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Themendiskurs : Die Zukunft Europas (1/6)
INHALTSFOLGE
1 Zukunft ( Leggewie)
2 Aufklärung (Neiman
3 Identitàtssuche (Grosser)
4 Anderssein (Strasser)
5 Polyphonie (Taureck)
6 Islam (Amipur)

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SWR2 AULA - Alfred Grosser: Sinnstiftung erwünscht – die Suche nach Identität . Die Zukunft Europas (3/6)
(Zusammenfassung eines frei gesprochenen Vortrags)
Autor: Professor Alfred Grosser *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 9. April 2012, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

* Zum Autor:
Alfred Grosser ist 1925 in Frankfurt am Main geboren. Seine Familie emigrierte 1933 nach Frankreich, wo ihm 1937 die französische Staatsbürgerschaft verliehen wurde. Er studierte Politikwissenschaft und Germanistik und hatte einen Lehrstuhl am Pariser Institut d´études politiques. Ab 1965 war Alfred Grosser Mitarbeiter zahlreicher Fernsehanstalten und Zeitung. Er gilt als herausragender Intellektueller Frankreichs und setzt sich seit der Nachkriegszeit für die deutsch-französischen Beziehungen ein. Seine Thesen, insbesondere zum Thema „Israelpolitik“, sorgen immer wieder für Kontroversen.
Bücher (Auswahl):
- Die Freude und der Tod: Eine Lebensbilanz. Rowohlt. 211.
- Von Auschwitz nach Jerusalem: Über Deutschland und Israel. Rowohlt. 2. Auflage, 2009.
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ÜBERBLICK
Was ist Europa eigentlich genau? Eine Kultur- und Wertgemeinschaft, eine Eurozone, die sich hauptsächlich über ökonomische Aspekte definiert, oder lediglich eine schöne Fiktion, die mit ebenso schönen Worten regelmäßig beworben wird? Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat dem Euroskeptizismus neuen Auftrieb verliehen, es scheint, dass die Krise offenbar werden lässt, wie fragil Europa ist. Professor Alfred Grosser, Publizist und Politikwissenschaftler, zeigt, warum Europa trotz seiner Krisen zukunftsfähig ist.

ÜBERBLICK
Wie sieht ein zukünftiges Europa aus? Auf welchen Werten, auf welchen politischen Strukturen basiert es? Wie sieht die zukünftige kulturelle Identität aus, welche Rolle spielt das Christentum, welche der Islam? Wie kann sich ein zukünftiges Europa innerhalb der Weltgemeinschaft positionieren? In einer sechsteiligen Aula-Reihe werden verschiedene Facetten der Zukunft Europas skizziert.
Europa scheint die Luft ausgegangen zu sein, gerade jetzt in der Krise, wo es brenzlig geworden ist. Je mehr die Politiker die angebliche Einheit und Solidarität Europas beschwören, je mehr sie die Parole "Gemeinsam meistern wir die Krise" in ihren Reden bemühen, desto deutlicher wird: Europa ist immer noch eine Vision, eine Fiktion, so eine Art Wärmflasche für alle intellektuellen Gutmenschen, die von der Auflösung des Nationalstaats und von Multikulti träumten.
Die Bürger der betreffenden Staaten haben sich jedenfalls schon entschieden: Sie sind mehrheitlich europaskeptisch eingestellt und misstrauen den Bürokraten in Brüssel ebenso wie den aus ihrer Sicht schwerfälligen ineffizienten politischen Institutionen. Dabei hat die Finanz- und Wirtschaftskrise zumindest eine Erfahrung im kollektiven Bewusstsein fest verankert: Es gibt in der Tat keine nationalen Alleingänge mehr, weil alles mit allem irgendwie auf sehr komplexe Weise zusammenhängt: schwächelt hier eine Volkswirtschaft, wird gleich die gesamte Gemeinschaft in Mitleidenschaft gezogen.
Deshalb sind gerade jetzt die Fragen aktuell: Was ist eigentlich dieses Europa, wie sieht seine Zukunft aus, auf welche sinnstiftenden kulturellen Elemente kann es sich berufen? Wie kann es mehr werden als eine Euro-Union, die mit Rettungsschirmen, Notpaketen versucht zu überleben und fortwährend Appelle an solche egoistischen Staaten adressiert, die sich in die Gemeinschaft hineingeschmuggelt haben und am liebsten mit Udo Lindenberg sagen: "Ich mach mein Ding"?
Antworten gibt die sechsteilige AULA-Reihe, in der Wissenschaftler aus den verschiedensten Bereichen zeigen, dass die europäischen Intellektuellen keineswegs ideenlos sind und in einer gedanklichen Schockstarre verharren, weil sie auf den Untergang des Traumschiffs Europa warten: Die amerikanische Philosophin Susan Neiman etwa zeigt, warum Europa ein neues Zeitalter der Aufklärung braucht, eine Rückbesinnung auf moralische Werte; ergänzend dazu fragt der Publizist und Politikwissenschaftler Alfred Grosser ebenfalls nach verbindlichen Normen, die einer blassen Staatengemeinschaft scharfe Konturen geben könnte. Und Claus Leggewie, Leiter des Kulturwissenschaftlichen Zentrums in Essen, reflektiert über die Stellung und Bedeutung eines zukünftigen Europas in der Welt.

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INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Sinnstiftung erwünscht – die Suche nach Identität“.
Im dritten Teil der Europa-Reihe geht es nochmals um die Frage, auf welche universellen Werte sich ein zukünftiges Europa berufen könnte, doch auf das Christentum, auf den Islam? Oder in erster Linie – wie gestern Susan Neiman sagte – auf die philosophische Tradition der Aufklärung?
Der deutsch-französische Politikwissenschaftler Professor Alfred Grosser beantwortet die Frage vor dem Hintergrund persönlicher Erlebnisse, für ihn sind wichtig: Die Überwindung des Nationalsozialismus und Nationalismus, die Herausbildung freier demokratischer Strukturen.
Alfred Grosser:
Das Thema lautet: Europa und seine zukünftige Identität. Dabei muss ich sagen, ich bin Politologe. Das ist jemand, der im Rückblick die Vergangenheit analysiert. Also werde ich nicht zu viel von der Zukunft sprechen; allerdings habe ich doch eine Hoffnung und die deckt sich mit dem Satz von Joachim Gauck, der 1997 bei der Evangelischen Akademien in Thüringen richtig gesagt hat: „Hier wird nüchtern davor gewarnt, das Ausbleiben der politischen Paradiese für einen Beweis der Abwesenheit wirklicher Demokratie zu halten. Wir wissen nach der Diktatur, dass das weniger Schlechte in der Politik ein hoher Wert ist.“ Das ist auch meine Hoffnung.
Joachim Gauck hat in seinen Antrittsreden immer wieder zwei Wörter gebraucht, die ich aufnehmen möchte im Sinne der Frage nach der zukünftigen Identität. Das sind die Worte „Freiheit“ und „Verantwortung“. Was Verantwortung als Grundlage einer europäischen Identität bedeutet, ist zuerst im Juli 1944, vor Kriegsende, in Genf bewiesen worden. Da kamen die Vertreter aus allen europäischen Widerstandsbewegungen, aus Jugoslawien, Frankreich, Belgien und aus Deutschland zusammen und forderten, dass nach dem Krieg Deutschland ein Teil eines vereinten Europa sein sollte, damit die Deutschen eine Zukunft hätten. Das nennt man Sinn für Verantwortung.
Im August 1944 war ich mit falschen Papieren in Marseille und hörte in der BBC, dass wahrscheinlich – und das hat sich nachher bestätigt – ein Teil meiner Familie von Theresienstadt nach Auschwitz transportiert worden war, um dort sterben zu müssen. Am nächsten Tag war ich mir über zwei Dinge im Klaren: Erstens, es gibt keine Kollektivschuld, so zahlreich auch die Verbrecher und Verbrechen sein mögen. Zweitens: Es gibt eine Verantwortung für die Zukunft Deutschlands im Namen aller Opfer und aller Nachfahren der Opfer. 1947 kam ich zum ersten Mal wieder nach Deutschland, nach Frankfurt am Main, das mein Vater, ein jüdischer Arzt, 1933 verlassen hatte. In Frankfurt traf ich auf den damaligen Bürgermeister Walter Kolb. Kolb war in Buchenwald inhaftiert gewesen. Das war für mich wieder ein Beweis dafür, dass es keine Kollektivschuld, wohl aber eine gemeinsame Verantwortung gibt: von ihm, Walter Kolb, und von mir,aus Frankreich, gab es die Verantwortung, der deutschen Jugend eine demokratische und freiheitliche Zukunft zu sichern.
Später lernte ich einen Satz von Hans Scholl kennen. Er schrieb einem Freund, kurz bevor er verhaftet, verurteilt und getötet worden ist: „Ich kann nicht abseits stehen, abseits ist kein Glück.“ Das ist für mich ein hoher Wert: nicht abseits stehen, Verantwortung tragen.
Ich komme zur Freiheit. Seit wann gibt es in Deutschland wieder Freiheit? Heute noch sieht man nicht ein, was 1949 genau passiert ist. Es sind zwei Staaten entstanden: die Bundesrepublik und die DDR. Beide waren legitim, wenn man von der Situation von 1945 ausgeht. Die Alliierten haben die Souveränität an sich gerissen. Wichtig war, dass die Bundesrepublik aufgebaut war auf dem Prinzip der Freiheit – und die DDR nicht.
Daran erinnerte 1988 unser Präsident François Mitterand. Er empfing Erich Honecker im Elysée-Palast, und in seiner Tischrede würdigte er den Widerstand, den Honecker gegen das Nazi-Regime geleistet hatte. Er sagte, damals stritten wir alle für die Freiheit an, aber seit Ende des Krieges haben wir nur im Westen die freiheitliche Demokratie beibehalten. Und man könne sich nicht vorstellen, dass es ein Europa gebe ohne die Freiheit. Das war eine Antwort von François Mitterand auf alle bundesdeutschen Versuche, vor allen Dingen von Seiten der evangelischen Kirche und der SPD, die Türen gen Osten zu öffnen und den Wert der Freiheit nicht so stark mehr zu berücksichtigen.
1990 kam die deutsch-deutsche Einheit. Willy Brandt erklärte im Dezember 1990 in seiner vielleicht schönsten Rede -er war damals Alterspräsident des ersten vereinten Deutschen Bundestags-, dass Männer wie Jean Monnet dadurch, dass sie Europa geschaffen hätten, Vorreiter der deutschen Einheit gewesen seien. Denn diese Einheit sei vollzogen worden im Namen der Freiheit. Warum haben François Mitterand, Helmut Kohl und Jacques Delors aus Brüssel mitgewirkt, die Freiheit in einem vereinten Deutschland herzustellen? Weil die Einheit Deutschlands in den Augen von Jacques Delors zugleich die erste Erweiterung des freien Europas bis an die polnische Grenze war. In diesem Sinne wurde der neue Teil Deutschlands eingegliedert in die schon bestehende Europäische Union.
Oft wird gesagt - und ich kann das zwar verstehen, finde es aber trotzdem falsch-, durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag sei Deutschland absolut souverän. In diesem Vertrag steht ja, das vereinte Deutschland hat volle Souveränität über seine inneren und äußeren Angelegenheiten. Aber dieser Text galt nur für ein Deutschland, das von den Alliierten beherrscht worden war. Als diese Herrschaft vorüber war, war die Souveränität Deutschlands wieder hergestellt. Zugleich ging es um eine Souveränität, die nicht größer war als die von Frankreich, Belgien oder Italien. Alle diese Länder hatten eine begrenzte Souveränität im Namen der Freiheit.
Der Einheitsvertrag, der bereits vor dem Zwei-plus-Vier-Vertrag unterschrieben wurde, sagt ganz klar in Artikel 10: Das Gesamteuroparecht gilt für das erweiterte Deutschland. Er verpflichtete alle neuen Länder, alle europäischen Bestimmungen zu befolgen. Im Jahr 2004 ist dann geschehen, was bereits viele Jahre zuvor, nämlich 1963, vom französischen Politiker Robert Schumann prophezeit wurde. Er sagte: „Wir kämpfen ja nicht nur für unser Europa der Freiheit. Am Tag, an dem die heute unterdrückten Länder frei sei werden, sollen sie zu uns kommen. Denn sie haben das
Recht darauf, ihre Aufnahme zu erreichen.“ Im Jahr 2004 sind Polen und die Tschechische Republik frei geworden, genau deshalb durften sie Mitglied der Europäischen Union werden.
Natürlich bleiben Fragen, wie zum Beispiel diese: Warum gehört Malta zu Europa? Warum gehört Zypern zu Europa? Und heute kann man sich natürlich auch fragen, warum die Proteste gegen Ungarn nicht heftiger sind, gegen das Budapest von heute, das wirklich eine ganze Reihe von Grundfreiheiten verneint. Dieses Ungarn sollte nicht aus der EU ausgeschlossen werden, aber es sollte ganz energisch gerügt werden. Es basiert eben nicht voll und ganz auf Freiheit.
Welche Identität hat nun eigentlich dieses Europa? In allen Verträgen der letzten 20 Jahre steht sinngemäß „Jeder Bürger, der einem Staat Europas angehört, ist ein europäischer Bürger“. Das wird im Allgemeinen von den Bürgern nicht anerkannt. Die meisten Leute fühlen sich nämlich gar nicht als europäische Bürger. Warum? Wie empfindet eigentlich jeder Einzelne seine Identität? Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, der Begriff „Heimat“ gilt vielen Menschen mehr als der Begriff „Nation“. Nehmen wir das Beispiel Belgien. Gibt es überhaupt noch ein Belgien? Dem Land droht permanent die Teilung. Oder Schottland: Schottland ist dabei, unabhängig zu werden. Katalonien ist noch ein Teil Spaniens, aber es wird immer unabhängiger. Und das ehemalige Jugoslawien ist gespalten in so viele Staaten, dass man sie kaum zählen kann: Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro, Kosovo, Mazedonien usw. Wo fühlt man sich da zuhause? Was empfindet man als sein Zuhause?
Hier muss eine Randbemerkung gemacht werden über Deutschland: Denn Deutschland ist das einzige Land in Europa, das nicht aufgebaut worden ist auf dem Begriff der „Nation“, sondern auf einer bestimmten politischen Ethik: Die politische Ethik der Ablehnung des Nationalsozialismus und des Stalinismus.
Nun gibt es aber innerhalb der verschiedenen Nationen Europas ununterbrochen Schwierigkeiten, eine bestimmte kulturelle, politische Identität zu erlangen. Zum Beispiel in Frankreich lebende Armenier. Das sind Franzosen mit armenischem Ursprung bzw. mit armenischem Hintergrund, wie man in Deutschland sagen würde. Sie identifizieren sich aber sehr mit ihrer armenischen Geschichte. Da ich viel über das Schicksal der Armenier geschrieben habe, wurde ich einmal vom Pariser Bürgermeister zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen, es ging um das Gedenken an das Massaker an den Armeniern. Und der Oberbürgermeister sagte völlig zu Recht: „Wir trauern heute um den armenischen Teil des Pariser Volkes. An einem anderen Ort, an einem anderen Tag gedenken wir anderer Opfer, zum Beispiel der jüdischen Opfer.“ Es ging und geht darum, auch solche Gruppen wie die Armenier in die französische Gesellschaft zu integrieren und das Leid, das ihnen zugefügt worden ist, zu berücksichtigen.
Wie ist es denn in Deutschland? Es gibt ein Problem mit den jüdischen Teilen der Nation. Ignatz Bubis wurde von Roman Herzog zu seinem 70. Geburtstag beglückwünscht als Deutscher jüdischen Glaubens. So hat Ignatz Bubis auch seine Lebenserinnerungen betitelt: „Ein Deutscher jüdischen Glaubens“. Als Deutscher
jüdischen Glaubens hatte sich auch mein Vater definiert, bevor er überall ausgestoßen wurde. Aber ist das wirklich die Wahrheit auch für die Gegenwart?
Die Antworten sind unterschiedlich. Der Zentralverband der Juden in Deutschland heißt „Juden in Deutschland“, so als seien sie nicht jüdische Deutsche. Als ich mein Buch „Von Auschwitz nach Jerusalem: Über Deutschland und Israel“ fertig hatte, wollte der Verlag, dass ich schreibe, ich sei als deutscher Jude geboren. Ich habe das geändert und geschrieben: Ich bin als jüdischer Deutscher geboren. Ein guter Teil der jüdischen Organisationen definiert sich ganz anders, eher als israelfreundlich, so dass man dann aus gewisser Perspektive jede Kritik an Israel als Antisemitismus deuten kann.
Ich komme nochmals auf Gauck zurück: Er hat eine sehr schöne Laudatio gesprochen und zitierte dabei auf Englisch einen Spruch des 19. Jahrhunderts: „Right or wrong – my country. If it is right let us keep it right, if it is wrong, let us make it right.“ Das heißt, wenn mein Land unrecht hat, lasst es uns auf den rechten Weg bringen. Und der Altbundeskanzler Helmut Schmidt sagte in seinem Gespräch mit dem Historiker Fritz Stern, er könne nicht verstehen, dass es ständig heißt „Right or wrong – my Israel“. Das finde ich wichtig, denn nur so kann man nachvollziehen, was mich zum Beispiel an Deutschland so stört: Man will nicht das einsehen, was am 2. Februar 2005 Bundespräsident Köhler vor der Knesset gesagt hat: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Diese Lehre aus den nationalsozialistischen Verbrechen haben die Väter unseres Grundgesetzes im ersten Artikel unserer Verfassung festgeschrieben. Die Würde des Menschen zu schützen und zu achten ist ein Auftrag an alle Deutsche. Dazu gehört, zu jeder Zeit und an jedem Ort für die Menschenwürde einzutreten. Daran will sich die deutsche Politik messen lassen.“ Ich dachte, er sprach von den Palästinensern. Aber keineswegs. Und doch sollte es für die Palästinenser gelten, denen es ja immer schlechter geht, sie haben zum Beispiel immer weniger Wasser, weil die Quellen von den israelischen Siedlern besetzt, eigentlich beschlagnahmt werden.
Bei all diesen Problemen, die ich eben angeschnitten habe, geht es immer wieder um die Frage: Wie sieht der kulturelle Kern aus, auf den sich alle Kulturen beziehen könnten? Ich habe keine eindeutige Antwort darauf.
Nun habe ich eigentlich in erster Linie von den Nationen gesprochen, von den Gruppen wie Flamen, Schotten, Katalonier, Juden etc. In Wirklichkeit ist ja jedes Land auch geteilt in oben und unten, Arm und Reich. Vor vielen Jahren, Anfang 1933, schrieb Klaus Mann ein kleines Gedicht: Liechtenstein Woanders: Zähneklappern und Geschlotter - Doch auf der Alm da gibt' s kei Sünd, Weil hier doch ALLE Hinterzieher sind. - Und dort, der Blühendste, das ist mein Rotter. Man soll nichts Böses über's Ländle sagen! Wenn es auch nicht sehr groß ist, sondern klein. Es hat doch einen großen, guten Magen. Da geht was rein.
Wo mag das sein? In meinem Liechten – meinem Liechtenstein. In Unschuld sprießen, wachsen, blühen Dort Unternehmen ohne Zahl. Und der Profit ist kolossal. Das geht ganz ohne Schweiß und Mühen.
Das ist heute in Deutschland nicht anders, es gibt viele Reiche und es gibt Armut und Millionen Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Der neue Vorstandschef von Volkswagen bekommt 16,6 Millionen Euro Gehalt im Jahr. Und dann haben viele Deutsche über 1 Million Mal ein Buch gekauft, das Armut diffamiert, in dem die furchtbarsten Sachen drinstehen. Ich meine das Buch von Thilo Sarrazin, in dem er Dinge schreibt, die eigentlich Sozialrassismus sind.
Die Teilung zwischen oben und unten ist katastrophal, es ist eine Gefahr für ein zukünftiges Europa. In diesem Zusammenhang muss ich sagen, die größte Tugend in Europa ist die, das Leiden der anderen zu sehen und zu verstehen. Ich wurde einmal vom französischen Botschafter in der Türkei nach Ankara eingeladen. Er bat mich dann darum, in meiner Rede zwei Wörter nicht zu gebrauchen: Kurden und Armenier. Ich habe geantwortet: „Sie müssen verstehen, Europa ist eine Gemeinschaft, in der jeder von seinen Verbrechen sprechen soll und jeder von den Verbrechen der anderen sprechen darf“.
Das ist für mich essentiell. Im französischen Nantes wurde vor kurzem eine ständige Ausstellung eröffnet, in der gezeigt wird, dass das Wohl der Stadt nur auf dem Sklavenhandel vor 200 bis 300 Jahren basiert. Dieses offene Selbstbekenntnis auch zu einer negativen Vergangenheit sollte es überall in Europa geben. Das würde die Identität Europas stärken. Das würde vielleicht endlich auch dazu führen, dass man das europäische Parlament in Brüssel und Straßburg ernst nimmt. Es ist wichtig, das, was Europa ist, anzuerkennen und die Identität Europas zu fördern, indem man gemeinsame Gesetze akzeptiert. Bei uns in Frankreich hat nur ein Premierminister, Michel Rocard, 1988 alle Verwaltungen aufgefordert, die verschiedenen Weisungen aus Brüssel in der französischen Gesetzgebung umzusetzen. Das geschieht heute überhaupt nicht mehr.
Gibt es heute eine universelle Identität? Die Antwort ist nicht einfach. Ich habe mal in Singapur an der Universität und an einem deutschen Gymnasium unterrichtet. Bei meiner letzten Vorlesung war der Dekan der Universität dabei – eigentlich überwachte er mich. Als ich mit meiner Vorlesung fertig war, meinte er, ich hätte glühend für europäische Werte gesprochen, aber es gäbe glücklicherweise auch asiatische Werte. Ich habe ihn unterbrochen, sehr unhöflich, und gesagt: „Die Freiheit der Studenten zu sprechen und ihre Meinung zu äußern, ist ein weltweiter Wert, nicht nur ein europäischer.“ Die Studenten waren nett genug zu klatschen, obwohl das für sie politisch heikel war.
Ich glaube, wir müssen versuchen, in der Welt selbstbewusst für unsere Werte einzutreten – unter einer Bedingung: Wir müssen diese Werte und Ideale auch selber einhalten und verfolgen. Amerika tut das zum Beispiel nicht, wegen der Todesstrafe. Doch auch in Europa gibt es eine Reihe von Fehlentwicklungen, die uns
diskreditieren. Zum Beispiel werden französische Gefängnisse ununterbrochen gerügt und vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt, doch es geschieht eigentlich nichts. Und einer der Gründe, weswegen ich Israel kritisiere, ist der, dass Israel auch zu unserer Wertewelt gehört und gleichzeitig diese Werte ständig verletzt.
Die Frage ist natürlich, wo kommen diese europäischen Werte her. Ich glaube, die Antwort lautet: Es gibt Gemeinsamkeiten, und die haben sich herausgebildet durch die christliche Tradition, durch die römische und griechische Tradition und durch die Tradition der Aufklärung. Das Schlimme ist, dass christliche Parteien und Kirchen auch in Deutschland so tun, als seien die christlichen Werte immer schon die Werte Europas gewesen. Dann wäre Massenmord ein christlicher und europäischer Wert. Papst Benedikt XVI. bringt es nicht über sich, über die Unbarmherzigkeit der Kirche in der Vergangenheit offen zu sprechen. Ein Beispiel aus Frankreich: Es gab eine Art neuer Sekte in Frankreich, im 13. Jahrhundert gab es einen Kreuzzug gegen sie, dabei wurde die Stadt Béziers ausradiert, ihre 20.000 Einwohner getötet. Der Legat des Papstes schrieb damals an den Papst: „Die Rache Gottes hat Wunder vollbracht. Wir haben sie alle getötet.“ Das ist eben auch ein Teil der Identität des christlichen Europas. Man muss diese negativen Dinge sehen und aussprechen, das ist keine Katastrophe. Man muss natürlich auch sehen, dass die katholische Kirche sich verändert und im Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 gesagt hat, dass jeder frei denken darf und keinem ein Zwang auferlegt werden sollte.
Warum sage ich das? Weil ich als Atheist gut lebe, und zwar in großer Nähe zur katholischen Kirche in Frankreich, die sich zum Guten verändert hat, und weil die laïcité (Laizismus) für mich ein großer Begriff ist, völlig im Sinne eines schönen Textes von Johannes Paul II., den ich ganz zitieren möchte, weil er die Tradition der Aufklärung und die christliche Tradition zusammenführt. Er schreibt in seinem letzten Büchlein „Erinnerung und Identität“: „Die Aufklärung hat nicht nur die Grausamkeiten der französischen Revolution hervorgerufen; sie hatte auch positive Ergebnisse gehabt, wie die Ideen der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit, die auch im Evangelium verwurzelt sind. Die Feststellung, dass dieser Prozess aufklärerischen Ursprungs oft zur Wiederentdeckung der in den Evangelien enthaltenen Wahrheiten geführt hat, ist eine Quelle des Nachdenkens. “ Das heißt, dass gegen die Institution Kirche ein Teil der christlichen Werte gewissermaßen neu entdeckt wurde, der dann auch in den Sozialenzykliken thematisiert wurde. Die Tatsachen, dass ich seit 1955 ständiger Mitarbeiter einer katholischen Tageszeitung bin, dass meine atheistisch betonten Bücher rezensiert werden von einem Erzbischof, zeigen für mich, dass sich die katholische Kirche modernisiert hat, dass sie ein Element liefern könnte für eine europäische Identität. Bei dieser Identität geht es für mich um die Überwindung des Nationalismus, die Überwindung der nationalen Selbstbezogenheit, um die soziale Gerechtigkeit und die Rücksicht auf die Leiden der anderen. Leider ist der Weg dahin schwierig.
Zum Schluss möchte ich doch eine Prognose wagen: Entweder gehen wir unter durch eine neue Teilung Europas – oder vielleicht gelangen wir zu dieser gemeinsamen Identität, was doch, glaube ich, sehr schön wäre.
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