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SWR2 Wissen - Aula - Wilhelm Vossenkuhl: Geistesblitze und Neuronen . Wie erklärt die Hirnforschung das Denken
Autor und Sprecher: Professor Wilhelm Vossenkuhl *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Donnerstag, 6. Januar 2011, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen. Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

ÜBERBLICK
Die Neurowissenschaften reklamieren für sich eine Dominanz als neue Leitdisziplin, die selbst so subjektive Vorgänge wie das Empfinden oder das Denken auf neurologische und damit biochemische Vorgänge im Gehirn zurückführen kann. Das beinhaltet immer wieder die Gefahr des Reduktionismus, weil die Komplexität menschlicher Erfahrungen und Handlungsweisen damit nicht erfasst werden kann. Das zeigt sich besonders beim Thema "Denken": Hier stößt die Neurowissenschaft trotz neuer bildgebender Verfahren immer wieder an ihre Grenzen.
Wilhelm Vossenkuhl, Professor für Philosophie an der LMU in München, zeigt, warum das Denken niemals mit naturwissenschaftlichen Methoden beschreib- und erklärbar ist.

* Zum Autor:
Wilhelm Vossenkuhl, geboren 1945, studierte Philosophie, Neuere Geschichte und
Politikwissenschaft in München. 1972 Promotion zum Dr. phil. an der Universität
München;1980 Habilitation. Seit 1993 hat Vossenkuhl den Lehrstuhl für Philosophie
1 an der LMU in München inne. Schwerpunkte: Praktische Philosophie und
Handlungstheorie, Grundlagen der Ethik, Philosophie der Sozialwissenschaften,
Theorie der Rationalität.
Buchauswahl:
- Philosophie für die Westentasche. Piper
- Die Möglichkeit des Guten. Ethik im 21. Jahrhundert. Beck
- Ludwig Wittgenstein. becksche reihe denker
- Stammzellenforschung und therapeutisches Klonen (zusammen m. Oduncu u.a.).
Vanderhoek & Ruprecht

INHALT
___________________________________________________________________
Ansage:
Mit dem Thema: „Geistesblitze und Neuronen – die Hirnforschung und das Denken“.
Das Denken ist eigentlich eine Tätigkeit, ein Phänomen, das zu den klassischen
Feldern der Philosophie gehört. Seit über 2000 Jahren denken die Denker über das
Denken nach. Aber es gibt auch eine harte naturwissenschaftliche Disziplin, die sich
in den philosophischen Diskurs einmischt, gemeint sind die Hirnforscher, die mit
Philosophen im regen Dialog stehen, die sich auch ums Denken kümmern und mit
vielen Experimenten einige Theorien und Konzepte der Geisteswissenschaftler
bestätigen konnten.
Wilhelm Vossenkuhl, Professor für Philosophie an der LMU in München, zeigt im
Folgenden, wo und wie sich Hirnforschung und Philosophie überschneiden.
Wilhelm Vossenkuhl:
Die Philosophie hat von alters her darüber nachgedacht: Was denken wir eigentlich.
Das war eine zentrale Frage. Parmenides, ein Grieche und einer der ersten großen
Philosophen, hat ganz klar festgestellt: Denken und Sein ist dasselbe. Das bedeutet,
wir denken das, was ist.
Völlig getrennt von der Frage „was denken wir“ sind die Fragen „wie denken wir“ und
–da wären wir schon bei den Neurowissenschaften – „wer oder was denkt in uns, mit
unserem Gehirn“. Das sind drei sehr unterschiedliche Fragen: Was denken wir? Wie
denken wir? Und wer oder was denkt?
Parmenides meinte, wir denken einfach das, was ist. Die Frage, was wir denken,
steht also im Vordergrund. Alles, was nicht ist, können wir auch nicht denken. Diese
These lässt sich natürlich leicht in Zweifel ziehen, denn wir denken natürlich auch
Dinge, die es gar nicht gibt: goldene Berge, Einhörner, Weihnachtsgeschenke, die
wir uns gewünscht, aber dann doch nicht bekommen haben, usw.
Platon hat deswegen das Thema deutlich vertieft, indem er die Frage „wie denken
wir eigentlich“ beantwortete mit „dem Vermögen der Seele“. Also es ist eine Art von
Tätigkeit. Er dachte natürlich nicht an das menschliche Gehirn oder an die
Zirbeldrüse oder etwas Ähnliches. Nein, er dachte an die Tätigkeit der Seele, eine
Seele, die uns bei unserer Geburt zugeteilt wird, die zu uns kommt und, wenn wir
sterben, auch wieder geht, die aber unsterblich ist. Tätigkeit der Seele bedeutet, die
Seele denkt in gewisser Weise in uns. Es ist ein moderner Gedanke, wenn man statt
Seele Gehirn sagen würde.
Aristoteles wiederum war der Ansicht, dass wir mit Hilfe von bestimmten Begriffen
denken. Er hat eine Theorie, ein Denken des Denkens, entwickelt. Eine Theorie, die
neben der sinnlichen Erkenntnis auch die seelische und praktische Erkenntnis
thematisiert hat. Theoretisches Erkennen durch Schlussfolgerungsverfahren –
Syllogismen.
Wenn wir einen großen Sprung machen in die frühe Moderne zu René Descartes,
dann stellen wir fest, dass sich die Fragestellungen, was und wie wir denken, schon
wieder deutlich geändert haben. Descartes nahm zunächst eine skeptische Haltung
ein. Er meinte, wenn wir überhaupt über die Welt nachdenken, könnten wir uns doch
eigentlich immer irren, wir könnten ständig vielleicht einem „Ungeist“ aufsitzen und
meinen, dass wir etwas denken, aber letztlich doch nichts wirklich. Daraufhin hat er
einen Test gemacht, um herauszufinden, was wir tatsächlich und sicher denken
können. Die Gewissheitsproblematik taucht hier auf. Descartes kommt zu dem
Schluss, das einzige Gewisse, was wir denken, ist eigentlich folgendes: Ich denke
oder ich zweifle – also all das, was nicht mehr weiter auf irgendetwas anderes
reduziert werden kann.
Von da aus geht die Post eigentlich Richtung Subjektivitätstheorien des Denkens ab.
Kant hat die Descarte’sche Grundposition sehr stark vertieft und noch deutlicher
gemacht, was wir eigentlich tun, wenn wir denken, wenn wir mit Hilfe von Begriffen
denken. Er ist der Ansicht, dass das, was von der Außenwelt auf uns einströmt,
dieses mannigfaltige Unübersichtliche, durch unsere Begriffe geordnet, strukturiert
und dann schließlich beurteilt wird. Wir bilden Synthesen. Wir bilden Synthesen
übrigens auch nach Ansicht der Neurowissenschaften. Natürlich hat Kant ein
bisschen etwas anderes gemeint, aber die Assoziation, die Intuition, die er hatte, ist
heute durchaus von den Neurowissenschaften bestätigbar. Es ist also gar nicht
schlecht, was Kant dachte: Es geht um Synthesen.
In der neuesten Moderne haben Philosophen, auch gestützt auf einen Fast-
Zeitgenossen von Kant, auf den schottischen Philosophen David Hume, wie Edmund
Husserl und Rudolf Carnap, gemeint, Denken ist eigentlich Vergleichen. Das ist
schon ein Gedanke von Hume gewesen, ist aber von Husserl und Carnap noch
einmal vertieft worden.
Das sind eine ganze Menge interessanter Vorschläge zu den Fragen, was und wie
wir denken. Aus heutiger Sicht, mit den Informationen, die uns die
Neurowissenschaften geliefert haben, können wir natürlich auch die Frage stellen,
kann man denn Denken überhaupt erklären. Sie werden sich vielleicht wundern und
sagen, warum denn nicht. Das Problem ist, erklären kann man eigentlich nur etwas,
was unterschieden werden kann Richtung Erklärendem und Zu-Erklärendem. Man
spricht in der Theoriebildung von Explanans (das Erklärende) und Explanandum (das
zu Erklärende). Wenn man beides vermischt – und das wäre ja der Fall, wenn man
mit dem Denken über das Denken nachdenkt und Erklärungen abgeben will – wäre
man in einem Zirkel gefangen, der selbst gar nichts erklärt.
Zirkuläre Erklärungen, das wusste schon Aristoteles, sind also eigentlich unsinnig.
Sie erklären nichts, man bildet sich ein, man würde etwas erklären, tut es aber nicht.
Die Neurowissenschaften wollen schon etwas erklären, sie wollen die Funktionen
unseres Gehirns erklären und Explanans und Explanandum deutlich trennen. Das
funktioniert auf verschiedene Weisen. Man könnte zum Beispiel annehmen, es gibt
Mechanismen des Denkens, die auf der Basis des neuronalen Geschehens im
menschlichen Gehirn ablaufen. Es gibt in diesem Gehirn 100 Milliarden Neuronen –
das ist schon eine ganze Menge, und jedes Neuron ist mit jedem anderen
verbunden, eines mit 10.000 anderen auf einmal, das ist eine völlig unübersichtliche
Menge an Verbindungen, man wundert sich natürlich nicht, was manchmal beim
Denken alles so rauskommt. Aber zurück zum Ernst der Lage: Die komplexen
Funktionen, die durch diese Neuronen zustande kommen, könnte man von unten
nach oben, „bottom up“, wie man so schön sagt, erklären. Man könnte sagen, die
Strukturen des Gehirns erlauben es irgendwann einmal, wenn man genügend weiß,
zu erklären, wie die komplexen Zusammenhänge des Denkens, zum Beispiel das
Farbensehen usw., zustande kommen.
Über das Farbensehen, das Hören und Schmecken wissen wir neuronal betrachtet
schon eine ganze Menge, mehr als die Philosophie je darüber in Erfahrung bringen
konnte. Also es existiert durchaus Hoffnung, dass mit Hilfe der Neurowissenschaften
der Blick ins Denken selbst vertieft werden kann. Aber auch das, was die
Neurowissenschaften tun, wenn ich sie mal alle in einen Topf werfen kann, ist doch
letztlich auch eine Art von erklärendem Denken, eine nicht völlig zirkelfreie Art von
Erklärungstätigkeit: denkend über das Denken etwas herausfinden. Denn natürlich
weiß jeder Neurowissenschaftler, wenn er erklärt, was es heißt, gelb von grün oder
blau zu unterscheiden. Er weiß natürlich schon, was gelb, grün oder blau ist. Das
sind Farben. Und er hat ungefähr eine Vorstellung, wie diese Farben aussehen. Also
wird er wohl schon mit dem Wissen, was grün, gelb, blau ist, an seinen Laborversuch
herangehen, wenn er feststellen will, welcher Teil unseres Gehirns mit Farbensehen
zu tun hat. Nichts desto weniger haben wir heute durch die bildgebenden Verfahren
die Chance, eine Menge deutlich zu machen, zumindest im Ansatz. Und wir haben
von daher auch die Möglichkeit, ein bisschen mehr zu erfahren über das, was wir so
tun, wenn wir denken.
Was haben uns die Neurowissenschaften zu sagen? Die Neurowissenschaften
haben nicht so angefangen, wie ich das vielleicht suggeriert habe. Anfangs
beschäftigten sich sie sich mit dem Gehirn, und zwar mit dem verletzten Organ. Die
Neurowissenschaften haben angefangen, das Gehirn zu verstehen, indem sie sich
mit Menschen beschäftigt haben, die an Hirnläsionen litten. Da gibt es ganz
berühmte Beispiele, und einige dieser Beispiele wurden von Forschern zum Anlass
genommen, etwas über bestimmte Hirnpartien herauszubekommen, je nachdem
welche Teile des Gehirns verletzt waren. Wir alle kennen Menschen oder haben
zumindest von ihnen gehört, die einen Hirnschlag hatten, die nicht mehr sprechen
konnten und erst mühselig, nach langer Zeit, wieder in der Lage sind, das Sprechen
zu lernen. Konnten sie, bevor sie wieder sprechen lernten, denken? Ja,
wahrscheinlich. Aber sie konnten die Worte, die sie gedacht haben, mit den Worten,
die sie sprechen wollten, nicht in Einklang bringen – durch die Verletzung des
Gehirns.
Andere Forscher haben das Spektrum ihrer Forschungen weit ausgedehnt und
gefragt, was haben das Denken und das Gehirn mit den kulturellen Lernprozessen
über die vielen Generationen der Menschen hinweg miteinander zu tun? Welche
Leistungen erbringt das Gehirn im Hinblick auf den kulturellen Lernprozess? Ist der
kulturelle Lernprozess nicht einer der erstaunlichsten Leistungen des menschlichen
Gehirns?
Um herauszufinden, was die Philosophie und den Neurowissenschaften einander zu
sagen haben, könnte man mal versuchsweise die Bereiche mit einer imaginären
Trennlinie strukturieren. Man könnte sagen, die Neurowissenschaften thematisieren
mit sehr viel Erfolg den so genannten subpersonalen Bereich. Das ist ein schönes
Wort für etwas sehr Kompliziertes: All das, was wir nicht wirklich bewusst an
Leistungen mit unserem Gehirn erbringen, nennt man heutzutage etwas salopp
subpersonal. Wir wissen nicht genau, wie unsere Gefühle, Empfindungen, all das
tiefe Rauschen in uns unser bewusstes Denken beeinflusst. Man könnte sagen,
dieser eine große Kompetenzbereich, das Unbewusste, ist ein Bereich der
Neurowissenschaften, die nehmen heute an, dass das Bewusstsein nur ein ganz
kleiner Teil im menschlichen Gehirn ist, bedeutsamer ist das Unbewusste.
Und dann bliebe natürlich das bewusste Denken für die Philosophie übrig. Aber die
Tatsache, dass das eine mit dem anderen Ende verkoppelt ist, bringt uns
notgedrungen in eine Arbeitsgemeinschaft mit den Neurowissenschaften. Als
Philosoph möchte man natürlich unbedingt die Leistungen der Philosophie in den
Vordergrund stellen. Aber wir müssen bescheiden bleiben und sehen, wir können
eine ganze Menge von den Neurowissenschaften lernen. Wir können zum Beispiel
lernen, dass vieles von dem, was einige Philosophen, die ich vorhin genannt habe,
zum Beispiel Kant oder Descartes, als A priori, also als vor aller Erfahrung gegeben,
charakterisiert haben, von den Neurobiologen heute schon erklärt werden kann. Die
Leistungen des Gehirns – und hier sind wir schon bei der dritten Frage angelangt
"was denkt“ –, die wir bewusst gar nicht wahrnehmen, sind inzwischen von der
Neurobiologie ganz gut analysiert worden. Da gibt es interessante Dinge, die sehr
viel mit dem zu tun haben, was zumindest seit Descartes als ein A priori
gekennzeichnet wurde: die angeborenen Ideen („ideae innata“), klare und deutliche
Ideen, Begriffe von Dingen.
Neurobiologen sprechen natürlich nicht mehr von angeboren oder vom A priori. Sie
sagen, weil das Gehirn eine mehrere 100 Millionen Jahre lange Entwicklung hatte,
gibt es eine Art von Phylogenese, also eine Entwicklungsgeschichte, die völlig
unabhängig von der Ontogenese, von der Struktur des individuellen Gehirns, das Sie
und ich haben, zu betrachten ist. Diese Phylogenese ist also das, was diesen großen
Pool an subpersonalen Leistungen erbringt oder erklärt, über den wir verfügen. Und
da klingt das, was uns die Neurobiologen sagen, ganz ähnlich wie das, was uns Kant
oder Descartes oder andere Philosophen auf ihre Weisen erklärt haben. Die
Neurobiologen sagen nämlich, dass das Gehirn – man höre und staune – Objekte
konstruiert, also zum Beispiel Umrisse, Gesichter, Gegenstände. Das Gehirn
konstruiert diese Objekte nach strikten Regeln. Ähnliches sagt auch Kant. Natürlich
sind das keine Regeln, die wir uns bewusst geben. Nein, diese Regeln haben sich im
Laufe der vielen Entwicklungsstufen des menschlichen Gehirns gebildet.
Manche Dinge können wir mit Erstaunen auch selber im Versuch feststellen. Zum
Beispiel: Licht kommt von oben. Da denkt man, wir können uns doch gut vorstellen,
eine Lampe am Boden anzubringen, und dann kommt das Licht eben von unten.
Nein, wenn wir Gegenstände sehen, betrachten wir das Licht immer so, als ob das
Licht von oben käme. Ganz erstaunlich. Unser Gehirn macht das von selbst.
Oder: Unsere Netzhaut (Retina), die in unserem Auge für das Sehvermögen
zuständig ist, bezieht sich immer nur auf einen kleinen Ausschnitt unseres Seefelds.
Vieles von dem, was wir aber bewusst sehen, liegt außerhalb dieses kleinen Feldes.
Was macht das Gehirn? Die Neurobiologen sagen, das Gehirn ergänzt das
eingeschränkte Sehfeld: was wir nicht sehen, wird einfach vom Gehirn ergänzt. Wir
sehen Menschen und darum herum Pflanzen, Bäume, Gebäude usw. und wir bauen
das alles zusammen, ohne dass wir bewusst dieses ganze komplexe Bild
wahrnehmen. Unser Gehirn hat gelernt, Bilder selbstständig zu vollenden.
Dabei kann es aber Fehler geben. Das Gehirn bildet nämlich aus dem
zweidimensionalen Gesehenen Dreidimensionales ab. Sie kennen diese
Zeichnungen von Escher, die so aussehen, als würden wir ununterbrochen eine
Treppe hinauf und gleichzeitig eine Treppe hinunter gehen. Unser Gehirn ergänzt,
ohne dass wir das wollen oder beeinflussen könnten, dieses zweidimensionale Bild
und macht es dreidimensional; und wenn es dreidimensional wird, dann wird es
plötzlich inkohärent und verwirrend. Es gibt viele ähnliche
Wahrnehmungstäuschungen. Täuschungen, die nur deswegen zu Stande kommen,
weil unser Gehirn selbstständig etwas tut, ohne dass wir es wollen. Im Normalfall
jedoch konstruiert es ein zusammenhängendes kohärentes Bild von der Wirklichkeit
ab.
Also Licht kommt von oben, die Welt ist für uns stabil, Verdecktes gehört zusammen
– das sind von uns nicht beeinflussbare Konstruktionsweisen. Wenn Sie zum
Beispiel in Italien die wunderschönen Marmorböden aus weißen und schwarzen
geometrischen Marmorfiguren betrachten, dann stellen Sie etwas ganz
Merkwürdiges fest, nämlich dass die Böden zweidimensional und manchmal
dreidimensional sind. Das Bild scheint hin und her zu springen. Oder der berühmte
Hasen-Enten-Kopf. Sie können sich das vielleicht, wenn ich das so erzähle, nicht so
recht vorstellen. Den Hasen-Enten-Kopf finden Sie in Ludwig Wittgensteins
philosophischen Untersuchungen. Das Bild springt hin und her, mal sehen Sie einen
Hasen-, mal einen Entenkopf.
Also unsere Hirnleistungen sind von uns nicht in jeder Hinsicht kontrollierbar. Die
Neurowissenschaften zeigen, dass man mit guten Gründen davon sprechen kann,
dass das Gehirn denkt, auch wenn das nicht so richtig in unser Sprachspiel passt.
Denn in unserer Sprache ist es immer ein Subjekt, eine Person, die denkt, und nicht
etwas, das denkt. Aber wir müssen uns eben einfach angewöhnen, dass das Gehirn
tatsächlich etwas tut, dass es etwas mit uns veranstaltet, egal ob wir wollen oder
nicht. Wieviel es tut, was genau – da werden wir noch eine ganze Menge dazu
lernen müssen. Also die phylogenetische Entwicklung unseres Gehirns deckt diesen
großen Kompetenzbereich der Neurobiologie ab, den wir folgendermaßen
beschreiben könnten: Erklärt wird, was uns bewusst nicht zugänglich ist, das so
genannte Subpersonale. Und das wiederum hängt mit dem, was wir bewusst tun, in
enger Weise zusammen.
Man würde natürlich gerne noch ein bisschen mehr erfahren. Wir haben gelernt,
dass ein Großteil dessen, was wir bisher mit a priori oder angeboren bezeichnet
haben, a posteriori aus der Perspektive der Wissenschaften erklärt werden kann und
Explanans und Explanandum deutlich unterschieden werden. Der Zirkel ist hier
vermieden.
Ich habe vorhin die bildgebende Verfahren erwähnt. Im Englischen heißt das sehr
schön: functional magnetic resonance imaging – abgekürzt FRMI. Das lesen Sie
heute in vielen Artikeln in großen Tageszeitungen, leider nicht immer gut erklärt.
Diese bildgebenden Verfahren kann man dazu benutzen, um festzustellen, was
Menschen, die etwas lesen, die sprechen, die etwas sehen oder hören, in ihrem
Gehirn an Leistungen erbringen. Sichtbar gemacht wird der Sauerstoffverbrauch des
Gehirns im Moment der Aktivität.
Wir springen also jetzt von der Phylogenese in die Ontogenese. Mit den
bildgebenden Verfahren werden aufschlussreiche Versuche gemacht mit Personen,
die am so genannten Locked-in-Syndrom leiden. Das sind ethisch sehr interessante
Versuche, denn diese Menschen können nicht kommunizieren, sie können nicht auf
Fragen antworten, sie können auch nicht deutlich zu erkennen geben, dass sie etwas
verstanden, gehört haben. Meist sind ihre Augen geöffnet und sie vermitteln dadurch
auf den ersten Blick den Eindruck, als seien sie wach bei Bewusstsein. Aber sie sind
es nicht, vielleicht schlafen sie. Bildgebende Verfahren haben nun Erstaunliches
festgestellt: Wenn diese Menschen etwas vorgelesen bekommen oder sie gebeten
werden, sich etwas vorzustellen, werden in ihnen die gleichen Hirnregionen aktiv wie
beim gesunden Menschen. Die Neurowissenschaften zeigen also etwas ethisch
Interessantes, nämlich dass diese Personen, die scheinbar für immer bis zu ihrem
Tod in sich eingeschlossen sind, doch denken, in einer bestimmten Hinsicht
jedenfalls.
Was genau, das können wir natürlich nicht sagen. Wir können nicht in Gedanken
hineingucken. Das war übrigens etwas, was schon Leibniz festgestellt hat. Wenn wir
uns unser Gehirn einmal riesengroß vorstellen, so dass wir in es hineingehen und es
von innen betrachten könnten, könnten wir beobachten, wie die Neuronen feuern.
Doch Gedanken könnten wir keine lesen. Das gilt natürlich genauso für Locked-in-
Patienten. Auch ihre Gedanken können wir nicht lesen. Wir können überhaupt keine
Gedanken lesen, da können Sie ganz sicher sein.
Die Erkenntnisse der Neurobiologie geben uns Möglichkeiten an die Hand, durchaus
auch in ethischer Weise eine Veränderung in unserer Beurteilung von Krankheiten
herbeizuführen. Denn noch immer sind viele der Meinung, dass man Menschen, die
an dem Locked-in-Syndrom leiden, doch sterben lassen sollte, weil sie angeblich
nicht denken.
Wieder zurück zum Verhältnis Philosophie-Neurobiologie: Das ist ein neues
Verhältnis, bei dem beide Disziplinen voneinander lernen können. Ich habe sehr viel
von dem, was die Philosophen von der Neurobiologie lernen könnten, angesprochen,
aber auch das Umgekehrte ist der Fall. Die Neurobiologen sind, jedenfalls die, die ich
kenne, begierig zu wissen, was die Philosophen zu den so genannten A prioris oder
angeborenen Leistungen gesagt haben. Ist das nicht etwas, was hilfreich sein könnte
für die Strukturierung etwa von Laborversuchen?
Es zeichnet sich eine Arbeitsteilung zwischen Neurobiologie und Philosophie ab, die
etwa darauf hinausläuft, dass Bereiche des Bewussten und des nicht Bewussten
oder des Phylogenetischen und des Ontogenetischen zusammenführt werden. Denn
– und da treffen sich die Linien – wir wollen doch etwa wissen, wie das menschliche
Gehirn funktioniert, wie es lernt. Das ist nicht nur wichtig für die so genannten
normalen Menschen, sondern auch vor allem für die, die durch Gehirnschläge oder
andere Unglücksfälle verlernt haben zu sprechen. Das Lernen ist das große Feld, auf
dem Neurobiologie und Philosophie wirklich zusammenkommen.
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