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SWR2 AULA - Prof. Michael Hartmann: Wir da oben, ihr da unten - Eliten in Europa
Autor und Sprecher: Prof. Michael Hartmann *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 9. Dezember 2007, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

ÜBERBLICK
Man mag es kaum glauben, weil die Diagnose einfach nicht zu einer fortschrittlichen transparenten Demokratie passt, aber viele Zahlen und Studien belegen es: Eliten sind nach wie vor elitäre Zirkel, hermetische homogene Gesellschaften, die ihren Nachwuchs aus den eigenen Reihen rekrutieren und sich gegenüber anderen sozial schwächeren Schichten abschotten. In diesem Zusammenhang ist die Rede von sozialer Gerechtigkeit eine wohlfeile Sonntagsrede. Und das gilt nicht nur für Deutschland.
Michael Hartmann, Professor für Soziologie an der TU Darmstadt, ist einer der profiliertesten Eliteforscher Deutschlands. Er beschreibt das Phänomen im europäischen Kontext.

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Zum Autor
Michael Hartmann
Michael Hartmann wurde 1952 geboren, ab 1971 Studium der Politikwissenschaften, Germanistik, Soziologie, Philosophie, Psychologie und Geschichte, 1979 Promotion zum Dr. phil.; 1983 Habilitation. Seit 1999 ist Hartmann Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Eliteforschung, Industrie- und Organisationssoziologie, Managementsoziologie, Globalisierung und nationale Wirtschaftsstrukturen.

Auswahl der Bücher:
Eliten und Macht in Europa. Campus
Elitesoziologie. Eine Einführung. Campus
Der Mythos von den Leistungseliten. Campus
Topmanager - die Rekrutierung einer Elite. Campus

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INHALT
Ansage:

Heute mit dem Thema: „Wir da oben, ihr da unten – Eliten in Europa“.

Man mag es kaum glauben, weil die Diagnose einfach nicht zu fortschrittlichen transparenten Demokratien passt, aber viele Zahlen und Studien belegen es: Eliten sind nach wie vor elitäre homogene Zirkel, die den Nachwuchs mit Vorliebe aus den eigenen Reihe rekrutieren und sich gegenüber anderen, sozial schwächeren Schichten abschotten. Nicht zuletzt der neue PISA-Test weist in genau diese Richtung: Wenn wieder einmal von der OECD kritisiert wird, dass in Deutschland Kinder aus sozial schwachen Familien im Bildungssystem benachteiligt werden, dass sie schlechtere Chancen haben, dann zeigt das, wie und warum Eliten unter sich bleiben können.

Michal Hartmann ist Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt und er gehört zu den wichtigen Eliteforschern in Deutschland. Seit Jahren kritisiert er anhand überzeugender Studien die eben erwähnte soziale Schieflage. Sein neues Buch mit dem Titel: „Eliten und Macht in Europa“ analysiert das Phänomen im europäischen Kontext: Hartmann fragt, wie Eliten funktionieren und ob sie in Deutschland, Frankreich, Spanien oder Portugal nach dem gleichen Muster funktionieren.

In der SWR2 AULA gibt Michal Hartmann Antworten auf diese Fragen.


Michael Hartmann:

Im August gingen binnen zwei Wochen zwei Meldungen durch die deutschen Medien, die bezeichnend sind für den Zustand der deutschen Gesellschaft. Meldung 1: „Die Anzahl der armen Kinder in unserer Gesellschaft ist auf fast zwei Millionen gestiegen.“ Meldung 2: „Der nach knapp vier Jahren aus dem Amt scheidende EnBW-Vorstandsvorsitzende Utz Claassen bezieht für die Jahre bis zu seinem 63. Geburtstag ein Übergangsgeld von 400.000 Euro jährlich.“ Er ist jetzt 46 Jahre alt, das bedeutet also, er bekommt noch 17 Jahre lang jedes Jahr 400.000 Euro.

Diese zwei Meldungen sind symptomatisch für die Entwicklung in Deutschland. Das zeigen statistische Zahlen. Der Anteil der Armen in der bundesdeutschen Bevölkerung ist zwischen 1998 und 2007 von 12 auf 17 Prozent gestiegen; gleichzeitig gibt es immer mehr Multimillionäre und Milliardäre.

Wenn man sich die Einkommens- und Vermögensaufteilung anschaut, so kann man feststellen, dass ganze 3000 Personen, das heißt weniger als 0,1 Promille der Bevölkerung, inzwischen acht Prozent des Vermögens, was sich in Deutschland befindet, besitzen. Sie besitzen damit doppelt soviel wie die gesamte untere Hälfte der Bevölkerung.

Nimmt man die oberen 10 Prozent der Bevölkerung, so entfallen auf sie 50 Prozent des Vermögens und ein Drittel des Einkommens. Umgekehrt hat sich die Verschuldung der unteren 10 Prozent in den letzten 10 Jahren verfünffacht.

Diese Entwicklung ist nicht nur für Deutschland typisch, sie gilt in ganz Europa. Es gibt inzwischen über 70 Millionen Arme in Europa, gleichzeitig steigt von Jahr zu Jahr die Anzahl der Multimillionäre und Milliardäre.

Dennoch kann man feststellen, dass die einzelnen europäischen Länder sich gravierend unterscheiden, sowohl was die Einkommensverteilung angeht, als auch, was die sonstigen Strukturen der Gesellschaft betrifft. Es ist deswegen lohnend, einen Blick darauf zu werfen, warum diese Unterschiede existieren und wer dafür verantwortlich ist.

Zunächst einige Zahlen: Der Anteil der armen Bevölkerung beträgt zum Beispiel in skandinavischen Ländern nur 11 Prozent. In Großbritannien, Spanien und Portugal liegt er mit gut 20 Prozent doppelt so hoch. Deutschland befindet sich mit einem Anteil von 17 Prozent im oberen Mittelfeld. Betrachtet man umgekehrt die Verteilung der Einkommen und Vermögen, so stellt man fest, dass die Länder mit den geringsten Armutsquoten - nicht überraschend - auch die vergleichsweise gerechteste Einkommensverteilung haben. In Skandinavien beziehen die oberen 20 Prozent der Bevölkerung dreieinhalb Mal soviel Einkommen wie die unteren 20 Prozent, in Großbritannien und Spanien beziehen sie mehr als fünf Mal soviel, in Portugal sogar mehr als sieben Mal soviel.

Das bedeutet, es gibt in Europa eine große Spannbreite zwischen Ländern wie zum Beispiel den skandinavischen, in denen die Einkommensverhältnisse relativ ausgeglichen sind und Armut einen vergleichsweise geringen Teil der Bevölkerung trifft, und Ländern wie zum Beispiel die iberische Halbinsel oder Großbritannien, wo es genau umgekehrt ist.

Wenn man sich nun fragt, woher rühren die großen Unterschiede, so stößt man vor allem auf einen Faktor: die Struktur der jeweiligen nationalen Eliten. Grob zusammengefasst kann man sagen, dass die Einkommensverhältnisse sich umso ungleicher entwickeln, je mächtiger die nationalen Eliten sind. Die Macht der nationalen Eliten wiederum hängt von zwei Faktoren ab: erstens der sozialen Exklusivität und der Homogenität der jeweiligen Eliten; zweitens den existierenden Gegenkräften innerhalb einer Gesellschaft und den Traditionen und Einstellungen.

Die Länder, die im Moment die größten Ungleichheiten in den Einkommensverhältnissen aufweisen, fallen durch die Bank auf durch sehr exklusive und sehr homogene Eliten. So gibt es zum Beispiel in Großbritannien, Spanien, Portugal, aber auch in Frankreich eine soziale Zusammensetzung der wichtigsten Eliten, die, grob ausgedrückt, darauf hinausläuft, dass zwischen zwei Dritteln und vier Fünfteln aller wesentlichen Eliten aus den oberen drei Prozent der Bevölkerung stammen. In der Wirtschaft zeigt sich das am deutlichsten: Jeder zweite Spitzenmanager -in Frankreich sogar drei von fünf- entstammt den oberen fünf Promille, das heißt, den Familien von Großunternehmern, den Geschäftsführern oder Vorstandsmitgliedern großer Unternehmen, von hohen Beamten und Richtern, von hohen Generälen oder Admirälen. Ein weiteres Drittel entstammt den Familien des gehobenen Bürgertums, das heißt den Familien von akademischen Freiberuflern, vor allem Ärzten und Anwälten, den Familien von leitenden Angestellten und so weiter.

In der Politik ist die Exklusivität nicht ganz so ausgeprägt, dennoch stammen immerhin ungefähr zwei Drittel der Spitzenpolitiker aus einem ähnlichen sozialen Milieu. In Spanien, Portugal, Frankreich und Großbritannien variieren die Zahlen zwischen gut 60 Prozent und über 75 Prozent, im Durchschnitt sind es aber immer die zwei Drittel, wenn man sich die Regierungschefs und Regierungsmitglieder anschaut. Das ist schon – mit kleinen Schwankungen – seit Jahrzehnten so.

Verwaltungs- und Justizeliten sind zwei weitere wichtige Eliten. Dort sind die Rekrutierungen nicht ganz so exklusiv, aber doch im Kern vergleichbar mit Prozentsätzen zwischen 60 und gut 70 Prozent.

Die Exklusivität der Eliten ist also ausgesprochen hoch. Dazu kommt, dass diese Eliten sich durch ein hohes Maß an Homogenität auszeichnen, die natürlich erstens auf dem ähnlichen sozialen Hintergrund basiert. Sie beruht aber auch auf spezifischen Ausbildungswegen und auf der Zugehörigkeit zu bestimmten Institutionen innerhalb der staatlichen Verwaltung. Die höchste Homogenität finden wir sicherlich in Frankreich. In Großbritannien und Spanien gibt es zwei besondere Abweichungen von dem französischen Modell. Das französische Modell zeichnet sich dadurch aus, dass die Eliten zum großen Teil dieselben Elite-Hochschulen, die berühmten „Grandes Ecoles“, besucht haben, sei es die auch in Deutschland bekannte ENA, die Ecole Polytechnique, die HEC oder die Sciences Po. Aus der Wirtschaft und der Politik kommen jeweils zwei Drittel, wobei es je nach der Zusammensetzung der Regierung größere Abweichungen gibt, von den Spitzen der Verwaltung über drei Viertel und von den hohen Richtern ebenfalls ein enormer Prozentsatz, vor allem in bestimmten Gerichtstypen. Der Zugang zu den Grandes Ecoles ist sozial außerordentlich eingeengt. Beispielsweise muss in der ENA ein Aufnahmetest bestanden werden, der im wesentlichen helfen soll zu erkennen, ob der jeweilige Bewerber aus einem bestimmten sozialen Milieu kommt. Natürlich wird das soziale Milieu nicht direkt abgefragt, aber man versucht herauszufinden, ob jemand die französische Sprache so beherrscht, wie sie in den entsprechenden hohen Kreisen Frankreichs gesprochen wird, vor allem in der Hauptstadt Paris, ob jemand über die Codes verfügt und ähnliche Dinge.

Zum Beispiel wurde vor einigen Jahren in einem Prüfungsjahrgang gefragt: „Wie tief ist die Donau in Wien?“ Für Franzosen, die sich mit Gegebenheiten außerhalb Frankreichs nicht so gerne beschäftigen, ist das eine außerordentlich komplizierte Frage. Nun hat die Mehrzahl der Prüflinge verzweifelt versucht zu ergründen, wie tief die Donau dort sein könnte. Die brillanteste Antwort kam von einem Bewerber, dessen Vater schon in der ENA war, das heißt von jemandem, der die Selektionsmechanismen, die dort herrschten, kannte. Der wusste, worauf es ankommt. Er hat nicht geantwortet, sondern zurückgefragt: „Unter welcher Brücke meinen Sie?“ Damit hat er erstens signalisiert, dass er das System kennt, er weiß, dass man gar nicht wissen will, ob das nun 10, 15 oder 20 Meter sind; und er hat zweitens den Spieß umgedreht und diejenigen, die ihn verunsichern wollten, seinerseits verunsichert. Das ist das, worauf es bei diesen Prüfungen ankommt: erkennen zu lassen, dass man die Spielregeln kennt und dass man in der Lage ist, das Spiel zu spielen.

Ähnlich verhält es sich auch in anderen Ländern. In Oxford war eine der berühmtesten Fragen: „Was ist Mut?“. Eine legendäre Antwort, von der man zwar nicht weiß, ob sie wirklich stimmt, aber sie geistert seit vielen Jahren als Legende durch Oxford, diese Antwortet war: Jemand hat ein Blatt abgegeben, auf dem stand: „Das ist Mut.“ Nicht mehr und nicht weniger. Das bedeutet auch, in den Elitebildungsinstitutionen Großbritanniens wird weniger Faktenwissen abgefragt, was man sich ja durch Erlernen aneignen kann, es wird abgefragt, ob man fähig ist, auf bestimmte Situationen zu reagieren. Und natürlich kann man in solchen Momenten immer dann am souveränsten handeln, wenn man weiß, worum es geht, wenn man das Milieu kennt, wenn man weiß, wer einem gegenüber sitzt und ähnliches.

Das heißt, diese Elitebildungsinstitutionen sorgen dafür, dass der Großteil der Bevölkerung im Grunde keine Chance hat, egal wie fleißig er auch vorher lernt. Die Zahlen belegen das: An den führenden Grandes Ecoles Frankreichs kommen nicht einmal 10 Prozent der erfolgreichen Bewerber aus der breiten Bevölkerung. Zu 90 Prozent stammen sie aus den Familien höherer Beamter, aus den Familien akademischer Freiberufler, aus den Familien von Generälen und so weiter.

Diese Entwicklung hat sich in den letzten 30 Jahren sogar noch etwas verschärft. Letztendlich sorgt sie dafür, und das kann man auch in Großbritannien feststellen, dass das entscheidende Nadelöhr, das in diesen Ländern den Weg in Elite-Positionen öffnet, schon im Bildungssystem, und zwar vor allem in Frankreich beim Übergang zu den Hochschulen, in Großbritannien schon früher bei der Aufnahme in die berühmten Public Schools vorhanden ist. In Großbritannien zählt - im Gegensatz zu Frankreich - zusätzlich noch der finanzielle Aspekt. Eine gute Public School wie zum Beispiel Eaton kostet inzwischen pro Jahr 25.000 Pfund. Das ist mehr als ein durchschnittliches Jahreseinkommen, so dass die soziale Selektivität schon alleine dadurch gewährleistet ist.

Dieser Mechanismus wird in Frankreich durch ein zweites ergänzt: Ein erheblicher Teil der besten Absolventen der Elite-Hochschulen wird nach dem Examen von Spitzeneinrichtungen der staatlichen Verwaltung, den sogenannten „Grands Corps“, rekrutiert. Unter die „Grands Corps“ fallen zum Beispiel die „Inspection de Finance“ oder das „Corps des Mines“. Man zählt ungefähr fünf zentrale Corps, nimmt man das „Corps Diplomatique“ und noch ein weiteres, kommt man auf sieben. Der beste Absolvent der ENA kann also zwischen verschiedenen Grands Corps wählen, in der Regel fällt seine Wahl auf die Inspection de Finance, die für die Überwachung aller staatlichen Unternehmen und aller Finanzunternehmen des Landes zuständig ist. Jedes Jahr werden ungefähr zehn bis zwölf der besten ENA-Absolventen in die Inspection de Finance aufgenommen. Dort sind sie dann über einige Jahre in kleinen Gruppen zusammen, um im ganzen Land die entsprechenden Unternehmen zu kontrollieren. Welche Konzentration von Macht sich dabei ergeben kann, zeigen zwei Beispiele:

Der frühere sozialistische Ministerpräsident und Parteivorsitzende Jospin hat drei Jahre mit dem langjährigen Chef des Arbeitgeberverbandes und dem Erbe des Wendel-Konzerns, Ernest-Antoine Seillière, in einem Zimmer im Außenministerium gesessen. Die beiden kennen sich bestens und können entsprechend viele Probleme unter vier Augen oder am Telefon klären.

Als zweites Beispiel möchte ich die Abschluss-Jahrgänge der ENA in den Blick nehmen. Die ENA-Abschluss-Jahrgänge werden immer nach berühmten Personen benannt, 1980 nannte er sich nach Voltaire. Ihm gehörten unter anderem an: Der vormalige französische Ministerpräsident de Villepin, einer seiner Minister, der sozialistische Parteichef Hollande, die unterlegene sozialistische Präsidentschaftskandidatin Royal und der Chef der größten französischen Versicherung Axa de Castries.

Solche Beispiele kann man durch die Jahre hindurch mehrere finden. Alle diese Personen gehen zu einem großen Teil in die Grands Corps und bekleiden danach oft wichtige Positionen in Politik und Wirtschaft. Jeder dritte Spitzenmanager und jedes dritte bis fünfte Regierungsmitglied hat eines der wenigen Grand Corps durchlaufen. Diese Grands Corps sorgen zusammen mit den Elite-Hochschulen für eine ungeheure Homogenität der französischen Eliten.

In Großbritannien ist die Homogenität nicht ganz so hoch. Dort gibt es zwar auch Elite-Schulen und -Hochschulen, danach jedoch trennen sich die Karrierewege in die einzelnen Sektoren.

In Spanien wiederum gibt es die Grands Corps. Jedes dritte Regierungsmitglied der aktuellen Regierung Zapatero und jeder fünfte Spitzenmanager der größten spanischen Unternehmen war in einem solche Grand Corps, so dass die Homogenität der spanischen Eliten zwar auch nicht vergleichbar ist mit den französischen, in der Tendenz verhält sie sich aber ähnlich.

Der größte Teil der europäischen Länder zeigt eine geringere Homogenität und Exklusivität. Man kann im großen und ganzen sagen, dass die Wirtschaftseliten in den meisten Ländern ähnlich zusammengesetzt sind wie in Frankreich, Spanien oder Großbritannien. Deutschland ist ein typisches Beispiel. Auch in Deutschland stammt jeder zweite Spitzenmanager aus den oberen fünf Promille der Bevölkerung, dem Großbürgertum, und ein weiteres Drittel aus dem restlichen Bürgertum. Dasselbe könnte man für Holland sagen und mit leichten Abstrichen auch für Italien.

In der Politik findet man allerdings erhebliche Differenzen. Die politische Elite in Deutschland, Italien oder in den Beneluxländern ist traditionell deutlich stärker von den Arbeiter- und den Mittelschichten geprägt. In Deutschland galt bis vor wenigen Jahren eine Grundregel, die besagte, knapp zwei Drittel der Regierungsmitglieder wie der Bundeskanzler kommen aus der Arbeiterschaft oder der Mittelschicht und nur ein gutes Drittel aus bürgerlichen, großbürgerlichen Kreisen. Dasselbe galt für Italien, die Niederlande, Belgien wie auch für die meisten europäischen Länder. Das hat sich in Deutschland, Italien und in den Beneluxländern in den letzten 15 Jahren gravierend verändert. Die schnellste und wohl auch die einschneidendste hat sich in Deutschland abgespielt. Wies die Regierung Schröder Ende der 90er Jahre noch die klassische Verteilung auf - von 16 Ministern und Ministerinnen kamen fünf aus dem Bürgertum -, so verhält es sich in der aktuellen Regierung Merkel genau umgekehrt: Von 16 Ministern und Ministerinnen kommen nur noch sechs nicht aus dem Großbürgertum. Eine ähnliche Veränderung stellen wir auch in Italien oder den Beneluxländern fest. Das heißt, es hat eine gravierende Verbürgerlichung der politischen Elite stattgefunden und damit eine Angleichung an die wirtschaftliche Elite.

Die Verwaltungs- und Justizelite in Deutschland war immer schon deutlicher bürgerlich geprägt, sie lag näher an der Wirtschaft, so dass die Homogenität in Deutschland insgesamt entscheidend zugenommen hat in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren.

Es gibt aber auch einige europäische Länder, die diesem Muster nicht entsprechen. In Skandinavien sind die Eliten deutlich zugänglicher oder sozial durchlässiger als im Rest Europas. In den Wirtschaftseliten zum Beispiel in Schweden stammt nur ein Viertel der Spitzenmanager aus dem Bürger- oder Großbürgertum, die Hälfte stammt aus der breiten Bevölkerung. Das ist in der politischen Elite nicht anders, wo traditionell bis heute zwei Drittel aus der breiten Bevölkerung kommt, ein relativ großer Anteil aus der Arbeiterschaft. Das vorletzte dänische Kabinett zum Beispiel enthielt über ein Drittel der Minister und Ministerinnen aus der Arbeiterschaft. Die skandinavischen Gesellschaften zeichnen sich darüber hinaus dadurch aus, dass vom Bildungssystem angefangen alle gesellschaftlichen Strukturen Durchlässigkeit in sehr viel höherem Maße gewährleistet ist als in Deutschland oder gar in Frankreich, Großbritannien und Spanien.

Das bedeutet, dass in Skandinavien relativ ausgeglichene Einkommens- und Vermögensverhältnisse herrschen durch sozial relativ durchlässige Eliten. Umgekehrt weisen Länder mit einer hohen Homogenität in den Eliten eine relativ hohe soziale Ungleichheit auf, siehe Frankreich oder Portugal. Diese Regel gilt für ganz Europa. Man kann feststellen, dass zunehmend Länder wie Deutschland, Italien oder die Beneluxländer sich dem Muster von Großbritannien, Spanien und Frankreich annähern. Es gibt allerdings einen Faktor, der zusätzlich zu berücksichtigen ist, nämlich: welche Gegenkräfte existieren in einer Bevölkerung.

Frankreich zeichnet sich -verglichen mit seiner Elitenstruktur- durch eine relativ ausgeglichene Einkommens- und Vermögensstruktur aus, das heißt, Frankreich müsste, wenn allein die Homogenität und Exklusivität der Eliten entscheidend wäre, eine deutlich stärkere Spreizung der Einkommen und Vermögen aufweisen, als es real der Fall ist. Der Grund dafür liegt vor allem an einem wesentlichen Punkt: In der französischen Bevölkerung gibt es eine Tradition von Widerstand gegen Maßnahmen von Eliten, die in regelmäßigen Abständen zu größeren Aktionen auf den Straßen führt, organisierte und nichtorganisierte. Es kann ein großer Streik sein wie 1995 oder wie die Studentenstreiks vor einem Jahr, die verhindert haben, dass ein Gesetz, was den rechtlichen Schutz von jungen Erwerbstätigen drastisch eingeschränkt hätte, durchgesetzt werden konnte. In Frankreich gibt es zwar auf der einen Seite sehr exklusive und homogene Eliten, auf der anderen Seite signalisiert aber die Bevölkerung regelmäßig, im Gegensatz zum Beispiel zur britischen oder zur deutschen, wo die Grenzen sind. Sie gibt den Eliten dadurch einen gewissen Handlungsspielraum vor, den diese nicht ohne weiteres durchbrechen kann. Ob die neue Regierung Sarkozy in der Lage ist, dieses Muster zu verändern, lässt sich noch nicht absehen. Jedenfalls hat Sarkozy unter dem Titel „Rupture“ (Bruch, Wandel) seine Absicht dazu angekündigt und öffentlich signalisiert, dass es vor allem um die Macht der Absolventen der Elite-Hochschulen geht. In seiner Regierung ist davon allerdings noch wenig zu spüren. Allerdings ist der Kontakt zwischen der Spitze der Politik, vor allem in seiner Person, und den reichen Großunternehmern des Landes so eng wie noch nie zuvor. Das lässt vermuten, dass unter dem Wort „Rupture“ im wesentlichen verstanden werden kann, dass die Bevölkerung in den nächsten Jahren einem politischen Wandel unterworfen wird, bei dem die bisherigen Möglichkeiten, staatlichen Maßnahmen Widerstand entgegenzusetzen, eingeengt werden sollen. Ob das gelingt oder nicht, wird man abwarten müssen. Einzelne Maßnahmen, die die Regierung bisher ergriffen hat, zielen jedoch schon in diese Richtung. Es ist also möglich, dass Frankreich sich in Bezug auf die Einkommensverhältnisse und deren Ungleichheit sehr viel stärker an die Spitze Europas stellen wird.

In Deutschland wird die Annäherung zwischen der politischen und wirtschaftlichen Elite gravierende Konsequenzen nach sich ziehen insofern, dass die Maßstäbe der Beurteilungen von politischen Entwicklungen sich verändern. Ein typisches Beispiel sind die letzten Bundestagswahlen. Angela Merkel hatte ein Kompetenzteam, bestehend aus Politikern der CDU/CSU, die durch die Bank aus bürgerlichen und großbürgerlichen Verhältnissen stammten. Dieses Kompetenzteam hat nicht begriffen, was die berühmte Bierdeckel-Reform des Herrn Kirchhof für Reaktionen in Teilen der Bevölkerung hervorrufen wird. In ihrem Denken und in dem Umfeld des Teams wurde die „Bierdeckel-Reform“ zur Vereinfachung des Steuersystems und zur gleichzeitigen Entlastung der hohen Einkommen einhellig begrüßt. Das bedeutete aber, dass Fakten wie zum Beispiel die Tatsache, dass Krankenschwestern, die im Schichtbetrieb arbeiten, eine deutlich höhere Steuerbelastung haben würden, in den Überlegungen überhaupt keine Rolle mehr spielte. Das hat zu tun mit der sozialen Homogenisierung der Eliten und diese soziale Homogenisierung schlägt sich eben auch nieder in der Betrachtung der Gesellschaft. Wirtschaftliche und politische Elite, Verwaltungselite wie auch Justizelite sind sich einig in einer Analyse, die darauf hinausläuft, dass die Bevölkerung der Bundesrepublik „den Gürtel enger zu schnallen hat“.

Typisch in diesem Punkt: Utz Claassen. Ein Jahr, bevor er ausgestiegen ist, ein Jahr, bevor diese großzügigen Regelungen für seinen Ruhestand bekannt geworden sind, hat er ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Mut zur Wahrheit“. In diesem Buch schreibt er einmal, wie schon viele seiner Kollegen und viele Politiker vor ihm, dass Deutschland seit Jahren über seine Verhältnisse lebt. Erstaunlich ist dabei immer wieder, dass die Personen, die das konstatieren, immer in bezug auf Konsequenzen die Bevölkerung im Auge haben, nie sich selbst.

Ein weiteres Beispiel: Die Auseinandersetzung bei der Bahn. Wenn der Bahnvorstand in seinen öffentlichen Stellungnahmen immer wieder kundtut, dass eine Forderung von 31 Prozent Lohnerhöhung jenseits aller realistischen Möglichkeiten liegt, mutet es völlig unverständlich an, dass derselbe Vorstand sich im letzten Jahr eine Erhöhung um 62 Prozent genehmigt hat. Solches Verhalten zeigt, dass zwischen der Wahrnehmung der eigenen Wirklichkeit und der Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit bei den Eliten in Deutschland inzwischen eine extrem große Kluft aufgerissen ist, die aber damit zusammenhängt, dass diese Eliten in sehr hohem Umfang, um nicht zu sagen: fast nur miteinander kommunizieren und untereinander die Analyse für die Gesamtgesellschaft und die Wahrnehmung der eigenen Situation recht einheitlich ausfällt.

Das heißt, man stellt fest, in einer Spitzenposition hat man bestimmte Rechte; umgekehrt ist auch klar, dass die Bevölkerung angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten selbstverständlich akzeptieren muss, dass der Gürtel enger zu schnallen ist, dass man Abstriche machen muss, und zwischen diesen beiden Wahrnehmungen besteht überhaupt keine Verbindung mehr.

Das ist für Deutschland symptomatisch, das ist schon länger für Länder wie Großbritannien, Spanien oder Frankreich symptomatisch. In Skandinavien herrschen noch andere Strukturen.

Zum Schluss ein Beispiel was beleuchtet, wie sehr sich die Situation in Skandinavien unterscheidet von der in Zentraleuropa oder West- oder Südeuropa: Die letzte, vor einem Jahr gewählte schwedische Regierung verlor gleich in der ersten Woche zwei Mitglieder des Kabinetts. Diese beiden Ministerinnen mussten zurücktreten, weil offenkundig geworden war, dass sie über einen längeren Zeitraum keine Fernsehgebühren bezahlt hatten und dass sie über einen kurzen Zeitraum illegal Haushaltshilfen beschäftigt hatten. Diese Tatsache hätte in Frankreich nicht einmal ein Achselzucken hervorgerufen. In Frankreich ist die Begünstigung und Bereicherung in öffentlichen Ämtern so verbreitet, dass man sich schlicht und ergreifend daran gewöhnt hat. Das ist in Spanien, zum Teil in Italien nicht anders. In Großbritannien gilt es im öffentlichen Dienst weniger, dafür umso stärker in der Wirtschaft. Das heißt, in Skandinavien hat sich in der Bevölkerung eine Vorstellung erhalten von Gerechtigkeit, von Ausgeglichenheit, von dem, was man tut oder was man nicht tut. Diese Haltung ist in vielen anderen Ländern verloren gegangen, und was noch wichtiger ist: In Skandinavien ist sie bei der Struktur und der Einstellung der Eliten ein Stück weit geblieben.

Wenn Eliten in einzelnen Ländern ihre Spielräume und ihre Macht nur zu ihrem eigenen Vorteil nutzen, so wird das dazu führen - und dafür ist Deutschland ein gutes Beispiel-, dass die soziale Ungleichheit einer Gesellschaft massiv anwachsen wird. Die einzige Chance, das zu verhindern, ist nicht die Hoffnung auf Einsicht der Eliten, sondern der Versuch, diesen Bestrebungen der herrschenden Eliten etwas entgegenzusetzen.


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