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Themendiskurs : Die Zukunft Europas (1/6)
INHALTSFOLGE
1 Zukunft ( Leggewie)
2 Aufklärung (Neiman
3 Identitàtssuche (Grosser)
4 Anderssein (Strasser)
5 Polyphonie (Taureck)
6 Islam (Amipur)

SWR2 Wissen: Aula - Moralische Stärke - ein neues Zeitalter der Aufklärung , Die Zukunft Europas (2/6)
Moralische Stärke – ein neues Zeitalter der Aufklärung
Autorin: Professor Susan Neiman *
Sprecherin: Anja Brockert
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung: Ostersonntag, 8. April 2012, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

ÜBERBLICK
Welche Rolle spielt Moral künftig in EuropaImmer wenn man sich auf die gute alte Tradition der Aufklärung als sinnstiftendes Element beruft, wird man schnell in die Ecke des konservativen Idealisten geschoben, der auf Werte setzt, die längst keine Rolle mehr spielen. Dabei sind Moral, Humanität, Vernunft essentiell für das Zusammenleben und die Menschlichkeit, sie sind erst recht wichtig, wenn es um ein stetig wachsendes und zusammenwachsendes Europa geht. Professorin Susan Neiman, Philosophin und Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam, zeigt, warum Europa ein neues Zeitalter der Aufklärung braucht.

* Zur Autorin:
Susan Neiman wurde in Atlanta, Georgia (USA) geboren. Sie studierte Philosophie in Harvard und an der Freien Universität in Berlin. Danach lehrte sie Philosophie in Yale und an der Universität in Tel Aviv. Seit 2000 ist sie die Direktorin des Einstein Forums in Potsdam.
Bücher (Auswahl):
- Moralische Klarheit – Leitfaden für erwachsene Idealisten. Verlag Hamburger Edition. 2010.
- Das Böse denken – Eine andere Geschichte der Philosophie. Suhrkamp Taschenbuch. 2006.

***
INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Die Zukunft Europas, Teil 2. Moralische Stärke – ein neues Zeitalter der Aufklärung“.
Im zweiten Teil unserer insgesamt sechsteiligen Europa-Reihe geht es heute um eine Tradition, die für viele längst erledigt zu sein scheint: um die europäische Aufklärung. Wenn man sich auf sie beruft, wenn man die Ethik von Immanuel Kant zitiert, wird man schnall als konservativer Idealist etikettiert. Dabei ist die Aufklärung ein ganz wichtiges Element für ein neues zukünftiges Europa.
Das sagt im folgenden Vortrag Susan Neiman, US-amerikanische Philosophin und Leiterin des Einstein Forums in Berlin. Ihr Text wird von Anja Brockert gelesen.
Susan Neiman:
Wenn es ein Wort gibt, das ein gebildetes europäisches Publikum noch stärker die Augen verdrehen lässt als „Aufklärung“, dann ist das vermutlich das Wort „Europa“. In diesen Tagen die Trommel für beide zu schlagen, könnte selbst einen optimistisch veranlagten Menschen einschüchtern. Tatsächlich gehören beide, die Verteidigung der Aufklärung und das Festhalten an einer Vision von Europa, eng zusammen: Die Aufklärung ist Europas beste Erfindung, und obwohl es gerade den Europäern am wenigsten klar zu sein scheint, hat kein Ort der Welt die Ideale der Aufklärung in einem solchen Maße verwirklicht wie das Europa von heute.
Natürlich war das nicht immer der Fall. Mitte des 18. Jahrhunderts sah es so aus, als wären die Pläne europäischer Philosophen zum Scheitern verurteilt. Zwar umschmeichelte Friedrich der Große Voltaire, doch dann vertrieb er ihn aus Potsdam; Katherina die Große forderte Diderot auf, das russische Bildungswesen zu gestalten, schlug aber alle seine Vorschläge in den Wind. Weder die Polen noch die Korsen hatten Interesse an den Verfassungen, die Rousseau für sie entworfen hatte. Europa schien so stark in ein Geflecht von Hierarchie und Bürokratie verstrickt – Brüssel hat wahrlich kein Monopol darauf –, dass neue Ideen nicht zur Blüte gelangten. Mag Europa die Aufklärung erfunden haben, Amerika war imstande, sie zu verwirklichen. Seit ihren Anfängen galten die Vereinigten Staaten als die fleischgewordene Aufklärung. Europäische Denker spekulierten darüber, ob alle Menschen gleich geschaffen waren, amerikanische Denker schrieben es ins Gesetz.
Was zur Veränderung dieser Beziehungen geführt hat, ist eine lange Geschichte, die ich heute nicht erzählen kann. Denn heutzutage spiegeln europäische Institutionen die Bestrebungen der Aufklärung in einem viel höheren Maß als amerikanische. An harten Fakten gemessen, leben Europäer in Strukturen, die so kantisch sind, wie sie je in der Welt erdacht worden sind. Auch die konservativste europäische Regierung wird an dem sozialdemokratischen Rahmen nichts ändern, der die Kluft zwischen Reich und Arm in Grenzen hält. In Europa gelten Obdach, Gesundheitsfürsorge und Bildung nicht als Vergünstigungen – „benefits“, wie es in Amerika heißt – sondern als Rechte. Wer mehr als einer Arbeit nachgehen muss, um die Grundbedürfnisse seiner Familie zu sichern, wer zwei Wochen Urlaub als erfreuliche Belohnung für jahrelange Aufopferung im Dienst an der Firma erhält,
wird kaum Zeit oder Energie haben, sich über die politischen Einrichtungen seiner Gesellschaft Gedanken zu machen. Durch ihre Kulturförderung und die Bereitstellung der für ihren Genuss nötigen Zeit unterstützen europäische Regierungen nicht bloß Unterhaltungsbedürfnisse und Vergnügungen, sie legen damit vor allem das Fundament für Demokratie.
Auf der anderen Seite des Atlantiks lassen schlechte Ernährung, Obdachlosigkeit, Kinder mit Waffen und ohne Krankenversicherung, steigende Kriminalität und sinkender Lebensstandard große Teile der USA wie den voraufgeklärten Naturzustand von Thomas Hobbes aussehen.
Doch obwohl die institutionellen Strukturen der beiden Kontinente seit dem zweiten Weltkrieg immer mehr auseinanderdriften, sind sich die treibenden Ideen dahinter ziemlich gleich geblieben. Amerikaner glauben an die Träume der Aufklärung und an ihre Fähigkeit, sie umzusetzen, obwohl die Träume in Amerika in immer weitere Ferne rücken; trotz ihrer Leistungen glauben Europäer stets an die grimmigen Kalküle der Realpolitik. Amerikaner mögen dabei sein, einen hobbes’schen Dschungel zu schaffen, aber sie sehen sich selbst im Dienst der Gerechtigkeit. Europäer mögen einen kantischen Garten angelegt haben, sind aber stolz darauf, ihre eigene Leistung herabzusetzen. Sollen wir daraus schließen, dass es beiden Kontinenten einfach an Selbsterkenntnis fehlt?
Was wichtig ist: Seit ihren Anfängen war die Aufklärung eine internationale Bewegung. Vor allem die Vorstellung, dass ein richtiges Urteil aus einer Menge von Perspektiven heraus zu fällen ist, hat die Aufklärung sehr früh inspiriert. Montesquieus Lettres persanes und Voltaires L’ingénu bedienten sich fiktiver Perser und Huronen, um in gespielter Naivität europäische Sitten zu kritisieren. Zwar war Europa die Heimat der Aufklärung, doch viele ihrer Impulse stammten ganz und gar aus Weltgegenden außerhalb Europas. Insbesondere westliche Chinareisende brachten Nachrichten mit nach Hause, die die abendländische Kultur bis ins Mark erschütterten. Mehr als tausend Jahre war Europa von der Vorstellung beherrscht worden, das Christentum sei notwendig für die Moral: Kirche und Staat lehrten, die Gesellschaft versänke in einem endlosen Wirrwarr von Verbrechen und Krieg, wenn da nicht die christlichen Vorstellungen von Sünde und Erlösung, Himmel und Hölle wären. Die Begegnung mit einer Kultur, die sehr viel älter und fortgeschrittener war als die eigene, und die dabei von nichts geleitet wurde, was auch nur annähernd dem Christentum glich, stellte für europäische Regierungen eine Bedrohung dar; für europäische Denker war sie eine Chance. Der Philosoph Christian Wolff erklärte, die chinesischen Sitten ließen sich eher von der Natur als von der Religion leiten und seien den europäischen überlegen. Was bald den Befehl König Friedrich Wilhelms I. nach sich zog, Wolff müsse die Universität Halle und überhaupt preußisches Territorium binnen 48 Stunden verlassen oder er werde gehängt. Der Philosoph verließ Preußen, wurde aber vom Sohn des Königs, Friedrich dem Großen, zurückgerufen, kurz nachdem dieser den Thron bestiegen hatte. Wolffs Ansichten und die Gleichgesinnter breiteten sich dennoch in Europa aus. Voltaire hatte sogar ein Bild des Konfuzius über seinem Schreibtisch hängen.
Für die Aufklärung waren weder Europa noch das Christentum allen anderen überlegen: die Aufklärung war die erste paneuropäische Bewegung, die ernsthaft
daran interessiert war, von anderen Kulturen zu lernen und sie zu verteidigen – oft zu einem nicht geringen Preis, wie Christian Wolffs Erfahrung zeigt. Später wurde diese Haltung als bloß rhetorisch abgetan, indem man darauf verwies, dass aufklärerisches Sendungsbewusstsein zu oft in Kolonialismus und Imperialismus endete. Obwohl die Aufklärung nichts zu tun hatte mit den Soldaten und Seeleuten des 19. Jahrhunderts, die von sich behaupteten, unwissenden Weltgegenden die abendländischen Werte zu bringen, während sie eben diese Werte in der Praxis mit Füßen traten.
Das sind die Einstellungen, die es der politischen Linken zugeneigten Europäern schwer machen, sich hinter die Aufklärung zu stellen, die das stolzeste Erbe des Kontinents sein sollte. In den letzten Jahren ist jedoch noch ein weiteres Phänomen sichtbar geworden. Bis tief in die 80er Jahre war die Linke in Europa und Amerika eine Befürworterin des Universalismus, wohingegen die Rechte gern von Kultur und Tradition sprach. Zum Teil ist es einer fatalen Hinwendung zur Gruppenpolitik seitens der Linken geschuldet, die, um dem Vorwurf des Eurozentrismus zu entgehen, Kultur und Tradition anderer Gruppen hochhielt. Das führte dazu, dass die Sprache des Universalismus, ja selbst der Aufklärung, mittlerweile zu einer Domäne der Rechten geworden ist. Der Zeitpunkt war äußerst verdächtig: Just in dem Moment, als die Türkei sich anschickte, in die EU aufgenommen zu werden, bekannten sich plötzlich christdemokratische Politiker in ganz Europa zu den Ideen der Französischen Revolution, die von ihren Vorvätern verabscheut wurden. Und so wie die Christdemokraten noch rechtzeitig den Feminismus für sich entdeckten, um Muslime aus der EU herauszuhalten, verbreitete sich die Sprache der Aufklärung gerade dann in Amerika, als deutlich wurde, dass keine Ideale hinter dem Krieg im Irak standen, sondern ein groteskes Interessengemenge: Vorherrschaft in der Region, Öl, und vor allem der Versuch, die Aufmerksamkeit von einer Präsidentschaft abzulenken, die sich schon vor dem Krieg als katastrophalste in der Geschichte der USA abgezeichnet hatte. Die demokratische Rhetorik wurde erst dann als Rechtfertigung für den Irakkrieg benutzt, als alle anderen Rechtfertigungsgründe – Massenvernichtungswaffen, Verbindungen zu Al Qaida – als fadenscheinig entlarvt worden waren.
Kein Wunder, dass selbst die Sprache der Aufklärung auf ihrem Heimatkontinent verlorengegangen ist. Sogar die Wörter klingen abgegriffen. Was genau eigentlich Demokratie in einer globalisierten, aus großen Staaten bestehenden Welt bedeutet, das ist eine ernste, immer noch ungelöste Frage. Wir werden sie erst beantworten können, wenn wir uns klarmachen, dass das Wort als Schimpfwort galt, bis Rousseau das griechische Wort Mitte des 18. Jahrhunderts wiederbelebte – was damals ebenso kühn wie gefährlich war. Aus Freiheit wurde Selbstbestimmung, aus Gleichheit wurde Chancengleichheit – Wörter, die so bürokratisch klingen, dass sie uns unweigerlich gähnen lassen. Von Brüderlichkeit wird höchstens noch in der Kirche gesprochen; andernorts würde man das Wort schnell als Kitsch abtun.
Wer heute die Aufklärung verteidigt, wird schnell belehrt, dass Adorno und Horkheimer sie längst erledigt hätten. Übrigens meinte nicht einmal Horkheimer, die Aufklärung sei erledigt, doch es kursieren bis heute mehrere Vorwürfe gegen die Aufklärung. Die wichtigsten lauten:
1) Die Aufklärung glaubt, die Menschheit sei von Natur aus gut und grenzenlos verbesserbar.
2) Die Aufklärung glaubt, jedes Problem mit Hilfe der Vernunft lösen zu können, und lässt keinen Platz für Gefühle.
3) Die Aufklärung hält nichts für heilig und profaniert alles.
4) Wenn sie irgendetwas verehrt, dann die Technik. Doch statt uns den unvermeidlichen Fortschritt zu bescheren, führte die Technik uns geradewegs nach Auschwitz.
Diese Thesen stützen sich auf nicht mehr als ein paar historische Belege, die zudem aus dem Zusammenhang gerissen sind. Es geht hier nicht um Nuancen: Die Aufklärung ist nicht nur komplexer als die Karikaturen, die heute von ihr in Umlauf sind, sie ist ihnen zumeist diametral entgegengesetzt. Wir brauchen nicht einmal Gelehrte, um die Karikaturen in Frage zu stellen: Eine Taschenbuchausgabe von Candide genügt, um zu sehen, dass die wichtigsten Einwände gegen die Aufklärung aus dem Herzen der Aufklärung selbst stammen. Hier wird jedem Leser klar, dass die Aufklärung gegen die Klischees angeht: Sie hielt weder die menschliche Natur für vollkommen noch den Fortschritt für zwangsläufig, weder die Vernunft für unbegrenzt, noch die Wissenschaft für unfehlbar; und sie sah in der Technik nicht die Lösung für alle zukünftigen Probleme. Warum man trotzdem auf den Karikaturen beharrt, ist eine wichtige Frage, auf die ich nicht eingehen kann. Ich möchte vielmehr fragen: Wenn die Aufklärung nicht derart schwache Grundsätze aufstellt, woran liegt ihr dann?
Die Aufklärung verteidigen heißt die Moderne verteidigen – samt ihren Möglichkeiten zur Selbstkritik und Veränderung. Solche Möglichkeiten bieten uns weder ein Rückfall in die vormoderne Nostalgie noch das Achselzucken der Verfechter der Postmoderne. Der Vormoderne nachtrauern, die Postmoderne gähnend begrüßen, die Moderne fortführen: Mir ist keine vierte Möglichkeit bekannt.
Kant war mit Abstand der größte Denker der Aufklärung. Vieles spricht dafür, sein Werk als Quelle fortschrittlicher Politik zu betrachten. Er vermittelt uns einen Vorgeschmack auf internationales Recht, auf die Vereinten Nationen wie auch auf die Sozialdemokratie. Doch keine dieser Ideen ist so bedeutend wie seine Idee von der Idee selbst, denn ohne diese grundlegende Metaphysik lässt sich jede Forderung nach Veränderung als utopische Fantasie abtun. Schon 1793 spießte Kant dieses Klischee auf, nämlich in dem Aufsatz: „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für den Praxis.“ Damit stellt er die Behauptungen der Empiristen auf den Kopf. Er schreibt: Natürlich widerstreiten Vernunftideen den Behauptungen der Erfahrung. Dazu sind Ideen ja da.
Das bedeutet: Ideale sind nicht daran messbar, ob sie der Realität entsprechen; die Realität wird danach beurteilt, inwieweit sie den Idealen gerecht wird. Aufgabe der Vernunft ist es sicherzustellen, dass die Erfahrung nicht das letzte Wort hat – und sie soll uns dazu antreiben, den Horizont unserer Erfahrung zu erweitern, indem sie uns Ideen liefert, denen die Erfahrung gehorchen soll. Wenn viele von uns es tun, wird es auch so sein. Dieser Idealismus verlangt, dass wir unsere Zerrissenheit erkennen: Die Kluft zwischen dem, wie die Dinge sind, und dem, wie sie sein sollen, wird nie ganz verschwinden. Im Gegensatz zu schlichteren Formen
des Idealismus – sei es Kommunismus oder Islamismus – ist Kants Idealismus so erwachsen wie modern.
Inzwischen gibt es etliche Studien über Dschihadisten, die alle in eine Richtung weisen: Die erbittertsten Gegner der westlichen Zivilisation sind selten die Leute, die von den Früchten genau dieser Zivilisation ausgeschlossen wurden. Im Gegenteil, sie sind gebildeter und wohlhabender als die Durchschnittsbürger ihrer Heimatländer. Sie weisen keine Anzeichen psychischer Störungen auf und haben sich auch nicht von religiösen Zaubermärchen verführen lassen. Solche Studien stellen nicht nur die nihilistische Erklärung des Terrorismus in Frage, sondern auch jede materialistische Erklärung, die mit falschem Bewusstsein argumentiert. Wenn nicht purer Nihilismus oder falsches Bewusstsein, was treibt die Dschihadisten dann an? Einen Grund müssen wir bei uns selber suchen: die Unfähigkeit unserer Gesellschaft, die eigenen Werte zu definieren und zu verteidigen. Das ist eine Aufgabe, die heutzutage selbst von den Konservativen nur zögerlich übernommen wird. Eine Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, Menschen das Gefühl zu vermitteln, ihr Leben habe mehr Sinn als nur Spielzeug anzuhäufen, wird letztlich scheitern. Es geht hier um Würde. Wir wollen die Welt bestimmen und nicht nur von ihr bestimmt werden; wir wollen über den Dingen stehen, die wir manchmal zu konsumieren wünschen. Wir werden als Teil der Natur geboren und sterben auch so, am lebendigsten fühlen wir uns, wenn wir über sie hinausgehen.
Was sind denn die Werte der Aufklärung? Toleranz wird meist an erster Stelle genannt, ein schwerwiegender Fehler. Es ist ein Begriff der Resignation, höchstens dazu imstande, bestimmte Fehlentwicklungen in Grenzen zu halten, doch viel zu fade, um irgendetwas zu beflügeln. Man toleriert, was man nicht begrüßt, viel schlimmer noch: das, wogegen man nichts tun kann. Zweifellos ist es besser, den Nachbar zu tolerieren als ihn auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. In einer zunehmend globalen Welt ist Toleranz jedoch ein viel zu schwacher Begriff, um damit unser Leben zu ordnen. An die Stelle der Toleranz würde ich gern den Wert des Internationalismus setzen – einen Wert, der im Zeitalter der Globalisierung auf Resonanz stoßen könnte. Denn gerade der Internationalismus wurzelt, wie schon gesagt, in der Aufklärung. Wenn wir wirklich den Mut haben, zum Internationalismus zu stehen, könnten wir auch den Mut finden, eine Liebe zur eigenen Kultur zu entdecken.
Beide stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern könnten sich ergänzen. Wenn ich für die Kultur des Anderen nicht nur Toleranz, sondern Interesse, ja Begeisterung empfinde, was spricht dagegen, dass ich meine eigene auch schätze? Diese Möglichkeit scheint nicht nur hierzulande gerade für die Linken ausgeschlossen. Meine Kollegen in Holland sind sehr besorgt über den wachsenden populistischen Nationalismus, wie Geert Wilders ihn verkörpert, aber sie wissen gleichzeitig nicht so recht, wie man dem entgegentreten soll. Als ich neulich vorschlug, sie könnten doch Wege finden, den Stolz auf ihre eigenen Traditionen zu fördern, stieß ich auf eine gewisse Befremdung. Dabei haben die Niederländer eine reiche Tradition, die ihnen Selbstbewusstsein verschaffen könnte: angefangen von den frühesten Texten der Aufklärung bis zur Erfindung einer Malerei, die demokratische Tugenden beinhaltet, indem sie das Gewöhnliche mit der Würde und Aura umgibt, die bis dahin aristokratischen Helden vorbehalten war.
Natürlich haben die Niederländer nicht nur Spinoza und Vermeer hervorgebracht, sondern auch Kriege, Kolonialismus und die Art von banalem Krämergeist, für den sich die viele Niederländer heute noch schämen. Erwachsen werden ist jedoch für Nationen ebenso wie für Individuen ein Prozess, in dem es heißt, die Teile des Erbes zu wählen, welche man zurückweisen will und die, welche man sich zu eigen machen möchte. Wenn fortschrittliche Leute sich dem verweigern, wird das Thema Leitkultur völlig von den Rechten gepachtet. Sie haben bekanntlich damit Erfolg.
Wer die Aufklärung verteidigen will, muss robuste Werte aufzeigen. Neben dem Internationalismus konzentriere ich mich auf vier: Glück, Vernunft, Ehrfurcht und Hoffnung. Die Aufklärung forderte ein Recht auf Glück – was nur solange banal erscheint, bis man sich überlegt, wie es vor der Aufklärung um das Glück bestellt war. Vor der Aufklärung war das Glück in der Vergangenheit zu suchen – in einem Urzustand des Paradieses – oder in der Zukunft – in dem fernen Himmel. Leiden war das Tagesgeschäft der Gegenwart. Krankheit und Armut waren Folgen von Sünden und deshalb Teile eines Weltgerichts, in das man sich nicht einzumischen hatte. Aufklärer sein heißt, Ungerechtigkeiten nicht als Strafe zu deuten, sondern als Missstände, die möglichst von Menschenhand bekämpft werden sollen. Wer dagegen glaubt, das Leben sei ein Jammertal, wird sich vermutlich mit Jammern begnügen.
Glück als Recht und nicht als Gnade. Deshalb stellt die Vorstellung, es gebe ein Recht auf Glück, eine Reihe von Forderungen an die Gegenwart. Wer seinen Glücksanspruch daraus bezieht, dass er die Ansprüche anderer ignoriert – sei es der Marquis de Sade oder der Vorstandsvorsitzende von Goldman Sachs – ist ausgeschlossen.
Die Vernunft der Aufklärung ist so aktiv wie das Glück. Der mechanistisch instrumentelle Vernunftbegriff der Rationalisten wurde entschieden abgelehnt; nicht nur, weil er nicht imstande ist, die Welt zu erklären, sondern vielmehr weil er weder frei ist noch Freiheit fördern kann. Denn das ist ihre Aufgabe: Die Vernunft stellt sich nicht, wie die Romantiker klagten, gegen die Natur, sondern gegen die Obrigkeit, die ihre Macht verteidigt, indem sie das Recht auf Denken einer kleinen Elite vorbehält. Die Aufklärer waren sich allemal bewusst, dass die Vernunft auch Grenzen hat; sie waren nur nicht bereit, der Obrigkeit die Festlegung dieser Grenzen zu überlassen. So wird jeder zum Selbstdenken aufgefordert: Jeder Bauer kann es tun, jeder Professor dabei scheitern. Kern der Vernunft ist das Prinzip des zureichenden Grundes, nicht als Feststellung, sondern als Forderung: Die Fähigkeit, Gründe für das Gegebene zu suchen, ist die Grundlage aller wissenschaftlichen Forschung und sozialen Gerechtigkeit. So verstanden wird die Vernunft weder auf Technik beschränkt noch gegen die Leidenschaft ausgespielt. Die Verkörperung des aufgeklärten Vernunftbegriffes ist nicht der regelbesessene Technokrat, sondern Mozarts selbstbewusster Figaro, der sich seines eigenen Verstand gegen die Aristokratie bedient – gerade um seine Leidenschaft zu verwirklichen.
Ehrfurcht gehört auch zu den Werten der Aufklärung, doch warum darauf bestehen, vor allem in Zeiten, wo so viele aufgeklärte Menschen sich von der
Religion abgekehrt haben? Das Unbehagen, dass die modernen westlichen Gesellschaften etwas verleugnen, was wir anerkennen sollten, macht sich nicht nur bei Konservativen breit; subkutan spielt es auch eine Rolle bei manchen, die mit der Partei der Grünen sympathisieren. Die Umwelt hat nicht nur einen Gebrauchswert. Es ist sicherlich der Fall, dass die Klimaveränderung uns große Kosten verursachen wird. Doch wer nur instrumentell argumentiert, verkennt die tieferen Gründe, warum wir die Umwelt schützen sollten. Ehrfurcht umfasst Bewunderung, aber vor allem Dankbarkeit: für das Sein selbst und für die Tatsache, dass man lebt, um es zu erfahren. Man hat Ehrfurcht vor Gott oder der Natur, aber auch vor Idealen der Gerechtigkeit, der Schönheit oder der Wahrheit – alles Bereiche, die unser eigenes Streben letztendlich übersteigen. Ehrfurcht ist ein Wert, der uns im Gleichgewicht hält. Wie Kant es erklärt: der bestirnte Himmel über mir zeigt mir meine Grenzen, so wie das moralische Gesetz in mir meine Macht zeigt.
Der fünfte zentrale Wert der Aufklärung ist die Hoffnung – nicht zu verwechseln mit dem Optimismus, der so deutlich im Candide verworfen wurde. Optimismus ist eine Verkennung der Tatsachen; Hoffnung zielt darauf, Tatsachen zu ändern. Belege dafür, dass uns die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, angeboren ist, liefern inzwischen Disziplinen wie die Primatenforschung, aber auch die Kinderpsychologie und die Neurowissenschaften. Wir haben das Zeug dazu, uns anständig zu verhalten. Dass wir auch Unheil anrichten können, steht in jeder Zeitung. Unsere Vorstellungen vom Naturzustand der Menschen sind nicht naturwissenschaftliche Theorien, sondern Werkzeuge, mit denen wir die Zukunft gestalten. An welcher Zukunft wollen wir arbeiten?
Wenn die Fähigkeit zum Guten so deutlich ist wie die Fähigkeit zum Bösen, warum zieht uns dann letztere mehr an? Pessimismus ist Mode. Heute sind auch Menschen, die zum sogenannten fortschrittlichen politischen Lager gehören, kaum bereit, das Wort Fortschritt in den Mund zu nehmen – jedenfalls nicht ohne Gänsefüßchen. Kurioserweise ist der Begriff von Fortschritt, der in vielen Köpfen herumspukt, von den Neoliberalen übernommen. Für die ist Fortschritt uneingeschränktes ökonomisches und technologisches Wachstum. Doch der Aufklärung ging es um moralischen Fortschritt. Wirtschaftliches und technisches Wachstum können als Mittel zu Bekämpfung von Armut und Krankheit dazu beitragen, galten aber nie als Ziele an sich. Dass angeblicher Fortschritt nicht immer echten Fortschritt brachte, ist unbestreitbar, aber kein Argument dafür, dass Fortschritt unmöglich ist. Die moralischen Fortschritte, die die Aufklärung brachte, sind offensichtlich: von der Abschaffung der Folter und der Sklaverei bis hin zur Einführung der Ideen von Bürger- und Menschenrechten. Und die Tatsache, dass es heute möglich ist, Menschenrechte zu verletzen und die Folter wieder einzuführen, beweist nur eins: Fortschritt ist nicht unvermeidlich, sondern liegt in Menschenhänden. Warum wehren wir uns dagegen?
Erstaunlicherweise halten viele der überzeugten Atheisten am übelsten Merkmal des Christentums fest: an der Lehre von der Erbsünde. Die Lehre von der Erbsünde liefert uns einen Grund für alles Böse, das uns widerfährt; so ergibt es wenigstens Sinn. Unsere Neigung, das Schlimmste von der menschlichen Natur anzunehmen, wurzelt also nicht in der Wissenschaft, sondern im Glauben. Ohne Zweifel ist das eine Art von Selbstschutz: Idealisten werden ihr Leben lang
enttäuscht werden, Pessimisten dagegen nur erfreulich überrascht. Idealisten wird Bequemlichkeit und Schönfärberei vorgeworfen, in Wahrheit ist die Haltung alles andere als leicht. Die Trägheit der selbsternannten Realisten lässt den Verdacht aufkommen, dass sie es eigentlich sind, die auf Bequemlichkeit abzielen.
Ich neige selber nicht zum Pessimismus, stelle aber immer wieder zwei schlechte Charakterzüge an uns fest: Wir sind verdammt undankbar und wir haben kein Gedächtnis. Historisch gesehen ist die Europäische Union ein Wunder, wurde aber kaum als Wunder gefeiert. Zu den Feierlichkeiten anlässlich des 50. Jahrestages der Römischen Verträge fand sich in der offiziellen Pressemitteilung ein Informationsangebot, das anscheinend versuchte, Begeisterung für die EU zu wecken mit Fragen wie: „Was bedeutet Europa für meinen Arbeitsplatz?“, „Welche Vorteile bringt mir die EU?“. Dann wurde ein Katalog aufgeführt, der zeigt, welche Vorteile die EU den Bürgern bringen soll. Offensichtlich sehen unsere Politiker das ähnlich, denn sie schicken die Kollegen, die sie loswerden wollen, nach Brüssel. – Aber mal im Ernst: Solche Fragen führen uns nirgendwo hin. Wenn man etwas für sein Land oder seinen Kontinent tun möchte, dann muss man natürlich glauben, dass es oder er für mehr steht als für eine Ansammlung von Interessen, beispielsweise für eine Errungenschaft, die auf bestimmten Idealen basiert. Auf das Wunder von Europa zu verweisen heißt eben nicht, zufrieden zu sein mit der faden Bürokratie in Brüssel, es heißt, darauf aufmerksam zu machen, was aus der Idee Europa in Zukunft werden könnte.
In der Tat zweifeln die meisten Europäer daran, dass Europa wirklich existiert, denn für sie ist dieses Europa nichts weiter als eine reichlich unbestimmte (!) geographische Einheit und eine Reihe von Wirtschaftsabkommen. Doch fragen Sie mal einen Afrikaner, Asiaten oder Amerikaner, ob Europa existiert, und Sie werden schallendes Gelächter hören. Nun weiß ich sehr wohl, dass Europa nicht Amerika ist – und nicht Kanada, Indien oder die Türkei, das alles sind Vielvölkerstaaten, die erfolgreich Wege gefunden haben, mit der eigenen Vielfalt zu leben. Während Europa eifrig debattiert, ob es als ein Ganzes existiert oder nicht, befindet sich die übrige Welt auf der Suche nach Vorbildern – die Europa schon bieten könnte, wenn es sich endlich von Trägheit und Selbstzweifeln befreit, wenn es sich auf die Werte der Aufklärung beruft.
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