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Online-Publikation: Juni 2012 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Amartya Sen : Die Idee der Gerechtigkeit . Perspektiven für eine gerechtere Welt . Aus dem Englischen von Christa Krüger >>
496 Seiten, ISBN 978-3-423-34719-8; EUR 14,90 [D] 15,40 [A] SFR 21,90 [CH]
Deutscher Taschenbuch Verlag, München; www.dtv.de  

Inhalt
Ein Rundgang durch die Geschichte der Gerechtigkeitslehren von der östlichen und westlichen Antike über die Aufklärung bis in die Gegenwart. Dabei geht es Amartya Sen um die Frage, was die verschiedenen Denkmodelle zur Bekämpfung real existierender Ungerechtigkeit beitragen können. Indem er buddhistische, hinduistische und islamische Vorstellungen mit den westlichen Ideen verbindet, eröffnet Sen überraschende Perspektiven für eine gerechtere Welt.

Autor
Amartya Sen, geboren 1933 in Indien, lehrte in Delhi, London und Oxford. Seit 1988 ist er Professor für Philosophie und Ökonomie in Harvard, zwischenzeitlich war er von 1998-2004 Rektor des Trinity College in Cambridge. Für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie und zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung erhielt er 1998 den Nobelpreis. 2007 wurde er außerdem mit dem Meister-Eckhart-Preis ausgezeichnet.

Fazit
Nobelpreisträger Amartya Sen ist ein einfallreicher Denker, der einen gewichtigen Beitrag zum Thema Gerechtigkeit seit John Rawls eindrucksvoll und hochrangig intellektuell in seinem Diskursbuch "Die Idee der Gerechtigkeit" geleistet hat. In seinem Gespräch mit Wolfram Wessels, dem Moderator von SWR2 Forum Buch folgert er:
"Man mag diesen Glauben an den internationalen Vernunftgebrauch zu optimistisch finden. Man muss neben den Kriterien für eine gerechte Welt sicher auch auf dem Zettel haben, dass nicht es nicht nur andere Ideen sind, die einer gerechteren Welt im Wege stehen, sondern auch Interessen und Strukturen."
Wie man im Dschungel mit diesen Anforderungen Interessen, dem Glück, Wohlergehen und den Befähigungen und den öffentlichen Vernunftgebrauch, die Menschenrechte mit globalen Imperativen und demokratische Praxis realisiert, davon spricht Sen mit Verve und Impetus. m+w.p10-11

Dazu ein vertiefender Hinweis:
*SWR2 Forum Buch*
Redaktion/Moderation: Wolfram Wessels
Sendung: 31.10.2010, 17.05. – 17.55 Uhr
Amartya Sen: Die Idee der Gerechtigkeit.
Von Christoph Fleischmann
Der Anspruch ist nicht eben gering, mit dem Amartya Sens neues Buch daherkommt: »Die Idee der Gerechtigkeit« will einen völlig neuen Ansatz weisen zum Nachdenken über eine gerechte Welt. Die Mehrheit der Philosophen ständen immer noch im Bann der »Sozialvertragstheorien«, die auf Thomas Hobbes zurückgingen, so der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen. Aus einem imaginären Naturzustand werde abgeleitet, wie sich eine vollkommen gerechte Gesellschaft konstituieren könne. Sen hält es dagegen für illusorisch, sich über eine vollkommen gerechte Welt zu verständigen oder sie gar zu schaffen. So gesehen ist sein Anspruch viel bescheidener als der vieler anderer Denker:
O-Ton 1 Sen [Übersetzung] 1'10
Auch wenn wir uns nicht über die Natur einer vollkommen gerechten Welt einigen, so können wir doch oftmals übereinstimmend sagen: »Das ist eine Ungerechtigkeit«: So viele Menschen sind arbeitslos, so viele Menschen sterben ohne medizinische Versorgung, so viele Kinder überall auf der Welt besuchen keine Schule. […] Die Themen um die es geht, sind immer, wie man Ungerechtigkeit auf die eine oder andere Wiese reduzieren kann. Die analytische Fragestellung dahinter ist, […] dass die Identifikation einer vollkommen gerechten Welt weder nötig noch hinreichend ist, um zwei Welten zu bewerten, die nicht perfekt gerecht sind, von der eine aber viel ungerechter ist als die andere.
Außerdem hält Sen den Theoretikern des »Sozialvertrages« vor, sie würden sich zuerst auf die Schaffung von gerechten Institutionen achten. Man müsse aber auch das reale und erwartbare Verhalten von Menschen theoretisch berücksichtigen.
O-Ton 2 Sen 2'20
Die Natur der Welt, die entsteht, hängt nicht nur von den Institutionen ab. Die sind zwar sehr wichtig, aber wir müssen auch auf das soziale Verhalten schauen. Wir hatten viele Katastrophen in der Welt, weil wir nur auf die Institutionen geachtet und geglaubt haben, das Verhalten der Menschen würde entsprechend schon folgen. Das war zum Beispiel der Fehler von Mao Tse-Tung: Er dachte, er kann auf die individuellen Anreize verzichten, wenn er Landwirtschaftskooperativen schafft, weil er glaubte, dass sich das Verhalten der Menschen dem anpassen würde. Das tat es aber nicht. Ich denke, Sie müssen umfassend und zugleich Institutionen und Verhaltensmuster beachten, allein die Identifikation perfekt gerechter Gesellschaften hilft nicht.
In Deutschland ist das Nachdenken über Gerechtigkeit stark von Jürgen Habermas geprägt: Unter seinem Einfluss suchen viele Philosophen und Politologen ein Verfahren, das Gerechtigkeitsanforderungen genügt; also ein Verfahren, dass eine möglichst faire Beteiligung aller von den Entscheidungen Betroffener ermöglicht. Sen würdigt Habermas durchaus positiv, will aber nicht nur auf die Verfahren schauen, sondern auch auf die Ergebnisse. Das Kriterium für ein Mehr an Gerechtigkeit sei letztlich, ob die Menschen zu mehr Freiheit befähigt würden. Gerechtigkeit wird zur Befähigungsgerechtigkeit.
O-Ton 3 Sen 6'24
Befähigungen sind ein Weg auf die menschliche Freiheit zu schauen, also auf das, was wir wirklich tun können. Das steht in Kontrast zu Vorstellungen von Freiheit, die danach fragen, was erlaubt ist zu tun, ob wir es nun können oder nicht. Gemäß dieser Erlaubnis-Perspektive, das ist die extrem liberale Position, hat ein sehr armer Mensch die Freiheit nach Acapulco in Urlaub zu fahren. Aber die Tatsache, dass er sich das gar nicht leisten kann, kommt nicht in Betracht, denn er hat ja die Erlaubnis es zu tun. Wenn man aber sagen möchte, jemand hat die Befähigung nach Acapulco in den Urlaub zu fahren, dann muss man auch fragen: Hat er auch wirklich die Fähigkeiten dazu, also die Geldmittel und den Wohlstand und so weiter. Die Befähigungsperspektive fragt danach, was Sie wirklich tun
können.
Dieser pragmatische Zug, die Frage nach dem, was bei den einzelnen Menschen an Freiheit ankommt, macht Sens Überlegungen sehr sympathisch, aber auch abhängig von den jeweils konkreten Bedingungen. Es lässt sicher manche Leser unbefriedigt zurück, wenn Sie merken, dass Ihnen kein »how to do« an die Hand gegeben wird oder auch nur Maßstäbe, die immer und überall gelten. Sen betont die Pluralität der Vernunft: Oft gebe es mehrere gute Vernunftgründe, die miteinander konkurrierten – und nur die konkrete Situation könne eine Antwort bringen, nicht aber das gegeneinander Ausspielen verschiedener Prinzipien.
Um die Perspektive, die die wirklichen Befähigungen sucht, weiter auszuführen, könnte man auch fragen, welche realen Bedingungen eigentlich einer Verwirklichung von mehr Gerechtigkeit im Wege stehen. Unterläuft eine komplexe Wirtschaft, die Handlungszwänge auf politische Entscheidungen ausübt, nicht das Bemühen um Gerechtigkeit? Sen glaubt an die Möglichkeiten vernünftiger Steuerung:
O-Ton 4 16'50
Der Markt produziert nicht allein ein Ergebnis. Es hängt davon ab, welche Verteilungsressourcen die Menschen haben, es hängt davon ab, welche Regulierungen den Markt regieren: Jedes Land hat Regulierungen des Marktes. […] Außerdem ist es auch nicht so, dass das Leben der Menschen nur vom Markt abhängt. Es hängt auch ab von sozialer Sicherheit, Arbeitslosenversicherung und medizinischer Versorgung, die der Staat bereit hält. Also ist es lächerlich zu sagen, das Leben hänge nur vom Markt ab.
Damit ist dann freilich auch klar, dass Sens Perspektive einer Befähigungsgerechtigkeit sich deutlich von den Ideologen des Marktes unterschiedet, die – auch in Deutschland – mit Verweis auf die Begriffe Befähigungs- oder Beteiligungsgerechtigkeit gegen die alte Idee einer Verteilungsgerechtigkeit Stimmung machen. Sen korrigiert diese Sicht:
O-Ton 5 Sen 18'50
Einfach nur Geld von einer Person zu einer anderen zu transferieren, ist kein sehr guter Weg. Aber Geld zu transferieren, um Bildung auszubauen, um Leute besser auszubilden, um bessere Gesundheitsvorsorge anzubieten, so dass sie mehr leisten können und auch ein besseres Leben haben, dass sie in ihrem Leben tun können, was sie wollen und auch ihre Fähigkeiten intelligent anwenden können in industrieller oder landwirtschaftlicher Produktion oder im Dienstleistungssektor. Dies sind auch Fragen der Sozialpolitik und diese haben Implikationen für die Frage nach der Verteilung. […] 20'30 Es wäre also falsch, Verteilungsgerechtigkeit in einen Gegensatz zu anderen Formen der Gerechtigkeit zu bringen.
Auch, wenn man keine fertigen Rezepte, sondern nur Anleitungen erhält, was man beim Nachdenken über Gerechtigkeit auf dem Zettel haben sollte, man merkt: In diesem Buch ist ein besonderer Kopf am Werk: Ein Ökonom, der auf der Höhe des philosophischen Diskurses schreibt, ist in Deutschland so selten wie ein Philosoph, der auch in den Niederungen ökonomischer Prozesse zu Hause ist. Und: Sen, von seiner Herkunft her Inder, der außer in seinem Heimatland auch in England und den USA gelehrt hat, denkt global. Gerechtigkeit ist längst nicht mehr nur eine Frage der Innenpolitik. Und gemäß seinem Ansatz schaut Sen nicht so sehr auf internationale Institutionen, die den Streit über Gerechtigkeit zu organisieren hätten: Beim globalen öffentlichen Vernunftgebrauch mache jeder mit, der seine Stimme erhebe:
O-Ton 6 – 21'43
Als die Amerikaner in den Krieg gegen den Irak zogen, hatten sie die größte Militärmacht in der Welt, gefolgt von anderen Militärmächten wie Großbritannien, Italien und Spanien. Zur gleichen Zeit war die öffentliche Meinung in der Welt sehr kritisch dem gegenüber. Und das wirkte sich auf die US-Regierung aus. Einer der Gründe, warum Obame als Präsidentschaftskandidat glaubwürdig erschien, lag darin, dass er kritisch gegenüber der
Politik der US-Regierung war. Zuerst kam die Unterstützung für ihn viel mehr von der globalen Öffentlichkeit , nicht von der amerikanischen. In Amerika war die Bush-Politik ja sehr populär, aber die globale Kritik kam wohl in Kontakt mit der amerikanischen Öffentlichkeit. Es stimmt also nicht, dass die Menschen ein Stimme hätte, die man nicht auch jenseits der Grenzen hören könnte.
Man mag diesen Glauben an den internationalen Vernunftgebrauch zu optimistisch finden. Man muss neben den Kriterien für eine gerechte Welt sicher auch auf dem Zettel haben, dass nicht es nicht nur andere Ideen sind, die einer gerechteren Welt im Wege stehen, sondern auch Interessen und Strukturen. Wie man im Dschungel dieser Interessen und Strukturen argumentativ weiterkommt, dafür hat Sen aber wichtige Arbeit geleistet.

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