiastischen Erfülltheit von der eigenen
Fähigkeit, das zu würdigen, zu einer Art von Selbstwürdigung kommen kann. Wir
nennen diesen ersten Punkt: Radikale Selbstwürdigung.
Warum ist das so notwendig geworden? Weil seit ungefähr 15 Jahren die
Gesellschaft aus verständlichen Gründen, etwa aus Gründen der Globalisierung
nicht mehr von Berufstätigkeit spricht, sondern vom Jobben. Selbst Ärzte haben
heute einen Job, geschweige denn Straßenkehrer, Müllmänner etc. Es geht um die,
die man abqualifiziert als bloße Jobber – und das hat man sich ja angewöhnt mit den
Job-Zentren, mit der Bezeichnung der Arbeitssuchenden als Job-Suchende etc. – ,
das ist eine Entwürdigung. Wenn ich zu jemandem sage „Du hast einen Job“ – wo ist
da die Basis einer Würdigung? Wenn ich sage: „Der hat einen Beruf“, dann ist die
Basis der Würdigung, dass er etwas kann, gelernt hat und mit Hingabe und Interesse
arbeitet. Nachdem wir alle Jobber geworden sind, inklusive Ärzte, Professoren –
gucken Sie sich das mal an, es heißt tatsächlich heute „ein Arzt-Job an der Klinik“ –
ist diese Art der Selbstwürdigung verloren gegangen. Und das muss man den Leuten
wieder beibringen. Also den bloßen Wutbürger den Mut zur Selbsterfahrung
ermöglichen unter dem Motto: Worauf stütze ich mich eigentlich in meinem Glauben,
dass ich etwas besser kann, besser weiß als andere? Das ist Punkt Nummer eins:
radikale Selbstwürdigung zu lernen, indem man lernt, anderes und andere zu
würdigen, und zwar mit Sachargumenten und in dienlicher Kooperation mit anderen.
Das ist sehr schwer geworden.
Der zweite Punkt heißt: Wie komme ich heute dazu, mich zu sozialisieren? Was ist
die Form, die Einsicht, die Situationsanalyse, die mich zwingend dazu bringt zu
sagen, als Einzelgänger habe ich keine Chance, ich muss mich mit anderen
zusammentun, wir müssen im Team arbeiten? Das ist der zweite der fünf
Hauptpunkte des Programms. In herkömmlicher Weise sagt man, Menschen
gesellen sich, weil sie die gleiche Religion haben, in die gleiche Sprachgemeinschaft
hineingewachsen sind, die gleichen Kochrezepte verfolgen, kurz: all das, was man
zur Kultur gehörig nennt. Das heißt, sie vergemeinschaften sich, weil sie zur gleichen
Kultur gehören. Dieses althergebrachte, von allen Psychologen, Soziologen,
Anthropologen vorgetragene Argument für die Notwendigkeit, sich zu
vergesellschaften, fällt aber weg, wenn wir alle weltweit in städtischen Großräumen
leben, in denen nicht eine Kultur, sondern Dutzende von Kulturen im gleichen
Aktionsraum tätig sind, man sich also gar nicht unter Berufung auf die Zugehörigkeit
zur gleichen Kultur fortbewegen kann. Dann müsste man fortwährend auf Leute
stoßen, die sich nicht sozial verhalten wollen, weil sie nicht zur selben Kultur
gehören. Worin liegt also der wahre Grund für die Notwendigkeit, mich mit anderen
zusammen zu tun?
Und das ist ein ziemlich wichtiges Element unserer Arbeit mit den Bürgern seit
ungefähr 40 Jahren. 1968 habe ich damit angefangen, die Wähler, die Rezipienten,
die Konsumenten zu schulen in diesem Sinne, dass sie kapieren, welche
ungeheuerliche, sensationelle Entfaltung das Demokratieverständnis inzwischen
genommen hat. Da geht es um die Frage, was begründet eigentlich unseren
Anspruch auf Gleichheit, auf Freiheit, auf – sagen wir – Adressierung auf die
Menschenrechte, auf Anspruch zu einer derartigen Selbstwürdigung?

Das ist sicherlich nicht mehr durch die Tatsache begründet, dass ich etwas
Besonderes kann und mich deswegen alle anderen schätzen. Denn etwas zu können
heißt, dass ich mich in einer Informationsgesellschaft mindestens 16 Stunden pro
Tag mit meinem kleinen Spezialgebiet, zum Beispiel mit der Nebenniere,
beschäftigen muss. Ich muss lernen, lernen, lernen, arbeiten, arbeiten, arbeiten,
dann habe ich was Besonderes zu bieten. Aber wenn ich mich 16 Stunden am Tag
mit meinem kleinen Spezialgebiet „Nebennierenrindenproblematik“ beschäftige, habe
ich in 99,99 Prozent aller gesellschaftlich zur Entscheidung anstehenden Fälle keine
Ahnung mehr. Da wir in einer Informationsgesellschaft alle gezwungen sind zur
Arbeitsteilung, zur Spezialisierung, heißt das, dass wir gerade in dem Maße, wie wir
spezialisiert werden, immer dümmer werden, dümmer nämlich im Hinblick auf die
allgemein anstehenden Entscheidungen. Denn jeder Spezialisierte ist ja nur in einem
ganz schmalen Sektor überhaupt kompetent.
Es kann also nicht sein, dass wir uns auf unsere Meriten verlassen in unserem
kleinen Gebiet, denn in einem kleinen Gebiet Meriten zu haben, etwas zu können,
etwas Einmaliges anbieten zu können, das auch hoch bezahlt und hoch geschätzt
wird, bedeutet ja gerade, in allen anderen Hinsichten zu verblöden.
Zweitens: Man weiß: Je mehr jemand sich in einem Gebiet spezialisiert, also forscht
beispielsweise, desto größer werden die Probleme. Denn forschen heißt, in immer
weitergehender Weise einen Sachverhalt im Hinblick darauf zu betrachten, was an
ihm problematisch ist und was man nicht weiß, nicht beherrscht etc. Der Fortgang
der Forschung führt also zur immer weitergehenden Vergrößerung aller Probleme
statt zur Verringerung.
Drittens: Probleme können prinzipiell nicht gelöst werden, denn wenn sie gelöst
werden könnten, müsste man sie einfach lösen und hätte gar kein Problem. Aber wir
haben dauernd Probleme, eben weil sie nicht lösbar sind, weil alle entscheidenden
Probleme gerade deswegen wichtig sind, weil sie nicht lösbar sind. Also ist der
Wissenschaftler vom Problemlösungsspezialisten – in der Einsicht, dass durch die
Lösung aller Probleme wieder neue geschaffen werden – zu einem Problemschöpfer
geworden, das heißt, zu einem, der die Themen vorgibt und auf das hinlenkt, was in
einer Gesellschaft extrem interessant sein muss, weil das Überleben des
Sozialverbandes oder vielleicht sogar der Menschheit davon abhängt.
Diese drei Dinge zusammengenommen, muss man also sagen, dass der Profibürger
kapieren muss, dass, wenn wir uns zusammenschließen, um gemeinsam über unser
Schicksal zu entscheiden, wir in Wahrheit nicht auf der Basis unserer Kompetenz
arbeiten, sondern auf der Basis unserer Inkompetenz. In allen anderen Bereichen
außerhalb meiner kleinen Nebennierenrindenproblematik, die ich untersuche, bin ich
ein absoluter Dilettant. Das heißt, alle sind im Hinblick auf alle politischen Fragen
mehr oder weniger Dilettanten. Die Demokratie ist die einzige Verfassung einer
Gesellschaft, die nicht auf der Übermacht des Wissens, Könnens basiert, sondern
auf der Einsicht, wir wissen nichts, wir können nichts und wir haben nichts. Denn
gerade dadurch, dass wir so viel wissen, entsteht noch mehr Nicht-Wissen, gerade
dadurch, dass wir so viele Probleme angehen, entstehen mehr Probleme. Mit
anderen Worten: Es ist klar, dass wir uns nicht darauf verlassen können, die Themen
loszuwerden, denn durch die Art, wie wir sie loswerden wollen, schaffen wir
pausenlos neue.

Jetzt komme ich auf die Vergesellschaftung zurück: Wie funktioniert ein
Zusammenschluss von Menschen, der darauf beruht, dass alle Beteiligten sich
eingestehen, in Wahrheit wissen wir gerade durch zuviel Wissen immer weniger?
Wie steht unser Vermögen, Sachverhalte zu beherrschen im Sinne von erledigen, im
Kontrast zu der faktischen Erfahrung, dass jede Problemlösung neue Probleme
schafft? Das ist eben die demokratische Begründung der Gleichheit der Menschen in
der neuen Form. Und das ist unsere Intention der Bürgeruniversität. Nämlich: Wir
gehören nicht einer gemeinsamen Sprach-, Essens- oder Kulturgemeinschaft usw.
an, sondern wir gehören gemeinsam einer Weltgesellschaft von Menschen an, die
alle mit den gleichen Problemen konfrontiert sind, die sie alle gleichermaßen nicht
lösen können, der gegenüber sie keine Machtmittel einsetzen können (keine
Atomkraft, keine Militärs usw.) . Mit anderen Worten: In Zukunft haben Menschen
nicht ihre Sprache gemeinsam, ihre Kulturgemeinschaft, ihre Ess-Sitten gemeinsam,
sondern die Probleme haben sie gemeinsam.
Nehmen wir das Beispiel Ökologie: Ökologie macht vor keiner Sprach-, Kultur- oder
Konsumgrenze Halt. Das ist ein universales Problem, für das kein Mensch eine
Lösung hat, weil jeder neue Ansatz einer Lösung neue Probleme schafft. Das
Aufgeben der Atomkraft als ein Problem, das man loswerden will, schafft uns auf der
anderen Seite natürlich neue Probleme durch die Verschandelung der Landschaft
durch Windräder, der Zerstörung des Lebensraumes von Vögeln. Die Rettung dieser
Welt vor atomarer Strahlung heißt gleichzeitig zum Teil ihre Zerstörung:
Landschaftszerstörung, Heimatzerstörung. Sie sehen, was die grundlegenden
Voraussetzungen dafür sind, dass man heute miteinander auf sinnvolle Weise zu
kooperieren gezwungen ist, aus innerer Einsicht. Ich weiß angesichts unserer
Probleme gerade durch meine Hochspezialisierung gar nichts, ich kann nichts und
ich habe nichts, ich habe keine Machtmittel. Das klingt von Ferne wie eine
sokratische Tugend, weil Sokrates ja schon gesagt hat „Ich weiß, dass ich nichts
weiß“. Aber um zu wissen, dass man nichts weiß, muss man ungeheuer viel wissen.
Unser Projekt basiert auf keinem Relativismus: es ist keine Gleichgültigkeit, keine
Koketterie, sondern tatsächlich die Einsicht in das, was Forschung heißt. Je mehr ich
forsche, je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich nicht. Also wächst mit dem Fortschritt
des Erkennens, des Entdeckens der Teil dessen, was nicht erkannt wird, was erst als
neuer Kontinent, als neues Problem zu erforschen ist. Professionalisierung der
Bürger veranlasst sie also einzusehen, dass ihre neue Form von Gesellung, von
Gemeinschaft darauf beruht, dass sie so psychisch stark sind, so
persönlichkeitsgereift sind, dass sie nicht in Ideologien ausweichen, nicht in
spiritistische Zirkel ausweichen angesichts der Unlösbarkeit der Probleme, sondern
gerade sagen: „Moment, ich weiß nichts, ich habe nichts, ich kann nichts. Du auch
nicht. Wie werden wir damit fertig?“ Das heißt, anstatt Probleme lösen zu wollen,
müssen wir den Umgang mit ihm lernen. Der alte Begriff in England hieß
„management“. Der ist aber heruntergekommen. Ursprünglich, in den 1840er Jahren,
hieß „managen“ nicht Problem lösen, sondern auf sinnvolle Weise mit ihnen
umgehen anstatt sich die Allmachtsphantasien von bestimmten Politikern,
Machtpotentaten oder Unternehmern anzueignen. Dieser Triumphalismus der
Experten zur Lösung von Problemen hat sich völlig erledigt, den glaubt keiner mehr,
denn inzwischen haben alle die Erfahrung gemacht, dass mit einer angeblichen
Problemlösung nur neue Probleme entstehen. In den 1950er Jahren hat man die
Atomkraft als saubere Lösung von Energieproblemen propagiert. Und was hat man
gesehen? Atomkraft als Lösung für die Energieprobleme ist heute das
Ausgangsproblem. Jetzt beschäftigen wir uns gerade mit dem Lösen des Problems
der angeblichen Problemlösung. Und so geht das immer weiter.

Was braucht man für Fähigkeiten, um sich mit anderen Menschen anderer Kulturen,
Sprachen notgedrungen angesichts derselben Problematiken zu vergesellschaften,
sich zusammen zu tun? Wie wird man ein Weltbürger? Wie wird man psychisch
stabil, um nicht Spiritisten, um nicht Verführern oder Ideologien ins Netz zu gehen,
sondern zu sagen: Redet uns nie mehr von Problemlösung, sagt uns, wie man
intelligent damit umgeht, dann können wir mit euch verhandeln. Erzählt uns nicht, ihr
könntet mit Macht, mit Militär, mit Geist oder was auch immer die Welt in eine euch
nützlich erscheinende Weise verwandeln, so dass es bequem, paradiesisch und
mühelos läuft. Das ist alles ausgeschlossen. Und das ist das Programm unseres
Profibürger-Studienganges: Diplom-Patient, Diplom-Konsument, Diplom-Rezipient,
Diplom-Gläubiger, Diplom-Wähler.
Mit dem Profibürger beleben wir wieder den Gedanken der Akademien. In der alten
Akademie-Zeit, sagen wir mal 17. Jahrhundert in Frankreich, gab es viele intelligente
Leute, die sich aus der Universalsprache Latein auf ihre Regionalsprachen, auf ihre
Muttersprache verlegten. Man befreite sich, kam zurück zur Muttersprache, hatte
eine unglaubliche Kapazitätsentfaltung im Wissen und im Können und machte die
betrübliche Feststellung, was nützt es denn, wenn in London 700 Leute interessante
Dinge schreiben können, wenn keine Leser da sind. Wir gründen also eine
Akademie, in der alle Teilnehmer sich wechselseitig garantieren, dass du schreibst,
würdige ich, weil ich lese, was du schreibst. Alle Mitglieder haben sich wechselseitig
die Versicherung abgegeben, durch das Sehen, Zuhören, Lesen die Sinnhaftigkeit
von Musizieren, von Malen oder Schreiben zu garantieren.
Das ist heute wieder der Fall. Überall wird nur gepinselt, überall wird nur geschrieben
– wo sind die Leser? Selbst Fachzeitschriften in den USA wie „Science“, „Nature“
und andere klagen darüber, dass niemand mehr die Kurzfassung der Artikel liest,
geschweige denn die Langfassung. Man liest sie nur, um sie patentrechtlich
auszubeuten oder andere Leute zu hintergehen und deren Eigentum für sich selbst
zu nutzen. Das ist der einzige Grund. An intellektuellen Prozessen ist kein Mensch
mehr interessiert. Es wird also nicht mehr gelesen.
Die Profibürger-Versammlung ist die Versammlung, in der alle Beteiligten sich
wechselseitig garantieren: Wenn unsere Teilnehmer Schreiber sind, garantieren wir
die Sinnhaftigkeit ihres Schreibens, weil wir lesen, was sie schreiben; wenn es
Komponisten sind, gehen wir zu den Konzerten, weil wir uns darauf vorbereiten, auf
gleiche Weise dem entsprechen zu können, was der Komponist als Hersteller gelernt
haben muss. Das Gleiche haben wir gelernt, um sinnvoll hören zu können.
Also ist die Bürgerversammlung im Sinne dieser Profibürger-Auffassung eine
Akademie von den Leuten, die sich auf empathischem Wege wechselseitig
garantieren, dass das, was man tut, sinnhaft ist.
Ich möchte den Profibürger kurz am Beispiel des kompetenten Patienten erläutern:
Jeder weiß, wie ungeheuer wichtig seine Fähigkeit ist, den Aufenthalt in einer Klinik
zu überstehen. Sonst kommt er nämlich kränker aus dem Krankenhaus zurück, als er
reingegangen ist. Das werden heute sogar die Krankenkassen und die Klinikärzte
selbst bestätigen. Jeder kennt ja die große Gefahr, sich im Krankenhaus mit Keimen
anzustecken, also benötigen wir Patienten, die diese Gefahr kennen und die mit
aufpassen, dass sie sich nicht anstecken. Das heißt, der Patient trägt Verantwortung
für das, was mit ihm geschieht. Rechtlich ist das sowieso der Fall, denn wenn ich in
die Klinik eingeliefert werde, muss ich unterschreiben: Hiermit übernehme ich (in
rechtlicher, d. h. finanzieller Hinsicht) die Verantwortung für das, was man mit mir
macht.
Der für sich selbst verantwortliche Patient, das ist eine ungeheure Zumutung für die
meisten Zeitgenossen, die deswegen völlig überwältigt sind und natürlich gerne sich
in die Obhut der Ärzte geben wollen, vertrauensvoll, das ist auch alles verständlich.
Aber die Ärzte haben nicht mehr die Zeit, sie haben aufgrund der
Abrechnungsverordnungen, aufgrund der Dienstvorschriften, aufgrund der
Arbeitsablaufprozesse gar nicht mehr die Möglichkeit, sich ans Bett des Patienten zu
setzen und jemandem 20 Minuten die Hand zu streicheln, damit der zu sich selbst
und zu seinem Zustand wieder Zutrauen bekommt, weil er sieht, dass andere sich
bemühen und sagen, es ist noch Hoffnung da. Das gibt es eben nicht mehr. Also
muss man das selbst in die Hand nehmen.
In unserem Ausbildungsprogramm durch zwei Klinik-Chefs aus Aachen wird das
Modul „Der kompetente Patient“ besonders nachgefragt: Wie werde ich ein
mündiger, d. h. professioneller Bürger? Mündig im Sinne von „ich kann das
beurteilen“, Profi im Sinne von: ich kann sagen „Halt, Sie sollen nicht mit dem
gleichen Tuch die Leiste am Fußboden aufwischen wie meinen Patiententisch“.
Und sobald der Patient anfängt, in seinem eigenen Interesse sich verantwortlich zu
fühlen für das, was da abläuft, ändert sich die Lage.
Und jetzt komme ich zu einem ganz wichtigen Stichwort unseres Projekts: es geht
um Aufklärung, Selbstbestimmung, und es geht auch um die Einsicht, dass wir uns
nicht nur rational verhalten, sondern auch irrational. Rationalität ist das Wissen um
die Grenzen des eigenen Erkenntnisvermögens. Wenn ich Grenzen meines eigenen
Aussageanspruchs setze, erzeuge ich gleichzeitig das Jenseits der Grenze ganz
automatisch. Es ist mit dem Begriff der Grenze verbunden, dass, wenn ich diesseits
der Grenze rational argumentiere, notwendigerweise die andere Seite in den Blick
bringe, nämlich die Irrationalität. Mit anderen Worten: Der westliche Rationalismus ist
derjenige, der einen vernünftigen Gebrauch von der Orientierung auf das Irrationale
ermöglicht. Rationalität erzeugt Irrationalität als Komplementarität, nicht mehr als
dialektische Vermittlung. Das steckt ebenfalls in unserem Projekt, die Ablösung von
der einseitigen Rationalität.
Man muss also als Welt-Bürger lernen: Wir im Westen sind nicht nur rational, alle
anderen sind irrational, sondern wir müssen die andere Seite der Rationalität
entdecken, unsere Wut, unsere Emotionen, unsere Liebe. Wenn die Eltern der
Tochter sagen: „Mein Kind, Du willst diesen Idioten heiraten? Der hat keine
Ausbildung, der hat noch nicht mal die Mittlere Reife geschafft, der hat kein Haus,
kein Vermögen. Warum heiratest Du den? Das ist völlig unsinnig zu heiraten, denn
heiraten ist eine soziale Bindungsform mit bestimmten kalkül-strategischen
Überlegungen, Kosten-Nutzen-Rechnung etc.“ Dann sagt die Tochter: „Siehst Du,
Mutter, Du hast völlig recht: Er hat nichts, er kann nichts, er weiß nichts. Und wenn
ich mich ihm hingebe und binde, dann ist das genau der Ausdruck des Jenseits des
Kalküls, der Ausdruck der Absurdität im religiösen Sinn oder der Liebe im christlichen
Sinne.
Die Bürger müssen lernen, Aufklärung im wahren Sinne – vorkantisch sozusagen –
oder nachkantisch zu sehen, denn Hegel hat diesen Einwand Kant gemacht: „Lieber
Kant, wenn du die Grenzen der menschlichen Erkenntnis festlegst, erzeugst du
zwangsläufig das Jenseits der Erkenntnis.“ Die wahre Aufklärung heißt, wer auf
Rationalität besteht, muss lernen, einen vernünftigen Gebrauch von der Unvernunft
zu machen.
Das ist grundlegend für die Bürgerakademie, für die Ausbildung des Profi-Bürgers. Er
ist deswegen professionalisiert. Er ist in der Lage, mit sich selbst als Gegenstand
seines eigenen Handelns umzugehen. Das nennt man Reflexivität. Er hat ein
wohlverstandenes Interesse an sich selbst, denn er will lernen, sich selbst zu
würdigen, und dazu muss er anderes würdigen können, dazu braucht er gewisse
Kenntnisse und Vorgaben. Dazu gehört auch das Wissen, dass es jenseits der
Rationalität auch das Irrationale gibt, erst beides macht uns zu Weltbürgern, die sich
nicht mehr als angeblich rationale Wesen von anderen angeblich irrationalen
Kulturen abschotten.
***


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