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SWR2 Wissen - Aula - Thomas Metzinger: Das letzte Rätsel der Philosophie. Was ist das Bewusstsein (1)
Autor und Sprecher: Prof. Thomas Metzinger *
http://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/metzinger_dt.html  
http://www.mentis.de/index.php?id=00000034&article_id=00000028&category=&book_id=00000413&key=metzinger  
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 21. Oktober 2007, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

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ÜBERBLICK
Keine andere Teildisziplin der Philosophie hat in den letzten Jahrzehnten eine so stürmische Entwicklung durchlaufen wie die Philosophie des Geistes. Die aktuelle Diskussion beschränkt sich dabei auf die Frage, was ist das phänomenale Bewusstsein, wie kann man es aus philosophischer Sicht beschreiben, aus welchen Elementen setzt es sich zusammen, warum finden es viele Menschen so aufregend und mysteriös zugleich? Thomas Metzinger, Professor für Philosophie an der Gutenberg-Universität in Mainz, fragt im ersten Teil, warum das Bewusstsein für Philosophen ein Rätsel ist.

ZUM AUTOR
Thomas Metzinger
geboren 1958, Studium der Philosophie, Ethnologie und Theologie in Mainz, Magisterarbeit über Rationalismus und Mystik, danach Promotion mit einer Arbeit über das Leib-Seele-Problem. 1992 Habilitation im Fach Philosophie, 1997 - 98 Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg in Bremen-Delmenhorst, ab 2000 Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Mainz. Forschungsschwerpunkte: Philosophie des Geistes, Künstliche Intelligenz und verwandte Bereiche, Ethik.

BÜCHER
Grundkurs Philosophie des Geistes (Hrsg)., 3 Bände, Mentis Verlag.
Band 1: Phänomenales Bewusstsein.
Band 2: Das Leib-Seele-Problem.
Band 3 : Intentionalität und mentale Repräsentation.
Being No One. The Self-Model Theory of Subjectivity. Cambridge mit press.
Neuere Beiträge zur Diskussion des Leib-Seele-Problems. Lang.
Subjekt und Selbstmodell. Mentis.
Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie (Hrsg.). Mentis.

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INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Das letzte große Rätsel der Philosophie – was ist das Bewusstein“.

Der Mainzer Philosoph Professor Thomas Metzinger startet heute mit dem ersten Teil seiner insgesamt dreiteiligen Reihe über das Bewusstein. Zwar gibt es dazu gerade im Rahmen der Philosophie des Geistes viele neue Aspekte, Gedanken, Interpretationen, Sichtweisen, es gibt auch gerade seitens der Neurowissenschaften interessante neue Forschungsergebnisse, doch summa summarum bleibt das Bewusstein rätselhaft, und es ist äußerst schwer, es auf phänomenologischer Ebene zu beschreiben. Natürlich: Jeder Mensch hat ein Bewusstein, er empfindet Schmerz, Freude, Leid, er ist sich selbst gewiss, er ist sich selbst bewusst. Dennoch kann man diese Eigenschaften immer nur subjektiv beschreiben, sie scheinen sich dem objektiven Blick zu verweigern. Darum geht es um ersten Teil, in dem Thomas Metzinger seine Thesen erläutert.


Thomas Metzinger:

Meine These ist, dass es sich beim Bewusstseinsproblem nicht um ein einziges Problem handelt, sondern – sowohl auf philosophischer als auch auf empirischer Ebene – um ein ganzes Bündel von Fragen, die man sorgfältig auseinanderhalten muss. Beginnen wir deshalb gleich mit dem ersten einer kleinen Reihe von Gedankenexperimenten, die ich benutzen möchte, um Ihnen zu verdeutlichen, was es heißt, dass Bewusstsein sowohl ein begriffliches, als auch ein phänomenologisches und ein erkenntnistheoretisches Problem ist. Eine seriöse philosophische Untersuchung muss nämlich ein wohldefiniertes epistemisches Ziel besitzen. Das bedeutet, dass wir bereits am Anfang in der Lage sein sollten, deutlich zu sagen, was wir eigentlich wissen wollen, was genau das Erkenntnisziel der Überlegungen sein soll. Das philosophische Problem des Bewusstseins besteht zum Teil darin, dass bereits dieser erste Schritt besonders schwer ist: Was genau ist es eigentlich, das wir wissen wollen? Worin genau besteht das Problem des Bewusstseins? Und wann hätten wir das Gefühl, dass das Problem endgültig gelöst ist?

Nehmen wir einmal an, auf unserem Planeten würden außerirdische Wesen landen, die uns freundlich gesinnt sind und sogar ein Interesse an der Kommunikation mit uns Menschen hätten. Natürlich müssten wir, da diese Wesen das Problem des überlichtschnellen Reisens gelöst hätten, davon ausgehen, dass sie uns in wissenschaftlicher und möglicherweise auch in philosophischer Hinsicht extrem überlegen sind. Der Sprecher der Außerirdischen aber berichtet uns von einem Problem: „Es gibt etwas, das wir nicht verstehen. Wir können Eure Körper und Eure Gehirne auf jeder beliebigen Beschreibungsebene erschöpfend erfassen,“ sagt der extraterrestrische Besucher. „Wir wissen, wie Eure Gehirne aus der Evolution auf diesem Planeten entstanden sind, wir können Eure funktionalen Eigenschaften und den Informationsfluss in Eurem Nervensystem mit einer fast beliebigen Genauigkeit beschreiben und vorhersagen. Auch Eure repräsentationalen Zustände, die Inhalte Eurer kognitiven Prozesse und Eures Selbstmodells geben uns keinerlei Rätsel mehr auf – und sogar das aus diesen Zuständen resultierende Verhalten können wir mit großer Zuverlässigkeit vorhersagen. Ihr jedoch habt Ausdrücke in Eurer Sprache, die wir nicht besitzen: Worte wie „Bewusstsein“, „Erleben“ oder „subjektives Empfinden“. Wir selbst haben all das nicht, und wir können auch nicht verstehen, worauf ihr Euch damit bezieht. Wir haben komplexe repräsentationale Zustände in unserem Geist, genau wie Ihr, aber keine bewussten Erlebnisse; wir sind intelligent und besitzen wesentlich mehr Wissen über die Welt und uns selbst als Ihr, aber so etwas wie „subjektive Empfindungen“ – oder das, was Euch anscheinend so wichtig ist, und was Ihr „Erlebnisse“ oder „die Innenperspektive“ nennt – haben wir nicht. Für uns ist es deshalb vollkommen unverständlich, was Ihr mit dem Ausdruck „Bewusstsein“ eigentlich meint, denn wir benötigen diesen Begriff weder um unser eigenes, noch um Euer Verhalten vorherzusagen. Wir wären Euch deshalb sehr dankbar, wenn Ihr eine Delegation Eurer besten Philosophen zu unserem Raumschiff schicken könntet, damit sie mit unseren Philosophen das Problem genauer erörtern können.“

Eine solche Einladung würde die irdischen Philosophen aus einer ganzen Reihe von Gründen in Schwierigkeiten bringen. Wenn man nämlich über das Problem des phänomenalen Bewusstseins spricht, dann interpretiert man den Ausdruck „bewusst“ immer als ein einstelliges Prädikat, das sich auf eine primitive und nicht weiter analysierbare Eigenschaft von einzelnen geistigen Zuständen oder ganzen Personen bezieht. Was heißt jetzt das? Worum es geht, ist nicht Bewusstsein von etwas, sondern die Bewusstheit als solche. Es existiert aber keine nicht-zirkuläre Definition für diesen Begriff des phänomenalen Bewusstseins. In diesem Sinne scheint die Bewusstheit eine primitive Eigenschaft geistiger Zustände zu sein, die begrifflich irreduzibel ist, weil sie sich nicht einfach in ein Netz von Beziehungen zwischen Entitäten auf einer tiefer liegenden Beschreibungsebene auflösen lässt, einer Ebene zum Beispiel, die sich auf das Gehirn oder die in ihm ablaufende Informationsverarbeitung bezieht. In anderen Worten: Wir können das epistemische Ziel nicht genau benennen, weil wir den Begriff des phänomenalen Bewusstseins (das „Analysandum“) nicht definieren können. Dann aber wird es uns auch schwer fallen, genauer zu sagen, was überhaupt als eine erfolgreiche empirische Erklärung des Phänomens Bewusstsein (also des „Explanandums“) gelten würde. Wir hätten deshalb Schwierigkeiten, den außerirdischen Philosophen zu erklären, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir über unsere bewussten Erlebnisse und die für uns so offensichtliche Tatsache sprechen, dass wir so etwas wie eine subjektive Innenperspektive besitzen.

Bevor wir zum zweiten Gedankenexperiment kommen, lassen Sie mich eine Geschichte aus meinem eigenen Leben erzählen. In meiner Zeit an der University of California in San Diego bin ich manchmal mit Francis Crick, dem Entdecker der DNA, der von 1916 bis 2004 lebte, zum Mittagessen gegangen. Francis Crick war ein herrlicher alter Mann, so wie ich sie liebe, rüde und blitzgescheit, und er hat immer zu mir gesagt: „Wir haben das Problem des Lebens geknackt, und wir werden jetzt das Problem des Bewusstseins erledigen in den nächsten 20 Jahren. Ihr Philosophen habt 2500 Jahre Zeit gehabt. Wenn Ihr einfach einen Beitrag leisten wollt, dann wäre es das Beste, Ihr haltet einfach die Klappe!“

Das zeigt sehr viel über die Beziehung von Hirnforschung und Philosophie des Geistes, es ist aber für uns Philosophen auch immer ganz einfach, solchen Leuten zu begegnen. Ich musste Francis immer nur fragen: „Was genau ist es denn, was Du erklären möchtest? Was ist Dein Explanandum? Kannst Du sagen, wann Du eine genaue Theorie des Bewusstseins hättest, was gilt?“ Durch solche Fragen kann man Neurowissenschaftler dann wieder sehr böse machen und sehr verunsichern, weil das genau das Problem ihrer Disziplin ist: Sie können nicht genau sagen, was es eigentlich ist, das sie erklären wollen.

Die Suche nach einer adäquaten und umfassenden Theorie des Bewusstseins hat seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts eine echte Renaissance erlebt. Die empirischen Wissenschaften vom menschlichen Geist haben sich der Frage nach den physischen Korrelaten und den funktionalen Mechanismen, die dem bewussten Erleben zugrunde liegen, nachhaltig und mit großer Energie zugewandt und diese Entwicklung ist ihrerseits in der Philosophie auf große Aufmerksamkeit gestoßen. „Bewusstsein“ bedeutet dabei heute phänomenales Bewusstsein, also Bewusstsein im Sinne von Erleben und Subjektivität. Es geht damit also um genau jene Aspekte des menschlichen Geistes, die im Grunde nur aus der Innenperspektive heraus zugänglich sind – um das, was in der modernen Philosophie des Geistes auch „phänomenales Erleben“ (phenomenal experience) genannt wird. Viele glauben, dass das menschliche Bewusstsein derzeit die äußerste Grenze unseres Strebens nach Erkenntnis darstellt, weil es Eigenschaften besitzt, die sich dem naturwissenschaftlichen Zugriff auf seine neuronalen Grundlagen aus prinzipiellen Gründen entziehen, und dass es deshalb immer ein weißer Fleck auf der Landkarte der Wirklichkeit bleiben wird, die uns durch das wissenschaftliche Weltbild geliefert wird. Andere halten eine reduktive Erklärung für bewusstes Erleben durchaus für denkbar, da es sich letztlich um ein physikalisches Phänomen mit einer langen biologischen Geschichte handelt. Die Philosophie dagegen fragt, was es eigentlich bedeuten würde, phänomenales Bewusstsein einer Erklärung zuzuführen, was genau es überhaupt ist, das wir wissen wollen, und was die unausgesprochenen Hintergrundannahmen und Probleme der empirischen Theorien sind, die – zum Beispiel aus der Perspektive der Neuro- und Kognitionswissenschaften – tiefer in diesen speziellen Teil der Problemlandschaft vorstoßen wollen. Die Philosophie bietet also eine logische Analyse von Grundbegriffen an, sie fragt nach dem genauen Erkenntnisziel, und sie untersucht in wissenschaftstheoretischer Hinsicht, was es in diesem Sonderfall eigentlich bedeuten würde, das Zielphänomen „Bewusstsein“ mit den Methoden der Naturwissenschaften zu erklären. Außerdem versucht sie, immer genauere und feinkörnigere Beschreibungen dieses Phänomens zu entwickeln. Das Problem des Bewusstseins ist das phänomenologische Grundproblem für philosophische Theorien des Geistes.

Das bringt mich zur zweiten Geschichte – zu Thomas Nagels Gedankenexperiment von der Feldermaus. Der Philosoph Thomas Nagel ist berühmt geworden mit einem Aufsatz, der heißt: „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein“, in dem er dafür argumentiert, dass, um das Problem des Bewusstseins zu lösen, wir sagen müssten, wie es sich anfühlt, zum Beispiel eine Fledermaus zu sein. Fledermäuse haben ganz andere Sinnesorgane als wir, sie haben einen Echolot-Sinn, das heißt, sie stoßen Ultraschall-Schreie aus, und aus dem gehörten Echo dieser hochfrequenten Schreie errechnet das Fledermaus-Gehirn ein Modell der Realität, das der Fledermaus erlaubt zu fliegen, eine kollisionsfreie Flugbahn zu generieren, Insekten zu fangen. Thomas Nagel sagt nun: „Wir können alles wissen über das Fledermaus-Gehirn, was wir wissen wollen: die Algorithmen, nach denen neurokomputational in ihrem kleinen Gehirn die Information verarbeitet wird. Eines werden wir nie wissen: Wie es ist, eine Fledermaus zu sein, weil – technisch gesprochen – die Fledermaus andere sensorische Primitive hat. Sie hat ein Sinnesorgan mit Qualitäten, die wir Menschen nicht kennen. Wenn wir das aber am Ende nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, dann scheitert unsere Theorie schon an den einfachsten Inhalten des bewussten Erlebens.“

Was sind die einfachsten Inhalte des bewussten Erlebens? Wenn man sich einem so komplexen und umfassenden Gegenstandsbereich wie dem phänomenalen Bewusstsein nähern will, dann ist es sinnvoll zu fragen, ob es so etwas wie primitive Bestandteile oder elementare Bausteine innerhalb dieses Gegenstandsbereichs gibt. Existieren solche „phänomenalen Primitive“, grundlegende Bausteine des Bewusstseins, welche sich jeder weiteren Analyse entziehen? Die traditionelle philosophische Antwort auf diese Art von Frage lautet: Ja, primitive Elemente des phänomenalen Raums existieren. Die Bezeichnung für diese Elemente lautet „Qualia“ und ihren paradigmatischen Ausdruck findet man in den einfachen Qualitäten des sensorischen Bewusstseins, zum Beispiel im visuellen Erleben von Röte, in körperlichen Empfindungen wie Schmerzen oder in dem subjektiven Erleben eines Geruchs, wie er zum Beispiel durch die Mischung von Sandelholz und Amber ausgelöst werden kann. Es geht also um die Qualität der Röte in dem Seherlebnis oder um die Schmerzhaftigkeit selbst in der Körperempfindung. Qualia (im Singular das oder ein Quale) sind phänomenale Eigenschaften erster Ordnung. Das bedeutet, dass sie Objekteigenschaften sind und nicht höherstufige Eigenschaften von anderen phänomenalen Eigenschaften. Die Röte ist eine Eigenschaft des gesehenen Apfels in meiner Hand und der empfundene Schmerz ist – dem subjektiven Erleben nach – die Eigenschaft eines bestimmten Körperteils.

Ein großer Teil der philosophischen Fachdebatte der letzten Jahrzehnte hat sich auf Qualia konzentriert. Denn wenn sich schon bei den einfachsten Erscheinungsformen des phänomenalen Erlebens zeigen sollte, dass sie sich begrifflich nicht präzise erfassen oder durch die empirische Forschung einer reduktiven Erklärung (zum Beispiel im Gehirn) zugänglich machen lassen, dann braucht man umfassendere Bewusstseinsinhalte wie ganze Wahrnehmungsgegenstände, das bewusst erlebte Selbst, die Beziehungen zwischen diesem Selbst und Wahrnehmungsgegenständen oder anderen Subjekten in seiner Umgebung oder gar zur Welt als Ganzer überhaupt nicht erst ins Auge zu fassen. In der Tat zeigen sich bereits auf dieser fundamentalsten Ebene des Bewusstseins eine Reihe von hartnäckigen theoretischen Problemen. Erstens sind Qualia private Eigenschaften, denn sie treten als solche immer nur im individuellen Erlebnisraum eines einzelnen Subjekts auf. Möglicherweise sind manche Inhalte des bewussten Erlebens sogar so subtil und flüchtig, dass sie prinzipiell unaussprechlich sind. Auf jeden Fall gilt jedoch, dass der Inhalt von Qualia nur sehr schwer mitteilbar ist: Wir können einem blind Geborenen nicht erklären, was Röte ist. Wissenschaft aber kann immer nur aus der Außenperspektive auf öffentlich zugängliche Eigenschaften zugreifen. Die Wissenschaft erzeugt eine objektive, intersubjektiv verifizierbare Taxonomie physischer Zustände. Das innere Erleben aus der Erste-Person-Perspektive erzeugt eine ganz eigene Taxonomie, eine Aufteilung der Welt im bewussten Erleben. Es ist unklar, wie die subjektive Taxonomie dieser Zustände auf eine objektive, neuro- oder kognitionswissenschaftliche Kategorisierung abgebildet werden könnte. Wir wissen nicht, ob man sich überhaupt mit sprachlichen Mitteln und aus dem öffentlichen Raum heraus erfolgreich auf die privaten Qualitäten des inneren Erlebens beziehen kann.

Zweitens denken viele Philosophen, dass Qualia „intrinsische“ Eigenschaften sind. Das bedeutet, dass die bewusst erlebte Röte zum Beispiel so etwas wie die Essenz oder der wesentliche Kern des jeweiligen Erlebnisses ist. Ein Roterlebnis ohne diesen essentiellen Kern der phänomenal erlebten Röte ist kein Roterlebnis mehr und es ist auch genau diese intrinsische Qualität der phänomenalen Röte, die letztlich unabhängig von dem jeweiligen Kontext ist, in dem das Erlebnis stattfindet. Intrinsische Eigenschaften lassen sich begrifflich nicht in ein Netzwerk aus relationalen Eigenschaften auflösen. Um die Röte, den phänomenalen Kern des Erlebens erfolgreich auf eine tiefer liegende Beschreibungsebene reduzieren zu können, müsste er in Relationen zwischen den Entitäten dieser Beschreibungsebene aufgelöst werden können. Röte müsste sich dann als eine Eigenschaft analysieren lassen, etwa als eine Beziehung zwischen den Elementen einer neurowissenschaftlichen oder informationstheoretischen Beschreibung der Aktivität des wahrnehmenden Gehirns oder als eine bestimmte kausale Eigenschaft des Nervensystems. Für viele Philosophen ist dies extrem unplausibel. Auf der anderen Seite gibt es immer auch den Einwand, dass die Rede von „Atomen“ des Bewusstseins die phänomenologische Tatsache ignoriert, dass insbesondere das sinnliche Erleben durchaus einen „flüssigen“ Charakter besitzt, dass es aus feinsten, kontextsensitiven und ineinander übergehenden Nuancen besteht und dass die größeren Einheiten der bewussten Wahrnehmung – zum Beispiel der rote Apfel in meiner Hand – viel eher ganzheitliche Komplexe sind als einfach nur auf die richtige Weise arrangierte Mengen von Elementarbausteinen.

Wenn es darum geht, die innere Struktur unseres eigenen Bewusstseins wirklich ernst zu nehmen, dann zeigt sich schnell, dass bereits Qualia eine ganze Reihe von phänomenologischen Merkmalen besitzen, die begrifflich nur sehr schwer genau zu erfassen sind. Erstens sind Qualia homogen. Das bedeutet, dass phänomenale Eigenschaften erster Ordnung durch eine Art „Feldqualität“ charakterisiert sind, die in einem Teil unseres Bewusstseinsraums ein subjektives Kontinuum entstehen lassen. Man könnte die Homogenität der phänomenal erlebten Röte auch als ihre subjektiv erlebte „Dichte“ bezeichnen: Es scheint, als gebe es für zwei beliebig nah beieinander liegende Punkte innerhalb der entsprechenden Region meines Erlebnisraums immer noch einen dritten Punkt, der zwischen ihnen liegt. Qualia scheinen keine innere Struktur zu besitzen. Diese Homogenität, das heißt die dem Erleben nach ungekörnte oder „glatte“ Natur von Qualia ist in der philosophischen Diskussion manchmal auch als ultra-smoothness oder als das grain-Problem bezeichnet worden.

Ein zweites phänomenologisches Merkmal von Qualia ist ihre Präsenz: Dem Erleben nach sind sie uns direkt und unmittelbar gegeben. Dieser Aspekt der zeitlichen Unmittelbarkeit gibt uns das Gefühl, durch die sinnliche Wahrnehmung direkt mit der Wirklichkeit als solcher in Kontakt zu stehen, in Echtzeit sozusagen. Das dritte Merkmal – die Transparenz sensorischer Bewusstseinszustände – hängt eng mit dem zweiten zusammen: Dem Erleben nach sind Qualia maximal konkret, denn wir haben immer das Gefühl, nicht mit dem Inhalt einer Repräsentation in unserem Gehirn in Kontakt zu stehen, sondern ganz direkt mit den Eigenschaften von bewusstseinsexternen Wahrnehmungsobjekten. Eine vierte und begrifflich nur sehr schwer zu analysierende Eigenschaft von Qualia ist ihre Perspektivität: Es fühlt sich nicht nur irgendwie an, Qualia zu erleben, sondern sie sind auch an die individuelle Perspektive eines ganz bestimmten Erlebnissubjekts gebunden. Diesem Problem begegnen wir in der dritten Vorlesung wieder.

Thomas Nagel hat gesagt, es geht nicht darum zu wissen, wie es für mich wäre, eine Feldermaus zu sein. Das philosophische Problem besteht darin, wie können wir wissen, wie es für eine Fledermaus ist, eine Fledermaus zu sein. Die Begriffe, mit denen solche subjektiven Tatsachen erfasst werden könnten, kann man nur aus einer bestimmten Erlebnisperspektive heraus erwerben. Darum ist unklar, wie sich subjektive Tatsachen begrifflich auf objektive Tatsachen reduzieren lassen könnten. Wenn man also die Begriffe, mit denen man phänomenologische Tatsachen erfasst, immer nur unter einer bestimmten Perspektive erwerben kann, dann ist bewusstes Erleben in diesem Sinne begrifflich irreduzibel und Wie-es-ist-Tatsachen sind subjektive Tatsachen, die vielleicht aus prinzipiellen Gründen nicht auf objektive Tatsachen zurückgeführt werden können.

Mir war Thomas Nagel als Philosoph schon immer besonders sympathisch. Schon 1965 sagte er in seinem Aufsatz „Physicalism“ das Folgende:

„Mir erschien der Physikalismus immer überaus abstoßend. Trotz meiner gegenwärtigen Überzeugung, dass die These wahr ist, besteht die Reaktion weiter, nachdem sie die Widerlegung jener verbreiteten Einwände gegen den Physikalismus, von denen ich früher glaubte, sie käme darin zum Ausdruck, überlebt hat. Ihr Ursprung muss deshalb woanders liegen, (...) (Nagel, T. (1965). Physicalism. Philosophical Review 74: 339-56. [Deutsch in Bieri 1981: 57])

Was ist es, was uns einfach nicht glauben lässt, dass der Materialismus wahr sein könnte. Jetzt schnell zur Geschichte von Mary! Sie stammt von dem australischen Philosophen Frank Jackson, er hat sie 1982 publiziert. (Deutsch im vierten Kapitel des Grundkurses Philosophie des Geistes, Band 1):

Mary ist die beste Visual-Neuro-Scientist, die beste Forscherin, die das Farbensehen des Menschen erforscht hat. Sie weiß alles über die neuronalen Grundlagen, sie weiß alles über die physikalischen Eigenschaften des Universums, die relevant sind dafür, dass Menschen bewusste Farberlebnisse haben können. Das ist die erste Prämisse des Gedankenexperiments. Die Hirnforschung ist an ihr historisches Ende gekommen. Man weiß alles, was es über die Grundlagen des Farbbewusstseins von Menschen zu wissen gibt. Die zweite Prämisse dieses Gedankenexperiments ist, Mary hat selbst noch nie ein Farberlebnis gehabt. Wegen einer schweren Allergie musste sie ihr ganzes Leben in einem Bunker unter der Erde verbringen, der war leider nur schwarz und weiß, es gab keine Farben, sie musste ihr ganzes Studium über einen schwarz-weißen Monitor absolvieren, über Internet, und auch ihre Versuchspersonen kannte sie nur über diesen schwarz-weißen Monitor. Jetzt kommt die philosophische Frage: Wenn Mary ihr achromatisches Gefängnis zum ersten Mal verlässt und sie sieht einen roten Apfel oder die Bläue des Himmels, erfährt sie dann etwas Neues über die Welt? Für viele von uns scheint es eindeutig, dass sie etwas weiß, was man nur so wissen kann, nämlich zum Beispiel worauf sich andere Menschen mit ihren phänomenologischen Farbprädikaten bezogen haben, wenn sie per Email über ihre Blau-Erlebnisse oder ihre Rot-Erlebnisse gesprochen haben. Die sprachlichen Ausdrücke bekommen eine neue Bedeutung für sie und sie selbst hat neue Bewusstseinszustände durchlaufen. Wenn das aber so ist, dann weiß sie etwas, was man nur aus der subjektiven Innenperspektive wissen kann, denn ex hypothesi hatte sie ja schon alles objektive Wissen, was man über das menschliche Farbensehen besitzen kann. Wenn das richtig ist, dann ist der Materialismus falsch und das naturwissenschaftliche Weltbild besitzt aus erkenntnistheoretischen Gründen ein grundsätzliches Loch, weil es nämlich phänomenale Informationen gibt, subjektives Wissen.

Hier noch einmal das Argument: Mary weiß vor dem Verlassen ihres achromatischen Gefängnisses alles, was es physikalisch und neurowissenschaftlich über das bewusste Farberleben von Menschen zu wissen gibt. Beim ersten Anblick eines farbigen Gegenstandes erwirbt Mary neues Wissen. Dieses Wissen ist Tatsachenwissen. Ergo kannte Mary vor ihrem ersten bewussten Farberlebnis nicht alle Tatsachen, die man diesbezüglich kennen kann. Es gibt deshalb nicht-physikalische Tatsachen - zum Beispiel über das bewusste Farbsehen von Menschen - die man nur durch phänomenales Wissen erfassen kann. Also ist der Physikalismus falsch.

Es gibt also einen Konflikt zwischen der Erste-Person-Perspektive (Introspektion) und der Dritte-Person-Perspektive (objektive Zuschreibungskriterien). Wie können wir überhaupt Wissen erlangen? Wenn man jetzt von der Phänomenologie zur Erkenntnistheorie des Bewusstseins wechselt, dann begegnet man dem Problem der „epistemischen Asymmetrie“. Das bedeutet, dass Bewusstsein sich von allen anderen wissenschaftlichen Untersuchungsgegenständen dadurch unterscheidet, dass wir auf zwei grundverschiedene Weisen Wissen von diesem Zielphänomen besitzen, nämlich von innen und von außen, aus der Erste-Person-Perspektive des erlebenden Subjekts selbst und aus der Außenperspektive der Wissenschaft. Die Wissenschaft nimmt die Dritte-Person-Perspektive auf erlebende Subjekte ein und sucht nach objektiven Kriterien dafür, dass in ihnen jetzt gerade ein bestimmter Erlebnisinhalt aktiv ist, etwa eine spezifische Schmerzempfindung, das Erleben von Röte oder Süße oder auch komplexere Zustände wie Emotionen und bewusste Denkvorgänge. Meine körperlichen Zustände kann ich im Prinzip mit rein naturwissenschaftlichen Mitteln aus der Außenperspektive erschöpfend beschreiben. Wir können meine Gehirnzustände physiologisch erforschen, den Informationsfluss in meinem Gehirn analysieren, oder die neurokomputationalen Eigenschaften von Hirnregionen, die mit ganz bestimmten Erlebnisqualitäten korreliert sind. Wir können vielleicht auch die repräsentationalen Inhalte solcher Prozesse – also das, was sie für mich darstellen – objektiv beschreiben und mit den Instrumenten der Naturwissenschaft untersuchen. Geht es aber wirklich um das Bewusstsein selbst, das offensichtlich mit diesen objektiven Vorgängen im Gehirn in einem sehr engen Zusammenhang steht, dann verfügen wir plötzlich über eine zweite Erkenntnismethode: die Introspektion, der scheinbar direkte und subjektive Blick ins eigene Bewusstsein. Aber was heißt hier eigentlich „innen“? Was genau bedeutet „direkt“? Und was würden wir tun, wenn die Erste-Person-Perspektive und die Dritte-Person-Perspektive einmal miteinander in Konflikt gerieten, zum Beispiel, wenn ich sage, dass ich gerade ein Blau-Erlebnis habe, und der Wissenschaftler, der gerade in mein Gehirn schaut, dies anzweifelt, indem er sagt: „Sind Sie wirklich sicher? Das müsste eigentlich eher ein dunkles Türkis sein!“ Oder wenn ich sage: „Ich merke gerade, wie sehr ich meine Frau liebe, weil ich eifersüchtig bin!“ Und der neurowissenschaftliche Experte der Zukunft sagt: „Tut mir leid, aber mit Liebe hat das nun wirklich nichts zu tun. Nach der neurophänomenologischen Taxonomie der Weltgesundheitsorganisation ist das einfach eine bürgerlich-neurotische Verlustangst.“

Als Übergang zur zweiten Vorlesung erzähle ich Ihnen noch eine Geschichte aus meinem Leben: Der Deutsche Christof Koch war einer der engsten Mitarbeiter von Francis Crick. Mit Christof habe ich mehrfach das folgende Gespräch gehabt: „Christof, glaubst Du, dass Nervenzellen, Neuronen, notwendig für Bewusstsein sind?“ Dann sagt Christof: „Ja, ja, es gibt ein neuronales Korrelat von Bewusstsein, und wir werden’s hier in Kalifornien am Caltech finden.“ Ich frage: „Glaubst Du eigentlich, es wird einmal künstliches Bewusstsein geben, Maschinenbewusstsein?“ Christof meint: „Ja, ja, es wird künstliche Roboter geben, und wir werden sie hier bauen in Kalifornien am Caltech.“ Dann sage ich: „Wenn das stimmt, Christof, dann sind Neuronen nicht notwendig für Bewusstsein.“

Die Frage ist, was ist eigentlich notwendig und was ist hinreichend dafür, dass ein beliebiges System bewusste Erlebnisse hat? Ist es notwendig, dass wir aus Fleisch und Blut sind, um bewusste Subjekte zu sein, dass wir Neuronen und Gehirne haben? Oder ist es nur hinreichend? Was genau sind die hinreichenden und notwendigen Bedingungen für Bewusstsein? Und genau darum wird es in den beiden nächsten Vorlesungen gehen.

(Teil 2, am 28.10., Teil 3 am 01.11., jeweils um 8.30 Uhr)


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* Zum Autor:
Thomas Metzinger, geboren 1958, Studium der Philosophie, Ethnologie und Religionswissenschaften in Frankfurt am Main, Magisterarbeit über Rationalismus und Mystik, danach Promotion mit einer Arbeit über das Leib-Seele-Problem. 1992 Habilitation im Fach Philosophie, 1997 - 98 Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg in Bremen-Delmenhorst, danach an der University of California in San Diego, 1999 Professor für Philosophie der Kognition in Osnabrück, ab 2000 Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Mainz, seit 2005 Adjunct Fellow am Frankfurt Institute for Advanced Study, 2005 - 2007 Präsident der Gesellschaft für Kognitionswissenschaft. Forschungsschwerpunkte: Philosophie des Geistes, Künstliche Intelligenz und verwandte Bereiche, Ethik.
Bücher:

- Grundkurs Philosophie des Geistes (Hrsg)., 3 Bände (Band 3 noch nicht erschienen), Mentis Verlag.
Band 1: Phänomenales Bewusstsein.
Band 2: Das Leib-Seele-Problem.
- Being No One. The Self-Model Theory of Subjectivity. Cambridge Mit Press.
- Neural Correlates of Consciousness: Empriical and Conceptual Issues. Mit Press.
- Neuere Beiträge zur Diskussion des Leib-Seele-Problems. Lang.
- Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie (Hrsg.). Mentis.
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