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SWR2 AULA - Prof. Gerald Hüther : Ballern mit der Maus - Wie gefährlich sind Computerspiele
Autor und Sprecher: Professor Gerald Hüther *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 26. August, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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* Zum Autor:
Professor Gerald Hüther, Jahrgang 1951, leitet die Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Er hat in Leipzig Biologie studiert und dort auch promoviert. Die Habilitation folgte im Jahr 1988 im Fach Neurobiologie. Hüther baute als Heisenberg-Stipendiat von 1989 bis 1994 die Abteilung für neurobiologische Forschung an der Universitätsklinik Göttingen auf. Forschungsgebiete: Auswirkungen von Angst und Stress auf das Gehirn, Evolution des Bewusstseins, Wirkungen und Folgen von Drogen und Psychopharmaka.

Buchauswahl:
- Computersüchtig. Kinder im Sog der modernen Medien (zus. mit Wolfgang Bergmann). Walter-Verlag.
- Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.
- Die Macht der inneren Bilder. Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.
- Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.
- Auf Schatzsuche bei unseren Kindern (zus. m. J. Prekop). Ein Entdeckungsbuch für neugierige Eltern und Erzieher. Kösel-Verlag.
- Neues vom Zappelphilipp (zus. m. H. Bonney). ADS/ADHS verstehen, vorbeugen und behandeln. Walter-Verlag.

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INHALT

Ansage: Heute mit dem Thema: „Ballern mit dem Joystick – Wie gefährlich sind Computerspiele?“

In Leipzig herrscht auf der größten Messe Europas für Computerspiele eine richtig gute Stimmung: Die Branche verzeichnet laut eigener Statistik steigende Umsätze und will neue kleine Kunden locken mit angeblich noch besseren faszinierenden Spielen.

Wir wollen in der SWR2 AULA den Optimismus etwas dämpfen und noch einmal die Frage stellen, wie wirken Computerspiele, wie wirken virtuelle Welten auf Kinder.

Die Frage beantwortet ein Hirnforscher, Professor Gerald Hüther von der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Hüther beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den psychologischen, neurologischen Auswirkungen des Medienkonsums, auch mit solchen Phänomenen wie Spielsucht. Hüther zeigt, wie Computerspiele die Strukturen im Hirn beeinflussen, wie sie dazu führen, dass bestimmte neuronale Muster ausgebildet werden, und welche Gefahren damit verbunden sind.


Gerald Hüther:

Wenn wir über Computerspiele und ihre Gefährlichkeit reden, müssen wir zunächst einige Dinge versuchen auseinander zu halten. Computer sind wunderbare Maschinen, die uns unglaublich viel Arbeit abnehmen. Wir sind gewissermaßen mit Hilfe der Computer aus dem Maschinenzeitalter des vorigen Jahrhunderts in das Informationszeitalter der modernen Gesellschaft katapultiert worden. Computer steuern Maschinen, sie führen komplizierteste Rechenoperationen aus, sie machen Informationen weltweit zugänglich – etwas, was es früher überhaupt nicht gab, sie ermöglichen die Kommunikation weltweit und erlauben natürlich die Speicherung und den Austausch ungeheurer Datenmengen rund um den Globus.

Das alles bedeutet eine immense Entlastung des menschlichen Gehirns als Informationsspeicher und Steuerinstrument, so wie wir das im letzten Jahrhundert und in allen Generationen davor noch betrieben haben. Damit werden plötzlich Freiräume offen, es entstehen neue Möglichkeiten und Dimensionen der Entfaltung menschlicher Potentiale. Das gilt nicht nur für Kinder und Jugendliche, die diese Computer vielleicht am intensivsten nutzen, das gilt auch für ältere Menschen, denen sich mit Hilfe dieser Computer und des Internets neue, bisher unbekannte Möglichkeiten eröffnen.

Computer und die digitale Datenverarbeitung sind also ein Segen und aus der heutigen Welt eigentlich überhaupt nicht mehr wegzudenken. Natürlich hat die Einführung solcher neuen digitalen Technologien einen Einfluss auf unser Gehirn. Wir wissen seit einigen Jahren, dass die Nervenzellverschaltungen in unserem Gehirn sich immer wieder anpassen an die Art und Weise, wie und wofür man sein Hirn benutzt. Nutzungsabhängige Neuroplastizität nennt man diesen Anpassungsprozess, den man eigentlich mit einem Satz zusammenfassen kann: So wie man sein Gehirn nutzt, so wird es am Ende auch.

Bei Menschen, die sehr viel mit digitalen Medien arbeiten, entsteht automatisch eine Anpassung auf der Ebene des Sehens, das heißt eine starke visuelle Dominanz. Diese Personen sind sehr schnell bei der Erkennung von Bildern. Außerdem entwickelt sich eine ausgeprägte motorisch-visuelle Kopplung, das heißt, man sieht etwas und reagiert sehr schnell mit der Hand darauf. Die Reaktionen laufen viel rascher ab, als das früher mit unseren alten Möglichkeiten der Fall war. Die Bilderfolgen in vielen Computerspielen sind außerordentlich beschleunigt, genauso auch Handlungssequenzen. Das sind ganz neue Anforderungen an das Gehirn, und an diese Anforderungen passt sich unser zentrales Nervensystem an.

Die starke visuelle Dominanz, die schnelle motorisch-visuelle Kopplung und die rasche Reaktion waren im früheren Maschinenzeitalter weniger wichtig. Da ging es eher darum, dass klare Wirkungs-Ursache-Beziehungen erkennbar wurden. Die Kraftmaschinen machen uns das ja noch bis heute deutlich. Wenn man Bücher aus dieser Zeit liest, erkennt man, wie begeistert die Menschen über ihre ersten Dampfmaschinen gewesen sind. Da war sehr anschaulich nachvollziehbar, wo die Kraft entstand und wohin sie übertragen worden ist. Dieses ganze Ursache-Wirkungsdenken, was wir heute noch zum Teil in den Wissenschaften anwenden, stammt aus dieser Zeit. Mit den Computern und den Möglichkeiten, die uns diese Geräte bieten, hat sich das vollkommen geändert. Ursache und Wirkung sind nicht mehr klar zu erkennen, wir können auch nicht mehr sehen, was hinter den Bildschirmen passiert. Das macht sie für uns unüberschaubarer, weniger vorhersagbar, die Realitätsgrenzen haben sich verschoben und damit auch der Realitätsbezug. Unser Denken, unsere Wahrnehmung hat sich dieser neuen Welt angepasst. Für unser Gehirn sind die Dinge also weniger gut vorhersagbar, weniger gut durchschaubar, die Dinge scheinen mehr oder weniger unbegrenzt, Aufgaben können scheinbar bedingungslos über die Computer bewerkstelligt werden.

Das hat zwei große Konsequenzen: Zum einen geht uns der Sinnbezug, der Bezug zur realen Welt, zur Wirklichkeit stärker verloren, wenn man den größten Teil seiner Zeit vor solchen computergenerierten Bilderwelten, vor virtuellen Realitäten verbringt, passt man sich auch zunehmend daran an. Der zweite wichtige Aspekt, den man nicht oft genug betonen kann, ist, dass Menschen, die zuviel Zeit vor den Computern verbringen, auch den Bezug zu sich selbst verlieren. Sie spüren ihren eigenen Körper nicht mehr richtig, die eigene innere mentale Kraft geht verloren, man ist sehr stark – und das ist vielleicht das wesentliche Kennzeichen – auf das konzentriert und fokussiert, was in den von den Computern generierten Bilderfolgen abläuft.

Und damit haben wir natürlich zwangsläufig in der heutigen Zeit mit der Einführung dieser neuen Technologien eine Veränderung des Selbstbildes. Dazu gehört, dass wir eine andere Wahrnehmung von uns selbst haben. Die Weltbilder, die Vorstellungen von dem, was Welt ist, haben sich verändert, die Sinnbilder sind andere geworden. Sinngebende Entitäten und Zusammenhänge haben im Computerzeitalter eine andere Dimension angenommen.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, na ja, das ist ja alles schön und gut, aber was sind denn nun die Fakten? In wie weit kann die Hirnforschung zum Beispiel tatsächlich nachweisen, dass die Einführung dieser neuen Technologien und deren vermehrte Nutzung dazu führt, dass sich das Hirn verändert? Eigentlich gibt es bisher nicht allzu viele Untersuchungen, aber das Prinzip ist vollkommen klar, und das ist durch vielfältige Studien in den letzten Jahren nachgewiesen: Wenn man sich intensiver über längere Zeit und mit besonderer Begeisterung mit etwas beschäftigt, dann werden entsprechende Verschaltungen im Gehirn angepasst. Aus anfänglich dünnen Nervenwegen werden durch häufige Nutzung allmählich Straßen. Sinnbildlich gesprochen könnte man sie Autobahnen nennen, von denen man möglicherweise gar nicht mehr herunterkommt.

Ein schönes Beispiel, an dem die Hirnforscher zeigen konnten, wie sich die neuen Technologien auf die Hirnorganisation und –struktur auswirken, ist die Veränderung der Repräsentanz des Daumens im Gehirn bei Jugendlichen. Wenn man den Daumen bewegt oder berührt, wird im Hirn eine Region, die „Daumen-Steuerungsregion“, im motorischen Kortex aktiv. Von dieser Region aus werden die Daumenbewegungen gesteuert. Eine englische Arbeitsgruppe hat nun festgestellt, dass bei englischen Jugendlichen genau diese „Daumen-Steuerungsregion“ im Gehirn immer größer wird, und das hat mit der Nutzung von Computern zu tun. Bei unseren deutschen Jugendlichen wird das sicherlich nicht anders sein. Diese Hirnregion breitet sich also aus, es gibt eine immer ausgeprägtere, auch immer effizienter funktionierende Kontrollinstanz für die Steuerung der Daumenbewegungen im Kortex. Das heißt, dort sind inzwischen feinere, dichtere, auch immer zuverlässigere Vernetzungen entstanden, die schnelle Daumenbewegungen zulassen, wie man sie braucht, wenn man zum Beispiel den ganzen Tag mit größter Begeisterung SMS-Botschaften von seinem Handy verschickt.

Die Einführung neuer Kulturtechniken, insbesondere der digitalen Techniken hat also Folgen für das Gehirn. Das war schon immer so, auch die Einführung von mechanischen Geräten und andere technische Errungenschaften in der Generation unserer Großväter hatten schon ihre entsprechenden Einflüsse auf die Art und Weise, wie Menschen ihr Hirn benutzt haben.

Die Frage ist nur, ob es wirklich so sehr darauf ankommt, dass man eine besonders große Repräsentanz für die Bewegung der Daumen im Gehirn hat oder anders ausgedrückt, ob es in Zukunft in unserer Gesellschaft entscheidend ist, dass man seinen Daumen so schnell bewegen kann.

Eine zweite, sehr gut nachprüfbare Folge ist, dass sich durch intensives Spielen mit dem Computer die Körperrepräsentanzen verändern, das heißt, die Menschen spüren ihren eigenen Körper nicht mehr. Wenn man körpereigene Signale immer weniger wahrnimmt, verkümmern letztendlich die Vernetzungen im Gehirn, die für die Wahrnehmung und Interpretation dieser Signale zuständig sind. Das wiederum findet seinen Ausdruck – und das lässt sich schon heute bei manchen Jugendlichen feststellen - in gestörtem Hunger- und Durstgefühl, das Schlafbedürfnis sinkt; in Südostasien sind bereits die ersten computerabhängigen jungen Männer - man könnte sagen - vor ihren Computerspielen verhungert und vertrocknet. Sie konnten die Bedürfnisse ihres eigenen Körpers nicht mehr erkennen.

Eine weitere Konsequenz ist die mangelnde Empfindungsfähigkeit, das bedeutet ein Unvermögen, sich in andere Menschen einzufühlen, emotionale Befindlichkeiten des Gegenübers zu erkennen und durch angemessene Ausdrucksformen in Gestik oder Mimik in Beziehung zu treten. Um das zu lernen, braucht man reale Menschen, auf die man reagieren kann, die wiederum auf einen selbst reagieren. Der Computer braucht nur die Maus, um zu erkennen, dass man etwas von ihm will. Er ist ein sehr passives Kommunikationsmedium. Man hat zwar das Gefühl, dass man mit dem PC vieles bewegen kann, aber es ist kein wirklicher Austausch.

Und schließlich eine letzte Ebene, die in diesem Zusammenhang noch wichtig ist: Das Vorstellungsmögen und die Fantasie. In dem Maße, wie junge Menschen in Computerwelten ihre Fantasie ausleben, entstehen andere Vorstellungsbilder und Weltbilder und Möglichkeiten, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist der, dass man vor dem Computer eigentlich immer gezwungen ist, auf das, was der Computer an Bildern generiert – beim Fernsehen ist das ähnlich –, zu reagieren. Man selbst hat keine Möglichkeit, seine Fantasie spielen zu lassen wie das beispielsweise beim Lesen der Fall ist, wo man sich eigene Gedanken zum Geschriebenen machen kann und eigene Bilder entwickelt. Die schnellen Bilderfolgen unserer virtuellen Welten reißen uns förmlich mit wie in einem Strom. Für die eigenen Fantasie bleibt meistens weder Zeit noch Raum.

Alle Punkte, die ich eben angesprochen habe, gelten für uns alle, die den Computer nutzen. Es macht auch wenig Sinn, darüber zu streiten, ob die Anpassungsprozesse, die in unserem Gehirn durch die intensive Nutzung dieser modernen Medien vonstatten gehen, gut oder schlecht sind, ob sie vorteilhaft oder gefährlich sind. Was man zunächst einmal nur feststellen kann, ist, dass sich das Hirn verändert, dass es anders wird.

Aber die entscheidende Frage ist doch, findet man sich mit einem so angepassten Gehirn in der realen Welt besser oder schlechter zurecht. Und die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, in welcher Welt man sein Hirn benutzt. Das ist klar. Einem Förster im Wald wird eine besonders große Daumenrepräsentanz wohl nicht besonders viel helfen. Aber wenn man den ganzen Tag mit dem Handy und SMS-Botschaften unterwegs ist, ist diese Fähigkeit sicherlich sehr vorteilhaft. Wer vorwiegend in Computerwelten lebt und fast alles mittels Computer macht, der wird über kurz oder lang ganz optimal an diese virtuelle Welt angepasst und findet sich dort stetig besser zurecht. Aber er wird wahrscheinlich zunehmend Schwierigkeiten haben, sich in der realen Welt wohl und geborgen zu fühlen. Das lässt sich heute schon beobachten. Es gibt Menschen, die sich in der virtuellen Welt eher zuhause fühlen als in der realen Welt menschlicher Begegnungen.

Wie steht es nun mit Computerspielen? Zunächst gilt es wiederum festzuhalten, dass Spiele eine wunderbar kreative und druckfreie Erprobung von Problemlösungsstrategien ermöglichen. Alle lernfähigen Lebewesen müssen spielen, in gewisser Weise gleicht das freie Spielen dem Lernen fürs Leben. Je weniger Kinder spielen, umso weniger Möglichkeiten haben sie, ihre Kreativität zu entwickeln und immer wieder neue Lösungen auszuprobieren, die man später im Leben brauchen kann. Trifft das für Computerspiele auch zu, sind auch sie eine Schule fürs Leben?

Um diese Frage zu beantworten, sollten wir sie in die folgenden drei Teilaspekte aufgliedern: Was wird mit Computerspielen gelernt und braucht man das im realen Leben? Wer spielt und aus welchem Grund? Wer hat die Computerspiele zu welchem Zweck hergestellt?

Gegen Spiele, die Kindern helfen, sich später im Leben zurecht zu finden, ist gar nichts zu sagen. Spiele, die nur dem Hersteller zu maximalen finanziellen Gewinnen verhelfen und die bewusst so hergestellt sind, dass sie die Kinder und Jugendlichen gewissermaßen in einen Sog hineinziehen, sind keine Spiele. Dabei handelt es sich um Geschäfte, die mit Bedürfnissen von Kindern gemacht werden.

Mit Computerspielen wird im wesentlichen gelernt, sich in virtuellen Welten zurechtzufinden. Das ist zunächst nicht sehr vorteilhaft für die reale Welt.

Und wer spielt aus welchem Grund? Wer spielt zum Beispiel „Second Life“? Das sind sehr viele Erwachsene. Viele Spiele sind ähnlich wie „Second Life“ geschaffen. Man kann sich darin eine eigene Identität schaffen, man bekommt sozusagen die Chance, ein anderes Leben zu führen als das, was man in der realen Welt hat. Daraus leitet sich ab, dass Menschen Computerspiele dann besonders attraktiv finden, wenn ihnen im realen Leben etwas fehlt. Ich glaube, das ist genau der Punkt, mit dem man sich noch intensiver befassen muss.

Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können. Die finden sie vielleicht nicht mehr in ausreichendem Maß in unserer realen Welt, in der sie oft vollkommen verplant sind. Kinder brauchen Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Und sie brauchen ein Gefühl der Zugehörigkeit, eine feste Bindung. Computer können all das bieten. Sie stellen den Kindern Aufgaben, an denen sie wachsen können. Das ist das eigentlich Anziehende, vor allem für Jungs, dass die plötzlich merken, da können sie Abenteuer erleben, sie können etwas gestalten und werden dabei immer besser. Vorbilder liefern Computerspiele ebenfalls, es sind immer irgendwelche Helden unterwegs, an denen sich die Kinder orientieren können. Zugehörigkeit und Bindung werden nunmehr auch angeboten, indem die Spieler Gilden bilden, Gruppen, die gemeinsam spielen, sogenannte LAN-Partys werden organisiert. Auf diese Weise werden Kinder und Jugendliche mit ihren Grundbedürfnissen, die sie in der realen Welt nicht hinreichend erfüllt bekommen, sehr leicht abholbar.

Was ist nun eigentlich das Gefährliche? Natürlich nicht die Computerspiele, sondern die Tatsache, dass es für so viele Jugendliche, vor allen Dingen Jungs, in der Welt, die wir Erwachsene für sie geschaffen haben, nicht genug Aufgaben gibt, an denen sie wachsen können, nicht genug Vorbilder gibt, an denen sie sich orientieren können, und nicht genug Möglichkeiten gibt, Zugehörigkeit und Bindung zu entwickeln. Gefährlich sind nicht die Computerspiele. Sie bilden nur einen Ersatz dafür, was Kindern und Jugendlichen fehlt. Gefährlich ist, dass unsere Kinder ihre Grundbedürfnisse in der gegenwärtigen Welt nicht befriedigt finden.

Und für wen sind Computerspiele besonders gefährlich? Natürlich für diejenigen, denen es im realen Leben besonders wenig gelungen ist, erstens zu zeigen, dass sie was können, auch vor sich selbst zu merken, dass sie an Aufgaben wachsen können, die also zuwenig Aufgaben im Leben gefunden haben, die ihnen das ermöglicht haben; und die zweitens das Gefühl vermissen, zu anderen Menschen zu gehören.

Wenn jemand sich nicht mehr der menschlichen Gemeinschaft zugehörig fühlt, wenn er sich im realen Leben nicht mehr aufgehoben fühlt und darin keine sinnvollen Aufgaben findet, dann ist es tatsächlich sehr wahrscheinlich, dass dieser junge Mensch sich in diesen virtuellen Welten aggressiver und gewalttätiger Computerspiele all das geistige Rüstzeug verschafft, was er braucht, um seinen Hass auf die Welt auf irgendeine Art und Weise später zu äußern.

Wie wir wissen, passt sich das Gehirn an die virtuellen Welten an. Da wird sehr schnell das, was in einem „war game“ passiert, zur Realität, das heißt, die jungen Menschen verwechseln zunehmend Fiktion und Realität, und sehr schnell wird das, was im realen Leben passiert, in der Familie, in der Schule usw. für diese Jugendlichen nur noch zu einer Fiktion, die sie auch gar nicht mehr interessiert. Erst sind es drei Stunden, dann sechs, dann neun, die sie mit diesen Spielen zubringen. Schlussendlich gehen sie gar nicht mehr in die Schule. Ihre Eltern sind meist ratlos. Zuweilen rufen sie an in den psychiatrischen Kliniken und erbitten Hilfe und Rat. Manchmal frage ich nach, wo für das betreffende Kind die Aufgaben waren, an denen es hätte wachsen können. Oft bin ich erschrocken, weil manche Eltern nicht mehr wissen, was das für Aufgaben sein könnten. „Hausaufgaben“ oder „Mülleimer runtertragen“ sind die häufigsten Antworten. Aber darum geht es eben nicht.

Das Erfüllen von Pflichten im Rahmen des Schulbesuches oder von Förderprogrammen ist keine Aufgabe, an der ein Jugendlicher wachsen kann. Aufgaben, an denen man wachsen kann, sucht man sich selbst. Die sind schwierig, die müssen auch schwierig sein. Das ist ähnlich wie eine Bergbesteigung. Wenn man oben auf dem Berg angekommen ist, ist man stolz auf sich selbst. Kinder, die laufen lernen, bewältigen zum Beispiel eine Aufgabe, an der sie wachsen.

Was können wir also tun? Das muss in jedem Einzelfall entschieden werden. In Deutschland gibt es noch keine Kliniken für Computersüchtige. Soweit ich weiß, gibt es eine in Amsterdam, aber das war’s dann schon. Kinder- und Jugendpsychiater können Computersucht auch noch nicht als eigenständiges Krankheitsbild abrechnen. Der Streit, ob das überhaupt eine richtige Krankheit ist, wird sicher noch weiter gehen. Aber das Problem hatten wir ja schon bei den Ess-Störungen. Und heute würde keiner mehr behaupten, dass die Magersucht nur eine vorübergehende Pubertätserscheinung ist.

In diesem Sinne wären neue Formen des Zusammenlebens wünschenswert. In Thüringen ist es mir gelungen, mit Hilfe des Bildungsministeriums ein neues Bildungsmodell-Projekt ins Leben zu rufen mit dem Titel „Neue Lernkultur in Kommunen“. Es hat zum Ziel, Kinder und Jugendliche in einer Kommune einzubinden, indem sie Aufgaben übernehmen dürfen, sich einbringen dürfen, dazu beitragen dürfen, dass diese Kommune sozusagen kulturell, sozial und im öffentlichen Leben vorankommt, wiedererweckt wird.

Auf diese Weise könnten Kinder und Jugendliche in lebendige, reale menschliche Gemeinschaften eingebunden werden. Es wäre wichtig, dass nicht nur Lehrer diejenigen sind, die für Kinder und Jugendliche die maßgeblichen Personen sind, sondern vor allem auch ältere Menschen mit ihrem riesigen Erfahrungsschatz. Außerdem brauchen Kinder und Jugendliche die Erfahrung, dass es schön ist, vorhandene Probleme mit Hilfe anderer Menschen zu lösen.

Wenn das fehlt, und dort lauert die Gefahr, wird man empfänglich für die „Ersatzbefriedigungsangebote“ der Computerspiele-Hersteller, der Spiele- Industrie.


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