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Themendiskurs : Die Zukunft Europas (1/6)
INHALTSFOLGE
1 Zukunft ( Leggewie)
2 Aufklärung (Neiman
3 Identitàtssuche (Grosser)
4 Anderssein (Strasser)
5 Polyphonie (Taureck)
6 Islam (Amipur)


SWR2 Wissen: Aula - Johano Strasser: Das andere Europa - Wiederentdeckung eines bekannten Kontinents Die Zukunft Europas (4/6)
Autor und Sprecher: Johano Strasser *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Neujahr, 1. Januar 2011, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

AUTOR
Johano Strasser, geb. 1939 in Leeuwarden (Niederlande). Promotion in Philosophie 1967. 1977 Habilitation in Politikwissenschaft an der FU Berlin. Von 1980 – 1988 Redakteur und Mitherausgeber der politisch-literarischen Zeitschrift „L’80“. Seit 1983 freier Schriftsteller. Ab 1995 Generalsekretär zunächst des westdeutschen, dann des gesamtdeutschen P.E.N. Seit 2002 Präsident des P.E.N.-Zentrums Deutschland. Veröffentlichungen: Zahlreiche Sachbücher, Romane, Hörspiele, Theaterstücke, Gedichte.
Bücher (Auswahl):
– Die schönste Zeit des Lebens. Verlag Langen/Müller. Juni 2011.
– Kolumbus kam nur bis Hannibal. Vierzehn subversive Geschichten. Verlag Diederichs. Juli 2010.
– Labile Hanglage. Gedichte. Verlag Brandes & Apsel. März 2010.
– Bossa Nova. Ein Roman aus der Provinz. Pendo-Verlag. Februar 2008.
– Als wir noch Götter waren im Mai. Pendo-Verlag. Februar 2007.

ÜBERBLICK
Was ist Europa? Wer heute diese Frage stellt, provoziert leicht hitzige Antworten, die alle darauf hinauslaufen, Europa zu begrenzen, zu sagen, was es nicht ist, was nicht dazu gehört: die Türkei zum Beispiel oder Russland oder die Ukraine. Wenn wir wissen wollen, wer wir sind, ist Abgrenzung immer noch unser erster Reflex. Aber das Andere, das Fremde, gegen das wir uns abgrenzen, ist zumeist längst Teil unseres Selbst und Teil eines Europa, das es wiederzuentdecken gilt, und zwar mithilfe der Literatur. Johano Strasser, Schriftsteller, Publizist und Politologe, plädiert für ein anderes, weltoffenes und tolerantes Europa.

INHALT

Ansage:
Mit dem Thema: „Die Zukunft Europas, Teil 4, „Das andere Europa – Wiederentdeckung eines bekannten Kontinents“.
Was ist das eigentlich, dieses Europa? Eine Währungsunion, die droht, zur Transferunion zu mutieren, bei der die verschuldeten Länder gesundsaniert werden? Eine Wirtschaftsunion oder gar eine Wertegemeinschaft, die stark vom Christentum geprägt ist? Positiv ist die Frage nur schwer zu beantworten, leichter fällt es zu sagen, was Europa alles nicht ist, was nicht dazu gehört. Abgrenzung gegenüber dem Fremden, Unbekannten ist schließlich ein beliebter Reflex, gerade auch wenn es um Europa geht.
Und was ist, wenn wir ganz neue Maßstäbe der Definition einführen? Johano Strasser, Schriftsteller, Publizist und Politologe, versucht das im Folgenden: Er will eine ein anderes Europa entdecken, das mit Geld, Ökonomie und Christentum eher weniger zu tun hat, dafür viel mit literarischer Kultur.
Der für heute angekündigte Vortrag über die politischen Strukturen eines zukünftigen
Europa entfällt leider aus Krankheitsgründen, wir bitten das zu entschuldigen.
Johano Strasser:
Mitten in den gewaltigen Umwälzungen, die ausgehend von der Revolution in Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts ganz Europa ergreifen, schreibt Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, seinen Essay Die Christenheit oder Europa. Hier entwickelt der Dichter seinen Traum von der Versöhnung des Alten mit dem Neuen unter dem Dach einer erneuerten christlichen Kirche, „die alle nach dem Überirdischen durstige Seelen in ihren Schoß aufnimmt und gern Vermittlerin der alten und neuen Welt wird“. (Novalis 1956, S. 107)
Es handelt sich bei diesem Text nicht, wie oft unterstellt worden ist, um eine rückwärtsgewandte Verklärung des Mittelalters. Was Novalis sich vorstellt, ist vielmehr eine Synthese aus Altem und Neuem: „hier die Andacht zum Altertum, die Anhänglichkeit an die geschichtliche Verfassung, die Liebe zu den Denkmalen der Altväter und der glorreichen Staatsfamilie, und Freude des Gehorsams; dort das entzückende Gefühl der Freiheit, die unbedingte Erwartung mächtiger Wirkungskreise, die Lust am Neuen und Jungen, die zwanglose Berührung mit allen Staatsgenossen, der Stolz auf menschliche Allgemeingültigkeit, die Freude am persönlichen Recht und am Eigentum des Ganzen und das kraftvolle Bürgergefühl.“ (Novalis 1956, S. 106)
Gewiss, die Emphase, mit der Novalis „eine große Versöhnungszeit“ verkündet – „sie wird, sie muss kommen“ –, können wir nach all den barbarischen Schlächtereien, die Europa seitdem erlebt hat, nach all den Demütigungen und Verwüstungen, die Europäer in aller Welt angerichtet haben, nicht mehr teilen. Dass die anderen Weltteile auf „Europas Versöhnung und Auferstehung“ warten, „um sich
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Das andere Europa – Wiederentdeckung eines bekannten Kontinents
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anzuschließen und Mitbürger des Himmelreichs zu werden“, wer wagte es heute noch, einen solchen Gedanken zu denken, geschweige denn ihn aufzuschreiben? Und doch ist eines an diesem Text für uns Heutige nach wie vor interessant: dass er nämlich Europa in erster Linie als geistige, als kulturelle Einheit begreift, dass er auf die Kraft der Synthese setzt und allen imperialistischen Eroberungs- und Beherrschungsgelüsten eine Absage erteilt.
Aber kann das Europa, das Novalis beschwört, in einem präzisen Sinn als ein „christliches“ Europa verstanden werden? Niemand wird bezweifeln können, dass Europa über fast zwei Jahrtausende von christlichen Ideen, von christlicher Symbolik und Glaubenspraxis geprägt wurde. Aber das Christentum selbst stammt genau genommen nicht aus Europa, speist sich aus vielen religiösen Quellen, die nicht genuin europäisch sind, und hat sich – auch gerade hier in Europa – in sehr unterschiedlichen Formen entwickelt. Die Kennzeichnung Europas als „christlich“ ist also keineswegs so klar und eindeutig, wie seine Befürworter meinen. Heute führt sie erst recht ins Leere, denn viele Millionen Europäer gehören anderen, nicht-christlichen Religionsgemeinschaften an, noch mehr haben mit Religion überhaupt nichts im Sinn oder sind vielleicht in einem sehr weiten Sinn religiös-musikalisch, aber halten wenig oder überhaupt nichts von kirchlicher Bindung.
Europa, der zerklüftete westliche Rand des alten eurasischen Kontinents, war schon immer mehr Idee als harte, kompakte Realität. Nach Osten hin sperrangelweit offen, nach Süden mit Leichtigkeit das Mittelmeer überspringend, war Europa von alters her vielen fremden Einflüssen ausgesetzt. Europa konnte sich gar nicht abgrenzen, ihm blieb nichts anderes übrig, als das Fremde in sich aufzunehmen und aus vielen verschiedenen Quellen seine eigene Kultur zu formen. Was am Ende dabei herauskam, die europäische Hochkultur „von Shakespeare bis Benz, Mozart bis Curie, Strindberg bis Einstein, von Dürer bis zu den Beatles“, schreibt Matthias Greffrath, ist heute „globaler Menschheitsbesitz“, nichts spezifisch Europäisches also, worauf man sich, wenn es um unsere Identität geht, berufen könnte. Längst ist auch das Christentum, auf das sich Novalis noch beziehen konnte, nicht mehr die große Klammer, von der her sich Europa als Einheit verstehen ließe.
Was also ist Europa? Wer heute diese Frage stellt, provoziert leicht hitzige Antworten, die alle darauf hinauslaufen, Europa zu begrenzen, zu sagen, was es nicht ist, was nicht dazu gehört: die Türkei zum Beispiel oder Russland oder die Ukraine, Serbien, Albanien. Wenn wir wissen wollen, wer wir sind, ist Abgrenzung immer noch unser erster Reflex. Aber das Andere, das Fremde, gegen das wir uns abgrenzen, ist zumeist längst Teil unseres Selbst. Wer Europa als das christliche Abendland meint neu begründen zu können und deshalb die mehrheitlich islamische Türkei aussperren möchte, der sollte sich an den Reichtum der europäisch-islamischen Kultur in Spanien erinnern oder sich nur einmal in den Berliner Stadtteilen Kreuzberg oder Neukölln oder in der Banlieu von Paris oder in Finsbury Park im Norden Londons umsehen. Wenn er zur lesenden Minderheit gehört, könnte er sich auch darauf besinnen, in welchem Maße die groß europäische Literatur sich aus heidnisch-antiken und aus östlichen Quellen speist. Was wäre unser europäisches Theater ohne Aischylos, Sophokles oder Euripides? Was unsere Philosophie ohne Platon, ohne Aristoteles und Cicero? Für Dantes Göttliche
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Komödie, einen der Grundtexte des angeblich so ausschließlich christlichen Abendlandes, gibt es ebenso arabisch-muslimische Quellen wie für viele der schönsten Gedichte und Lieder der okzitanischen und katalanischen Troubadourliteratur. Bocaccios Decamerone und Chaucers Canterbury Tales, die die Erzähltradition Europas über Jahrhunderte geprägt haben, knüpfen – nicht nur in der Erzählstruktur, sondern zum Teil auch im Inhalt – an indische, persische, arabische Werke an.
Und wer die Teilung des Römischen Reiches für einen Fingerzeig Gottes nehmend gar die byzantinisch geprägte Orthodoxie zum Nichteuropa erklärt, der müsste konsequenterweise nicht nur die Wiege Europas und das Ursprungsland der europäischen Demokratie, Griechenland, ins Außen verbannen, sondern auch einen Großteil dessen, was Venedig oder Ravenna zu so faszinierenden europäischen Städten macht: das Werk byzantinischer Architekten und Künstler, zum Teil im Zuge des Vierten Kreuzzugs aus dem eroberten Konstantinopel zusammengeraubt wie die Pferde am Markusdom in Venedig. Und erst recht Russland, das mit seiner Literatur – Puschkin, Gogol, Dostojewski, Turgenjew, Tschechow, Tolstoi, Babel –, seiner Malerei – Kandinsky, Chagall – und seiner Musik – Rachmaninoff, Rimski-Korsakoff, Tschaikowski – den europäischen Bildungskanon so sehr bereichert hat.
Vielleicht wäre es da dann doch besser, europäische Reinheitsgebote nur auf Bier und Wein und andere Nahrungsmittel anzuwenden und sich ansonsten damit abzufinden, dass es den einfachen Weg zur europäischen Identität über die Ausgrenzung und Abstoßung des Anderen nicht gibt.
Wenn man es genau nimmt, haben wir Europäer seit der Zeit der großen und in vielen ihr folgenden kleinen Völkerwanderungen allesamt einen Migrationshintergrund. Ich beispielsweise bin in den Niederlanden geboren, meine Mutter ist Niederländerin, mein Vater in den USA geboren und der Sohn einer Französin und eines Österreichers. Unordentliche Verhältnisse, wie sie sich vermutlich bei den meisten von uns finden lassen, wenn wir nur weit genug zurückgehen.
Was aber ist Europa dann, wenn seine Grenzen so schwer bestimmbar sind? Was auch den meisten Europäern bisher nicht in den Kopf will, ist, dass Europa keine Gegebenheit ist, sondern eine Aufgabe, dass wir Europäer selbst aufbauend auf den vielfältigen Traditionen und Institutionen der europäischen Völker, nach Maßgabe unserer historischen Erfahrungen entwickeln müssen, was Europa sein soll. Wir müssen entscheiden, welche der vielen Gestalten und Selbstdeutungen, die Europa in seiner langen Geschichte angenommen hat und die in der europäischen Literatur aufbewahrt sind, für die Zukunft prägend sein soll, an welche Traditionen wir anschließen und auf welche kulturellen Ressourcen wir zurückgreifen wollen, um die Zukunft Europas zu bauen.
Das Problem ist freilich, dass diese Traditionen lange nicht mehr allen Europäern vertraut sind, sei es, weil sie ihnen in der Schule und der Hochschule nicht mehr vermittelt wurden, sei es, weil sie sich bewusst von ihnen abgewandt haben. „Viele Europäer“, schreibt Manfred Fuhrmann in seinem Buch Der europäische
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Bildungskanon, „sind seit einiger Zeit – teils aufgrund ihrer Erfahrungen mit der eigenen jüngsten Geschichte, teils aus Bewunderung für die Vereinigten Staaten von Amerika – auf der Flucht vor sich selbst.“ (Fuhrmann 2004, S. 232) Aber so etwas wie europäische Identität, die entscheidende Voraussetzung dafür, dass aus der EU je eine wirklich konsistent handlungsfähige Einheit werden kann, ist ohne vermittelnde und integrierende Instanzen, ohne eine bewusst die vielfältigen kulturellen Einflüsse integrierende Bildung nicht zu haben. „Europäer ist man nicht von Geburt, man wird es durch Bildung“, hat Robert Schumann einmal gesagt. Darum ist die Beschäftigung mit der europäischen Tradition, mit den die europäische Geschichte prägenden kulturellen Beständen von höchster Wichtigkeit. Bildung in diesem umfassenden Sinn allein schafft kulturelle Identität, und diese ist das entscheidende Bindemittel, das dem Zerfall und der Ohnmacht Europas entgegenwirken kann.
Das eine ist es, die politisch-institutionelle Seite Europas, seine auf der Rechtstradition des Humanismus, der Erklärung der Menschenrechte und des Code Napoléon fußende Rechtsgestalt zu entwickeln, „damit aus der Union des Geldes eine Union der Politik, aus dem Europa der Märkte ein Europa der Menschen und aus dem Europa der Verträge ein Europa der Verfassung wird“, wie Frank Niess es in seinem Buch über die europäische Idee formuliert. (Niess 2001, S. 238) Hierin könnte zugleich ein wichtiger Beitrag zur Ordnung der Welt unter Prinzipien des Rechts bestehen. Das andere ist es, die Erinnerung wach zu halten an die Schattenseiten der europäischen Geschichte, an die Barbarei, die auch zu unserem Erbe gehört. Und die ist nirgends anschaulicher aufbewahrt als in der Literatur der Völker und Regionen. Aus der Literatur können wir lernen, dass wir Europäer keinen Grund zum Hochmut haben, dass es uns nicht ansteht, die Welt mit erhobenem Zeigefinger zu belehren. Unser Beitrag zur Debatte um die Neuordnung der Welt kann nur ein nachdenklicher sein, der sich aus selbstkritisch verarbeiteter Erfahrung speist, aber vielleicht gerade deshalb umso aufmerksamer zur Kenntnis genommen wird.
Wenn man der Meinung ist, dass Europa als eine notwendig pluralistische Ordnung letztlich nicht ohne zivilreligiös verankerte Wertgrundlagen auskommt, dann ist hierfür, wie Rolf Schieder betont „eine europäische religiöse Kommunikationsstruktur“, die nicht nur Christen, sondern auch Muslime und Juden einbezieht, eine wichtige Voraussetzung. (Schieder 2001, S. 210) Man kann aber mit guten Gründen auch noch weitergehen, wie der kanadische Philosoph Charles Taylor kürzlich auf einer Tagung in Mailand, und auch atheistische, ich füge hinzu: auch epikureisch-skeptische oder agnostische Werthaltungen einbeziehen. In jedem Fall heißt dies dann, dass in einer europäischen Verfassung ein expliziter Bezug auf das Christentum als Wertebasis eben nicht angemessen ist.
Zu den Stärken Europas gehört die Vielfalt seiner Sprachen und Kulturen. Aber Stärken können sich, wenn man sie nicht zu nutzen weiß, in Schwächen und Hindernisse verwandeln. Es scheint, dass die meisten Europäer noch immer nicht begriffen haben, dass bei aller Notwendigkeit des gemeinsamen politischen Handelns die europäische Einheit vernünftigerweise nur als Einheit in der Vielfalt gedacht werden kann. Allerdings – auch das sollte nicht übersehen werden – ist
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Vielfalt nur fruchtbar, wenn sie dialogische Vielfalt ist. Das aber heißt, der Reichtum der europäischen Kultur, das große Potenzial der kulturellen Vielfalt kann nur dann seine volle Kraft entfalten, wenn die Völker und Kulturen Europas sich wechselseitig genauer wahrnehmen, als das zur Zeit der Fall ist.
Wenn die Völker Europas sich gegenseitig in ihren tiefsten Antrieben verstehen wollen, ist es von herausragender Bedeutung, dass ihnen die Literatur der jeweils anderen Europäer zugänglich ist. Denn in der erzählenden Prosa, im Roman, im Märchen und im Essay, aber auch im Drama und in der Lyrik sind die prägenden Erfahrungen, die nachwirkenden Traumata, die tiefen Gefühle, die Hoffnungen und Ängste der Völker Europas aufbewahrt. Wenn wir Europäer einander verstehen, wenn wir immer noch bestehende Vorurteile überwinden und zu gemeinsamem Handeln im eigenen Interesse und im Interesse einer friedlichen Weltordnung finden wollen, dann müssen wir wissen, mit welchen Erzählungen, Legenden, Mythen die Völker Europas sich selbst und ihren europäischen Nachbarn ein Gesicht geben.
Aus diesem Grund ist die Förderung der Übersetzung belletristischer Literatur in Europa ein Projekt von höchster Priorität nicht nur für die europäische Kulturpolitik, sondern für die europäische Politik insgesamt. Aber gerade hier liegt, wie jeder weiß, einiges im Argen. Offene Grenzen und offene Märkte allein reichen hier nicht aus. Es bedarf politischer Initiativen in der Bildungspolitik, in der Kulturpolitik der Länder und auf europäischer Ebene. Gibt es so etwas wie einen europäischen Literaturkanon überhaupt? Kann man bei allen halbwegs gebildeten Europäern heute voraussetzen, dass sie Dantes Göttliche Komödie, Goethes Faust, Cervantes’ Don Quixote, Shakespeares Dramen, Tolstois Krieg und Frieden, Rabelais’ Gargantua, Pessoas Buch der Unruhe, Thomas Manns Buddenbrocks, Die Dubliner von Joyce und Die Blechtrommel von Grass kennen? Vielleicht. Die Namen der Autoren und die Titel der Bücher jedenfalls dürften wohl den meisten bekannt sein. Aber wie ist es mit der Literatur Polens, Ungarns, Finnlands, Portugals, Sloweniens, Rumäniens? Und wie steht es in dieser Hinsicht mit den jüngeren Europäern? Kennen sie die großen Schriftsteller der letzten Jahrhunderte, lesen sie die Literatur der Gegenwart, oder reduziert sich für sie der Kanon, wenn sie denn überhaupt lesen, auf Mankell, Larsson und Grisham? Wenn es hoch kommt, auch noch auf Umberto Eco und Patrick Süskind?
Es gibt einen Konkurrenzbegriff zu dem Europas: der Westen. In der Tat gibt es zwischen den Ländern Mittel- und Westeuropas und den USA und Kanada enge historische, kulturelle Beziehungen. Was den Westen eint, ist die positive Haltung zur modernen wissenschaftlich angeleiteten Lebensweise, ist das Erbe von Humanismus und Aufklärung, sind Aktivismus, Individualismus und Rationalismus, die hohe Bewertung von Menschenrechten und Demokratie. Auch weniger imponierende Erscheinungen haben die Europäer mit den Verwandten jenseits des Atlantiks gemein. Kaum etwas am US-amerikanischen Lebensstil, an der US-amerikanischen Trivialkultur, worüber gebildete Europäer so oft die Nase rümpfen, das nicht Fleisch von unserem Fleische, nicht auf europäische Quellen zurückzuführen wäre! Selbst jene unappetitliche Mischung aus Sendungsbewusstsein und plattestem Egoismus, aus Naivität und Brutalität, mit der die USA so oft in Mittel- und Südamerika und am
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Persischen Golf auftreten, ist uns Europäern aus der eigenen imperialistischen Vergangenheit nur allzu vertraut.
Auch jenseits des Atlantiks hat sich das Europäertum zur Kenntlichkeit entwickelt. Das Andere, das uns nun von dort entgegenkommt, als unser Eigenes zu erkennen, ohne es darum gleich als verpflichtendes Modell, als unvermeidbares Schicksal hinzunehmen oder als Gipfel unserer Möglichkeiten emphatisch zu feiern, darauf käme es an.
Denn hier in Europa stellen sich dem europäischen Geist heute andere Aufgaben als jenseits des Atlantiks. Europa ist einerseits Teil des Westens, andererseits seit eh und je Brücke zwischen dem Osten und dem Westen. Auch in Zukunft wird Europa – im eigenen Interesse und im Interesse einer friedlichen Entwicklung der Welt – diese Brückenfunktion erfüllen müssen. Die Europäer können diese Funktion nur erfüllen, wenn sie – wie in der Vergangenheit – den geistigen Austausch untereinander und mit den Völkern anderer Regionen pflegen. Was die Literatur angeht, so stellen wir heute fest, dass es eine große, manche meinen eine zu große Zahl von Büchern US-amerikanischer Autoren bei uns in Deutschland in Übersetzungen vorliegt; für Asien und Afrika gilt dies leider nicht. Aber auch die vielsprachige europäische Literatur ist in vielen Ländern Europas kaum bekannt. Wie sollen die Europäer eine Vorstellung von ihrer eigenen Besonderheit entwickeln, wenn sie sich gegenseitig so wenig wahrnehmen, wenn sie die Literatur ihrer Nachbarn nicht lesen?
Seit mehr als zwei Jahrtausenden drängen sich die Völker in Europa auf engem Raum. Den Problemlösungstypus des Go West!, des Aufbruchs und Neuanfangs im vermeintlich leeren Raum, gibt es hier schon seit der Völkerwanderung nicht mehr. Wer hier gordische Knoten durchschlägt, statt sie zu lösen, befreit nicht, sondern zerstört. Mühsam haben wir Europäer über die Jahrhunderte hinweg lernen müssen, mit der Komplexität zu leben, die Interessen der jeweils anderen Seite mitzubedenken. Wir hier in Europa wissen, was Strukturprobleme sind und dass man sie nicht löst, indem man das Alte einfach abräumt und auf einer vermeintlichen tabula rasa einen Neubau beginnt. Europa ist der historische Kontinent par excellence. Wo immer wir tätig werden, haben wir es mit Hinterlassenschaften zu tun, mit einem Erbe, das noch nicht abgegolten ist.
Östlich von uns ist man immer noch damit beschäftigt, die geschichtlichen Fesseln des Despotismus und des Kollektivismus abzuwerfen und sich zur Moderne durchzuarbeiten. Westlich von uns, in den USA, erscheint die Erfolgsgeschichte von Freiheit und Wohlstand so ungebrochen, dass das Bewusstsein für die Dialektik des Fortschritts noch kaum entwickelt ist. Nur Europa, das alte Europa, ist sich der unaufhebbaren Ambivalenz des Fortschritts bewusst, des Prekären, allzeit Ungesicherten von Freiheit und Zivilität. Ist es unrealistisch zu hoffen, dass Europa mit diesem Pfund wuchert?
Robert Schumann soll einmal gesagt haben, dass er mit der Kultur beginnen würde, wenn er Europa noch einmal aufzubauen hätte. Vielleicht sollten wir heute, mitten in der Krise einer europäischen Union, die bisher allzu frohgemut auf die Bindekräfte der Ökonomie gesetzt hat, diesen Hinweis ernster nehmen als in der Vergangenheit.
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Freilich sollten wir dabei eines bedenken: Was uns Europäer verbindet, sind weniger die so oft missbrauchten „christlichen“ oder „westlichen Werte“, sondern unsere häufig so schmerzhaften Erfahrungen. Wenn Europa den anderen Weltteilen etwas voraushat, dann die Tatsache, dass die Europäer alle großen Irrtümer und Verbrechen bereits begangen und die Strafe dafür am eigenen Leib erfahren haben.
Zu meinem Traum von Europa gehört ein Bild, eine Szene, in der sich Vergangenheit und Gegenwart mischen, wie jene, die sich am Ende des Romans Geschichte der Belagerung von Lissabon von José Saramago findet, eine düstere Szene von Zerstörung und Mord, die ein Ende markiert, ein schreckliches Ende, und die doch, in ein melancholisches Licht getaucht, das Versprechen einer menschlicheren Zukunft enthält:
„Lissabon war genommen, Lissabon war verloren. Nachdem die Burg sich ergeben hatte, flaute das Blutvergießen ab. Jedoch, als sich die Sonne zum Meer hin senkte, den klaren Horizont erreichte, war die Stimme des Muezzins der Hauptmoschee zu hören, der ein letztes Mal von dort oben her rief, wohin er sich geflüchtet hatte. Allahu akbar. Ein Schauer überlief die Mauren bei dieser Anrufung Allahs, aber der Ruf hatte sein vorzeitiges Ende, ein Christensoldat, eifernder im Glauben oder in der Meinung, ihm fehle zur Beendigung des Krieges noch ein Toter, hastete das Minarett hinauf, und mit einem einzigen Schwertschlag enthauptete er den Alten, in dessen Augen mit dem verlöschenden Leben ein Licht aufblitzte.
Es ist drei Uhr morgens. Raimundo Silva legt den Kugelschreiber beiseite, erhebt sich langsam, die Handflächen gegen die Tischplatte gestützt, als hätten all die Jahre, die er noch zu leben hat, lastend sich plötzlich auf ihn gesenkt. Er tritt ins Schlafzimmer, das von einem Schein kaum erhellte, entkleidet sich leise, vorsichtig, möglichst geräuschlos, wünscht im Grunde aber, Maria Sara möge aufwachen, nur so, einfach, damit er ihr sagen kann, dass die Geschichte abgeschlossen ist, und sie, die ja doch nicht schlief, fragt ihn, fertig, und er antwortet, ja, fertig. Möchtest du mir sagen, wie es endet. Mit dem Tod des Muezzins. Und Mogueime, und Ouroana, was ist aus ihnen geworden. Ich denke mir, Ouroana kehrt nach Galicien zurück, und Mogueime mit ihr, und bevor sie aufbrechen, finden sie in Lissabon einen dort verborgenen Hund, der sie auf der Reise begleiten wird.“
Raimundo Silva und Maria Sara, die nicht ohne Grund einen katholischen und einen jüdischen Vornamen trägt, Mogueime und Ouroana, der eifernde christliche Krieger und der alte Muezzin, dies ist das Personal, mit dem mein Europa errichtet werden muss. Auf den Trümmern so vieler zerstörter Städte, auf Bergen von Leichen, aber mit der Kraft, der Zuversicht und Beständigkeit, zu der nur Liebende fähig sind, die durch die Hölle gegangen sind.
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