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Themendiskurs : Die Zukunft Europas (1/6)
INHALTSFOLGE
1 Zukunft ( Leggewie)
2 Aufklärung (Neiman
3 Identitàtssuche (Grosser)
4 Anderssein (Strasser)
5 Polyphonie (Taureck)
6 6 Islam (Amipur)

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SWR2 Wissen: Aula - Claus Leggewie: Europa und die Welt da draußen . Die Zukunft Europas (1/6)
Autor: Professor Claus Leggewie *
Sprecher: Ralf Caspary
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Karfreitag, 6. April 2012, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

*Zum Autor:
Claus Leggewie ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und Professor für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er hat das Zentrum für Medien und Interaktivität der Justus-Liebig-Universität Gießen mitbegründet und lehrte an der New York University und der Université Paris-Nanterre.
Internet: www.leggewie.de
Bücher (Auswahl):
- Mut statt Wut: Aufbruch in eine neue Demokratie. Edition Körber Stiftung. Oktober 2011.
- (zus. mit Harald Welzer) Das Ende der Welt wie wir sie kannten: Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie. Fischer Taschenbuch. Februar 2011.
- Der Kampf um die europäische Erinnerung: Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Beck-Verlag. Februar 2011.

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SWR2 Wissen: Aula - Claus Leggewie: Europa und die Welt da draußen . Die Zukunft Europas (1/6)
Weitere Sendetermine der Reihe „Die Zukunft Europas“:
*08.04.2012 Moralische Stärke – ein neues Zeitalter der Aufklärung.
Von Susan Neiman
*09.04.2012 Sinnstiftung erwünscht – die Suche nach Identität
Von Alfred Grosser
*15.04.2012 Mehr Transparenz und Demokratie von unten – das Europa der Bürger
Von Hermann Schmitt
*22.04.2012 Die Idee der Polyphonie – welches Europa wollen die Europäer?
Von Bernhard H. F. Taureck
*29.04.2012 Muslime erwünscht – Europa und der Islam
Von Katajun Amirpur

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ÜBERBLICK
Kugel mit Flaggen unterschiedlicher LänderDie Europäer sind Weltmeister in der Nabelschau, ewig auf der Suche nach der europäischen Identität, ewig auf der Suche nach dem Stoff, der Europa zusammenhalten könnte. Selten wird darüber reflektiert, wie Europa aus nichteuropäischer Sicht wahrgenommen wird: als Schutzgemeinschaft, als Bollwerk gegen alle politischen und religiösen Einflüsse, die anscheinend nicht dazugehören? Professor Claus Leggewie, Leiter des Kulturwissenschaftlichen Zentrums in Essen, zeigt, warum sich Europa in Zukunft mit der "Welt da draußen" besser vernetzen muss.

INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Die Zukunft Europas – Europa von innen und außen gesehen“.
Wir beginnen heute in der Aula eine sechsteilige Europa-Reihe, in der es immer wieder um folgende Fragen geht: Wie sieht ein zukünftiges Europa aus? Auf welchen Werten, auf welchen politischen Strukturen basiert es? Wie sieht die zukünftige kulturelle Identität aus, welche Rolle spielt das Christentum, welche der Islam?
Den Auftakt macht heute Professor Claus Leggewie, Politikwissenschaftler und Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen. Er zeigt im Folgenden, erstens, wie sich ein zukünftiges Europa innerhalb der Weltgemeinschaft positionieren kann, zweitens, wie dieses Europa von innen heraus Profil gewinnen könnte.
Claus Leggewie:
Dass man Europäer ist, fällt einem meistens erst in einem fremden Erdteil ein – von Ferne verschwimmen die in Europa so gepflegten nationalen Unterschiede und Lokalpatriotismen und man realisiert, wie weltfremd unsere Nabelschau global wirkt. Weltpolitisch erscheint die Europäische Union höchstens als eine Mittelmacht. Demografisch schrumpft sie bis 2050 auf eine Restgröße, und ökonomisch glänzen die Boliden China, Indien, Brasilien und so weiter. Selbst die Türkei wächst schneller als der Binnenmarkt, dem sie eben noch beitreten sollte und wollte – jetzt hat sie andere, orientalische und neu-osmanische Optionen und Ambitionen. In den USA sterben die allerletzten Atlantiker aus, Russland und Zentralasien entfremden und distanzieren sich immer mehr. Europa, von wo vor 500 Jahren die ökonomische, kulturelle und politische Globalisierung ausging, scheint seinem damals geprägten Namen von der „Alten Welt“ alle Ehre machen zu wollen.
So euroskeptisch reden jetzt viele, aber hält dieses weinerliche Bild der unaufhaltsamen Dekadenz einer genaueren Prüfung stand? Europa mag seine demografische Wende hinter sich haben, die anderen Kontinenten noch bevorsteht, aber für Einwanderer und Besucher ist es weiterhin eine hochattraktive Destination, auch wenn wir Fremde durch hohe Festungsmauern, demonstrative Gastfeindlichkeit und gelegentlichen Terror abschrecken. Der Euro mag in Turbulenzen geraten sein, aber er bleibt nach außen relativ hart und der europäische Binnenmarkt und Sozialstaat stehen solider da als die Kartenhäuser der US-Ökonomie und der volksdemokratische Supermann, der seine nachholende Entwicklung mit autoritären Methoden gegen die breite Bevölkerung durchzieht und auf Menschen und Umwelt keine Rücksicht nimmt. Und man möge bedenken, dass die chinesische Volkswirtschaft mit ihren bisweilen zweistelligen Raten auf niedrigem Ausgangsniveau faktisch nur so stark wächst wie die deutsche Ökonomie mit einem Prozent. Wobei das berühmte BIP als Standortbestimmung einer Gesellschaft ohnehin wenig aussagt. Auch Nachzügler wie Brasilien und Indien verlieren bei genauerem Hinsehen an Glanz, scharfe Ungleichheiten, Gewaltverhältnisse und Korruption schimmern durch. Der postkoloniale Selbstzweifel relativiert sich, das durch zwei Weltkriege gegangene und aus eigenem Unvermögen entmachtete Europa könnte selbstbewusster auf seine Errungenschaften und Potenziale schauen.
Bleibt zu erwähnen, dass diese halbwegs positive Bilanz weder in Europa anerkannt noch in der Weltgesellschaft honoriert wird. Drinnen redet man gerne verächtlich von „Brüssel“ – man schneide das Thema nur mal bei einem Abendessen mit Freunden an oder in einem Seminar mit jungen Studierenden oder auf einem Panel mit weißhaarigen Experten. Auch draußen spekuliert man munter auf Euro-Baisse und begleicht alte Rechnungen. Das Vereinigte Königreich stößt sich eben kräftig vom Kontinent ab, Putins Russland geriert sich wie der Ostblock unseligen Angedenkens, die von ihm geduldete Opposition aus Kommunisten und Nationalisten ist noch schlimmer. Ohne verschwörungstheoretisch werden zu wollen, darf man behaupten, dass manche Akteure auf den Finanzmärkten einen regelrechten Wirtschaftskrieg gegen die EU geführt haben und führen.
Sie machen, wie ich nun näher begründen möchte, einen großen Fehler und werden ihn revidieren, wenn sich aus der aktuellen Krise in absehbarer Zeit die Vereinigten Staaten von Europa herausschälen. Dass dies geschehen kann, ist freilich nur ein Szenario, es gibt weder eine Garantie für einen Ausweg aus der aktuellen Krise noch eine Lebensversicherung für den Bestand der Europäischen Union. Aber die Möglichkeit besteht, dass sie Bestand hat und auf ihre Weise erfolgreicher wird, und dieses Konzept muss man ohne utopischen Überschwang verfolgen. Die Fähigkeiten Europas ergeben sich nicht aus der Darlegung der relativen Schwäche anderer Mächte – der Niedergang der alten Supermächte, der zunehmenden Zerbrechlichkeit des chinesischen Aufschwungs, der Hypotheken, die auf wirtschaftlich wachsenden, aber innerlich zerrissenen und von außen bedrohten Schwellenländern liegt. Europa wird nur scheinbar besser, wenn wir sein Führungspersonal nur vergleichen mit der russischen Oligarchie, den chinesischen KP-Geronten, mit der Theokratie der Mullahs, oder einem jesusfanatischen Präsidenten im WeißenHaus. Unsere Potenziale entfalten sich allein aus dem Gefühl der Selbstwirksamkeit, das die Europäer an den Tag legen und sich gegenseitig bescheinigen – ja, wir sind nicht machtlos und ja, wir können es schaffen, Europa zu neuer Blüte zu führen und in einer aus den Fugen geratenen Welt den Ton an- und die Richtung vorzugeben.
Worin also können europäische Besonderheiten und Qualitäten liegen? Historisch war dies unsere kulturelle Vielfalt auf kleinstem Raum. Sie gestattete eine rasante wirtschaftliche Modernisierung, relative soziale Gleichheit, die wiederum elaborierten Formen liberaler Demokratie Raum gab und nicht zuletzt dem Rechtsstaat – und dies alles in einer erstaunlichen Differenziertheit und Situationsangemessenheit. Getragen wurden diese Entwicklungen von einem selbstbewussten Stadtbürgertum, einer durch staatliche Bildung geförderten humanistischen und technisch-wissenschaftlichen Intelligenz und durch eine zunehmend sozial und politisch anerkannte Arbeiterbewegung, die in ihrer Mehrheit von der fundamentalen Ablehnung der kapitalistischen Wirtschaftsweise zur Bändigung und höheren Sozialverträglichkeit der Märkte überging.
Auf dieser Grundlage konnte das 19. Jahrhundert ein europäisches werden; Europas Errungenschaften, die sich ja immer aus außereuropäischen, namentlich orientalischen Wurzeln, Transfers und Übernahmen gespeist hatten, wurden in alle Welt exportiert. Genau dabei geschah der erste Sündenfall eines brutalen, auf Eroberung und Ausbeutung zielenden Kolonialsystems mit rassistischem Anstrich, dessen Gewaltsamkeit auf Europa zurückschlug; und nach dem mörderischen Showdown der europäischen Nationalismen war die Position Europas in der Welt
moralisch kompromittiert und politisch nachhaltig geschwächt. Europa war bekanntlich Ausgangspunkt gleich zweier totalitärer Diktaturen, die grässliche Lagersysteme erfanden und in ihrem Rassewahn respektive Klassenhass jeden Respekt vor der Menschenwürde verloren.
Das neue Rom hieß dann Washington, Amerika, damals noch eine in vieler Hinsicht europäische Macht, verkörperte und sammelte den Westen, die Alte Welt wurde geteilt und degradiert. Der Kommunismus Moskauer Spielart vermochte auch im Westen bis in die 1970er Jahre zu faszinieren. Als mögliches Schlachtfeld einer nuklearen Katastrophe war Europa dann eingezwängt in die Systemkonkurrenz des Ost-West-Konflikts und beherrscht von seinen einstigen Dependancen und Satelliten. Der endgültige Niedergang war das aber nicht. Unter der Ägide der Vereinigten Staaten und als Gegengewicht zur Sowjetunion bekam der westliche Teil Europas die Chance zu einer originellen und zukunftsträchtigen supranationalen Verbindung, die mehr ist als ein lockerer Staatenbund, aber noch kein regelrechter Bundesstaat, aber im globalen Maßstab die avancierteste Überwindung nationalstaatlicher Engstirnigkeit. Das ist im Kern gemeint, wenn Politiker heute vom europäischen Friedensprojekt schwärmen und Jüngeren fast drohend vorhalten, sie würden sich nicht genug dafür einsetzen.
1990 kam zu guter Letzt die kaum noch erhoffte Chance, um die deutsche Mittelachse herum die europäische Wiedervereinigung voranzutreiben und Europa – das war noch der Kerngedanke des Lissabon-Vertrags von 2007 – als globalen Spieler nicht nur wirtschaftlich zu rehabilitieren, sondern in einer multipolar gewordenen Welt auch zu einer Großmacht neuen Typs auszugestalten. Die Europäische Union sollte sich erweitern, was mit dem Zuwachs auf 27 Mitgliedsstaaten fast überstürzt geschah. Und sie sollte sich zugleich vertiefen, was bekanntlich nur bruchstückhaft gelang. Der Durchbruch zu einem Bundesstaat neuen Typs, zu einer flexiblen Staatlichkeit über die Grenzen hinweg ist vorerst gescheitert, und im aktuellen Krisenmanagement des deutsch-französischen Direktoriums enthüllt sich ein eklatantes Demokratiedefizit.
Doch während Populisten und Etatisten gegen die weitere Abgabe von Souveränität Sturm laufen, müsste eben diese Krise der Staatsfinanzen, beginnend mit dem Fiskalpakt, aber weit darüber hinaus, nun die nächste Stufe der Vergemeinschaftung auslösen. Und wir in Europa müssten zur Formierung eines transnationalen Demos voranschreiten, der unsere sprachliche und kulturelle Vielfalt nicht zerstört und unsere regionale Diversität nicht mindert, aber die Union zum Bezugsrahmen und Fluchtpunkt unserer politischen Identität erhebt. Was fehlt dazu?
Der beste Weg besteht darin, Millionen Menschen mit Migrationshintergrund einzubeziehen. Warum erscheint vielen Europäern dieses Projekt so unwahrscheinlich oder unpassend? Warum leugnen wir die unverkennbare Konvergenz zu einer europäischen Gesellschaft – man vergleiche nur die Sozialstrukturen Polens, Frankreichs und Deutschlands 1950 mit denen von heute – und warum klammern wir uns an nationale und subnationale Provinzen, misstrauen supranationalem Regieren und verlassen uns lieber auf nationale Regierungen, denen doch von den Märkten jeden Tag neu die Grenzen ihrer Steuerungsfähigkeit klar gemacht werden? Warum schanzen die europäischen Regierungen internationalen Banken Geld zu und zerstören gleichzeitig mit kaltblütiger Austerität
das Vertrauen der südlichen Peripherie in die europäische Union? Warum bastelt jedes Land an seiner Industrie- und Energieinfrastruktur herum, die Deutschen mit erneuerbaren Energien, die Alpenrepubliken mit Wasserkraftwerken und Bioenergie, die Norweger und Engländer mit Erdgas und Franzosen und Polen mit neuen AKWs, statt dass alle gemeinsam ein grenzüberschreitendes Netzwerk bauen? Warum reden Europäer bei allen wichtigen weltpolitischen Agenden und Konflikten der letzten Jahrzehnte, vom Jugoslawienkrieg bis zur Libyen-Intervention, in gespaltenen Zungen?
Das sind nur einige der großen Aber, die der Möglichkeit einer wirklichen Europäischen Union entgegenstehen. Offenbar reichen die Erinnerungen an die großen kriegerischen Konflikte der Nationen im Ersten und Zweiten Weltkrieg nicht, um Europa auf einen gemeinsamen Kurs zu bringen. Offenbar verfängt auch die Beschwörung des Friedensprojektes bei jüngeren Europäern nicht, die es gewohnt sind, mit Interrail vom Nordkap bis Gibraltar oder an die Akropolis zu reisen, ohne groß Pässe vorzeigen und Geld tauschen zu müssen. Ein neues Vorhaben ist dringend gesucht, ein europäisches Friedens- und Entwicklungsprojekt, das auch den Jüngeren Vorteile bietet und vor allem ihre dauerhafte Sympathie und Teilhabe gewinnt. Mit billigeren Roaming-Tarifen für die mobile Kommunikation allein wird das nicht zu machen sein.
Zur Erinnerung: Das Projekt der Europäischen Gemeinschaft begann in den 1950er Jahren mit der Montanunion und Euratom. Es war also wirtschaftsgetrieben, aber keine Integration über den Binnenmarkt allein. Das neue Projekt der Vereinigten Staaten von Europa darf kein etatistisches sein, das mit der Verschweißung staatsadministrativer Strukturen eine europäische Macht zu generieren versucht. Es kann auch nicht auf mehr Wachstum, mehr Markt, mehr Wohlstand allein beruhen. Das Vorhaben einer europäischen Union höherer Stufe ist umfassender, es hat eine demokratische, eine kulturelle und eine ökologische Dimension.
Beginnen wir, gut ein Jahr nach Fukushima und nach Preisrekorden bei Erdöl und anderen Rohstoffen, mit der Ökologie. Dass die fossil-nukleare Epoche vorüber ist, vorüber sein muss, ist heute (außer bei beinharten Interessenvertretern des altindustriellen Komplexes) Gemeingut geworden, doch der Einstieg der deutschen Regierung in die „Energiewende“ ist auch in Europa bisher ein Alleingang, jedenfalls Stückwerk geblieben. Die „Realisten“ aller Lager haben sich gefangen, die Volkswirtschaften finden in die Spur alter Pfadabhängigkeiten zurück. Das ist nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich fatal. Würde die industrie- und energiepolitische Reaktion obsiegen, wäre der Niedergang der europäischen Industriestandorte besiegelt, denn ernsthaft kann niemand glauben, die aktuelle Scheinblüte der Auto-, Chemie- und Flughafen-Standorte könne den globalen Konkurrenzdruck und die Folgen der Rohstoffkrisen überdauern. Europäische Wirtschaftsstärke hängt heute von der Konvergenz ökonomischer mit ökologischen Zukunftsinteressen ab. Nur als umfassend grüne und faire Ökonomie kann Europa auf dem Weltmarkt eine führende Rolle spielen und den Erfordernissen globaler Gerechtigkeit Genüge tun.
Man sieht daran, welche Verantwortung die deutsche Regierung mit der Ankündigung der Energiewende auf sich genommen hat. Sie hat ihre Umsetzung bisher halbherzig angegangen, die europäischen Partner nicht hinreichend
konsultiert, einbezogen, unterstützt. Nur als EU-Projekt aber kann die Wende gelingen. Und die Europäer beginnen damit am besten in ihrer unmittelbaren südlichen Peripherie, wo Solar-, Bio- und Windenergie im Überfluss zu generieren und in ein smartes, Europa überspannendes und verbindendes Netz einzuspeisen wären. Damit würde nicht nur dem Klimaschutz Tribut gezollt und Abhängigkeiten von den Erdgas- und Erdöllieferanten gemindert, wichtiger ist, dass die nordafrikanischen Demokratien mit erneuerbaren Energien eine Entwicklungsperspektive nach den Öl-Despotien bekommen und der durch ethnische Konflikte zurückgeworfene Westbalkan an die Standorte der Solarindustrien in Griechenland und der Türkei anzuschließen wäre. Wäre, hätte, könnte – das mag vernünftig sein, ist aber weit von dem entfernt, was Europa und seine Anrainer derzeit zu leisten bereit sind.
Die konkrete Utopie einer neuen Energieunion hochzuhalten ist gleichwohl richtig. Neue Energien bekäme Europa nicht nur in technisch-ökonomischer Hinsicht, denn die Wechselwirkung zwischen Produktionsweise, politischem Regime und Frieden in der Region liegt auf der Hand. Negativ kann man sie am Gasscheichtum Putins ebenso illustrieren wie an den Petrokratien von Algerien bis Iran, ebenso an den Touristenparadiesen von Portugal bis Griechenland, wo Oligarchen Renteneinkünfte abschöpfen und den Sonnenländern kaum eine andere Perspektive eröffnen konnten als die Verschuldung und Verarmung der Massen. Es lässt sich empirisch nachweisen, dass Petro- genau wie Nuklearregime die Spielräume für Zivilgesellschaft und Demokratie einengen; deswegen müsste die EU sich in Nordafrika genau wie im Südosten der EU bemühen, zusammen mit ökologischer Entwicklungszusammenarbeit auch die demokratischen Kräfte zu stärken.
Hier muss sich, ein gewichtiger Einwand, die Europäische Union in ihrer gegenwärtigen Verfassung fragen lassen, ob sie dafür die erforderliche Macht und Autorität besitzt. Ihr Ansehen drinnen wie draußen spricht – wie gesagt – nicht gerade dafür, aber erneut widerspreche ich entschieden Kassandrarufern: Europa bietet am ehesten eine zugleich system-konforme wie systemergänzende Alternative zum Auslaufmodell der von Kasinogeschäften getriebenen Globalisierung. Europa gebiert immer noch neue Kandidaten für Beitritte und privilegierte Partnerschaften, es kann am ehesten die Blaupause für eine nachhaltige Weltwirtschaft nach der Illusion dauernden Wachstums liefern.
Dafür gibt es, nochmals, keine Garantie, kein geschichtsphilosophisches Endziel, und wichtiger noch: Es fehlt vor allem an demokratischer Legitimation. Wenn die EU, als eher organisatorisches Vorspiel zu den Vereinigten Staaten von Europa, die Europäer in Volksabstimmungen befragen würde, was sie von dieser Delegation an Brüssel halten würden, dann bliebe wohl nur ein Scherbenhaufen, Populisten und Etatisten aller Couleur würden dem europäischen Kosmopolitismus einen Strich durch die Rechnung machen – und zwar, wenn auch aus falschen Gründen, zu Recht, weil dieser Kosmopolitismus eine Kopfgeburt ist und nicht von unten bestätigt, geformt, gelebt wird. Die Festigung des äußeren Ansehens und die Rückgewinnung globaler Interventions- und Steuerungsfähigkeiten hängen mit anderen Worten eng zusammen: Die Welt glaubt Europa seine Prätention nicht, so lange es keine supranationale Demokratie gibt. Und diese entfaltet sich wiederum nur als Netzwerk lokaler und regionaler Beteiligungsarenen einer Bürgergesellschaft auf, die mehr als bisher an der europäischen Agenda Interesse zeigt und mitwirkt.
So wenig ausgemacht ist, dass die aktuelle Krise einen positiven Ausgang findet, so sehr gehört die Selbstbeschreibung Europas als in einer Krise befindlich zur Semantik des alten wie neuen Europa. Das hat selbstwiderlegende Züge, zeigt aber auch hohes Problembewusstsein von der Fragilität politischen Handels an, das man im Triumphalismus der Volksrepublik China oder Brasiliens vermisst. Der Zeithistoriker Andreas Wirsching hat diese Dialektik kürzlich auf die kurze Formel gebracht: Die Krise Europas besteht – in seinem Zusammenwachsen. Anders gesagt: Mehr Europa ist auf diesem Pfad die Antwort auf jede drohende Desintegration.
Das muss nicht ewig gutgehen, aber es deutet auf die dritte Dimension von Europäizität hin: die kulturelle Ebene der Integration, die meistens vernachlässigt oder ignoriert wird. Sie ist mehr als die sogenannte Hochkultur der Museen, Opern-, Schauspiel- und Literaturhäuser, mehr als Festivals und Biennalen, als Ballettaufführungen und Buchmessen. Allerdings sind auch solche kulturellen Institutionen und Ereignisse in dieser Dichte auf keinem anderen Kontinent zu haben. Kultur erschöpft sich auch nicht allein in der Kreativwirtschaft, etwa in Design, Film und Fernsehen, Mode, Computerspielen, Werbung und dergleichen Branchen, die mittlerweile nicht nur in Europa die Automobil- und Chemieindustrien übertrumpfen und die alte Arbeitsgesellschaft in den Schatten gestellt haben. Die europäischen Kulturen sind noch nicht ganz aufgegangen in den Standards der vor allem US-amerikanischen Massen- und Konsumkultur, zu deren globaler Ausbreitung sie spezielle Geschmäcker, Marken und Lebensweisen beitragen. Gastarbeiter haben seit Jahrzehnten diese kulturelle Vielfalt erhöht, und immer mehr Europäer haben unterdessen einen außer-europäischen Hintergrund, womit die ohnehin hohe sprachliche und religiöse Diversität der Alten Welt noch einmal gewachsen ist.
Europa erscheint und fasziniert in der Welt durch seine Technologien, durch seine Wirtschaftskraft, auch durch seinen Wohlfahrtsstaat, auch wenn dessen Performanz in den letzten Jahrzehnten schwer gelitten hat. Erkennbar wird Europa aber vor allem durch seine kulturellen Eigenheiten und Symbole. Und genau hier müssen wir einen weiten Begriff von Kultur zugrunde legen, der die städtische Interkultur ins Zentrum rückt, deren Ideen-Reichtum einmal die wichtigste Ressource für Europas bessere Seiten gewesen ist. Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Jonah Lehrer hat in seinem jüngsten Buch „Imagine. Woher Kreativität kommt“ die Stärke urbaner Agglomerationen hervorgehoben. Ihre Produktivität rühre daher, dass die Menschen in der Stadt Erfahrungen ausgesetzt sind, die sie nicht erwarten und über die sie sich mit anderen, mit Fremden nämlich, austauschen müssen. Ideengeber seit Leonardo, Erasmus und Shakespeare mögen individuelle Genies gewesen sein, entfaltet haben sie ihre außergewöhnlichen Talente in einer europäischen Kultur, die neue Ideen prämierte, auf Allgemeinbildung setzte und Erfindungen keine Hindernisse in den Weg legte. Viele andere Kulturen der Welt leiden daran, dass sie ideenreiche Individuen in das Zwangskorsett engstirniger Ideologien und verengter Gläubigkeit pressen und freien Meinungsaustausch fürchten. Damit ist gerade nichts gegen die Menschen und Ideen nicht-europäischer Herkunft gesagt, sondern über Ideologien und Institutionen, die ihre Entfaltung behindern. Einwanderung aus den jungen Gesellschaften des globalen Südens ist heute eine elementare Voraussetzung für die Erhaltung von Kreativität in den alternden europäischen Gesellschaften. Denn eine andere Voraussetzung von Ideenreichtum ist die Präsenz junger Menschen, die aus
Unkenntnis und Unbefangenheit genau die „dummen Fragen“ stellen, die uns von den bekannten Pfaden entfernen und auf neue Gedanken bringen. Europas Stärke beruhte mit anderen Worten nicht allein auf der Vielzahl seiner Ingenieure und Bankiers, der Kaufleute und Anwälte, sondern auf der Anwesenheit seiner Tagträumer und Außenseiter.
Dass man in Europa ist, erkennt man dann nicht nur von außen, wenn die Differenzen ins Auge springen, sondern gerade auch an seinen eigenen Nischen und Randzonen. Eine solche Nische ist beispielsweise der Vinschgau in Südtirol, ein abgelegenes, auch vom Massentourismus umfahrenes Seitental im überwiegend deutschsprachigen Dreieck zwischen Österreich, der Schweiz und dem restlichen Italien. Zwei Merkmale Europas sind mir dort jüngst aufgefallen: erstens die Raffinesse der dortigen Landwirte, Winzer und Handwerker, die eine jahrhundertealte Tradition, eine durch Wohlstand ermöglichte Diversifizierung und ein exorbitantes Verständnis für die sie umgebende Natur und Landschaft verbinden. Der Vinschgau ist alles andere als eine Idylle: Es fehlt dort zunehmend an Wasser für den Anbau von Äpfeln und Wein, was sich durch den Klimawandel noch verschärfen könnte, die Einheimischen altern und die Besucher könnten einmal ausbleiben oder den Anschluss an den Eventtourismus fordern. Und in ganz Südtirol sind die alten Spannungen zwischen den Volksgruppen, Deutschsprachige, Italiener und Ladiner, nicht überwunden, im Gegenteil: Arbeits- und Heiratsmärkte bleiben apart, auch in den Kindergärten und Schulen begegnen sich die Jungen zu wenig. Bisher saßen alle Bewohner der autonomen Provinz, die neun von zehn Steuereuros für sich behalten darf, in einem Fahrstuhl nach oben, womit die ethnischen und sozialen Gegensätze bestehen blieben. Fragt man Vertreter der dortigen Zivilgesellschaft, wie es weitergehen soll, wenn das bankrotte Italien seinen Obulus von den reichen Nordprovinzen fordern wird, dann herrscht ziemliche Ratlosigkeit. Drei Szenarien bilden sich ab: Radikale Wohlstandschauvinisten fordern „Los von Rom!“, also Vollautonomie, wenn nicht gar den Anschluss an Österreich oder Bayern, als läge dort die Zukunft. Gegen diese Panik des „Rette sich wer kann“ erwägen andere eine Art Übersprungreaktion, den großen Sprung nach vorn in die Weltspitze der globalen Spieler, mit weltmarktorientierten High-Tech-Unternehmen, Spitzenunis, Spielorten für die kreative Klasse und Premium Tourismus mit den entsprechenden Kulturangeboten. Dieses Vabanque-Spiel würde viele zurücklassen und die ohnehin gewachsene Ungleichheit zuspitzen. Gibt es eine dritte Möglichkeit? Vielleicht ja, wenn sich die Südtiroler in ihrer großen Mehrheit dazu durchringen könnten, das gegenwärtige Wohlstandsniveau für ausreichend zu halten und mittelfristig eventuell sogar darunter zu bleiben, wenn sie dafür stärker ihre kulturelle Diversität nutzen und sich auf ihre alten Stärken besinnen können. Dieses „Weniger ist mehr“ stößt in der Region sehr wohl auf Zustimmung. Am ehesten würde diese Postwachstumsstrategie wohl zum Erfolg führen, wenn sich Bozen und seine Seitentäler mit anderen Regionalzentren in Vorarlberg und Tirol, in den italienischen Nachbarprovinzen, in den Schweizer Nachbarkantonen verbünden würde und, warum nicht, Allianzen auch im weiteren Umkreis der süddeutschen Bundesländer und der entfernteren Nachbarn von Frankreich bis Slowenien bildete. Nicht als mitteleuropäische Insel der Seligen und Wagenburg der Superreichen, sondern als weltoffenes und betont europäisches Kraftzentrum für eine ökologische Erneuerung, die sich am Ende auch wirtschaftlich rechnen könnte.
Solche Überlegungen stoßen natürlich auch im Vinschgau auf Bedenken bei Unternehmern und Managern, die ihre Gewinne schwinden sehen, bei Gewerkschaftlern, die vom Steuerwachstum Umverteilungseffekte erhoffen, bei Wirtschaftswissenschaftlern, die Null-Wachstum ohnehin für einen Sündenfall halten, und natürlich bei den politischen Eliten, die vor einem solchen langfristigen und riskanten Vorhaben zurückscheuen. Nur ist allen klarer denn je, dass Business as usual auch nicht sehr viel Erfolg verspricht.
Wie in einer Nussschale ist in dieser Gebirgsregion das versammelt, was Europas Möglichkeiten in der Welt sind: ethnonationale Regression, Weltmarkt-Führerschaft, grüne Alternative. In diesem Koordinatensystem bewegen sich mehr oder weniger alle Nationalstaaten, aber – wie das Beispiel der deutschen Energiewende zeigt – verfolgen eigentlich alle, ihren Sonntagsreden und Lippenbekenntnissen zum Trotz, nationale Alleingänge. Die europäische Energiestrategie ist ein Flickwerk. Dabei kann nur intensive Arbeitsteilung und Kooperation die Klimaziele der EU erreichbar machen und das europäische Netz schaffen, das nicht nur die wirtschaftliche Interdependenz stärkt, sondern auch die Grundlage ist für politische Kooperation im Inneren der EU und mit den Anrainern im Osten und Süden.
Dort merkte man dann auch, dass man Europäer ist – und man würde eher als solcher wahrgenommen und respektiert. Es ist ja leider immer noch uneingelöst, was der US-Außenminister Henry Kissinger einmal halb verächtlich, halb verzweifelt gefordert hat – dass Europa eine Telefonnummer haben müsse. Damit war nie die Renaissance der europäischen Großmächte als eine Supermacht gemeint, sondern der engere Zusammenschluss in der Außen- und Sicherheitspolitik, auch die rationale Bearbeitung anderer Politikfelder wie die Landwirtschaft, die Technologie und heute eben die Energie und Entwicklungszusammenarbeit.
Fazit: Der Sprung nach vorn zu den Vereinigten Staaten von Europa, zu einer politischen Einheit eigener Verfassung und Verfasstheit, liegt in der Luft, wie laut das nationale und regionale Getöse auch sein mag. Durchstarten wäre jetzt nur konsequent – die Finanz- und Schuldenkrise erzwingt geradezu mehr Brüsseler Zentralismus, eine gemeinsame Wirtschafts-, Steuer- und Sozialpolitik. Wenn dies aber nur top down verordnet und exekutiert wird, dann könnte dies in der Tat die letzte Krise der EU sein, weil sie das kumulierte Legitimationsdefizit zum Zerbersten bringt. Insofern sind gerade jetzt die lokalen und regionalen Initiativen so wichtig, aus denen allein eine europäische Gesellschaft, eine EU-Bürgerschaft und ein supranationaler Souverän werden kann. Es kommt eben auch hier auf uns, die Bürgerinnen und Bürger, an. Wir müssen nicht darauf warten, dass Joachim Gauck uns dazu auffordert. Es war aber sicher nicht schädlich, dass der neue Bundespräsident Bürgermut und Europa gleich in seiner Antrittsrede verbunden hat.
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