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SWR2 Wissen – Jean Baudrillard und die Kultur der Simulation

Autorin: Anat Kalman
Redaktion: Ralf Kölbel
Regie: Andrea Leclerque
Sendung: Freitag, 6. Juni 2014, 8:30 Uhr, SWR2 Wissen
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

ÜBERBLICK
Seine Aussage, die Terroranschläge vom 11. September 2001 wären die "Mutter aller Medienereignisse", wurde weltweit heftig kritisiert. Trotzdem hatte der französische Philosoph Jean Baudrillard (1929 - 2007) einen besonderen Blick für Veränderungen innerhalb der europäischen Gesellschaft. Er sprach von der Sinnlosigkeit des Lebens in einem Überwachungsstaat und lieferte der DDR-Opposition die zentralen Begriffe für ihre Kritik am kommunistischen Regime. Doch auch in der Konsumgesellschaft sieht er die Gefahr einer existentiellen Bedeutungslosigkeit. Die ungebrochene Macht des Konsums, so Baudrillard, tötet jedwede Kreativität, weil sie über die Medien und das Bildungssystem jenen kritischen Geist aushöhle, der die Kultur der 60er- und 70er-Jahre geprägt hat. Einschaltquoten, Sportereignisse, Soft-Opern, Starkult und Werbekampagnen seien Ausdruck einer neuartigen "Kultur der Simulation", die autonomes, kritisches Denken am Ende nur noch als "störend" empfindet.



MANUSKRIPT
Zitator:
Die Dinge sind fortan ohne Inhalte. Der Zucker hat keine Kalorien mehr. Körper und Gesicht weichen der plastischen Chirurgie, an die Stelle des natürlich Schönen tritt eine virtuelle Wirklichkeit, die Ewigkeit wird durch endlose Kommunikationsschleifen ersetzt und unsere Persönlichkeit durch das Klonen einzelner Zellen. Und bei alledem wird der Tod aus unserem Leben wegtherapiert.
Ansage:
Jean Baudrillard und die Kultur der Simulation, eine Sendung von Anat Kalman.
Sprecherin:
Als der französische Philosoph Jean Baudrillard in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal vor der platt materialistischen, sinnentleerten Welt warnte, weil diese in eine künstliche und virtuelle Realität zu versinken drohe, als er damit die „Moderne“ kritisierte, mitsamt ihren Befreiungsbewegungen, reagierten Europas Intellektuelle mit Entsetzen. Man beschimpfte ihn als Polemiker, als Modephilosoph, als theoretischen Anarchisten. Andere wiederum bedienten sich seiner Theoreme für einen Film. Im 1999 gedrehten amerikanisch-australischen Sciencefiction-Film Matrix gehört eines seiner Bücher zu den Requisiten des Films – erzählt Marc Rowlands, Philosophieprofessor der englischen Universität von Hertfordshire.
Atmo:
Atmo: “Matrix” – Welcome to the desert of the real (Gewitter)
O-Ton – Mark Rowlands, darüber Übersetzer:
Das Interessante an Baudrillard ist, dass er wirklich ernst genommen wird und dass hier zum ersten Mal in einem Film das Werk eines Philosophen gezeigt wird.
Sprecherin:
In diesem Film geht es um jene künstliche Welt, vor der Jean Baudrillard seit den 80er-Jahren warnte. Hier erfährt ein junger Hacker namens Neo, dass seine Welt nur eine Scheinwelt ist. Eine Matrix gaukelt den Menschen eine virtuelle Realität vor, in der sie leben, während sie doch in Wirklichkeit von maschinenartigen Wesen beherrscht und ausgenutzt werden. Ein Horrorszenario der Moderne, die den Menschen eben nicht befreit, sondern die Freiheit nur simuliert, während sie ihn in Wirklichkeit versklavt. Jean Baudrillard sprach in diesem Zusammenhang von der „Integralen Wirklichkeit“. Was er darunter verstand, erklärte er in einem Gespräch mit dem ebenfalls sehr berühmten französischen Philosophen, Alain Finkielkraut, in einer Radiosendung von France Culture im Jahre 2003.
O-Ton – Alain Finkielkraut und Jean Baudrillard, darüber Übersetzer:
Finkielkraut: Sie, Jean Baudrillard, sprechen von unserer Welt als von seiner Welt der Integralen Wirklichkeit, was verstehen Sie darunter?
Baudrillard: Darunter verstehe ich eine Wirklichkeit, die sich von der traditionellen Wirklichkeit stark unterscheidet. Die alte Wirklichkeit besaß einen Bezug zur äußeren Welt, zum rationalen Denken und das ermöglichte die Entwicklung einer Geschichte,
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es ermöglichte Widersprüche und Einwände etc. Die integrale Wirklichkeit entsteht dadurch, dass Realität und Technik aufeinanderprallen und daraus entsteht eine Welt der Formeln, der Netzwerke, die irgendwann einmal alles beherrschen.
Sprecherin:
Jean Baudrillard war ursprünglich Germanist und Soziologe. Der 1929 geborene Sohn eines Polizeibeamten aus der nordfranzösischen Stadt Reims stand als junger Mann der französischen Linken nahe. Er stammte aus bescheidenem Elternhaus und hatte vor seinem Studium, das ihn nach Paris führte, auch als Maurer und Landarbeiter gearbeitet. Dann studierte er Germanistik, damit er, wie er immer gerne erzählte, die Bücher, die ihn besonders interessierten, in Originalsprache lesen konnte. Friedrich Nietzsche war einer seiner Lieblingsautoren. 1952 lebte er in Tübingen, wo er Texte von Hölderlin ins Französische übersetzte. Sechs Jahre lang war er danach Deutschlehrer an einem Pariser Gymnasium und schrieb Buchbesprechungen für „Les temps modernes“, eine vom existentialistischen Philosophen Jean Paul Sartre herausgegebene Kulturzeitschrift. Schließlich folgte ein Soziologiestudium und die 68er-Studentenrevolte, die seine Kapitalismuskritik prägte.
Damals wurde sein Denken „radikal“ – pflegte er später immer zu sagen. Doch seine Radikalität unterschied sich ganz wesentlich von der Radikalität der französischen Linken, erklärt der Philosoph François l’Yvonnet, ein ehemaliger Schüler und langjähriger Freund von Jean Baudrillard. Sein Denken wollte nicht „modern“ sein, sondern stellt die Moderne mit ihren ganzen vermeintlich wunderbaren Technologien in Frage.
O-Ton – François l’Yvonnet, darüber Übersetzer:
Die Moderne reduziert und vereinfacht immer alles. Zum Beispiel denkt sie die Geschichte als stetigen Fortschritt, als kontinuierliche Verbesserung der Lebensumstände, die irgendwann einmal in einer wissenschaftlichen und technologischen Vollendung mündet. Das bedeutet, alles auf ein einziges Prinzip zu reduzieren und die Vielzahl an Widersprüchen, die in der Moderne stecken, nicht wahrnehmen wollen.
Sprecherin:
Jean Baudrillard warf der Moderne vor, die Menschen mit ihrem Fortschrittsgedanken zu betören, sie glauben zu lassen, es wird immer weiter alles besser, damit sie sich dann bereitwillig einer eingleisigen technologischen und technokratischen Herrschaft unterwerfen. Und das kann nur geschehen, weil die Moderne vorgibt, ständig neue Lösungen für das Leben der Menschen auf dieser Erde zu produzieren und sich dabei selbst niemals hinterfragt.
O-Ton – François l’Yvonnet, darüber Übersetzer:
Das Fundament seines Denkens kann als „doppeldeutig“ bezeichnet werden. Er stellt keine Thesen und Antithesen auf, um dann zu einer Synthese zu gelangen. Er sucht nicht nach Lösungen. Die meisten erwarten von einem Philosophen in Anführungszeichen ja, dass er irgendwelche Lösungen anbietet. Doch ist das die Aufgabe eines Philosophen? Ich würde sagen nein. Baudrillard ging es um die Kunst der Aporetik, so wie sie Sokrates formuliert hat. Und die Aporetik bietet keine einfachen Denkergebnisse an, die in irgendwelchen Einbahnstraßen enden. Sie bilden das Fundament für eine vollkommen andere Sicht der Realität.
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Sprecherin:
Der Begriff „Aporie“ stammt aus dem Altgriechischen und heißt übersetzt „Ratlosigkeit“, „Ausweglosigkeit“ in Bezug auf ein zu lösendes Problem. Für Aristoteles und die griechischen Philosophen war die Aporetik die Kunst, unlösbare Probleme oder Widersprüchlichkeiten so deutlich zu formulieren, dass man sich des eigenen Nichtwissens bewusst wird. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, pflegte Sokrates zu sagen und eigentlich erwartete Jean Baudrillard diese bescheidene Haltung gegenüber dem Leben auch von der Moderne. Doch die lehnt für sich dieses kritische „Sich-selbst-in-Frage-stellen“ einfach ab. Jean Baudrillard:
O-Ton – Jean Baudrillard, darüber Übersetzer:
Dahinter steht ein Denken, das dominieren will, ein politisch korrektes Denken, das sich in gewisser Weise sogar als „göttliches“ Denken versteht. Denn es hält sich für unangreifbar, nicht hinterfragbar, da es glaubt, den wahren Sinn der Geschichte erfasst zu haben. Hier geht es jetzt nicht um die Frage, was ich politisch „rechts“ oder „links“ einordnen will. Es geht nur darum zu sagen, dass wir in einem Denken leben, das wieder einmal glaubt, das letzte Wort in der Menschheitsgeschichte zu haben.
Sprecherin:
Zu der Vorstellung des kontinuierlichen Fortschritts gehören auch andere Werte, an die fast alle glauben: soziale Gerechtigkeit, Wohlstand, Konsum, Schönheit, Gesundheit. Das sind Ideale, die Jean Baudrillard als solche grundsätzlich nicht in Frage stellt. Doch er warnt: Passt auf die Schattenseiten auf, die sie werfen werden, auf die fatale Doppeldeutigkeit, die auch in ihnen schlummert. Wir kämpfen für die Anerkennung der Menschenrechte in der ganzen Welt, für die Gleichberechtigung der Frauen im Beruf, für die Homosexuellenehe, für eine reinere Natur, für ein besseres Gesundheits- und Sozialsystem, gegen Arbeitslosigkeit und wir sind überzeugt davon, in diesen Bereichen zumindest teilweise Fortschritte erzielt zu haben. Das Prinzip des Bösen – so Baudrillard – ist jedoch bereits in diesen guten Prinzipien verborgen. Wenn wir in allem, was wir tun, ganz streng und konsequent etwas „Gutes“ durchsetzen wollen, werden wir notgedrungen intolerant (werden müssen). Das kann dann auch wieder zur Diskriminierung führen – eben zu Unfreiheit. Ein aktuelles Beispiel dazu aus Frankreich: Dort wurde die Homosexuellenehe den Ehen zwischen Mann und Frau so gleichgestellt, dass zukünftig die Eltern eines Kindes in den Schulpapieren nicht mehr als „Vater“ und „Mutter“ vermerkt werden dürfen, sondern als „Elternteil A“ und „Elternteil B“. Sofort kam die Frage auf: Führt das nicht zu der Aufhebung von „weiblich“ und „männlich“ – zur Abschaffung des „Unterschieds“ und damit zur Abschaffung der „Vielfalt“? Viele Mütter waren verärgert und fühlten sich „diskriminiert“. Für Jean Baudrillard wäre dies nicht weiter erstaunlich, denn für ihn galt: Eine Gesellschaft, in der alle absolut gleichgestellt sind, ist auf ihre Weise totalitär.
Zitat:
Da geht es uns um das „Anderssein“. Denn wenn alle vollkommen gleich sind, wo gibt es dann den, der weiterhin „anders“ ist und auch „anders“ sein darf?
O-Ton – Jean Baudrillard, darüber Übersetzer:
Mittlerweile ist alles Kommunikation, wir kommunizieren ständig und überall. Doch auf mysteriöse Weise gibt es den tatsächlich Anderen am Ende der Leitung nicht
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mehr. Das „Andere“, das ganz anders ist als ich oder der „Andere“, der ganz anders denkt als ich, ist verschwunden.
Sprecherin:
Das gleiche gilt für die Schönheit. Im Laufe der letzten Jahrzehnte musste die weibliche Schönheit immer mehr den medial dargestellten Schönheitsnormen entsprechen. So hat das Schönheitsideal seit Ende des Zweiten Weltkriegs ein immer virtuelleres Bild vom Frauenkörper und Frauengesicht geschaffen. In den sechziger Jahren waren die Stars der Boulevardwelt noch sehr unterschiedlich. Die berühmte Sängerin Edith Piaf war keineswegs schön. Die kecke Brigitte Bardot trat vollkommen anders auf als die damenhafte kühle Marlene Dietrich oder die pralle Sophia Loren, die mit ihrer Konfektionsgröße 46 die Herzen der Männer höher schlagen ließ. Heute ähneln sich die weiblichen Film- und Schlagerstars immer mehr. Die gleiche Mascara-Schminke für die Augen, die gleiche schlanke Figur, die gleiche Eleganz, der gleiche Sexappeal, die gleichen Modetrends.
O-Ton – Jean Baudrillard, darüber Übersetzer:
Die Dinge haben eben ihre Metaebene verloren. Nie zuvor haben die Dinge in dieser reinen materiellen Identität mit sich selbst existiert. Nie zuvor wurde alles so sehr nach maßgeschneiderten Normen produziert und reproduziert. Früher gab es noch etwas, was auf etwas Spezifisches im Gegenstand oder in der Person selbst hinwies. Das ist, was man heute manchmal vergisst.
Sprecherin:
Für Jean Baudrillard ist klar, was zu dieser Uniformität führte. Es ist das Wirtschaftssystem, das fortwährend Wachstum produzieren muss. Ein solches Wachstum erfordert eine ständig steigende Produktion. Und das bedeutet, dass „immer mehr“ an die Masse Mensch verkauft werden muss. Hierfür werden Normen geschaffen und von diesen ausgehend werden über Reklame in der Masse Mensch Bedürfnisse geweckt.
Dabei halten viele Produkte nicht mehr, was sie versprochen haben. Es werden Produkte bewusst so hergestellt, dass sie schnell nicht mehr funktionsfähig sind und neue gekauft werden müssen. Neuere Technologien verdrängen die alten, obwohl diese durchaus noch funktionsfähig wären. Die Konsequenz von all dem – so Baudrillard: Der Konsum beherrscht unseren Alltag. Das Ausmaß dessen sah er schon 1970 voraus, als er in seinem Buch Die Konsumgesellschaft schrieb:
Zitat:
Unsere Welt wird zum Epizentrum des Konsums, der unseren Alltag vollkommen im Griff hat und in seiner Gesamtheit organisiert. Damit einher geht eine totale Vereinheitlichung. Unser Leben wird zu einem mehrdimensionalen Einkaufszentrum, in dem die einst so unterschiedlichen Bereiche des Lebens wie Arbeit, Sexualität, Freizeit und Natur über Begriffe wie „Wohlbefinden“ oder „Glück“ in die Sphäre des Konsums gezogen und vereinheitlicht werden. Selbst die Katastrophe gehört dazu. Sie wird weniger im eigenen Leben, als vielmehr übers Fernsehen erlebt – oder besser nacherlebt. In den Nachrichten, in Live-Reportagen, Fernsehkrimis. Die Katastrophe wird dramatisiert und aktualisiert aufbereitet und vermittelt dem modernen Menschen die Illusion, an einem besonderen Geschehen teilzuhaben. Dabei liegt er oder sitzt er nur vor einem Apparat und konsumiert „Bilder“. (Jean Baudrillard, La société de consommation, 1970, p.25,27,31)
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O-Ton – Jean Baudrillard, darüber Übersetzer:
Dabei sieht es so aus, als gebe es in dieser Welt der Objekte und Besitzgüter eine formelle Gleichheit zwischen allen Menschen. Es scheint, als sei jeder für sich frei genug, um sich auf Kredit alles kaufen zu können, was er sich wünscht, gegebenenfalls auch einen Jaguar. Doch in Wirklichkeit ist diese Demokratie der Konsumgüter, diese Demokratie der Kühlschränke, der Autos und der Fernseher etwas, was die sozialen Unterschiede zwischen den Menschen nur noch verfestigt. Und es scheint, als ob die Politik und die Wirtschaft das auch so wollen.
Sprecherin:
Hier nun wird für Jean Baudrillard das Produkt zum Fetisch. In einem Wirtschaftssystem, das immer weiter wachsen muss, wird weit über die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen hinaus produziert. Diese konsumieren dann, was sie im Grunde gar nicht brauchen. Sie konsumieren aber keine Waren mehr, sondern Gegenstände, die nur noch einen „symbolischen“ Wert haben. Das Kaufobjekt ist ab sofort keine Ware mehr und dient nicht mehr der existentiellen Bedürfnisbefriedigung. Es wird zum Symbol, zum Zeichen.
Dieses Zeichen ist aber nicht mehr an die realen gesellschaftlichen Werte gebunden. Es ist nicht mehr unbedingt ein Zeichen des Wohlstands wie etwa das Auto. Nein, es sind unendlich viele bedeutungslose Zeichen, die man mit einem Produkt kaufen kann. So steht das Verzehren von Süßigkeiten etwa für eine bestimmte Abendstimmung, das Einnehmen von Vitamintabletten oftmals nur für das Gefühl, gesund bleiben zu wollen, bunt bestickte indische Kissen für ein bestimmtes Wohlbefinden zu Hause. Der Kauf eines schönen Kleides oder einer neuen schicken Tasche steht für den Beginn einer neuen Beziehung. Weshalb Baudrillard schrieb:
Zitat:
Der Verbrauch lässt sich weder durch die Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen, noch durch die Kleidung, die wir tragen, noch durch den Wagen, den wir fahren, definieren, sondern nur durch die Organisation dieser Dinge als Bedeutung habende Substanzen.“ ( Jean Baudrillard, Das System der Dinge, 1991, S.23)
Sprecherin:
Doch damit nicht genug: Seit ein paar Jahren kann sich jeder über Internet und Computer seine eigene virtuelle Welt schaffen. Ist man im realen Leben arbeitslos und kann nicht mehr konsumieren, so hat man nun die Möglichkeit, über ein fiktives Selbst in Spielwelten einzutauchen, in denen es gibt, was man sich erträumt. Dort ist es möglich, sein virtuelles Selbst zum Helden und reichsten Menschen der Welt hochzustilisieren. Man kann sich zu Hause vor dem Bildschirm ein zweites Leben „erträumen“, während man von Hartz IV leben muss.
Damit – so Jean Baudrillard – verschwindet jedoch die letzte Realität. Das eigentliche Leben versinkt in eine tiefe Bedeutungslosigkeit – in die leere Signifikanz, wie er es nennt. Der Mensch lebt nicht mehr in seinem eigenen Leben, er lebt in der Simulation.
Zitat:
Wenn ich sage, die Realität ist verschwunden, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem ganzen damit verbundenen Wertesystem. Schon der Begriff des
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Realen setzt einen Anfang voraus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen. All das verschwindet bei der Vernichtung des Realen. ( Jean Baudrillard, Das perfekte Verbrechen, S. …)
Sprecherin:
An diesem Punkt verwandelt sich für Jean Baudrillard die Moderne in eine neue Form von Versklavung. Die Masse Mensch der modernen Gesellschaft verliert ihre Kraft. Sie verschwindet hinter den Bildschirmen und IPhones, verbringt die Zeit mit Talkshows, Fernsehdebatten und Reality Shows und wird sicherlich keine Revolutionen mehr organisieren. Sie wird vielmehr unter dem Druck der Versklavung „implodieren“, das heißt „zusammenbrechen“, und nur noch als Statistik existieren. Das Individuum ist dann kein Subjekt mehr, sondern nur noch Teil eines Netzwerkes und einer Konsumeinheit, dem die Informationsgesellschaft alle Antwort- und Reaktionsmöglichkeiten vorgibt. Der Informationsfluss aus Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehnachrichten und Internetseiten wird die Masse Mensch zum Schweigen bringen. Und durch die ständige stereotype filmische Beschäftigung mit der jüngeren Geschichte, durch die „historical overdosing“, verschwindet die reale Geschichte, während die Teilnehmer nicht einmal mehr bemerken, dass sie selbst dazu beitragen. Diese „konsumtechnische Versklavung des modernen Menschen“ wird von der Mehrheit der Intellektuellen nicht einmal mehr bekämpft, beklagt Jean Baudrillard in seinem Buch „Die göttliche Linke“:
Zitat:
Die Intellektuellen haben das Verschwinden von Realität und damit auch von Utopie überhaupt noch nicht erkannt. Im Gegenteil, sie spielen mit, um besser bei der Masse Mensch anzukommen.
Sprecherin:
Selbst die Politik hat sich dieser Simulationskultur angepasst. Sie ähnelt immer öfter der Werbung und der Mode. Die klassischen Politiker regieren schon lange nicht mehr, meint Baudrillard, sie wurden durch Medienexperten und PR-Genies ersetzt und stehen einer Wirtschaftselite gegenüber, die das eigentliche Sagen hat. Das real Politische hat sich aufgelöst und ist ebenfalls zur Simulation geworden. Man lässt Menschen Parlamente wählen, man spricht in den Nachrichten und Talkshows von der Krise, man debattiert in Sondersendungen und erzeugt dabei fortwährend soziale und politische Einsätze, die aber an den wesentlichen Situationen überhaupt nichts ändern. François l’Yvonnet:
O-Ton – François l’Yvonnet, darüber Übersetzer:
Man könnte sagen, unsere Welt der Simulation funktioniert perfekt. Und darum wird daraus nichts mehr entstehen und auch keine wirkliche Opposition, kein wirkliches Aufbegehren. Denn all das gibt es ja scheinbar schon innerhalb des Systems. Außerhalb dieses perfekt inszenierten Systems gibt es nichts. Es gibt kein „Draußen“ mehr, keine radikale Alternative.
Sprecherin:
Ähnlich erlebten die Intellektuellen der ehemaligen DDR lange Jahrzehnte ihre politische Ohnmacht. Noch weit entfernt von Computer und virtuellen Realitäten, lieferte ihnen der Begriff der Simulation, so wie Jean Baudrillard ihn schuf, den Hinweis darauf, dass ihr angeblich sozialistischer Staat bloße Fiktion sei, gezeichnet durch die Abwesenheit von Wirklichkeit, da die Welt, in der sie lebten, letztlich nur
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eine Inszenierung, eine Konstruktion und eine Erfindung der Mächtigen war. Und diese Erfindung – genannt Realsozialismus – sollte doch ursprünglich einen neuen Menschen schaffen, sein Handeln und Denken vollkommen prägen. Auch das war ein Konzept der Moderne. Im Roman Ich des DDR Schriftstellers Wolfgang Hilbig führt der Begriff Simulation darum zu einer existentiellen Frage:
Zitat:
Wir betrieben ununterbrochen Aufklärung, inwiefern sich die Wirklichkeit unseren Vorstellungen schon angenähert hatte; aber es war schwer aufzuklären, ohne eine Vorstellung davon, was damit sichergestellt oder verhindert werden sollte. Darum war es notwendig zu simulieren, dass die Wirklichkeit zumindest im Ansatz unseren Vorstellungen entsprach. Die Wörter „noch“ und „schon“ drückten die Crux aus. Konnte aus der Simulation Wirklichkeit werden und wo war der Übergang? Konnte, was noch Simulation war, schon in die Wirklichkeit übergegangen sein? Konnte ein Teil der Simulation Wirklichkeit werden, konnte uns die Wirklichkeit mit Simulation antworten? Wenn wir dies bejahen mussten, waren wir wahrscheinlich verloren. (Wolfgang Hilbig, Ich, 2003. S.44f)
Sprecherin:
Und wie ist es heute? Kann aus der Simulation Wirklichkeit werden? Schon möglich, antwortet François l’Yvonnet. Doch es gilt: Die jetzige Moderne kann über die virtuellen Welten alles simultativ integrieren – bis auf den Tod. Das einzige gegnerische Prinzip der modernen Simulationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts ist deshalb der Tod. Der eigene Tod und der Tod der Anderen. Er alleine gibt dem Menschen unwiderruflich die Realität zurück. Denn dem Sterben kann niemand entfliehen, im Tod kann sich niemand mehr in Scheinwelten flüchten. Den Tod kann man nicht simulieren. Der Tod ist die absolute, letzte und totale Realität, der kein Mensch entrinnen kann. Sei es in Naturkatastrophen, Unfällen oder durch den Terrorismus.
O-Ton – François l’Yvonnet, darüber Übersetzer:
An genau diesem Punkt denkt Baudrillard, dass der Terrorismus gegenüber der Simulationsgesellschaft heute die einzig mögliche Provokation ist. Eine Provokation, auf dieses in sich vollkommen geschlossene System der Simulation. Was nicht heißt, dass er etwa für das ist, was Terroristen tun. Nein, er beschreibt den Terrorismus als die „andere“, die „dunkle“ Seite der Moderne, als die Fatalität der Moderne, als Antwort auf die Simulationsgesellschaften. Als er den 11. September 2001 als das größte Medienereignis bezeichnete, hat man ihm ja oft vorgehalten, gegenüber den Opfern kaltherzig zu sein. Aber das ist es nicht.
Sprecherin:
Doch wenn dem so ist, weshalb plädiert Jean Baudrillard nicht für eine neue Revolution? François l’Yvonnet:
O-Ton – François l’Yvonnet, darüber Übersetzer:
Die Philosophen in Frankreich, und das ist in Deutschland wahrscheinlich auch nicht anders, denken immer noch, dass sie die Massen aufklären und befreien und eine neue Avantgarde ins Leben rufen müssten, um die sozialen Kräfte zu vereinen und eine neue Revolutionen zu organisieren. Baudrillard war kein Denker der Revolution. Dieser Begriff ist für ihn wieder nur ein moralischer Begriff, wieder etwas, das im Grund nach einfachen Lösungen sucht. Sein Motto „Befreit Euch endlich von der
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Befreiung“ zeigt, was er wirklich will. Ihm geht es um das sokratische Wort: Der wahre Philosoph lebt allein in der Gegenwart. Und diese Gegenwart ist polyphon, angefüllt mit Rissen und Widersprüchen.
Sprecherin:
Von daher war es das Bestreben von Jean Baudrillard, nur diese eine ewig rissige Gegenwart so ungeschminkt wie möglich zu analysieren und zu verstehen.
O-Ton – François l’Yvonnet, darüber Übersetzer:
Für Baudrillard gab es keine Nostalgie der Vergangenheit und auch keinen Traum einer besseren Zukunft. Es ging ihm nie darum, etwas aufzubauen, um sich dann darauf auszuruhen, denn er lehnte jedwedes Fortschrittsdenken ab. Von daher war er auch überzeugt, dass das Morgen nicht besser sein wird und uns die Zukunft ganz sicher auch keine größere Freiheit bescheren wird.
Sprecherin:
Im Nachruf auf Jean Baudrillard schrieb Stefan Steinberg am 21. April 2007:
Zitat:
Der französische Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard starb am 6. März 2007 im Alter von 77 Jahren. Er gehörte zu den führenden Persönlichkeiten der postmodernistischen Denkrichtung. Sein Tod löste zahllose Nachrufe in der westlichen Presse aus, die sich äußerst positiv über sein Leben und Werk äußerten. Baudrillard, so der Tenor, hatte uns Interessantes zu sagen. Doch andere waren kritischer. Denn in seinen späteren Schriften wetterte er – auf der Basis seiner sogenannten Kritik an der modernen kapitalistischen Gesellschaft – gegen jeden Aspekt wissenschaftlichen und rationalen Denkens.
Sprecherin:
Zeit seines Lebens blieb Baudrillard solchen Angriffen gegenüber gleichgültig. Er war ein ruhiger Mensch und überlegen und er wusste, dass seine Theoreme so einfach nicht vom Tisch zu wischen waren. Selbstverständlich war er nicht gegen Wissenschaft und gegen rationales Denken. Er warnte nur vor einem Denken, das sich selbst über alles andere stellte. Und doch: Kein anderer Philosoph wurde so oft in Zeichentrickfilmen oder Youtube-Videos thematisiert, wie er. So wie in Postmodernisme explained by A2HESY, von einem Formelmännchen vor giftgrünem Hintergrund.
Atmo – A2HESY1:
In this short Video I will attempt to explain thoughts and believes behind the abstract concept of postmodernisme ...
Sprecherin:
Viele Kritiker hielten Baudrillard auch vor, dass er mit selbsterfundenen Fantasiebegriffen arbeite, die in den Geisteswissenschaften, in der Philosophie und in der Soziologie gar nichts bedeuteten. Doch für Alain Finkielkraut liegt gerade hierin die Stärke des Denkens von Jean Baudrillard.
O-Ton – Alain Finkielkraut, darüber Übersetzer:
Ich war nicht immer mit Jean Baudrillard einverstanden, aber ich habe ihn immer gern gelesen, weil er mir sehr viel gab. Denn sein Denken lässt sich nicht in
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irgendwelche Meinungen einschließen und beschreibt mit bewundernswerter Eleganz das Ende der Geschichte in der heutigen Welt der Informationen, das Ende des Schauspiels in der ewig interaktiven Welt, das Ende des Bildes in der Obszönität allgegenwärtiger Bilderflut, das Ende des Wachstums im Überfluss und all das in einer nicht enden wollenden Entwicklung.
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Glossar
Simulation
http://de.wikipedia.org/wiki/Simulation
Die Simulation , ohne (physik/alisch experimentiell ) und mit (digital) Computer
oder Simulierung ist eine Vorgehensweise zur Analyse von Systemen, die für die theoretische oder formelmäßige Behandlung zu komplex sind. Dies ist überwiegend bei dynamischem Systemverhalten gegeben. Bei der Simulation werden Experimente an einem Modell durchgeführt, um Erkenntnisse über das reale System zu gewinnen. Im Zusammenhang mit Simulation spricht man von dem zu simulierenden System und von einem Simulator als Implementierung oder Realisierung eines Simulationsmodells. Letzteres stellt eine Abstraktion des zu simulierenden Systems dar (Struktur, Funktion, Verhalten). Der Ablauf des Simulators mit konkreten Werten (Parametrierung) wird als Simulationsexperiment bezeichnet. Dessen Ergebnisse können dann interpretiert und auf das zu simulierende System übertragen werden.

Deswegen ist der erste Schritt einer Simulation stets die Modellfindung. Wird ein neues Modell entwickelt, spricht man von Modellierung. Ist ein vorhandenes Modell geeignet, um Aussagen über die zu lösende Problemstellung zu machen, müssen lediglich die Parameter des Modells eingestellt werden. Das Modell, respektive die Simulationsergebnisse können dann für Rückschlüsse auf das Problem und seine Lösung genutzt werden. Daran können sich – sofern stochastische Prozesse simuliert wurden – statistische Auswertungen anschließen.

Die Methode der Simulation wird für viele Problemstellungen der Praxis eingesetzt. Bekannte Felder des Einsatzes von Simulationen sind die Strömungs-, Verkehrs-, Wetter- und Klimasimulation.


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Unglückliche Identität
Alain Finkielkraut (* 30. Juni 1949 in Paris) ist ein französischer Philosoph und Autor. Er ist Mitglied der Académie française.

Leben und Werk
Finkielkraut ist der Sohn eines polnischen jüdischen Lederwarenhändlers, der das KZ Auschwitz überlebte. Er besuchte das Pariser Lycée Henri IV und studierte an der École normale supérieure. Finkielkraut lehrt Philosophie an der École polytechnique und moderiert eine Sendung des französischen Radiosenders France Culture.

In Deutschland wurde Finkielkraut zuerst durch Le nouveau désordre amoureux (1977; deutsch 1979 u.d.T. Die neue Liebesunordnung) bekannt, verfasst zusammen mit Pascal Bruckner. Mit der Niederlage des Denkens (1987) beginnt seine Kritik „der Barbarei der modernen Welt”, die sich im Umkreis des Denkens Hannah Arendts entfaltet. Vehement wendet er sich gegen jeden Kulturrelativismus: So zerstöre etwa die Kritik an der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in islamischen Ländern nicht deren Gemeinschaft. Wer sich gegen eine solche Kritik mit dem Anspruch der Toleranz gegenüber fremden Kulturen ausspricht, setze ein überkommenes Denken in Begriffen der kulturellen Identität voraus. Auch kulturelle bzw. religiöse Minderheiten seien ohne eine kulturrelativistische Haltung durchaus geschützt, unter der Bedingung nämlich, dass sie Bräuche, die die Grundrechte der Person verhöhnen, als ungesetzlich erachten.

2007 verlieh ihm die Universität Tel Aviv die Ehrendoktorwürde.[1]

Am 10. April 2014 wurde Finkielkraut in die Académie française gewählt,[2] wo er den Platz von Félicien Marceau übernahm. Finkielkrauts Wahl war eine Debatte vorangegangen, die sich an seinen konservativen, von manchen als reaktionär empfundenen Positionen entzündet hatte[3][4], besonders an jenen, die in seinem wenige Monate zuvor erschienenen Buch L’identité malheureuse vertreten werden.

L’identité malheureuse (2013)[Bearbeiten]

In seinem Werk L’identité malheureuse (2013) geht Finkielkraut davon aus, dass Frankreich im Begriff sei, sich unter dem Einfluss einer massiven und unkontrollierten Einwanderung in eine „postnationale und multikulturelle Gesellschaft“ umzuwandeln. Finkielkraut postuliert, dass die Einwanderer sich nicht nur der Integration verweigerten, sondern Frankreich offen verachteten, dass die Französischstämmigen sich mittlerweile als Fremde im eigenen Land fühlten: „Sie haben nicht etwa Angst vor den Anderen, sie haben Angst davor, selber zu den Anderen zu werden.“[5]

Der Finkielkraut-Experte Jean Birnbaum urteilte über dieses Buch: „Ob er sich selbst dessen bewusst ist oder nicht – sein Buch ist Ausdruck eines politischen Umbruchs. So wie Antonio Gramsci früher als Symbol einer scheinbar undogmatischen KP in Italien herhalten musste, so ist Alain Finkielkraut heute der Vorzeige-Intellektuelle eines scheinbar akzeptabel gewordenen Front National in Frankreich.“ Finkielkraut ist überzeugt davon, der Front National sei „die einzige Partei, die die Franzosen mit ihrer verunsicherten Identität ernst nehme“.[6]

 


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