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kadmos11-2kreation-depression

Online-Publikation: Februar 2011 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Christoph Menke, Juliane Rebentisch, (Hg.) : Kreation und Depression . Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus . Mit Beiträgen von Luc Boltanski , Ulrich Bröckling, Ève Chiapello, Gilles Deleuze, Diedrich Diederichsen, Alain Ehrenberg, Carl Hegemann, Tom Holert, Axel Honneth, Michael Makropoulos, Christoph Menke, Robert Pfaller, René Pollesch, Juliane Rebentisch, Andreas Reckwitz und Dieter Thomä.>>
252 Seiten; 15 x 23 cm, broschiert (Kaleidogramme Bd. 67) ISBN: 978-3-86599-126-3; 19.90 €
Kulturverlag Kadmos, Berlin; www.kv-kadmos.com;  

Fazit vorangestellt:
Zum Diskursbuch "Kreation und Depression" von Christoph Menke und Juliane Rebentisch gesellt sich herausgeber-innovativ der bemerkenswerte strichführende Fingerzeig am Rücken des Diskursbuche zur "Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus". Dabei wird den LeserInnen die Seitenfindung und -führung auf effiziente Art gewährleistet - da am Rand die Seitenzahl seitlich sichtbar strich-markiert ist -. Die Beiträge beinhalten in der Perspektive der gegenwärtigen Gesellschaftskritik "die individualistische Auflehnung gegen das soziale Gesetz nach dem Modell der »Künstlerkritik« (Chiapello), heute ebenso problematisch wie die romantische Tradition, in der sie steht." Aber wie verhalten sich die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen tatsächlich zu diesen ästhetischen Modellen und Traditionen der Kritik? Der Band widmet sich zu Recht dem Stand ästhetischer Freiheit aus soziologischem, philosophischem, kulturtheoretischem und historischem Blickwinkel: " Was über uns hinaus geht, ist das andere Leben (Pollesch)" wirkt als Schluss unbefriedigend und verantwortungs-abweisend. m+wp.11-2

Inhalt
Mit Beiträgen von Luc Boltanski , Ulrich Bröckling, Ève Chiapello, Gilles Deleuze, Diedrich Diederichsen, Alain Ehrenberg, Carl Hegemann, Tom Holert, Axel Honneth, Michael Makropoulos, Christoph Menke, Robert Pfaller, René Pollesch, Juliane Rebentisch, Andreas Reckwitz und Dieter Thomä.
Eigenverantwortung, Initiative, Flexibilität, Beweglichkeit, Kreativität sind die heute entscheidenden gesellschaftlichen Forderungen, die die Individuen zu erfüllen haben, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Sie haben das alte Disziplinarmodell der Gesellschaft ersetzt, ohne dabei freilich die Disziplin abzuschaffen. An die Stelle einer Normierung des Subjekts nach gesellschaftlich vorgegebenen Rollenbildern ist der unter dem Zeichen des Wettbewerbs stehende Zwang zur kreativen Selbstverwirklichung getreten. Es scheint, dass sich Einstellungen und Lebensweisen, die einmal einen qualitativen Freiheitsgewinn versprachen, inzwischen so mit der aktuellen Gestalt des Kapitalismus verbunden haben, dass daraus neue Formen von sozialer Herrschaft und Entfremdung entstanden sind. Innere Leere, gefühlte Minderwertigkeit, Antriebsschwäche scheinen die Kehrseite der Erwartung zu sein, die Einzelnen mögen sich – unabhängig von ihren jeweiligen sozialen Voraussetzungen – in der Teilnahme am gesellschaftlichen Reproduktionsprozess zugleich flexibel und kreativ selbst verwirklichen. Durch diese Entwicklung ist insbesondere ein Verständnis menschlicher Freiheit in die Krise geraten, das sich aus Erfahrungen und Figuren des Ästhetischen speist: Aus der Perspektive der aktuellen Gesellschaftskritik ist die individualistische Auflehnung gegen das soziale Gesetz nach dem Modell der »Künstlerkritik« (Chiapello) heute ebenso problematisch wie die romantische Tradition, in der sie steht. Aber wie verhalten sich die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen tatsächlich zu diesen ästhetischen Modellen und Traditionen der Kritik? Der Band widmet sich dem Stand ästhetischer Freiheit aus soziologischer, philosophischer, kulturtheoretischer und historischer Perspektive.

HerausgeberIn - Team
Christoph Menke
Professor für Praktische Philosophie im Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen« und im Institut für Philosophie der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt a.M. Buchveröffentlichungen (Auswahl): Die Souveränität der Kunst. Ästhetische Erfahrung nach Adorno und Derrida (Suhrkamp 1988); Spiegelungen der Gleichheit (Suhrkamp 2000); Die Gegenwart der Tragödie. Versuch über Urteil und Spiel (Suhrkamp 2005); Kraft. Ein Grundbegriff ästhetischer Anthropologie (Suhrkamp 2008).

Juliane Rebentisch
lehrt Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurta.M. und ist Mitglied des Exzellenzclusters »Die Herausbildung normativer Ordnungen«. Buchveröffentlichungen (Auswahl): Ästhetik der Installation (Suhrkamp 2003); Kunst - Fortschritt - Geschichte (Kadmos 2006; hg.mit Christoph Menke); Freiheit, Gleichheit, Unbestimmtheit. Das ethisch-politische Recht des Ästhetischen (Ms. Habilitation 2009).

Inhaltsfolge
Vorwort: Zum Stand ästhetischer Freiheit . 7
I.
Gilles Deleuze
Postskriptum über die Kontrollgesellschaften 11
Luc Boltanski / Ève Chiapello
Die Arbeit der Kritik und der normative Wandel 18
Ève Chiapello
Evolution und Kooption. Die »Künstlerkritik« und der
normative Wandel 38
Alain Ehrenberg
Depression: Unbehagen in der Kultur oder neue Formen
der Sozialität 52
Axel Honneth
Organisierte Selbstverwirklichung. Paradoxien
der Individualisierung 63
Carl Hegemann
Freiheit ist, grundlos etwas zu tun. Über die Zukunft eines Begriffs 81
II.
Ulrich Bröckling
Über Kreativität. Ein Brainstorming 89
Andreas Reckwitz
Vom Künstlermythos zur Normalisierung kreativer Prozesse:
Der Beitrag des Kunstfeldes zur Genese des Kreativsubjekts . 98
Diedrich Diederichsen
Kreative Arbeit und Selbstverwirklichung . 118
Tom Holert
Formsachen. Netzwerke, Subjektivität, Autonomie . 129
Dieter Thomä
Ästhetische Freiheit zwischen Kreativität und Ekstase.
Überlegungen zum Spannungsverhältnis zwischen Ästhetik
und Ökonomik 149
Juliane Rebentisch
Hegels Missverständnis der ästhetischen Freiheit 172
Robert Pfaller
Wofür es sich zu leben lohnt. Und was uns das vergessen lässt:
Über-Ich, Narzissmus, Beuteverzicht 191
Michael Makropoulos
Kunstautonomie und Wettbewerbsgesellschaft. Nachtrag
zur ›Ökonomisierung des Sozialen‹ 208
Christoph Menke
Ein anderer Geschmack. Weder Autonomie noch Massenkonsum 226
III.
René Pollesch
Lob des alten litauischen Regieassistenten im grauen Kittel 243
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren 250

Leseprobe:
Vorwort: Zum Stand ästhetischer Freiheit
Im Zentrum des Bands steht ein Befund gegenwärtiger Gesellschaftskritik:
Eigenverantwortung, Initiative, Flexibilität, Beweglichkeit, Kreativität sind
die heute entscheidenden gesellschaftlichen Forderungen, die die Individuen
zu erfüllen haben, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Sie haben
das alte Disziplinarmodell der Gesellschaft ersetzt, ohne dabei freilich die
Disziplin abzuschaffen. An die Stelle einer Normierung des Subjekts nach
gesellschaftlich vorgegebenen Rollenbildern ist der unter dem Zeichen des
Wettbewerbs stehende Zwang zur kreativen Selbstverwirklichung getreten.
Man gehorcht heute nicht mehr, indem man sich einer Ordnung unterwirft
und Regeln befolgt, sondern indem man eigenverantwortlich und kreativ
eine Aufgabe erfüllt. Im Blick auf häufig wechselnde »Projekte« sollen
die Einzelnen ihren eigenen Neigungen folgen, um sich jeweils ganz – mit
allen Facetten ihrer Persönlichkeit – »einzubringen«. Es scheint, dass sich
Einstellungen und Lebensweisen, die einmal einen qualitativen Freiheitsgewinn
versprachen, inzwischen so mit der aktuellen Gestalt des Kapitalismus
verbunden haben, dass daraus neue Formen von sozialer Herrschaft
und Entfremdung entstanden sind. Tatsächlich ist in den entwickelten
kapitalistischen Gesellschaften des Westens ein dramatischer Anstieg an
im weitesten Sinne depressiven Persönlichkeitsstörungen zu verzeichnen.
Innere Leere, gefühlte Minderwertigkeit, Antriebsschwäche scheinen die
Kehrseite der Erwartung zu sein, die Einzelnen mögen sich – unabhängig
von ihren jeweiligen sozialen Voraussetzungen – in der Teilnahme am gesellschaftlichen
Reproduktionsprozess zugleich flexibel und kreativ selbst
verwirklichen.
Durch diese Entwicklung ist insbesondere ein Verständnis menschlicher
Freiheit in die Krise geraten, das sich aus Erfahrungen und Figuren des
Ästhetischen speist: Aus der Perspektive der aktuellen Gesellschaftskritik
ist die individualistische Auflehnung gegen das soziale Gesetz nach dem
Modell der »Künstlerkritik« (Chiapello) heute ebenso problematisch wie
die romantische Tradition, in der sie steht. Aber wie verhalten sich die aktuellen
gesellschaftlichen Entwicklungen tatsächlich zu diesen ästhetischen
Modellen und Traditionen der Kritik? Handelt es sich hier lediglich um die
Zuspitzung eines Prozesses, der bereits von den Theorien der Moderne als
einer der mit der Romantik beginnenden Individualisierung diagnostiziert
worden ist? Und wie ist der behauptete Zusammenhang zwischen sozialer
Transformation und ästhetischen Impulsen genau zu verstehen? Haben
wir es heute wirklich mit der Krise eines ästhetischen Freiheitsverständnisses
zu tun? Und in welchem Sinn von »ästhetisch«? Liegt tatsächlich
eine »Wahlverwandtschaft« (Honneth) zwischen »ästhetischer Freiheit«
und postdisziplinärer Flexibilisierung vor? Und wenn ja: ist diese dem
ästhetischen Freiheitsmodell extern oder geht sie auf immanente Probleme
desselben zurück? Müssen wir also das ästhetische Freiheitsmodell im
Ganzen verabschieden, oder ist es im Gegenteil so, dass sich die aktuellen
politisch-ökonomischen Entwicklungen nicht überzeugend kritisieren lassen,
ohne auf das normative Potential der ästhetischen Freiheit zurückzugreifen?
Und was für Konsequenzen haben die Antworten auf diese Fragen
für das Verständnis und den Vollzug der im engeren Sinne ästhetischen,
der künstlerischen Praxis?
Der Band nimmt diese Fragen aus soziologischer, philosophischer, kulturtheoretischer
und historischer Perspektive näher in den Blick. In einem
ersten Teil haben wir Positionen zusammengestellt, die für die Diskussion
der letzten Jahre bestimmend waren. Im zweiten Teil sind neuere Beiträge
versammelt, für die die Positionen aus dem ersten Teil einen wichtigen
Bezugspunkt bilden. Am Schluss steht ein Text von René Pollesch, der am
Anfang der Idee zu diesem Band stand.
Danken möchten wir dem Sonderforschungsbereich »Ästhetische Erfahrung
im Zeichen der Entgrenzung der Künste« sowie dem Exzellenzcluster
»Die Herausbildung normativer Ordnungen«, die den Band finanziell
ermöglicht haben. Ebenfalls danken möchten wir Judith Mohrmann für
ihre Unterstützung bei der Arbeit an seiner Realisierung.
***


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