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PA4-10-8: Ver(w)irrung-Verdeckung-Verführung. Diskursquellen

QUELLEN-INHALTSFOLGE
1 verwirrung- baudrillard - prankl
2 Die Macht der Verführung : Baudrillard
3 Verwirrung zwischen Apokalypse und Apotheose : Gober
4 Verdecken-Verhehlen-Verborgenheit : Schneider
5 Ästhetisches Gleichgewicht und Ver(w)irrung : Saward
6 Helle Verwirrung : Rinck

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1 verwirrung- baudrillard - prankl

http://archiv.kultur-punkt.ch/akademie4/diskurs/passagen-08-1-imaginaeresgespraech.htm
W+B Agentur-Presseaussendung Januar 2008
Buchbesprechung
<< Jean Baudrillard, Jean Nouvel: Einzigartige Objekte - Architektur und Philosophie - Immaginäres Gespräch zwischen Baudriard, Nouvel und Prankl >>
Hg. von Peter Engelmann. Aus dem Französischen von Eva Werth
2004. 128 Seiten., 12,2 x 20,8 cm. Brosch., ISBN 3-85165-589-3 , € 18,–, sfr 28,80
Passagen Verlag, Wien, 2000; http://www.passagen.at/

Diskursteam

Jean Baudrillard
(1929-2007) war emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Paris-Nanterre.

Jean Nouvel
ist Architekt. Zu seinen bekanntesten Bauwerken zählen das Institut du monde arabe in Paris, die Galerie Lafayette in Berlin und das Kongreßzentrum in Luzern.

Walter Prankl
ist Essayist (Ex-Architekt, Foto-, -Grafiker, Oeko-Skulpteur, Online-Publizist..). Entwand sich als Kind dem Hitlerregime (v.3-10 J.) und danach als Jugendlicher dem Stalinregime in Niederösterreich (v.10-20 J.) wurde sozialästhetisch-geomantischer Demokrat, gründete die Online - PlatonAkademie4 (seit 1999 im Diskurs)...

Gespräch -Inhalt
B:audriard, N:ouvel und P:rankl

Erstes Gespräch

B: ..Man wird nicht mit dem Nichts anfangen..eher ein Endpunkt.. Die Radikalität....mehr ein Bereich des Schreibens, der Theorie und weniger im Bereich der Architektur.... mehr des Raumes ..vielleicht des Nichts...

P: Stimme dem zu – das erklärt auch mein Verschwinden aus dem Architektur-Szenario als Handelnder und die Hinwendung zum publizierenden Denker…

B:...des Sichtbaren und des Unsichtbaren...die der angenommenen Realität einer Welt ihre radikale Illusion (Unentschlossenheit, Schwindel...) gegenüberstellt.

P: Diese Überzeugung teile ich mit Ihnen…

N: Schwierigkeiten der Architektur = ...Schaffen und Vergessen...Du (N: zu B:) hast gesagt: "New York (= Utopie) ist das Epizentrum des Weltunterganges...man muss diese Utopie des Weltunterganges retten, das ist die Arbeit der Intellektuellen..."

P: (zu beiden) ..Retten heisst doch die Utopie in eine Vision zu verwandeln, ist keine romantische Anwandlung…

B:..Architektur pendelt zwischen Nostalgie und Antizipation..(= Retrospektive...= Provokation als Verführung ....und Geheimnis...die Kultur ist überall...."punktum" (Barthes in Bezug zur Photographie ....Architektur)

P: .. aus diesem Grund nannten wir (Marga und Walter) folgerichtig unseren virtuellen Standort „kultur-punkt“ als kritische Begleitung dieser Retrospektive der Verführung…

N: ...in der Kunst und in der Architektur geht es um eine Suche nach der Grenze...es gibt ein Vergnügen an der Destruktion (Fast-Nichts.. Nichts...Weisses Quadrat auf weissem Grund...)..

P: Ich verstehe Malevitsch, sein „Schwarzes Quadrat auf (leicht verschmutzt-) weissem (Schnee-)Grund“ seinen Suprematismus (der einfachsten Empfindung seiner Malerei) als das Verschwinden in die Retrospektive der Ikonenmalerei seiner Anwesenheits-Zeit, zugleich als existenz-bedingte Flucht (wie Schostakovitch) aus der todbringenden Verantwortung seiner totalitären Umwelt…um der Vernichtung zu entfliehen..

B: Die Ästhetik des Verschwindens...(Vernichtung bei Virilios ).. in den Netzwerken ( wo jeder der Klon oder die Metastase von etwas anderem wird), der Verflüchtigung... das "Konzept der Nullität"....des Nichts" = eine Form der Metamorphose: ein Erscheinen und Verschwinden...= ist alles nicht mehr wirklich klärbar.. man muss auch spielen, gezwungenermassen...das Objekt (heute) hat sich zerstreut ( nicht verloren, das wäre nostalgisch) ist verschwunden, weggegangen.. kommt vielleicht in einer fatalen Form zurück...

P: Es geht um O und 1, Welle und Korpuskel, ein Diabolon…so ich begreife, ja empfinde ich Ihre Nullität ganz ausserordentlich intensiv… stimme ihnen zu…


Zweites Gespräch

B:...jetzt ist es zweideutig, ambivalent, reversibel und aleatorisch (real zeitlich)...das Objekt verschwindet im äussersten Falle..

P: Jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, die Karten offen zu legen – ich sehe unser Gesprächs-Bewegtheit nach unten gerichtet zu sein, in die unterste Ebene von Platon’s Höhlengleichnis: Es ist der gefesselte, behinderte, be- und gefangene Mensch, dem wir da begegnen, der ( Ihren Ausführungen folgend) nicht einmal mehr Schatten vor sich wahrnimmt – in neuer Sicht-Losigkeit (Blindheit ?) die pure Nullität erspürt, erahnt. Und so schliesse ich daraus, dass das Feuer im Gleichnis nicht vor-scheint , erloschen oder ebenso behindert ist – zu erscheinen - wie der gefesselte Mensch es ist und es erlebt….Von der Schattenwelt in die „Schattenlose RaumZeit“?..

N: Mutation (..man hat in Rekordzeit .. Dinge, Räume, Gebäude, Vororte, auch Nicht-Orte produziert und reproduziert... )

P: In einer sprunghaften Abänderung der Lebensweisen kommen wir ( wenn wir dem Höhlengleichnis weiter folgen) zu den beiden höheren Ebenen: Bunte und Bewegte Welt, Verwirrtheit ( Super-, Weltmarkt.. Neo-Babylon..) zur Doxa ( Masse, Meinung, Medien..) ..
Ich sehe in Ihrer Haltung zur Destruktion, die Sie im ersten Gespräch erwähnten, eine Lust, die in Ihrem Metier üblich und erfolgreich auftritt als paranoide Arroganz oder auch als monomane Ich-Zentriertheit bezeichnet werden kann… ( Ausnahmen sind selten im vergangenen Jahrhundert: Aalto, Neutra…) am Beispiel Luzern wird das deutlich, wie Sie die Kernfunktion, die musikalische Funktion (Hörqualität) erst einmal zugunsten der monumental-ästhetischen Ausdrucksgestaltung beiseite geschoben haben…und so zum Verschwinden des Zuhörens und der Zuhörenden beigetragen haben…

B: was Mutation oder kulturell nennt, ist nur eine Ansammlung von polymorphen, perversen Aktivitäten...

..man müsste eine Architektur entwerfen, die auf der Logik der Datenverarbeitung beruht.. dann gibt es Multikulturalität (Identitätswechsel).. die Dinge, die werden sind selten, sind dem Verkennen ausgesetzt, und vielleicht dem Verschwinden.

P: Sie lieben es, wie ich bemerke, zwischen den beiden Begriffen „Verwirrung und Verlöschtem“ der beginnenden Nullität gedanklich zu pendeln ..

B: Umwelt, Ökologie.. habe ein Vorurteil gegen diese Dinge.. diese existiert auf der Grundlage von einem Verschwinden aller natürlichen Gegebenheiten ..um eine perfekte künstliche Welt zu errichten, in der Räume der Natur zu Naturschutzgebieten werden...

P: Ich steigere Ihre These noch, indem ich feststelle, dass unsere Um-Räume „Natur und -Schutz“ zu Macht- und Gewalt-Szenarien verkommen…

N: Architektur als reines Ereignis sagtest Du?

B: Ja, ich unterscheide das Mondiale, das Universelle und das Einzigartige...

N: .. und zum Neutralen?

B: Dafür brauchen wir keine Architekten...

P: Wir haben genug „Ampassadeure“ , die sich aus ihrer universellen Verantwortung clever heraushalten, statt sich als mitfühlende und integre, soziale Wesen zu offerieren…

B: .. Alles was Ideen, Träume und Utopien waren, ist virtuell verwirklicht. Du stehst vor dem Paradoxon einer Freiheit, die keine Finalität hat…

P: Für diese Schlussbemerkung danke ich Ihnen Beiden und das anregende Gespräch.
08-1 kultur-punkt
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2 Die Macht der Verführung

W+B Agentur-Presseaussendung Mai 2007
Hördokument-Besprechung
<<Jean Baudrillard: Die Macht der Verführung >>
Audio-CD, 68 Minuten; Konzeption und Regie: Thomas Knoefel; Ton: Klaus
Sander; Schnitt: Anja Theismann
ISBN-10: 3-932513-67-3, Euro 18,00 ; verlag supposé, Köln;
kontakt@suppose.de; www.suppose.de ..www.schaulager.ch

Inhalt
Die Macht der Verführung: Sie unterläuft die Wahrheit und die Kräfte der
Produktion, sie erledigt, parodiert den Sinn und
lockt uns ins Spiel. Die Macht der Verführung ist die Macht des Weiblichen.
Das Weibliche aber ist unwiderstehlich: der reine
Schein - substanzlos, mysteriös, ungeheuer. So beginnt Baudrillard uns die
Geschichte der Verführung zu erzählen, eine
Geschichte, die immer wieder beginnt, die nie zum Ende kommt.
Es geht nicht um Sex. Es geht nicht um Lust. Das Sexuelle ist flach und
banal, nur Physiologie, Mechanik, Sport - die
Verführung dagegen eine Herausforderung, ein Duell, "geheime Distanz", eine
Beziehung der Überbietung, der Entgegnung. Sie
favorisiert das Schwache, kreist um leere Begriffe, arbeitet mit Magie und
Zauber. Die Verführung ist ritueller Tausch: "Ich
kann nur verführen, wenn ich schon verführt bin, und niemand kann mich
verführen, ohne selbst schon verführt zu sein."
Baudrillard, der Verführer, führt uns durch alle Arten der Verführung: Die
Verführung Gottes, der Götter, der Toten, der Frau,
des Spiels.
Aber was für arme, schwache Zeiten für die Verführung: Wir sind eine Kultur
der "ejaculatio praecox" - Triebabfuhr und
Befriedigung stehen auf dem Programm! Es ist die Zeit der Wahrheitsapostel
und Sinnstifter, der Produzenten, Klone, der
Liebe, des Universellen. Gegen diese Übermacht evoziert Baudrillard das
Schicksal, die Leidenschaft, das Flüchtige, den Tod!
Doch die Macht der Verführung ist auch und gerade dort, wo die Verführung
ausgeschlossen, gebannt, exorziert werden soll.
Jean Baudrillard, der große französische Theoretiker spricht hier deutsch.
Gelegentlich fällt er für einige, wenige Sätze in
seine Muttersprache, um diese dann gleich zu übersetzen: Selten waren
Suchbewegungen des Denkens, war Sprachfindung
plastischer, präsenter. Und in den Lücken, dem Abgrund zwischen den Sprachen
kommt das Unaussprechliche, Namenlose
zum Vorschein. So wird die Stimme Baudrillards selber zum Instrument der
Verführung: rhapsodisch, beschwörend, lockend...
Das uralte Lied... Die Verführung stirbt nie!

Inhaltsfolge

1 Prolog: Wider die Liebe

2 Eine kurze Geschichte der Verführung

3 Séduction und Produktion

4 Die Macht des Weiblichen

5 Von der Verführung der Toten

6 Verführung und Pornographie

7 Die Verführung Gottes

8 Perversion und Verführung

9 Über die Normierung der Welt

10 Jenseits des Zufalls

11 Verführung und Liebe

12 Technik und Magie

Zum Autor
Jean Baudrillard, geboren 1929, Philosoph und Schriftsteller, lebte zuletzt
und stirbt in Paris 2007.

Fazit
Das Hördokument von Jean Baudrillard: Die Macht der Verführung weist eine
einmalige Intensität auf , eines genial gereiften
Geistes mit blitzgescheitem verhaltenen bis behutsam-zögerlichen Spiel
zwischen Deutsch und seinem ureigenen
Französisch wie dem inhaltlichen vorgetragenen verhängnisvollen Duell von
Mann wie Frau in einer grausam globalisierten
Welt zwischen Apotheose und Apokalypse.
Seine gelassene Heiterkeit vor einem endgültigen Abschied, nahe dem
Sokratischen, wirkt wie die Tröstung eines Freundes
(Hanimann,FAZ) vor dem unvermeidlichen Verschwinden, zu dem wir verdammt
sind. Baudrillard zitiert auch im Kontext seine
geistigen Weggefährten Canetti (Verführung der Toten: Allmähliches
Verschwinden des Körpers und der Objekte..), Nietzsche
und Heidegger...( Perversion und Verführung: gesetzfixiert zugleich
gesetzlos, grausam reduzierte Zerteilung, Zerr-Stückelung von
Körper, Sex und Porno...ein Wille zum Tod...).
Baudrillard bewegt zentral das Jenseits des Zufalls: Darin erkennt unsere
Angst vor dem Ich-Sein (Heidegger): Die Dinge
treffen fatal zusammen (Koinzidenz) - Zufall und Schicksal stehen einander
gegenüber.
In der Leidenschaft / Perversion hat das Objekt eine gleichgültige
Wertigkeit. Es ist ein Spiel ohne Gegenspiel. Bis die Dinge
umstürzen (Beckett, Canetti, Jonescu, Robert Gober, Schaulager ..) - in
unentschlüpfbare und unentrinnbare Gewalt.
Baudrillard schliesst sein Thema Verführung mit Technik und Magie: Er stellt
fest das Wahrheit ein Gebündeltes (bottelage)
von Positivem wie Negativem, Eine Ja/Nein Antwort ergibt (wie auch Robert
Gober, Skulpteur, in seinen Antworten auf Fragen zu seinem Schaffen im
Schaulager 2007-5) wobei dem Materiellen, Körperlichen ein
Minus/Verschwinden und dem Geistigen etwas Symbolisches Plus
zukommt...Zauber im Äussersten des unvergesslichen Denkzauberers Baudrillard.


***

3 VERWIRRUNG zwischen Apokalypse und Apotheose : Gober
W+B Agentur-Presseaussendung Mai 2007 sowie im Internet-Journal
www.kultur-punkt.ch

Ereignis- und Katalogbuchbesprechung

<<Schaulager - Robert Gober: Entwürfe, Skulpturen, Inszenierungen 1979-2007
oder Vegetabile Träume zwischen Apokalypse und Apotheose>>

http://www.schaulager.org; info@schaulager.org; LAURENZ-STIFTUNG, CH-4142
Münchenstein / Basel

Zu Gober's Skulptur - Kernaussage:

Hohlzylinder(Rohrteil) mit Loch und Stab-Filter (Diaphragma) I.

Figurativ betrachtet handelt es sich bei den Sachen um Architektur-Torsen
z.B. um wandbefestigte Waschbecken mit AusGuss, AbLauf, Abfluss, also
Vorrichtungen zum Austritt von nicht vorhanden Flüssigkeiten. Als wenn ihre
Frist (ihr Vorhandensein ) abgelaufen ist...

Bei den Human-Objekten werden Gliedmassen oder Brust-Torsen sichtbar, stehen
in einer Raumecke oder verschwinden liegend in der Wand...Unwillkürlich,
vegetabil konstatiert asoziieren wir Baudrillard's letztes Gespräch: Die
Macht der Verführung...der vegetabilen Verführung..

Zu Gober's Inszenierungen

Hohlzylinder(Rohrteil) mit Loch und Stab-Filter (Diaphragma) II.

Dazu zählt herausragende Ausnahme, die Inszenierung (pars pro toto)

Madonna durchrohrt (c 2007 Interpretation kultur-punkt)

Robert Gober, Untitled, 1995 – 1997, Mixed media, Emanuel Hoffmann-Stiftung,
Basel © Robert Gober

Eine mittig im Raum angeordnete amerikanisches Standardkanalgitterdeckel,
der Einsicht in einen vegetative Wasserbiotop gewährt...

Darüber eine Standard-Friedhofgrab-Madonna, die von einem Standard-Baurohr
in der Körpermitte durcbohrt ist... links und rechts offene Koffer zur
Betrachtung symmetrisch gestaltet...

Kernaussage dazu: Ein Standardrohr durchdringt einen sakralen
Standardkörper, das zum Weiterleiten von Stoffen dienen kann.. ist aber
leer,ja hohl.. es weist auf den Bruch hin zum sakralen Symbol...(auch Die
Chakren und Freud grüssen uns..)...

Wir im Deutschsprachigen kennen den Rohr-Stock zur Züchtigung
(Opferzüchtung), neben dem Rohr-Bruch auch den Rohr-Kreppierer, wenn ein
angedachtes Geschoss im Lauf der Waffe explodiert...und hier zentral - eine
denkbarer Informationtransport , der nicht in Erscheinung tritt, aussen vor
bleibt - bei uns?...

Genug, wir befinden uns gleichnishaft in der Höhle Platons in der untersten
Ebene, gefesselt, teilweise sprachlos (Gober) geknebelt und sehen das
Licht/Feuer/Erkenntnis schattenhaft grau unförmig und bruch-stück-haft..

Schlussfolgerung:

Robert Gober hat Träume, auch ziemlich bösartige (wie er uns zunickend
versicherte) - übrigens wie wir auch - und viele andere - aber wie geht
Gober mit diesen Albträumen um, wie entkommt er dieser Schattenwelt? Sein
ästhetischer Sinn hat ihm den Weg Stufe um Stufe zum Ausgang zur Erhellung
gewiesen, aber immer, wenn sie - die Schatten seiner tiefsten und
abgründigen Träume ihn rufen steigt er Stück um Stück abwärts, besinnt sich
mit diesen Schatten (auch Dante begrüsst uns dort) und erarbeitet es
sprachfrei und musterbildnerisch für unser vegetabiles Denken auf dem Weg zu
unserer verhängnisvollen Erkenntnis - von der Apokalypse zu Apotheose mit
Retrofit (Baudrillard, kultur-punkt).

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4 Verdecken-Verhehlen-Verborgenheit : Schneider

Verdecken-Verhehlen-Verborgenheit > "Ver-resten",Über-reste
statt "Unverborgenheit"

Manfred Schneider: Ruinen, Müll und Reste - Die Archäologie der Jetztzeit
SWR2 RadioART: Essay
Autor: Manfred Schneider
Redaktion: Stephan Krass; mailto: Stephan.Krass@swr.de
Sendung: Montag, 26. Juni 2006, 21.03 Uhr, SWR 2
http://archiv.kultur-punkt.ch/akademie4/kooperation-swr2/swr2-schneider-archaeologie-muell06-7.htm
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Auszug
Spr. 1
Eine ganz gleiche Theoriebewegung vollzieht auch Martin Heidegger. Seine Parmenides-Vorlesung des Wintersemesters 1942/43 sowie das darauf folgende Heraklit-Kolleg stellen seinen zentralen Beitrag zur Frage der Reste dar. Am vorsokratischen Denker Parmenides erläutert Heidegger das Wesen der griechischen alätheia, der Wahrheit. Sie heißt, genau übersetzt: "Unverborgenheit". Der Gegenbegriff hierzu im Sinne der Verborgenheit heißt im griechischen pseudos. Dieser pseudos bedeutet nach Heidegger nicht das Falsche oder die Lüge, wie unser Wort Pseudonym nahe legen könnte, sondern das Verdecken oder Verhehlen. Heidegger entfaltet nun die Lesart, dass dieser griechische pseudos als Gegenwort zu alätheia in der römischen Aneignung des Griechischen zum Gegensatz von verum und falsum, von wahr und falsch, entstellt und verkürzt wurde. Es gibt daher bei Heidegger keine Heroisierung Roms, denn dieser von den Römern eingeleitete "Wandel des Wesens der Wahrheit und des Seins“ ist laut Heidegger „das eigentliche Ereignis in der Geschichte".
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Spr. 2
Wie aber steht es mit den Resten? Während sich Heidegger auf den Abfall der griechischen Denker besinnt, entfaltet Benjamin sein ganzes Werk als Theorie der Reste. Die paradiesische Sprachkatastrophe erfasste nach seiner Lesart sowohl die Wörter als auch die Dinge, denn, so sagt er:
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Spr. 3
"Zur Verknechtung der Sprache im Geschwätz tritt die Verknechtung der Dinge."
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Spr. 2
Alle diese Künstleraktionen, die Objektkünste und Projekte, die Müll, Abfall, trash, waste, dust in einen ästhetischen Prozess holen, sind durchaus verwandt mit der Geste des anfangs erwähnten Archäologen William L. Rathje, der den Müll seiner Zeit der Wissenschaft zuführt. Die moderne und postmoderne Gesellschaft beobachtet ihren Abfall, ihre industriellen, ökonomischen und kulturellen Stoffwechselprozesse mit höchster Aufmerksamkeit. Sie zeigt sich von ihnen zugleich abgestoßen und magisch angezogen. Die Anziehungskraft, die das Abstoßende im Auge der Wissenschaft, der Kunst, bei Sammlern und am Ende bei uns allen ausübt, ist eine bislang noch nicht verstandene Kraft, eine neue Dynamik unserer Kultur. Man könnte vermuten, dass der Gegensatz zwischen Wegwerfen und Bewahren ein ähnliches Schicksal, erleidet wie andere Gegensätze unserer Zeit, wie der Gegensatz zwischen Männern und Frauen, wie der Gegensatz von Freund und Feind, wie der Gegensatz von wahr und falsch. Die Unterschiede werden abgeschliffen und unscharf.
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Spr. 2
Alle diese Prozesse verlaufen in bestimmter Hinsicht anonym. Das ist auch vermutlich der Grund dafür, dass die moderne Kunst eine solche enorme Aufmerksamkeit für diese Prozesse aufbringt. Die riesige Abfallproduktion der modernen Gesellschaft vollzieht sich in einer kollektiven Praxis, die an keinen Einzelwillen anschließt, und läuft wie ein natürliches Geschehen ab. Nicht anders steht es um die Prozesse, die den Menschenmüll hervorbringen, die Arbeitslosen, Migranten, Asylanten. Die Begriffe, in die sich dieser schicksalsähnliche Prozess kleidet, heißen: „Rationalisierung“, „Effizienzsteigerung“, „Globalisierung“. Niemand ist dafür verantwortlich, niemandem kann das zugeschrieben werden. Es gibt keinen Schuldigen, es gibt keinen Urheber. Schwerlich wird man allerdings behaupten können, dass Gott die Globalisierung gebracht hat. Es scheint eine radikal dem Menschwillen entzogene Vernunft zu sein, der sich Wirtschaftsführer, Politiker, Philosophen zu beugen haben. Bisweilen versuchen Populisten den Arbeitslosen auch als faul und träge darzustellen, um das vertraute Prinzip von Ursache und Wirkung anzuwenden, aber jeder Klardenkende weiß, dass diese Sicht dem Problem nicht gerecht wird.

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5 Ästhetisches Gleichgewicht und Ver(w)irrung : Saward

W+B Agentur-Presseaussendung Februar 2004
<<Ästhetisches Gleichgewicht und Ver(w)irrung>>
Buchbesprechung
<<Jeff Saward: Das grosse Buch der Labyrinthe und Irrgärten>>
Geschichte. Verbreitung. Bedeutung.
224 S.; durchgehend illustriert, gebunden, mit Schutzumschlag; EUR 39,-
AT Verlag, CH-5001 Aarau, 2003; www.at-verlag.ch

Jeff Saward, Historiker, Fotograf, Erforscher von Labyrinthen und Irrgärten, ist einer der führenden Fachleute auf diesem Gebiet, und Herausgeber der Zeitschrift Caerdroia zum Thema.
Bereits in Jerusalem, Jericho und Troja, wie auch in Ägypten und Indien, kennen und verwenden im kultisch-religiösen Zusammenhang oder in dekorativer Absicht wie im SW der USA, in Europa, Island, Afrika und Indonesien:
In diesem grossen Werk zum Thema gibt Saward eine umfassende Übersicht. Einzigartige Aufnahmen der Labyrinthe und Irrgärten werden in farbigen und s-w Fotos sowie Zeichnungen dargeboten.
Ergänzt wird diese Dokumentation durch eine internationale Biografie, mit weiterführenden Adressen und Websites z.B. www.labyrinthos.net … sowie einem ausführlichen Sachwort- und Namensregister.
Saward kommt schliesslich auf die letzten Jahrzehnte zu sprechen und die Sinnsuche, die den Reiz unserer immer komplexer werdenden Informationsflut ausmacht. Dabei bildet das Sich-Selbst-Verlieren und das Chaos eine entscheidende Rolle. So bleibt auch das Interesse, dem Saward in kompetenter Weise in diesem Buch nachgegangen ist, von aktuellem Interesse.

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6  Helle Verwirrung : Rinck

 Online-Publikation: Juli 2010 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Monika Rinck: Helle Verwirrung. Rincks Ding- und Tierleben. Gedichte, Texte und Zeichnungen. >>
200 Seiten, 2 Buchblöcke im Schuber, 24,90 €.
kookbooks, Idstein 2009, www.kookbooks.de;

Inhalt
Monika Rinck vollführt in "Helle Verwirrung. Rincks Ding- und Tierleben" poetische Drahtseilakte - allerdings nur zehn Zentimeter über dem Boden.
Ein Album kann vieles sein: Poesiealbum, Fotoalbum, Musikalbum. Insofern passt die Bezeichnung für das, was die Berliner Lyrikerin Monika Rinck unlängst vorgelegt hat: Hybridformen zwischen Text und Zeichnung, Prosa und Lyrik, kleingeschrieben und assoziativ: „ich hielte dich nicht, quitte, dein licht dein quittengesicht.“
Davon gibt es einen ganzen Zyklus: „Der Quitte wegen“. Man muss ihn als kleine Hommage an Max Goldt lesen, der die Quitte vor etlichen Jahren literaturfähig gemacht hat: „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“ hieß eine Textsammlung, in der sich auch ein Stück über ungeliebtes Obst findet – und ein Quittenwitz, der mit einem Doppelzentner Quitten anfängt und mit einer Quittung endet.
Ansonsten kreisen Rincks Zeilen häufig um Tier und Fleisch, um Tierliebe und Fleischeslust, auch die an solchem, das keine Eltern hat, Fruchtfleisch von Quitten zum Beispiel. Nun ja, diese Art literarischer Lust hat Tradition, es ist die Hoffnung auf das Wort gewordene Fleisch und das Fleisch werdende Wort, eine Art profaner Transsubstantion. Aber Rinck gewinnt ihr originelle Seiten ab: „Sich einen Teller Tatar zu teilen im Zustand der Willenlosigkeit“ – das mag für Vegetarier die Höchststrafe darstellen, ansonsten aber hält der Text, was der Titel verspricht.
Und das gilt für die ganze „Helle Verwirrung“, die gern einen poetischen Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden vollführt, allerdings nur zirka zehn Zentimeter über der Erde. Für mehr scheint sie zu reflektiert. Ab und an ein semi-artistisches Enjambement, hin und wieder ein aparter Binnenreim: „die wohnungsbrand, aye, aye, verzehrt / mich nicht, die hose runter, wehrt sich nicht, wieso?“
Zurückgefragt: Wer spricht da eigentlich? Eher selten das klassische lyrische Ich. Das fand sich schon in ihren früheren Gedichtbänden kaum. Rinck, 1969 in Zweibrücken geboren, verdichtet und verschränkt stattdessen häufig Sprechakte, Sätze, die man überall und nirgends hören kann. Daraus entstehen Textgebilde, Hybridformen, Rollenprosagedichte: „herrje, da kippen wir jetzt einen würzling drüber.“ Geht doch, oder?

Autorin
Monika Rinck
geboren 1969 in Zweibrücken, Studium der Religionswissenschaft, Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Bochum, Berlin und Yale, lebt als Autorin in Berlin. Zuletzt erschienen von ihr »Begriffsstudio 1996-2001«, edition sutstein 2001 (fortgeführt unter www.begriffsstudio.de), »Verzückte Distanzen«, Gedichte, zu Klampen! 2004, »Ah, das Love-Ding! Ein Essay«, kookbooks 2006, »zum fernbleiben der umarmung«, kookbooks 2007, »Pass auf, Pony! Ein Hörbuch«, edition sutstein 2008, »HELLE VERWIRRUNG/Rincks Ding- und Tierleben«, kookbooks 2009, und das Künstlerbuch »elf kleine dressuren. Max Marek (Scherenschnitt) und Monika Rinck (Texte)«, edition sutstein 2009. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Literaturpreis Prenzlauer Berg 2001, dem Lyrik-Stipendium der Stiftung Niedersachsen 2003, dem Förderpreis zum Kunstpreis Rheinland-Pfalz 2006, dem Hans-Erich-Nossack-Förderpreis 2006, dem Ernst-Meister-Preis 2008 und dem Georg-K.-Glaser-Preis 2010 ausgezeichnet.
Publikationen bei KOOKbooks:
–> HELLE VERWIRRUNG/Rincks Ding- und Tierleben· Gedichte/Texte und Zeichnungen
–> zum fernbleiben der umarmung · Gedichte
–> Ah, das Love-Ding! · Ein Essay

Fazit
Schon allein die "Poesie als Lebensform" die das Bekenntnis der Verlegerin Daniela Seel, und mit dem "Du kennst das auch" als Begleitwort in ihrer Ansprache an spezifisch Poesie-Interessierte bekundet ein tiefer gehendes Verständnis für ihre AutorInnen. Nun ist der Poesieband " Helle Verwirrung. Rincks Ding- und Tierleben." mit 2 Buchblöcken im Schuber, mit ihren Gedichten, Texten und Zeichnungen erschienen: Schon die Erstbegegnung zeigt sich bei der Entnahme der Bände höchst sperrig, und beide sind "rückenfrei". Es fehlt der übliche überdeckte Rücken, so dass die von Kennern geliebte und selten gewordene Fadenbindung sichtbar wird. Bereits da entsteht eine bibliophile Atmosphäre, dank der Verlegerin von kookbooks.de.
Diese anfängliche Sperrigkeit der Formhülle zeigt sich auch im Inhaltlichen der Autorin Monika Rinck, deutlich am Beispiel der Bild-Text "Beschwerniskatze" u.v.a.. "So ich würde sagen, es reicht". Rinck zeigt einen sperrigen gleichwohl sarkastischen Blick auf die verwirrende Verhaltenswelt, der frisch, klar und bereits gereift artikuliert ist. Weiter so, zur Freude aller ihrer LeserInnen w.p. 10-7

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