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SWR2 AULA - Gespräch - Ralf Caspary mit Dr. Manfred Osten: Konfuzius macht’s möglich - China und seine kulturellen Wurzeln (SWR2 extra: China)
Autor: Dr. Manfred Osten
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 23. Dezember 2007, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.


ÜBERBLICK
Kulturtheorien sehen einen direkten Zusammenhang zwischen religiös-kulturellen Traditionen und der gesellschaftlichen Verfasstheit. In diesem Sinne wird bei China immer wieder auf den Konfuzianismus verwiesen, wobei es ganz verschiedene Lesarten gibt. Die einen sagen, der Konfuzianismus verhindere eine Modernisierung des Landes, die anderen meinen genau das Gegenteil: Der Konfuzianismus und mit ihm seine Betonung der Disziplin und des Lernens ermögliche den Chinesen, Elemente westlicher Kulturen nach Belieben in die eigene Kultur zu integrieren.

AUTOR
Dr. Manfred Osten, ehemaliger Generalsekretär der Humboldt-Stiftung, Publizist und Kulturwissenschaftler, zeigt die Bedeutung dieser religiösen Tradition für das moderne China.
Manfred Osten ist Autor, Kulturhistoriker, geb. 1938, studierte Rechtswissenschaften, Philosophie, Musikwissenschaften und Literatur in Hamburg und München, sowie Internationales Recht in Luxemburg. 1969 promoviert er im Fach Philosophie, im selben Jahr tritt er in den Auswärtigen Dienst ein, wo er in diplomatischen Missionen in Paris, Budapest, Kamerun, Tschad und Japan tätig war. Zwischenzeitlich stand er im Ministerium in Bonn unterschiedlichen Referaten vor. Er war lange Jahre Generalsekretär der Humboldt-Stiftung.
Auswahl der Bücher:
Die Kunst Fehler zu machen. Suhrkamp
Das geraubte Gedächtnis. Insel
Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit. Insel
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INHALT
Einleitung / Ansage:

In der Aula geht es im Rahmen des großen SWR2-Programmschwerpunkts um die Frage, warum China in den letzten Jahren in technologischer und wissenschaftlicher Hinsicht Riesenschritte machen konnte, warum es auf dem Weg zu einer Lerngesellschaft zu sein scheint, die Deutschland vielleicht schon in naher Zukunft weit hinter sich lassen könnte.

Manfred Osten war lange Zeit für die Bundesregierung im auswärtigen Dienst tätig, dann war er Generalsekretär der Humboldt-Stiftung in Bonn, diese Stiftung hat sehr vielen Chinesen ermöglicht, in Deutschland zu studieren, und nicht zu vergessen ist, dass Osten regelmäßig Bücher schreibt und veröffentlicht etwa über Goethe oder über die Hirnforschung und die Fehlerkultur.


Manfred Osten:

Weimar, 31. Januar 1827: Eckermann ist „bei Goethe zu Tisch“. Er ist überrascht, als Goethe unvermittelt das Gespräch mit seinem Urteil über China eröffnet: „Es ist bei ihnen (den Chinesen) alles verständig.“ Um schließlich zu dem Ergebnis zu gelangen: „Durch diese strenge Mäßigung in allem hat sich denn auch das chinesische Reich seit Jahrtausenden erhalten und wird dadurch ferner bestehen.“ Und schon 1813 hatte Goethe seinem Jugendfreund Knebel offenbart: „Ich habe mir dieses wichtige Land gleichsam aufgespart, um mich dorthin im Falle der Not zu flüchten.“

Zugegeben, das ‚Chinesische Reich‘ der Goethe-Zeit besteht nicht mehr, aber der Geist der ‚Mäßigung in allem‘ als einer zentralen Tugend des Konfuzianismus erscheint als ein Prinzip der Klugheit und des Überlebens auch weiterhin als durchaus vernünftig.

Allerdings war rund ein Jahrhundert vor Goethes Bewunderung der konfuzianischen ‚Mäßigung‘ schon Leibniz zu ähnlichen Einsichten über China gelangt. Die Rede ist von seiner 1697 erschienenen und bei uns nach wie vor nahezu unbekannten lateinischen Schrift mit dem Titel „Novissima Sinica“ (Das Neueste von China). Leibniz forderte hierin die eurozentrische Belehrungsgesellschaft unverhohlen auf, sich in eine Lerngesellschaft in Sachen China zu verwandeln. Er war nämlich davon überzeugt, dass der Westen gegenüber China nicht Lehrender und Gebender ist. Er sollte vielmehr Lernender und Empfangender sein.

Seine Informationen über China stützte Leibniz hierbei auf Bücher, Gespräche und Briefwechsel mit Jesuiten, die bei einem der mächtigsten Kaiser der chinesischen Geschichte, K’ang-hsi, in hohem Ansehen standen. Hatten sie doch den Abschluss des ersten chinesisch-russischen Vertrags von Wertschinsk (1689) vermittelt und figurierten nun auf den höchsten Stufen der chinesischen Bürokratie unter anderem als Mandarine erster Klasse. Leibniz wollte es allerdings nicht bei diesen hilfreichen Missionaren des Westens in China belassen. Er forderte vielmehr – mit erstaunlicher Kühnheit – in der „Novissima Sinica“ China ausdrücklich auf, auch seinerseits nunmehr Missionare in den Westen zu entsenden: „... zur richtigen Anwendung und Praxis des Verhaltens der Menschen untereinander“.

Leibniz verlangte vor allem eine gründliche Analyse des Konfuzianismus, die dazu beitragen könnte, auch etwaige Konvergenzen mit christlichem Gedankengut sichtbar werden zu lassen. Er krönte diese Vision eines Transfers konfuzianischen Denkens nach Europa schließlich mit einer noch kühneren Idee, deren Brisanz für das 21. Jahrhundert auf der Hand liegen dürfte. Er plädierte nämlich in der „Novissima Sinica“ für eine neue Weltsprache und war davon überzeugt, dass die chinesische Schrift und Sprache hierfür optimal geeignet sei. Er schlug daher kurzerhand vor, einen ‚Clavis Sinica‘ zu entwickeln. Das heißt, einen Schlüssel zum erleichterten Erlernen und Beherrschen der chinesischen Sprache und Schrift in Europa.

Mit über dreihundertjähriger Verspätung haben nun zumindest einige Leibnizsche Überlegungen überraschend Aussichten, realisiert zu werden. Und auch Goethe hätte im Falle der Not nicht mehr nach China flüchten müssen, denn China hat sich inzwischen auf den Weg nach Deutschland begeben. Im November 2005 wurde in Berlin der Grundstein für ein chinesisches Kulturzentrum gelegt – großdimensioniert, mit vier Stockwerken und 2500 Quadratmetern. Nachdem China im 20. Jahrhundert noch zweifelte, ob sich das Land überhaupt ausländischen Einflüssen öffnen und seine Kultur offensiv im Ausland präsentieren sollte, ist nun eine Wende vollzogen. Nach dem wirtschaftlichen Aufschwung sind offensichtlich Energien und Ressourcen frei, sich der ‚kulturellen Identität‘ und deren Export zu widmen.

Inzwischen haben die ersten Konfuzius-Institute in Deutschland ihre Tore geöffnet, um eben jene Sprache zu vermitteln, die Leibniz bereits für optimal geeignet hielt als neue Weltsprache. Leibniz hatte es damals nicht bei diesem Gedanken belassen. Ihn hatte schon vor 300 Jahren eine Sorge beschäftigt, deren Aktualität heute auf der Hand liegt. Es ist dies eine Frage, die er 1692 in einem Schreiben an seinen Korrespondenzpartner in Peking, den Jesuitenpater Grimaldi, auf die Formel gebracht hatte: „Sie bringen den Chinesen unsere Fähigkeiten. Ich brauche Sie jedoch nicht zu ermahnen, dass die Unseren ihre Überlegenheit nicht völlig einbüßen ... damit die Chinesen ... nicht die Europäer eines Tages verlachen und als ferner nicht mehr notwendige Leute vor die Türe setzen.“

Beherzigenswerte Worte, wenn man bedenkt, dass China seit Deng Xiaoping (also seit 1978) erfolgreich Reformen in Richtung Kapitalismus auf den Weg gebracht hat. Und dies in einer notorischen Händlernation, die eindeutig zu den Globalisierungsprofiteuren zählt. Denn China verfügt heute über jene drei großen Parameter, die die Wirtschaft boomen lassen wie in keinem anderen Land der Welt: erstens Kapital, zweitens Arbeitskraft, drittens Knowhow.

Eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, bei der inzwischen freilich erhebliche Kollateralschäden ökologischer, demografischer und sozialer Natur sichtbar werden. Zu den soeben genannten drei großen Parametern des chinesischen Wirtschaftserfolgs ist der Faktor Knowhow im Westen erstaunlich wenig wahrgenommen werden. Über diesen Faktor soll daher im Lichte des Konfuzianismus gesprochen werden.

Denn das moderne China besinnt sich jetzt – nach den intellektuellen und wirtschaftlichen Verwüstungen der Kulturrevolution unter Mao Zedong (1966 – 1977) – im Namen übrigens einer aus Deutschland importierten Ideologie – auf seinen einzigartigen kulturellen Vorteil. Nämlich die Tatsache, dass es die älteste und singuläre Hochkultur der Welt ist, die nicht unterging oder zu einem kleinen heutigen Staat erodierte wie zum Beispiel die Hochkulturen Ägyptens oder Griechenlands.

Das heißt, China (zusammen übrigens mit Indien) ist auf dem Wege, nicht nur die internationalen Wirtschaftsbeziehungen seit Jahren zu verändern und den Westen immer stärker unter Reformdruck zu setzen. China beginnt auch, jene Domäne zu seinen Gunsten zu verändern, in der sich der Westen bisher als überlegen betrachtet hat: im Knowhow-Bereich der Bildung, Wissenschaft, Forschung und Hochtechnologie. Europa betrachtet diese Umwälzungen bislang weitgehend aus der Zaungast- Perspektive. Und dies, obgleich sich China inzwischen auch öffentlich zu einer Renaissance jener bis heute ungebrochen wirkmächtigsten Staats- und Gesellschaftslehre bekannt hat, die in Ostasien seit über 2.500 Jahren unter dem Namen Konfuzianismus lebendig ist. Eine Staats- und Gesellschaftslehre, die in China mit dem allgemein präsenten Bewusstsein der Erziehung und Bildung als höchstes Gut der Konfuzianischen Werteskala verbunden ist. Hinzu kommt das Bewusstsein, dass China noch bis zum 17. Jahrhundert die technologisch fortschrittlichste Nation der Welt war. Diesen Status gilt es jetzt wieder zu erreichen durch Rückgriff auf die 2.500 Jahre alte Hochschätzung der Bildung durch den Philosophen Konfuzius in einem rohstoffarmen Land.

Konkret bedeutet dies, dass China zur Zeit eine intellektuelle Renaissance erlebt, die durchaus vergleichbar ist mit der Aufbruchstimmung der europäischen Renaissance im 16. Jahrhundert. Denn in China – mit demnächst 1,4 Milliarden Menschen – haben in den letzten 20 Jahren von 250 Millionen Grundschülern über 5 Millionen die horrend schwierigen Aufnahmeprüfungen an den Universitäten bestanden. Ein gnadenloses Aufnahmeverfahren rekrutiert auf diese Weise ein ständig wachsendes Heer gut ausgebildeter Arbeitskräfte. China hält hierbei weltweit auch den Rekord an Studenten, denen ein Studium im Ausland ermöglicht wurde. Dies gilt vor allem für Studierende in den USA und in Großbritannien, wo Chinesen schon seit Jahren den größten Anteil an ausländischen Studierenden stellen.

China hat diese Entwicklung gefördert und genau verfolgt. Und es beginnt jetzt, seit etwa 10 Jahren, diese Auslandsstudenten wieder an China zurückzubinden durch massives Werben mit Fördermöglichkeiten im Inland. China ist hierdurch erfolgreich bei dem Versuch, den akademischen Braindrain, vor allem nach den USA, umzukehren: Von den 600.000 chinesischen Auslandsstudenten der letzten 20 Jahre sind inzwischen weit über 200.000 nach China zurückgekehrt als sogenannte hai gui. Wobei hai das chinesische Wort für das Meer ist. Und gui steht für Zurückkehren, aber auch für die Schildkröte. Womit sich die Vorstellung verbindet, dass der an chinesischen Ufern geborene Nachwuchs im amerikanischen Meer zwar aufwächst, um dann ans Heimatufer zurückzukehren.

Mit dem Zusatz, dass zahlreiche chinesische hai gui inzwischen immer wieder auch in die USA kurzfristig zurückkehren, um die neuesten Forschungsergebnisse von dort dann nach China zu transferieren. Das bekannteste staatliche Werbeprogramm für die Rückgewinnung dieser akademischen Meeresschildkröten ist das sogenannte Hundred Talents Program, das den im Ausland befindlichen chinesischen Eliten unter anderem anbietet: höhere Gehälter, eine Wohnung und bis zu 200.000 € für die Bildung von Forschungsteams. Wobei es das vorrangige Ziel chinesischer Eliteuniversitäten ist, Ergebnisse der Grundlagenforschung rasch umzusetzen und akademische Eliteforscher in erfolgreiche Unternehmer zu verwandeln. Auch dies geschieht mit großem Erfolg in Gestalt zahlreicher Spin-off-Unternehmen.

Das Ergebnis ist jedenfalls eine rapide wachsende Wissensgesellschaft in einem Land, das noch einen weiteren Weltrekord im Knowhow-Bereich aufweisen kann. In keinem anderen Land steigen nämlich zur Zeit so sprunghaft die privaten Bildungsausgaben und -rücklagen wie in China. Nach Expertenschätzungen investierten auf diese Weise chinesische Eltern 2006 über 90 Milliarden Dollar für die Ausbildung ihrer Kinder. Über 50 Prozent chinesischer Teenager gaben im übrigen nach jüngsten Meinungsumfragen eine erfolgreiche Karriere als höchstes Lebensziel an.

Die Leistungs- und Motivationsgrundlagen für diese ehrgeizige Zielsetzung werden in China – anders als im Westen – bewusst im frühestmöglichen Kindesalter, also in der Zeit größtmöglicher Plastizität des menschlichen Gehirns, gelegt. Das heißt, es gilt bereits bis zum dritten und vierten Lebensjahr mehrere hundert chinesische Ideogramme zu beherrschen, um die Aufnahmeprüfung in einen guten, nach Möglichkeit privaten Kindergarten zu bestehen. Denn der Trend weg vom staatlichen zum privaten Kindergarten setzt sich in China unvermindert fort. Entsprechend teure Kindergartenplätze werden ohne Zögern bezahlt – nach Angaben amerikanischer Unternehmen sogar in einigen Fällen bis zu 10.000 Dollar im Jahr. Diese sehr frühe Förderung ist in China inzwischen routinemäßig verbunden mit gezieltem frühkindlichen Erwerb englischer Sprachkenntnisse und einer starken Ausbildung musischer Kompetenz vor allem durch Ballett- und Klavierunterricht.

Der hohe intellektuelle Wettbewerbsdruck setzt sich von der Kindheit an fort und kulminiert in den dreitägigen rigorosen Aufnahmeprüfungen der Universitäten. Eine Prüfungstradition, die zum festen Kanon des Konfuzianismus spätestens seit der Han-Zeit (seit 200 Jahren vor Christus) zählt. Seit Jahrtausenden hatten in China auf diese Weise junge Menschen auch aus der Provinz die Chance aufzusteigen in die Sphären der kaiserlichen Macht und Verwaltung. In China galt also anstelle des europäischen Erbadels das Prinzip des Bildungsadels.

So wie bei den Herausforderungen Chinas als Wirtschaftsmacht der Einwand naheliegt, dass diese Entwicklung konterkariert werden könnte durch große ökologische, soziale und demografische Probleme, so sehr liegt gegenüber dem chinesischen Lern- und Erziehungsdrill auch der Einwand nahe, dass es sich hierbei um ein stark hierarchisches System mit möglichen Stressfolgen und geringem kreativen Reflexionsvermögen handelt.

Aber auch diesem Einwand, der letztlich für die gesamte konfuzianisch geprägte Region Asiens gilt, begegnet China bereits seit Ende der 90er Jahre mit einem umfassenden und gezielten Bildungsreform-Programm. Es ist geplant, die erkannten Nachteile bis spätestens 2010 zu korrigieren durch neue Curricula, neue Schulbücher und stärker diskurs- und dialogorientierten Englischunterricht unter der Mitwirkung angelsächsischer Reformpädagogen.

Ähnlich ehrgeizige reformorientierte Lehrpläne unter Mitwirkung ausländischer Professoren verfolgen bereits seit einiger Zeit die beiden Eliteuniversitäten mit Vorbildfunktion für weitere 30 Spitzenuniversitäten des Landes: Die Beida- und die Tsinghua-Universität in Peking. Beide Universitäten folgen dem Prinzip amerikanischer Eliteuniversitäten und damit auch letztlich der Denkschrift Wilhelm von Humboldts: dass nämlich ein für die akademische Elitebildung optimales Zahlenverhältnis angestrebt werden sollte von einem Professor mit wenig mehr als 10 Studenten. Mit der Folge, dass jährlich unter riesengroßem Andrang nur 2000 Studenten in die Tsinghua-Universität und 3000 Studenten in die Beida-Universität aufgenommen werden. Geplant ist außerdem durch das sogenannte Projekt 211 des Bildungsministeriums von 1993, die Zahl der bisherigen Eliteuniversitäten um weitere 100 Schwerpunktuniversitäten zu erweitern. Sie alle sind konzipiert nach dem Vorbild der Harvard University in Boston und sollen im Laufe des 21. Jahrhunderts zu den besten Universitäten der Welt zählen.

Die effizienteste und nachhaltigste Ergänzung akademischer Eliteförderung und Forschung repräsentiert die am Muster der amerikanischen Akademie der Wissenschaften orientierte chinesische Akademie der Wissenschaften. Sie wird geleitet von einem ehemaligen Forschungsstipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn, Professor Yongxiang Lu. Als Präsident gehört er mit einem 700 Mitglieder umfassenden Gremium zu den wissenschaftlichen Vordenkern der scientific community Chinas. Ein in jedem Betracht elitärer Zirkel mit insgesamt 120 Instituten, 20.000 Forschern und 60.000 Beschäftigten. Es gilt ausschließlich das Leistungsprinzip, die Mehrheit der Beschäftigten ist unter 45 Jahre alt und statt der üblichen Mittelkürzungen westlicher Forschungsinstitute haben sich inzwischen die staatlichen Zuschüsse in den letzten Jahren verdoppelt – ganz abgesehen von Gewinnen, die der Akademie aus erfolgreichen Spinn-off-Unternehmen zufließen.

Deutlich wird hierbei, dass das Interesse des Staates vornehmlich den angewandten Wissenschaften gilt. Entscheidend für die Qualitätsverbesserung der angewandten Wissenschaften, aber auch für die Grundlagenforschung ist nach wie vor das seit 1998 bestehende staatliche „Programm für die Innovation des Wissens“, mit dem vor allem die Forschung mit der Akademie der Wissenschaften als Zentralinstitution gefördert wird. Immer noch stehen hierbei die Geistes- und Sozialwissenschaften im Schatten dieses Programms. Sie sind trotz wachsender Liberalisierung auch noch in vieler Hinsicht ideologischen Beschränkungen unterworfen. Allerdings wächst seit einigen Jahren die Beachtung dieser Disziplinen im öffentlichen Diskurs. Dies gilt vor allem für die Bedeutung der Sozialwissenschaften und deren Analyse der sozioökonomischen Entwicklung. Und die Geisteswissenschaften – wie die offizielle Renaissance des Konfuzianismus zeigt – gewinnen ihrerseits Gewicht für die Formulierung und Ausformung des Begriffs chinesischer Identität.

Blickt man zurück, so ist die hier skizzierte Entwicklung der Bildung und Wissenschaft in China vor allem der 1978 eingeleiteten bildungspolitischen Schwerpunktsetzung durch Deng Xiaping geschuldet, der mit dem Wiederaufbau des Schulwesens vor allem auch die Wiedereinführung von Eliteschulen, den sogenannten „Schwerpunktschulen“, die Förderung von Begabten durchsetzte und erste Privatschulen genehmigte. Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre erfolgte dann beim Übergang zu einem moderneren Bildungssystem ein gradueller Rückzug des Staates aus der Bildungsfinanzierung und die zunehmende Kommerzialisierung und Privatisierung von Bildung und Ausbildung. Vor diesem Hintergrund entwickelten sich in den 90er Jahren dann Programme mit folgenden Zielsetzungen:

- Einführung einer dreijährigen Vorschulerziehung in großen und mittelgroßen Städten, auf dem Land zumindest ein Jahr Vorschulerziehung;
- landesweite Einführung der neunjährigen Schulpflicht;
- Steigerung der beruflich-technischen Ausbildung auf der Sekundarschulebene II, damit alle Mittelschulabgänger, die keine Hochschule besuchen, eine Berufsbildung erhalten, bevor sie ins Arbeitsleben treten;
- Ausweitung des Hochschulstudiums einschließlich des Postgraduiertenstudiums, Verbesserung des Studiums, Einführung von Rankings;
- Einführung von Studiengebühren und Abschaffung der staatlichen Stellenzuweisung für Hochschulabsolventen;
- Absenkung der Analphabetenrate bei jüngeren Erwachsenen auf unter 5 Prozent;
- in der Erwachsenenbildung Einführung des Prinzips des lebenslangen Lernens;
- generelle Schulgeldpflicht für Bildung außerhalb der Pflichtschule.

Die Optimierung von Bildung und Wissenschaft kulminierte in den 90er Jahren schließlich im Beschluss des 15. Parteitags der KPCh von 1997, Chinas Wirtschaft konsequent zu fördern durch die Entwicklung einer modernen Wissensgesellschaft, die das Land in die Lage versetzen soll, mit High-Tech-Produkten den Weltmarkt entscheidend mitzubestimmen. Dieser Beschluss wurde ausdrücklich begleitet von der Einsicht, dass die chinesische Wissensgesellschaft nur dann langfristig Erfolg habe, wenn gezielt die sich inzwischen verschärfenden ungleichen Bildungschancen sozialverträglich harmonisiert werden. Als Problemfelder gelten hierbei u. a. die regionalen Unterschiede, die Unterfinanzierung des Schulwesens und die noch zu schwache Entwicklung der Elementar- und Berufsbildung. Mit dem Parteibeschluss der sogenannten „Qualitätsbildung“ wurde außerdem betont, dass es künftig darauf ankommen soll, neben umfassender fachlicher Ausbildung auch die Persönlichkeitsbildung im Sinne sozialer Kompetenz und innovativ selbstständigen Denkens zu fördern.

Man muss die eben erwähnten, bei uns wenig bekannten Hintergrundinformationen zur Knowhow-Entwicklung in China kennen, um ermessen zu können, welche kultur- und bildungspolitischen Dimensionen sich seit Anfang 2006 hinter jener bereits anfangs erwähnten außenkulturpolitischen Initiative Chinas verbergen. Das heißt, die Errichtung von über 150 Konfuzius-Instituten in Europa bis 2010. Sie sind mit- konzipiert als Wegbereiter chinesischen Denkens unter anderem im Sinne der von Konfuzius geforderten höchsten Priorität des Lernens. Eine Priorität, die seit 2500 Jahren das geistige Rückgrat der chinesischen Hochkultur bildet. Höchste Zielsetzung der Konfuzius-Institute ist daher auch der Sprachunterricht mit der mittelfristigen Zielvorgabe, dass bis 2010 über 100 Millionen Menschen außerhalb Chinas die chinesische Sprache erlernen sollen. Im April 2006 hat das erste Konfuzius- Institut in Deutschland seine Tore in Berlin geöffnet. Schon im Mai 2006 folgte das Konfuzius-Institut in Erlangen. Weitere Einrichtungen folgten bzw. sind geplant: in Frankfurt am Main, München, Heidelberg, Düsseldorf, Hannover und Leipzig.

Und Konfuzius? Kann er als Namenspatron seiner Institute im Westen auf eine Renaissance hoffen? Als besonders vorbildlich erweist sich jedenfalls in China das hohe, auf Familienbasis praktizierte Interesse in diesem Bereich mit den bereits erwähnten hohen Privatinvestitionen. Gerade hier zeigen sich Besonderheiten, die unser eigenes Bildungssystem in vielerlei Betracht als Herausforderung verstehen könnte. Hierzu zählt das hohe Verantwortungsbewusstsein der Eltern als primär allein zuständige Referenzadresse für die Entwicklung hoher Lern- und Leistungsbereitschaft der Kinder. Das heißt, anstelle der notorischen westlichen Forderung nach der Zuständigkeit und Verantwortung des Staates gilt in China die alte Einsicht der Weimarer Klassik: „Man könnte erzogene Kinder gebären, wenn die Eltern erzogner wären.“

Aus der höchsten Priorität des Lernens folgt außerdem in China und im gesamten konfuzianisch geprägten Raum Ostasiens etwas, das im westlichen Bildungssystem aus politischen und ideologischen Gründen weitgehend verschwunden ist: das hohe soziale Ansehen des Lehrers. Und damit der gesamte hieraus resultierende Kanon wichtiger Bildungsparameter und Sekundärtugenden, die man durchaus auch Primärtugenden nennen könnte. Es sind jene Tugenden, die jetzt auch bei uns wieder diskutiert werden: Disziplin, Vorbildfunktion, Respekt, Höflichkeit und Dankbarkeit.

Wichtig ist in China jedenfalls das Bewusstsein, dass in einem rohstoff-, energie- und nahrungsmittelarmen Land allein die Investition in die Köpfe zählt, das heißt, Bildung, Wissenschaft und Grundlagenforschung entscheidend sind für die Schaffung intelligenter neuer Berufe und Produkte. Ein für den westlichen Betrachter hierbei besonders auffälliges Resultat dieser Einsicht ist die Tatsache, dass in China allein die Durchschnittszahl der Schulstunden pro Jahr und Kind doppelt so hoch ist wie z. B. in Deutschland mit nur 625 Schulstunden.

Hinzu kommt der inzwischen durch neurowissenschaftliche Untersuchungen bestätigte Vorteil, dass beim frühkindlichen Erlernen der chinesischen Symbol- und Tonhöhensprache eine doppelte frühe Kompetenz erworben wird: nämlich eine hohe Sprach- und Lesefähigkeit. Und dies im Verbund mit dem gleichzeitigen Entstehen einer hohen frühkindlichen Leistungs- und Motivationsbereitschaft. Das heißt, man nutzt in China – anders als bei uns – die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse über die große frühkindliche Lernfähigkeit des Gehirns in der sogenannten emotionalen Phase bis zum 3. und 4. Lebensjahr. Neuronale Vernetzungen musischer und rationaler Art werden in dieser frühen Prägephase gefördert durch frühe Konzentrationsleistungen: erstens durch die Notwendigkeit korrekten Schreibens und zweitens durch intensive Gehörschulung für die fünf bis sechs Tonhöhen der chinesischen Sprache. Drittens durch hohe Anforderungen an die Fähigkeit schneller Worterkennung als Bedingung einer guten Lesefähigkeit. Und viertens durch die Entwicklung besonders guter Memorierfähigkeit auf Grund der Bildung neuronaler Langzeit-Engramme beim Schreiben der Ideogramme mit der Hand.

Für die eingangs erwähnten Äußerungen von Goethe und Leibniz gilt leider, dass sie bei uns in Vergessenheit geraten sind. Der im Herbst des Jahres erschienene Bildungsbericht der OECD bescheinigt Deutschland einen traurigen internationalen 21. Rangplatz für den Bruttosozialprodukt-Anteil bei den Aufwendungen von Wirtschaft und öffentlicher Hand für Bildungsausgaben. Womit sich die Frage stellt: Was können wir tun?

Ein erster Schritt wäre sicherlich die Einsicht, dass auch wir der Bildung wieder höchste Priorität zukommen lassen sollten. Hierbei sollte Bildung nicht nur verstanden werden als Bologna-Prozess beschleunigter Erwerb von Zukunftskompetenz ohne Herkunftskenntnisse. Bildung sollte sich vielmehr zunehmend auch wieder verstehen als gedächtnisgestützte Urteilskraft. Nur so haben wir Chancen, dem ironischen Wort des Karl Kraus zu entkommen, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zum Thema Bildung in Deutschland feststellte: „Das Niveau ist sehr hoch. Es steht bloß keiner drauf.“

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