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Themendiskurs : Die Zukunft Europas (1/6)
INHALTSFOLGE
1 Zukunft ( Leggewie)
2 Aufklärung (Neiman
3 Identitàtssuche (Grosser)
4 Anderssein (Strasser)
5 Polyphonie (Taureck)
6 Islam (Amipur)

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SWR2 Wissen Aula -Professor Katajun Amirpur: Muslime erwünscht - Europa und der Islam . Die Zukunft Europas (6/6)

Autorin: Professorin Katajun Amirpur *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 29. April 2012, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
* Zur Autorin:
Katajun Amirpur, Professorin „Islamische Studien/Islamische Theologie“ und Stellvertretende Direktorin der Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg, studierte Islamwissenschaften und Politikwissenschaft in Bonn, schiitische Theologie in Teheran. Sie lehrte Islamwissenschaften in Berlin, Bonn und München; von 2010 bis 2011 war sie Assistenzprofessorin für Moderne Islamische Welt mit Schwerpunkt Iran an der Universität Zürich.
Forschungsschwerpunkte: Islam und Gender; Islam und Dialog.

ÜBERBLICK
Islam gehört zum zukünftigen EuropaDas Thema ist ein Dauerbrenner aller Politik- und leider auch Stammtischdebatten: Gehört der Islam ganz automatisch zu Deutschland, zu Europa, wie das der ehemalige Bundespräsident klar machte, oder ist er der Antipode einer christlich geprägten Europäischen Union? Wenn ja, wie lässt er sich integrieren, ohne dass er seine kulturellen Besonderheiten verliert? Warum der Islam in einem zukünftigen Europa unerlässlich ist, sagt die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur.

***
INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Muslime erwünscht – Europa und der Islam“.
Im sechsten und letzten Teil unserer Europa-Reihe geht es heute um die Frage, gibt es einen Euro-Islam, so wie er von verschiedener Seite immer wieder proklamiert wird, also einen Islam, der inhaltlich so weit verwässert ist, dass er in allen EU-Staaten mühelos integrierbar ist und sich hundertprozentig mit der abendländischen Kultur verträgt?
Antworten gibt Professor Katajun Amirpur, Islamwissenschaftlerin an der Universität Hamburg.
Katajun Amirpur:
Die Religion der Muslime wird im öffentlichen Diskurs ständig als Problem dargestellt: So fordert Innenminister Friedrich die Muslime auf, in ihren Moscheen gezielt nach Terroristen Ausschau zu halten. Als ob Moscheen der bevorzugte Aufenthaltsort von Terroristen sind. Selbst die Etablierung einer islamischen Theologie an deutschen Universitäten – obschon sehr wünschenswert aus wissenschaftlicher und theologischer Sicht – ist letztlich dem Motiv geschuldet, den Islam zu domestizieren. Stets stand der islamische Religionsunterricht im Vordergrund, wenn es in den vergangenen zehn Jahren um die gesellschaftliche und politische Integration von Musliminnen und Muslimen in Deutschland ging. Seine Befürworter in Politik und Gesellschaft sehen in ihm ein gewichtiges Instrument zur erfolgreichen zivilgesellschaftlichen Verankerung des Islams. Der Unterricht soll eine Lesart des Islams vermitteln, die sich kollisionsfrei in eine werteplurale Gesellschaft einfügen lässt. Und er soll ein Gegengewicht bilden zum althergebrachten Koranunterricht mancher Gemeinden, der im Verdacht steht, antidemokratische und integrationsfeindliche Haltungen zu befördern.
Über die Motive der Politik für ihre Unterstützung der Idee, die aus dem Wissenschaftsrat kam, braucht man sich keine Illusionen machen. Der deutsche Staat zahlt für dieses Projekt, weil er den Muslimen unterstellt, nicht demokratiefähig zu sein. Deshalb müssen einige aufgeschlossene Streiter für westliche Werte her, die einen Islam basteln, der nicht mit der Aufklärung und den Frauenrechten im Widerspruch steht – was der „normale Islam“ ja tut. So die Logik.
Ich selbst bin eine dieser Professoren für islamische Theologie. Und natürlich nutzen wir die Gelegenheit, den Islam an deutschen Universitäten zu institutionalisieren. Es ist für uns eine Möglichkeit, in Deutschland endlich gleichberechtigt zu sein. Nach vier Jahrzehnten muslimischer Zuwanderung muss man Musliminnen und Muslimen endlich die gleichen Rechte einräumen wie den christlichen Kirchen. Doch wende ich mich entschieden dagegen, dass der von uns gelehrte Islam als Euro-Islam bezeichnet wird. Dies suggeriert, dass er sich grundlegend von dem normalen Islam unterscheiden würde. Dabei ist es eine Binsenwahrheit, die jedem Muslim klar ist, dass sich der Islam der verschiedenen Länder und Traditionen und Kulturen unterscheidet.
Deshalb wird es natürlich einen deutschen Islam geben – und gibt es ihn schon. Auch ohne, dass wir Theologen uns ihn ausdenken. Muslime in Deutschland leben ihren Islam unter anderen Rahmenbedingungen als Muslime in Österreich und Muslime in Frankreich. Das liegt schon allein daran, dass in Deutschland lebende Muslime aus anderen Ländern stammen, als in Frankreich lebende Muslime oder in Großbritannien lebende Muslime. Viele von ihnen jedenfalls. Die meisten der in Großbritannien lebenden Muslime sind Pakistaner, die meisten der in Deutschland lebenden Muslime Türken. Schon ihr mitgebrachter Islam unterscheidet sich immens. Und durch die Länder, in die diese Muslime kommen und die sie prägen, verändert sich ihr gelebter Islam noch mal wieder.
Die zweite Annahme, die der Idee zugrunde liegt, es solle hier ein Euro-Islam entstehen, ist, dass der andere Islam, also der Nicht-Euro-Islam, nicht mit den Werten der Aufklärung kompatibel ist. Denn das ist ja der Grund, warum Innenminister Friedrich meint, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Die christlich-jüdische Tradition unterscheidet sich also offenbar seiner Ansicht nach fundamental von der islamischen. Doch was wüssten wir heute von der griechischen Philosophie, von der abendländischen Tradition also, von Aristoteles„ Staatslehre beispielsweise, die den Menschen als zoon politikon definiert, als ein in der Gemeinschaft lebendes Wesen, wenn die Vermittlung der Araber nicht gewesen wäre? Und abgesehen von dem Verdienst, den die Araber sich als Vermittler erworben haben: Die griechische Kultur hat den Islam inspiriert und der Islam hat ihre Ideen weiterentwickelt. Avicenna, der mit seiner Aristoteles-Rezeption die Grundlagen für eine neue Aristoteles-Diskussion schuf, und Averroes, der durch seinen Aristoteles-Kommentar großen Einfluss auf die christliche Scholastik ausübte, sind dafür nur die bekanntesten Beispiele. Von christlich-jüdisch-abendländischen Werten zu sprechen und dabei den Islam vollkommen auszuklammern, ist also schlicht Unsinn. Der Islam ist und war schon immer Teil des Abendlandes.
Zudem ist falsch, einen Gegensatz zwischen islamischer und jüdisch-christlicher Tradition zu suggerieren: In den wesentlichen Punkten herrscht zwischen diesen Traditionen Übereinkunft. Das gilt für die Würde des Menschen, die Freiheit des Menschen, den Schutz des Lebens etc. Die meisten Fragen, von denen Islam-Kritiker meinen, dass keine Übereinkunft zwischen der jüdisch-christlichen und der islamischen besteht, würde ich als solche bezeichnen, in denen sich eine Fehlinterpretation des Islams sich durchgesetzt hat. Sie entspricht jedoch nicht dem eigentlichen Islam. Hiermit meine ich natürlich speziell die Frauenrechte. Denn der Islam an sich ist nicht frauenfeindlich; es hat sich bloß in vielen Teilen der Welt eine Interpretation eingebürgert, die es ist – eine Interpretation von Männern für Männer. Doch um dies zu verändern, braucht man keinen Euro-Islam als einen dem Arabo-Islam oder Irano-Islam entgegen gesetzten zu entwickeln, sondern man muss einfach nach dem Geiste der koranischen Botschaft handeln.
Das einzig Gute am Euro-Islam ist der Bezug zu Europa, den der Begriff herstellt. Denn gerade Muslime müssen in den letzten Jahren wieder vermehrt feststellen, dass man Deutscher nicht werden kann. Das hat vielen gerade die Sarrazin-Debatte gezeigt. Bleibt die Hoffnung, dass man Europäer werden kann – und deshalb ist
wiederum das Minarett-Verbot in der Schweiz ein Schritt, der uns aufhorchen lassen sollte. Wir erinnern uns: Im November 2009 wurde in der Schweiz über ein Minarettverbot abgestimmt. Und die Bevölkerung entschied sich dafür, Minarette künftig in der Schweiz zu verbieten. Mir geht es hier gar nicht so sehr um das Minarettverbot als darum, wofür das Minarettverbot steht. Und um das, was aus dem Verbot folgen könnte:
Denn das Minarettverbot verletzt nicht nur das Recht auf freie Religionsausübung; es diskriminiert nicht nur eine bestimmte Glaubensgemeinschaft. Schwerwiegender ist, dass es Grundrechte zur Disposition stellt. Es stellt Grundrechte, noch dazu Grundrechte einer Minderheit, zur Disposition – die damit keine Grundrechte mehr sind. Das ist ein Vorgang, der ganz Europa betrifft und weit mehr als nur Minarette. Denn mit den gleichen Argumenten, mit denen man für das Minarettverbot geworben hat, kann man theoretisch alle anderen Formen islamischer Präsenz im öffentlichen Raum verbieten: Die Burka wie auch das Kopftuch, das öffentliche Gebet, Moscheen.
Hinzu kommt: Nicht nur Muslime sind hier in Gefahr. Denn dass Grundrechte aberkannt werden, sollte auch diejenigen empören und auf den Plan rufen, die sich dem europäischen Projekt verpflichtet fühlen. Das Projekt Europa, das eben nicht nur die Idee von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft umfasst, ist eines, dem ein bestimmter Wertekanon zugrunde liegt. Das Projekt Europa umfasst also einen Wertekanon, zu dem man sich unabhängig von seiner Kultur, Rasse, Nationalität, Religion bekennen kann – oder eben nicht. Das ist der Grund, warum vielen Zugezogenen – auch, politisch korrekt, Menschen mit Migrationshintergrund genannt – so viel liegt an dem Projekt Europa: Denn Europäer kann man werden, wenn schon Deutscher nicht.
Dass man Deutscher nicht werden kann, sagen neuerdings wieder viele Besitzer der deutschen Staatsangehörigkeit, die einen Migrationshintergrund haben. Wenn sie dann ihre Geschichte erzählen, so ist es eine von einem Menschen, der sich vollkommen integriert hat, Deutsch spricht wie eine Nachtigall; der etwas geworden ist in diesem Land, und der etwas tun möchte für dieses Land, und der sich nun in einer Mischung aus Stolz und Beleidigtsein zurückzieht. Warum? Weil der deutsche Kommunalpolitiker türkischer Herkunft gefragt wird, warum seine „Landsleute denn diesen Erdogan bloß gewählt haben“.
Konfrontiert mit dieser Haltung meinen viele, sie müssten sich auf eine andere, auf ihre angeblich eigene kulturelle Identität besinnen. Nach dem Motto: wenn ihr uns nicht haben wollt, dann eben nicht. So halten sie fest an einem Islam, der sich in den meisten Ländern der islamischen Welt schon längst den Gegebenheiten der Moderne angepasst hat. Diese Rückbesinnung auf den Islam lässt sie noch lange nicht zu islamischen Fundamentalisten werden. Aber
Es kann natürlich andererseits nicht darum gehen, Debatten um die muslimische Präsenz in Europa, um die Sichtbarmachung und Sichtbarwerdung ihrer Präsenz, so zu stigmatisieren, dass sie in der Öffentlichkeit nicht mehr geführt werden. Damit erreicht man nur, dass die Probleme, die nicht thematisiert geschweige denn gelöst werden, von anderen aufgenommen werden – von rechtspopulistischen Parteien
eben. Natürlich müssen die Probleme, die zwangsläufig entstehen, wenn ein Kontinent so viel Einwanderung erlebt, wie Europa in den letzten Jahrzehnten, thematisiert werden. Sie müssen jedoch als das thematisiert werden, was sie sind: nämlich ganz normale Prozesse, in denen es um die Austarierung von Interessen geht, um Gewöhnungsprozesse und um Konflikte, die zwangsläufig sind, aber eben nicht unlösbar. Natürlich macht es Probleme, Minderheiten zu integrieren, die aus anderen kulturellen, religiösen, nationalen Kontexten kommen. Das war schon mit den Iren in den USA nicht einfach; und mit den Polen im Rheinland seinerzeit auch nicht. Es haben sich jahrzehntelange Versäumnisse angehäuft; auf beiden Seiten. Weil die realen oder auch nur die vorgestellten Konflikte nicht thematisiert, weil keine Anforderungen an die Einwanderer formuliert, keine Integrationsbereitschaft bei der Mehrheitsgesellschaft geweckt wurden, treffen uns die Probleme heute mit um so größerer Wucht. Aber warum sollte es nicht gelingen, sie zu lösen? Das hat mit den Iren und den Polen ja auch geklappt.
Wichtig wäre es aber dazu, denjenigen, die integriert werden sollen, nicht Dinge um die Ohren zu hauen, die bei ihnen eine solche Abwehrhaltung entstehen lassen, dass sie nur trotzig und bockig reagieren können. Man kann sich doch vorstellen, was für eine Reaktion es auslöst, wenn Horst Seehofer sagt, Türken und Araber seien nicht integrierbar, oder wenn die deutsche Bundeskanzlerin erklärt, Multi-Kulti sei gescheitert, oder wenn der Autor eines Buches, das sich anderthalb Millionen mal verkauft, das muslimische Gen entdeckt, aufgrund dessen Araber und Türken dümmer seien als andere. Führt man so eine Debatte über Integration? Eine solche Debatte hat zwei Folgen: Zum einen wandern immer mehr aus: 39.000 waren es im Jahr 2010, die Deutschland in Richtung Türkei verlassen haben; gegenüber 29.000 Türken, die eingewandert sind. Und natürlich gehen die, die bestens ausgebildet sind. Volksökonomisch gesehen ist das mehr als dumm: Erst bildet man die Leute hervorragend aus, dann bringt man sie dazu zu gehen. Verschleuderung von Humankapital nennt man das.
Die zweite Folge ist, dass man die Muslime in Deutschland und sogar in Europa durch die Art des heutigen Diskurses erst zu dem Kollektiv macht, das sie vorher gar nicht waren. In den letzten Jahren merke ich auch an mir selber, wie man durch die Erfahrung, als Angehöriger eines Kollektivs abgelehnt zu werden, sich überhaupt erst diesem Kollektiv zugehörig fühlt. So wiederholt sich zurzeit unter den Muslimen in Europa, was der Struktur nach eine Erfahrung aller Minderheiten ist. Im Ergebnis ist dies die Muslimisierung der Muslime. Und ich sehe das nicht als eine positive Entwicklung an.
Der Islamwissenschaftler Aziz al-Azmeh hat vor einigen Jahren den Begriff der Islamisierung des Islams geprägt. Gemeint war, dass der Westen sich seinen Islam konstruiere. Man konstruiere eine angeblich total fremdartige, aber in sich seit jeher ganz einheitliche Mentalität der islamischen Welt. Al-Azmeh zeigte zudem Parallelen auf zwischen dem westlich-kulturalistischen und dem islamistisch-fundamentalistischen Diskurs, denn in beider Zentrum stehe die Vorstellung eines abstrakten ahistorischen, essentialistischen Islams. Er sieht hier “fast eine Art Komplizenschaft zwischen westlichen Kommentatoren und islamistischen Ideologen”, da auf beiden Seiten die Urbegründung jedes Phänomens in der islamischen Welt in den religiösen Quellentexten angesiedelt werde. Seit die frühe
Orientalistik den Islam als autonome anthropologische Größe behandelte, welcher der Muslim willenlos ergeben sei, und die Religion der Muslime zur Ursache ihrer Unterlegenheit und strukturellen Reformunfähigkeit erklärte, wurde die muslimische Urgeschichte zum Deutungsmuster auch der Gegenwart. In verblüffender Analogie zu islamistischen Auffassungen nahm man einen islamischen Urzustand an und betrachtete die Geschichte und die Kultur vorrangig unter der Frage, inwiefern sie der frühislamischen Norm entspreche beziehungsweise zu einem Abweichen von ihr geführt habe. Nicht religiös determinierte Phänomene, Diskurse und Strömungen wurden so fast automatisch als heterodox gedeutet. Dieser essentialistische Blick ist zwar innerhalb der Orientalistik seit Edward Saids Buch Orientalism längst in Frage gestellt, beherrscht aber noch weite Teile der öffentlichen Darstellung des Islams wie al-Azmeh gezeigt hat.
Und in ganz ähnlicher Weise wie Al-Azmeh von der Islamisierung des Islams spricht, spreche ich von der Muslimisierung der Muslime. Denn die in Europa geführte Diskussion über die Muslime, die suggeriert, Muslim zu sein und an eine freiheitlich-demokratische Grundordnung zu glauben, sei quasi inkompatibel, geht nicht nur an der Lebensrealität der meisten in Europa lebenden Muslime vorbei. Sie konstruiert zudem auch einen Gegensatz und denkt sich „die Muslime“ als eine in sich einheitliche Gruppe und führt so zur Muslimisierung. Und das ist eigentlich nicht das, was Europa bewirken sollte.
Die Art und Weise, wie die Diskussion über die Muslime hier geführt wird, führt dazu, sich selbst überhaupt als Muslim wahrzunehmen. Man wird zum Teil einer Gruppe gemacht, die so heterogen ist, dass man sich selbst ihr nie zuordnen würde, denn zwischen einem türkischen sunnitischen Muslim, von denen es in meiner Geburtsstadt Köln Zehntausende gibt und einem schiitischen iranischen Muslim, von denen es in Köln Tausende gibt, die aber aus einer völlig anderen gesellschaftlichen Schicht stammen, weil sie aus vollkommen anderen Gründen nach Deutschland gekommen sind als ihre „muslimischen Brüder“ aus der Türkei, liegen Welten. Trotzdem macht die hiesige Diskussion ein Kollektiv aus ihnen. Und ich muss gestehen, gerade weil die Diskussion so läuft wie sie läuft und damit in mir ein großes Widerspruchspotential freisetzt, fühle ich mich diesem Kollektiv bald zugehöriger als ich es jemals für möglich gehalten hätte.
Statt permanent über die Integrationsfähigkeit der Muslime zu schwadronieren, sollte man Rechtsgehorsam von ihnen fordern – und sie alsdann in Ruhe lassen. Rechtsgehorsam als erste und einzige Bürgerpflicht. Ob sie die neuerdings viel beschworenen christlich-jüdischen Werte und Traditionen verinnerlicht haben, kann man eh nicht überprüfen, auch bei den Natur-Deutschen nicht. Es wäre also in der Tat hilfreich, dass Grundgesetz nicht auch noch christlich-jüdisch zu taufen, wie der Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde bemerkt hat. Denn damit schwächt man gerade den Rechtsgehorsam.
Zudem ist das Kalkül zu durchschaubar. Christlich-jüdisch wird hier als Kampfbegriff verwendet, der vor allem einem dient: der Exklusion der Muslime. Viele jüdische Intellektuelle haben sich deshalb in den letzten Wochen gegen diese Formulierung gewandt, unter ihnen Almuth Sh. Bruckstein Coruh, Micha Brumlik und Rafael Seligmann. Der schreibt: „1.700 Jahre kam allen Heines, Liebermanns, Einsteins,
Tucholskys zum Trotz so gut wie niemand auf die Idee, die jüdische Tradition Deutschlands hervorzuheben“. Von der Moslem-Angst gepeinigt, erinnere sich der „hilflose Michel“ nun seiner jüdischen Überlieferung und führe sie gegen den Islam ins Feld.
Hinzu kommt: Ist es denn tatsächlich so, dass die Muslime anstatt sich hier zu integrieren an ihrer muslimischen Identität festhalten wollen, die mit der europäischen angeblich so unvereinbar ist? Wissenschaftliche Untersuchungen bestreiten dies und belegen: Die meisten Muslime sind im säkularen Rechtsstaat durchaus schon seit einiger Zeit angekommen. Das meint zumindest Heiner Bielefeldt, Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik in Erlangen und ehemaliger Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Muslime im säkularen Rechtsstaat heißt eine seiner besten Publikationen. Dort heißt es: „Eine aktive Abwehrhaltung gegenüber dem säkularen Staat ist in Deutschland jedoch offenbar Sache einer radikalen Minderheit unter den Muslimen. Die Mehrheit hingegen scheint sich mit den bestehenden Verhältnissen mehr oder weniger arrangiert zu haben.“
Was bedeutet Muslimen dann das Kopftuch, das spätestens an dieser Stelle immer als Beweis für die mangelnde Integrationsbereitschaft von Muslimen angeführt wird? Der Soziologe Heinz Bude hält das Kopftuch gerade für ein Zeichen von Integration. Er sagt: „Die soziologische Identitätstheorie lehrt, dass die wachsende Verbreitung von Kopftüchern, die man bei muslimischen Frauen, auch bei gut ausgebildeten, beobachten kann, ein Zeichen von zunehmender Integration und nicht von zunehmender Desintegration ist. Weil nämlich diese Frauen den Anspruch erheben, trotz Differenzmarkierung teilhabeberechtigt zu sein und gewissermaßen auszutesten, wie man sich anders macht, um gleich werden zu können.“
Das alles soll die Probleme nicht beschönigen und die Angst vor dem Islam nicht als Unsinn verunglimpfen. Natürlich muss man die Ängste der Bevölkerung vor dem Islam, die offensichtlich da sind, ernst nehmen. Andererseits vernebelt aber die Beschwörung von Politik und den deutschen Feuilletons, sie ernst zu nehmen, dass diese Ängste oft sehr gezielt geschürt werden. Oder wie ist sonst erklärbar, warum die Angst vor dem Islam gerade dort besonders ausgeprägt ist, wo die wenigsten Muslime leben, also in den ländlichen, aber auch in manchen wohlhabenden, großbürgerlichen Gegenden. Wer die Sorgen vor Überfremdung ernst nimmt, sollte nicht den Rechtspopulisten vorauseilenden Gehorsam üben und das Fremde per Gesetz unsichtbar machen, indem er Minarette verbietet oder Burkas. Ängste sollte man abzubauen versuchen, indem man Perspektiven bietet zur Problemlösung, im Konkreten: mit Sprachförderung schon in den Kindergärten, Frauenhäusern, Investitionen in die Bildung, Maßnahmen gegen Gettoisierungstendenzen in den Städten.
Hilfreich ist dagegen nicht, eine Studie zu hypen und zu verdrehen, deren Inhalt nicht das wiedergibt, was daraus gemacht wird. Warum, so frage ich mich, gibt Friedrich die Studie, noch bevor die Studie veröffentlicht ist, an die Bild-Zeitung? Die Studienautoren sagen, sie waren von der Veröffentlichung überrumpelt, denn abgesprochen hatte der Auftraggeber das mit den Autoren nicht. So lasen die überraschten Forscher den verkürzten Inhalt ihrer dreijährigen Anstrengung in dem
Boulevardblatt. Kaum ein Wort zur Methode, keine Differenzierung. Nur pauschale Vorwürfe, darunter: „Besonders radikal sind junge Muslime ohne deutschen Pass.“ Sekundiert wurden diese Auszüge aus der Studie von den Worten des Innenministers: „Wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös fanatischer Ansichten.“ Warum macht ein Innenminister so etwas, dem es um Integration, nicht um Polarisierung und Pauschalisierung gehen sollte. Denn ganz im Gegenteil zu dem, was Friedrich draus machte, war die gute Nachricht vielmehr: Trotz der latent feindseligen Stimmung im Land will sich jeder zweite nicht-deutsche Muslim integrieren. Nur die Hälfte fühlt sich stärker ihrem Herkunftsland oder dem ihrer Eltern zugehörig. Und die zweite gute Nachricht: Haben Muslime erst einen deutschen Pass, liegt die stärkere Zuneigung zum Abstammungsland nur noch bei 20 Prozent, 80 Prozent der Muslime mit deutscher Staatsbürgerschaft befürworten und leben Integration.
Auch andere Studien belegen dies. Aber beachtet werden sie nicht, wenn sie sich nicht in einem skandalträchtigen Satz zusammenfassen lassen. Dabei geben sie uns viel mehr Aufschluss über die Situation von muslimischen Migranten in Deutschland. Beispielsweise die Studie „Viele Welten leben“ der beiden Migrationsforscherinnen Yasemin Karakasoglu und Ursula Boos-Nünning. Diese Studie betrachtet speziell Frauen in der Migration. Gerade bei diesem Thema wimmelt es hierzulande nur so von Stereotypen. Die soziologische Forschung zur Frauenmigration entdeckte Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund als Thema von empirischer Forschung in den 70er, 80er Jahren. Die Diskussion um die spezifischen Belange der damals „ausländisch“ genannten Mädchen begann mit der Veröffentlichung einer Diplomarbeit über das Freizeitverhalten junger Türkinnen im Jahre 1977 und einer im darauf folgenden Jahr erschienenen populärwissenschaftlichen Darstellung, deren Titel auf die Richtung der Diskussion der nächsten Jahre verweist: „Die verkauften Bräute: Türkische Frauen zwischen Kreuzberg und Anatolien“. In einem Aufsatz von Cornelia Mansfeld aus dem Jahre 1979 wird die Situation der Mädchen ausländischer Herkunft zum ersten Mal als „zwischen den Kulturen“ charakterisiert. Wenig später heißt es in der Beschreibung eines Fachkongresses zum Thema „Ausländische Mädchen – Opfer des Kulturkonfliktes“.
Im Fokus des Interesses der Forschung standen die Konflikte, die Mädchen erlebten. So bestimmte das Bild des Mädchens, das im Konflikt lebt zwischen althergebrachten, heimatlichen und neuen Normen des Landes, in das migriert wurde, vorerst die Diskussion. Dieses Stereotyp wurde durch eine Vielzahl von Arbeiten verbreitet.
Dem wollten Yasemin Karakasoglu und Ursula Boos-Nünning etwas entgegen setzen. Yasemin Karakasoglu ist Professorin für Migrationsforschung an der Universität Bremen, Ursula Boos-Nünning an der Universität Essen-Duisburg. Karakasoglu promovierte mit einer empirischen Arbeit über muslimische Religiosität und Erziehungsvorstellungen bei angehenden Lehrerinnen. Und ihr wichtigstes Ergebnis war, dass die Motive zum Tragen eines Kopftuchs höchst individuell sind und vom Bekenntnis zur eigenen ethnischen Gruppe über eine Deutung des Islam als aufklärerischer Religion bis hin zu einem umfassenden islamischen Erziehungsverständnis reichen können.
Karakasoglu und Boos-Nünning stehen also innerhalb der Migrationsforschung dafür, dass sie genauer hinschauen: Boos-Nünning hat einmal gesagt: "Ich habe immer geahnt, dass die Lebensentwürfe von Migrantinnen differenzierter sind als gemeinhin angenommen". Um das zu beweisen, haben die Forscherinnen, die sich "überzeugte Empirikerinnen" nennen, im Laufe von vier Jahren 950 Mädchen griechischer, italienischer, jugoslawischer und türkischer Herkunft zwischen 15 und 21 Jahren befragt. Damit ist diese Studie die größte, umfassendste und breiteste, die es je gab.
Die beiden Forscherinnen setzen sich auch mit dem Genre „Forschung über Migranten“ auseinander und schreiben: Zwar betreffen die Vorstellungen von Partnerschaft, Heiratsoptionen und Geschlechterrollen diejenigen Bereiche des Lebens, die sich am stärksten im Privaten abspielen. Trotzdem ist das öffentliche Interesse an Veränderungsprozessen, die sich hier bei Migranten abspielen, besonders groß. Denn sie, so stellen die Verfasserinnen fest, gelten als Indikatoren für den Grad der Integration von Zuwanderern und damit für ihre Bereitschaft, sich an Modellen der Aufnahmegesellschaft zu orientieren – die in der Regel übrigens immer völlig unhinterfragt als besser bewertet werden. Junge Frauen und Mädchen stünden dabei immer im Mittelpunkt des Interesses, denn sie gelten als Repräsentantinnen der Umbrüche in Migrationsfamilien. Sie werden in der Migrationsforschung zwei Kategorien zugeordnet: Entweder gelten sie als kollektivistisch und somit an der Elterngeneration orientiert – oder als individualistisch und somit an den Werten der Mehrheitsgesellschaft orientiert. Dieses Modell führt zu dem Ergebnis, dass junge Frauen mit Migrationshintergrund generell als traditionalistischer als ihre deutschen Altersgleichen beschrieben werden. Dies wird dann oft gleichgesetzt mit einer engen Orientierung an der Herkunftskultur und am Herkunftsland. Die so beschriebenen Mädchen sind also folglich nicht integriert, meint diese Annahme.
Die Ergebnisse der Forschung von Boos-Nünning und Karakasoglu zeichnen dagegen ein anderes Bild: Ihre Ergebnisse belegen die große Bandbreite der Einstellungen von jungen Frauen mit Migrationshintergrund. Sie zeigen, dass sich viele Vorurteile und Stereotypisierungen nicht aufrechterhalten lassen. Zum Beispiel legen junge Migrantinnen genauso viel Wert auf eine gute Schulbildung wie ihre deutschen Altersgenossinnen. Und nur jedes zehnte türkischstämmige Mädchen zwischen 15 und 21 würde sich von seinen Eltern in die Partnerwahl reinpfuschen lassen. Trotzdem spielt die Familie eine große Rolle. Das entspricht dem Klischee. Wenig dem Klischee entsprechend ist aber der Befund, dass die meisten Mädchen sich von ihren Eltern verstanden und angenommen fühlen. Mehr als 80 Prozent sagen, dass ihre Eltern Hoffnungen in sie setzen und sich um sie sorgen, mehr als zwei Drittel, dass die Eltern stolz auf sie sind. Die Erziehung in der Familie wird in allen Herkunftsgruppen als eher verständnisvoll denn streng und als eher nicht besorgt und nicht destruktiv beschrieben. Als am wenigsten besorgt werden erstaunlicherweise die türkischen Eltern wahrgenommen. Der am häufigsten wahrgenommene Erziehungsstil ist der „strenge aber liebevolle“, gefolgt von dem „lockeren“ Stil – besonders häufig genannt von der türkischen Herkunftsgruppe. Nur ein geringer Teil empfindet sich als zu streng erzogen.
Breiten Raum nimmt in der Untersuchung das ein, was man die ethnische Lagerung nennt, also die Selbsteinschätzung, wo man hingehört. Hier kommt die Studie zu dem Ergebnis: „Auch wenn sich ein großer Teil in erster Linie als Angehörige der
Herkunftsgruppe sieht, fühlen sich die weitaus meisten Mädchen und jungen Frauen in Deutschland wohl und nicht fremd“.
Informativ ist auch der Abschnitt über Religiosität, insbesondere der Teil zur „Stellung der Frau in der Religion“. Die Autorinnen verdeutlichen, dass die im Alltagsdiskurs vertretene Auffassung der Zementierung eines „inferioren Status“ insbesondere von muslimischen Migrantinnen sowohl in den „Herkunftsgesellschaften aber auch in den Migrantencommunities“ nicht zutreffe. In der Studie heißt es: „Die Befragten fühlen sich religionsgruppen- und herkunftsgruppenübergreifend in ihrer Religion überwiegend akzeptiert und nur eine äußerst kleine Minderheit fühlt sich unterdrückt“.
Doch leider sind die Veröffentlichungen, die muslimische Frauen mit Rückständigkeit gleichsetzen, viel zahlreicher; und vor allem in der Wirkung nachhaltiger als jene, die zur Differenzierung aufrufen. Die anderen bestätigen das Bild, das durch die Alltagsdeutungen, die Medien und die Trivialliteratur produziert wurde und das mittlerweile eine enorme Beharrungskraft entwickelt hat. Einer der Gründe für die Annahme dieses Bildes, für die Beharrlichkeit, die diese Stereotypen entwickelt haben, ist ein in den westlichen Industrieländern unhinterfragtes Grundverständnis; es ist die Konstruktion des Gegensatzes zwischen orientalistischem und okzidentalischem, zwischen traditionellem und post-modernem Denken, zwischen christlich-jüdischer und islamischer Kultur. Diese Stereotypen sind verfestigt. Und solange sie nicht aufgelöst werden, kann Integration nicht gelingen.
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