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Online-Publikation: November 2010 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte >>
782 S. mit 21 Abbildungen im Text. Gebunden ISBN 978-3-406-61372-2 , 29,95 Euro
Verlag C. H. Beck München, www.beck.de;

Inhalt
Die Ökologie ist das Signum unseres Zeitalters. Joachim Radkaus grandioses Buch lässt die neue Ära zum ersten Mal in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit und globalen Bedeutung erfahrbar werden.
Das Buch berichtet über ausschlaggebende Ereignisse und Erfahrungen wie die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl genauso wie über den Mythos des deutschen „Waldsterbens“ und beleuchtet die Zusammenhänge mit anderen historischen Strömungen. Es erzählt sowohl von spiritueller Suche und herausragenden Momenten als auch von Institutionalisierung und Bürokratisierung. Es porträtiert zentrale Initiativen wie Friends of the Earth oder Greenpeace und charismatische Vorkämpferinnen wie Rachel Carson, Petra Kelly und die Chinesin Dai Qing.
Überhaupt zeigt Joachim Radkau, welch zentrale Rolle und beinahe mythisches Potential Frauen in der Umweltbewegung zukommt. Seine souverän erzählte und glänzend aufgebaute Darstellung macht klar: Trotz mancher bizarrer Episoden ist die Umweltbewegung die neue, wahre Aufklärung unseres Zeitalters; die fließende Vielfalt und immer neue Vernetzung der Motive unterscheidet sie von allen früheren großen Bewegungen der Geschichte.

Basisinformation: Deutschlandradio Kultur
FORSCHUNG UND GESELLSCHAFT 17.03.2011 · 19:30 Uhr
Das japanische Atomkraftwerk Fukushima I ist nach einer zweiten Explosion auf einem Satellitenbild zu sehen.
Der Historiker Joachim Radkau im Gespräch mit Winfried Sträter
In der Reihe Forschung und Gesellschaft senden wir heute vor dem Hintergrund des Atomunglücks in Japan ein Gespräch mit dem Bielefelder Historiker Joachim Radkau, Autor des Buches "Die Ära der Ökologie".

INHALT
Johannes Kaiser:
Spitzenpolitiker der Grünen - ein Schwerpunkt von Radkaus Arbeit sind die Verhältnisse in Deutschland. (Bild: AP) Eine Geschichte der Umweltbewegten
Joachim Radkau: "Die Ära der Ökologie", C.H.Beck Verlag 2011, 782 Seiten
Von der Anti-Atom-Initiative bis zum Öko-Feminismus: Der Bielefelder Historiker Joachim Radkau zeichnet in diesem fulminanten Übersichtswerk die Entwicklung der weltweiten Umweltbewegungen nach.
Eine unmögliche Geschichte? Die Frage ist keineswegs nur rhetorisch gemeint zu Beginn von "Die Ära der Ökologie", dem neuen Buch des Bielefelder Historikers Joachim Radkau. Radkau stellt damit von vornherein klar, dass es keine einfache Antwort gibt, vielmehr ein ganzes Bündel an Antworten. Die Ökologie - hier als Bewegung, nicht als Fachdisziplin verstanden - versammelt unter ihrer Fahne zahlreiche, auf den ersten Blick sehr disparate Bewegungen. Das reicht von der Antiatomkraft-Initiative bis zur Hausbesetzung, vom Waldschutz bis zum Ökofeminismus, von der Rettung des Fleckenkauzes bis zur Bewahrung indigener Völker. Natur- und Umweltschutz haben sich mit Arbeits- und Verbraucherschutz in immer wieder neuen Koalitionen verbündet.
Bei aller Vielfalt gibt es für den Autor doch eine wichtige Gemeinsamkeit: die Gewaltlosigkeit all dieser Bewegungen. Sie ist für ihn ein Grund dafür, dass es zwar Heroen des Umwelt- und Naturschutzes gibt, aber keine Märtyrer.
Radkaus Öko-Ära ist keine klassische chronologische Zeit-geschichte, vielmehr eine Sammlung vieler oftmals gleichzeitig ablaufender, sich kreuzender, ineinanderfließender Geschichten.
Sie sind in drei große Zeitabschnitte gegliedert, denen jeweils eine Zeittafel mit den wichtigsten Ereignissen vorangestellt ist. Es gibt eine lange Vorgeschichte, dann die Jahre der ökologischen Revolution um 1970 und die Jahre der Umweltkonjunktur um 1990. Joachim Radkau erzählt kenntnisreich und lebendig von Vordenkern wie Rachel Carson oder Petra Kelly ebenso wie von den verschiedenen Bewegungen - von den Bäume umarmenden Frauen der indischen Chipkobewegung bis zu den amerikanischen Ökosaboteuren von "Earth First". Typisch ist nicht eine gemeinsame Ideologie oder Theorie, sondern die Unübersichtlichkeit der ständig sich ändernden Motive, Themen und Ziele.
Natürlich hat Joachim Radkau aus der Fülle zehntausender Ökoinitiativen ausgewählt, und ein Schwerpunkt liegt eindeutig bei deutschen Aktivitäten. Dennoch ist sein Buch der mit Abstand beste Überblick über die weltweiten Umweltbewegungen. Sie alle zusammen konstituieren eine Ära der Ökologie. Und sie haben - das zeigt Radkaus Rückblick deutlich - tatsächlich vieles erreicht.
So sind z.B. Wasser und Luft, Fabriken und Autos sauberer geworden, zahlreiche schädliche Chemikalien sowie die Ozonschicht schädigende Substanzen verboten, zahl-reiche Tierarten, große Landflächen geschützt worden. Auffällig ist dabei, dass kleine, entschlossene, aufeinander eingespielte Gruppen sich häufig als durchsetzungsfähiger erwiesen haben als anonyme Großkollektive.
Immer wieder zeigt sich zudem das eigentümliche Zusammenspiel von Bürgeraufbegehren und staatlicher Reaktion: So medienwirksam Proteste auch sind, erst Gesetze und Verordnungen führen zu tatsächlichen Veränderungen. Beides bedingt einander.
Natürlich wertet ein Historiker und man wird nicht mit allen Bewertungen Radkaus einverstanden sein - etwa seiner Skepsis gegenüber Klimamodellierern oder den Propagandisten Erneuerbarer Energien. Aber sein fulminanter Überblick bietet unglaublich viel Material. Ein großer Wurf.

Fazit
Gewiefter Autor und Spitzenpolitiker der Grünen, Joachim Radkau entbirgt in seinem umfassenden Diskursbuch "Die Ära der Ökologie" und entwirft auf seiner Spurensuche im Öko-Dschungel eine plausible Weltgeschichte. Beginnend mit Rousseau, der Romantik bis zur Lebensreform im 20.Jhdt., danach New Deal und und NS-Zeit und dem nächsten "Zeitfenster" der ökologischen Revolution um 1970 entfaltet Radkau bravourös die beiden - gerade jetzt wieder hoch aktuell - die beiden Leitmotive Wasser und Atom, aber auch die anderen Krisenauslöser Waldsterben und Dioxin.
Er verschweigt auch nicht die Problematik der Esoterik der spirituellen Suche in der Umweltbewegtheit ,die Charismatiker und Ökokraten. Darüber hinaus kommt auch der Grenzbereich von Gewaltlosigkeit bis zur Gewalt bei Konflikten dargestellt, mit leisem Humor " von der Kernkraft bis zum Fleckenkauz". Im seinem dritten Zeitfenster wird die Umweltgerechtigkeit am Beispiel Tschernobyl bis Rio in Visier genommen. Radkau erkennt schliesslich und folgerichtig, dass der Slogan:" Global denken - lokal handeln eine gewisse theoriebelastete und unerfreulich wirkende Schizophrenie in sich birgt. Darüber hinaus aber wirkt auch eine unwillkürlich nichtlineare, chaostheoretische Energie in unserer Welt, wie ihm der im Urwald verschollene Bruno Manser in seiner Widmung schrieb: "Jede kleine gute Tat ein Kieselsteinchen ins wunderbare Mosaik des Lebens". Radkaus Hausbuch zur Ökologie gehört in jede generationsübergreifende Gemeinschaft als Brevier. m+w.p11-3


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