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Themendiskurs : Die Zukunft Europas (1/6)
INHALTSFOLGE
1 Zukunft ( Leggewie)
2 Aufklärung (Neiman
3 Identitàtssuche (Grosser)
4 Anderssein (Strasser)
5 Polyphonie (Taureck)
6 Islam (Amipur)

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SWR2 Wissen: Aula - Bernhard H. F. Taureck : Die Idee der Polyphonie - welches Europa wollen die Europäer? Die Zukunft Europas (5/6)
Autor und Sprecher: Professor H. F. Taureck *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 22. April 2012, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

* Zum Autor:
Bernhard H. F. Taureck, Philosoph, ist emeritierter Professor der Technischen Universität Braunschweig.
Bücher (Auswahl):
– Rousseau-Brevier. Schlüsseltexte und Erläuterungen. Verlag Wilhelm Fink. 2011.
– Gleichheit für Fortgeschrittene. Jenseits von „Gier“ und „Neid“. Verlag Wilhelm Fink. 2010.
– Die Antwort der Philosophen: ein Lexikon. Verlag Wilhelm Fink. 2009.

ÜBERBLICK
Ein zukünftiges Europa könnte auf der Idee eines Fusions-Europa basieren, das seine Kraft aus einer übergeordneten Einheit schöpft, die alle kulturellen und sozialen Besonderheiten einebnet und sie zum Beispiel dem einheitlichen Geist des Kapitalismus unterwirft: So ein Europa hätte allerdings eine ziemlich blasse konturlose Physiognomie. Oder es gibt die zweite Variante des Fusionsgedankens: Hier geht es um die Vielfalt in der Einheit, um die starke Berücksichtigung aller nationalen Eigenheiten und Traditionen. Diese Variante beinhaltet aber die Gefahr, dass Europa sich in Partikularinteressen aufspaltet. Was für ein Europa wollen wir also? Der Philosoph Bernhard H. F. Taureck plädiert für ein Europa der Polyphonie.

INHALT______________________________________________________________

Ansage:
Mit dem Thema: „Die Idee der Polyphonie – welches Europa wollen eigentlich wir Europäer?“
Wir bringen heute in der Aula Teil 5 der Europareihe, der Autor ist der Philosoph Bernhard H. F. Taureck. Er fragt, welche Strukturmodelle, welche Konzepte gibt es überhaupt für ein zukünftiges Europa: Geht es da eher um Vielfalt oder um Einheit, und was dominiert, Vielfalt oder Einheit, und vor allem: Wie kann der Bürger befreit werden von seiner Europalethargie? Antworten jetzt in Teil 5 der Europa-Reihe.
Bernhard H. F. Taureck:
Zweifellos existierten verschiedene Elemente, die Europa ausmachen und Profil verleihen. Die Aufzählung der Reihenfolge ist beliebig. Es handelt sich um die kapitalistische Wirtschaft, um die Kultur, um die Geografie, um die Sprachen, um die Religionen, um die Nationen, um das Militär. Wirtschaftlich ist Europa ein Standort von Güterproduktion und Güternachfrage. Kulturell ist Europa eine Kommunikation von Tradition und Gegenwart. Geografisch ist Europa eine zerklüftete Landzunge Asiens. Sprachlich ist Europa eine Vielheit aus romanischen, germanischen, slawischen, griechischen und anderen Wurzeln. Religiös ist Europa von Anhängern der drei Abrahamitischen Religionen, ihren Untergruppierungen und von vielen Religionslosen bewohnt. National konkurriert Europa mit Mittelamerika und Westafrika um die höchste Dichte nationaler Grenzen. Militärisch verteidigt sich Europa gegen Feinde, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gibt.
Alle sieben Elemente schaffen jeweils kein gemeinsames Europa: Der Kapitalismus agiert global. Er vermag ein einiges Europa zu verhindern, doch er ist zu schwach, um es zu schaffen. Die Kultur in Europa ist stark genug, um einen einheitlichen Raum der Verständigung zu schaffen, jedoch zu schwach, um ihn zu gewährleisten. Die Geografie ist zu ungenau, um Europas Grenzen zu definieren. Natürliche Sprachen in Europa gibt es zu viele, um eine Gemeinsamkeit zu bilden. Künstliche Sprachen gibt es zu wenige, die einen gemeinsamen Erfolg versprechen. Die Religionen in Europa enthalten zu viele konkurrierende subjektive Ansprüche, um eine Gemeinschaft aller zu tragen, zu leiten oder zu gewährleisten. Die Nationen Europas bleiben zu eigenwohlorientiert, um im Fall der Not eine europäische Gesamtheit zu fördern. Militärisch wird Europa von einem Bündnis gebunden, dessen Feind längst nicht mehr existiert, dafür jedoch beständig erfunden wird, ohne zugleich Europa einen zu können.
Fragen wir angesichts dieser Vielfalt von Elementen und Problemen, welches Europa wir Europäer wollen, so bieten sich folgende Möglichkeiten und Fragen:
Erstens, geben die sieben Teile eine Einheit?
Zweitens, könnte man einige von den sieben fortlassen, um den Rest zu verknüpfen?
Drittens, sollte man diese sieben Elemente allesamt verlassen und nach einem gänzlich anderen Input suchen?
Dies sind die grundsätzlichen Möglichkeiten. Sie werden jedoch nicht als solche diskutiert. Statt dessen dreht man sich seit Jahrzehnten im Kreis. Der Kreis wurde zum Strudel. Die
vereinigten Staatsschiffe Europas laufen parallel, aber sie navigieren nicht. Ein Krisenstrudel bewegt sie, Richtung Schiffbruch.
Ich komme zur ersten Möglichkeit, zur Geburt eines ganz neuen Europa, einer strahlenden Einheit. Man will aus Militärauftrag, aus Geografie, aus Kapitalismus, aus den Sprachen, den Religionen, den Kulturen, den Nationen ein neues Gesamteuropa schaffen. Dahinter steht zugleich das Konzept: Das Ganze soll mehr als seine Teile sein. Ein Beispiel aus der Chemie erläutert, was damit gemeint ist: Wasserstoff und Sauerstoff für sich sind bekanntlich nicht nass. Kommen sie zusammen, dann gibt es Wasser. Diesen Überschuss des Ganzen über seine Teile nennt man Emergenz. Doch wir kennen ihre Gesetze nicht. Deshalb gelingt es uns bisher beispielsweise nicht, aus Computern Bewusstsein werden zu lassen. Indes – aus globalisierten Märkten, aus zu erfindenden Feinden, aus unklarer Geografie, aus Sprachengewirr, aus Religionsgezänk, aus dem Porzellan der Kulturen, aus den Primadonnen der Nationen – aus all dem wird beansprucht, ein Großeuropa anzureichern. Verdorbene Zutaten verderben jedoch den Brei. Je länger man rührt und kocht, desto mehr Zeit und Geld vergeudet man und desto ungenießbarer wird die Speise.
Es ist nicht auszuschließen, dass man weiß, dass man scheitert. Europa ist all dies, NATO, Kapitalismus, der atlantische Ausläufer Asiens, ist germanische, slawische, romanische und andere Sprachen, ist Klassik, Romantik, Avantgardismus, ist konfessionelle Zersplitterung, ist Konfessionsfreiheit, ist nationaler Egoismus. Doch es ist eines nicht: Es ist und wird kein funktionierendes Ganzes aus diesen Teilen.
Die Vergeblichkeit dieser Bemühungen zeigt sich, sobald man sich weigert ein bestimmtes Land in das Großeuropa aufzunehmen. Hier findet man, sonst uneinig, sich relativ einig zusammen. Die Geografie spreche dagegen. Dabei gehörte diese Region einst zum Kernbestand des römischen Reiches. Spricht das Militär dagegen? Nein, denn die Region gehört zum Militärbündnis der NATO. Die Religion? Wohl kaum, denn der dortige Islam ist in den Gesellschaften des übrigen Europa bereits fest verankert. Die Wirtschaft? Zunächst blickte man hochmütig herab auf jene Zone und hielt sie für ein Entwicklungsland. Inzwischen werden nicht wenige Europa-Länder zu Entwicklungsländern down-geratet, während jenes Land mit maximalen Wachstumsraten alles in Europa in den Schatten stellt, was es an Wirtschaftsdynamik zu bieten hatte. Wollte man Europa einig erscheinen lassen in der Ablehnung eines bestimmten Landes im Südosten Europas, so ist diese negative Einigkeit Europas auf fehlbare Kriterien gebaut. Die Arroganz und der Hochmut vermögen es, Europa zu einer peinlichen Gemeinschaft des Irrtums zu sammeln. Geht es indes darum, dass man sich auf ein gemeinsames Band einigt, dann weiß man nichts Nachhaltiges zu bemerken. Die USA wählten vor mehr als 200 Jahren den lateinischen Wahlspruch „E pluribus unum“, Aus vielen eines. Die Europäer wählen „In Vielheit geeint.“ Vielheit besteht, Einheit nicht. Bereits die 23 Amtssprachen verhindern dies. Man redet von Einheit und praktiziert Vielheit. Jedes Mitglied behält bislang seine Hoheit für Steuern, Militär und Außenpolitik.
Das ist also der erste Weg zur Einheit Europas, der Weg der Emergenz einer strahlenden Ganzheit aus trüben Teilen, er mag nicht ausgeschlossen sein, doch er erscheint auf keiner Landkarte und keinem Navigator. Er mag sich plötzlich zeigen, doch er kann nicht geplant werden.
Wenden wir uns daher der zweiten Richtung zu. Sie lautet: Wenn nicht aus allem Eines
wird, so könnte es eher der Fall sein, dass aus Wenigem Eines entsteht. Man benötigt gar nicht alle sieben Elemente, um ein Europa zu kreieren, man wählt wenige aus und versucht es mit ihnen. Man verzichtet etwa auf Kultur, Sprachen, Religionen und konzentriert sich auf Wirtschaft und Kapitalismus. Diesen Weg beschritt man 1992 in Maastricht und beschloss eine Währungsunion. Am Anfang stand indes sechs Jahre nach dem Ende des größten Krieges, den Europa jemals gesehen hat, ein anderer, bisher noch nie da gewesener Schritt in eine überstaatliche Regelung. Frankreich, Deutschland, Italien und die Beneluxstaaten vereinbarten 1951 eine überstaatlich gültige Wirtschaft mit Kohle und Stahl, die so genannte Montanunion. Es war also möglich: Auf einem eng begrenzten, jedoch für die Volkswirtschaften lebenswichtigen Rohstoffsektor vermochte man es, die eigenen Hoheitsrechte gegen ein gemeinsames Hoheitsrecht einzutauschen. Diese Zweite Richtung, die Emergenz eines einheitlichen Ganzeuropa aus reduziertem Input, schien damals bereits modellartig gelungen. Ohne dieses Modell hätte es vermutlich keine Suche nach einem politisch geeinten Europa gegeben. 1957 folgte die Einheitsbildung auf einem zweiten Sektor, von dem man damals unter Verkennung der Extremrisiken der Nukleartechnik euphorisch annahm, er werde Energieversorgungssicherheit bringen. Es handelt sich um die Europäische Atomgemeinschaft mit dem Namen Euratom.
Nun dürfte jedem Beobachter eines auffallen: Zwischen der Montanunion 1951 und der Einführung der gemeinsamen Währung namens Euro im Jahre 2001 liegen 50 Jahre. Zwar ist während dieser Zeit die Zahl der Mitgliedsländer gewachsen, weil der Kalte Krieg seit 1990 beendet wurde. Doch es war nicht Europa, das ihn beendete. Es war Europa, das sich den großen Vorgängen mit der Aufnahme osteuropäischer Länder und mit der Währungsunion anpasste. Europa existierte politisch zu wenig, um das Ende des Ost-West-Gegensatzes zu bewirken oder zu gestalten. Europa hat in 60 Jahren nicht mehr Einigendes zustande gebracht als die Euro-Währung. Im Jahre 2003, als die neue Währung bereits seit 14 Monaten bestand, demonstrierte Europa seinen politischen Zustand. Ein Krieg, auf der Basis fingierter Gründe und gefälschter Dokumente, einte die Nationen nicht, sondern spaltete sie gegen die Mehrheit ihrer Bevölkerungen. In jener Zeit politischer Uneinigkeit wertete sich der Dollar deutlich ab und der Euro deutlich auf. Im Euro-Raum wurde eine erwünschte Stabilität der Preise erreicht. Inzwischen ist die Währungsstabilität dahin. Es lohnt sich derzeit, einmal bei den Warnern vor einer scheinbaren Euro-Währungsstabilität nachzulesen, was gegen die Euro-Einführung sprach: dass man vielfach die Bilanzen so darstellte, als könne man das Kriterium der Drei-Prozent-Grenze der Neuverschuldung mühelos erfüllen, während es faktisch unerfüllbar blieb. Dies geschah in Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien. Es geschah in Österreich, es geschah in Deutschland. Griechenland war damals noch nicht Mitglied.
Ende 2011 sprach die deutsche Kanzlerin tatsächlich vom „Wohl des Euro.“ Niemand scheint bemerkt zu haben: Es hätte vom Wohl der Menschen im Euroland geredet werden müssen. Die Wendung der Kanzlerin zeigt, dass die EU-Bevölkerung nicht so sehr in Menschen, sondern in Euro-Noten gerechnet werden soll. Europa wird primär von Geld, weniger von Menschen bewohnt.
Welchem Plan folgte die länderübergreifende Währung? Es lässt sich nachweisen, dass der Euro der bezeichneten Strategie folgt, mit wenig Input zu arbeiten, also die Richtung zu verfolgen, ein Europa aus einigen wenigen Elementen zu schaffen, was scheiterte. Man erwartet, mit wenig Einsatz viel Gewinn zu erzielen. Hatte man seit 60 Jahren nicht
vergeblich eine fortschreitende politische Integration Europas verkündet, erwartet, erhofft? Franz Kafka hatte nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs notiert, es gebe ein Ziel, doch keinen Weg. In gewisser Weise scheint dies auch für Europa zu gelten. Denn wenn eine große Demokratie das Ziel wäre, dann scheint die Vielheit der nicht demokratisch legitimierten Instanzen Abwesenheit des Weges zu bedeuten.
Die riesige Bürokratie in Brüssel, Kommission und Rat entscheiden über Details unseres Lebens, und wir sehen und verstehen nicht, wie. Seit langem beklagt man ein strukturelles Demokratiedefizit der Europäischen Union. Doch es besteht weiter. Der Lissabon-Vertrag schafft nämlich für das Gebiet der gesamten EU ein EU-Volk und bezieht seine Legitimation aus dessen Zustimmung. Doch um die Zustimmung des gesamten EU-Volkes wird das gesamte EU-Volk bekanntlich nicht gefragt.
Der Einführung des Euro als sektorieller Input zur Erzielung eines größeren Outputs der politischen Integration stand eine entgegengesetzte Annahme gegenüber. Sie betrachtet die Währung als Abschluss, als eine Art Krönung politischer Gesamtintegration. Den einen gilt somit die gemeinsame Währung als Motor der Integration, den anderen gilt sie als deren Abschluss. Diese Verschiedenheit der Einschätzung lässt sich auf den zweiten Weg im Ganzen anwenden. Jeder kleine Input kann als Motor oder als Abschluss der gesamten Integration eingeschätzt werden. Man ist sich nicht einig.
In 60 Jahren, wie bemerkt, brachte die Gemeinschaft der Europäer nichts Einigendes zustande als die gemeinsame Währung. Wohin geht das Zeitlupeneuropa? Vermutlich wüsste zur Zeit niemand weder in Europa noch außerhalb Europas diese Frage zu beantworten. Weder ein Arbeitsloser in Athen noch in Lissabon noch in Berlin. Weder eine Politikerin in Straßburg noch in Brüssel noch in Paris noch in Berlin. Weder eine Angestellte einer US-amerikanischen Rating-Agentur noch ein Geschäftsmann in Shanghai, noch ein Obdachloser in Sao Paulo.
Wie verhält es sich nun mit der dritten Möglichkeit? Was heißt es, die Entstehung einer Ganzheit aus vielen oder aus wenig Teilen zu verlassen? Naheliegend ist folgende Antwort: Ein Europa, welches nicht seine Sprachen, sein Militär, seine Kulturen, seine Geografie, seine Religionen, seine Nationen und nicht den Kapitalismus zur Ganzheit verschmilzt oder aus seiner Währung Einheit schafft, ein solches Europa wäre ein Staatengebiet, das zu einem Ganzen verschmilzt und alle seine kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und nationalen Besonderheiten hinter sich lässt. Nennen wir dieses Europa das Fusions-Europa. Die dritte Möglichkeit ist jedoch keineswegs mit einem Fusions-Europa identisch. Es gibt nämlich noch ein anderes Europa der dritten Möglichkeit. Es setzt weder auf Ganzheit, noch auf Einheit noch auf Fusion, sondern auf Verschiedenheit und auf Konfrontation. Das Gegenteil eines Fusions-Europa ist ein Spaltungs-Europa. In einem Fusions-Europa gibt es eine politische Souveränität für alle Mitglieder. In einem Spaltungs-Europa stehen souveräne Staaten einander weitaus mehr konfrontativ als kooperativ gegenüber.
Man wird einwenden, dass Mehrheiten weder für das eine noch das andere Europa erkennbar sind. Ein Europa der Fusion und ein Europa der Spaltung erscheinen beide als irreal. Man wird die Einheit nicht bis zur Verschmelzung und die Verschiedenheit nicht bis zur Konfrontation treiben wollen und können. Fusion und Spaltung erscheinen als Ziele fantastisch. Doch dieser Eindruck trügt. Es gehört zu den Missverständnissen und
Unklarheiten der Verständigung der Europäer über Europa, dass so getan wird, als brauche man über Fusion und Spaltung gar nicht zu reden. Von Anfang an galt und gilt in und für Europa etwas völlig anderes. Von Anfang an bestimmte die Schaffung einer supranationalen Verschmelzung die europäische Praxis und Theorie. Am Anfang stand somit eine supranationale Fusion. Es handelt sich um die erwähnte übernationale Montanunion der Güter Kohle und Stahl. Von Anfang an kam zugleich die Erfahrung ins Spiel, dass sich dieser Start in eine Fusion nicht mit ebenso raschen Fortschritten zu einer politischen Fusion verbindet.
Diese Erfahrung riss bis heute nicht ab. Deutschland und Frankreich, in den Schulbüchern als gemeinsame Architekten eines gemeinsamen Europa verklärt, sind oft genug auf Konfrontationskurs zueinander gegangen, von Großbritannien als kooperationsunwilligem Nutznießer der EU ganz zu schweigen.
Was also geschah in Europa mit Europa seit 1951? Es geschah geringe politische Kooperation und zugleich die Stärkung der gemeinsamen Institutionen, besonders der Exekutive als Kommission und in geringerem Ausmaß des Parlaments. Dieses „Sowohl Konfrontation als auch Verschmelzung“ war zunächst eine Folge des Zweiten Weltkrieges. Deutschland sollte unter allen Umständen unter Kontrolle gehalten werden. Statt es dumm zu ächten wie 1918, wollte man es von Anfang an klug zur Kooperation erziehen.
60 Jahre europäische Politik zeigen somit ein anderes Bild. Solange man sich noch auf dem Wege der Verschmelzung befindet, ist eine Politik des nationalen Eigeninteresses nicht zu vermeiden. Man treibt sowohl Fusions- als Spaltungspolitik. Eine Praxis der Fusionssuche und der Spaltungsarbeit sind nicht etwa irreal und fantastisch, sondern sie sind das, was in Europa seit 1951 unternommen wird.
Wenn man dies zugrundelegt, so gelangt man zu einer vielleicht echten Alternative als Weg der dritten Möglichkeit. Die Richtung nämlich müsste nunmehr lauten: Nicht „Sowohl Fusion als auch Spaltung“, sondern: Weder Fusion noch Spaltung. Das ist eine Negativformel für ein Europa der Zukunft, vielleicht sogar für eine Zukunft Europas. Die Formel ist allerdings nicht eindeutig. Bei genauem Hinsehen enthält Weder Fusion noch Spaltung drei politische Richtungen:
Eine erste Richtung lässt sich kennzeichnen als „Soviel europäische Einheit wie möglich, soviel europäische Verschiedenheit wie nötig“. Eine Europa-Politik dieser Art nimmt die Verschiedenheiten der nationalen Sprachen, Traditionen und Ökonomien billigend in Kauf und arbeitet auf eine große politische Vereinigung hin. Je mehr, so das Credo, man miteinander kooperiert, desto größer wird am Ende der gemeinsame Nutzen sein. Je größer der gemeinsame Nutzen, desto größer die Chancen für individuellen Nutzen. Diese Ansicht ergibt einen politischen Idealismus. Ein Europa der Zukunft mit mehr Kooperation als Egoismus könnte am Ende eine Art supranationale Souveränität erbringen, und eine Zentralregierung könnte den schwächeren Regionen ausgleichend helfen.
Das Problem dieses Weges in Richtung Einheit liegt darin, dass jeder beteiligte Nationalstaat die Macht besitzt, die Einigung zu behindern, ohne zugleich in der Lage zu sein, aus eigener Kraft Einheitsinstanz zu werden.
Die zweite Richtung folgt dem Grundsatz „Soviel Verschiedenheit wie möglich, soviel
Einheit wie nötig“. Diese Richtung wird politischer Realismus oder Neorealismus genannt. Das Credo richtet sich hier gegen Kooperation. Zufolge dieser Sicht befinden sich die Staaten in einem Verhältnis der internationalen Anarchie zueinander. Sie streben nach Macht. Jeder Staat benötigt Macht, um die Verfolgung seiner Interessen zu garantieren. Kooperation ist kein Wert an sich. Wer ohne egoistische Gewinnstrategie mit anderen kooperiert, der gibt eigene Vorteile preis, die sich die anderen zu seinem Schaden sofort zunutze machen.
Wer glaubt, es gebe keine Spaltungstendenzen unter den Mitgliedern der EU, der müsste Großbritanniens paradoxe Position vergessen, zugleich Mitglied und Nicht-Mitglied sein zu wollen. Er müsste ferner alarmierende Symptome übersehen haben: Nationalistische Extremisten sind bereits Mitglieder der Athener Regierung, in Frankreich wird die neue Generation des Rechtspopulismus hofiert und Ungarn erfüllt mit seiner neuen Verfassung, die das Ende der Pressefreiheit und der unabhängigen Gerichte bringt, bereits alle Bedingungen für einen Ausschluss aus der EU als Gemeinschaft demokratischer Staaten.
Das Problem dieser realistischen Richtung lautet: Die hier gesuchte Verschiedenheit und Verweigerung von Kooperation kann leicht zur Konfrontation und diese zur Spaltung Europas führen. Jeder Nationalstaat hat die Fähigkeit zur Spaltung, aber nicht auch die Kraft, die Folgen auszuhalten. Die demokratieferne ungarische Regierung zum Beispiel steht vor einem ökonomischen Bankrott.
Wie soll man diese beiden Richtungen beurteilen? Beide beginnen zwar als „Weder Fusion noch Spaltung“, doch sie tendieren gleichwohl wieder zur Fusion oder zur Spaltung, ohne dass erkennbar wird, ob sie diese Tendenz zu verhindern imstande sind. Zugleich lohnt sich die Frage: Hat nicht das idealistische Pathos einer europäischen Einheitsregierung das Zeug zur Komödie? Mimt man Einheitsstreben, da man weiß, die Einheit wird nicht kommen? Und hat nicht die finstere Mine der realistischen Konfrontation das Zeug zur Tragödie? Droht man das Gemeinsame zu zertrümmern und wird man selbst unter den Trümmern begraben werden?
Gegen diese Tendenz zu einer gefährlichen Komplizenschaft zwischen der Suche nach Einheit und dem Bemühen um Spaltung steht eine andere und letzte Richtung. Sie folgt dem Grundsatz der Ausgewogenheit. Weder darf es um Einheit um der Einheit willen noch um Spaltung um der Spaltung willen gehen, sondern um etwas anderes: Um die Fortsetzbarkeit von Europa als Polyphonie. Man hätte dann, was man bisher noch nicht in Europa sah: Die Einheit einer ungeschriebenen, von dem Unions-Volk wirksam legitimierten und erst noch zu schreibenden Verfassung, ein Gremium zur Findung bindender Mehrheitsbeschlüsse für alle Mitglieder und eine Verschiedenheit der Ansichten, die nicht vom Eigeninteresse diktiert wird, sondern dem Prozess der Gesamtverständigung zugutekommt. Wenn man sich über eine Einheitsfindung und Einheitsart einig wäre, dann erhielten die Divergenzen die kreative Chance zur Förderung der Einheit.
Ein polyphones Europa ist das Gegenteil einer gern beschworenen kollektiven Identität. Ein polyphones Europa wird angesichts vieler Bedrohungen nötig. Und schließlich könnte ein polyphones Europa jenen Zusatz von Utopie enthalten, ohne den Zukunft verödet. Diese drei Bezüge verdienen mehr Beachtung, als sie bisher erhielten.
Kollektive Identitäten wie Staaten, Nationen, Vaterländer, Gesellschaftsordnungen sind stets mit dem Anspruch aufgetreten, jeder könne oder solle sich mit ihnen identifizieren. Jede Schule erwartet bereits von ihren Schülerinnen und Schülern: Identifiziere dich mit deiner Institution! Jede Firma verlangt von ihren Mitarbeitern: Identifiziere dich mit deiner Firma! Auch seitens der Staaten hört man, man solle sich mit seinem Staat identifizieren. Wie kann ein Mensch identisch werden mit einer Institution? Wie soll es geschehen, dass ich identisch werde mit Europa als vielsprachigem Wirtschafts- und Kulturraum? Hier scheint etwas durcheinander zu gehen. Man sagt „sich identifizieren mit“, meint jedoch „sich zugehörig wissen zu.“ Zugehörigkeit wird verwechselt mit Identifikation. In diesem Sinn kann man sich Europa zugehörig wissen und zugehörig sein wollen, ohne die absurde Bürde zu tragen, mit Europa identisch sein zu wollen und es nicht können. Zugehörigkeit hat den Vorteil, dass jeder die Freiheit hat, sie zu wählen. Er ist dabei nicht auf eine einzige Zugehörigkeit beschränkt, während die kollektive Identität ausschließlich ist. Genau darin liegt eine der Chancen für ein polyphones Europa. Jeder kann sich verschiedene Zugehörigkeiten wählen. Es liegt an ihm, welcher Kultur, welcher Wirtschaftsordnung, welchem Politikmodell, welcher Gesellschaftsart er angehören möchte. Die Zugehörigkeiten sind veränderbar und entwicklungsfähig. Kollektiven Identitäten bleibt dagegen nichts anders übrig als identisch mit sich selbst zu sein.
Europa ist vielfältig bedroht. Eine der Bedrohungen ist die Ökonomie. Die Aufblähung der Finanzmärkte bedroht die Wirtschaft. In den USA wurde eine Schleuse des Unheils geöffnet. Banken zur Förderung von Investitionen werden nicht mehr von Spekulationsbanken getrennt. Auch das finanzielle Ausbluten von Staaten wie Griechenland oder Portugal könnte zu unabsehbaren internationalen Verwerfungen führen. Eine weitere Bedrohung liegt in der Ökonomisierung der Wissenschaften, ihrer zunehmenden Abhängigkeit von Verwertungsinteressen der Privatwirtschaft und des Militärs. Garantiert ein vielstimmiges, polyphones Europa einen Schutz vor diesen und anderen Bedrohungen?
Die Frage ist falsch gestellt. Eine Garantie gegen diese Bedrohungen weiß niemand zu nennen. Statt einer Garantie geht es darum, wie man den Bedrohungen weniger ausgesetzt ist. Ein Europa der kollektiven Identität mag von seinen Befürwortern als Bollwerk gegen verschiedenste Bedrohungen verstanden und propagiert werden. Ein polyphones Europa wirkt demgegenüber schwach und anfällig. Doch viele Schwächen können gemeinsam eine Stärke ergeben. Dem genialen Europäer Leonardo da Vinci verdanken wir die Beobachtung, dass die Steine eines Rundbogens allesamt zu Boden fallen wollen. Doch da sie alle diese Neigung haben, hindern sie sich gegenseitig daran zu stürzen und ergeben die Stabilität eines Rundbogens. Viele Schwächen können zu einer Stärke führen. Ein vielstimmiges Europa hätte viele Seiten und könnte verschiedene Bedrohungen eher parieren als ein kollektiv identisches Europa.
Ein Europa der Polyphonie wäre zudem ein Europa der politischen Fantasie und jenes Zusatzes von Utopie, ohne welche wir alle in eine öde Zukunft reisen müssten. Ein kollektiv identisches Europa ist ein Sein, ein vielstimmiges Europa dagegen ein Werden. Nun gab es bereits einmal ein in Fantasie geeintes Europa. Es war ein romantisches Europa aus der österreichischen, der russischen und der preußischen Monarchie, die so genannte Heilige Allianz. Romantische Realitätsverklärung war ihr Prinzip, die Bibel wurde zur Grundlage des Staatshandelns. Es war ein auf das Mittelalter zurückblickendes, zukunftsscheues Staatshandeln.
Ein polyphones Europa ist kein symphonisches und kein harmonisches Europa. Symphonisches und Harmonisches wäre die Fortsetzung der europäischen Polyphonie mit utopischen Mitteln. Ein polyphones Europa, das ein demokratisches Europa sein will, benötigt in weitaus häufigerem Maß als bisher Abstimmungen der Bevölkerung zu einzelnen Vorhaben. Alle Entscheidungen von Parlament, Kommission und Ministerrat haben letztlich die Aufgabe, das auszuführen, was die Bevölkerung will. Und nicht umgekehrt. Man unterschätze die Urteilskraft der Bevölkerung nicht! Hätte man zur Aufklärung des Volkes, so schrieb am Ende des 18. Jahrhunderts der Europäer Nicolas Chamfort, nur ein Viertel der Zeit angewandt, das man zu seiner Verdummung brauchte, „so hätte man erkannt, dass die Natur, die den Menschen für die Gemeinschaft geschaffen hat, ihm auch genug Verstand mitgegeben hat, um eine vernünftige Gemeinschaft zu bilden“.
Ein vielstimmiges Europa könnte das bisherige Holzwegeuropa insofern ersetzen, als es der Allianz aus Betonköpfen, Büro- und Technokratie entkommt. Jenseits von Beton, Bürokratie und Technokratie liegt ein noch zu entdeckendes Europa. Es besteht nicht allein aus Raum und Räumen. Es besteht aus etwas Werdendem und Fließendem. Es besteht aus Zeit.
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